Impfschutz für Kinder: Warum vollständige Impfungen wichtig sind

Die Stiftung Kindergesundheit mahnt zu rechtzeitigem Impfen nach STIKO-Impfkalender – trotz hoher Impfquoten bestehen Lücken

Impfungen zählen zu den wirksamsten Maßnahmen, um Kinder vor schweren Infektionskrankheiten zu schützen. Dennoch werden in Deutschland viele Impfserien nicht rechtzeitig oder nicht vollständig abgeschlossen. Darauf weist die Stiftung Kindergesundheit hin. Sie empfiehlt Eltern, sich konsequent am aktuellen Impfkalender der Ständige Impfkommission (STIKO) zu orientieren.

Hohe Impfquoten – aber nicht immer vollständig

Die Impfbereitschaft in Deutschland ist grundsätzlich hoch. 2024 hatten 96 Prozent der Kinder bis zum Alter von 15 Monaten mit der Grundimmunisierung gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Kinderlähmung begonnen. Doch bis zum zweiten Geburtstag waren nur rund drei Viertel der Kinder vollständig immunisiert.

Auch bei der Masernimpfung zeigen sich Lücken: Zwar erhielten 87 Prozent der Kinder bis zum Alter von 15 Monaten die erste Dosis, doch mehr als ein Fünftel hatte zum zweiten Geburtstag noch keine zweite Impfung erhalten. Erst im Schulalter werden Impfquoten von über 90 Prozent erreicht.

Internationale Entwicklungen verdeutlichen die Folgen unzureichender Impfquoten. Großbritannien gilt nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation nicht mehr als masernfrei. Auch in Deutschland treten weiterhin regionale Masern-Ausbrüche auf.

Schutz vor schweren Erkrankungen

Impfstoffe schützen vor Krankheitserregern, gegen die es oft nur begrenzte Behandlungsmöglichkeiten gibt. Eine Tetanus-Infektion endet beispielsweise noch immer bei etwa zehn bis zwanzig Prozent der Erkrankten tödlich. Selbst vermeintlich harmlose Erkrankungen wie Masern können schwere Komplikationen verursachen, darunter Lungenentzündungen oder bleibende neurologische Schäden.

Nach Angaben der Stiftung Kindergesundheit sind viele Infektionskrankheiten heute nur deshalb selten geworden, weil über Jahrzehnte hinweg konsequent geimpft wurde. Impfungen tragen nicht nur zum individuellen Schutz bei, sondern reduzieren auch die Verbreitung von Erregern in der Bevölkerung.

Gemeinschaftsschutz durch hohe Impfquoten

Wenn ein großer Teil der Bevölkerung immun ist, kann sich ein Erreger deutlich schwerer ausbreiten. Dieser sogenannte Gemeinschaftsschutz – auch Herdenimmunität genannt – ist besonders wichtig für Säuglinge, chronisch kranke Kinder oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem, die selbst nicht ausreichend geschützt werden können.

Ein vollständiger Impfschutz trägt somit nicht nur zur individuellen Sicherheit bei, sondern schützt auch vulnerable Gruppen.

Besondere Impflücken bei Jugendlichen

Während viele Standardimpfungen im frühen Kindesalter begonnen werden, bestehen vor allem bei Jugendlichen weiterhin Defizite. Nur etwa 50 Prozent der Mädchen und rund ein Drittel der Jungen verfügen über einen vollständigen Schutz gegen Humane Papillomviren (HPV). Damit fehlt vielen jungen Menschen ein wichtiger Schutz vor HPV-bedingten Krebserkrankungen.

Auch empfohlene Auffrischimpfungen gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Kinderlähmung werden häufig nicht wahrgenommen.

Positive Entwicklungen und neue Empfehlungen

Erfreulich ist die Entwicklung bei der RSV-Prophylaxe im Säuglingsalter: Mehr als die Hälfte der zwischen April und September 2024 geborenen Kinder war in ihrer ersten RSV-Saison bereits geschützt.

Mit dem Impfkalender 2026 hat die STIKO ihre Empfehlungen aktualisiert. Neu aufgenommen oder angepasst wurden unter anderem Empfehlungen zur Meningokokken-Impfung im Jugendalter, zur RSV-Prophylaxe für Säuglinge sowie erweiterte Hinweise zur Herpes-Zoster-Impfung für bestimmte Risikogruppen.

Die Stiftung Kindergesundheit rät Eltern, den Impfstatus ihrer Kinder regelmäßig überprüfen zu lassen und versäumte Impfungen möglichst zeitnah nachzuholen. Entscheidend ist, Impfserien vollständig und im empfohlenen Alter abzuschließen.




Zuckersteuer: Schutz für Kinder statt Schutz für Profite

Warum die Ablehnung einer Abgabe auf Süßgetränke vor allem die Jüngsten trifft – und was internationale Studien über wirksame Prävention zeigen.

Die Debatte über eine Zuckersteuer ist keine abstrakte fiskalpolitische Frage. Sie berührt einen Kernbereich öffentlicher Verantwortung: den Schutz von Kindern vor vermeidbaren Gesundheitsrisiken. Bereits heute ist etwa jedes vierte Kind oder jeder vierte Jugendliche in Deutschland übergewichtig, viele davon adipös. Adipositas im Kindesalter erhöht das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und orthopädische Probleme – oft mit lebenslangen Folgen.

Zuckerhaltige Getränke gelten als einer der zentralen Treiber dieser Entwicklung. Sie liefern hohe Mengen „freier Zucker“, ohne ein entsprechendes Sättigungsgefühl auszulösen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, die Aufnahme freier Zucker deutlich zu begrenzen – insbesondere bei Kindern.

