Kinderschutz in Deutschland: Zahl der gefährdeten Kinder wächst weiter

Eine neue Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke-Studie offenbart alarmierende Wahrnehmungen und konkrete Zahlen – Zeit für mehr gesellschaftliches Engagement – wachsende Sorge um Kinderschutz in Deutschland

Kinderschutz in Deutschland ist für viele Menschen zu einem zentralen Sorgen-Thema geworden. Laut einer aktuellen, repräsentativen GfK-Umfrage im Auftrag der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke sind 65,2 Prozent der Befragten überzeugt, dass die Zahl der Kinder, die in familiären Krisen leben und deren Wohl gefährdet ist, in den letzten fünf Jahren deutlich gestiegen ist. Diese Wahrnehmung verweist auf ein gesellschaftliches Klima, in dem Überforderung, psychische Belastungen, Armut, Gewalt und Vernachlässigung als zunehmende Risiken für Kinder wahrgenommen werden.

Die Studie zeigt außerdem sehr deutlich: Kinderschutz wird nicht mehr als Randthema betrachtet, sondern als dringende gemeinsame Aufgabe von Politik, Fachpraxis und Zivilgesellschaft. Gleichzeitig wächst das Unbehagen, ob die bestehenden Schutzsysteme tatsächlich stark genug sind, um allen gefährdeten Kindern verlässlich zur Seite zu stehen.

Kinderschutz in Zahlen: Inobhutnahmen 2024

Die subjektive Besorgnis wird durch offizielle Zahlen untermauert. Nach aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2024 in Deutschland insgesamt 69.477 Kinder und Jugendliche von den Jugendämtern in Obhut genommen. Inobhutnahmen sind immer eine einschneidende Schutzmaßnahme und erfolgen in akuten Krisen, wenn das familiäre Umfeld nicht mehr in der Lage ist, Sicherheit und Stabilität zu gewährleisten.

Hinter diesen Zahlen stehen sehr unterschiedliche Problemlagen. Häufige Gründe sind die Überforderung von Eltern oder einem Elternteil, Vernachlässigung, Anzeichen für körperliche oder psychische Misshandlung oder Hinweise auf sexuelle Gewalt. Daneben spielt auch die unbegleitete Einreise von Minderjährigen eine große Rolle. Ein Teil der Kinder kehrt nach der Klärung der Situation in die Herkunftsfamilie zurück, doch ein erheblicher Anteil braucht langfristig andere Lebens- und Betreuungsformen, etwa in Kinderdorffamilien, Wohngruppen oder Pflegefamilien.

Auch wenn die Zahl der Inobhutnahmen 2024 im Vergleich zum Vorjahr um rund sieben Prozent zurückgegangen ist, bleiben die absoluten Zahlen hoch. Sie machen deutlich, dass der Kinderschutz in Deutschland täglich mit komplexen Lebenssituationen konfrontiert ist – und dass es nicht reicht, sich auf vermeintlich sinkende Fallzahlen zu verlassen.

Wer schützt die Kinder? Vertrauen in Staat und freie Träger

Ein zentrales Ergebnis der GfK-Studie betrifft die Frage, wem die Bevölkerung im Bereich Kinderschutz am meisten vertraut. Nur 46,1 Prozent der Befragten geben an, dass sie dem Staat – etwa in Form von Jugendämtern und öffentlichen Trägern – beim Kinderschutz und bei der Familienhilfe vertrauen. Deutlich höher fällt das Vertrauen in gemeinnützige Organisationen und Wohlfahrtsverbände aus: 72,9 Prozent der Befragten sehen freie Träger als verlässliche Partner, wenn es darum geht, Kinder in Not zu schützen und Familien zu unterstützen. Kirchliche oder religiöse Träger liegen mit 39,1 Prozent im Mittelfeld.

Gefragt nach der aus ihrer Sicht besten Unterbringungsform für Kinder, die aufgrund von Vernachlässigung, Missbrauch oder Gewalt nicht in ihren Herkunftsfamilien bleiben können, entscheiden sich 38,1 Prozent der Befragten für familienanaloge Kinderdorffamilien mit festen Hauseltern. Diese Form der Betreuung wird häufiger als besonders kindgerecht bewertet als stationäre Wohngruppen oder Pflegefamilien. Die Bevölkerung verbindet mit Kinderdorffamilien Stabilität, persönliche Bindung und ein möglichst „normales“ Familienleben – Faktoren, die gerade für Kinder mit belastenden Erfahrungen enorm wichtig sind.

Überblick über die GfK-Studie

Die vorliegenden Ergebnisse gehen auf eine repräsentative Online-Befragung der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) zurück, die im Auftrag der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke im Sommer 2025 durchgeführt wurde. Befragt wurden Männer und Frauen im Alter von 18 bis 74 Jahren in Deutschland; die Stichprobe umfasst etwa 1.000 Personen und bildet die deutschsprachige Bevölkerung dieser Altersgruppe ab.

Wesentliche Resultate sind: Ein deutlicher Teil der Bevölkerung sieht einen Anstieg familiärer Krisen mit möglicher Kindeswohlgefährdung. Das Vertrauen in gemeinnützige Träger ist ausgesprochen hoch, während das Vertrauen in staatliche Strukturen als vergleichsweise gering eingeschätzt wird. Kinderdorffamilien werden als besonders geeignete Unterbringungsform wahrgenommen, wenn Kinder nicht in ihren Herkunftsfamilien bleiben können.

Die Ergebnisse werden in der öffentlichen Kommunikation eng mit aktuellen amtlichen Daten zu Inobhutnahmen verknüpft, um die subjektive Wahrnehmung der Bevölkerung mit objektiven Zahlen zu unterfüttern.

