Wenn alle müssen und das Klo besetzt ist

Oh, wer sitzt da auf dem Klo? Eine Ketten-Klo-Geschichte in Reimen als Pappbilderbuch, die großen Spaß macht - nicht nur den Kleinen- Beitragsbild

Harmen van Straaten, Oh, wer sitzt da auf dem Klo

Es gibt Situationen, die versteht jedes Kind sofort. Eine davon ist: Man muss dringend aufs Klo – und die Tür ist besetzt. Genau daraus macht der niederländische Autor und Illustrator Harmen van Straaten in „Oh, wer sitzt da auf dem Klo?“ eine kleine Dramaturgie, die so einfach wie wirkungsvoll ist.

Ein Bär steht vor der verschlossenen Toilettentür und muss dringend hinein. Doch das Klo ist besetzt. Dann kommen immer mehr Tiere hinzu. Giraffe, Affe, Pinguin, Tiger, Elefant und andere haben dasselbe Problem. Die Schlange wird länger, die Not größer und die Frage immer drängender: Wer sitzt da eigentlich so lange auf dem Klo?

Das Buch selbst ist nicht neu. Die Bilderbuchausgabe ist schon seit Jahren erhältlich und war erfolgreich. Neu ist die 2026 erschienene Ausgabe aus stabiler Hartpappe. Und diese neue Form passt ausgesprochen gut zur Geschichte und zu den Kindern, die sie anspricht.

Ein großes Thema für kleine Kinder

Was Erwachsenen wie ein ziemlich banales Thema erscheinen mag, beschäftigt jüngere Kinder intensiv. Zur Toilette gehen, rechtzeitig merken, dass man muss, warten können – oder plötzlich feststellen, dass das Klo gerade besetzt ist: All das gehört zu ihrem Alltag.

Van Straaten macht daraus erfreulicherweise kein pädagogisches Lehrstück. Er nimmt die Situation ernst genug, um sie wiederzuerkennen, und zugleich leicht genug, um daraus eine ausgesprochen komische Geschichte zu entwickeln. Immer mehr Tiere kommen hinzu, alle müssen dringend und keiner kann hinein. Die Wiederholung wird zum Motor der Handlung.

Gerade für Kinder ab etwa drei Jahren funktioniert das hervorragend. Sie verstehen schnell das Prinzip, können vorausahnen, was als Nächstes passiert, die Tiere entdecken und benennen und sich über deren zunehmende Ungeduld amüsieren.

Reime, die wirklich funktionieren

Einen wesentlichen Anteil daran hat die Sprache. Van Straatens Geschichte ist gereimt, und Rolf Erdorf hat sie hervorragend aus dem Niederländischen ins Deutsche übertragen. Das verdient besondere Erwähnung. Denn einen gereimten Bilderbuchtext zu übersetzen bedeutet weit mehr, als den Inhalt möglichst korrekt in eine andere Sprache zu übertragen. Reim, Rhythmus, Sprachmelodie, Bedeutung und Pointe müssen auch in der neuen Sprache zusammenfinden.

Erdorf gelingt genau das. Die Verse wirken nicht wie Übersetzungen, sondern leicht und selbstverständlich. Sie treiben die Handlung voran und geben den Wiederholungen ihren Rhythmus. Beim Vorlesen zeigt sich ihre besondere Qualität: Kinder können sich schnell in die sprachliche Struktur hineinfinden, Reime erwarten und schließlich selbst mitsprechen.

Damit bietet das Buch ganz nebenbei vieles, was frühe Sprach- und Leseförderung ausmacht: Rhythmus, Wiederholung, Vorhersagbarkeit und vor allem Freude an Sprache – ohne daraus eine pädagogische Übung zu machen.

Harmen van Straaten erzählt auch mit dem Pinsel

Harmen van Straaten, 1958 im niederländischen Arnhem geboren, ist Autor und Illustrator seiner Geschichte. Der Weg zum Kinderbuch war dabei keineswegs vorgezeichnet: Er studierte zunächst Jura und lehrte auch in diesem Bereich, bevor er sich der Illustration und schließlich dem Schreiben zuwandte. Inzwischen hat er Hunderte Bücher geschrieben oder illustriert und zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Seine große Erfahrung sieht man den Bildern an. Van Straaten arbeitet vor allem mit Aquarell und Feder, teilweise in Nass-in-Nass-Technik. Die Feder gibt seinen Figuren klare Konturen, während die Aquarellfarben weich und lebendig bleiben.

Vor allem aber versteht er es, mit Körperhaltung und Mimik zu erzählen. Man sieht den Tieren ihre zunehmende Not und Ungeduld an. Die Bilder wiederholen nicht einfach den Text, sondern tragen Timing und Komik der Geschichte mit. Gerade das Zusammenspiel aus gereimter Sprache und Illustration macht das Buch so überzeugend.

Als Pappbilderbuch besonders passend

Dass „Oh, wer sitzt da auf dem Klo?“ jetzt als Pappbilderbuch vorliegt, ist deshalb mehr als die Neuauflage eines erfolgreichen Titels. Die stabile Ausgabe passt zur Zielgruppe. Sie lässt sich von kleinen Kindern gut selbst umblättern, hält viele Kinderhände aus und empfiehlt sich damit besonders für Kindergarten und Kita.

Dort lässt sich die Geschichte wunderbar gemeinsam anschauen und vorlesen. Die Kinder können Tiere benennen, Reime ergänzen, Vermutungen anstellen und natürlich erzählen, was passiert, wenn sie selbst ganz dringend müssen und das Klo besetzt ist.

Und irgendwann wollen alle wissen, wer nun eigentlich hinter dieser Tür sitzt. Die Auflösung sei hier nicht verraten. Nur so viel: Van Straaten bleibt seiner Geschichte treu und endet nicht mit einer pädagogischen Botschaft, sondern mit einer Pointe.

„Oh, wer sitzt da auf dem Klo?“ zeigt, wie wenig ein gutes Bilderbuch braucht: eine Situation aus dem Kinderalltag, eine starke Idee, Witz, wunderbare Bilder und eine Sprache, die beim Vorlesen Freude macht. Harmen van Straaten und seinem deutschen Übersetzer Rolf Erdorf gelingt das ausgesprochen gut. Die neue Pappbilderbuchausgabe ist für jüngere Kinder und den Einsatz in der Kita möglicherweise sogar die passendste Form dieses Buches.

Gernot Körner

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Harmen van Straaten

Oh, wer sitzt da auf dem Klo?