Warum gerade Kinder besonders betroffen sind

Kinder reagieren sensibel auf süße Geschmacksreize; frühe Prägungen beeinflussen spätere Ernährungsgewohnheiten. Studien zeigen zudem, dass stark beworbene Softdrinks und Energy-Drinks besonders in sozial benachteiligten Gruppen verbreitet sind – also dort, wo auch das Risiko für Übergewicht höher ist.

Mediziner warnen seit Jahren vor den Folgen. Der Ärzteverband Marburger Bund sprach jüngst von einer „verpassten Chance für wirksame Prävention“, nachdem die CDU eine Zuckersteuer ablehnte. Wer den hohen Konsum zuckerhaltiger Getränke als Problem erkenne, dürfe sich nicht auf Appelle zur Eigenverantwortung beschränken. Gerade Kinder könnten sich dem Marktangebot und dem Werbedruck nicht entziehen.

Auch Zahnärzte verweisen auf konkrete Effekte: In Großbritannien sank nach Einführung der Soft Drinks Industry Levy die Zahl der Krankenhauseinweisungen von Kindern wegen schwerer Karies signifikant – bei unter Vierjährigen um mehr als ein Viertel. Das ist kein symbolischer, sondern ein messbarer gesundheitlicher Gewinn.

Die Argumente der Gegner – und ihre Schwächen

Eine Mehrheit auf dem CDU-Parteitag in Stuttgartt lehnte den Antrag dennoch ab, obwohl diesen ausgerechnet ein prominenter Parteifreund, Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther, eingebracht hatte. Unterstützt wurde er von fast 50 Verbänden, darunter medizinische Fachgesellschaften, Krankenkassen und Verbraucherschützer. Mehrere Delegierte betonten, man setze auf „Aufklärung statt Verbote“. Auch Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer erklärte, Steuererhöhungen seien nicht vorgesehen; stattdessen wirke eine freiwillige Reduktionsstrategie mit der Lebensmittelwirtschaft.

Diese Argumente verdienen eine differenzierte Betrachtung:

  1. „Aufklärung statt Bevormundung“
    Eine Zuckersteuer ist kein Verbot. Sie verändert Preissignale und schafft Anreize für Hersteller, Rezepturen anzupassen. Das britische Modell zeigt, dass Unternehmen vielfach reformulieren, um unter Steuergrenzen zu bleiben – ohne dass Produkte vom Markt verschwinden.
  2. „Freiwillige Selbstverpflichtung wirkt“
    Evaluierungen der bisherigen Reduktionsstrategie in Deutschland zeigen nur begrenzte Fortschritte. Ohne verbindliche Zielmarken bleiben Reduktionen oft moderat und langsam.
  3. „Übergewicht hat viele Ursachen“
    Richtig ist: Bewegungsmangel und sozioökonomische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Doch Multikausalität ist kein Argument gegen gezielte Einzelmaßnahmen – zumal zuckerhaltige Getränke als besonders relevante Quelle identifiziert sind.
  4. „Steuern treffen Verbraucher“
    Internationale Erfahrungen legen nahe, dass der gesundheitliche Nutzen insbesondere in sozial benachteiligten Gruppen hoch ist, da hier der Konsum besonders stark zurückgeht. Entscheidend ist die Ausgestaltung – etwa durch eine Staffelung nach Zuckergehalt.

Auffällig ist, dass wirtschaftsnahe Verbände – darunter Teile der Lebensmittelindustrie und landwirtschaftliche Interessenvertretungen – seit Jahren gegen fiskalische Eingriffe mobilisieren. Offiziell wird mit „Bürokratie“ und „Belastung der Verbraucher“ argumentiert. Kritiker sehen dahinter vor allem ökonomische Interessen: Eine verpflichtende Reformulierung oder sinkende Absatzmengen schmälern Gewinne.

Der Marburger Bund kritisierte die Parteitagsentscheidung scharf. Vorsitzende Susanne Johna sagte wörtlich:

„Wer den hohen Konsum zuckerhaltiger Erfrischungsgetränke als Problem erkennt, darf sich nicht auf Appelle zur Eigenverantwortung beschränken.“

Aus der Zahnmedizin kommt seit Jahren eine ähnliche Stoßrichtung: Die British Dental Association (BDA) kommentierte neue Evidenz zur Zuckerabgabe mit dem Tenor, die „sugar levy“ liefere messbare Gewinne im Kampf gegen Karies – und der Staat müsse bereit bleiben, Reformulierung notfalls auch politisch zu erzwingen.

Internationale Erfahrungen: Weniger Zucker im Regal

Der entscheidende Punkt: Eine Zuckersteuer wirkt nicht primär als „Strafsteuer“ für Konsumenten, sondern als Reformulierungsanreiz für Hersteller. In Großbritannien sank der Anteil stark gezuckerter Getränke binnen weniger Jahre drastisch. Viele Unternehmen reduzierten den Zuckergehalt, um unter Steuergrenzen zu bleiben.

Ähnliche Effekte zeigen sich in mehreren US-Städten: Höhere Preise führten zu deutlich geringeren Verkaufszahlen. In Mexiko gingen die Käufe besteuerter Softdrinks nachhaltig zurück, während der Konsum von Wasser anstieg – besonders stark in Haushalten mit geringerem Einkommen. Gerade dort profitieren Kinder gesundheitlich überproportional.

