Online: Bildungskrise in der Kita erfordert radikale Kehrtwende
geschrieben von Redakteur | Juli 30, 2025
Einladung zur Veranstaltung von Bildungswende jetzt mit Armin Krenz am 18. September 2025
Die Realität in vielen Kindertageseinrichtungen hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschärft – nicht nur für pädagogische Fachkräfte, sondern vor allem für die Kinder selbst. Während der Ruf nach Qualitätsstandards, Evaluation und Konzeptentwicklung immer lauter wird, geraten die grundlegenden Bedürfnisse von Kindern zunehmend aus dem Blick. Was sie eigentlich brauchen – Beziehung, Sicherheit, Raum für Spiel, Selbstwirksamkeit und emotionale Entwicklung – wird im Alltag oft durch Bürokratie, Personalnot und institutionelle Routinen verdrängt.
Hinzu kommt: Viele Fachkräfte fühlen sich im Spannungsfeld zwischen fachlichem Anspruch und strukturellem Mangel zerrieben. Teams sind überlastet, Eltern schwer erreichbar, Ausbildungsstandards sinken. Qualifiziertes Personal denkt immer häufiger über einen Ausstieg nach. Gleichzeitig werden Quereinsteiger*innen eingestellt, oft ohne ausreichende pädagogische Qualifikation. Das Ergebnis: Eine Pädagogik, die Kindern in ihrer sensiblen Entwicklungsphase weder Stabilität noch verlässliche Begleitung bieten kann – mit allen bekannten Folgen für das kindliche Verhalten und die gesellschaftliche Zukunft.
Gegen diesen besorgniserregenden Trend setzt sich der renommierte Kindheitsforscher Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz mit Nachdruck zur Wehr. In einer aktuellen Onlineveranstaltung fordert er eine „radikale pädagogische Kehrtwende zurück zum Kind“ – weg von überakademisierten Konzepten, zurück zu einer beziehungsorientierten, kindzentrierten Praxis. Es brauche, so Krenz, endlich eine Bildungswende, die diesen Namen auch verdient: Keine Steuerung nach wirtschaftlichen Vorgaben, sondern eine konsequente Orientierung an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern.
Die Veranstaltung findet im Rahmen der bundesweiten Initiative „Bildungswende Jetzt“ in Kooperation mit dem Kitafachkräfteverband statt. Sie richtet sich an pädagogische Fachkräfte, Eltern, politische Entscheidungsträger*innen sowie alle, die sich für eine kindgerechte Bildungspolitik engagieren möchten.
Die Veranstalter rufen dazu auf, gemeinsam laut zu werden – für eine Bildungswende von unten: kindgerecht, beziehungsstark und menschenwürdig. Denn eines steht fest: Kinder sind keine Datenpunkte. Sie sind Menschen.
Spielzeug mit Sinn: Was hinter dem „spiel gut“-Siegel steckt
geschrieben von Redakteur | Juli 30, 2025
Wie das unabhängige Prüfsiegel seit 70 Jahren für Qualität sorgt – und ein Podcast mit Ingetraud Palm-Walter
Wenn es um Spielzeug geht, ist der Markt riesig, bunt – und unübersichtlich. Für Eltern, Erzieherinnen und pädagogische Fachkräfte stellt sich immer wieder die gleiche Frage: Was davon ist wirklich gut für Kinder? Was regt zum Spielen an – und was landet nach wenigen Tagen in der Ecke? Darüber spricht Ingetraud Palm-Walter, Sprecherin des Vorstandes und Leiterin der Geschäftsstelle des spiel gut e.V. im folgenden Podcast:
Seit 70 Jahren im Dienst des guten Spielzeugs
Seit 70 Jahren gibt SPIEL GUT auf genau diese Fragen verlässliche Antworten. Das orangefarbene Siegel, das viele Spielwaren ziert, steht für geprüfte Qualität, hohen Spielwert und eine unabhängige Bewertung. Ab sofort kooperiert SPIEL GUT mit SPIELEN UND LERNEN – zwei Partner mit einem gemeinsamen Ziel: Orientierung geben, Wissen teilen, gutes Spielzeug sichtbar machen.
