Kreativität braucht Zeit: Ein Plädoyer für Geduld in der Erziehung

Warum Kinder für ihre kreative Entwicklung vor allem Freiheit, Neugier und Zeit brauchen – und warum pädagogische Beschleunigung oft das Gegenteil bewirkt

Wären Menschen in der Vergangenheit nicht kreativ gewesen, gäbe es die Menschheit vermutlich längst nicht mehr. Immer wieder stehen wir vor unerwarteten Herausforderungen, für die es keine erlernten Lösungswege gibt. Waren diese früher noch überschaubar, ist die Realität heute so komplex geworden, dass es oft schon schwierig genug ist, überhaupt die richtigen Fragen zu formulieren, um Antworten zu finden.

Kreativität bedeutet, neue, originelle und zugleich sinnvolle Ideen, Lösungen oder Ausdrucksformen hervorzubringen. Um sie zu entwickeln, müssen wir uns von vertrauten Denkmustern lösen und neue Wege wagen. Das erfordert Mut, Offenheit und innere Freiheit.

Kreativität lässt sich nicht lehren

Vor diesem Hintergrund zeigt sich: Kreativität lässt sich nicht einfach lehren oder durch Programme erzeugen. Wer ihre Entwicklung bei Kindern unterstützen möchte, braucht vor allem eines – Geduld.

Denn vorgegebene Lösungswege, wie wir ihnen heute leider allzu häufig begegnen, haben mit Kreativität etwa so viel zu tun wie Malvorlagen mit Kunst. Sie mögen entspannend sein und die Feinmotorik fördern, den Geist jedoch führen sie kaum zu neuen Gedanken.

Wer Kinder aufmerksam beobachtet, erkennt schnell, dass sie von Anfang an kreativ sind. Für kleine Kinder ist nahezu alles neu. Um sich in dieser Welt zurechtzufinden, müssen sie eigene Wege entdecken und ausprobieren. Je mehr Erwachsene ihnen diesen Prozess abnehmen, desto stärker greifen sie in diese Entwicklung ein.

Die natürliche Verbündete: die Neugier

Dabei verfügen Kinder über eine mächtige Verbündete: ihre Neugier. Sie ist von Geburt an vorhanden und treibt Kinder dazu an, zu fragen, zu experimentieren und Zusammenhänge zu entdecken. Es ist daher nur folgerichtig, dass ein so freier Geist und scharfer Beobachter wie Pablo Picasso zu der Erkenntnis gelangte: „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist nur, ein Künstler zu bleiben, wenn man erwachsen wird.“

In vielen Vorgaben, die Kindern heute gemacht werden – im Drang, ihre Entwicklung zu beschleunigen und sie möglichst früh „fit für die Gesellschaft“ zu machen –, liegt jedoch oft die Unterdrückung dieser geistigen Freiheit.

Pädagogische Praxis zwischen Anspruch und Realität

Viele pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte sind sich dieser Zusammenhänge durchaus bewusst. Betrachtet man jedoch die Praxis, zeigt sich häufig ein anderes Bild. Es wird erklärt, angeleitet und geradezu zwanghaft gefördert – statt Räume zu schaffen, in denen Kinder selbst entdecken können.

Dabei wird leicht übersehen, dass sich Fähigkeiten und Fertigkeiten schrittweise entwickeln. Entwicklung folgt keinem beschleunigten Lehrplan. Wer den dritten Schritt vor dem ersten erzwingen will, erzeugt meist nur Verwirrung.

Geduld als pädagogische Tugend

Bereits der große Aufklärungsphilosoph Jean-Jacques Rousseau hat diesen Gedanken prägnant formuliert. In seinem Werk Émile oder Über die Erziehung schreibt er: „Der Erzieher muss viel Zeit verlieren können, um Zeit zu gewinnen.“ Dieser Satz hat im digitalen Zeitalter nichts von seiner Aktualität verloren. Gute Bildung entsteht nicht durch Beschleunigung, sondern durch Geduld, Beobachtung und das Zulassen von Entwicklungsprozessen. Was zunächst wie Zeitverlust wirkt – etwa wenn Kinder selbst entdecken, ausprobieren oder Fragen stellen – führt langfristig zu tieferem Lernen, echter Selbstständigkeit und zu kreativen Fähigkeiten.

