Was Jungen über Männlichkeit lernen – und warum das wichtig ist

Schweizer Studie zeigt Zusammenhänge zwischen traditionellen Rollenbildern, Gewaltakzeptanz und Gleichstellung

Jeder zweite junge Mann zwischen 18 und 24 Jahren in der Schweiz sorgt sich darum, dass „richtige Männer“ zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Fast jeder dritte junge Mann dieser Altersgruppe vertritt zudem besonders ausgeprägte restriktive und dominante Vorstellungen von Männlichkeit. Das zeigt eine groß angelegte Studie der Universität Zürich und des Dachverbands männer.ch, für die mehr als 6000 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren befragt wurden.

Die Forschenden identifizierten dabei ein umfassendes Einstellungsmuster, das sie als „Faktor M“ bezeichnen. Dieser umfasst die Wahrnehmung einer Bedrohung traditioneller Männlichkeit, männliche Überlegenheitsansprüche, Frauenfeindlichkeit, die Ablehnung von Gleichstellung, die Abwertung sexueller Minderheiten sowie eine erhöhte Akzeptanz von Gewalt. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Einstellungen eng miteinander verbunden sind und gemeinsam auftreten.

Besonders deutlich wird dies bei jungen Männern: Während insgesamt 20 Prozent der befragten Männer hohe Faktor-M-Werte erreichen, gilt dies für 31 Prozent der 18- bis 24-Jährigen. Bei Frauen liegen die entsprechenden Werte deutlich niedriger. Insgesamt gehören lediglich sieben Prozent der weiblichen Befragten zur Gruppe mit hohen Faktor-M-Werten.

Große Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen

Die Untersuchung zeigt eine ausgeprägte Kluft zwischen den Geschlechtern. Junge Frauen vertreten wesentlich häufiger egalitäre und offene Vorstellungen von Geschlechterrollen als junge Männer. Zwar nähern sich die Einstellungen von Männern und Frauen mit zunehmendem Alter etwas an, dennoch liegen die Werte der weiblichen Befragten in allen Altersgruppen durchgehend niedriger.

Nach Angaben der Forschenden spiegeln die Ergebnisse einen grundlegenden Konflikt zwischen traditionellen und modernen Geschlechterbildern wider. Besonders junge Männer erleben gesellschaftliche Veränderungen offenbar häufiger als Bedrohung etablierter männlicher Rollen.

Bildung und soziale Perspektiven spielen eine wichtige Rolle

Hohe Faktor-M-Werte treten besonders häufig bei Männern mit niedrigerem Bildungsniveau, geringem Berufsstatus und niedrigem Einkommen auf. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen gehört fast jeder zweite junge Mann mit Berufslehre zu den Befragten mit besonders ausgeprägten restriktiven Männlichkeitsvorstellungen.

Umgekehrt zeigt die Studie einen klaren Zusammenhang zwischen Bildung und den Einstellungen zu Geschlechterrollen: Je höher die Bildung und je günstiger die beruflichen Perspektiven, desto geringer fallen die Faktor-M-Werte aus.

Auch die familiäre Herkunft spielt eine Rolle. Männer, deren Väter außerhalb der Schweiz in patriarchal geprägten Gesellschaften geboren wurden, weisen häufiger höhere Faktor-M-Werte auf. Die Forschenden vermuten, dass Erfahrungen von Ausgrenzung und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe dazu beitragen können, traditionelle Männlichkeitsvorstellungen als Quelle von Orientierung und Selbstwert aufzuwerten.

Zusammenhang mit Familienleben und Gewalt

Die Studie zeigt zudem deutliche Zusammenhänge zwischen restriktiven Männlichkeitsvorstellungen und dem Familienalltag. Männer mit hohen Faktor-M-Werten leben häufiger traditionelle Rollenverteilungen, bei denen Frauen den größeren Teil der Sorgearbeit übernehmen und Männer überwiegend als Haupt- oder Alleinverdiener auftreten.

Zugleich vertreten sie häufiger die Auffassung, dass Jungen anders erzogen werden sollten als Mädchen. Autoritäres Verhalten und Gewalt in der Erziehung werden von dieser Gruppe deutlich häufiger als legitim angesehen.

Besonders relevant ist aus Sicht der Forschenden der Zusammenhang mit Partnerschaftsgewalt. Menschen mit hohen Faktor-M-Werten berichten häufiger davon, Gewalt in Beziehungen ausgeübt oder selbst erlebt zu haben. Der Faktor M erweist sich damit als ein konsistenter Risikofaktor für problematische Beziehungsmuster.

Bei leichter körperlicher Gewalt wie Ohrfeigen, Schubsen oder dem Werfen von Gegenständen berichten Männer in der Befragung häufiger von Gewalterfahrungen als Frauen. Gleichzeitig verweisen die Autorinnen und Autoren darauf, dass andere Studien zeigen, dass Frauen wesentlich häufiger schwere und folgenschwere Formen von Partnerschaftsgewalt erleben.

Was bedeutet das für Schule und Pädagogik?

Aus den Ergebnissen leiten die Forschenden einen klaren Handlungsauftrag für Bildungseinrichtungen und pädagogische Fachkräfte ab. Prävention sollte ihrer Ansicht nach bereits im Schulalter beginnen.

Zentrale Botschaft sei, dass es nicht nur eine einzige „richtige“ Form von Männlichkeit gebe. Jungen sollten frühzeitig erfahren, dass unterschiedliche Lebensentwürfe, Interessen und Verhaltensweisen gleichwertig sind. Restriktive Geschlechterrollen könnten dadurch hinterfragt und alternative Vorstellungen von Männlichkeit gestärkt werden.

Für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen ergibt sich daraus die Aufgabe, Kindern vielfältige Rollenbilder zu vermitteln und stereotype Vorstellungen von Jungen- und Mädchenverhalten zu reflektieren. Gleichzeitig betonen die Studienautorinnen und -autoren die Bedeutung sozialer Teilhabe, von Chancengerechtigkeit und einer positiven Bildungsbiografie als wichtige Schutzfaktoren.

Darüber hinaus wird die Rolle von Vätern hervorgehoben. Eine aktive Beteiligung von Vätern am Familienalltag könne nicht nur die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern fördern, sondern auch positive Auswirkungen auf deren schulischen Erfolg haben.