„Ich wollte als junge Mutter einfach wissen, worauf ich mich verlassen kann“
Ingetraud Palm-Walter kennt das Problem aus eigener Erfahrung. Als ausgebildete Erzieherin stand sie oft vor der Frage, welche Materialien sich wirklich zum Spielen eignen. „Manchmal sah ein Spielzeug im Katalog ganz vielversprechend aus“, erzählt sie. „Aber im Alltag mit den Kindern stellte sich dann heraus, dass es nicht funktioniert hat. Ich habe gelernt: Man muss Spielzeug ausprobieren – und kritisch sein.“
Sie kam über ihr eigenes Interesse zu SPIEL GUT – und blieb. Seit über 35 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich, seit 1996 als Mitglied des Vorstands und Sprecherin des Vereins. „SPIEL GUT war für mich von Anfang an eine sinnvolle Einrichtung. Und das ist es bis heute.“
Ein unabhängiges Prüfsiegel mit Geschichte
1954 wurde der SPIEL GUT-Arbeitsausschuss gegründet – ein gemeinnütziger Verein, der sich von Beginn an der unabhängigen Bewertung von Spielzeug widmete. Die Gründungsidee: Hersteller sollen erfahren, was aus pädagogischer und gestalterischer Sicht als „gutes Spielzeug“ gilt – und Eltern sollen Orientierung finden.
Praxistests, Fachjury und klare Kriterien – wie Spielzeug geprüft wird
Bis heute ist das Konzept unverändert aktuell: Spielzeuge werden nach strengen Kriterien geprüft – unabhängig von Werbung, Umsatzinteressen oder modischen Trends. „Wir arbeiten mit Expertinnen und Experten aus verschiedensten Fachbereichen zusammen – aus Pädagogik, Medizin, Technik, Umwelt, Gestaltung oder Psychologie“, erklärt Palm-Walter. „Viele sind selbst Eltern, alle bringen viel Erfahrung mit.“
Was passiert, wenn ein Spielzeug bei SPIEL GUT eingereicht wird?
Rund 500 Spielzeuge werden pro Jahr zur Begutachtung vorgeschlagen. „Zunächst treffen wir eine Vorauswahl – oft auf der Spielwarenmesse in Nürnberg“, sagt Palm-Walter. Danach durchläuft das Spielzeug einen mehrstufigen Prüfprozess:
Praxistest in Familien: Das Spielzeug wird für acht bis zwölf Wochen von Kindern im Alltag getestet.
Fachliche Begutachtung: Die Ergebnisse fließen in Jurysitzungen ein, an denen interdisziplinäre Fachleute teilnehmen.
Entscheidung: Wird das Spielzeug für empfehlenswert befunden, erhält es das SPIEL GUT-Siegel. Erhält es die Auszeichnung nicht, bekommt der Hersteller eine Begründung – oft mit Verbesserungsvorschlägen.
„Wir gehen nicht mit Negativurteilen an die Öffentlichkeit“, betont Palm-Walter. „Wir wollen Orientierung bieten – keine Verunsicherung.“
Was gutes Spielzeug ausmacht – und was nicht
Die Kriterien, nach denen SPIEL GUT Spielsachen bewertet, sind ebenso anspruchsvoll wie durchdacht. Sie wurden über Jahrzehnte weiterentwickelt und passen sich laufend an neue Entwicklungen im Spielverhalten und im Markt an. Entscheidend ist dabei immer: das Kind.
Ein gutes Spielzeug muss altersgerecht sein. Es darf ein Kind nicht überfordern, aber auch nicht langweilen. Es soll die Fantasie anregen, Raum für eigene Ideen lassen und nicht durch zu viele Vorgaben das Spiel einengen. „Kinder sollen sich einbringen können, das Spiel mitgestalten“, erklärt Palm-Walter. „Spielzeug, das vorgibt, was gespielt werden soll, verkommt schnell zum Requisit.“
Auch die Gestaltung spielt eine zentrale Rolle. Hier liegt ein Erbe der Ulmer Hochschule für Gestaltung – der Geburtsstätte des Vereins. Gut gestaltetes Spielzeug erschließt sich intuitiv und unterstützt den Spielprozess. Ebenso wichtig ist die Langlebigkeit: Ein gutes Spielzeug ist robust, haltbar, idealerweise reparierbar – und steht damit im Kontrast zur Wegwerfmentalität. Nachhaltigkeit bedeutet bei SPIEL GUT auch: sinnvolle Materialverwendung und keine überdimensionierten Verpackungen.
„Uns ist außerdem wichtig, dass die Anleitung verständlich ist und die Versprechen auf der Verpackung auch eingehalten werden“, so Palm-Walter. Auch vermeintlich banale Details wie die Anzahl der Bauteile in einem Baukasten können entscheidend sein: „Es muss genug drin sein, damit ein Kind auch wirklich bauen kann.“
Palm-Walter fasst es so zusammen: „Spielzeug soll Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen – körperlich, geistig und sozial. Es soll neugierig machen, zum Ausprobieren einladen und ihnen helfen, sich selbst und die Welt zu entdecken.“
Und wie steht SPIEL GUT zu digitalen Spielzeugen?