„Eigenverantwortung“ reicht bei Kindern nicht aus

Gegner einer Zuckersteuer verweisen gern auf Aufklärungskampagnen. Doch Kinder sind keine vollständig autonomen Marktteilnehmer. Sie können Werbebotschaften kaum kritisch einordnen, sind preisempfindlich und orientieren sich stark am verfügbaren Angebot. Strukturelle Maßnahmen – also solche, die das Umfeld verändern – gelten in der Präventionsforschung als besonders wirksam.

Eine gestaffelte Abgabe auf stark gezuckerte Getränke wäre kein Verbot. Sie würde Preissignale setzen und Anreize zur Rezepturänderung schaffen. Wenn dadurch weniger Zucker in Produkten landet, profitieren alle Kinder – auch jene, deren Eltern wenig Zeit oder Ressourcen für bewusste Ernährungsentscheidungen haben.

Verantwortung oder Reflex?

Die Debatte um die Zuckersteuer ist längst keine rein ideologische Frage mehr. Internationale Erfahrungen zeigen, dass eine klug ausgestaltete Abgabe wirkt: Sie senkt den Zuckergehalt von Produkten, reduziert den Konsum und kann gesundheitliche Folgekosten mindern.

Wer sie pauschal als „Verbotsinstrument“ abtut, verkürzt die Diskussion. Ebenso greift es zu kurz, allein auf individuelle Verantwortung zu verweisen, während wirtschaftliche Interessen strukturelle Veränderungen blockieren.

Die Entscheidung des CDU-Parteitags mag parteitaktisch motiviert sein. Gesundheitspolitisch bleibt sie zumindest erklärungsbedürftig. Denn wenn eine Maßnahme von einer Bevölkerungsmehrheit, von Ärzten, Wissenschaftlern und selbst von Teilen der eigenen Partei unterstützt wird – und wenn internationale Beispiele ihre Wirksamkeit nahelegen –, dann sollte die Ablehnung mehr sein als ein Reflex. Sie sollte überzeugend begründet werden.




Mentale Gesundheit ukrainischer Kinder: Kontakte fördern Hilfe

junge vor wand

BiB-Studie zeigt: Eltern mit täglichem Kontakt zu Deutschen nutzen häufiger professionelle Unterstützungsangebote für psychisch belastete Kinder

Soziale Kontakte spielen eine entscheidende Rolle für die mentale Gesundheit ukrainischer Kinder und Jugendlicher in Deutschland. Neue Auswertungen des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigen: Wenn Eltern täglich Zeit mit Deutschen verbringen, nehmen sie bei psychischen Problemen ihrer Kinder deutlich häufiger professionelle Hilfsangebote in Anspruch.

46 Prozent nutzen Hilfe – bei engem Kontakt zur Bevölkerung

Laut der BiB/FReDA-Befragung „Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ erhalten 46 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit geringem psychischem Wohlbefinden professionelle Unterstützung, wenn ihre Eltern täglich Kontakt zu Deutschen haben. In Familien mit selteneren sozialen Kontakten liegt dieser Anteil dagegen nur bei 29 Prozent.

Die Daten unterstreichen die Bedeutung sozialer Integration für geflüchtete Familien. Entscheidend für die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten ist nicht das Geschlecht der Kinder, die Bildung der Eltern oder deren Erwerbstätigkeit – ausschlaggebend ist vielmehr die soziale Vernetzung der Eltern im Aufnahmeland.

Psychisches Wohlbefinden deutlich beeinträchtigt

Zu Beginn ihres Aufenthalts in Deutschland war das psychische Wohlbefinden ukrainischer Kinder und Jugendlicher deutlich schlechter als das gleichaltriger Kinder hierzulande. Auch nach einem Jahr zeigte sich zwar eine Verbesserung, dennoch wiesen 2023 noch immer 67 Prozent der Betroffenen ein unterdurchschnittliches psychologisches Wohlbefinden auf.

„Mentale Gesundheit ist die Grundlage für eine förderliche Entwicklung und die Ausschöpfung von Bildungspotenzialen“, erklärt Dr. Anna Daelen vom BiB. Eine stabile psychosoziale Unterstützung könne zudem gesellschaftliche Teilhabe stärken und langfristigen sozialen sowie gesundheitlichen Folgekosten vorbeugen.

Auch die Direktorin des BiB, Prof. Dr. C. Katharina Spieß, betont: „Unabhängig davon, ob die geflüchteten Kinder und Jugendlichen langfristig in Deutschland bleiben oder später in ihre Heimat zurückkehren: Es ist essentiell für ihre weitere Entwicklung, ihre Teilhabe zu fördern und ihr psychisches Wohlbefinden zu verbessern.“

Rund jedes dritte Kind erhält fachliche Unterstützung

Die Auswertungen zeigen außerdem: Seit ihrer Ankunft in Deutschland hat knapp jedes dritte ukrainische Kind mit geringem psychischem Wohlbefinden (32 Prozent) formelle Unterstützungsangebote genutzt.

Im Detail:

  • 18 Prozent suchten einen Kinderarzt auf
  • 10 Prozent erhielten therapeutische Hilfe durch Psychologen oder Psychiater
  • 6 Prozent nutzten Schulpsychologen
  • 6 Prozent griffen auf psychologische Online-Angebote zurück

Mehrfachnennungen waren möglich. Informelle Hilfe – etwa durch Freunde oder Bekannte – wurde ebenfalls erfasst.