Was die Studie leistet – und wo ihre Grenzen liegen

Die GfK-Studie hat mehrere Stärken. Sie bietet einen aktuellen Blick auf die Stimmungslage in der Bevölkerung, macht sichtbar, wie präsent das Thema Kinderschutz in Deutschland ist, und zeigt, welchen Stellenwert Vertrauen in verschiedene Akteure hat. Durch die Verknüpfung mit amtlichen Statistiken entsteht ein differenzierteres Bild aus subjektiver Wahrnehmung und objektiven Zahlen.

Gleichzeitig hat die Studie klare Grenzen. Sie misst Wahrnehmungen, nicht direkt die tatsächliche Häufigkeit von Kindeswohlgefährdungen. Dass 65 Prozent der Befragten einen Anstieg familiärer Krisen erleben, spiegelt vor allem gesellschaftliche Stimmung, mediale Debatten und persönliche Eindrücke wider. Ob und in welchem Umfang die tatsächlichen Gefährdungslagen zunehmen, lässt sich aus der Umfrage allein nicht belegen.

Hinzu kommt: Die Stichprobe von rund 1.000 Personen ist zwar für Meinungsumfragen üblich, aber für die komplexe Realität von Kindeswohlgefährdungen nur begrenzt aussagekräftig. Regionale Unterschiede, unterschiedliche soziale Milieus oder besondere Problemlagen lassen sich damit nur eingeschränkt abbilden.

Auch der Rückgriff auf Inobhutnahmedaten bleibt ohne tieferen Kontext. Die Zahl von 69.477 Inobhutnahmen im Jahr 2024 erklärt nicht, wie viele Kinder anschließend dauerhaft in Pflegefamilien, Kinderdörfern oder stationären Einrichtungen leben, wie viele zurückkehren konnten oder wie die Qualität der Betreuung konkret aussieht. Zur Reintegration, zur Stabilität der Hilfen und zur langfristigen Wirkung macht die Studie keine Aussagen.

Hinzu kommt ein möglicher Darstellungsdruck: Die Studie wurde von einer Organisation in Auftrag gegeben, die selbst als Träger im Kinderschutz und der Kinder- und Jugendhilfe aktiv ist. Es liegt nahe, dass die Ergebnisse und ihre Präsentation diejenigen Betreuungsformen besonders hervorheben, in denen eben diese Organisation stark engagiert ist – beispielsweise Kinderdorffamilien. Das ist legitim, erfordert aber bei der Interpretation eine kritische Distanz, um andere Formen wie Pflegefamilien oder ambulante Hilfen nicht aus dem Blick zu verlieren.

Schließlich bleibt der zentrale Begriff „familiäre Krisen“ recht unscharf. Er umfasst ein breites Spektrum von vorübergehender Überforderung bis zu schwerer Vernachlässigung oder Gewalt. Die Studie differenziert diese Dimensionen nicht nach Schweregrad, Dauer oder Art der Gefährdung. Damit bleibt offen, ob Menschen in erster Linie kleine Alltagssorgen, extreme Misshandlungssituationen oder alles dazwischen im Kopf haben, wenn sie von „mehr Krisen“ sprechen.

Was die Ergebnisse für den Kinderschutz bedeuten

Trotz ihrer Grenzen hat die Studie für die Praxis des Kinderschutzes eine wichtige Signalwirkung. Sie zeigt, dass Kinderschutz in Deutschland als dringliches Thema wahrgenommen wird, dass viele Menschen besorgt sind und dass sie von Politik, Jugendhilfe und freien Trägern entschlossenes Handeln erwarten.

Gleichzeitig macht sie offenkundig, dass das Vertrauen in staatliche Strukturen begrenzt ist und dass freie, gemeinnützige Träger als besonders glaubwürdige Partner gelten. Für Politik und Fachpraxis lässt sich daraus eine klare Botschaft ableiten: Kinderschutz braucht stabile, gut ausgestattete und transparente Kooperationsstrukturen zwischen öffentlichen und freien Trägern – und er braucht eine starke Stimme in der Öffentlichkeit.

Familien früh und präventiv unterstützen

Ein zentrales Ergebnis aus amtlichen Zahlen und praktischer Erfahrung ist, dass viele Kindeswohlgefährdungen im Kontext von Überforderung, psychischen Belastungen, Armut oder Konflikten entstehen, die sich über längere Zeit aufbauen. Hier setzt die Forderung nach präventiven Angeboten an:

Familien brauchen frühzeitige, gut erreichbare Unterstützung, bevor Krisen eskalieren. Dazu gehören niedrigschwellige Elternberatungen, Familienzentren, Familienhebammen, bindungsorientierte Angebote in der frühen Kindheit und verlässliche Hilfen schon vor dem Kita-Eintritt. Je früher solche Unterstützungsangebote greifen, desto häufiger können Inobhutnahmen vermieden oder zumindest die Dauer von Trennungen verkürzt werden.

Gemeinnützige Träger und Kinderdorffamilien als stabile Anker

Da die Bevölkerung gemeinnützigen Trägern ein hohes Maß an Vertrauen entgegenbringt, ist ihre Rolle im Kinderschutz besonders bedeutsam. Damit sie dieser Verantwortung gerecht werden können, brauchen sie verlässliche Rahmenbedingungen: langfristige Finanzierung statt kurzfristiger Projektlogik, weniger Bürokratie, um mehr Zeit direkt mit den Kindern verbringen zu können, und gute Arbeitsbedingungen für Fachkräfte, die täglich mit hoch belasteten Lebensgeschichten umgehen.