Einordnung der Studie

Die Untersuchung liefert erstmals repräsentative Daten zu Männlichkeitsvorstellungen in der Schweiz und eröffnet damit wichtige Einblicke in die Einstellungen verschiedener Bevölkerungsgruppen. Besonders wertvoll ist die große Stichprobe von mehr als 6000 Befragten sowie die Verknüpfung von Geschlechterbildern mit Themen wie Familie, Partnerschaft, Gewalt und sozialer Lage.

Zu beachten ist jedoch, dass die Studie Zusammenhänge beschreibt, aber keine direkten Ursachen nachweisen kann. Die Ergebnisse zeigen, welche Einstellungen häufig gemeinsam auftreten, erlauben jedoch keine eindeutigen Aussagen darüber, wodurch diese Einstellungen entstehen.

Dennoch verdeutlicht die Untersuchung, dass traditionelle und dominante Männlichkeitsvorstellungen nicht nur individuelle Überzeugungen darstellen, sondern mit sozialen Lebenslagen, Bildungswegen und Beziehungsmustern verbunden sind. Für Pädagoginnen und Pädagogen bieten die Ergebnisse wichtige Hinweise darauf, wie frühzeitige Bildungs- und Präventionsarbeit dazu beitragen kann, Vielfalt, Gleichberechtigung und gewaltfreie Konfliktlösungen zu fördern.

Quelle: Ribeaud, D., Buzzi, L. & Theunert, M. (2026). Männlichkeit im Wandel: Einstellungen, Lebensformen, Sexualität, Partnerschaft und Gewalt. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung in der Schweiz. Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich.




Bildung für nachhaltige Entwicklung: Online-Kurs für Fachkräfte

Bildung für nachhaltige Entwicklung online

Einstieg in die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Nachhaltigkeit umfasst weit mehr als ökologische Produkte oder bewusstes Konsumverhalten. Sie betrifft die Art und Weise, wie Menschen heute handeln, um auch zukünftigen Generationen gute Lebensbedingungen zu ermöglichen. Doch wie lässt sich dieses Thema im pädagogischen Alltag aufgreifen und vermitteln?

Dieser Online-Kurs bietet einen praxisnahen Einstieg in die „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Teilnehmende setzen sich mit zentralen Nachhaltigkeitsthemen auseinander und lernen vielfältige Methoden kennen, um BNE nachhaltig in ihre Bildungsarbeit zu integrieren. Dabei dient der BNE-Baukasten als hilfreiches Instrument für die Planung und Umsetzung pädagogischer Angebote.

Inhalte des Online-Kurses

Der Kurs vermittelt grundlegendes Wissen und zeigt praxisorientierte Wege auf, Nachhaltigkeit im Bildungsalltag zu verankern.

Persönliche Zugänge zu Nachhaltigkeit reflektieren

Die Teilnehmenden beschäftigen sich mit ihren eigenen Erfahrungen und Sichtweisen zu Nachhaltigkeit, Vielfalt und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Grundlagen der Bildung für nachhaltige Entwicklung kennenlernen

Eine Einführung vermittelt die wichtigsten Hintergründe, Ziele und Prinzipien von BNE sowie deren Bedeutung für die pädagogische Praxis.

Den BNE-Baukasten gezielt einsetzen

Der BNE-Baukasten wird als vielseitiges Werkzeug vorgestellt, das Fachkräfte bei der Planung und Gestaltung nachhaltiger Bildungsangebote unterstützt.

Mit Kindern entdecken, forschen und nachdenken

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem gemeinsamen Entdecken und Forschen mit Kindern. Dabei wird gezeigt, wie Nachdenkgespräche pädagogisch begleitet und für nachhaltige Lernprozesse genutzt werden können.

Lernziele der Fortbildung

Nach Abschluss des Online-Kurses:

  • kennen Sieden BNE-Baukasten und können ihn gezielt in deiner Bildungsarbeit einsetzen.
  • reflektieren Sie eigenes nachhaltiges Handeln und vertiefen wichtige Themenfelder der Bildung für nachhaltige Entwicklung.
  • entwickeln Sie Motivation und Ideen, um Bildungsangebote und Projekte im Sinne von BNE zu gestalten und umzusetzen.

Flexibel lernen – im eigenen Tempo

Der Online-Kurs kann zeitlich unabhängig bearbeitet werden. Die einzelnen Inhalte lassen sich flexibel in den persönlichen Alltag integrieren. Reflexionsfragen unterstützen die Vertiefung der Themen, während praxisnahe Beispiele und Anregungen wertvolle Impulse für die pädagogische Arbeit liefern.

Badge „Durchstarter:in Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erwerben

Neben einer Teilnahmebescheinigung besteht die Möglichkeit, das Badge Durchstarter:in „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zu erhalten. Voraussetzung dafür ist der erfolgreiche Abschluss dieses Online-Kurses sowie der Kurse „Partizipation von Kindern“ und „Ein Einstieg – Philosophieren mit Kindern“.

Weiterführende Informationen zum Badge-System sind im Bereich „Häufige Fragen“ verfügbar.

Anerkennung im Rahmen der Zertifizierung

Die Teilnahme an dieser Fortbildung wird bei der Zertifizierung von Kitas, Horten und Grundschulen anerkannt. Damit leistet der Kurs einen wertvollen Beitrag zur Qualitätsentwicklung und nachhaltigen Ausrichtung von Bildungseinrichtungen.

Weitere Informationen zum Kurs und zur Anmeldung finden Sie hier:




Bildungsbericht 2026: Warum Bildungschancen schon früh entstehen

Neue Daten zeigen langfristige Folgen früher Bildungsungleichheit

Ob ein Kind später studiert oder nicht, entscheidet sich häufig nicht erst in der Schule oder am Ende der Schulzeit. Vielmehr werden die Weichen bereits deutlich früher gestellt. Zu diesem Ergebnis führt der aktuelle nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts zeigen, dass soziale Ungleichheiten das deutsche Bildungssystem weiterhin prägen. Besonders deutlich wird dies beim Übergang in die Hochschulbildung: Während 78 von 100 Kindern aus Akademikerfamilien im Laufe ihres Lebens ein Studium aufnehmen, gilt dies lediglich für 25 von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben. Haben die Eltern keine abgeschlossene Berufsausbildung, beginnen sogar nur acht von 100 Kindern ein Studium.