Pädagogische Stimmen

Viele bedeutende Pädagoginnen und Pädagogen haben diesen Gedanken bestätigt. Der Begründer der Reggio-Pädagogik, Loris Malaguzzi, formulierte: „Das Kind hat hundert Sprachen, hundert Hände, hundert Gedanken, hundert Weisen zu denken, zu spielen und zu sprechen.“ Auch der Entwicklungspsychologe Jean Piaget betonte: „Das Hauptziel von Bildung ist nicht, Menschen hervorzubringen, die einfach wiederholen, was andere Generationen getan haben, sondern Menschen, die fähig sind, Neues zu schaffen.“ Und Maria Montessori erinnerte daran: „Die Aufgabe der Umgebung ist nicht, das Kind zu formen, sondern ihm zu erlauben, sich zu offenbaren.“

Alle drei Perspektiven verweisen auf denselben Kern: Bildung bedeutet, Entwicklung zu ermöglichen – nicht sie zu erzwingen.

Wenn Bildung beschleunigt werden soll

Gerade heute geraten diese Grundsätze zunehmend unter Druck. Pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte stehen unter wachsendem Erwartungsdruck. Zugleich werden immer neue Bildungsprogramme und Kompetenzen gefordert.

wer heute wie der didacta Verband Medienkompetenzvermittlung und eine Förderung der Medienmündigkeit in digitalen Umgebungen bereits im Kindergarten oder gar in der Kinderkrippe fordert, der sollte endlich einmal den wissenschaftlichen Beleg für seine vollmundigen Forderungen erbringen, um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, dass ihm der Profit wichtiger ist als die Kinder. Nahezu alle wissenschaftlichen Studien weisen darauf hin, dass ein früher und intensiver Bildschirmkonsum die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern beeinträchtigen kann.

Freies Spiel als Grundlage kreativer Entwicklung

Kinder brauchen vor allem Zeit – Zeit für ihre eigene Entwicklung. Diese entsteht nicht in angeleiteten digitalen Unterrichtseinheiten, sondern vor allem im freien Spiel.

Das bedeutet keineswegs, Kinder sich selbst zu überlassen. Für ihre Bildung benötigen sie sichere Beziehungen, einen geschützten Raum, eine vorbereitete Umgebung und kluge Impulse von Erwachsenen.

All das ist in der Pädagogik seit langem bekannt. Doch im hektischen Alltag gerät diese Einsicht zunehmend in den Hintergrund.

Gerade deshalb lohnt es sich, an eine einfache Wahrheit zu erinnern: Kreativität wächst dort, wo Kinder Zeit haben, ihre Welt selbst zu entdecken. Und genau diese Fähigkeit – kreativ zu denken und neue Wege zu finden – wird auch in Zukunft eine der wichtigsten Kompetenzen des Menschen bleiben.

Gernot Körner




Den Frühling mit Kindern erleben

Kreative Bastelideen und praktische Tipps

Wenn die langen Wintermonate zu Ende gehen, das Schmelzwasser langsam im Boden verschwindet und sich die Matschebenen allmählich wieder in festes Land ver­wandeln, dann stellt sich auch bald dieses wunderbare Gefühl ein, das man nur im Frühling erleben kann: Mit aller Kraft will etwas in Körper und Seele wachsen, ausbrechen. Diese Sehnsucht, diese Freude an der Welt wird besonders im Frühling erlebt. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen ist es plötzlich wieder voll in den Parks, Gartenanlagen und Spielplätzen. Überall sieht man freundliche, offene und lachende Gesichter, eine Wohltat nach all den dunklen Wintermonaten. Die Kraft, die der Frühling mit sich bringt, kann Berge versetzen. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen! So lassen sich gut neue Schritte wagen und jeder Schritt bedeutet Bewegung, Aufbruch.

Arche Noah

Genau diese Stimmung greift die Erzählung der Arche Noah auf. Was für ein fantastisches Bild muss das gewesen sein, als all die Tiere nach der großen Flut die Arche verließen, um sich an Land eine neue Heimat zu suchen.