Kinderdorffamilien stehen in der Wahrnehmung vieler Menschen für Stabilität, Bindung und ein familienähnliches Umfeld. Wenn Kinder nicht in ihren Herkunftsfamilien bleiben können, sind solche familienanalogen Lebensformen oft ein wichtiger Gegenpol zu den Erfahrungen von Unsicherheit, Gewalt oder Vernachlässigung. Voraussetzung ist allerdings, dass diese Strukturen qualitativ hochwertig und gut abgesichert sind: mit qualifizierten Hauseltern, klaren Entlastungs- und Vertretungsmodellen, angemessener Vergütung und verlässlicher traumapädagogischer sowie psychologischer Begleitung. Wachstum um jeden Preis wäre hier fatal; entscheidend ist ein Ausbau, der sich an den realen Möglichkeiten der Fachkräfte und an der Qualität orientiert.

Mehr Forschung, mehr Monitoring, mehr Transparenz

Weil die GfK-Studie Wahrnehmungen abbildet und mit aggregierten Zahlen zu Inobhutnahmen arbeitet, bleibt sie in vielen Punkten an der Oberfläche. Für einen wirksamen Kinderschutz in Deutschland braucht es jedoch ein deutlich dichteres Netz an Forschung und Monitoring.

Nötig sind bundesweit einheitliche und vergleichbare Daten zum Kinderschutz, regelmäßige Dunkelfeldstudien, die auch nicht gemeldete Fälle sichtbar machen, sowie Längsschnittstudien, die untersuchen, welche Hilfen Kindern und Familien langfristig wirklich helfen. Nur auf Basis solcher evidenzbasierten Erkenntnisse lassen sich Angebote ausbauen, verbessern oder neu ausrichten. Forschung muss daher fester Bestandteil einer modernen Kinderschutzstrategie sein – nicht ein optionales Zusatzthema.

Öffentliche Aufmerksamkeit für Kinderrechte stärken

Kinderschutz beginnt nicht beim Jugendamt, sondern in Familien, Schulen, Kitas, Vereinen und Nachbarschaften. Eine starke Kultur der Kinderrechte bedeutet, dass Erwachsene aufmerksam sind, hinsehen, zuhören und handeln, wenn sie den Eindruck haben, dass ein Kind Schutz braucht. Dazu gehört, Kinderrechte im Bildungssystem zu verankern, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte zu qualifizieren, aber auch die breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren – etwa über Kampagnen, Aktionstage wie den Weltkindertag am 20. September und eine nachhaltige Berichterstattung in den Medien.

Je sichtbarer Kinderrechte und Kinderschutz im Alltag werden, desto größer ist die Chance, dass Gefährdungen früh erkannt und Kinder tatsächlich geschützt werden. Die GfK-Studie zeigt: Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit ist da, die Sorgen sind real – nun kommt es darauf an, aus dieser Sensibilität konsequentes Handeln zu machen.

Weiterführender Link zur Studie

Die ausführliche Presseinformation mit den zentralen Ergebnissen der GfK-Umfrage und den aktuellen Inobhutnahmezahlen ist auf der Website des Albert-Schweitzer-Verbands abrufbar:
https://albert-schweitzer-verband.de/wp-content/uploads/2025/07/Presseinformation-Kindeswohlgefaehrdung_GfK-Umfrage.pdf

Gernot Körner




Kinderarmut in Deutschland 2024 – Wenn fehlendes Geld zur Gefahr wird

Wie finanzielle Not Familien destabilisiert, Chancen mindert und das Kindeswohl gefährdet – aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts zeigen die wachsende Dringlichkeit

2024 waren in Deutschland 15,2 % aller Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet. Das heißt: Rund 2,2 Millionen Minderjährige wuchsen unter Bedingungen auf, die ihre Entwicklung einschränken, ihre Gesundheit belasten und ihre Zukunftschancen mindern. Kinderarmut ist kein Randphänomen – jedes siebte Kind ist betroffen.

Die Daten stammen aus der europäischen Erhebung EU-SILC und wurden zum Internationalen Tag der Kinderrechte veröffentlicht. Zwar liegt Deutschland damit unter dem EU-Durchschnitt (19,3 %), doch die Quote steigt – und mit ihr das Risiko von Bildungsbenachteiligung, sozialem Rückzug und psychischer Belastung.

Armut bedeutet mehr als wenig Geld – sie bedroht das Kindeswohl

Wenn Familien unter der Armutsgrenze leben, fehlen nicht nur Euro und Cent. Es fehlen stabile Routinen, ein sicherer Lebensraum, Teilhabe und Möglichkeiten, Kindsein auszuleben. Studien zeigen: Kinderarmut kann zu Vernachlässigung, gesundheitlichen Problemen und Entwicklungsverzögerungen führen – nicht, weil Eltern nicht lieben, sondern weil Ressourcen fehlen.

2024 lag die Armutsgefährdungsschwelle bei:

·  1.381 € monatlich für Alleinlebende

·  1.795 € für Alleinerziehende mit einem Kind (unter 14 Jahren)

·  2.900 € für zwei Erwachsene mit zwei Kindern (unter 14 Jahren)

Wer darunter liegt, muss sparen – manchmal an Lebensnotwendigem.

Bildung der Eltern – ein entscheidender Schutzfaktor

Bildung wirkt wie ein Schutzschirm:

  • Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss sind zu 41,8 % armutsgefährdet
  • Mit mittlerem Abschluss sinkt das Risiko auf 15,2 %
  • Bei höherem Abschluss sind nur 7,2 % betroffen

Die soziale Schere zeigt sich hier gnadenlos. Wo Bildung fehlt, fehlen oft auch Zugang zu stabiler Arbeit, Perspektiven – und zugleich die Möglichkeiten, Kindern ein förderliches Umfeld zu bieten.