Für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen sind diese Zahlen deshalb bedeutsam, weil sie auf Entwicklungen hinweisen, die deutlich früher beginnen.

Bildungskarrieren entstehen nicht erst in der Schule

Der Bildungsbericht macht deutlich, dass Leistungsunterschiede allein die ungleichen Bildungschancen nicht erklären können. Vielmehr spielen Bildungsentscheidungen, Erwartungen, Informationen und familiäre Ressourcen eine wichtige Rolle. Denn Kinder wachsen unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen auf. Bereits im Vorschulalter zeigen sich Unterschiede im Wortschatz, in der Sprachentwicklung, in den mathematischen Vorläuferfähigkeiten sowie in den Möglichkeiten, Bildungsangebote außerhalb von Kita und Schule zu nutzen.

Für Kindertageseinrichtungen bedeutet dies eine besondere Verantwortung. Sie sind oftmals die erste Bildungsinstitution, die Kinder regelmäßig besuchen und können Entwicklungsunterschiede früh erkennen sowie gezielt fördern.

Frühe Förderung bleibt ein entscheidender Schlüssel

Der Bildungsbericht verweist darauf, dass Bildungsungleichheiten nicht naturgegeben sind. Vielmehr können pädagogische Angebote dazu beitragen, ungünstige Startbedingungen deutlich zu verbessern.

Insbesondere Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien profitieren von qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Qualität frühpädagogischer Arbeit weiter an Bedeutung. Professionelle Fachkräfte, günstige Betreuungsschlüssel und ausreichend Zeit für individuelle Begleitung gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen, um Kindern gerechte Bildungschancen zu eröffnen.

Auch Elterninformationen können Bildungswege verändern

Ein bemerkenswertes Ergebnis des Bildungsberichts betrifft den Einfluss von Informationen auf Bildungsentscheidungen. Wissenschaftliche Interventionsstudien aus Berlin und Nordrhein-Westfalen zeigen, dass bereits niedrigschwellige Informationsangebote die Wahrscheinlichkeit erhöhen können, dass junge Menschen später ein Studium aufnehmen. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass viele Familien vorhandene Bildungswege und Fördermöglichkeiten nicht ausreichend kennen. Werden Informationen verständlich vermittelt, verändert dies Bildungsentscheidungen messbar.

Für Kitas und Grundschulen ergibt sich daraus ein wichtiger Auftrag. Bildungspartnerschaften mit Eltern beschränken sich nicht auf Entwicklungsgespräche oder Elternabende. Sie können auch dazu beitragen, Bildungswege sichtbar zu machen, Unsicherheiten abzubauen und Familien beim Zugang zu Unterstützungsangeboten zu begleiten.

Bildungsgerechtigkeit bleibt eine zentrale Herausforderung

Der Bildungsbericht 2026 beschreibt ein Bildungssystem, das insgesamt leistungsfähiger und vielfältiger geworden ist. Gleichzeitig gelingt es bislang nicht ausreichend, die Chancen von Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zu gestalten.

Gerade deshalb kommt den frühen Bildungsinstitutionen eine Schlüsselrolle zu. In Kindertageseinrichtungen und Grundschulen werden grundlegende Kompetenzen aufgebaut, Bildungsinteressen geweckt und Selbstvertrauen gestärkt. Hier entstehen häufig die Voraussetzungen dafür, ob Kinder ihre Potenziale später entfalten können.

Die Ergebnisse des Bildungsberichts legen nahe, dass Investitionen in die frühe Bildung nicht nur den einzelnen Kindern zugutekommen. Sie wirken sich auf den gesamten weiteren Bildungsweg aus und können langfristig dazu beitragen, soziale Ungleichheiten zu verringern.

Fachkräfte können Bildungswege nachhaltig beeinflussen

Die Daten des Bildungsberichts machen deutlich, dass Bildungsgerechtigkeit nicht erst an weiterführenden Schulen oder Hochschulen beginnt. Sie beginnt dort, wo Kinder ihre ersten Bildungserfahrungen sammeln: in Familien, Kindertageseinrichtungen und Grundschulen.

Pädagogische Fachkräfte erleben täglich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, mit denen Kinder in Bildungseinrichtungen kommen. Gleichzeitig zeigen Forschung und Bildungsbericht, dass frühe Unterstützung, verlässliche Beziehungen und eine hochwertige Bildungsbegleitung einen entscheidenden Unterschied machen können.

Die Botschaft des Bildungsberichts ist deshalb auch eine Bestätigung für die Arbeit in Kitas und Grundschulen: Frühkindliche Bildung und Grundbildung gehören zu den wirksamsten Hebeln für mehr Chancengerechtigkeit in Deutschland.

Quelle: Bildung in Deutschland 2026. Nationaler Bildungsbericht der Autorengruppe Bildungsberichterstattung unter Federführung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.




Körperliche Strafen schaden Kindern – Folgen für Verhalten und Schulerfolg

Neue Langzeitstudie belegt: Schon gelegentliches Schlagen erhöht Risiko für Aggressionen und schwächere Bildungsabschlüsse

Viele Eltern greifen in stressigen Situationen zu Maßnahmen, die sie selbst als Kinder erlebt haben: ein Klaps auf die Hand, ein Schlag auf den Po oder eine Ohrfeige. Oft geschieht dies in der Annahme, körperliche Strafen würden Kindern Grenzen aufzeigen oder unerwünschtes Verhalten wirksam unterbinden. Eine aktuelle Langzeitstudie des University College London (UCL) kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Körperliche Bestrafung zeigt keine nachweisbaren Vorteile – stattdessen erhöht sie das Risiko für Verhaltensprobleme und schlechtere Bildungsergebnisse bis weit in die Jugend hinein.

Die Untersuchung zählt zu den umfangreichsten britischen Studien zu diesem Thema und liefert neue Hinweise darauf, wie stark das Verhalten von Eltern die Entwicklung ihrer Kinder beeinflussen kann.

Fast 19.000 Kinder über viele Jahre begleitet

Für die Studie werteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten der sogenannten Millennium Cohort Study aus. Dabei handelt es sich um eine groß angelegte Langzeituntersuchung, die rund 19.000 Kinder begleitet, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden. Zusätzlich wurden Bildungsdaten aus der National Pupil Database einbezogen.