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Freies Geistesleben, 2026
32 Seiten, Pappbilderbuch, 21 × 21 cm
ISBN 978-3-7725-3196-5
16 Euro, ab 3 Jahren

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Die schönsten Erinnerungen entstehen aus gemeinsamen Erlebnissen

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Jean-François Sénéchal und Pascale Bonenfant: „Colette kann alles. Fast alles.“

Colette kann fliegen. Natürlich allein. Sie kann allein essen und Nektar sammeln, kennt sich im Wald aus, weiß, wie man sich bei einem Gewitter schützt, und sogar Monster können ihr offenbar wenig anhaben. Colette ist klug, mutig und selbstständig. Eine kleine Biene, die ziemlich genau weiß, was sie kann und was sie will.

Und deshalb braucht Colette eigentlich niemanden.

Eigentlich.

Denn, wenn sie zu ihren Abenteuern aufbricht, läuft nicht alles so, wie Colette es geplant hat. Sie begegnet anderen, hilft, wo sie helfen kann, und erfährt schließlich selbst, wie gut es tut, wenn jemand da ist, sobald man nicht mehr allein weiterkommt.

Stark sein und trotzdem andere brauchen

Das klingt zunächst nach einer einfachen Geschichte über Hilfsbereitschaft. Doch in einer Geschichte von Jean-François Sénéchal gilt es immer noch mehr zu entdecken. Denn Colette muss keineswegs lernen, dass sie allein hilflos ist. Das wäre auch eine ziemlich fragwürdige Botschaft.

Colette ist stark. Sie ist selbstständig. Sie kann unglaublich viel.

Und genau das darf auch so bleiben.

Aber sie erlebt, dass Selbstständigkeit nicht bedeutet, alles allein machen zu müssen. Wer anderen hilft, darf auch selbst Hilfe annehmen. Wer stark ist, darf sich auf andere verlassen. Und wer vieles allein kann, kann sich trotzdem dafür entscheiden, ein Stück des Weges gemeinsam mit anderen zu gehen.

Gerade darin steckt ein schöner Gedanke nicht nur für Kinder: Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche. Und anderen beizustehen bedeutet nicht, ihnen ihre Selbstständigkeit zu nehmen. Beides gehört zu einem guten Miteinander.

Die schönsten Erinnerungen entstehen gemeinsam

Sénéchal geht noch einen Schritt weiter. Denn was macht ein Abenteuer eigentlich wertvoll?

Wir können vieles allein erleben. Aber wenn wir später an die wirklich schönen Augenblicke unseres Lebens zurückdenken, sind es häufig Erinnerungen an Erlebnisse mit anderen Menschen: an gemeinsame Unternehmungen und Entdeckungen, an bestandene Abenteuer, an Lachen und Staunen – manchmal auch daran, dass uns jemand geholfen hat oder dass wir für jemanden da sein konnten.

Erlebnisse verbinden Menschen. Und aus gemeinsam Erlebtem entstehen Erinnerungen.

Vielleicht ist das der schönste Gedanke dieses Bilderbuchs. Nicht die Erkenntnis, dass wir ohne andere nicht zurechtkommen. Sondern die Erfahrung, dass andere unser Leben reicher machen können.

Colette könnte vermutlich weiterhin sehr vieles allein. Aber am Ende weiß sie etwas, das sie zu Beginn ihres Abenteuers noch nicht wusste: Gemeinsam unterwegs zu sein kann schöner sein, als jeden Weg allein zu gehen.

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Viele Werte, aber keine Lektion

So steckt erstaunlich viel in diesen 44 Seiten. Es geht um Selbstvertrauen und Selbstständigkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität, Mut, Freundschaft, Vertrauen und Gemeinschaft. Und um die Fähigkeit, Hilfe nicht nur zu geben, sondern sie auch anzunehmen.

Das sind große Themen für ein Bilderbuch. Doch Sénéchal macht daraus keine Lektion über richtiges Sozialverhalten. Er erzählt eine Geschichte.

Das ist ein wesentlicher Unterschied. Kinder müssen nach der Lektüre nicht aufzählen können, welche „Werte“ Colette vermittelt. Sie können mit der kleinen Biene aufbrechen, ihre Begegnungen verfolgen und selbst erleben, wie sich ihr Blick auf das Miteinander verändert.

Ein ausgezeichneter Autor aus Québec

Dass hinter dieser scheinbar einfachen Geschichte Jean-François Sénéchal steht, ist interessant. Der 1976 in Montréal geborene Autor hat Anthropologie an der Université de Montréal studiert und sich anschließend der Literatur zugewandt. Seit vielen Jahren schreibt er für Kinder und Jugendliche. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt.

In seinen Büchern beschäftigt er sich immer wieder mit Beziehungen, mit Menschen, die ihren eigenen Weg suchen, mit Verletzlichkeit, Selbstständigkeit und der Frage, was Menschen miteinander verbindet.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch Colettes Geschichte in einem anderen Licht. Es geht nicht einfach darum, einem Kind zu erklären, dass Hilfsbereitschaft wichtig ist. Im Mittelpunkt steht vielmehr eine grundlegende menschliche Frage: Wie können wir eigenständig sein und gleichzeitig mit anderen verbunden bleiben?

Sénéchals Antwort fällt wunderbar unaufgeregt aus: Das eine schließt das andere nicht aus.

Eine Illustratorin zwischen Kunst und Pädagogik

Pascale Bonenfant bringt dazu einen ungewöhnlichen Hintergrund mit. Sie studierte an der Université Laval in Québec Grafikdesign, Bildende Kunst und Pädagogik. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit arbeitet sie als Lehrende. Bereits ihr erstes veröffentlichtes Bilderbuch Le parapluie jaune wurde beim kanadischen Concours Lux für seine Illustrationen ausgezeichnet.

Für Colette findet sie eine fröhliche, grafisch klare Bildsprache. Große Bilder wechseln mit kleineren Bildfolgen, die an Comics erinnern. Das gibt der Geschichte Tempo und ermöglicht es schon jüngeren Kindern, Handlungen und Stimmungen unmittelbar aus den Bildern zu erschließen.

Vor allem aber trägt Bonenfants Gestaltung dazu bei, dass die Geschichte leicht bleibt. Wo die Themen – Gemeinschaft, Solidarität, gegenseitige Hilfe – schnell etwas schwer pädagogisch wirken könnten, begegnen uns stattdessen eine sympathische Biene, kleine Tiere, Abenteuer, Bewegung und Humor – und oftmals auch noch ganz eigene kleine Nebengeschichtne im Bild.

Text und Bild arbeiten dabei auf dasselbe Ziel hin: Sie wollen nicht erklären, wie Kinder sich verhalten sollen. Sie erzählen davon, wie schön Miteinander sein kann.