Kinder mit Einwanderungsgeschichte viermal häufiger armutsgefährdet

Besonders deutlich wird die Ungleichheit bei Familien mit Migrationsgeschichte. 31,9 % der unter 18-Jährigen mit Einwanderungsgeschichte leben in Armut – gegenüber 7,7 % ohne Zuwanderungshintergrund. Wer neu ankommt, kämpft häufiger mit unsicheren Jobs, niedrigen Einkommen und hohen Wohnkosten. Kinder tragen die Folgen – mit geringeren Chancen auf gute Bildung und auf gesellschaftliche Teilhabe.

Deprivation – Wenn Armut zur sozialen Isolation führt

11,3 % der unter 16-Jährigen in Deutschland erlebten 2024 sogenannte kinderspezifische Deprivation – sie konnten zentrale Bedürfnisse nicht erfüllen, weil Geld fehlte. Beispiele:

  • 19 % konnten kaputte Möbel nicht ersetzen
  • 12 % hatten nicht die Möglichkeit zu verreisen
  • 5 % mussten auf Sportverein oder Kino verzichten
  • 3 % hatten nicht einmal zwei gut erhaltene Paar Schuhe

Zwischen 1–2 % konnten weder Freund*innen einladen noch Geburtstage feiern oder täglich frisches Obst und Gemüse bekommen. Armut isoliert – leise, oft unsichtbar, aber folgenreich.

Kinderschutz und Gesellschaft?

Kinderarmut ist eine der häufigsten strukturellen Ursachen von Kindeswohlgefährdung. Wo finanzielle Ressourcen fehlen, steigt das Risiko für:

  • Vernachlässigung von Gesundheit und Hygiene
  • Entwicklungs- und Lernverzögerungen
  • psychischen Stress, familiäre Überforderung
  • fehlende soziale Teilhabe und Chancenungleichheit

Armut schafft keine Gewalt – aber sie schafft Risiken, Belastungen und Zukunftshürden. Wenn ein Land seine Kinder schützen will, muss es ihre Familien stärken.

Gernot Körner




Sicher durchs Netz: Welche digitalen Fähigkeiten Schulkinder heute brauchen

Neue Studie zeigt 30 Kompetenzfelder für altersgerechte Cybersicherheit – und wie Schulen, Eltern und Kinder davon profitieren

Kinder wachsen heute oftmals mit Tablet, Smartphone und Internet auf. Gleichzeitig steigt die Gefahr, online manipuliert, verunsichert oder überfordert zu werden. Eine neue Studie der Universität Mannheim zeigt, welche konkreten digitalen Fähigkeiten Kinder zwischen acht und dreizehn Jahren brauchen, um sich sicher im Netz zu bewegen. Das Forschungsteam von Prof. Dr. Dr. h.c. Dirk Ifenthaler und Nicolai B. Plintz hat dafür ein umfassendes Kompetenzmodell entwickelt, das Eltern, Lehrkräften und Bildungseinrichtungen Orientierung bietet – und künftig als Grundlage für Unterrichtsmaterialien dient.

Warum digitale Schutzfähigkeiten so wichtig sind

Kinder surfen heute fast täglich im Internet: Sie chatten, spielen, suchen Informationen und tauschen Bilder aus. Doch viele Risiken erkennen sie noch nicht – von Fake-Accounts über Schadsoftware bis zu ungewollten Nachrichten. Das Mannheimer Forschungsteam hat daher systematisch untersucht, welche Kompetenzen Kinder brauchen, um online selbstbestimmt, kritisch und sicher handeln zu können.

Im EU-geförderten Projekt „Super Cyber Kids“ wurden aus über 500 Vorschlägen insgesamt 257 kindgerechte Fähigkeiten herausgearbeitet. Diese lassen sich in 30 übersichtliche Themenfelder einordnen – von Datenschutz und Geräte­sicherheit bis hin zu sozialem Verhalten im Netz.

Drei Kernbereiche: erkennen, reagieren, wiederherstellen

Das Modell unterscheidet nicht nur Themen, sondern auch Handlungsdimensionen:

  • Erkennen: Gefahren wahrnehmen, unseriöse Inhalte und Nachrichten einordnen
  • Reagieren: wissen, was bei Cybermobbing, Datenklau oder Fehlermeldungen zu tun ist
  • Wiederherstellen: Unterstützung holen, Daten sichern, Geräteprobleme lösen

So wird sichtbar, welcher Lernschritt in welchem Alter sinnvoll ist – und wo Kinder Unterstützung brauchen. Besonders wichtig war den Forschenden die realistische Umsetzbarkeit im Schulalltag. Manche Kompetenzformulierungen wurden deshalb bewusst vereinfacht, um sie für Kinder greifbar zu machen.

Workshops, Materialien & Online-Plattform für Schulen

Auf Basis der Studie entstehen nun Workshops, Unterrichtsideen und spielerische Lernangebote, die direkt im Klassenzimmer eingesetzt werden können. Eine mehrsprachige Plattform bündelt bereits Tools, Lernspiele und Materialien zur Cyber­sicherheitserziehung – leicht zugänglich und praxistauglich.

Ziel ist es, Kinder stark zu machen, damit sie digitale Räume selbstbewusst, verantwortungsvoll und sicher nutzen können – heute und in Zukunft.

Quelle:

Plintz, N.B., Ifenthaler, D. Empowering children online: a holistic skills framework for cybersecurity. Education Tech Research Dev (2025). https://doi.org/10.1007/s11423-025-10565-z




Oblaten-Lebkuchen im Test: Die Mehrheit überzeugt

Lebkuchen gehören zu den beliebtesten Klassikern der Weihnachtszeit

Sie enthalten traditionell Gewürze, Nüsse und Mandeln. Der aktuelle Öko-Test zeigt jedoch, dass einige Hersteller zusätzlich Aromastoffe einsetzen oder dass in bestimmten Produkten bedenkliche Rückstände nachweisbar sind. Positiv: Ein Großteil der getesteten Oblaten-Lebkuchen wird als empfehlenswert eingestuft.