Die Forschenden analysierten, ob Kinder im Alter von drei, fünf oder sieben Jahren körperlich bestraft worden waren und wie sich dies später auf ihre Entwicklung auswirkte. Besonderes Augenmerk lag auf schulischen Leistungen und sozialem Verhalten während der Jugend.

Schlechtere Bildungsergebnisse bei körperlicher Bestrafung

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen körperlicher Bestrafung in der frühen Kindheit und späteren schulischen Schwierigkeiten.

Kinder, die im Alter von drei, fünf oder sieben Jahren körperliche Strafen erlebt hatten, erreichten häufiger keine grundlegenden Bildungsabschlüsse als Gleichaltrige ohne solche Erfahrungen. Die Wahrscheinlichkeit, wichtige Schulabschlüsse nicht zu schaffen, lag bei diesen Kindern deutlich höher.

Die Forschenden errechneten, dass körperlich bestrafte Kinder um 5,7 Prozentpunkte häufiger die schulischen Mindestanforderungen verfehlten. Anders ausgedrückt: Fast die Hälfte der betroffenen Kinder erreichte die angestrebten Bildungsziele nicht.

Die Studienautorinnen und -autoren weisen darauf hin, dass schulischer Erfolg von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Dennoch blieb der Zusammenhang auch nach Berücksichtigung sozialer und familiärer Unterschiede bestehen.

Aggressionen nehmen deutlich zu

Besonders auffällig waren die Ergebnisse beim Sozialverhalten.

Kinder, die zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr körperlich bestraft worden waren, zeigten mit 14 Jahren deutlich häufiger aggressives Verhalten. Die Wahrscheinlichkeit, andere Kinder zu schlagen, zu schubsen oder zu drangsalieren, lag nach Angaben der Forschenden um etwa 35 bis 40 Prozent höher.

Damit bestätigt die Untersuchung frühere internationale Studien, die darauf hinweisen, dass Kinder durch körperliche Bestrafung lernen können, Konflikte mit Gewalt zu lösen.

Die leitende Wissenschaftlerin Dr. Anja Heilmann vom University College London betont:

„Es gibt keine Hinweise darauf, dass körperliche Bestrafung Kindern nützt. Stattdessen sehen wir Zusammenhänge mit einer Reihe negativer kurz- und langfristiger Folgen.“

Die Ergebnisse unterstützen damit die Annahme vieler Entwicklungspsychologinnen und Entwicklungspsychologen, dass Kinder Verhaltensweisen vor allem durch Beobachtung und Nachahmung lernen. Werden Konflikte durch körperliche Gewalt gelöst, kann dies zu einer entsprechenden Verhaltensübernahme führen.

Warum Kinder auf körperliche Strafen reagieren

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist die Wirkung körperlicher Bestrafung nachvollziehbar. Zwar kann ein Schlag kurzfristig dazu führen, dass ein Kind ein bestimmtes Verhalten beendet. Langfristig lernt das Kind jedoch nicht unbedingt, warum sein Verhalten problematisch war.

Stattdessen können Angst, Scham oder Unsicherheit entstehen. Gleichzeitig wird die Beziehung zwischen Eltern und Kind belastet. Viele Fachleute gehen davon aus, dass eine sichere Bindung und respektvolle Kommunikation wesentlich wirksamer für die Entwicklung von Selbstkontrolle und sozialer Kompetenz sind.

Internationale Forschungsergebnisse zeigen seit Jahren, dass positive Erziehungsstrategien – etwa klare Regeln, konsequente Begleitung, Ermutigung und altersgerechte Erklärungen – nachhaltigere Wirkungen erzielen als körperliche Strafen.

Kinder lernen am Vorbild ihrer Eltern

Die neue Untersuchung macht erneut deutlich, wie stark das Verhalten von Eltern die Entwicklung ihrer Kinder prägt.

Kinder beobachten täglich, wie Erwachsene mit Frustration, Konflikten und schwierigen Situationen umgehen. Werden Probleme mit körperlicher Gewalt beantwortet, kann dies die Botschaft vermitteln, dass Gewalt ein akzeptables Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen ist.

Umgekehrt lernen Kinder durch einfühlsame Grenzsetzung, Konflikte verbal zu lösen, Gefühle zu regulieren und Rücksicht auf andere zu nehmen.

Bewertung der Studie

Die vorliegende Untersuchung besitzt mehrere wissenschaftliche Stärken.

Erstens basiert sie auf einer sehr großen Stichprobe von rund 19.000 Kindern. Dadurch sind statistische Zusammenhänge zuverlässiger erkennbar als in kleineren Untersuchungen.

Zweitens handelt es sich um eine Langzeitstudie. Die Kinder wurden über viele Jahre hinweg begleitet, wodurch Entwicklungen vom Vorschulalter bis in die Jugend nachvollzogen werden konnten.

Drittens berücksichtigten die Forschenden zahlreiche familiäre und soziale Einflussfaktoren. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass die Ergebnisse allein durch Unterschiede im sozialen Hintergrund erklärt werden können.

Gleichzeitig sollten die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden. Die Studie weist Zusammenhänge nach, kann jedoch nicht mit letzter Sicherheit beweisen, dass körperliche Bestrafung allein die Ursache für spätere Bildungs- und Verhaltensprobleme ist. Andere Faktoren innerhalb der Familie können ebenfalls eine Rolle spielen.

Dennoch fügen sich die Befunde in ein inzwischen sehr umfangreiches internationales Forschungsbild ein. Zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Körperliche Bestrafung bringt keine erkennbaren Vorteile für die Entwicklung von Kindern, ist aber mit erhöhten Risiken für emotionale, soziale und schulische Probleme verbunden.

Klare Botschaft für Erziehende

Die Studie liefert eine klare Botschaft: Kinder profitieren von einer Erziehung, die auf Respekt, Beziehung und Orientierung setzt statt auf körperliche Strafen.

Grenzen bleiben wichtig. Entscheidend ist jedoch, wie sie vermittelt werden. Eltern, die ruhig bleiben, Regeln erklären und konsequent handeln, fördern nicht nur die Zusammenarbeit ihrer Kinder, sondern unterstützen auch deren soziale und emotionale Entwicklung langfristig.