Ein Bilderbuch aus Québec

Colette kann alles. Fast alles. hat zudem eine Herkunft, die auf dem deutschen Kinderbuchmarkt nicht ganz alltäglich ist. Das Original Colette n’a besoin de personne erschien 2024 beim unabhängigen Kinderbuchverlag Comme des géants in Varennes in der kanadischen Provinz Québec.

2026 hat der Hamburger von Hacht Verlag das Bilderbuch nach Deutschland geholt. Julia Süßbrich hat es aus dem Französischen übersetzt.

Dabei ist der deutsche Titel besonders gelungen. Denn Colette kann alles. Fast alles. bringt das Spannungsverhältnis des Buches wunderbar auf den Punkt.

Colette kann tatsächlich sehr viel. Und Kinder müssen erleben, wie schön es ist, etwas selbst zu können, selbst eine Lösung zu finden und auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Vermutlich besteht aber eine der wichtigsten Fähigkeiten im Leben gerade darin, beides zu können: auf eigenen Beinen zu stehen und die Hand eines anderen anzunehmen, wenn sie uns gereicht wird. Selbst zu helfen und Hilfe anzunehmen. Allein loszugehen und unterwegs Menschen zu finden, mit denen wir unseren Weg teilen möchten.

Denn was am Ende von vielen unserer schönsten Abenteuer bleibt, sind die Erinnerungen an jene Menschen, mit denen wir sie erlebt haben.

Und das ist ziemlich viel Lebensweisheit für eine kleine Biene.

Colette kann alles. Fast alles.ist ein kluges und lebensfrohes Bilderbuch über Selbstständigkeit, Hilfsbereitschaft und die Freude am Miteinander. Jean-François Sénéchals unaufdringliche Erzählweise und Pascale Bonenfants farbenfrohe, künstlerisch-grafische Illustrationen ergänzen sich dabei wunderbar. Und Colette zeigt: Vieles können wir allein – doch manches wird erst gemeinsam wirklich schön.

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Bibliografische Angaben

Jean-François Sénéchal
Colette kann alles. Fast alles.
Illustrationen: Pascale Bonenfant
Aus dem Französischen von Julia Süßbrich
von Hacht Verlag, Hamburg 2026
Hardcover, 44 Seiten
ISBN 978-3-96826-070-9
19,00 Euro




Zwei Freunde sind besser als einer: Ein Bilderbuch über Eifersucht

Wie Kinder lernen können, mit Eifersucht umzugehen um Freundschaften zu bewahren

Milo ist echt ein Süßer. Mit seinem runden Kopf, den großen schwarzen Augen und den braunen Strubbelhaaren. Am liebsten spielt er mit Jonah. Der ist genauso alt wie er, spielt ebenso gern Fußball und sieht ihm sogar ganz schön ähnlich. Und natürlich sind sie die besten Freunde. Kicken miteinander, lachen miteinander, trösten einander, wenn es wichtig ist. Und das ist ein wunderbares Gefühl.

Doch dann kommt Stella. Sie zieht im Nachbarhaus ein. Genauso süß: rote Strubbelhaare, großer Kopf und schwarze Augen. Milo findet sie toll, Jonah auch. Der ist dann immer häufiger nicht zu Hause, wenn Milo klingelt. Er ist drüben bei dem Mädchen. Erst lässt Milo den Kopf hängen, doch dann breitet sich ein Grummeln in ihm aus. Auch, wenn sie zu dritt spielen. Es wird immer größer. Ein Monster, ein grünes.

Wenn Gefühle Gestalt annehmen

Ein klassischer, aber wirksamer Kunstgriff: ein Gefühl in einer eigenen Gestalt erstehen zu lassen. So kann es Milo gegenübertreten. Als Monster, grün, giftig, grrrr! Das Eifersuchtsmonster wächst immer mehr, vor allem, wenn Milo Stella und Jonah zusammen sieht. Bis es mindestens genauso groß ist wie er. Es macht ihm üble Gedanken, schlechte Laune, er fühlt sich minderwertig. Das ist ein grauenhaftes Gefühl.

Freundschaft hilft gegen das Monster

Wie kommt ein Kind aus einer solchen Situation heraus? Ohne Hilfe von außen klappt das nicht. Stella spricht ihn an und sagt ihm, dass sein Freund sich Sorgen um ihn mache. Also etwas ganz schön Positives. Was Milo zeigt, dass er dazugehört. Dass er nichts verloren hat. Und das bringt ihn dazu, sich anzustrengen, negative Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben und so das Monster zum Verschwinden zu bringen. Er kann sogar um Entschuldigung bitten. Und dann, na klar, spielen sie zusammen, zu dritt. Denn zwei Freunde sind besser als einer!

In echt geht das natürlich nicht so einfach, das mit dem Bekämpfen des üblen Gefühls. Und nicht so schnell. Aber es nach außen zu verlagern, ihm eine Gestalt zu geben, kann helfen. Denn dann muss niemand etwas in sich bekämpfen, keinen Teil von sich selbst herausschneiden. Sondern kann sich entscheiden, ob er oder sie sich gut fühlen und etwas dafür tun will. Und das ist Selbstermächtigung im besten Sinne!

Ralf Ruhl

Tom Percival
Milo und das Eifersuchtsmonster
Loewe, 2025, www.loewe-verlag.de
ISBN 978-3-7432-1595-5
32 Seiten
ab 3 Jahren
15 Euro.




Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen professionell gestalten

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Eine differenzierte Betrachtung eines Handbuchs für Fachkräfte in Beratung, Therapie und Pädagogik

Sprache ist ein zentraler Bereich der Pädagogik, der eine unermesslich große Bedeutung für eine nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung des Kindes hat. So besitzt die Sprache die Kraft, die Gesamtentwicklung des Kindes aktiv zu unterstützen, oder sie kann auch dazu beitragen, die kindliche Entwicklung zu hemmen bzw. in Einzelbereichen vollkommen zu bremsen. Daher kommt der Sprachgestaltung durch Erwachsene im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ein Bedeutungswert zu, dem sich Erwachsene – pädagogische Fachkräfte ebenso wie Eltern – von Zeit zu Zeit selbstreflektorisch zuwenden sollten.

„Gesprächsführung“ oder besser „Kinder wahrnehmen, auf Kinder hören, mit Kindern sprechen“ ist ein alltägliches Sprachhandeln. Dabei kommen immer wieder Gesprächsmuster von Erwachsenen zum Vorschein, die wenig bzw. gar nicht geeignet sind, die Sprach-, Explorations- und Entwicklungsfreude von Kindern zu aktivieren, zu unterstützen und letztlich zu stabilisieren.