18 Oblaten-Lebkuchen im Öko-Test – viele schneiden gut ab

Öko-Test hat insgesamt 18 Oblaten-Lebkuchen, darunter fünf Bio-Produkte, untersucht. Viele der getesteten Lebkuchen erhielten die Bewertungen „gut“ oder „sehr gut“. Dennoch gab es im Test deutliche Kritikpunkte, die Verbraucher kennen sollten.

Aromen statt Gewürze: Warum Öko-Test abwertet

Nicht alle Hersteller setzen für das typische weihnachtliche Aroma ausschließlich auf natürliche Gewürze wie Zimt, Nelke oder Kardamom. Mehr als die Hälfte der konventionellen Produkte enthielten zugesetzte Aromastoffe.

Tierstudien weisen darauf hin, dass solche Aromen zu übermäßigem Essen und möglicherweise zu Gewichtszunahme führen können, indem sie die vom Gehirn erlernte Verbindung zwischen Geschmack und dem tatsächlichen Nährwert eines Lebensmittels beeinflussen. Öko-Test bewertet den Einsatz zugesetzter Aromen entsprechend kritisch und nimmt Abwertungen vor.

„Ungenügend“: Mineralölrückstände in Metro-Lebkuchen

Besonders negativ fielen die Fine Life Feine Nürnberger Oblaten Lebkuchen von Metro auf. Das von Öko-Test beauftragte Labor fand darin aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH) – eine Stoffgruppe, die potenziell krebserregende und erbgutschädigende Substanzen enthalten kann. Das Produkt erhielt daher die Bewertung „ungenügend“.

Weitere Befunde: Mineralölspuren und Schimmelpilzgifte

Auch in anderen Produkten entdeckten die Tester Rückstände:

  • Lidl-Lebkuchen: weniger bedenkliche Mineralölrückstände → Bewertung „befriedigend“
  • Bio-Lebkuchen von Gottfried Wicklein: Nachweis von Schimmelpilzgiften → ebenfalls „befriedigend“

Acht Testsieger: Bestnote für hochwertige Produkte

Erfreulich: Acht der getesteten Oblaten-Lebkuchen konnten auf ganzer Linie überzeugen und erhielten von Öko-Test die Bestnote.

Weitere Informationen zum Test finden Sie in der Dezemberausgabe des ÖKO-TEST Magazins und online unter: oekotest.de/15914

Quelle: Pressemitteilung Öko-Test




Aktuelle Ergebnisse zur Lebensmittelsicherheit: Was Einrichtungen wissen müssen

Neue Auswertungen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zeigen zentrale Handlungsfelder für Kita, Hort und Schule in Bezug auf Speisen, Salate und Ersatzprodukte

In Gemeinschaftsverpflegungen wurden Krankheitskeime lediglich in wenigen Fällen nachgewiesen. Trotzdem gilt: Erhitzte Speisen sollten bis zum Zeitpunkt des Verzehrs bei mindestens 60 °C gehalten werden. (BVL Gemüse) Lange Standzeiten sind zu vermeiden, da sonst Sporen hitzestabiler Bakterien reaktiviert werden können. Für Reste gilt als gute Praxis: rasch abkühlen lassen, gekühlt lagern und möglichst bald verbrauchen. (BVL Gemüse)

Für Einrichtungen heißt das: Achten Sie in der Küche beim Ausgeben darauf, dass Warmhaltebehälter sichtbar auf ≥ 60 °C eingestellt sind, Speisen nicht über Stunden „nahe Raumtemperatur“ bereitstehen und übrig gebliebenes Essen korrekt behandelt wird.

Sicherheit von Lebensmitteln aus Verteilerstationen: Hygienestandards im Blick

In Lebensmittel-Verteilerstationen wurden bei der Kontrolle folgende Auffälligkeiten festgestellt: Bei 18,5 % der untersuchten Stationen wurden Vorgaben für nicht vorverpackte Lebensmittel nicht eingehalten. Und bei 14,9 % lagen hygienische Mängel vor. (BVL Gemüse)

Für pädagogische Einrichtungen bedeutet das: Wenn Sie Lebensmittel von solchen Stellen beziehen, prüfen Sie insbesondere Verpackung, Beschriftung sowie Kühlzustand. Idealerweise sollten solche Waren nicht den Hauptbestand der Verpflegung ausmachen oder nur von geprüften Anbietern bezogen werden.

Acrylamid in getrockneten Beeren: Geringes Risiko

Untersuchungen zeigen, dass getrocknete Beeren nur sehr geringe Acrylamid-Werte enthalten. Damit sind sie nicht erwartungsgemäß ein wesentlicher Beitrag zur Acrylamid-Belastung in der Ernährung. (BVL Gemüse)
Für die Praxis heißt das: Der Einsatz getrockneter Beeren als Snack oder Zutat ist grundsätzlich unbedenklich. Dennoch empfiehlt sich wie immer Vielfalt und das Bewahren eines ausgewogenen Speisenangebots.

Verzehrfertige Blattsalate: Empfehlung für sensible Gruppen

Es besteht bei gekühlten, verzehrfertig gekennzeichneten Blattsalaten weiterhin das Risiko einer Keimbelastung, insbesondere wenn Kühlkette oder Verarbeitung nicht optimiert sind. (BVL Gemüse)

Empfehlung für Einrichtungen: Für Gruppen mit empfindlicher Immunlage (z. B. Kleinkinder, gesundheitlich angeschlagene Personen) ist es sinnvoll, selbst Salate zuzubereiten – mit frischen, gründlich gewaschenen Zutaten – oder geeignete Lieferanten mit nachweislich guter Hygiene zu nutzen.

