Ein fundierter Ratgeber zum Gebrauch digitaler Medien durch Kinder

Eichenberg, Christiane & Auersperg, Felicitas: Chancen und Risiken digitaler Medien für Kinder und Jugendliche. Ein Ratgeber für Eltern, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen

Wie alle Medien (und deren rasante Weiterentwicklung) bieten auch die digitalen Medien in ihren vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten Chancen und Risiken, die miteinander in Verbindung gesetzt sowie gesehen werden müssen und fachlich sorgsam betrachtet werden sollten. Auf der einen Seite benötigen Kinder und Jugendliche eine Medienkompetenz, die sie in ihre Freizeitgestaltung, Lebens- und späteren Schul-/Berufszeit als eine sinnvolle Bereicherung integrieren können. Auf der anderen Seite gilt es aber auch, einen entwicklungshinderlichen und devianten (=sozial/ gesellschaftlich inakzeptable) Gebrauch digitaler Medien zur Kenntnis zu nehmen und Möglichkeiten zu nutzen, eine selbstschädigende, asoziale bzw. exzessive Nutzung zu verhindern bzw. entwicklungsförderlich zu korrigieren.

So ist es sehr zu begrüßen, dass sich die beiden Autorinnen – Prof. Dr. Christiane Eichenberg, Leiterin des Instituts für Psychosomatik an der Medizinischen Fakultät der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien und Dr. Felicitas Auersperg, Universitätsassistentin an der zuvor genannten PrivatUniversität – dem Themenfeld der digitalen Medien zugewandt haben und ihre Erstveröffentlichung im Jahre 2018 nun in einer 2. überarbeiteten Auflage vorlegen.

Zum Aufbau des Buches

Die Veröffentlichung umfasst 4 Kapitel. Im ersten Kapitel (>Bedeutung digitaler Medien in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen<) wenden sich die beiden Autorinnen dem Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen, den zur Verfügung stehenden Medien, den Nutzungsgewohnheiten und der Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu.

Das zweite Kapitel (>Chancen digitaler Medien für Kinder und Jugendliche<) geht konkret auf die Identitätsentwicklung (z.B. Selfies), Soziale Kompetenzen und Beziehungen, Lernen (z.B. wissensbezogene Inhalte, Kindergarten bis zu weiterführenden Schulen), Spielen (z.B. Gewalt am Bildschirm, serious Gaming, Kreativität), Informationsaustausch und Meinungsbildung (z.B. Internet und der Abbau von Vorurteilen), Psychosoziale Hilfestellung bei typischen Problemen im Jugendalter (z.B. Selbsthilfeforen, Sexualität und Aufklärung im Internet) ein.

Im dritten Kapitel (>Risiken digitaler Medien für Kinder und Jugendliche<) finden sich Ausführungen zu den fünf Risikobereichen: a) Exzessive Nutzungsweisen – Internetsüchte-; b) Dysfunktionale Nutzungsweisen: Informationsüberflutung sowie Cyberchondrie & Co; c) Selbstschädigende Nutzungsweisen: Suizid-Foren, Ritzer-Seiten und Pro-Ana-Bewegung; d) Deviante Nutzungsweisen: Cybermobbing, Cybertalking und sexuelle Gewalt sowie e) Jugendgefährdende Inhalte: Politischer Extremismus. Anschließend folgen die Schwerpunkte Interventionsmöglichkeiten bei Online-Sucht und Cybermobbing, therapeutische Aspekte im Umgang mit Online-Sucht und präventive Maßnahmen.

Kapitel 4 stellt sich der Herausforderung, >Medienkompetenz sinnvoll zu vermitteln<. Dabei dreht sich zunächst alles um die Medienkompetenz in der Familie, um Strategien zur Vermittlung von Medienkompetenz bei Kindern, bei Jugendlichen und um die Mediennutzung sowie intergenerationale Konflikte in der Familie, um dann auf die Medienkompetenz in der Schule und Konzepte zur Vermittlung von Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen einzugehen. Ein kurzes Fazit, eine sehr umfangreiche Literaturliste sowie 4 Checklisten (Merkmale der Online-Spielsucht; Liste angenehmer Tätigkeiten; Medienvertrag – Regeln zu Internet, Fernseher & Co; Mein Medientagebuch) schließen diese Veröffentlichung ab.

Zum Inhalt des Buches

Als Ausgangspunkt kann folgende Aussage gelten: während Kinder als sogenannte >digital natives< aufwachsen, haben viele Erwachsene erst die Aufgabe gehabt, sich in die digitale Welt nach und nach einzuarbeiten. Dieser Unterschied ist eine dringend zu lösende Herausforderung, um zunächst selbst eine Medienkompetenz zu erlangen. Immer mehr Kinder und Jugendliche nutzen mit zunehmendem lt. JIM-Studie und KIM-Studie Smartphones, Laptops, Spielekonsolen, Tablets und nutzen bevorzugte Streamingdienste. Jugendliche greifen dabei zu Hause häufig auf Netflix, Amazon Prime Video oder Disney+, auf Musikstreamingdienste wie Spotify, Apple Music oder You-Tube Musik zu und auch die Zahl an eigenen Wearables wie z.B. Smartwatches steigt stetig an und Social-Media-Plattformen wie Instagram, TikTok & Co erfreuen sich einer breiten Beliebtheit. Hier ist eine Medienkompetenz gefragt, bei der die Kinder und Jugendlichen – entsprechend ihrem Alter – lt. dem deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSF) selbstbestimmt, kritisch, kreativ und verantwortungsbewusst handeln sollen, wobei sie selbst die Fähigkeit besitzen sollen, ihren Konsum zu reflektieren und zu bewerten, um auch die Konsequenzen ihres Konsums einzuschätzen. Hieraus geben sich deutliche Aufgaben, die Eltern, Erzieher*innen, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen sehen, aufgreifen und umsetzen müssen!