Die Farben dieses Aufbruchs festzuhalten, die Freude über die Vielfalt der Tiergestalten selbst zum Ausdruck zu bringen, kann zu einer wunderschönen Gestaltungsaufgabe führen: Je­der kann sein eigenes Tierpaar entwerfen und herstellen. Das klingt viel komplizierter, als es ist. Denn bei dieser Aufgabe braucht sich keiner daran zu halten, dass Giraffen einen langen Hals, Schweine einen Ringelschwanz und Elefanten einen Rüs­sel haben müssen. Jeder kann die Tiere nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten: Kühe mit Giraffenhälsen sehen lustig aus, hellblaue Elefanten mit Riesenohren erinnern an Dumbo, den fliegenden Elefanten, Pferde mit langer Mähne und einem Horn lassen das Einhorn wieder lebendig werden. Fantasie ha­ben die Kinder genug. Wenn sie dann noch bunte Stoffe ver­wenden, wird das Ergebnis eine farbenprächtige Sammlung von Fabelwesen sein.

Material: jede Menge kunterbunte Stoffreste, Stecknadeln, Scheren (wenn vorhanden eine Stoffschere), Pappe, Papier­scheren, Bleistifte und Radiergummis, Kohlepapier, Nähgarn und Nadeln, Kleber, Füllwatte, Filzstifte und Zwirn

Jedes Kind entwirft sein Fantasietier.

Dabei soll ganz viel aus­probiert werden. Es empfiehlt sich also, einen dicken Radier­gummi danebenzulegen, denn wer weiß schon vorher, ob das känguruähnliche Wesen mit dem Beutel auf dem Rücken tatsächlich so bleiben soll oder ob der Beutel nicht doch bes­ser auf dem Kopf getragen wird. Der Fischvogel mit den Rückenflossen will vielleicht doch keine Flügel haben, also weg damit. Am Anfang werden die Wesen vielleicht noch „echten“ Tieren ähneln, aber schon bald wird die Fantasie be­flügelt, und es entstehen immer fantasievollere Fabeltiere.

Wenn die Kinder mit ihren Entwürfen fertig sind, werden diese mit Kohlepapier auf die (nicht zu dicke) Pappe übertragen und ausgeschnitten. Die so entstandenen Schablonen jetzt auf dem ausgewählten Stoff platzieren, der vorher doppelt gelegt wurde. Die Umrisse der Schablone mit einem Stift auf die oberste Stofflage übertragen. Damit die untere Lage beim Ausschneiden nicht verrutscht, wird nach dem Entfernen der Pappe der Stoff mit Stecknadeln zusammengeheftet und die Umrisse mit einer Stoffschere ausgeschnitten.

Je nach Geschicklichkeit des Kindes werden die beiden Teile am Rand entlang entweder zusammengeklebt oder zusam­mengenäht. Ein kleines Stück bleibt offen, denn dort kann die Füllwatte hineingestopft werden. Nicht zu viel Watte verwen­den, der Körper soll sich zwar runden, sollte aber nicht unbe­dingt hart und fest sein. Dann gelingt es auch besser, das letzte Stückchen zusammenzunähen. Es kann auch geklebt werden, nur meistens kleben dabei eher die Finger als die ­Stoffhälften zusammen. Jetzt braucht das Tier noch Augen, Nase und ­Oh­ren, die mit den Filzstiften aufgemalt werden. Fertig ist das Wundertier.
Wenn alle Tiere mit einem Zwirnsfaden untereinandergehängt werden, entsteht ein wunderchöner farbenprächtiger Wandbehang.

Unsinn im Sinn

Der Frühling löst bei vielen Kindern ein Gefühl aus, das Eltern gern mit „Übermut“ oder „dir juckt das Fell“ beschreiben. Ge­meint ist dieses herrliche Kribbeln im Bauch, das sich im gan­zen Körper ausbreitet und zu den verrücktesten Ideen anregt. Diese kreative Kraft löst ein Glücksgefühl aus, das nur der verstehen kann, der es kennt.