„Digitale Elemente können sinnvoll sein – wenn sie das Spiel vertiefen“, sagt Palm-Walter. Sie nennt das Beispiel einer Holzeisenbahn mit Aufnahmefunktion oder einem ferngesteuerten Tunnel. „Das kann Kinder anregen, weiterzudenken. Aber es muss zur Altersgruppe passen – und darf das Spiel nicht bremsen.“
Anders sieht es bei vielen reinen Bildschirmspielen aus. „Die Bewegung fehlt, das Spiel wird flach. Kinder brauchen greifbare, erfahrbare Welt – nicht nur virtuelle.“
Verbraucherberatung für Eltern – ganz ohne wirtschaftliche Interessen
SPIEL GUT versteht sich als Orientierungshilfe – nicht als Testsieger-Ranking. Das Ziel: Eltern, Großeltern, Kitas und Fachkräfte beim Einkauf zu unterstützen – unabhängig und faktenbasiert.
Finanziert wird die Arbeit über Ratgeberverkäufe, eine Schutzgebühr für das Siegel und einen Zuschuss vom Bundesfamilienministerium. „Wir verdienen kein Geld mit den Spielsachen selbst“, betont Palm-Walter. „Das macht uns frei in unserer Einschätzung.“
Gemeinsam für gutes Spielzeug
Mit der neuen Kooperation zwischen SPIEL GUT und SPIELEN UND LERNEN möchten beide Partner ihre Stärken bündeln. „Wir können unsere Arbeit sichtbarer machen und noch mehr Familien erreichen“, sagt Palm-Walter. „SPIELEN UND LERNEN bietet eine Plattform, die kritisch und fundiert ist – das passt wunderbar.“
Auch die Redaktion von SPIELEN UND LERNEN freut sich über die Zusammenarbeit. Denn beide Seiten sind sich einig: Spielen ist mehr als Zeitvertreib – es ist die kindliche Form, die Welt zu verstehen. Und gutes Spielzeug ist dafür ein unschätzbares Werkzeug.
INFO: Das „spiel gut“-Siegel
Seit 1954 vergibt der gemeinnützige Verein SPIEL GUT e. V. das orangefarbene Siegel für besonders empfehlenswertes Spielzeug. Grundlage ist ein umfassender Bewertungsprozess mit Praxistests, interdisziplinärer Fachjury und transparenten Kriterien. Das Siegel steht für Qualität, Spielwert, Sicherheit, Langlebigkeit und pädagogischen Nutzen. Mehr Informationen unter: www.spielgut.de
Gernot Körner
Bildung beginnt im Kleinkindalter – und Chancengerechtigkeit auch
geschrieben von Redakteur | Juli 30, 2025
Ergebnisse des NEPS-Transferberichts zeigen: Ungleiche Startbedingungen entstehen früher als oft angenommen – und sind beeinflussbar
Die Grundlagen für Bildungserfolg werden bereits in den ersten Lebensjahren gelegt – und damit auch die Weichen für (Un-)Gleichheit. Eine neue Auswertung von Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) belegt, wie stark der soziale und ökonomische Hintergrund von Familien die Entwicklung von Kindern im Kleinkindalter beeinflusst. Der aktuelle Transferbericht zeigt, dass insbesondere die frühe sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung in einem engen Zusammenhang mit den Bedingungen der familiären Lernumwelt steht.
Sprachliche Kompetenzen: Unterschiede ab dem zweiten Lebensjahr
Bereits mit zwei Jahren zeigen sich deutliche Unterschiede im aktiven Wortschatz von Kindern. Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Haushalten verfügten durchschnittlich über 97 Wörter aus einer festgelegten Liste von 260. Kinder aus bildungs- und ressourcenstärkeren Familien kamen laut elterlicher Einschätzung auf rund 158 Wörter. Diese Differenz verweist auf frühe Entwicklungsvorteile, die sich im weiteren Bildungsverlauf tendenziell verfestigen.
Qualität der Eltern-Kind-Interaktion als zentraler Einflussfaktor
Neben sozioökonomischen Faktoren wirkt sich auch die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion deutlich auf die kindliche Entwicklung aus. Als besonders förderlich erweisen sich feinfühliges, responsives und sprachlich anregendes Verhalten – etwa durch das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern oder durch dialogisches Sprechen im Alltag. Diese Form der Interaktion fördert nicht nur den Wortschatz, sondern auch die sozial-emotionale Kompetenz und die Fähigkeit zur Emotionsregulation.