Inhalt

In diesem vorliegenden Buch haben sich nun die beiden Autoren Dr. Gauck und Dr. Kahl mit den Merkmalen von professionell geführten bzw. zu führenden Gesprächen mit Kindern sowie Jugendlichen in fünf Kapiteln auseinandergesetzt.

Zunächst gehen sie der Frage nach, worauf zu achten ist, um professionell einen Kontakt aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Im Folgekapitel stellen sie unterschiedliche Methoden für wirksame Gespräche vor – vom Fragen, einem aktiven Zuhören, dem Reframing, der Nutzung von Metaphern über Rollenspiele, Aufstellungen bis hin zum Einsatz von Medien, wobei sich letztere Methoden eher für Jugendliche eignen.

Im dritten Kapitel dreht sich alles um die Berücksichtigung individueller Lebenswelten (z. B. um den Entwicklungsstand, den kulturellen Hintergrund, die Sprache, auffälliges Verhalten). Im vierten Kapitel mit dem Schwerpunkt „Ich selbst im Gespräch“ sind Leser*innen aufgefordert, sich selbst als gesprächsführende Person wie in einem Spiegelbild zu betrachten und den Fragen nachzugehen, in welcher aktuellen Situation man sich befindet und was das für einen Gesprächsverlauf bedeutet, was die eigene Biografie mit der jeweils spezifischen Gesprächshaltung und den Gesprächsstrategien zu tun hat und welche Auswirkungen eigene Gefühle auf die Gesprächsführung mit dem Kind bzw. dem Jugendlichen haben.

Das fünfte Kapitel mit dem Schwerpunkt „Besondere Gesprächskontexte“ wendet sich möglichen Testungen und Ergebnisgesprächen, Familiengesprächen, einer möglichen Krisenintervention und Gruppenangeboten zu.

Dabei kann jedes der fünf Kapitel – je nach Bedarf und Interesse – einzeln ausgewählt und gelesen werden, weil es eine weitestgehend in sich geschlossene Einheit bildet und Leserinnen nicht zwingend die anderen Kapitel lesen müssen. Die Aufbaustruktur der einzelnen Kapitel ist dabei gleich: Zunächst wird ein sogenanntes „Fallbeispiel“ vorgestellt, dann folgen theoretische Hintergrundinformationen, anschließend werden mögliche Gesprächsstrategien und Beispielfragen aufgeführt und zum Schluss erhalten Leserinnen einige (wenige) Fragenimpulse bezüglich des eigenen Arbeitsalltags.

Fazit

Dieses Buch bedarf einer deutlich differenzierten Betrachtung!

So erhalten in erster Linie Kinder- und Jugendpsychologinnen, Fachkräfte im Feld der Psychotherapie sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ebenso wie schulpsychologisch tätige Beraterinnen bedeutsame Informationen für eine zielorientierte Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen, denn das Buch informiert sowohl mit fundierten theoretischen Hintergrundinformationen als auch mit zieldefinierten Gesprächsstrategien.

Gleichzeitig haben die beiden Autoren den Anspruch, Beziehungen durch eine ressourcenorientierte Gesprächsführung zu stärken, sodass sich Kinder und Jugendliche in ihren besonderen Lebenssituationen verstanden fühlen und durch die eingesetzten Gespräche in entwicklungsförderliche Prozesse hineinfinden können. Ebenso wird die Absicht benannt, dass eine Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen nicht als bloße Technik verstanden werden darf, um Gespräche nicht zu funktionsorientierten Lenkungsmanövern verkümmern zu lassen.

Besonders erfreulich ist das Kapitel 4 („Ich selbst im Gespräch“), das dazu anregt, sich selbst mit unterschiedlichen Fragen zur jeweils aktuellen Arbeitssituation zu reflektieren, das eigene Verhalten in Beziehung zur eigenen Biografie zu betrachten und sich mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig darf bzw. muss allerdings auch die Frage gestellt werden, ob die verwissenschaftlichte, überwiegend sehr funktionsorientierte Sprache – vor allem in den Kapiteln 1 bis 3 – nicht dazu beiträgt, eine Gesprächsführung – auch und gerade bei emotionalen Prozessen – primär kognitiv zu steuern, was dem oben genannten Ziel widersprechen würde.

Zum anderen weckt der Untertitel des Buches („Ein praxisorientiertes Handbuch“) die berechtigte Erwartung, dass in dieser Publikation auch immer wieder ausführliche, prozessorientiert geführte Gesprächsverläufe als nachvollziehbare Beispiele dokumentiert sind, was allerdings eine unerfüllte Erwartung bleibt.

Und auch für die Gesprächsführung – gerade mit Kindern – wäre es weiterhin sehr hilfreich gewesen, ausführlich auf den Aspekt „Adultismus“ einzugehen sowie das „Vier-Seiten-Modell der Kommunikation“ und im Kapitel 4 das Modell „Inneres Team“ anhand von Beispielen zu verdeutlichen.

Gerade pädagogische Fachkräfte im Elementar- und Primarbereich könnten aus beispielhaft dargestellten Gesprächsverläufen von Gesprächen mit Kindern Parallelen zu ihrem eigenen Gesprächsverhalten ziehen, am „Vier-Seiten-Modell der Kommunikation“ die dabei unterschiedlich wirksamen Feinheiten eigener Sprachformulierungen besonders deutlich erkennen und beim Modell „Inneres Team“ die unterschiedlichen inneren Perspektiven beleuchten und in Einklang bringen.

Vergleiche mit anderen Publikationen, die sich mit dem Schwerpunkt „Gespräche mit Kindern führen“ beschäftigen, sind deutlich bodenständiger und praxisorientierter gehalten (z. B. Martine F. Delfos: „Sag mir mal … Gesprächsführung mit Kindern“, Beltz, 10. Aufl.; Martine F. Delfos: „Wie meinst du das? Gesprächsführung mit Jugendlichen“, Beltz, 7. Aufl.; Hilal Virit: „Miteinander sprechen – miteinander wachsen“, Humboldt; Belanna Media: „Kommunikation für Erzieher. Gelungene Gespräche mit Kindern, Eltern und Kollegen“, epubli, 3. Aufl.; Angelika Sommer: „Zuhören, Sprechen, Stärken. Familienkommunikation von Klein bis Groß“, Kindle-Ausgabe).

Zusammenfassung auf den Punkt gebracht

Fachkräfte, die sowohl unter einem wissenschaftlich fundierten Blickwinkel am Thema „Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen“ interessiert sind als auch auf der Suche nach professionell-informativen, kognitiv orientierten Gesprächsführungsimpulsen bzw. -hinweisen, werden reichhaltig fündig werden. Elementarpädagogische Fachkräfte, die vor allem auf basal- und bodenständig ausgerichtete Praxisbeispiele Wert legen, werden sich eher mit ihren Erwartungen in den oben genannten Buchhinweisen wiederfinden.