Vegane Käseersatzprodukte: Mineralölbestandteile möglich

Analysen zeigten, dass bei manchen veganen Käseersatzprodukten sogenannte MOAH-Mineralölbestandteile nachweisbar waren. Das sind Stoffe, die toxikologisch relevant sein können, insbesondere bei Kindern oder Vielverzehr. (BVL Gemüse)

Für Verpflegungseinrichtungen heißt das: Prüfen Sie Produktinformationen, verwenden Sie Ersatzprodukte abwechselnd und bevorzugen Sie Hersteller mit transparentem Rückverfolgungssystem und Prüfberichten.

Sensorikmaterialien wie Wabbelmasse: Nutzungsrichtlinien beachten

Bei Materialien wie Wabbelmasse wurden keine grundsätzlichen Gefahren festgestellt – sofern die Nutzung altersgerecht erfolgt und die Herstellerangaben eingehalten werden. Wichtig: Das Material darf nicht in den Mund genommen werden. (BVL Gemüse)

Für pädagogische Fachkräfte bedeutet das: Beim Einsatz solcher Materialien in Kitas oder Gruppenangeboten ist eine Anleitung, begleitende Aufsicht und klare Regeln (z. B. „nicht zum Mund führen“) empfehlenswert.

Weiterführende Informationen zur Lebensmittelsicherheit

Präsentation „Lebensmittelsicherheit in Deutschland 2025“:
http://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/08_PresseInfothek/Presseinformatione… (BVL Gemüse)

Weitere Berichte zur Grundlage der genannten Ergebnisse:

Was das BVL tut – und warum das für Einrichtungen relevant ist

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) koordiniert die amtliche Lebensmittelüberwachung. Es sammelt und wertet Daten aus allen Bundesländern aus und veröffentlicht zentrale Berichte. Damit stellt es eine wichtige Grundlage dar, auf deren Basis auch Küchenleitungen, Einrichtungsverwaltungen und pädagogische Fachkräfte risiko- und qualitätsorientiert arbeiten können.

Quellen: Pressemitteilungen BVL




Swissdidac Bern: Kleine Messe – große Impulse für die Bildungswelt

Warum sich der Blick nach Bern für Pädagoginnen und Pädagogen lohnt

Die Swissdidac ist die zentrale Bildungsmesse der Schweiz. Weil „spielen und lernen“ auch dort erscheint, haben wir uns auf den Weg nach Bern gemacht – mit kleinem Stand, aber großer Neugier.

Auf den ersten Blick wirkt die Messe kompakt: Rund 150 Ausstellende teilen sich eine Etage der BERNEXPO. Neben bekannten Schulbuchverlagen und großen Ausstattern findet sich ein breites Spektrum kleiner und mittlerer Bildungsunternehmen.

Recht schnell haben wir uns etwas deplatziert gefühlt. Dreht sich doch bei „spielen und lernen“ einiges um Grundschule und vieles um Frühpädagogik. Letztere ist hier unterrepräsentiert. Dennoch: Bei ProSpiel finden wir schönes haptisches Material für Krippe und Kindergarten. Und Petra Jenni Furrer präsentiert am Stand mit mormels and peppers ihr witziges Mathe-Lern-Konzept für die Grundschule. Bei näherem Hinsehen finden sich auch an vielen anderen Stellen neben dem breiten Schulangebot Materialien und Ideen für den Kindergarten.

Zeitgemäße Themen: Social Media, Handyverbote, KI

Die großen Debatten der Zeit bestimmen die Agenda: Social-Media-Kompetenz, Handyverbote und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unterricht stehen im Mittelpunkt vieler Programmpunkte.

Spannender jedoch sind die kreativen Angebote kleinerer Aussteller. Hier geht es oftmals um selbsttätiges Lernen, offene Lernformen und individualisierte Lernwege.

So zeigt miralearn – vertreten durch Tobias Meyer und Michael Uhmeier – visualisierte Lernwege für Kinder. Ähnliche Ansätze verfolgt die Denkreise GmbH aus Davos. Und Fripouille möchte mit seinen Workshops Kinder wie Erwachsene spielerisch für Nachhaltigkeit sensibilisieren. Während Leopold Flechsenberger mit „Brian“ seinen KI-Tutor für die adaptive Lehre präsentiert.

Lebendige Gespräche statt glatter Präsentationen

Im Gegensatz zur oftmals sehr satten, coolen und routinierten Präsentation der Bildungsindustrie herrscht hier Bewegung, Offenheit und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung. Schnell finden sich Gespräche und Diskussion in großer Offenheit und Begeisterung. Dabei wird auch schnell deutlich, dass die Kolleginnen und Kollegen in der Schweiz vor ähnlichen Herausforderungen wie in Deutschland stehen. Allerdings erscheinen die kleineren Unternehmen hier oftmals kreativer, wenn es um innovative Lösungen für den Bildungsalltag geht.

Wer kommt zur Swissdidac?

Die Swissdidac Bern sieht sich als wachsende Leitmesse für Fachpersonen, Entscheidungsträgerinnen und Beschaffungsverantwortliche im Bildungsbereich. In der Praxis begegnen wir vor allem Lehrkräften aller Schularten. Dazu mischen sich pädagogische Fachkräfte, Wissenschaftler*innen – und sogar Bibliothekarinnen.

Der erste Messetag (19. November) verlief überraschend ruhig. Am zweiten Tag hingegen strömten Besuchermassen durch die Gänge. Vermutlich ist dies dem Berner Bildungstag zu verdanken, der parallel in der neuen Festhalle der BERNEXPO stattfand und laut Veranstaltern rund 8.000 Lehrpersonen anzog. Der letzte Messetag zeigte wieder ein entspanntes Bild.

Fazit: Eine inspirierende Messe mit Entwicklungsbedarf

Wir haben die Swissdidac Bern als kleine, aber sehr lebendige, freundliche und innovative Messe kennengelernt.