Dr. Walter Hultzsch erklärt, wie Nähe, Blickkontakt und feine Signale die Entwicklung von Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Persönlichkeit fördern. Sein Buch verbindet neurowissenschaftliches Wissen mit alltagstauglicher Orientierung für Eltern, Großeltern, Paten und pädagogische Fachkräfte, die Babys in den ersten Lebensjahren achtsam begleiten wollen.
– Erfahrener Kinderarzt mit langjähriger Erfahrung – Verbindet Neurobiologie, Bindungsforschung und frühe Kommunikation – Zeigt, wie feinfühlige Eltern-Kind-Interaktion Entwicklung stärkt
Belastungsfaktoren und kindliches Temperament: Wenn Förderung an Grenzen stößt
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist der Zusammenhang zwischen kumulierten familiären Belastungen und einer verminderten Interaktionsqualität. In Familien mit mindestens drei Belastungsfaktoren – etwa niedrigem Bildungsniveau, geringem Einkommen oder psychischen Belastungen – zeigte sich, dass ein herausforderndes kindliches Temperament (insbesondere negative Affektivität) die elterliche Feinfühligkeit deutlich einschränken kann. In Haushalten ohne diese Mehrfachbelastung war ein solcher Zusammenhang nicht nachweisbar. Die Daten basieren auf Videobeobachtungen von 2.190 Eltern-Kind-Dyaden und ergänzenden Interviews im Rahmen der NEPS-Startkohorte 1.
Früh ansetzen: Unterstützung für Familien in Risikosituationen
Die Ergebnisse legen nahe, dass Unterstützungsmaßnahmen möglichst frühzeitig ansetzen sollten – idealerweise bereits im ersten Lebensjahr. Projekte wie die Bremer Initiative zur Stärkung frühkindlicher Entwicklung (BRISE), die an die NEPS-Studien anschließen, untersuchen gezielt die Wirksamkeit solcher Interventionen bei Familien mit erhöhtem Unterstützungsbedarf. Die Autorinnen des Berichts, Prof. Dr. Sabine Weinert (Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und Dr. Manja Attig (LIfBi), betonen, dass elterliches Verhalten formbar ist – insbesondere dann, wenn Angebote niedrigschwellig, alltagsnah und präventiv angelegt sind.
Pädagogische Perspektiven
Die Erkenntnisse des Transferberichts verdeutlichen, wie eng Bildungschancen und frühe familiäre Lebenslagen miteinander verflochten sind – und dass frühe, gezielte Unterstützung wirkt. Für pädagogische Fachkräfte eröffnen sich daraus wichtige Ansatzpunkte: Der frühpädagogische Bereich ist nicht nur ein Ort kindlicher Bildung, sondern auch ein zentraler Begegnungsraum für Familien. Die Qualität der Zusammenarbeit mit Eltern, die Beobachtung kindlicher Bedürfnisse sowie der sensible Blick auf Belastungskonstellationen sind entscheidende Faktoren, um Entwicklungsprozesse gezielt zu unterstützen. Wenn es gelingt, Bildungsbenachteiligungen nicht erst zu dokumentieren, sondern ihnen im frühesten Kindesalter präventiv entgegenzuwirken, kann ein wichtiger Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit geleistet werden – und das bereits lange vor dem Schuleintritt.
Keuchhusten: Gefährliche Infektion ist wieder auf dem Vormarsch
geschrieben von Redakteur | Juli 30, 2025
Stiftung Kindergesundheit warnt: Die Fallzahlen steigen rasant – Babys und ihre Familien sind besonders bedroht
Die Zahl der Keuchhusten-Erkrankungen in Deutschland hat 2024 einen traurigen Rekord erreicht: Mit über 25.000 gemeldeten Fällen verzeichnet das Robert Koch-Institut (RKI) den höchsten Stand seit Einführung der bundesweiten Meldepflicht. Besonders besorgniserregend: Säuglinge unter einem Jahr sind am stärksten betroffen – sie tragen das höchste Risiko für schwere oder gar tödliche Verläufe, wie die Stiftung Kindergesundheit in ihrer aktuellen Stellungnahme betont.
Warum Keuchhusten alles andere als harmlos ist
Keuchhusten (medizinisch: Pertussis) beginnt oft unauffällig mit leichtem Husten, entwickelt sich aber rasch zu einer schweren, krampfartigen Hustenerkrankung. Vor allem bei kleinen Kindern können die Hustenanfälle mit Atemnot, Erbrechen und Erstickungsgefahr einhergehen. Etwa jedes zweite betroffene Kind muss im Krankenhaus behandelt werden. Besonders dramatisch: Neugeborene haben keinen sogenannten „Nestschutz“, da die mütterlichen Antikörper sie nicht ausreichend vor Keuchhusten schützen.