Die beiden Autorinnen schaffen es in ausgezeichneter Weise bei ihren inhaltlichen Ausführungen, die stets mit reichhaltigen, sogenannten >Fallbeispielen< angereichert sind, Chancen, Auswirkungen und Risiken (z.B. bei Computerspielen, der Handy-/ Computer-/ TV-/ Selfie-/ KI-nutzung, dem Online-Gaming) gegenüberzustellen und entsprechende Altersempfehlungen vorzunehmen. Leser*innen erfahren immer wieder aktuelle Untersuchungsdaten und mit Zahlen belegte Aussagen, worin einerseits die Chancen für Kinder und Jugendliche liegen, digitale Medien in ihre Lebens- und auch Lernwelt zu integrieren, andererseits werden aber auch die Risiken wie eine Zunahme an Internetsüchten wie beispielsweise Online-Spielsucht oder die exzessive Nutzung von Chatforen und sozialen Netzwerken, Online-Kaufsucht ebenso thematisiert wie Cybermobbing, Cyberstalking und direkte sexuelle Übergriffe in Chatrooms oder Sexting (Austausch sexueller Nachrichten/ Weiterleiten von Fotos) bzw. Online-Challenges, in denen es um grenzüberschreitende ‚Mutproben‘ geht.

Dabei wird auch die Erstellung und Verbreitung von Pornografie über das Netz thematisiert. Doch hier bleiben die beiden Autor*innen inhaltlich nicht stehen! So umreißen sie kurz und bündig vor allem bei der Problemstellung der Online-Sucht und des Cybermobbings einige therapeutische Behandlungsoptionen und Interventionsmöglichkeiten bei gleichzeitiger Notwendigkeit, die Bezugspersonen miteinzubeziehen, um keine isolierte Veränderung bei Kindern und Jugendlichen zu versuchen, sondern im Sinne eines systemischen Ansatzes ganzheitlich vorzugehen. Gleichzeitig werden auch präventive Maßnahmen erwähnt wie >Surf-Fair< (Pieschl & Porch) sowie >KiVa< (Salmivalli) und es werden Vorschläge unterbreitet, wie Medienkompetenz sinnvoll vermittelt werden kann: in der Familie, bei Kindern und bei Jugendlichen, in der Schule.

Ein Wermutstropfen ist allerdings bei aller positiven Beurteilung des Buches vorhanden: die beiden Wissenschaftlerinnen haben dem Einsatz/ der Nutzung von digitalen Medien im frühesten Kindesalter (z.B. im Krippenalter/ in der Krippenpädagogik) keinen Raum in ihrem Buch zur Verfügung gestellt, obgleich es viele Lern-, Spiel- und Unterhaltungsapps für Kinder vom 1. bis zum 3. Lebensjahr gibt, deren Bedeutungssinn aus entwicklungspsychologischer und neurobiologischer Sicht besonders hinterfragt werden muss. Als Ergänzung zum Buch sei an dieser Stelle auf folgende 3 Internetseiten hingewiesen: >Empfehlungen zu Bildschirmmedien bei der U3, Download als PDF, Zeitschrift Kinder- und Jugendarzt: https://die-pädagogische-wende.de/empfehlungen-zu-bildschirmmedien-bei-der-u3/,  kindergesundheit-info.de ( Tipps zum Umgang mit Medien für Babys und Kleinkinder): https://www.kindergesundheit-info.de/themen/medien/alltagstipps/medienwahrnehmung/medienumgang-0-3-jahre/,   Schau hin – Medien und Kleinkinder: https://www.schau-hin.info/medien-kleinkinder; Kindergesundheit-info.de – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Wie Medien Kindern schaden können): https://www.kindergesundheit-info.de/themen/medien/mediennutzung/medien-gefahren/

Fazit:

Diese Veröffentlichung erfasst in fundierter Weise die Chancen und Risiken der Nutzung digitaler Medien. Die vielen Beispiele erhellen in anschaulicher Weise die theoretischen Ausführungen und machen es Leser*innen leicht, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen, die immer wieder durch wissenschaftliche Belege dokumentiert werden. Alleine die 20 Seiten, auf denen die Literaturbelege, die in den Texten genannt sind, aufgeführt werden, lassen einen fachlichen Rückschluss auf die Textaussagen erkennen. Somit kann diese Veröffentlichung als eine sehr hilfreiche Handreichung für Erzieher*innen, Lehrer*innen, Eltern und Betreuungs-/Bezugspersonen in bestem Sinne dienlich sein.

Schlussbemerkung:

(1) Im Umgang der Kinder mit digitalen Medien kommt zuvorderst der Vorbildwirkung der Erwachsenen eine besondere Bedeutung zu! Solange z.B. Erzieher*innen während ihrer Arbeitszeit ihr Smartphone oder Tablet für private Anliegen nutzen, was bei Kitabesuchen nicht die Ausnahme darstellt, wird Kindern etwas vorgelebt, das Kinder gerne imitieren wollen. Zudem wird Kindern eine Zuwendungszeit vorenthalten, die aus arbeitsrechtlicher und berufspädagogischer Sicht nicht akzeptabel ist. Auch wenn Eltern beim Holen und Bringen der Kinder mit ihrem Smartphone kommunizieren, bei gemeinsamen Unternehmungen statt mit ihren Kindern sprechen und stattdessen ihren Smartphoneunterhaltungen Aufmerksamkeit schenken, wird das Kind einen zweitrangigen Wert erfahren. (2) Wer bei und mit Kindern eine >Medienkompetenz< aufbauen und nachhaltig erzielen möchte, muss selbst eine >Medienkompetenz< besitzen und die Chancen und Gefahren einer digitalen Mediennutzung gegeneinander abwägen können. (3) Kritiker*innen an einem zu frühen digitalen Medieneinsatz in der Pädagogik oder an einer zu intensiven digitalen Mediennutzung dürfen nicht als medienfeindlich bezeichnet werden – dieses häufig zu erlebende und ausgesprochene Vorurteil entspricht einer destruktiven Haltung in einer sachlich zu führenden Diskussion. (4) Digitale Medien in der Elementarpädagogik haben ihren Sinn, wenn sie in handlungsaktiven und alltagsorientierten Projekten/ Themenschwerpunkten integriert werden. Hier heißt es: vom kindorientierten und alltagsbezogenen Thema zum digitalen Medium und nicht vom digitalen Medium zum Kind! Genau das geschieht aber in vielen elementarpädagogischen Einrichtungen. (5) Bei der Bedeutungsbetrachtung digitaler Medien in der Frühpädagogik müssen entwicklungspsychologische Untersuchungsergebnisse und neurobiologische Erkenntnisse als ein fachlich fundierter Ausgangspunkt für den Einsatz digitaler Medien und keine wirtschaftlichen Interessen zur Grundlage dienen. (6) Eine vorhandene Medieninkompetenz, eine Internetdistanzierung oder eine pauschale Ablehnung digitaler Medien ist weder akzeptabel noch zielführend, wenn es um eine sachliche Auseinandersetzung über digitale Medien(nutzung) gehen soll.