Quellen

Heilmann, A. et al. (2026): Physical punishment, educational attainment and behavioural outcomes in childhood and adolescence. University College London (UCL), London.

Millennium Cohort Study (MCS), UCL Centre for Longitudinal Studies.

NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children): Begleitende Veröffentlichung zur Studie.

Berichterstattung: The Independent, News Letter, Juli 2026.




Nationaler Preis – Bildung für nachhaltige Entwicklung 2027: Bewerbungsphase gestartet

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Bewerbungen bis Mitte August 2026 möglich

Initiativen, Projekte und Einrichtungen aus ganz Deutschland können sich ab sofort für den „Nationalen Preis – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ bewerben. Das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie die Deutsche UNESCO-Kommission vergeben die Auszeichnung im Jahr 2027 bereits zum vierten Mal. Bewerbungsschluss ist der 15. August 2026.

Mit dem Preis werden Projekte gewürdigt, die Menschen dazu befähigen, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Ziel ist es, die Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2030 aktiv zu unterstützen.

Bundesbildungsministerin Karin Prien erklärt: „Nachhaltigkeit beginnt mit Bildung. Wer heute lernt, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, gestaltet die Welt von morgen aktiv mit. Der Nationale Preis für Bildung für nachhaltige Entwicklung macht sichtbar, wie innovative Initiativen Menschen dazu befähigen, Zukunft verantwortungsvoll und gemeinsam zu gestalten.“

Auch Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, unterstreicht die Bedeutung des Engagements: „Unser Nachhaltigkeitspreis rückt die vielen engagierten Bildungsinitiativen in den Mittelpunkt, die sich im ganzen Land für eine lebenswerte Zukunft in einer intakten Umwelt stark machen. Sie zeigen uns, wie wir Wissen teilen, voneinander lernen und eine gemeinsame Vision für ein besseres Morgen entwickeln können.“

Zehn Auszeichnungen mit jeweils 10.000 Euro Preisgeld

Über die Vergabe der Auszeichnungen entscheidet eine unabhängige Jury aus Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft, öffentlichem Leben und Zivilgesellschaft. Insgesamt werden zehn Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt.

Jeweils drei Auszeichnungen werden in den Kategorien „Lernorte“, „Bildungslandschaften“ und „Multiplikator*innen“ vergeben. Zusätzlich wird eine Initiative mit dem Sonderpreis in der Kategorie „Newcomer“ ausgezeichnet. Jede prämierte Initiative erhält ein Preisgeld von 10.000 Euro. Die feierliche Preisverleihung ist für das erste Halbjahr 2027 geplant.

Bildung als Schlüssel für nachhaltige Entwicklung

Der Nationale Preis wird 2027 bereits zum vierten Mal verliehen. Seit der Einführung konnten bereits 30 Initiativen und Projekte für ihren Beitrag zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele und zur Umsetzung des UNESCO-Programms „BNE 2030“ ausgezeichnet werden.

Bildung für nachhaltige Entwicklung vermittelt Kompetenzen, die Menschen dabei unterstützen, die Folgen ihres Handelns für kommende Generationen und andere Regionen der Welt besser einzuschätzen. Das UNESCO-Programm „BNE 2030“ verfolgt das Ziel, nachhaltige Bildung dauerhaft im gesamten Bildungssystem zu verankern. In Deutschland erfolgt die Umsetzung auf Grundlage des Nationalen Aktionsplans Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Weitere Informationen zur Bewerbung

Interessierte Initiativen können ihre Bewerbung bis zum 15. August 2026 online einreichen. Ausführliche Informationen zum Bewerbungsverfahren stellt die Deutsche UNESCO-Kommission auf ihrer Internetseite bereit.

www.unesco.de/bne/bne-auszeichnung


31 Initiativen erhielten 2026 die Nationale Auszeichnung

Bereits im April 2026 wurden 31 Initiativen mit der „Nationalen Auszeichnung – Bildung für nachhaltige Entwicklung“ geehrt. Die Auszeichnung würdigt innovative Bildungsangebote und Lernkonzepte, die Nachhaltigkeit erfolgreich in der deutschen Bildungslandschaft verankern.

Zu den ausgezeichneten Organisationen zählten unter anderem der Fußballverein FC Gelsenkirchen-Schalke 04, die internationale Jugendbewegung Plant-for-the-Planet sowie arche noVa – Initiative für Menschen in Not e. V. aus Dresden.

Zur Preisverleihung erklärte Bundesbildungsministerin Karin Prien: „Die in Dresden ausgezeichneten Initiativen zeigen eindrucksvoll, wie Bildung für nachhaltige Entwicklung Menschen zusammenbringt und Verantwortung stärkt. Sie schaffen Lernorte, an denen Zukunftskompetenzen vermittelt und demokratische Werte gelebt werden. Gerade in Zeiten großer gesellschaftlicher Herausforderungen leisten sie damit einen wichtigen Beitrag für Zusammenhalt, Teilhabe und lebendigen Austausch.“

Maria Böhmer ergänzte: „In den ausgezeichneten BNE-Initiativen spiegelt sich die Vielfalt unserer Gesellschaft. Von Kitas, Schulen und Hochschulen über Vereine, Stiftungen und Unternehmen bis hin zu Sport und Umweltbildung zeigt dieser vielseitige Einsatz: Bildung für nachhaltige Entwicklung ist kein Nischenthema, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen relevant. Für dieses wichtige Engagement danke ich allen Ausgezeichneten sehr herzlich.“

2026 Ausgezeichnete Organisationen und Initiativen

Abteilung Bildung für nachhaltige Entwicklung / Globales Lernen – arche noVa – Initiative für Menschen in Not e.V.Externer Link: (Dresden, Sachsen)

Bildungsinitiative 3malE – Lechwerke AGExterner Link: (Augsburg, Bayern)

DAUCUM gUG für Biodiversitätsbildung und -forschungExterner Link: (Potsdam, Brandenburg)

Dein Engagement. Deine Chance. Nachwuchsjournalismus für die Umwelt – Junge Presse Nordrhein-Westfalen e.V.Externer Link: (Essen, Nordrhein-Westfalen)

Energieseminar e.V.Externer Link: (Berlin)