Ein großes Manko bleibt jedoch: Die deutliche Fokussierung auf den schulischen Bereich. In einer Zeit, in der durchgehende Bildungsverläufe immer mehr an Bedeutung gewinnen und die Zusammenarbeit zwischen Kita und Schule stetig wächst, wäre eine stärkere Einbindung frühpädagogischer Themen dringend nötig.

Dennoch nehmen wir viele wertvolle Impulse mit – und können allen Bildungsinteressierten, die sich die Schweizer Preise leisten können, einen Besuch sehr empfehlen.

Die nächste Swissdidac findet vom 24. bis 26. November 2027 in Bern statt.

Gernot Körner




Warum Kinder mit den Fingern zählen sollten – was Forschung heute weiß

Fingerzählen unterstützt das kindliche Zahlverständnis – und eröffnet einen natürlichen Zugang zur Mathematik

„Nicht mit den Fingern!“ – dieser Satz begegnet vielen Kindern schon in der ersten Klasse. Dabei zeigt die aktuelle Forschung, dass Fingerzählen ein zentraler Baustein im frühen Mathematiklernen ist. Die kognitive Entwicklungspsychologin Prof. Catherine Thevenot und ihre Kollegin Justine Dupont-Boime untersuchen seit Jahren, wie Kinder Zahlen verstehen und welche Rolle der eigene Körper dabei spielt. Ihre Forschungsarbeiten, vorgestellt im Magazin Cerveau & Psycho, zeigen eindrucksvoll, wie eng Fingerwahrnehmung und mathematisches Denken miteinander verknüpft sind.

Die Wissenschaftlerinnen arbeiten am Laboratoire du Cerveau et du Développement Cognitif (LABCD), einer Forschungseinheit, die sich mit der Entwicklung numerischer Fähigkeiten bei Kleinkindern beschäftigt. Dabei interessiert sie besonders, wie Kinder Finger als Werkzeug nutzen, um Mengen zu begreifen und einfache Rechenaufgaben zu lösen – eine Strategie, die weit natürlicher ist, als viele Erwachsene vermuten.

Wie Finger und Zahlen im Kopf zusammengehören

Einen besonders eindrucksvollen Hinweis auf diese Verbindung liefert ein Fall aus dem Jahr 1964: Ein elfjähriges Mädchen, das ohne Unterarme geboren wurde, berichtete, dass es „an seinen Fingern“ zählen könne – obwohl diese gar nicht existierten. Sie legte ihre imaginären Hände auf den Tisch und erfühlte beim Rechnen jeden einzelnen Finger. Wissenschaftlich spricht man hier von digitaler Gnosie, der Fähigkeit, die eigenen Finger mental präzise wahrzunehmen. Genau diese Fähigkeit, so zeigen zahlreiche Studien, hängt eng mit den späteren mathematischen Leistungen zusammen.

Kinder, deren Fingergnosie besonders ausgeprägt ist, haben nicht nur ein besseres Gefühl für Mengen, sondern schneiden auch in Mathematiktests langfristig überdurchschnittlich ab. In Experimenten mit Vorschulkindern zeigte sich, dass jene, die mit geschlossenen Augen genau benennen konnten, welcher Finger sanft berührt wurde, ein Jahr und sogar drei Jahre später deutlich besser rechneten als ihre Altersgenossen. Die Finger dienen gewissermaßen als körperliche Landkarte für Zahlen – ein intuitives System, auf das Kinder zurückgreifen, lange bevor sie abstrakte Symbole sicher beherrschen.

Warum Fingerzählen den Einstieg erleichtert

Die Erklärung dafür ist erstaunlich klar: Kinder, die ihre Finger gut spüren und nutzen, können Zahlen leichter mit bestimmten Fingerstellungen verknüpfen. Die Zahl 4 hat plötzlich eine Form, die man anfassen kann; die Zahl 7 entsteht aus fünf Fingern der einen und zwei Fingern der anderen Hand. Rechnen wird damit nicht zu einer abstrakten Pflichtaufgabe, sondern zu einer körperlich erfahrbaren Handlung.

Kinder mit schwächerer Fingergnosie greifen seltener auf dieses körperliche Zahlengedächtnis zurück. Genau diese Kinder haben oft größere Schwierigkeiten, Mengen zu vergleichen oder einfache Additionen zu lösen – ein Unterschied, der sich später im Mathematikunterricht deutlich bemerkbar machen kann.

Die Klügsten beginnen als Erste damit

Besonders spannend ist, dass Thevenot und Dupont-Boime in ihren Studien nicht etwa jene Kinder häufiger beim Fingerzählen beobachteten, die unsicher sind oder Unterstützung brauchen. Im Gegenteil: Es waren gerade die leistungsstärksten Kinder, die früh und selbstbewusst auf ihre Finger als Hilfsmittel zurückgriffen. In Versuchen mit versteckter Kamera arbeiteten die klügsten Fünf- und Sechsjährigen am häufigsten mit ihren Fingern, wenn sie einfache Additionen lösen sollten.

Diese Kinder fanden aber auch schneller wieder zu abstrakteren Rechenwegen. Das deutet auf ein natürliches Entwicklungsfenster hin, in dem Fingerzählen besonders sinnvoll ist – ungefähr um das sechste Lebensjahr herum. Danach entwickeln Kinder automatisch Strategien, bei denen sie Zahlen auswendig abrufen oder Mengen rein mental vergleichen können.

Warum Fingerzählen im Unterricht mehr Raum haben darf

Trotz der klaren Befunde gilt Fingerzählen in vielen Klassenzimmern als überholt oder peinlich. Manche Kinder verstecken ihre Hände unter dem Tisch, um nicht aufzufallen, oder fragen verlegen nach Erlaubnis. Dabei sprechen sowohl entwicklungspsychologische als auch neuroanatomische Erkenntnisse dafür, diese natürliche Strategie zu unterstützen.