Armin Krenz – Hon.-Professor für Elementarpädagogik & Entwicklungspsychologie (a.D.)

Eichenberg, Christiane & Auersperg, Felicitas
Chancen und Risiken digitaler Medien für Kinder und Jugendliche
Ein Ratgeber für Eltern, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen
Hogrefe Verlag GmbH & Co KG
2. überarbeitete Auflage 2024
190 Seiten
ISBN: 978-3-8017-3209-7
19,95 €




Motto des Weltspieltages 2025: Lasst uns spielen – mit allen Sinnen!

Deutsches Kinderhilfswerk will auf die besondere Verknüpfung von Spiel und Kultur aufmerksam machen

„Lasst uns spielen – mit allen Sinnen!” ist das Motto des Deutschen Kinderhilfswerkes für den Weltspieltag am 11. Juni 2025. Damit will die Kinderrechtsorganisation gemeinsam mit seinen Partnern im „Bündnis Recht auf Spiel“ auf die besondere Verknüpfung der Themen Spiel und Kultur aufmerksam machen. Denn ganzheitliche Bildung braucht Spiel und Kultur, braucht Gestaltungsspielraum für Kinder ebenso wie Möglichkeiten zum freien Spiel.

Kommunen, Vereine, Initiativen und Bildungseinrichtungen sind aufgerufen, mit einer Aktion am Weltspieltag 2025 teilzunehmen. Der Weltspieltag 2025 wird deutschlandweit zum 18. Mal ausgerichtet, in diesem Jahr erstmals am 11. Juni, nachdem die Vereinten Nationen den Weltspieltag (International Day of Play) vor Kurzem in die offizielle Liste der UN-Gedenktage aufgenommen haben.

Spielerische Auseinandersetzung und kulturelle Bildung

„Kinder erforschen und begreifen unsere Welt mit allen Sinnen. Dabei ist es für ihre Entwicklung sehr wichtig, der spielerischen Auseinandersetzung und der kulturellen Bildung gleichermaßen Raum zu geben. Kinder haben ihre ganz eigene Herangehensweise an Kultur. Wenn Kinder selbst ausgedachte Choreografien einüben, Handpuppen bauen oder gemeinsam Musik machen, haben sie in erster Linie jede Menge Spaß. Dabei stärken sie ihre geistigen Fähigkeiten, ihre Kreativität und erleben Gemeinschaftsgefühl. Für die Entwicklung von Kindern ist es wichtig, dass sie früh mit Kunst, Kultur, Spiel und Medien in Kontakt kommen. Dadurch lernen sie unterschiedliche Perspektiven kennen und können ihrer eigenen Position Ausdruck verleihen. Besonders für benachteiligte Kinder ist es wichtig, kulturell mitzuwirken. Das kann einen Weg aus der Armut bedeuten. Denn kulturelle Bildung bedeutet gesellschaftliche Teilhabe“, betont Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes.


cover-krenz-spiel

Kitas brauchen eine pädagogische Revolution

In dieser Veröffentlichung von Prof. Armin Krenz werden fachliche Grundlagen vorgestellt, um das SPIEL wieder verstärkt in die Elementarpädagogik zu integrieren. Es muss eine praxisorientierte Revolution stattfinden, indem einer wirtschaftlich und funktional gestalteten Elementarpädagogik die „Rote Karte“ gezeigt und erneut Kinder und ihre Entwicklungsbedürfnisse in das Zentrum der Pädagogik gerückt wird. Das gelingt nur mit einer aktiven, lebendigen, authentisch gestalteten SPIELPÄDAGOGIK und spielfreudigen kindheitspädagogischen Fachkräften.

SPIEL und SELBSTBILDUNG
Softcover, 176 Seiten
ISBN: 978-3-96304-616-2
22 €


Beispielgebende oder öffentlichkeitswirksame Aktion sind gefragt

Zum Weltspieltag sind Schulen und Kindergärten, öffentliche Einrichtungen, Vereine und Nachbarschaftsinitiativen aufgerufen, in ihrer Stadt oder Gemeinde eine beispielgebende oder öffentlichkeitswirksame Aktion durchzuführen – egal ob Spiel-, Beteiligungs- oder Protestaktion. Denn der Aktionstag dient ebenso der Lobbyarbeit für das Recht auf Spiel, Freizeit, kulturelle Teilhabe und Erholung gemäß UN-Kinderrechtskonvention. Die Partner sind vor Ort für die Durchführung ihrer Aktion selbst verantwortlich. Das Deutsche Kinderhilfswerk stellt umfangreiche Aktionsmaterialien zum Bewerben des Weltspieltages zur Verfügung.

Weitere Informationen unter www.weltspieltag.de.

Quelle: Pressemitteilung Deutsches Kinderhilfswerk




Die NAJU lädt zur Schulstunde der Wintervögel ein

Mitmachen bei der Vogelzählung vom 13. bis 17. Januar 2025!

Mit der Aktion „Schulstunde der Wintervögel“ lädt die NAJU alle Lehrer*innen und Gruppenleiter*innen ein, mit Kindern Vögel kennenzulernen und zu beobachten. Wieso vergräbt der Eichelhäher Eicheln im Boden und warum plustert sich das Rotkehlchen zu einer Federkugel auf, wenn es besonders kalt ist? Diesen und anderen spannenden Fragen können die Kinder nachgehen.