Erlebnisbauernhof FleckenbühlExterner Link: (Cölbe, Hessen)

FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V.Externer Link: (Gelsenkirchen, Nordrhein-Westfalen)

FIRST LEGO League – HANDS on TECHNOLOGY e.V.Externer Link: (Leipzig, Sachsen)

Grundschule BingenExterner Link: (Bingen, Baden-Württemberg)

Haus Gänseblümchen e.V.Externer Link: (Hamburg)

HERAUSFORDERUNG einfach machen gGmbHExterner Link: (Potsdam, Brandenburg)

JANUN Hannover e.V.Externer Link: (Hannover, Niedersachsen)

Kita „Die Schatztruhe“Externer Link: (Wiedemar, Sachsen)

Kita im Aufbruch – Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern e.V.Externer Link: (Hilpoltstein, Bayern)

Landweg e.V.Externer Link: (Groß Pankow (Prignitz), Brandenburg)

MAIZ – treemedia e.V.Externer Link: (Berlin)

Netzwerk der Nachhaltigkeitsschulen – Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA)Externer Link: (Halle (Saale), Sachsen-Anhalt)

Plant-for-the-Planet FoundationExterner Link: (Tutzing, Bayern)

Research and Innovation in Sustainable Land Management in Africa – Hochschule Bonn‑Rhein‑Sieg / IZNEExterner Link: (Sankt Augustin, Nordrhein-Westfalen)

RESTLOS GLÜCKLICH e.V.Externer Link: (Berlin)

Schulbauernhof Hutzelberg – Ökologische Hofherberge gGmbHExterner Link: (Bad Sooden-Allendorf, Hessen)

Schülerfirma Woody’s – das innovative Holzdesign – Richard‑Wagner‑GymnasiumExterner Link: (Baden-Baden, Baden-Württemberg)

Sozial‑ökologische Bildung für nachhaltige Entwicklung im Sachunterricht der Grundschule – Universität Kassel / Humboldt‑Universität BerlinExterner Link: (Kassel, Hessen / Berlin)

Soziale Stadtimkerei Mainz – Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen gGmbHExterner Link: (Mainz, Rheinland-Pfalz)

Tropengewächshaus Witzenhausen der Universität KasselExterner Link: (Witzenhausen, Hessen)

Umweltbildungsort Gertrudenhof e.V.Externer Link: (Hürth, Nordrhein-Westfalen)

Unabhängiges Institut für Umweltfragen e.V.Externer Link: (Berlin)

UNESCO Global Geopark Thüringen Inselsberg – Drei GleichenExterner Link: (Friedrichroda, Thüringen)

Veex erfahrungsorientiertes Lehren und Lernen e.V.Externer Link: (Hagen, Nordrhein-Westfalen)

WWOOF Deutschland e.V. – Bildung für nachhaltige Entwicklung auf ökologischen HöfenExterner Link: (Neukalen, Mecklenburg-Vorpommern)

Zukunftsbibliotheken‑SH – Landesverband Bibliotheken SH e.V.Externer Link: (Rendsburg, Schleswig-Holstein)

Quelle: Pressemitteilung Deutsche UNESCO-Kommission e. V.




Mehr Draußenspiel im Kindergartenalter stärkt die psychische Gesundheit

Schon ein zusätzlicher Tag draußen pro Woche kann laut einer Langzeitstudie Kinder nachhaltig schützen

Kinder, die zwischen ihrem zweiten und vierten Lebensjahr häufiger draußen spielen, entwickeln deutlich seltener emotionale und Verhaltensprobleme im späteren Kindesalter. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Langzeitstudie der University of Exeter, die im renommierten Journal of Child Psychology and Psychiatry veröffentlicht wurde. Die Forschenden fanden heraus, dass bereits ein zusätzlicher Tag mit Outdoor-Spiel pro Woche die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder bis zum Alter von acht Jahren eine stabile psychische Gesundheit aufweisen. Demnach kann freies Spielen im Freien ein entscheidender Baustein für die seelische Entwicklung von Kindern sein.

Über 4.000 Kinder über mehrere Jahre begleitet

Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten von 4.151 Kindern aus der schottischen Langzeitstudie „Growing Up in Scotland“ aus. Dabei wurde erfasst, wie häufig die Kinder im Alter von zwei, drei und vier Jahren draußen spielten. Anschließend untersuchten die Forschenden ihre psychische Gesundheit im Alter von vier, fünf, sechs und acht Jahren.

Berücksichtigt wurden sowohl sogenannte externalisierende Probleme wie Aggressivität, Impulsivität und Hyperaktivität als auch internalisierende Schwierigkeiten wie Ängste, Sorgen oder depressive Symptome. Die Auswertung zeigte einen klaren Zusammenhang: Kinder, die häufiger draußen spielten, gehörten deutlich häufiger zu jener Gruppe, die während der gesamten Kindheit nur sehr geringe psychische Belastungen aufwies. Je nach Alter erhöhte jeder zusätzliche Tag mit Draußenspiel pro Woche die Wahrscheinlichkeit für einen günstigen psychischen Entwicklungsverlauf um sechs bis 14 Prozent.

Einfach, wirksam und kostengünstig

Besonders bemerkenswert ist, dass die Forschenden zahlreiche andere Einflussfaktoren statistisch herausrechneten. Berücksichtigt wurden unter anderem Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Bildungsniveau der Familie, körperliche Erkrankungen des Kindes, die Erwerbstätigkeit der Eltern sowie der Zugang zu Grünflächen oder einem eigenen Garten.

Trotz dieser Kontrolle blieb der Zusammenhang zwischen Draußenspiel und psychischer Gesundheit bestehen. Das spricht dafür, dass das Spielen im Freien selbst eine eigenständige Rolle für die seelische Entwicklung von Kindern spielen könnte.

Studienleiterin Professorin Helen Dodd von der University of Exeter betont die gesellschaftliche Bedeutung der Ergebnisse. Sie erklärt: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass mehr Möglichkeiten zum Spielen im Freien eine einfache und kostengünstige Möglichkeit sein könnten, die psychische Gesundheit von Kindern zu fördern.“ Zugleich fordert sie Investitionen in Spielplätze, Parks und frei zugängliche Grünflächen. Gerade Familien ohne eigenen Garten seien auf solche öffentlichen Räume angewiesen.