Erwachsene als unerkannte Überträger
Keuchhusten ist längst keine reine Kinderkrankheit mehr. Laut RKI treten inzwischen rund 60 Prozent der Fälle bei Erwachsenen auf – häufig mit atypischen Symptomen wie hartnäckigem Husten ohne typische Keuchhusten-Anfälle. Viele Betroffene wissen nicht, dass sie erkrankt sind – und stecken damit unbewusst Säuglinge und Kleinkinder an. Nach Hochrechnungen müssen jährlich mindestens 1.100 Erwachsene wegen Keuchhusten stationär behandelt werden.
Übertragung und Symptome: Heimtückisch und hoch ansteckend
Die Pertussis-Bakterien verbreiten sich über Tröpfchen beim Husten, Niesen oder Sprechen – schon ein Meter Abstand kann zu wenig sein. Nach einer ein- bis zweiwöchigen Inkubationszeit beginnt die Krankheit mit harmlos wirkendem Husten, der sich zunehmend verschlimmert. Typisch sind nächtliche Hustenanfälle, die zu Atemnot, Erbrechen und Erschöpfung führen können. Die Erkrankung kann sich über Wochen bis Monate hinziehen. Besonders bei Jugendlichen und Erwachsenen wird Keuchhusten deshalb häufig nicht erkannt.
Impfung schützt – auch das ungeborene Kind
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine Grundimmunisierung gegen Keuchhusten im Säuglingsalter sowie regelmäßige Auffrischimpfungen für Erwachsene. Schwangere sollten unabhängig vom eigenen Impfstatus im dritten Trimester gegen Pertussis geimpft werden. Nur so lässt sich ein frühzeitiger Schutz für Neugeborene aufbauen. Auch enge Kontaktpersonen von Babys – wie Eltern, Großeltern und medizinisches Personal – sollten ihre Impfungen regelmäßig auffrischen.
Wachsamkeit und Impfbereitschaft retten Leben
Keuchhusten ist keine Bagatelle, sondern eine potenziell lebensbedrohliche Krankheit – vor allem für die Kleinsten. Die Stiftung Kindergesundheit ruft Eltern, Großeltern und medizinisches Fachpersonal dazu auf, sich aktiv zu schützen und durch Impfungen Verantwortung für die Schwächsten in unserer Gesellschaft zu übernehmen.
Quellenhinweis:
Dieser Beitrag basiert auf einer Pressemitteilung der Stiftung Kindergesundheit, verfasst von Giulia Roggenkamp, Pressestelle.
Eine neue Untersuchung zeigt, wie sich die orale Immuntherapie bei Erdnussallergie besser an das Immunsystem einzelner Kinder anpassen lässt – und so Risiken verringert werden können
Erdnüsse zählen zu den häufigsten und gefährlichsten Auslösern von Nahrungsmittelallergien bei Kindern. Bereits Spuren reichen aus, um schwere allergische Reaktionen bis hin zur lebensbedrohlichen Anaphylaxie auszulösen. Für Eltern und pädagogische Fachkräfte bedeutet das: strikte Achtsamkeit im Umgang mit Lebensmitteln – auch im Kita- oder Schulalltag. Bislang bestand der einzige Schutz in konsequenter Vermeidung und dem Mitführen von Notfallmedikamenten.
Orale Immuntherapie – eine Chance mit Risiken
Seit einigen Jahren gibt es für betroffene Kinder eine neue Behandlungsoption: die orale Immuntherapie (OIT). Dabei werden unter ärztlicher Aufsicht kleinste Mengen des Erdnussallergens verabreicht, um den Körper schrittweise zu desensibilisieren. Doch nicht alle Kinder profitieren davon gleich gut. Manche zeigen kaum Wirkung – andere reagieren sogar mit schweren Nebenwirkungen.
Studie entdeckt Schlüsselrollen im kindlichen Immunsystem
Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Young-Ae Lee vom Max Delbrück Center und Prof. Dr. Kirsten Beyer von der Charité Berlin hat nun wichtige Ursachen dafür identifiziert. In einer im Fachjournal Allergy veröffentlichten Studie untersuchten die Wissenschaftler*innen das Blut von 38 Kindern, die eine OIT erhielten. Mithilfe modernster molekularbiologischer Methoden analysierten sie u. a. Immunzellen, Antikörper, Entzündungsstoffe und Genaktivitäten vor und nach der Therapie.
Das Ergebnis: Kinder, die gut auf die Behandlung ansprachen, wiesen bereits vor Therapiebeginn ein weniger reaktives Immunsystem auf. Ihr Blut zeigte niedrigere Werte bestimmter Antikörper (Immunglobuline) und Entzündungsbotenstoffe (Zytokine).