Aber diejenigen, die es nicht wagen, verrückt zu sein, weil sie „zu gut erzogen sind“, können trotzdem versuchen, sich diesem Zustand aus sicherer Entfernung anzunähern. Zum Bei­spiel mit folgender Gestaltungsidee: Es geht um die Umset­zung eines Spruchs, den ich einmal in einer Zeitschrift gelesen habe: „Man merkte es ihnen kaum an, aber sie hatten nur Unsinn auf dem Kopf!“

Jeder malt auf einem Blatt eine ganz normale Menschenge­stalt, nur der Kopf sollte etwas ungewöhnlich aussehen. Was könnte denn dieser brave Junge auf dem Kopf tragen, et­wa einen Fisch? Und diese dicke Marktfrau, was schleppt sie denn auf ihrem Haupt, einen großen Bottich, aus dem ein Kro­kodil herausguckt? Oder diese Dame da, die wie eine Lehrerin aussieht, was schmückt denn ihren Kopf? Springt da etwa ein kleines Vögelchen heraus? Ach, da ist ja auch das Nest mit den Kleinen! Es ist gut versteckt im Dutt der Dame. Und der dicke Mann mit dem Schwabbelbauch, was flattert ihm da um die Ohren? Ah, eine Schar zarter Schmetterlinge! Der Mann hat doch tatsächlich einen Busch auf dem Kopf. Je län­ger die Kinder malen, desto verrücktere Sachen werden ihnen einfallen, darauf kann man sich verlassen.

Material: Papier und Farbstifte

Kopf hoch, es geht weiter

Der erste Schritt ist getan, jetzt tasten wir uns noch weiter vor. Denn jetzt werden Haarspray, Strähnchenfärber, Stielkämme, Haarklips, Klämmerchen und Umhänge herausgeholt, und es geht den Kindern selbst an den Schopf. Wer traut sich, seinen Kopf hinzuhalten und sich gestalten zu lassen? Da hat wohl jemand schon etwas von den alten Ägyptern gehört, die ihr Haupt ja auch geschmückt haben. Die Göttin Isis trug den Thron als Zeichen ihrer Königinnenwürde auf dem Kopf.

Und was hat Jenny auf dem Kopf? Der Flechtstuhl aus der Puppenstube macht sich ganz reizend auf ihrer Kappe – Isis wäre blass vor Neid geworden. Andere Kinder haben sich Plastiktiere ins Haar gebunden, einer hat den Schopf voller Trolle in unterschiedlichen Größen, das sieht ja lustig aus. Das Haar wurde antoupiert und stark mit Haarlack besprüht. Dazu ist es noch mit Strähnchenfärber blau angemalt worden. Und in diesem malerischen Gewusel finden die Trol­le wunderbaren Halt. Das Kunstwerk ist ja nicht für die Ewig­keit gedacht.

Material: Haarspray, Strähnchenfärber, Stielkämme, ­Haarklips, Klämmerchen, Umhänge, kleine Plastikfiguren

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Frühling, Sommer und viel mehr
Die Jahreszeiten mit Kindern erleben
Maya Hasenbeck
Burckhardthaus-Laetare
3 bis 6 Jahre, 96 Seiten
ISBN: 9783944548135
14,95 €
Mehr dazu auf www.oberstebrink.de




Die Natur als Entwicklungsraum für Kinder

kinder baum

Elementarpädagogische Grundsätze auf den Punkt gebracht

Wer mit Kindern in der Natur unterwegs ist und dabei mit allen Sinnen wahrnimmt, welche selbstbestimmten Tätigkeiten Kinder genussvoll ausführen, wird kaum in der Lage sein, alle Beobachtungsmöglichkeiten zu registrieren und in einem Protokoll festhalten zu können.

Auf der einen Seite sind Kinder pausenlos in Bewegung:

Sie klettern über umgefallene Baumstämme oder versuchen, sich an tiefer hängenden Ästen anzuhängen; sie umarmen Bäume und sind gespannt, ob sich ihre Hände berühren oder ob der Stamm einen größeren Umfang hat, so dass sie ein anderen Kind bitten, hinzuzukommen und vielleicht vier Armlängen das gesetzte Ziel erreichen; sie springen über niedrige Waldpflanzen oder in Restpfützen, die noch vom vergangenen Regen als kleine Wasserstellen übriggeblieben sind oder sammeln Äste, um sich daraus eine kleine Höhle zu bauen; sie tragen losgelöste Baumrindenstücke zusammen, um ihre Höhle mit einem Dach regensicher zu machen, sammeln Moos, um die Astwände damit abzudichten oder ziehen mit einem Stock Linien auf dem Boden, um anschließend auf ihrer ›Straße‹ entlangzulaufen.