Datengrundlage: Mehr als 10.000 Geflüchtete befragt

Die Ergebnisse basieren auf der BiB/FReDA-Befragung, die aus der Studie „IAB-BiB/FReDA-BAMF-SOEP − Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ hervorgegangen ist. Das Projekt startete 2022 als Kooperation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), des BiB, des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) sowie des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).

Seit der dritten Welle wird ein Teil der Studie vom BiB eigenständig fortgeführt. Inzwischen liegen Daten aus sechs Befragungswellen von über 10.000 Schutzsuchenden aus der Ukraine vor. Für die hier dargestellten Analysen wurden 503 Eltern befragt, die Angaben zu 641 Kindern machten.

Das psychische Wohlbefinden wurde mithilfe des KINDL-Fragebogens erhoben. Dabei beantworteten Eltern vier Fragen pro Kind, aus denen ein Gesamtwert ermittelt wurde. Berücksichtigt wurden Kinder, die 2023 im Vergleich zu deutschen Normwerten ein signifikant schlechteres psychisches Wohlbefinden aufwiesen.

Soziale Integration als Schlüssel zur Gesundheitsversorgung

Die Studienergebnisse machen deutlich: Soziale Kontakte zur Bevölkerung im Zielland erleichtern geflüchteten Familien den Zugang zum Gesundheitssystem und zu psychosozialen Hilfsangeboten. Eltern, die regelmäßig Zeit mit Deutschen verbringen, sind offenbar besser informiert über vorhandene Unterstützungsstrukturen – und nutzen diese im Bedarfsfall häufiger.

Für Politik und Gesellschaft ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Integration fördern heißt auch, die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu stärken.




Pink Noise im Kinderzimmer? Studie warnt vor Risiken

kind schläft

Warum Dauerrauschen den REM-Schlaf von Kindern stören kann

Viele Eltern und Erzieher*innen nutzen White Noise oder Pink Noise, um Babys und Kinder schneller einschlafen zu lassen. Soundmaschinen, Apps oder laufende Ventilatoren gelten als praktische Hilfe bei Straßenlärm oder unruhiger Umgebung. Eine neue Studie im Fachjournal Sleep zeigt jedoch: Dauerrauschen kann wichtige Schlafphasen verändern – und das ist gerade für Kinder bedeutsam.

Die Untersuchung „Efficacy of pink noise and earplugs for mitigating the effects of intermittent environmental noise exposure on sleep“ von Basner et al. (2026) kommt zu einem klaren Ergebnis: Pink Noise reduzierte signifikant den REM-Schlaf. Umweltlärm verringerte vor allem den Tiefschlaf (N3). Auch wenn die Studie mit jungen Erwachsenen durchgeführt wurde, sind die Ergebnisse besonders relevant für Kinder – denn sie verbringen deutlich mehr Zeit im REM-Schlaf als Erwachsene.

Was ist REM-Schlaf – und warum ist er so wichtig?

REM steht für „Rapid Eye Movement“, also „schnelle Augenbewegungen“. In dieser Schlafphase bewegen sich die Augen unter den geschlossenen Lidern rasch hin und her. Gleichzeitig ist das Gehirn sehr aktiv – fast so aktiv wie im Wachzustand. Der Körper ist jedoch weitgehend entspannt, die Muskulatur stark reduziert. In dieser Phase träumen wir besonders intensiv.

REM-Schlaf erfüllt mehrere wichtige Funktionen:

  • Er unterstützt die Verarbeitung von Erlebnissen und Gefühlen.
  • Er hilft beim Lernen und beim Festigen von Gedächtnisinhalten.
  • Er spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Vernetzung des kindlichen Gehirns.

Neugeborene verbringen etwa 50 Prozent ihrer Schlafzeit im REM-Schlaf. Erst im Laufe der ersten Lebensjahre sinkt dieser Anteil. Das zeigt, wie wichtig diese Phase für die frühe Entwicklung ist.

Wenn nun ein dauerhaftes Hintergrundgeräusch wie Pink Noise genau diesen REM-Schlaf reduziert, ist das aus entwicklungspsychologischer Sicht kritisch zu betrachten.

Was die Studie konkret zeigte

In einem kontrollierten Schlaflabor verbrachten 25 gesunde Erwachsene mehrere Nächte unter verschiedenen Bedingungen: ruhige Kontrollnächte, Nächte mit wiederholtem Umweltlärm (z. B. Verkehr), Nächte mit Pink Noise sowie Kombinationen aus beidem. Zusätzlich wurde untersucht, wie gut Ohrstöpsel vor Lärm schützen.

Die Ergebnisse:

  • Umweltlärm reduzierte deutlich den Tiefschlaf (N3).
  • Pink Noise allein reduzierte signifikant den REM-Schlaf.
  • Die Kombination aus Umweltlärm und Pink Noise verbesserte den Schlaf nicht – sie verschlechterte teilweise sogar die Schlafstruktur.
  • Ohrstöpsel milderten fast alle negativen Effekte des Umweltlärms.

Besonders relevant für Kinder ist der Befund zur REM-Reduktion durch Pink Noise. Die Forschenden warnen ausdrücklich vor einem unkritischen Einsatz von Dauerrauschen, insbesondere bei vulnerablen Gruppen wie Neugeborenen und Kleinkindern.

Was bedeutet das für Kitas, Krippen und Familien?

Dauerrauschen sollte nicht automatisch als harmlose Einschlafhilfe betrachtet werden. Für pädagogische Fachkräfte ergeben sich daraus konkrete Anregungen:

1. Schlafumgebung optimieren

Schlafräume möglichst ruhig wählen. Wenn möglich, Räume auf der verkehrsabgewandten Seite nutzen.