Die „Schulstunde der Wintervögel“ begleitet die „Stunde der Wintervögel“ des Naturschutzbundes (NABU). Alljährlich sind im Januar Vogelfreund*innen deutschlandweit dazu aufgerufen, eine Stunde lang die Vögel im Siedlungsraum zu zählen und zu melden. Wo kommen sie vor, wo sind sie häufig und wo selten geworden? Die Ergebnisse helfen dem NABU dabei, sich für den Schutz der Vögel stark zu machen. Und die Meldungen aus der „Schulstunde“ fließen mit ein!

Wie funktioniert die Vogelzählung?

  • Die Kinder üben zunächst als Klasse, wie richtig gezählt wird. Eine Anleitung findet sich auf dem Flyer der NAJU mit Zählhilfe.
  • Anschließend werden für eine Stunde die Wintervögel an einem ausgewählten Beobachtungsort gezählt. Falls in Kleingruppen gezählt wird, so müssen sich die Gruppen unterschiedliche Beobachtungspunkte suchen und ihre Ergebnisse auch als getrennte Meldungen eingeben. Bitte auf keinen Fall die Ergebnisse der einzelnen Gruppen zusammenzählen und dann in einer „Sammelmeldung“ abgeben! Die Ergebnisse können direkt online gemeldet werden unter: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/stunde-der-wintervoegel/index.html.
  • Die Kinder sind herzlich eingeladen, auch am Wochenende vom 10. bis 12. Januar 2025 bei der „Stunde der Wintervögel“ mit ihren Freund*innen und Familien Wintervögel zu zählen und ihre Ergebnisse dann separat zu melden.

Materialien zur Schulstunde der Wintervögel

Weiteres Infomaterial und Aktionstipps zur Schulstunde der Wintervögel gibt es hier zum Download.  Die häufigsten Wintervögel, die die Kinder am wahrscheinlichsten beobachten können, sind hier im Überblick zu finden.

Die NAJU bietet eine kindgerechte Zählkarte an, die hier heruntergeladen oder im NABU-Shop bestellt werden kann. Dort ist ebenfalls das Poster zur Schulstunde der Wintervögel erhältlich, auf dem die häufigsten Wintervögel vorgestellt werden, sowie das Begleitheft. Dieses liefert Informationen, Tipps und Aktionsideen rund um die Vogelbeobachtung mit Kindern und enthält eine Anleitung für eine Wintervogelrallye.

Flyer mit Zählkarte: Schulstunde der Wintervögel:

Termine für die nächsten Vogel-Zählaktionen

  • Schulstunde der Wintervögel: 13.01.-17.01.2025
  • Schulstunde der Gartenvögel: 05.05. – 09.05.2025
  • Stunde der Gartenvögel: 09.05. – 11.05.2025



Erstgeborene und Einzelkinder: Höheres Risiko für psychische Erkrankungen

Wissenschaftler*innen analysieren Daten von 182.477 Kindern aus den USA

Erstgeborene Kinder und Einzelkinder tragen ein höheres Risiko, an psychischen Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen zu leiden, als Kinder, die später in der Geburtenreihenfolge stehen. Dies zeigt eine aktuelle Untersuchung aus den USA, für die Daten von 182.477 Kindern analysiert wurden. Die Studie von Blaine Franklin, Emily Higgs. Kersten Bartelt und Neil Sandberg ist im Fachmagazin Epic Research erschienen.

Wer ist besonders betroffen?

Die Analyse ergab, dass erstgeborene Kinder mit Geschwistern ein um 48 Prozent höheres Risiko haben, an Angststörungen zu erkranken, und ein um 35 Prozent höheres Risiko, Depressionen zu entwickeln, verglichen mit später geborenen Kindern. Noch ausgeprägter ist das Risiko bei Einzelkindern: Ihre Wahrscheinlichkeit, Angststörungen zu entwickeln, liegt um 42 Prozent höher, und die Wahrscheinlichkeit für Depressionen ist um 38 Prozent erhöht.

Warum spielt die Geburtsreihenfolge eine Rolle?

Die Geburtenreihenfolge wird bisher selten als Risikofaktor für psychische Erkrankungen untersucht. Bekannte Einflussfaktoren sind Frühgeburt, Geschlecht, BMI, psychische Erkrankungen der Mutter oder traumatische Erlebnisse. Die neue Studie zeigt jedoch, dass auch die Position in der Geschwisterfolge eine wichtige Rolle spielen könnte. Die Wissenschaftler*innen vermuten, dass erstgeborene Kinder und Einzelkinder unter einem höherem Druck stehen, besonderen Erwartungen gerecht zu werden, oder sie erfahren weniger soziale Unterstützung durch Geschwister.

Große Datenbasis liefert neue Einblicke

Die Untersuchung basiert auf Daten von Kindern, die zwischen 2009 und 2016 geboren wurden. Sie hatten im Alter von acht Jahren eine Vorsorgeuntersuchung, bei der die Wahrscheinlichkeit von Angststörungen und Depressionen analysiert wurde. Die Forscher*innen berücksichtigten zahlreiche Faktoren wie Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, psychische Vorgeschichte der Mutter, Versicherungsstatus, Frühgeburt und soziale Rahmenbedingungen.

Was bedeuten die Ergebnisse?

Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die psychische Gesundheit von Kindern und können helfen, Risikofaktoren besser zu verstehen. Besonders wichtig ist dies für die Entwicklung präventiver Maßnahmen. „Ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen Geburtsreihenfolge und psychischen Erkrankungen könnte dazu beitragen, gezielte Unterstützung anzubieten“, erklärten die Forschenden.

Die Studie zeigt klar: Erstgeborene und Einzelkinder benötigen besondere Aufmerksamkeit, um ihr Risiko für psychische Erkrankungen zu senken. Eltern und Fachleute sollten sich der möglichen Belastungen bewusst sein, die mit der Geburtsposition zusammenhängen, und frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um Kinder zu unterstützen.