Dann gibt es wiederum Kinder, die sich auf eine Baumwurzel gesetzt haben und in tiefer Entspannung immer wieder ihre Blicke schweifen lassen; Kinder, die von Baum zu Baum gehen und dabei mit ihren Händen oder ihren Fingerspitzen die Baumrinden erfühlen – vielleicht, um den Baum zu streicheln oder die Oberflächen zu ertasten: nur sie werden wissen, was hinter ihren taktilen Aktivitäten steckt.

Andere Kinder hocken auf dem Waldboden und beobachten einen Käfer, der sich mühsam durch das niedergefallene Blattwerk kämpft und wiederum andere Kinder suchen einen Vogel, der in irgendeinem Baumwipfel hockt und mit seinem lauten Gesang auf sich aufmerksam macht. Und einige Kinder gehen von einem Sonnenstrahl zum anderen, der sich durch die Baumwipfel bis hinunter auf den Waldboden hindurchgeschoben hat.

Um es mit einem Satz zu sagen: Der Wald scheint ein ›Forschungslabor‹ erster Güte zu sein, voller Geheimnisse, angereichert mit unzähligen Möglichkeiten, einem eigenen Interesse nachzugehen und sich mit selbstgestellten Herausforderungen zu beschäftigen, bei dem Zeit und Raum unbegrenzt zu sein scheinen. Hier kommen Bewegungsmöglichkeiten und Ruhezeiten zum Ausdruck, Staunen und Bewundern, Neugierde und der Versuch, Antworten auf Fragen zu finden, die für Kinder einen hohen, aktuellen Bedeutungswert haben.

Alle Kinder scheinen ganz intensiv mit ihren Tätigkeiten beschäftigt

– ja, regelrecht gefangen – zu sein.

Fast könnte man annehmen, dass der Wald eine hypnotisierende Wirkung auf Kinder ausübt: und das alles ohne Anleitung, ohne ›Lernvorgaben‹, ohne Impulshinweise und ohne vorgegebene Materialien. Die Natur kommt offenbar für Kinder einem ›Entwicklungszauber‹ gleich, der sich von den üblichen Beschäftigungstätigkeiten in einer Kindertagesstätte deutlich unterscheidet. Hier werden Kindern keine didaktisierten, schulvorgezogene und fremdbestimmte Angebote vorgegeben, hier gibt es reichlich Platz, um in vielfältiger Weise eigenen Bewegungsbedürfnissen nachgehen zu können und hier gibt es keine künstlich hergestellten Materialien, die in den allermeisten Fällen jegliche sinnliche Erfahrungen aussperren.

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Armin Krenz
Elementarpädagogische Grundsätze auf den Punkt gebracht
20 PowerPoint Präsentationen als Grundlage für Teambesprechungen, Fortbildungsveranstaltungen, Fachberatungen
336 Seiten mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3-96304-613-1
Burckhardthaus
29,95 [D], 30,80 [A]

Kinder begreifen sich als Teil der Natur.

Sie stellen Querverbindungen zwischen sich und ihren Naturerfahrungen her und kommen von sich aus auf immer neue Fragen:

  • »Warum hat der eine Baum so viele Blätter und der andere Baum fast keine Blätter mehr?«
  • »Wie findet denn der Käfer in diesem großen Wald nach Hause – hier gibt es doch keine Straßen und keine Hinweisschilder …?«
  • »Warum liegt das Vogelnest auf dem Boden – wer hat es wohl aus der Baumkrone geworfen?«
  • »Woher wissen denn die Schnecken, welche Pilze essbar und welche giftig sind?«
  • »Hier kamen die früheren Dinosaurier aber nicht durch den Wald – da- für stehen die Bäume viel zu eng nebeneinander: oder?« …