2. Lärm reduzieren statt überdecken

Stuhlbeine filzen, Türen abdichten, Geräuschquellen während der Ruhezeit minimieren. Prävention ist wirksamer als Maskierung.

3. Rauschgeräte kritisch einsetzen

Wenn White Noise oder Pink Noise verwendet wird:

  • nur sehr leise einstellen
  • nicht die gesamte Schlafphase durchlaufen lassen
  • ausreichenden Abstand zur Liegefläche halten
  • regelmäßig prüfen, ob das Kind wirklich davon profitiert

Endlich ruhig schlafen – für Eltern und Kind

Schlaflose Nächte mit Baby oder Kleinkind? Dieses Buch bündelt die sechs bewährtesten Ein- und Durchschlaf-Programme in einem Band – verständlich erklärt und praxisnah aufbereitet. Mit klaren Schritt-für-Schritt-Plänen, psychologischem Hintergrundwissen zu Ursachen von Schlafproblemen und konkreten Alltagstipps für ruhigere Nächte. Zahlreiche Fallbeispiele aus der Beratungspraxis helfen Ihnen, die passende Methode für Ihr Kind zu finden.

Petra Weidemann-Böker, So lernen Kinder schlafen – Die sechs besten Einschlaf-Programme für Kinder, Hardcover, 288 Seiten, ISBN: 978-3-934333-59-8, 19,95 €


4. Entwicklungsfördernde Rituale stärken

Leises Vorlesen, ruhige Musik in geringer Lautstärke, Atemübungen oder gleichbleibende Einschlafrituale unterstützen das Sicherheitsgefühl – ohne die Schlafarchitektur zu verändern.

5. Eltern informieren

Viele Eltern wissen nicht, dass Dauerrauschen den REM-Schlaf beeinflussen kann. Aufklärung in Entwicklungsgesprächen oder Elternabenden schafft Bewusstsein.

Warum Ohrstöpsel keine Lösung für Kinder sind

In der Studie waren Ohrstöpsel bei Erwachsenen am wirksamsten gegen Lärm. Für Kinder sind sie jedoch meist ungeeignet – aus Sicherheits-, Komfort- und Handhabungsgründen. Deshalb bleibt die wichtigste Strategie: Lärmquellen möglichst reduzieren.

Kein Dauerrauschen im Kinderzimmer

Pink Noise und White Noise sind keine neutralen Einschlafhilfen. Sie können wichtige Schlafphasen beeinflussen – insbesondere den REM-Schlaf, der für die Gehirnentwicklung von Kindern zentral ist.

Bis weitere Langzeitstudien vorliegen, erscheint ein zurückhaltender und bewusster Umgang mit Dauerrauschen im Kinderzimmer sinnvoll. Die beste Grundlage für gesunden Kinderschlaf bleibt eine ruhige Umgebung, verlässliche Rituale und ein geschützter Schlafraum.

Quelle:
Basner, M. et al. (2026). Efficacy of pink noise and earplugs for mitigating the effects of intermittent environmental noise exposure on sleep. Sleep. https://doi.org/10.1093/sleep/zsag001




Wenn das Gewicht auf der Seele lastet: Übergewicht und Psyche bei Kindern

Neue Studien zeigen: Übergewicht belastet nicht nur den Körper, sondern erhöht auch das Risiko für Depressionen und Ängste

Übergewicht bei Kindern ist seit Jahren ein Thema in der Gesundheits- und Bildungspolitik. Meist stehen dabei Ernährung, Bewegung und medizinische Folgen im Vordergrund. Doch neue wissenschaftliche Erkenntnisse machen deutlich: Übergewicht belastet nicht nur den Körper – es kann auch die seelische Gesundheit von Kindern erheblich beeinträchtigen.

Darauf weist die Stiftung Kindergesundheit in einem aktuellen Newsletter hin. Studien zeigen, dass übergewichtige Kinder und Jugendliche deutlich häufiger unter psychischen Problemen leiden als normalgewichtige Gleichaltrige. Besonders depressive Symptome, Angststörungen und Verhaltensauffälligkeiten treten verstärkt auf. Damit wird klar: Wer Prävention ernst nimmt, muss nicht nur Kalorien und Bewegung betrachten, sondern auch die psychische Dimension von Übergewicht.

Erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen

Besorgniserregend ist vor allem der Zusammenhang zwischen Übergewicht und depressiven Entwicklungen im Jugendalter. Während Mädchen generell häufiger zu depressiven Symptomen neigen, zeigen die Daten bei Jungen einen besonders alarmierenden Effekt: Übergewichtige 14-jährige Jungen haben ein fünffach erhöhtes Risiko, innerhalb weniger Jahre klinisch relevante depressive Symptome zu entwickeln.

Auch aggressive Verhaltensweisen können mit zunehmendem Alter häufiger auftreten. Erschreckend ist zudem, dass psychische Belastungen oft bestehen bleiben – selbst dann, wenn sich das Körpergewicht später wieder normalisiert. Übergewicht hinterlässt also nicht nur körperliche Spuren, sondern kann langfristig auch die emotionale Entwicklung beeinflussen.

Mobbing und Ausgrenzung verstärken die Belastung

Ein entscheidender Faktor ist die soziale Dimension. Übergewichtige Kinder erleben deutlich häufiger Hänseleien, Mobbing und Ausgrenzung. Diese Erfahrungen verstärken die seelische Belastung und können noch Jahre später nachwirken.