Immunzellen aus dem Darm als neue Hoffnungsträger
Besonders auffällig: Die Unterschiede zwischen gut und schlecht ansprechenden Kindern betrafen vor allem bestimmte Immunzellen, die selten im Blut, aber häufig im Darm vorkommen. Diese Zellen – darunter sowohl erworbene als auch angeborene Abwehrzellen – zeigten charakteristische Muster in der Genaktivität und DNA-Methylierung, die künftig als Biomarker genutzt werden könnten.
Auf dem Weg zu einer sicheren, personalisierten Therapie
Die Erkenntnisse könnten einen Wendepunkt in der Behandlung kindlicher Erdnussallergien darstellen: Mithilfe eines einfachen Bluttests ließe sich künftig schon vor Therapiebeginn feststellen, ob ein Kind gut auf die orale Immuntherapie ansprechen wird – und wie hoch das Risiko für Nebenwirkungen ist.
Langfristig wäre sogar eine individuell angepasste Dosierung und Therapiedauer denkbar. Für viele betroffene Familien, Einrichtungen und medizinische Fachkräfte wäre das eine enorme Erleichterung im Alltag – und ein bedeutender Schritt zu mehr Sicherheit und Lebensqualität für allergiegefährdete Kinder.
Was bedeutet das für Eltern und Fachkräfte?
Aufklärung und Kommunikation bleiben zentral: Eltern, Erzieher*innen und Lehrkräfte sollten im Umgang mit bekannten Allergien gut geschult sein.
Individuelle Behandlung statt Standardtherapie: Die neuen Forschungsergebnisse unterstützen den Trend zur personalisierten Medizin.
Neue Hoffnung: Die Forschung gibt Anlass zur Hoffnung, dass die bislang angsteinflößende Erdnussallergie bald besser behandelbar und planbarer wird.
Wenn Sie Kinder mit diagnostizierter Erdnussallergie betreuen, sprechen Sie mit den Eltern über mögliche neue Therapieansätze und halten Sie engen Kontakt zu allergologischen Fachärzt*innen. Die Erkenntnisse dieser Studie können helfen, individuelle Risiken besser einzuschätzen – und neue Chancen zu nutzen.
Originalpublikation:
Aleix Arnau-Soler, et al. (2025): „Understanding the Variability of Peanut-Oral Immunotherapy Responses by Multi-Omics Profiling of Immune Cells“. Allergy, https://doi.org/10.1111/all.16627
Fachsymposium Traumapädagogik: Impulse, Austausch und Perspektiven
geschrieben von Redakteur | Juli 30, 2025
Symposium am 26. September 2025: Traumapädagogik im interdisziplinären Fokus
Am 26. September 2025 lädt der berufsbegleitende Masterstudiengang Kindheits- und Sozialwissenschaften (MAKS) der Hochschule Koblenz zum Fachsymposium „Traumapädagogik“ ein. Unter dem Motto „Erkennen – Verstehen – Handeln“ richtet sich die Veranstaltung an Fachkräfte aus Pädagogik, Sozialer Arbeit, Medizin und Politik sowie an Lehrende und Interessierte aus der Öffentlichkeit.
Hochkarätige Vorträge zu Trauma und Bildung
Von 09:00 bis 15:00Uhr erwartet die Teilnehmenden im Raum A032 der Hochschule ein inspirierendes Programm mit drei fachlich fundierten Impulsvorträgen:
Heiner van Mil (M.A.): „Eine Frage der (traumapädagogischen) Haltung: Traumabetroffene Menschen als Expert*innen verstehen.“
Prof. Dr. Regina Steil: „Psychotherapie der Posttraumatischen Belastungsstörung und komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung nach Kindesmissbrauch.“
Prof. Dr. Johannes Drerup: „Aus Katastrophen lernen? Über Demokratieerziehung, Erinnerungspolitik und Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen.“
Fachlicher Dialog auf Augenhöhe
Das Symposium bietet Raum für Diskussion, Reflexion und fachübergreifenden Austausch. Ziel ist es, neue Perspektiven in der Traumapädagogik sichtbar zu machen und den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis zu fördern.