Warum draußen spielen so wichtig sein könnte

Die aktuelle Studie untersuchte nicht die genauen Ursachen des Zusammenhangs. Frühere Forschungsarbeiten liefern jedoch einige plausible Erklärungen.

Draußen bewegen sich Kinder meist intensiver, erleben vielfältige Sinneseindrücke und kommen häufiger mit anderen Kindern in Kontakt. Gleichzeitig bietet die Natur Raum für selbstbestimmtes, kreatives und oft auch risikoreiches Spiel. Solche Erfahrungen fördern nachweislich Selbstwirksamkeit, Problemlösefähigkeiten und emotionale Regulation. Zudem berichten viele Studien von positiven Effekten auf Stressbewältigung, Konzentration und Resilienz. Und nicht zuletzt sorgt Bewegung auch für körperliche Fitness.

Insbesondere das freie, nicht durch Erwachsene vorstrukturierte Spiel gilt als wichtiger Entwicklungsraum. Hier lernen Kinder, Konflikte auszuhandeln, Risiken einzuschätzen und eigene Entscheidungen zu treffen – Kompetenzen, die langfristig auch ihre psychische Stabilität unterstützen können.

Fachleute sehen Handlungsbedarf

Auch außerhalb der Wissenschaft stoßen die Ergebnisse auf große Zustimmung. Marguerite Hunter Blair, Vorsitzende des britischen Children’s Play Policy Forum, bezeichnet die Studie als wichtigen Beleg für den langfristigen Nutzen früher Spielerfahrungen.„Diese Ergebnisse zeigen deutlich die Bedeutung spielbasierter Frühinterventionen für die psychische Gesundheit von Vorschulkindern.“, erklärt Blair. Aus ihrer Sicht sollten Regierungen und Kommunen deutlich stärker in attraktive Spielräume investieren und Kindern mehr Möglichkeiten für freies Spielen im Freien schaffen.

Bewertung der Studie

Die neue Untersuchung gehört zu den bislang aussagekräftigsten Arbeiten zum Zusammenhang zwischen Outdoor-Spiel und psychischer Gesundheit im Kindesalter. Besonders hervorzuheben sind die große Stichprobe von mehr als 4.000 Kindern, der bevölkerungsrepräsentative Ansatz sowie die mehrjährige Nachbeobachtung.

Ein weiterer Pluspunkt besteht darin, dass zahlreiche familiäre und soziale Einflussfaktoren berücksichtigt wurden. Dadurch wird die Aussagekraft der Ergebnisse deutlich erhöht.

Gleichzeitig handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Sie kann daher keine endgültige Ursache-Wirkungs-Beziehung beweisen. Es bleibt möglich, dass weitere bislang nicht erfasste Faktoren eine Rolle spielen. Dennoch fügen sich die Ergebnisse sehr gut in die wachsende internationale Forschung ein, die die Bedeutung von Naturerfahrungen, freiem Spiel und regelmäßigem Aufenthalt im Freien für die gesunde Entwicklung von Kindern hervorhebt.


cover-krenz-spiel

SPIEL und SELBSTBILDUNG
Kitas brauchen eine pädagogische Revolution

Autor: Krenz, Armin
22,00 €
Verlag: ObersteBrink
ISBN: 9783963046162


Mehr Zeit draußen könnte eine einfache Präventionsmaßnahme sein

Die Studie liefert einen bemerkenswert einfachen Ansatz zur Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern: mehr Zeit zum Spielen im Freien. Während viele Präventionsprogramme aufwendig und kostenintensiv sind, könnte bereits regelmäßiges Draußenspiel einen wichtigen Beitrag dazu leisten, emotionale Probleme und Verhaltensauffälligkeiten langfristig zu reduzieren.

Für Familien, Kindertageseinrichtungen und Kommunen ergibt sich daraus eine klare Botschaft: Kinder brauchen vor allem ausreichend Zeit, Platz und Freiheit zum Spielen unter freiem Himmel.

Quelle: University of Exeter; Dodd HF et al. (2026): Early outdoor play predicts trajectories of child mental health in a population-based cohort. Journal of Child Psychology and Psychiatry.

Weitere Informationen zur Studie rund ums Draußenspielen.

Gernot Körner




Regelmäßiger Schlaf stärkt Sprache und Gedächtnis bei Kindern

Nicht nur die Schlafdauer, sondern vor allem feste Schlafzeiten sind entscheidend für die kindliche Entwicklung

Werden Kindergartenkinder jeden Abend zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett gebracht oder schwankt ihre Schlafdauer stark, kann dies messbare Folgen für ihre Sprachentwicklung und ihr Gedächtnis haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der University of Massachusetts Amherst. Die Forschenden fanden heraus, dass bereits vergleichsweise geringe Unregelmäßigkeiten im Schlafrhythmus mit schlechteren Leistungen bei Wortschatztests und Aufgaben zum räumlichen Gedächtnis zusammenhängen. Bemerkenswert ist dabei, dass diese Zusammenhänge auch dann bestehen blieben, wenn die insgesamt geschlafene Zeit statistisch berücksichtigt wurde.

Die Untersuchung zeigte, dass Kinder mit stärker schwankenden Schlafzeiten geringere Werte beim rezeptiven Wortschatz erreichten. Auch die Leistungen im visuospatialen Gedächtnis – also der Fähigkeit, sich räumliche Informationen und Anordnungen zu merken – waren bei Kindern mit unregelmäßigem Schlaf schlechter. Dagegen fanden die Forschenden überraschenderweise keinen Zusammenhang zwischen Schlafunregelmäßigkeiten und der sogenannten exekutiven Aufmerksamkeit. Offenbar reagieren verschiedene Bereiche der kindlichen Kognition unterschiedlich empfindlich auf Schlafschwankungen.

Schlafregelmäßigkeit verdient mehr Aufmerksamkeit

Die Ergebnisse erweitern das bisherige Verständnis von gesundem Kinderschlaf. Während Empfehlungen für Eltern häufig vor allem die tägliche Schlafdauer betonen, rückt die neue Untersuchung einen weiteren Aspekt in den Vordergrund: die Regelmäßigkeit des Schlaf-Wach-Rhythmus.