Expertinnen und Experten betonen deshalb die Dringlichkeit frühzeitiger Maßnahmen gegen gewichtsbezogenes Mobbing – insbesondere in Schulen und Bildungseinrichtungen. Prävention bedeutet hier nicht nur Gesundheitsförderung, sondern auch die Schaffung eines respektvollen sozialen Umfelds, in dem Kinder nicht stigmatisiert werden.

Soziale Ungleichheit verschärft das Problem

Besonders stark betroffen sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung bestätigt, dass Kinder aus Familien mit geringem Einkommen und niedrigerem Bildungsniveau nicht nur häufiger übergewichtig sind, sondern auch häufiger emotionale Probleme entwickeln.

Die Forschenden untersuchten über 4.600 Kinder in den Niederlanden und fanden heraus, dass ein erheblicher Teil der psychischen Belastungen in diesen Familien direkt mit dem häufigeren Auftreten von Übergewicht zusammenhängt. Ursachen sind neben unausgewogener Ernährung auch eingeschränkte Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten sowie ein erhöhtes Stressniveau im familiären Umfeld.

Ganzheitliche Prävention statt einseitiger Maßnahmen

Die Stiftung Kindergesundheit fordert daher ein Umdenken. Prävention darf sich nicht allein auf Ernährung und Bewegung konzentrieren. Vielmehr müssen soziale und psychische Komponenten stärker berücksichtigt werden.

Prof. Dr. Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung, betont: Kinder seien nicht nur passive Patientinnen und Patienten, sondern aktive Beteiligte ihrer eigenen Gesundheitsversorgung. Sie profitieren von verständlicher Information und echter Mitsprache. attachmentdata121919

Die Stiftung empfiehlt gezielte Maßnahmen, die sowohl körperliche als auch psychische Aspekte berücksichtigen:

  • Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebensräume in Bildungseinrichtungen
  • Programme gegen Ausgrenzung und für ein positives Körperbild
  • Frühzeitige psychologische Begleitung und niedrigschwellige Hilfen

Nur ein gesellschaftlicher Ansatz, der strukturelle Faktoren einbezieht, kann langfristig wirksam sein.

Innovative Projekte: Powerkids und #starkWieWir

Neben klassischen Aufklärungskampagnen entwickelt die Stiftung Kindergesundheit auch innovative Formate, die Kinder direkt erreichen. Ein Beispiel ist die App Powerkids, die sich an übergewichtige Kinder zwischen acht und zwölf Jahren richtet. Spielerisch vermittelt sie über zwölf Wochen Impulse zu Ernährung, Bewegung und Selbstwert.

Auch die Mitmach-Challenge #starkWieWir verbindet Gesundheitsbildung auf Augenhöhe mit kreativen Materialien und dokumentarischen Filmen, in denen Kinder selbst zu Vorbildern für einen gesunden Alltag werden. Die Filme und Arbeitsblätter sind in der Mediathek der Stiftung verfügbar.

Körper und Seele gemeinsam in den Blick nehmen

Übergewicht im Kindesalter ist ein komplexes Thema, das weit über Ernährung hinausgeht. Die aktuellen Studien machen deutlich: Psychische Gesundheit, soziale Teilhabe und der Schutz vor Ausgrenzung müssen integraler Bestandteil jeder Präventionsstrategie sein.

Kinder brauchen nicht nur Bewegung und gesunde Mahlzeiten, sondern auch Anerkennung, Unterstützung und ein Umfeld, das sie stärkt – körperlich wie seelisch. Nur so kann Prävention wirklich gelingen.




Fluorid im Trinkwasser: Keine negativen Effekte für Neugeborene

Eine große Auswertung zeigt: Studie findet keine Hinweise auf Risiken rund um Geburt und Schwangerschaft

Fluorid ist für viele Eltern und Erzieherinnen ein sensibles Thema. Es steckt in Zahnpasta, Speisesalz – und in einigen Ländern auch im Trinkwasser. Immer wieder taucht die Sorge auf, Fluorid könne ungeborenen oder neugeborenen Kindern schaden. Eine umfangreiche internationale Untersuchung mit Beteiligung der Universität Basel gibt nun Entwarnung.

Warum Fluorid überhaupt eingesetzt wird

Fluorid stärkt den Zahnschmelz, repariert frühe Schäden und schützt wirksam vor Karies. Besonders Kinder profitieren davon, da Karies zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter zählt. In der Schweiz wird Fluorid seit den 1980er-Jahren vor allem über fluoridiertes Speisesalz aufgenommen. In den USA hingegen ist es üblich, Trinkwasser mit Fluorid anzureichern – eine Maßnahme, die mehr als 60 Prozent der Bevölkerung erreicht.

Große Datenbasis, klares Ergebnis

Ein internationales Forschungsteam hat Daten von rund 11,5 Millionen Geburten in den USA ausgewertet. Untersucht wurde, ob Fluorid im Trinkwasser mit einem niedrigeren Geburtsgewicht, einer kürzeren Schwangerschaft oder einem erhöhten Risiko für Frühgeburten zusammenhängt.

Das Ergebnis: Es fanden sich keine negativen Effekte. Weder das durchschnittliche Geburtsgewicht noch die Dauer der Schwangerschaft oder die Frühgeburtenrate unterschieden sich in Regionen mit fluoridiertem Trinkwasser von jenen ohne diese Maßnahme. Die Ergebnisse wurden im renommierten Fachjournal JAMA Network Open veröffentlicht.