Weitere Informationen: https://www.epicresearch.org/articles/firstborn-children-and-only-children-more-likely-to-have-anxiety-and-depression-than-later-born-children

Literatur:

Kowalchuk A, Gonzalez SJ, Zoorob RJ. Anxiety disorders in children and adolescents. Am Fam Physician. 2022;106(6):657-664. https://www.aafp.org/pubs/afp/issues/2022/1200/anxiety-disorders-children-adolescents.html. Accessed September 3, 2024.
Moore PS, Mokrova I, Frazier JA, et al. Anxiety and depression correlates at age 10 in children bornextremely preterm. J Pediatr Psychol. 2021;46(4):422-432. doi:10.1093/jpepsy/jsaa118.
Anxiety in children and adolescents: Screening. U.S. Preventive Services Task Force. Published October 11, 2022.
https://www.uspreventiveservicestaskforce.org/uspstf/recommendation/screening-anxiety-children-adolescents. Accessed September 30, 2024.

Gernot Körner




Neue Impulse für Kitas und Familien ab 2025

Neuerungen bei Kinderbetreuung, Kindergeld, Mindestunterhalt, Elterngeld, Förderung der Demokratie, Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Selbstbestimmung

2025 treten Neuerungen in Kraft, um die Qualität der Kinderbetreuung zu verbessern. Zudem steigen das Kindergeld und der Sofortzuschlag um je 5 Euro sowie der Mindestunterhalt für Kinder. Das Elterngeld für Selbstständige wird vereinfacht; die Gewaltschutzstrategie nach der Istanbul-Konvention umgesetzt.

Verbesserung der Kinderbetreuung

Seit dem 1. Januar 2025 wird mit der Fortsetzung und Weiterentwicklung des KiTa-Qualitätsgesetzes die Qualität der frühkindlichen Bildung und Betreuung in Kitas gestärkt. Mit den gesetzlichen Änderungen soll sichergestellt werden, dass die vom Bund bereitgestellten Mittel von den Ländern gezielter zur Steigerung der Betreuungsqualität eingesetzt werden. Verbesserung der Qualität bedeutet beispielsweise:

  • ein bedarfsgerechtes Angebot zu schaffen, das besser auf die Bedürfnisse von Familien abgestimmt ist
  • den Fachkraft-Kind-Schlüssel zu verbessern, um mehr Personal für die Kinderbetreuung bereitzustellen.
  • Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und -sicherung zu ergreifen
  • Kita-Leitungen zu unterstützen
  • in die Förderung einer gesunden Ernährung und ausreichender Bewegung in Kitas zu investieren
  • für bessere sprachliche Bildung von Kindern zu sorgen, insbesondere für diejenigen, die zusätzliche Unterstützung benötigen
  • die Qualifikation und Arbeitsbedingungen von Tagesmüttern und -vätern zu verbessern

Für die Umsetzung dieser Maßnahmen stellt der Bund den Bundesländern in den Jahren 2025 und 2026 jeweils rund 2 Milliarden Euro zur Verfügung.

Weitere Informationen: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/gesetz-fuer-ein-verlaessliches-hilfesystem-bei-geschlechtsspezifischer-und-haeuslicher-gewalt-251160

Erhöhung von Kindergeld und Sofortzuschlag

Seit 1. Januar 2025 beträgt das Kindergeld 255 Euro pro Monat für jedes Kind. Das Gesetz zur Kindergelderhöhung wurde erst kurz vor Jahresbeginn beschlossen, so dass die Erhöhung zu einem späteren Zeitpunkt nachgezahlt wird. Eltern bekommen die Erhöhung aber auf jeden Fall.

Ebenfalls zum 1. Januar 2025 steigt der Sofortzuschlag von 20 Euro pro Monat auf 25 Euro für jedes Kind, das Leistungen der Grundsicherung oder den Kinderzuschlag (KiZ) erhält.

Der Höchstbetrag des KiZ beträgt bei einer Erhöhung des Kindergeldes und des Sofortzuschlags um je 5 Euro dann 297 Euro pro Monat.

Steigerung des Mindestunterhaltes

Der Mindestunterhalt für Kinder wird ab dem 1. Januar 2025 angehoben.

Kinder mit Anspruch auf Unterhaltsvorschuss erhalten künftig als Summe von Unterhaltsvorschuss und Kindergeld folgende monatliche Beträge:

  • 482 Euro für Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren (2 Euro mehr als 2024)
  • 554 Euro für Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren (3 Euro mehr)
  • 649 Euro für Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren (4 Euro mehr)

Weitere Informationen: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/familienleistungen/unterhaltsvorschuss/unterhaltsvorschuss-73558

Bürokratieentlastungen beim Elterngeld

Ab Mai 2025 wird die Beantragung von Elterngeld für Selbstständige einfacher. Bürokratische Hürden sollen abgebaut und der Zugang zu Elterngeld soll transparenter werden.

Elternzeit-Anträge müssen nicht mehr schriftlich eingereicht werden. Stattdessen genügt künftig die sogenannte Textform (z. B. per E-Mail). Das erleichtert die Antragstellung sowie die Kommunikation zwischen Eltern und Arbeitgebern.

Förderung der Demokratie

Das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesfamilienministeriums startet im Januar 2025 in seine dritte Förderperiode (2025-2032). Im Rahmen des Weiterentwicklungsprozesses wurde eine neue Förderrichtlinie zur „Gewährung von Zuwendungen für Maßnahmen zur Stärkung von Vielfalt, Toleranz and Demokratie“ (Förderrichtlinie „Demokratie leben!“) erarbeitet.

Mit dem Programm fördert das Bundesfamilienministerium zivilgesellschaftliches Engagement für ein vielfältiges und demokratisches Miteinander und die Arbeit gegen Radikalisierungen und Polarisierungen in der Gesellschaft.

Weitere Informationen: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/engagement-und-gesellschaft/bundesprogramm-demokratie-leben–73948

Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen

Mit dem 1. Januar 2025 beginnt die Laufzeit der Gewaltschutzstrategie nach der Istanbul-Konvention. Die Istanbul-Konvention des Europarats ist ein völkerrechtlicher Vertrag zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen und häuslicher Gewalt. Die Vertragsstaaten verpflichten sich, diese Gewalt durch politische und rechtliche Maßnahmen zu verhindern, zu verfolgen und zu beseitigen.

Die Gewaltschutzstrategie benennt Ziele und 120 konkrete Maßnahmen, wie Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt bekämpft werden kann. Eine mit Kabinettbeschluss neu eingerichtete Koordinierungsstelle bündelt künftig die Maßnahmen der Bundesregierung.