Fragen über Fragen, die die Kinder in den Raum werfen und voller Spannung darauf warten, dass Kindheitspädagog:innen gemeinsam mit ihnen auf die spannende Suche nach einer Antwort gehen. Doch auch dabei bleibt es nicht. Urplötzlich entstehen Spielhandlungen, indem Kinder zueinanderfinden und gemeinsame Vorhaben absprechen. Schaut man diesen Kindern dabei zu und versucht festzustellen, welche Entwicklungsbereiche involviert sind, fällt es nicht schwer, alle neun Entwicklungsbereiche nahezu gleichzeitig zu identifizieren – im Unterschied zu den so genannten Teilleistungsförderbereichen, die in üblicher Weise zum Angebotskanon in Kindertagesstätten gehören und, sofern sie alltagsfremd angeboten werden, kaum bis keine Nachhaltigkeit besitzen:

Es gibt keinen anderen, besser geeigneten Ort für den Auf- und Ausbau von Wahrnehmungskompetenzen und selbstbestimmte, intrinsisch motivierte Handlungs- und Erfahrungsaktivitäten als die Natur, zumal die Hirnforschung gezeigt hat, dass, je reichhaltiger und vielfältiger sowie interessanter die Sinneserfahrungen sind, desto umfangreicher entwickeln sich im Gehirn die abgespeicherten Muster, durch die die Kinder wiederum ihre Handlungskompetenzen und ihre Erfahrungswerte speichern und für zukünftige Tätigkeiten zur Verfügung haben. Diese Form des Lernens wird in der Lernpsychologie ›concomitant learning‹ genannt: ein ›Lernen nebenbei‹ (= Bemerken – Fixieren – Verweilen – Erleben – Speichern). Natürlich darf zum Schluss dieser Einführung nicht der schon fast überflüssige Hinweis fehlen, dass eine reichhaltige Naturerfahrung auch der Gesundheit dient!

Hier die PowerPoint Präsentation zum Artikel, zum kostenlosen Download

Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz, Honorarprofessor i.R.,
Wissenschaftsdozent für Elementarpädagogik und Entwicklungspsychologie




Früher Kita-Besuch stärkt Wortschatz mehrsprachiger Kinder

Spielzeug, Stifte und Bücher mit Buchstaben und Zahlen verziert

NEPS-Studie zeigt deutliche Vorteile für Deutschkompetenzen bis zum siebten Lebensjahr

Ein früher Besuch der Kita kann für mehrsprachig aufwachsende Kinder einen entscheidenden Unterschied machen – insbesondere für ihren deutschen Wortschatz. Das zeigen aktuelle Auswertungen des Nationales Bildungspanel (NEPS). Demnach profitieren Kinder, in deren Familien überwiegend eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird, deutlich von einem Kita-Start vor dem zweiten Geburtstag. Bis zum Alter von sieben Jahren erzielen sie signifikant bessere Ergebnisse in Wortschatztests als Kinder mit späterem Eintritt in die frühkindliche Bildung.

Die Analyse basiert auf Daten der größten Langzeit-Bildungsstudie Deutschlands und wurde im Rahmen eines sogenannten NEPS-Schlaglichts veröffentlicht. Die zugrundeliegende wissenschaftliche Publikation erschien in der Fachzeitschrift Applied Developmental Science. Die Forschenden nutzten eine aufwändige statistische Methode (Propensity-Score-Analyse), um vergleichbare Gruppen zu untersuchen und möglichst belastbare Aussagen über die Effekte des frühen Kita-Besuchs zu treffen.

Fast zehn Aufgaben mehr im Wortschatztest

Das Ergebnis ist eindeutig: Mehrsprachige Kinder, die bereits als Kleinkinder – also vor ihrem zweiten Geburtstag – eine Kindertageseinrichtung besuchten, lösten im Alter von sieben Jahren im Wortschatztest im Schnitt fast zehn Aufgaben mehr als Kinder mit späterem Kita-Start. Dieser Unterschied ist bildungsrelevant, da Wortschatz als zentrale Grundlage für schulischen Erfolg gilt. Ein gut entwickelter deutscher Wortschatz erleichtert nicht nur das Lesen und Schreiben, sondern wirkt sich auch positiv auf die Leistungen in anderen Fächern aus.