Kariesprävention mit Fluorid schadet nicht

Das Geburtsgewicht gilt als verlässlicher Indikator für die Gesundheit von Neugeborenen. Dass hier keine Unterschiede festgestellt wurden, spricht dafür, dass Fluorid im Trinkwasser während der Schwangerschaft keine messbaren Risiken birgt. Für Eltern und pädagogische Fachkräfte bedeutet das: Die bewährte Kariesprävention steht nicht im Widerspruch zur Gesundheit von Babys.

Fluorid bleibt ein zentraler Baustein der Zahngesundheit – auch aus Sicht der frühen Entwicklung. Die aktuellen Erkenntnisse zeigen, dass Eltern ihr Neugeborenes nicht gefährden, wenn Fluorid im Rahmen öffentlicher Präventionsmaßnahmen eingesetzt wird. Für Kitas, Familienzentren und Elternhäuser gilt damit weiterhin: Regelmäßige Zahnpflege und sinnvolle Prävention sind wichtig – und nach aktuellem Wissensstand sicher.

Mehr dazu finden Sie auf dem Wissenschaftsportal JAMA Network




Viel Bildschirmzeit hemmt die Bildung des Wortschatzes bei Kleinkindern

Warum zu viel passives Schauen die frühe Sprachentwicklung begrenzen kann – und wie Eltern spielen, lesen und sprechen als Alternative nutzen können

Eine groß angelegte britische, staatlich unterstützte Studie mit 4 758 Kindern im Alter von etwa zwei Jahren zeigt, dass die Menge an täglicher Bildschirmzeit mit Unterschieden in der Wortschatzleistung korreliert: Kinder, die täglich etwa fünf Stunden Bildschirmzeit hatten, konnten im Test nur rund 53 % eines 34-Wort-Vokabularsets korrekt benennen, während Kinder mit deutlich geringerer Bildschirmzeit (etwa 44 Minuten täglich) etwa 65 % der Wörter wiedergeben konnten. Im Durchschnitt konnten alle zweijährigen Kinder in der Studie ungefähr 21 der 34 Wörter sagen, ein Wert, der sich nicht signifikant von früheren Jahrgängen (2017–2020) unterscheidet.

Neben diesem primären Befund hob die Studie hervor, dass 98 % der Zweijährigen täglich Bildschirme nutzen, durchschnittlich 127 Minuten pro Tag, was deutlich über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von maximal einer Stunde pro Tag für Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren liegt. Darüber hinaus spielten 19 % der untersuchten Zweijährigen Videospiele, sodass die tägliche Gesamtzeit vor Bildschirmen auf etwa 140 Minuten anstieg. Die Forscher stellten fest, dass bei den Kindern mit der höchsten Bildschirmzeit auch ein höherer Anteil möglicher emotionaler oder Verhaltensprobleme beobachtet wurde: Etwa ein Viertel aller Zweijährigen erreichte in einem standardisierten Screening Werte über dem Schwellenwert für potenzielle Schwierigkeiten.

Studiendesign: Wie wurde untersucht?

Die Analyse stammt aus dem Children of the 2020s (COT20s)-Projekt, einer langfristigen Kohortenstudie, die Kinder in England in verschiedenen Entwicklungsphasen begleitet. Die Datenbasis für die vorliegenden Ergebnisse ist eine zweite Erhebungswelle (Wave 2), bei der die Hauptbezugspersonen (meist Mütter) der Kinder einen Fragebogen ausfüllten, als die Kinder zwischen 24 und 28 Monate alt waren. Die Feldarbeit fand zwischen Oktober 2023 und Februar 2024 statt und erzielte eine Rücklaufquote von etwa 55 % der eingeladenen Teilnahmepersonen.

Die Messung der Sprachkompetenz erfolgte anhand eines standardisierten Fragebogens, des UK Communicative Development Inventory (CDI), bei dem geprüft wurde, wie viele von 34 altersgerechten Wörtern die Kinder benennen konnten.

Zusätzliche Faktoren und Kontext

Wichtig ist: Die Studie weistz keine direkte kausale Wirkung von Bildschirmzeit auf Sprachentwicklung nachweisen – sie zeigt Assoziationen bzw. Korrelationen, die weiterer Erforschung bedürfen. So spielen auch sozio-ökonomischer Hintergrund, familiäre Lernaktivitäten (z. B. gemeinsam Lesen oder spielerische Sprachförderung) und mentale Gesundheit der Bezugspersonen eine Rolle für Sprach- und Entwicklungsprofile im Alter von zwei Jahren.

Tatsächlich zeigen die Daten, dass Kinder mit häufigerem Vorlesen oder vielfältigen Lernaktivitäten im Zuhause im Durchschnitt größere Wortschätze hatten als Kinder mit weniger solcher Aktivitäten – der Einfluss dieser positiven Interaktionen war sogar größer als der der Bildschirmzeit allein.

Offizielle Empfehlungen zur Bildschirmnutzung der britischen Regierung geplant

Die Studie und die begleitenden Diskussionen der britischen Regierung betonen, dass Bildschirmzeit nicht per se komplett vermieden werden muss, aber dass passive Nutzung – insbesondere ohne Begleitung durch Erwachsene – die Zeit verringert, die Kinder für Gespräche, Spiel und gemeinsames Lesen mit Bezugspersonen haben. Solche Interaktionen sind laut Forschung wesentlich für die Sprach- und kognitive Entwicklung in den ersten Lebensjahren.

Vor diesem Hintergrund plant die britische Regierung, erstmals offizielle Empfehlungen zur Bildschirmnutzung für unter Fünfjährige zu veröffentlichen (geplant im April 2026). Diese sollen praktische Hinweise geben, wie Bildschirmnutzung sinnvoll in dialog- und spielbasierte Aktivitäten eingebettet werden kann, statt diese zu ersetzen.