(Armin Krenz)

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Bibliografische Angaben

Gauck, Letizia / Kahl, Tobias:
Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen.
Ein praxisorientiertes Handbuch
Hogrefe Verlag, Bern, 2026
240 Seiten
35,00 €
ISBN: 978-3-456-86403-7
(auch als eBook erhältlich: ISBN: 978-3-456-86403-7)




Schlagfertig bleiben: Praktische Hilfe für schwierige Gespräche

Ein praxisnaher Ratgeber für den souveränen Umgang mit Angriffen, Arroganz und verbalen Grenzüberschreitungen

Wer kennt es nicht, dass man sich durch verbale Angriffe oder böswillige, unberechtigte Unterstellungen eines Gegenübers vollkommen überfahren fühlt, dass es einem die Sprache verschlägt und dass man dadurch in eine Defensive gerät, die ein lösungsorientiertes Gespräch verhindert.

Konstruktive Gespräche sind gerade bei schwierigen Gesprächspartner*innen häufig dann nicht möglich, wenn man selbst nicht das „verbale Handwerkszeug“ besitzt, um schwierige Gesprächssituationen zu meistern. Umso wichtiger ist es, Gesprächstechniken zu beherrschen, um nicht mit einem Gefühl der Demütigung oder vollkommenen Hilflosigkeit sprachlos zu sein oder, was ebenfalls nicht hilfreich ist, in einen Machtkampf einzusteigen.

Umso erfreulicher ist es, dass ein erfahrener Dozent und Trainer, Hans-Jürgen Kratz, ein Buch veröffentlicht hat, das durch und durch praktische Hinweise liefert, um sich beispielsweise auch gegen Menschen zur Wehr zu setzen, die ihre Überlegenheit zum Ausdruck bringen wollen, mit Arroganz oder persönlichen Angriffen, Alltagstheorien oder einer fachfremden Bauernschläue dafür sorgen wollen, als unbestrittene Sieger eine „Kampfarena“ zu beherrschen.

Inhalt

Das Buch setzt sich aus fünf Kapiteln zusammen. Im ersten Kapitel geht es um eine „Ursachenforschung“, ob gegebenenfalls eigene Verhaltens- und/oder bestimmte Gesprächsmerkmale ein Gespräch kontraproduktiv beeinflussen, verbunden mit sofortigen Hinweisen, welche konstruktiven Merkmale besser angebracht sind.

Im zweiten Kapitel dreht sich alles um die Frage, wie man nun auf unredliche Verhaltensweisen reagieren kann: vom Ignorieren, Nachgeben, Gegenhalten und Durchsetzen bis zum Kontern, um auf eine inhaltliche Ebene wieder zurückzufinden.

Das dritte Kapitel widmet sich der Schlagfertigkeit und geht der Frage nach, wie persönliche Angriffe abgewehrt, Scheinargumente entlarvt, Unredlichkeiten sowie Denkfehler aufgedeckt werden können. Hier werden 68 mögliche Verbalattacken benannt, bei denen zunächst die Frage geklärt wird, was dahinterstecken kann, um dann praktische Vorschläge als Reaktionsmöglichkeiten zu unterbreiten.

Im vierten Kapitel mit dem Schwerpunkt „Lassen Sie sich nichts gefallen“ folgen zwölf Vorschläge für eine mündliche Erwiderung, bevor im fünften, sehr kleinen Kapitel zwei Hinweise gegeben werden, was zu tun ist, wenn eine Situation vollkommen festgefahren ist.

Bewertung

Dieses reine praxisorientierte Buch umfasst außergewöhnlich viele Gesprächssituationen, die in einem Gespräch zu einer Eskalation führen können, wenn auf der einen Seite ein „Gesprächsführungs-Know-how“ nicht vorhanden ist oder auf der anderen Seite in problematischen Gesprächssituationen die persönliche Betroffenheit so groß ist, dass diese zu einer Denk- und Sprechblockade führt.

Die vorgestellten Antwortmöglichkeiten sind sehr vielfältig. So gibt es beispielsweise humorvolle, aber auch grenzsetzende, direkte und indirekte, inhaltlich-sachliche und auch emotional gesteuerte Reaktionsvorschläge.

Was der Inhalt des Buches auf jeden Fall in bester Weise schafft, ist die Möglichkeit für Leser*innen, sich mit „rhetorischen Rückmeldungen“ auseinanderzusetzen, diese kennenzulernen und dann zu prüfen, welche Reaktionsmöglichkeit wohl am besten für sich selbst und die vorhandene Situation geeignet scheint, die „Kuh vom Eis“ zu bringen.

Armin Krenz

Bibliographie

Kratz, Hans-Jürgen:
Lächeln, Nicken, Kontern. Lassen Sie sich von Angreifern, Großmäulern und Besserwissern nicht unterbuttern
Metropolitan – ein Imprint des Walhalla Fachverlags, 2019.
197 Seiten.
ISBN: 978-3-96186-028-9.
14,95 €

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Schule neu denken: Wie Lernen ohne Druck gelingen kann

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Stefan Ruppaner zeigt, wie eine innovative Schule Lernfreude, Selbstständigkeit und Partizipation in den Mittelpunkt stellt

Das Buch Das könnte Schule machen – Wie ein engagierter Pädagoge unser Bildungssystem revolutioniert von Stefan Ruppaner – unter Mitarbeit der Journalistin und Buchautorin Anke Willers – beschäftigt sich mit völlig neuen Wegen des Lernens und Lehrens in einer Schule, in der Schülerinnen und Schüler ohne Angst ihre Schule besuchen können, in der Stress ein Fremdwort ist und in der Eigenmotivation sowie Lernfreude im Vordergrund stehen. So erläutert der Autor mit vielen Beispielen und anhand einiger Fotos seine Erfahrungen als Schulleiter der Alemannenschule in Baden-Württemberg und dokumentiert ausführlich, wie eine traditionelle Schule in eine vollkommen neue, innovative Lernumgebung umgewandelt wurde, in der es keinen üblichen Frontalunterricht sowie keine festen Prüfungstermine oder Klassenzimmer gibt. Hier leben Lehrkräfte und Schüler*innen losgelöst von einer üblicherweise machtgeprägten und durch starre Unterrichtspläne geprägten Unterrichtsform, wobei kindorientierte Lernmöglichkeiten den Schulalltag kennzeichnen, in dem gegenseitige Wertschätzung gelebt wird und eine reale, ganzheitlich vorhandene Partizipation zum Schulalltag gehört.