Für Kinder aus ausschließlich deutschsprachigen Familien zeigte sich hingegen kein vergleichbarer Effekt. Das bedeutet: Der frühe Kita-Besuch ist besonders für jene Kinder bedeutsam, die Deutsch nicht als Familiensprache erleben und deshalb außerhalb des Elternhauses auf sprachliche Anregung angewiesen sind.

Frühkindliche Bildung als Schlüssel zur Integration

Die Ergebnisse unterstreichen die wichtige Rolle frühkindlicher Bildung für Chancengerechtigkeit und Integration. In der Kita kommen Kinder regelmäßig mit der deutschen Sprache in Kontakt – im Spiel, in Gesprächen mit pädagogischen Fachkräften und im Austausch mit Gleichaltrigen. Diese alltagsintegrierte Sprachförderung scheint langfristig positive Effekte zu haben.

Gerade in Familien, in denen eine andere Muttersprache gesprochen wird, eröffnet ein früher Kita-Besuch zusätzliche Lerngelegenheiten. Kinder können ihren deutschen Wortschatz systematisch erweitern, noch bevor sie eingeschult werden. Damit verbessern sich ihre Startbedingungen für die Grundschule deutlich.

NEPS-Schlaglichter: Forschung verständlich aufbereitet

Die Ergebnisse wurden im Rahmen der NEPS-Schlaglichter veröffentlicht. Dieses Format bereitet ausgewählte Befunde aus dem Nationalen Bildungspanel kompakt und verständlich auf. Jedes Schlaglicht fasst eine zentrale Erkenntnis zusammen, erläutert die Hintergründe und stellt die Daten anschaulich dar. Ziel ist es, wissenschaftliche Ergebnisse für Politik, Praxis und Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Herausgegeben werden die NEPS-Schlaglichter vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das das Nationale Bildungspanel verantwortet. Die Studie begleitet seit vielen Jahren Bildungsprozesse von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Mehr als 70.000 Teilnehmende wurden bislang wiederholt befragt, die Daten stehen der internationalen Forschung zur Verfügung.

Klare Botschaft für Bildungspolitik und Praxis

Die aktuellen Befunde liefern eine klare Botschaft: Ein früher Kita-Besuch kann die Sprachentwicklung mehrsprachiger Kinder nachhaltig stärken. Insbesondere der deutsche Wortschatz profitiert deutlich, wenn Kinder bereits im Kleinkindalter institutionelle Bildungsangebote nutzen.

Für Eltern, Träger und Bildungspolitik bedeutet das: Frühzeitige Zugänge zu qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung sind ein wichtiger Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit. Wer Sprachförderung ernst nimmt, sollte deshalb den frühen Kita-Besuch – insbesondere für mehrsprachig aufwachsende Kinder – gezielt unterstützen.

Originalpublikation:

Willard, J. A., Burghardt, L., Kohl, K., & Anders, Y. (2026). Does entering early childhood education as a toddler benefit language and social development until age seven? A propensity score analysis. Applied Developmental Science, 30(1), 88–111. https://doi.org/10.1080/10888691.2024.2382122

Gernot Körner




Aufgaben und Ziele der Verhaltensbeobachtung in der Pädagogik

Kinder beobachten etwas

Aufgaben, Ziele und Formen einer Verhaltensbeobachtung

Im Gegensatz zu einem passiven Auf-sich-einwirken-Lassen von Reizen oder einer spontanen Wahrnehmung ist Beobachtung eine aktive, planmäßige, methodisch auf ein Ziel gerichtete Registrierung von Ereignissen oder Verhaltensweisen. Diese müssen allerdings immer in ihrer Abhängigkeit von Einflüssen, situativen Bedingungen oder Rahmenstrukturen gesehen werden. Verhaltensbeobachtungen können nicht nebenbei gemacht werden, weil dann beispielsweise nur das „störende” Verhalten des Kindes oder die unangenehme Situation auffällt.