Teilnahme und Anmeldung
Teilnahmegebühr: 60 Euro
Kostenfrei für Studierende und Mitarbeitende des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Hochschule Koblenz
Pinocchio für heute – poetisch, klug und eindrucksvoll illustriert
geschrieben von Redakteur | Juli 30, 2025
Imme Dros nach Carlo Collodi/Carll Cneut: Pinocchio
Pinocchio – ist das nicht diese uralte Geschichte von der Marionette, die lebendig wird und der beim Lügen immer eine lange Nase wächst? Stimmt. Fast 140 Jahre ist es her, seit Carlo Collodi sie aufgeschrieben und in Fortsetzungen in einer Zeitschrift veröffentlicht hat. Die in ihrer Heimat sehr bekannte niederländische Autorin Imme Dros hat sie überarbeitet – ohne pädagogischen Zeigefinger –, hat viele Nebenfiguren und sich ähnelnde Abenteuer weggelassen und so für die heutigen Leser, Vorleser und Zuhörer märchenhaft und spannend neu erzählt.
Von sprechendem Holz bis zur blauen Fee: Die Geschichte bleibt ein Abenteuer
Los geht’s mit einem sprechenden Stück Holz. Aus dem schnitzt der alte Gepetto eine Marionette. Eben weil das Holz zu ihm spricht. Und sofort ist es ein Lausbub, der alles umwirft und durcheinanderbringt. Aber auch einen unbändigen Wissensdurst hat, immer grundsätzlich nachfragt und damit seinen alten Vater ständig in Verlegenheit bringt. Weshalb der Bub unbedingt zur Schule gehen soll. Gepetto gibt alles für seinen hölzernen Sohn, verkauft sogar seinen Mantel, um Schulbücher kaufen zu können.
Aber schon auf dem Weg Richtung Klassenzimmer lenkt ihn ein Marionettentheater ab. Er erkennt: Die sind ja wie ich! Der ziemlich fiese Chef der Truppe setzt ihn gefangen, und erst, als Pinocchio ihm herzzerreißend seine Geschichte erzählt, lässt er ihn wieder frei. Sogar mit Goldstücken als Lohn! Klar, dass der Junge es mit zwielichtigen Gestalten, Betrügern und Räubern zu tun bekommt.
Gut oder böse? Märchenhafte Entscheidungen mit Tiefgang
Und mit der blauen Fee. Denn schließlich muss Pinocchio immer wieder gerettet werden. Was auch deshalb gelingt, weil er eigentlich ein gutes Herz hat. Denn die Goldstücke will er seinem Vater bringen, den er doch sehr liebt. Eben wie einen Vater. Und die blaue Fee wie eine Mutter.
Nun hat sich Gepetto aber auf die Suche nach seinem Marionettenkind gemacht, Pinocchio findet ihn nicht mehr zu Hause. Und sucht weiter. Bis zum Meer. Dort, weit draußen in einem kleinen Boot … Okay, mehr will ich jetzt nicht verraten. Nur, dass da bald ein riesiger Hai auftaucht und noch einige Abenteuer zu bestehen sind.
Immer wieder muss Pinocchio sich entscheiden, was er nun tun, auf wen er hören will. Immer wieder die Entscheidung treffen zwischen Gut und Böse, wie das in märchenhaften Erzählungen üblich ist. Impulskontrolle heißt das heute. Das hat Carll Cneut in ausdrucksstarke Bilder umgesetzt. Mal wirken sie wie schnell hingeworfene Skizzen, mal sind es detailreich ausgearbeitete, großformatige Gemälde. Insbesondere die naturgetreuen und realistischen Darstellungen von Tieren und Fabelwesen beeindrucken. Und machen die Lust, die Freude, den Spaß, die inneren Konflikte, die Ängste und die Liebe des kleinen Jungen auf dem Weg zu einem großen Jungen erlebbar.
Ein Kinderbuch, das berührt – für Herz und Bücherregal
Bohem Press hat hier ein Buch publiziert, das seinesgleichen sucht. Es ist nicht nur eine Überarbeitung und Neuausgabe eines Klassikers. Es ist eine Geschichte, die so geschrieben und illustriert ist, dass sie Kindern und Eltern zu Herzen geht – und immer wieder gern aus dem Regal geholt wird. Zum Lesen, zum Schauen, zum Entdecken, zum Träumen und zum Darüber-Sprechen. Und das ist das Beste, was einem Kinderbuch passieren kann.
Ralf Ruhl
Imme Dros nach Carlo Collodi | Carll Cneut (Ill.) Pinocchio Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf Hardcover mit Leinenrücken und Folienprägung, 64 Seiten Überformat: 23,5 x 31,8 cm ab 5 Jahren ISBN 978-3-85581-597-5 28 €
Große US-Analyse zeigt: Das Geschlecht eines Kindes ist nicht bei allen Familien gleich zufällig – Alter der Mutter und genetische Einflüsse könnten mitentscheiden
Viele Eltern kennen das: In manchen Familien gibt es fast nur Töchter, in anderen fast ausschließlich Söhne. Was bislang meist als Laune der Natur oder Zufall galt, bekommt durch eine neue, groß angelegte US-Studie einen neuen Erklärungsansatz. Forschende analysierten die Geburten von über 58.000 Frauen mit insgesamt mehr als 146.000 Schwangerschaften und fanden Hinweise darauf, dass das Geschlecht eines Kindes innerhalb einzelner Familien nicht völlig zufällig verteilt ist.