Gemeinsamkeit statt Bildschirmzeit

Die britische Langzeitstudie liefert wichtige empirische Hinweise, dass hohe tägliche Bildschirmzeiten bei Zweijährigen mit geringerer Wortschatzleistung und möglichen Verhaltensauffälligkeiten einhergehen. Gleichzeitig unterstreicht sie, wie zentral qualitativ hochwertige häusliche Lernumgebungen, wie gemeinsames Lesen, Spielen und Sprechen, für den frühkindlichen Spracherwerb sind, und legt nahe, dass Bildschirmzeit nicht isoliert gesehen, sondern immer im Kontext familiärer Interaktion bewertet werden sollte.




Eltern prägen die Bewegung ihrer Kinder stärker als gedacht

Neue Swiss-TPH-Studie zeigt langfristige Zusammenhänge im Familienalltag

Wie viel sich Kinder bewegen, hängt eng mit dem Bewegungsverhalten ihrer Eltern zusammen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der sogenannten SOPHYA-Kohortenstudie des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts (Swiss TPH). Die Forschenden untersuchten mehrere hundert Familien in der Schweiz, bei denen Eltern und Kinder über mehrere Tage hinweg Bewegungssensoren trugen. So konnten Aktivität und Sitzzeiten objektiv erfasst und über mehrere Jahre hinweg miteinander verglichen werden.

Die Ergebnisse zeigen: Eltern mit höherer Alltagsaktivität haben im Durchschnitt auch aktivere Kinder. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht nur zu einem bestimmten Zeitpunkt beobachten, sondern bleibt über längere Zeiträume hinweg bestehen. Umgekehrt gehen längere Sitzzeiten der Eltern häufiger mit geringerer Aktivität bei den Kindern einher.

Aktivität, Bewegungsintensität und Sitzzeiten systematisch gemessen

Die Analyse basiert auf der SOPHYA-Studie, in der körperliche Aktivität, Bewegungsintensität und Sitzzeiten systematisch gemessen wurden. Dabei ging es nicht um einzelne Sportarten oder Trainingsprogramme, sondern um das gesamte Bewegungsprofil im Alltag — also darum, wie viel Zeit Menschen sitzend verbringen, wie viel sie sich leicht, moderat oder intensiv bewegen und wie sich diese Muster über die Zeit entwickeln.

Die Forschenden verglichen die Bewegungsdaten von Eltern und Kindern und verfolgten diese über mehrere Jahre hinweg. So konnte untersucht werden, ob sich Zusammenhänge nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig zeigen.

Bewegungsverhalten in Familien kein zufälliges oder kurzfristiges Phänomen

Die Daten der SOPHYA-Studie zeigen vor allem, dass Bewegungsverhalten in Familien kein zufälliges oder kurzfristiges Phänomen ist. Das Swiss TPH konnte nachweisen, dass sich das Aktivitätsniveau von Eltern und Kindern nicht nur zum gleichen Zeitpunkt ähnelt, sondern dass sich diese Zusammenhänge auch über mehrere Jahre hinweg wiederfinden lassen. Kinder von Eltern mit höherer Alltagsaktivität wiesen im Durchschnitt ebenfalls höhere Bewegungswerte auf, während längere Sitzzeiten der Eltern mit mehr Inaktivität bei den Kindern verbunden waren.

Dabei geht es laut den Forschenden weniger um einzelne sportliche Aktivitäten als um übergreifende Muster: Wie bewegungsreich ist der Alltag insgesamt? Wie viel Zeit wird sitzend verbracht? Welche Rolle spielen Wege, Routinen und Freizeitgestaltung? Die Studie macht deutlich, dass sich diese alltäglichen Rahmenbedingungen zwischen Eltern und Kindern ähneln und über die Zeit stabil bleiben.

Auffällig ist außerdem, dass sich diese Zusammenhänge auch dann zeigen, wenn man Alter, Geschlecht oder sozioökonomische Faktoren berücksichtigt. Das spricht dafür, dass Bewegung im familiären Kontext nicht nur individuell geprägt ist, sondern in gemeinsamen Strukturen entsteht — etwa in der Art, wie der Tag organisiert wird, wie Freizeit verbracht wird oder wie selbstverständlich Bewegung Teil des Alltags ist.

Bewegung als Teil geteilter Lebensweisen

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Bewegung weniger als bewusste Einzelentscheidung zu verstehen ist, sondern vielmehr als Bestandteil gemeinsamer Lebensweisen. Kinder wachsen in bestimmte Rhythmen, Routinen und Alltagsformen hinein, die mitbestimmen, wie viel Bewegung in ihrem Leben vorkommt.

In diesem Sinne beschreibt die Studie Bewegung nicht als etwas, das isoliert „vermittelt“ wird, sondern als etwas, das sich in geteilten Alltagserfahrungen herausbildet — im gemeinsamen Unterwegssein, im Umgang mit Freizeit, in der Organisation des Familienlebens.

Zur Studie

Die Ergebnisse stammen aus der SOPHYA-Kohortenstudie des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts und wurden in der Fachzeitschrift Journal of Activity, Sedentary and Sleep Behaviors veröffentlicht.

Die offizielle Mitteilung des Swiss TPH zur Studie findet sich hier:
👉 https://www.swisstph.ch/en/news/news-detail/news/parents-activity-patterns-shape-children-for-years-cohort-data-show