Bildgebende Studien zeigen, dass sich Gehirnareale für Fingerwahrnehmung und Zahlenverarbeitung überlappen. Wird die Aktivität dieser Regionen künstlich gestört, beeinträchtigt dies sowohl die Fähigkeit, Finger zu spüren, als auch die Fähigkeit, Zahlen zu vergleichen. Das Gehirn arbeitet hier also in einem gemeinsamen Netzwerk – ein Netzwerk, das Kinder intuitiv nutzen, wenn sie an ihren Fingern abzählen.

In historischen Quellen zeigt sich zudem, dass das Fingerzählen jahrhundertelang elementarer Bestandteil mathematischer Bildung war. Arithmetikbücher galten erst dann als vollständig, wenn sie das Rechnen mit den Fingern erklärten. Die enge Beziehung zwischen Zahl und Körper war selbstverständlich – und verlor sich erst mit der zunehmenden Schulabstraktion.

Wie man Kinder beim Fingerzählen begleitet

Das Forschungsteam arbeitet inzwischen an einem Lernprogramm für Kinder, die diese hilfreiche Strategie nicht von selbst verwenden. Dabei lernen Kinder zunächst, Mengen eindeutig mit bestimmten Fingerstellungen zu verbinden, später werden diese Muster automatisiert. Im nächsten Schritt üben sie, zwei Zahlen über Fingerbilder zu einer Summe zusammenzuführen – etwa indem sie 3 auf einer Hand und 5 auf der anderen zeigen. Schließlich entwickeln sie Strategien, bei denen sie von der größeren Zahl ausgehen und nur die kleinere über die Finger ergänzen.

Diese Vorgehensweise zeigt, wie eng körperliche Erfahrung und mathematisches Denken miteinander verflochten sind. Wenn Kinder ihre Finger nutzen dürfen, entsteht ein natürlicher Zugang zu Zahlen, der ihnen eine stabile Grundlage für alle weiteren Lernschritte bietet. Gerade in einer Welt, in der Mathematik in nahezu allen Lebensbereichen eine Rolle spielt, lohnt es sich besonders, diese körpernahe Form des Lernens ernst zu nehmen und zu unterstützen.




Hänsel & Gretel – Märchenspiel mit Logik und Lesespaß

smartjunge-

Märchenzeit trifft Logiktraining

Gerade in der Winter- und Weihnachtszeit haben Märchen Hochsaison – sie schaffen Nähe, regen die Fantasie an und laden zum gemeinsamen Erzählen ein. Das neue Märchenspiel Hänsel & Gretel von SmartGames greift diesen Zauber auf und verbindet die bekannte Geschichte mit spielerischem Logiktraining für Kinder ab fünf Jahren.

Ziel des Spiels ist es, Hänsel und Gretel sicher aus dem verzauberten Garten der Hexe zu führen. Dabei müssen Hindernisse geschickt umgangen werden – denn scheinbar verlockende Lolli-Bäume können den Weg versperren. Die Kinder überlegen, welche Züge sinnvoll sind, und entwickeln dabei vorausschauendes Planen und Problemlösekompetenz. Da jede Spielaufgabe nur eine korrekte Lösung zulässt, trainiert das Spiel gleichzeitig Konzentration, Frustrationstoleranz und räumliches Vorstellungsvermögen. Wie bei allen SmartGames erfolgt das Lernen im Spielprozess selbst: Kinder probieren aus, überprüfen Hypothesen und entdecken durch eigenes Tun, welche Strategien zum Ziel führen.

Kleine Schritte, große Aha-Momente

hansgrete

Hänsel & Gretel ist als Einzelspiel konzipiert: Ein Kind knobelt sich selbstständig durch die Aufgaben und trainiert dabei vorausschauendes Planen und Problemlösekompetenz. Ebenso lässt sich das Spiel aber kooperativ gestalten – etwa indem gemeinsam überlegt wird, welcher Schritt der nächste sein könnte. Das fördert Kommunikation, Perspektivwechsel und gemeinsames Denken.

Im Aufgabenheft warten 60 Aufgaben in ansteigendem Schwierigkeitsgrad – von Junior bis Wizard. Jede Aufgabe hat genau eine Lösung, was gezieltes Nachdenken und Durchhaltevermögen erfordert. Wie bei allen Spielen von SmartGames erfolgt das Lernen im Spielprozess selbst: Kinder probieren aus, überprüfen Hypothesen und entwickeln eigene Strategien, um das Ziel zu erreichen.

Ergänzt wird das Spiel durch ein Comic-Bilderbuch, das das Märchen von Hänsel und Gretel in moderner, bildstarker Form erzählt. Die Verbindung von Geschichte und Knobelaufgabe spricht verschiedene Lernkanäle an: Kinder erleben die Handlung aktiv auf dem Spielbrett nach und trainieren dabei Konzentration, logisches Denken und räumliches Vorstellungsvermögen.

comicbuch

Mit jedem Level ein Stückchen schlauer

Für pädagogische Fachkräfte bietet Hänsel & Gretel vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Es eignet sich als ruhige Einzelbeschäftigung, als Impuls in Märchenprojekten oder als ergänzendes Material zur Förderung von Kognition und planerischem Handeln. Durch die unterschiedlichen Level kann das Spiel gut an individuelle Lernstände angepasst werden.

smart-hans-karton

So schafft Hänsel & Gretel eine Verbindung zwischen vertrauter Märchenwelt und kognitiver Förderung – ideal für die Vorweihnachtszeit, in der Geschichten, gemeinsames Spielen und Nachdenken besonders gut zusammenpassen.

Mehr unter www.smartgames.eu