Aufbau des Buches

Zunächst lädt der Autor Leser*innen mit den Worten „Kommen Sie, ich zeige Ihnen unsere Schule!“ ein. Dann lässt er uns an seiner eigenen zurückliegenden Schulzeit teilhaben, und als Nächstes folgt sein Faszinationserleben, als er zum ersten Mal etwas von der Bodensee-Schule in Friedrichshafen erfährt. Das motiviert den Autor als Schulleiter und Pädagogen, erste Schritte zu unternehmen, um auch die eigene Schule zu verändern und den Weg zu einer Gemeinschaftsschule in Gang zu setzen – auch, um räumliche Wände und festgefahrene Denkstrukturen zu entfernen.

Dabei wurden vier Leitsätze zum Ausgangs- und Mittelpunkt des neuen „Lernhauses“:

  1. Wir gehen respektvoll mit Mensch, Tier und Material um.
  2. Wir machen alles dafür, dass jeder von uns selbstständig lernen kann.
  3. Jeder von uns hilft mit, die Umgebung so zu gestalten, dass wir uns wohlfühlen.
  4. Mit dem Herzen dabei!

Lernen neu organisieren

Statt eines klassischen Unterrichts hält die Praxis eines Coachings Einzug in den Lernalltag – unter Nutzung neuer Werkzeuge und Hilfen für ein selbstorganisiertes Lernen: ein persönlicher Stundenplan, Kompetenzraster, sogenannte Stempelkarten als Überblick und Konkretisierung der Inhalte der Kompetenzraster, Materialpakete als Lernmaterialien, Inputstunden als kurze Einführungen in fächerspezifische Themengebiete, das Führen eines Lern-/Schultagebuchs sowie Gelingensnachweise als Ersatz für Klassenarbeiten. Außerdem steht jedem Kind ein persönlicher Lerncoach zur Seite.

Weitere Ausführungen beschäftigen sich mit Hilfen für das Lernen von Regeln, Rücksichtnahme und Social Skills, den erforderlichen Veränderungen für Lehrkräfte, dem Ganztagesrhythmus statt eines 45-minütigen Unterrichtstaktes, der vollkommen anderen Raumgestaltung sowie der Integration der Digitalisierung.

Zwischen Anerkennung und Gegenwind

Im sechsten Kapitel wird beschrieben, wie das neue „Lernhaus“ sowohl mehr Aufmerksamkeit von außen bekam und Neugierde entfachte als auch, mit welchem „Gegenwind“ das neue Schulkonzept zu tun hatte. Kapitel sieben wendet sich dem Aufbau der gymnasialen Oberstufe zu, und im achten Kapitel geht es um „Erfolge, die niemand mehr wegdiskutieren kann“.

Das neunte Kapitel zeichnet auf, wie in dem Lernhaus mit all den Entwicklungsschritten aktuell gearbeitet wird. Dabei kommen auch Schüler*innen selbst zu Wort und schildern, wie sie ihre Schule erleben.

Schließlich kommt der Autor aufgrund seiner umfangreichen Erfahrungen einerseits zu dem Schluss: „Wir brauchen eine Revolution“, und andererseits zeigt er Forderungen und zugleich Wege auf, wie es weitergehen kann und wie die „Schule der Zukunft“ aussehen sollte.

Schlussbemerkung

Das Buch wird all diejenigen Leser*innen faszinieren und regelrecht in seinen Bann ziehen, die sich für eine dringend angezeigte Veränderung unseres durch und durch überholten, traditionsgeprägten Schulsystems interessieren. Durch seine anschauliche Darstellung einer möglichen, Stück für Stück veränderten Schulentwicklung und die vielen praxisnahen Beispiele aus dem Schulalltag kommt das Buch einem überaus spannenden Kriminalroman gleich.

Dabei wird gleichzeitig deutlich, wie das jahrelange, unermüdliche Engagement sowie das Durchhaltevermögen, die Innovationsfreude und der Mut einer Person dazu beitragen können, wirklich etwas ganz Neues zu erschaffen, um Schule als Lernort so zu gestalten, dass Kinder und ihre Lernfreude im Mittelpunkt stehen.

Damit machen die Ausführungen deutlich, dass Veränderungen im Bildungssystem möglich sind – jedoch nur, wenn ein ausgeprägtes Zielbewusstsein, Engagement, Kreativität, Innovationsfreude, Konfliktkompetenz und Teamarbeit vorhanden sind. Die für Schüler*innen geltenden Ziele wie beispielsweise Selbstbildung, Autonomie, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung werden damit zugleich zu geforderten Persönlichkeitsmerkmalen für Lehrkräfte.

Dazu passen drei wegweisende Zitate:

  1. „Du kannst den anderen nur so weit bringen, wie du selbst gekommen bist.“ (C. G. Jung)
  2. „Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.“ (Augustinus)
  3. „Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen.“ (Mahatma Gandhi)

Daher ist diese Publikation ein durch und durch inspirierendes und zukunftsorientiertes Buch, das wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Bildungssystems liefert. Es regt zum kritischen Nachdenken über unsere jahrzehntealte traditionelle Unterrichtsform an und zeigt, wie Lernen kindorientierter, nachhaltiger und motivierender für Schülerinnen und Lehrerinnen gestaltet werden kann.

Damit eignet sich das Buch besonders für Personen, die sich mit einer zeitgemäßen Pädagogik beschäftigen, wirklich neue Ideen für Schule und Unterricht suchen, und sollte unbedingt als Ausgangspunkt für Diskussionen über die Schule der Zukunft dienen.

Armin Krenz

Bibliografie

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Ruppaner, Stefan:
Das könnte Schule machen.
Wie ein engagierter Pädagoge unser Bildungssystem revolutioniert.
Unter Mitarbeit von Anke Willers.
Rowohlt Verlag,
4. Auflage 2025.
238 Seiten, 18,00 €.
ISBN: 978-3-499-01639-4.




Zwischen Wurzeln und Flügeln: Selbstständigkeit gezielt fördern

auf die flügel kommt es an

Wie Kinder durch Orientierung, Vertrauen und Freiräume wachsen

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und ein international weithin bekannter Wissenschaftler, der sicherlich vielen Fachkräften zum Beispiel durch seine Bücher „Mit Herz und Klarheit“, „Kinder verstehen“, „Demokratie braucht Erziehung“, „Menschenkinder“ oder „Die Kindheit ist unantastbar“ bekannt ist, wendet sich in seinem neuesten Buch der Frage zu, wie Kinder sowohl eine sichere Bindung als auch eine authentisch gefestigte und vor allem nachhaltige Selbstständigkeit entwickeln können.