Weitere Informationen: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/gesetz-fuer-ein-verlaessliches-hilfesystem-bei-geschlechtsspezifischer-und-haeuslicher-gewalt-251160

Selbstbestimmungsgesetz (seit November 2024 in Kraft)

Ein einfaches, einheitliches Verfahren für eine Änderung des Personenstandseintrags ohne diskriminierende Begutachtungen und Fremdbestimmung ist an die Stelle des veralteten und zum Teil verfassungswidrigen Transsexuellengesetzes getreten.

Verhinderung von sogenannten Gehsteigbelästigungen (seit November 2024 in Kraft)

Änderung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes, um Schwangere vor unzumutbaren Belästigungen zu schützen, damit sie den gesetzlich garantierten Anspruch auf eine ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung wahrnehmen können.

Quelle: Pressemitteilung Bundesfamilienministerium




Wie die Geschwisterposition unsere Persönlichkeit prägt

Eine aktuelle Untersuchung aus Kanada mit über 700.000 Erwachsenen bietet neue Erkenntnisse

Können Geburtsreihenfolge und Geschwisteranzahl die Persönlichkeit eines Menschen beeinflussen? Diese Frage beschäftigt die Psychologie seit Jahrzehnten. Während frühere Studien kaum klare Zusammenhänge fanden, liefert eine aktuelle Untersuchung aus Kanada mit über 700.000 Erwachsenen neue Erkenntnisse: Der Psychologe Prof. Michael C. Ashton von der Brock University und sein Kollege Prof. Kibeom Lee belegen darin, dass die Position in der Geschwisterreihe sowie die Anzahl der Geschwister tatsächlich Einfluss auf zentrale Persönlichkeitsmerkmale nehmen können. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden im Wissenschaftsmagazin PNAS publiziert.

Mehr Geschwister, mehr Kooperationsbereitschaft

Die Studie bestätigt zunächst frühere Ergebnisse: Erstgeborene schneiden bei intellektuellen Fähigkeiten im Durchschnitt etwas besser ab als ihre jüngeren Geschwister. Doch das ist nicht alles. Die Forscher fanden heraus, dass Menschen mit mehr Geschwistern in den Dimensionen Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Verträglichkeit höhere Werte aufweisen. Innerhalb einer Geschwistergruppe zeigten Zweit- und Letztgeborene in diesen Bereichen tendenziell bessere Ergebnisse als Erstgeborene. So genannte Sandwich-Kinder hatten die durchschnittlich besten Werte, gefolgt von Letztgeborenen, Erstgeborenen und Einzelkindern.

Die Wissenschaftler vermuten, dass das Aufwachsen mit mehreren Geschwistern kooperatives Verhalten fördert. „Kinder aus großen Familien lernen früh, sich anzupassen und Rücksicht zu nehmen“, erklärt ein Mitautor der Studie.


hilfe meine kinder

Wie Sie Geschwistern helfen, einander zu respektieren

Adele Faber und Elaine Mazlish sind Expertinnen für Eltern-Kind-Kommunikation. Dieser Ratgeber kombiniert zeigt, wie aus streitenden Geschwistern Freunde werden können!

  • Geschwisterbeziehungen verbessern: erprobte Tipps und pädagogisches Wissen
  • Richtig streiten lernen: Konfliktbewältigungsstrategien
  • Eifersucht und Aggression zwischen Geschwistern Streitregeln
  • Stolperfallen erkennen: der Ballast, den Eltern aus der eigenen Kindheit mitbringen
  • Kommunikationsübungen: so lernen Kinder, unangenehme Gefühle auszudrücken

224 Seiten, ISBN: 9783963040115, 19,95 €


Große Datenbasis liefert eindeutige Trends

Die Ergebnisse basieren auf Daten aus dem HEXACO Personality Inventory – Revised (HEXACO-PI-R), einem etablierten Testinstrument für Persönlichkeitsmerkmale. Die erste Stichprobe umfasste mehr als 700.000 Erwachsene, vorwiegend aus englischsprachigen Ländern. Hierbei lagen Zweitgeborene bei Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Verträglichkeit an der Spitze, gefolgt von Letztgeborenen, Erstgeborenen und Einzelkindern. Unterschiede zwischen Zweitgeborenen und Einzelkindern waren deutlich (Effektstärke d ≥ 0,20).

In einer zweiten Stichprobe mit über 70.000 Teilnehmern, bei der auch die Geschwisterzahl berücksichtigt wurde, zeigte sich ein weiteres Muster: Je größer die Geschwistergruppe, desto ausgeprägter die kooperativen Eigenschaften. Zwischen Personen mit einem und sechs oder mehr Geschwistern gab es signifikante Unterschiede (Effektstärken d = 0,30 bis d = 0,36).

Einfluss von Religiosität

Ein Teil der Ergebnisse lässt sich durch religiöse Erziehung und aktuelle Religiosität erklären, die etwa 25 Prozent der Unterschiede in den Persönlichkeitswerten ausmachen. Religiöse Werte könnten kooperatives Verhalten zusätzlich fördern, so die Forscher.

Einzelkinder und Offenheit

Einzelkinder zeigten im Vergleich zu Personen mit Geschwistern eine leicht erhöhte Offenheit (Effektstärke d ≈ 0,10). Innerhalb von Geschwistergruppen waren Erstgeborene ebenfalls etwas offener als ihre jüngeren Geschwister. Diese Unterschiede sind jedoch weniger ausgeprägt als die bei Ehrlichkeit-Bescheidenheit und Verträglichkeit.

Fazit

Die Ergebnisse legen nahe, dass sowohl die Geschwisteranzahl als auch die Geburtsreihenfolge wichtige Faktoren für die Persönlichkeitsentwicklung sein können. Besonders das Aufwachsen mit mehreren Geschwistern scheint die Entwicklung von kooperativen Eigenschaften zu fördern. Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie soziale Dynamiken innerhalb von Familien die Persönlichkeit prägen können.