„Kinder mit unregelmäßigeren Schlafmustern schnitten bei Sprach- und Gedächtnisaufgaben tendenziell schlechter ab – selbst dann, wenn die gesamte Schlafdauer berücksichtigt wurde“, sagte die Hauptautorin der Studie, Karolina Rusin, Doktorandin an der Universität. „Diese Ergebnisse stärken die wachsende wissenschaftliche Evidenz dafür, dass nicht nur die Schlafdauer, sondern auch die Regelmäßigkeit des Schlafs eine wichtige Rolle für eine gesunde Entwicklung von Kindern spielt.“ Die Daten legen nahe, dass das kindliche Gehirn nicht nur ausreichend Schlaf benötigt, sondern auch von verlässlichen biologischen Rhythmen profitiert.

Die Erkenntnisse passen zu einer Vielzahl früherer Forschungsarbeiten, die zeigen, dass Schlaf eine zentrale Rolle bei der Gedächtniskonsolidierung spielt. Während des Schlafs werden neu erworbene Informationen verarbeitet, stabilisiert und langfristig gespeichert. Dies gilt insbesondere für sprachliche Lernprozesse und Gedächtnisleistungen. Bereits frühere Untersuchungen konnten nachweisen, dass Schlaf die Speicherung neuer Wörter, Regeln und Erfahrungen unterstützt.

Warum unregelmäßiger Schlaf das Lernen erschweren könnte

Aus neurobiologischer Sicht könnte ein unregelmäßiger Schlafrhythmus die Prozesse der Gedächtnisbildung beeinträchtigen. Forschende gehen davon aus, dass das Gehirn während bestimmter Schlafphasen wichtige Informationen des Tages erneut aktiviert und festigt. Werden Schlafzeiten ständig verschoben, könnten diese biologischen Abläufe gestört werden.

Bereits frühere Untersuchungen bei Kleinkindern zeigten, dass unregelmäßiger Schlaf mit weniger effizienter neuronaler Informationsverarbeitung und Aufmerksamkeitssteuerung verbunden sein kann. Dabei wurden Veränderungen in Hirnaktivitätsmustern beobachtet, die mit Lern- und Aufmerksamkeitsleistungen zusammenhängen.

Für die Sprachentwicklung könnte dies besonders relevant sein. Der Erwerb neuer Wörter und Bedeutungen gehört zu den zentralen Entwicklungsaufgaben im Kindergartenalter. Wenn die nächtliche Verarbeitung neuer sprachlicher Informationen beeinträchtigt wird, könnten sich Nachteile bei Wortschatz und Sprachverständnis ergeben. Die aktuelle Studie liefert hierfür nun weitere Hinweise.

Bewegungen von 379 Kindern aufgezeichnet

An der Untersuchung nahmen 379 Kindergartenkinder mit einem Durchschnittsalter von 4,3 Jahren teil. Die Schlafmuster wurden mithilfe der sogenannten Aktigraphie erfasst. Dabei tragen die Kinder ein kleines Messgerät am Körper, das Bewegungen aufzeichnet und daraus Schlaf- und Wachphasen ableitet.

Die Forschenden untersuchten mehrere Kennwerte der Schlafregelmäßigkeit. Dazu gehörten Schwankungen der Schlafmitte – also des zeitlichen Mittelpunkts zwischen Einschlafen und Aufwachen –, Unterschiede in der Schlafdauer von Nacht zu Nacht sowie der sogenannte „soziale Jetlag“. Dieser beschreibt die Differenz zwischen Schlafzeiten an Werktagen und an freien Tagen.

Die kognitiven Fähigkeiten wurden mit etablierten Testverfahren gemessen. Der rezeptive Wortschatz wurde mithilfe des Peabody Picture Vocabulary Tests erfasst. Zusätzlich prüften die Forschenden das räumliche Gedächtnis mit einer Gedächtnisaufgabe sowie die exekutive Aufmerksamkeit mit einer altersangepassten Flanker-Aufgabe.

Im Durchschnitt schwankte die Schlafdauer der Kinder um etwa 60 Minuten. Die Schlafmitte variierte um rund 32 Minuten. Bereits diese Unterschiede reichten aus, um statistisch bedeutsame Zusammenhänge mit Sprach- und Gedächtnisleistungen sichtbar zu machen.

Stärken und Schwächen der Studie

Die Studie weist mehrere Stärken auf. Besonders hervorzuheben ist die vergleichsweise große Stichprobe von 379 Kindern. Zudem wurde der Schlaf nicht über Elternfragebögen erfasst, sondern objektiv mittels Aktigraphie gemessen. Dadurch lassen sich Schlafmuster deutlich präziser bestimmen als durch Selbstauskünfte oder Erinnerungen der Eltern.

Ebenfalls positiv ist, dass die Forschenden die Gesamt-Schlafdauer statistisch kontrollierten. Dadurch konnten sie zeigen, dass die beobachteten Effekte tatsächlich mit der Regelmäßigkeit des Schlafs zusammenhängen und nicht lediglich mit zu wenig Schlaf.

Gleichzeitig sind einige Einschränkungen zu beachten. Die Ergebnisse beruhen auf Beobachtungsdaten und erlauben daher keine endgültigen Aussagen über Ursache und Wirkung. Es ist möglich, dass weitere Faktoren – etwa familiäre Routinen, soziale Rahmenbedingungen oder Unterschiede im Tagesablauf – die Zusammenhänge teilweise mit beeinflussen. Zudem lagen für einzelne kognitive Tests deutlich kleinere Teilstichproben vor als für die Gesamtuntersuchung.

Dennoch liefern die Daten wichtige Hinweise darauf, dass regelmäßige Schlafenszeiten im Vorschulalter eine bedeutende Rolle für die Entwicklung von Sprache und Gedächtnis spielen könnten. Die Studie ergänzt damit die wachsende wissenschaftliche Evidenz, dass guter Kinderschlaf weit mehr umfasst als nur ausreichend viele Stunden im Bett.

Quelle: Karolina Rusin et al., Irregular Sleep Impairs Verbal and Memory Abilities in Early Childhood, Präsentation auf der Jahrestagung SLEEP 2026, Associated Professional Sleep Societies, Baltimore, USA. https://neurosciencenews.com/irregular-sleep-memory-learning-30818/




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