Inhaltschwerpunkte und zentrale Aussagen

Das Buch greift ein grundlegendes Spannungsfeld der Pädagogik auf. Einerseits benötigen Kinder für ihre förderliche Entwicklung Nähe, ein grundlegendes Empfinden von Sicherheit und verlässliche Bindung, andererseits auch Zeit und Platz für Freiräume, um eigene Erfahrungen machen zu können und damit Selbstständigkeit und soziale Kompetenzen zu entdecken, aufzubauen, zu entwickeln und zu festigen. Diese beiden Seiten beschreibt Renz-Polster symbolisch mit den Begriffen „Wurzeln“ und „Flügel“. Während die bedürfnisorientierte Erziehung in den vergangenen Jahren vor allem die „Wurzeln“ betont hat, rückt der Autor nun die Bedeutung der „Flügel“ stärker in den Betrachtungsmittelpunkt. Mit „Wurzeln“ sind Sicherheit, emotional spürbare Nähe sowie Bindungserlebnisse gemeint, und „Flügel“ stehen symbolisch für Eigenverantwortung, Autonomie, Selbstständigkeit sowie soziale Kompetenz.

Der erste Teil des Buches widmet sich den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern. Dabei erläutert der Autor, wie Selbstregulation, emotionale Reifung und soziale Kompetenzen entstehen. Es wird deutlich, dass Kinder schon in frühen Jahren lernen müssen, eigene Erfahrungen zu machen und Herausforderungen zu bewältigen, um eigene Kompetenzen wahrzunehmen, die auch später zu Selbstverantwortung führen.

Der zweite Teil enthält sogenannte „Flügelimpulse“ – praktische Denkanstöße und Orientierungen für den Alltag von Kindern im Kommunikations- und Interaktionsgeschehen mit Erwachsenen. Diese sollen verdeutlichen, wie Kinder in unterschiedlichen Alltagssituationen entwicklungsförderlich begleitet werden können, ohne sie zu stark zu dirigieren bzw. zu kontrollieren oder vor möglichen Gefahren im Sinne einer Überbehütung zu schützen.

Das zentrale Anliegen des Autors ist es, das Verständnis von einer reinen Bedürfnisorientierung weiterzuentwickeln. Kinder sollen das Vertrauen in sich entdecken, als Akteur tätig werden zu können, selbstständig zu handeln und Verantwortung für sich selbst und gleichzeitig auch für die Folgen ihres Handelns zu übernehmen. Auch wenn sich das Buch mit erster Priorität an Eltern wendet, wobei z. B. typische Herausforderungen im Alltag wie Konflikte in der Autonomiephase, Wutanfälle und mangelnde Kooperation aufgegriffen werden, treffen die Erklärungen und hilfreichen Handlungsimpulse selbstverständlich auch für das Alltagsgeschehen in der Elementarpädagogik zu.

Dem Buch liegen vier zentrale Botschaften zugrunde:

(1) Kinder brauchen neben Nähe und Verständnis auch eine klare Orientierung, um eigene Bedürfnisse und werteorientierte Handlungsnotwendigkeiten miteinander in Beziehung zu setzen.
(2) Kinder brauchen vielfältige und praktisch erlebbare Erfahrungen, um ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit in der Gegenwart und für die Zukunft auf- und ausbauen zu können.
(3) Ängstlichkeit und Misstrauen der Erwachsenen beschneiden die Erfahrungswelt der Kinder und schwächen gleichzeitig deren Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Entsprechend sollten Erwachsene den Kindern mehr zutrauen, ohne dabei Überforderungen zu erzeugen. Kinder wollen etwas leisten, sich selbst als wirksam erleben – und dieses Empfinden muss für sie erfahrbar sein.
(4) Freiheit und Struktur sind ein vernetztes Ganzes, um sowohl eine Laissez-faire-Pädagogik als auch eine autokratische Vorgabepädagogik zu vermeiden. Loslassen, Begleiten und ein demokratisch strukturiertes, entwicklungsförderlich sinnvolles Setting sorgen für eine ausgewogene Balance zwischen Selbstwirksamkeit und einem wertedurchsetzten Sicherheitsgefüge.

Verständlich und klar strukturiert

Das Buch überzeugt einerseits durch seine verständliche Sprache und andererseits durch seine klare Struktur, wie man es auch aus den anderen Büchern des Autors kennt. Renz-Polster verbindet anschauliche Beispiele aus dem Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichen Erfahrungen, was das Buch lebendig erscheinen lässt. Dadurch ist das Werk praxisnah und auch für Leserinnen und Leser ohne große pädagogische Vorkenntnisse zugänglich und zugleich informativ.

Renz-Polster gelingt es, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Bindung und Selbstständigkeit und damit eine gelingende Autonomieentwicklung darzustellen. Es werden keine starren Erziehungsregeln aufgestellt; vielmehr lädt das Buch zur Reflexion eigener Einschätzungen und Handlungsmuster ein. Seine „Flügelimpulse“ regen dazu an, die eigene Haltung als aktive und zugleich engagierte Entwicklungsbegleiter*in selbstkritisch zu hinterfragen und reflektiertere Entscheidungen im Alltagshandeln zu treffen. Wer nach klaren Handlungsvorgaben, Anweisungen, Rezepten oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen sucht, wird hier nicht fündig; stattdessen setzt der Autor auf Haltung, Verständnis und langfristige Orientierung.

Angesichts aktueller Ergebnisse aus der Erziehungsforschung zu Überbehütung und Leistungsdruck im pädagogischen Alltag liefert der Autor einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie Kinder in einer zunehmend kontrollierten Lebenswelt ausreichend Freiraum für eigene Erfahrungen erhalten können, um nachhaltig gut auf ihr späteres Leben vorbereitet zu sein.

Armin Krenz

Bibliografie

auf die flügel kommt es an cover

Auf die Flügel kommt es an.
Wie Eltern Orientierung geben und Kinder selbstständig werden.

Beltz Verlag, Weinheim 2026.
207 Seiten, 20,00 €.
ISBN: 978-3-407-86921-0




Kindliche Entwicklung in Zeiten wachsender Unsicherheit stärken

Eine fundierte Orientierung für Eltern und Fachkräfte zwischen Entwicklungsbedürfnissen und gesellschaftlichem Wandel

Kinder wachsen in Zeiten auf, die durch vielfältige und zugleich sehr unterschiedliche Entwicklungen und damit auch durch besondere Herausforderungen gekennzeichnet sind. So haben einerseits die Krisen in der Welt entsprechende Auswirkungen auf Erwachsene und damit auch auf Kinder. Der zunehmend digitalisierte Einfluss auf die Alltagsgestaltung ist unübersehbar, die Folgen einer gezielt funktional-bildungsfördernden Pädagogik zeigen sich in Krippen und Kindertagesstätten, und ungünstige institutionelle sowie strukturelle Bedingungen in der Kinderbetreuung sowie personale Herausforderungen tragen zu mannigfachen Irritationen im Kinderleben bei.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte ist es dringend angezeigt, dass sich Eltern und pädagogische Fachkräfte mit der Frage auseinandersetzen, wie eine persönlichkeitsförderliche Entwicklungsbegleitung der Kinder aussehen sollte, um einerseits Verunsicherungen entgegenzuwirken und andererseits klare Hinweise aufzuzeigen, wie Entwicklungsbedürfnisse der Kinder am besten gesättigt werden können.