Gernot Körner




Willkommen im Club der Länder mit extrem niedriger Geburtenrate

Die niedrige Geburtenrate in den DACH-Regionen hat weitreichende Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft

Die offiziellen Statistiken des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Geburtenrate in Deutschland 2023 auf 1,35 Kinder pro Frau gesunken ist und weiter fällt. Damit gehören die Deutschen nun zu jenen, deren Geburtenrate laut der Definition der Vereinten Nationen mit „extrem niedrig“ (= < 1,4) eingestuft wird. Sie finden sich dabei in bester Gesellschaft. Die Schweiz und Österreich sind laut offiziellen statistischen Zahlen ebenfalls mit dabei. Dabei ist die Geburtenrate in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH) keineswegs am niedrigsten. Schlusslichter in Europa sind mit weniger als 1,2 Kindern pro Frau Italien und Spanien. Selbst im einst so kinderfreundlichen Frankreich ist die Zahl der Geburten pro Frau auf 1,8 gesunken. Im Vergleich bedeutet dies aber Klagen auf hohem Niveau.

Kinderwünsche aufgeschoben

„Ganz offenbar haben die Coronakrise, der Ausbruch des Krieges in der Ukraine und die nachfolgenden Realeinkommenseinbußen aufgrund hoher Inflation viele junge Familien dazu bewogen, mögliche Kinderwünsche erst einmal aufzuschieben“, sagt Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) Niederlassung Dresden. „Das Gebärverhalten, ausgedrückt durch die Geburtenrate, hat sich in den vergangenen drei Jahren massiv verändert. Sie liegt aktuell nur noch bei 1,35 Kindern je Frau, während es 2021 noch 1,58 Kinder je Frau waren.“

Ein weiterer Teil der Erklärung ist, dass in Ostdeutschland die Zahl der Frauen im Alter zwischen 27 und 36 Jahren stark rückläufig ist. Auf sie entfallen aber die meisten Geburten. Die Analyse zeigt, dass der Rückgang der Geburtenrate bereits 2015 eingesetzt hat, sich zuletzt aber deutlich beschleunigt hat. „Insgesamt wurden in den Jahren 2022 und 2023 fast 80.000 Kinder weniger geboren, als es zu erwarten gewesen wäre“, fügt Ragnitz hinzu.

Genaue Analyse zur Vermeidung von Fehlentscheidungen

Ob es sich dabei um vorübergehende oder dauerhafte Veränderungen der Familienplanung handelt, lässt sich anhand der bislang vorliegenden Daten nicht sagen. „Die Politik wäre aber gut beraten, diese Entwicklungen genauer zu beobachten, auch um mögliche Fehlentscheidungen beim Ausbau von Kita-Betreuung und Schulversorgung zu vermeiden“, sagt Ragnitz weiter.

Dabei stellen sich in Deutschland laut einer Publikation des Bundesfamilienministeriums 90 Prozent der jungen Leute ein Leben mit Familie und Kindern. Im Durchschnitt wären das 1,8 Kinder. Das Alter der Erstgebärenden liegt in Deutschland bei 31,4 Jahren (31,1 Jahre im EU-Durchschnitt). In Spanien, Irland und Italien sogar über 32 Jahre. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für das zweite oder gar das dritte Kind, was aus gesellschaftlicher Sicht durchaus wünschenswert sein sollte. Schließlich liegt die Reproduktionsrate einer Bevölkerung bei 2,1.

Abhängigkeit von Leitbildern und Wervorstellungen

Doch offensichtlich hat der Kinderwunsch in vielen europäischen Ländern nicht mehr die Priorität wie in früheren Zeiten. Das Bundesfamilienministerium legt den Finger in die Wunde, wenn es hier heißt: „Die persönliche Entscheidung für Kinder ist sicherlich abhängig von den Leitbildern und Wertvorstellungen innerhalb einer Gesellschaft sowie vom Grad des Optimismus bzw. Pessimismus insgesamt.“

Und diese Wertvorstellungen sehen aktuell eben anders aus. Schließlich bedeutet Erfolg heutzutage vornehmlich wirtschaftlicher oder auch finanzieller Erfolg. Daran orientieren sich junge Menschen selbstverständlich. Dabei stehen nicht nur hedonistische Gründe im Vordergrund. Schließlich sollen Kinder einen optimalen Start ins Leben haben.

Lebenschancen ohne Kinder deutlich verbessert

Während aber die Rahmenbedingungen und die finanzielle Unterstützung trotz einiger Verbesserungen noch immer bedenklich schlecht sind und damit auch eine Art der Wertschätzung durch Gesellschaft und Politik widerspiegeln, steigen die Lebenschancen und der Lebenskomfort junger Menschen rasant bei einem Verzicht auf Kinder und Familie. Wer denkt da schon über Jahre hinweg, wenn die Vereinzelung und damit die Einsamkeit droht. Diese gilt mittlerweile als hohes Lebensrisiko, schlimmer als Rauchen oder Übergewicht. Schwere Krankheiten und damit eine größere Belastung des Gesundheitssystems zählen heute zu den Folgen.

Schließlich haben die Kinder selbst ein einschneidendes Erlebnis am eigenen Leib erlebt: Denn während ihrer Kindheit musste sich ihre Familie meist finanziell stark einschränken, die Eltern waren gehetzt, um Beruf und Kinderbetreuung zu koordinieren. Dabei hat letztere meist schlecht funktioniert und die Schule war für viele kein nachhaltig positives Erlebnis. Und kaum sind die Kinder aus dem Haus, bekommen die Eltern auch noch die magere Unterstützung durch Staat und Gesellschaft entzogen und haben nach Jahren des Verzichts während der „Familienphase“ nun auch keine Chance mehr, ihre Altersversorgung aufzubessern, die sie sich während der Familienphase kaum leisten konnten. Für Kinder von Alleinerziehenden ist diese Erinnerung bezüglich Finanzen und Familienstress meist noch viel größer. Freilich, Eltern und Kinder hatten dieses tolle Familienerlebnis. Aber dieser Softskill erscheint vielen doch viel zu teuer.