Großfamilien unterscheiden sich von Kleinfamilien
Im Gegensatz zur gängigen Lehrbuchmeinung, wonach das Geschlecht bei der Zeugung einem einfachen Münzwurf ähnelt, zeigte sich ein anderes Bild: Während bei kleinen Familien das Verhältnis von Jungen und Mädchen noch ausgeglichen erscheint, häufen sich in größeren Familien gleichgeschlechtliche Kindergruppen. So lag etwa bei Familien mit drei Söhnen die Wahrscheinlichkeit für einen vierten Jungen bei rund 61 Prozent – ein deutlicher Ausschlag in Richtung Geschlechtswiederholung, den man mit reinem Zufall kaum erklären kann.
Was beeinflusst das Geschlecht eines Kindes?
Ein besonders interessanter Faktor ist dabei das Alter der Mutter bei der ersten Geburt. Frauen, die ihr erstes Kind mit 28 Jahren oder später bekommen, haben laut der Studie ein leicht erhöhtes Risiko, ausschließlich Jungen oder ausschließlich Mädchen zu bekommen. Woran das liegt, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Vermutet wird, dass physiologische Veränderungen im Lauf der fruchtbaren Lebensphase – wie etwa der Hormonspiegel, die Länge des Menstruationszyklus oder der vaginale pH-Wert – eine Rolle spielen könnten. Diese könnten jeweils die Überlebensfähigkeit der männlichen oder weiblichen Spermien leicht beeinflussen.
Zusätzlich wurden auch genetische Faktoren untersucht. Dabei identifizierten die Forschenden zwei Genvarianten, die mit einer geschlechtsspezifischen Nachkommenschaft in Verbindung stehen: Frauen mit einer bestimmten Variante im NSUN6-Gen hatten häufiger ausschließlich Töchter, während eine andere Variante in der Nähe des Gens TSHZ1 mit der Geburt ausschließlich männlicher Kinder verknüpft war. Diese genetischen Merkmale scheinen unabhängig vom Alter der Mutter zu wirken und könnten tiefere biologische Mechanismen widerspiegeln, die bisher kaum erforscht sind.
Wie wurde geforscht?
Die Ergebnisse stammen aus zwei der größten Langzeitstudien der USA – der Nurses’ Health Study II und III. Untersucht wurden Frauen, die mindestens zwei lebende Kinder zur Welt gebracht hatten. Die Forschenden verglichen die tatsächliche Geschlechterverteilung innerhalb von Familien mit theoretischen Zufallsmodellen. Dabei zeigte sich, dass ein sogenanntes Beta-Binomial-Modell – das von individuell leicht variierenden Wahrscheinlichkeiten für Jungen oder Mädchen ausgeht – deutlich besser zu den Daten passte als das klassische Zufallsmodell.
Besonders aufschlussreich war die Betrachtung, bei der die jeweils letzte Geburt ausgeklammert wurde. Damit sollte der Einfluss bewusster Familienplanung – also der Wunsch nach einem bestimmten Geschlechtermix – reduziert werden. Selbst unter dieser Voraussetzung zeigte sich, dass manche Frauen eine signifikante Tendenz zu gleichgeschlechtlichen Kindern hatten.
Was bedeutet das für Eltern mit Kinderwunsch?
Für werdende Eltern ist vor allem eine Erkenntnis spannend: Das Babygeschlecht ist in vielen Fällen durchaus zufällig – aber eben nicht immer. Wer bereits zwei oder drei Kinder desselben Geschlechts hat, sollte sich bewusst sein, dass die Wahrscheinlichkeit für ein weiteres Kind mit dem gleichen Geschlecht leicht erhöht sein kann. Statistisch gesehen werfen diese Eltern also nicht mehr mit einer „neutralen Münze“, sondern mit einer, die ein wenig „vorgewichtet“ ist.
Das bedeutet nicht, dass gezielte Einflussnahme möglich ist – aber es zeigt, dass individuelle biologische oder genetische Voraussetzungen mitspielen. Für Paare mit starkem Kinderwunsch nach „beiden Geschlechtern“ mag diese Erkenntnis hilfreich sein – ebenso wie für all jene, die sich von der Natur überraschen lassen wollen.