Ansatz und Zielsetzung des Buches

Genau an dieser Schnittstelle zwischen aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen und entwicklungsorientierten Bedürfnissen von Kindern geht die Autorin, die seit 30 Jahren als Seminarleiterin in der Elternbildung und als Dozentin in der Fort- und Weiterbildung von Erzieherinnen tätig ist, der Frage nach, wie es Eltern und Erzieherinnen am besten gelingt, die sozial-emotionale, motorische und sozial-kognitive Entwicklung der Kinder zu unterstützen. Dies geschieht ausgerichtet auf die Aufgabe, dass Kinder eine stabile Sicherheit entwickeln, ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Autonomie aufbauen und ihre innewohnenden Entwicklungsressourcen umfassend entdecken und nachhaltig nutzen können.

Aufbau und Inhalte

Dieses Buch setzt sich aus zehn Kapiteln zusammen. Nachdem die promovierte Pädagogin in ihrer Einleitung die Hintergründe für die Notwendigkeit ihres Buches sowie eine kurze Übersicht über die Kapitel darlegt, dreht sich im zweiten Kapitel alles um die Frage, wie die Entwicklungsmerkmale eines Krippenkindes zu einer frühen Krippenbetreuung passen.

Im dritten Kapitel werden die natürlichen, persönlichkeitsbildenden Entwicklungsverläufe bei Kindern vorgestellt, unter Berücksichtigung der Aspekte einer notwendigen sicheren Bindung, der Empathie und des sozialen Verstehens, der Selbstständigkeit, des Selbstwertgefühls, kindlicher Ängste, der Geschwisterbeziehungen, des Selbsterkennens und des Selbstbewusstseins.

Kapitel vier geht auf mögliche Überforderungen der Kinder ein (Einschränkungen und Wechselsituationen bezüglich „Zeit und Raum“). In den drei folgenden Kapiteln (5, 6 und 7) greift Dr. Butzmann den aktuellen Modernisierungsdruck auf Kita-Fachkräfte, den Einfluss digitaler Medien sowie gesellschaftliche Erwartungen an die Rollenverteilung in der Familie auf (Stichworte: Partizipation, sexuelle Vielfalt, MINT-Bildung, ein zu früher und übermäßiger Gebrauch digitaler Medien, frühe Fürsorgearbeit der Väter, geschlechtsspezifisches Streitverhalten in der Partnerschaft).

Die Kapitel acht bis zehn bestehen aus einer Schlussbetrachtung, einem sehr ausführlichen Literaturverzeichnis sowie einem hilfreichen Index (Stichwortverzeichnis).

Einordnung und Bewertung

Dieses wegweisende Buch, das einerseits die Entwicklungsverläufe kindeigener Fähigkeiten bei (Klein-)Kindern aufführt und anhand vieler Beispiele beschreibt und andererseits seine Aussagen wiederholt mit wissenschaftlichen Belegen untermauert, ist ein sehr hilfreicher „Ratgeber“ – im besten Sinne des Wortes – für alle, die sich dem Wohl einer förderlichen Entwicklungsbegleitung von Kindern verpflichtet fühlen.

Die Autorin berücksichtigt dabei alle relevanten Einflussfelder, die die kindliche Entwicklung prägen. Auch wenn es mitunter mühsam erscheinen kann, die 215 Seiten Fließtext zu lesen, lohnt es sich unbedingt, die erforderliche Lesezeit aufzubringen. Es geht schließlich um Kinder, die ein uneingeschränktes Recht darauf haben, unter möglichst guten Bedingungen Kompetenzen aufzubauen und auszubauen, die einen prägenden und nachhaltigen Bedeutungswert für ihr gesamtes späteres Leben besitzen.

Bei den inhaltlichen Ausführungen – etwa zu den Schwerpunkten „Wie passen Entwicklungsmerkmale eines Krippenkindes mit einer frühen Krippenbetreuung zusammen“ (Kapitel 2.2), „Empathie und soziales Verstehen in den ersten Lebensjahren“ (Kapitel 3.2), „Überforderungen oder ADHS“ (Kapitel 4.2), „Spezielle MINT-Bildung in den Kitas“ (Kapitel 5.3), „Digitale Medien in der Kita“ (Kapitel 6.3) oder „Die frühe Fürsorgearbeit der Väter“ (Kapitel 7.2) – können sowie bei den damit verbundenen klaren Aussagen durchaus Widersprüche entstehen. Dies ist auch bei wissenschaftlich belegten Studienergebnissen möglich und uneingeschränkt zulässig, ja sogar begrüßenswert.

Problematisch wäre jedoch, wenn dogmatisch gesetzte Gegenreden die hier fundiert dargestellten und belegten Aussagen ins Abseits drängen – ein Phänomen, das in der Pädagogik nicht selten vorkommt. Pablo Picasso formulierte treffend: „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.“ Perspektivenvielfalt ist notwendig – entscheidend bleibt jedoch die Frage nach Hintergrund und Intention der jeweiligen Gegenpositionen.

Gerade in diesem Kontext ist eine sachliche Auseinandersetzung unerlässlich. Die Autorin steht exemplarisch für eine wissenschaftlich gebotene Sachlichkeit.

Diese Publikation verdient es uneingeschränkt, einen großen Leserkreis anzusprechen – sowohl entwicklungsinteressierte Eltern als auch professionell handelnde, entwicklungsorientierte Fachkräfte im Bereich der Elementarpädagogik.

Bibliographie

Butzmann, Erika (2025):
Sicherheit im Erziehungshandeln. Die kindliche Entwicklung fördern in Zeiten von Unsicherheit und Modernisierungsdruck.
Gießen: Psychosozial-Verlag.
250 Seiten, 34,90 €
ISBN 978-3-8379-3418-2 (Print)
ISBN 978-3-8379-6332-8 (E-Book, PDF)

Rezensent

Prof. h. c. Dr. h. c. Armin Krenz
Honorarprofessor für Elementarpädagogik und Entwicklungspsychologie (a. D.)