Jahrzehntelanges Versagen zeigt seine Folgen

Dabei hat sich die Situation seit Jahrzehnten angekündigt, während in Frankreich Familien ab dem dritten Kind auf Lebenszeit von der Einkommenssteuer befreit, kostenlosen Zugang zum öffentlichen Verkehr erhielten und geförderte Kinderprodukte erwerben können, lässt sich in Deutschland das Versagen der Familienpolitik mit dem kurzsichtigen Ausspruch des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer plakativ aufzeigen. Dieser meinte „Kinder kriegen die Leute immer“. Zwar war das nicht der einzige aber wohl fatalste Irrtum des Kanzlers, dessen Folgen wir über Jahrzehnte hinweg mit einer missachtenden Familienpolitik und dem damit einhergehenden Geburtenrückgang zu spüren bekommen haben.

Die Folgen spüren wir längst durch den Mangel an Fachkräften in der Wirtschaft, durch den der Druck auf Familien weiter wächst. Schließlich sollten heute alle Eltern auch beruflich zu 100 Prozent arbeiten, damit die Misere nicht weiter zunimmt. Ein Wandel ist nicht in Sicht. Schließlich können die ohnehin seit Jahrzehnten schwachen Geburtenjahrgänge nicht für eine Zunahme der Bevölkerung sorgen. Wir brauchen also Zuwanderung aus vielen Ländern der Erde und müssen schon im Eigeninteresse dafür sorgen, dass Menschen, die zuwandern erfolgreich integriert werden.

Wunsch und Wirklichkeit

Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier jedoch weit auseinander. Und der Blick auf die kommende Bundestagswahl, bei der im wahrscheinlichsten Fall eine Partei die Regierung führen wird, deren Kanzlerkandidat in den Spitzenverdienern des Landes auch die Leistungsträger der Gesellschaft sieht, verheißt nichts Gutes.

Die Folgen häufen sich stattdessen. Denn das Schrumpfen der Erwerbsbevölkerung bremst das Wirtschaftswachstum und belastet die so die Sozialsysteme, zu denen eben die Normalverdienenden mehr leisten als die Superreichen. Der Rückgang der Kinderzahl ist natürlich in Bereichen der Wirtschaft am spürbarsten, der sich Konkret am Bedarf von Kindern orientiert. Schließlich hat sich die Zahl der Geschäfte für Baby- und Kinderbedarf seit 2010 halbiert. Wer Kinder hat, weiß, dass diese sehr schnell groß werden. Es wird also nicht lange dauern, bis dies auch in vielen weiteren Bereichen der Wirtschaft spürbar wird.

Was historisch eine Kleinigkeit ist, kann für die Gesellschaft die Katastrophe sein

Historisch betrachtet durchlaufen wir hier eine gesellschaftliche Phase, die vermutlich irgendwann von selbst wieder ins Lot kommen wird. Das kann Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte dauern. Im Lauf der jahrhunderttausende alten Menschheitsgeschichte ist das eine Kleinigkeit. Für die heute lebenden Menschen dagegen vielleicht bald schon eine Katastrophe. Allerdings liegt es auch an diesen selbst, bessere Verhältnisse zu schaffen und den Lauf der Geschichte positiv zu beeinflussen.

Vermutlich brauche es, sagt der ifo-Experte Joachim Ragnitz im Gespräch mit der Deutschen Welle , auf jeden Fall ein grundlegendes gesellschaftliches Umdenken. Er nennt ein konkretes Beispiel: „Heutzutage gibt es Hotels, die werben damit, dass es bei ihnen keine Kinder gibt. Da steckt grundsätzlich ein Bild von störenden Kindern dahinter.“ Deshalb müsse sich die Gesellschaft insgesamt der Frage stellen, wie sie mit Kindern und mit Familien umgehe und was sie dafür materiell und ideell tun wolle.

(Quellen: Statitisches Bundesamt, Statista, Deutsche Welle, Pressemitteilung ifo-Insitut)

Gernot Körner




Ausbau der Ganztagsangebote kommt bundesweit voran

Zweiter Bericht zum Ganztagsausbau an Grundschulen beschlossen

Das Bundeskabinett hat den zweiten Bericht der Bundesregierung über den Ausbaustand der ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebote für Grundschulkinder beschlossen. Der Bericht zeigt: die Zahl der Kinder, in Ganztagsbetreuung wächst stetig. Derzeit besuchen rund 1,8 Millionen Kinder im Grundschulalter ein schulisches Ganztagsangebot oder eine Tageseinrichtung (Hort). Das sind 130.000 Kinder mehr als im Vorjahr. Auch die Zahl der Ganztagsgrundschulen ist weiter gestiegen, aktuell sind 73 Prozent aller Grundschulen ganztägig organisiert.

Die Bundesregierung legt dem Deutschen Bundestag nach dem Ganztagsförderungsgesetz jährlich einen Bericht über den Ausbaustand der ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebote für Grundschulkinder vor (GaFöG-Bericht). Federführend ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zuständig. Zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) wurde eine gemeinsame, paritätisch besetzte Geschäftsstelle zum Ausbau der Ganztagsangebote für Kinder im Grundschulalter eingerichtet.

Bei der Prognose der Elternbedarfe wurde mit zwei Szenarien gearbeitet: Im Szenario eines konstant bleibenden Bedarfs werden 271.000 und im Szenario eines steigenden Bedarfs 413.000 zusätzliche Plätze benötigt. Somit fehlen im Mittel rund 342.000 zusätzliche Plätze.

Der überwiegende Teil des quantitativen Ausbaubedarfs entfällt auf die westdeutschen Flächenländer. In den ostdeutschen Ländern fällt der Bedarf aufgrund des bereits vorhandenen Bildungs- und Betreuungsangebote deutlich geringer aus.

Die Bundesregierung stellt 3,5 Milliarden Euro für den Ausbau der kommunalen Bildungsinfrastruktur zur Verfügung, um den Platzausbau zu unterstützen. Der Bund entlastet die Länder zudem stufenweise ab 2026 und dauerhaft ab 2030, durch geänderte Umsatzsteueranteile zu Gunsten der Länder in Höhe von 2,48 Milliarden Euro für die Jahre 2026 bis 2029 und dauerhaft 1,3 Milliarden Euro jährlich ab 2030.

Weitere Informationen:

https://www.bmfsfj.de/ganztag

https://www.recht-auf-ganztag.de