Zielsetzungen der Verhaltensbeobachtung

  • Sie nutzt die Beschreibung einer Person, die in besonderer Weise und aufgrund einer bestimmten Fragestellung differenziert(er) erfasst und betrachtet werden soll.
  • Sie bietet vielfältige Möglichkeiten an, um Entwicklungen und Entwicklungsprozesse zu erfassen.
  • Sie hilft der beobachtenden Person, eine bezüglich der Aufgabenstellung bestehende Frage zu beantworten und eine Erkenntnis zu erhalten.
  • Sie ermöglicht durch eine sorgsame Auswertung Hinweise für notwendige Planungs- und Handlungsschritte.
  • Sie gibt Hinweise auf Hintergründe und Vernetzungen, die mit der Beobachtungsaufgabe in einem Zusammenhang stehen.

Aus diesen Gründen und in bewusster Kenntnis, dass das kindliche Verhalten durch unendlich viele Faktoren beeinflusst ist, müssen bei jeder (Verhaltens)Beobachtung vor der Beobachtungsaktivität folgende W-Fragen sorgsam beantwortet werden:

Leitfragen im Vorfeld der Beobachtung

1. Warum will ich beobachten?

  • Um typische Kommunikations- oder Interaktionsmuster zwischen mir und dem Kind zu entdecken?
  • Um die (Un)Wirksamkeit bisheriger pädagogischer Anstrengungen zu überprüfen?
  • Um eine Bestandsaufnahme der Fähigkeiten oder Fertigkeiten bestimmter Kinder mit Blick auf die Beurteilung ihrer Schulfähigkeit vorzunehmen?

2. Wen will ich beobachten?

  • Zum Beispiel ein bestimmtes Kind in einer Spielsituation mit einem anderen Kind;
  • die Gesamtgruppe, um die derzeitige Rollenstruktur in der Gruppe zu erfassen;
  • eine Teilgruppe von Kindern, um ihr Kommunikationsverhalten mit dem Verhalten einer anderen Teilgruppe zu vergleichen;
  • um mich selbst in Spielkontakten mit bestimmten Kindern reflektieren zu können;
  • um Gemeinsamkeiten und Unterschiede im eigenen Verhalten abhängig von den Kindern zu konstatieren;
  • um konstruktive oder destruktive Verhaltensweisen der Kolleg*innen während einer kollegialen Beratung zu erfassen, …

3. Was will ich genau beobachten?

  • Zum Beispiel, welches Kind welche Spielform bevorzugt oder ablehnt;
  • welche Fähigkeiten und Fertigkeiten bestimmte Kinder in welchen Situationen zum Ausdruck bringen;
  • Zusammenhänge zwischen der aktuellen Teamsituation und den möglichen Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder;
  • Entwicklungsfortschritte bei bestimmten Kindern im Anschluss an ein bestimmtes Projekt; Kommunikations- und Umgangskultur zwischen Mitarbreiter*innen und Kindern;
  • Konfliktauslöser in der Kindergruppe und das gezeigte Konflikt(löse)verhalten einzelner Kinder, …

4. Wann will ich beobachten?

  • Zum Beispiel unmittelbar nach dem Bringen der Kinder;
  • in der Zeit, bevor die Kinder abgeholt werden; während bestimmter Spielphasen;
  • vor, während oder nach dem Frühstück/Mittagessen; in der Zeitphase einer gezielten Aufgabenstellung, …

5. Wie lange will ich beobachten?

  • Zum Beispiel in einer fest umgrenzten Zeitspanne von 5, 10, 15, 30 oder 60 Minuten;
  • einen ganzen Vormittag/Nachmittag lang, bei dem eine Kollegin/ein Kollege Dienst in der Gruppe übernimmt, …

6. Wo soll die Beobachtung stattfinden?

  • Zum Beispiel während die Kinder im Gruppenraum sind;
  • wenn sich das Kind im Außenspielgelände aufhält oder seine Freunde in einer anderen Gruppe besucht;
  • bei Exkursionen außerhalb des Kindergartengeländes;
  • beim gemeinsamen Einkauf auf dem Markt; bei einem Museumsbesuch;
  • bei einem angemeldeten Hausbesuch, …

7. Wie will ich beobachten?

  • Zum Beispiel mit einem Handy bzw. Tablet, anderen audiovisuellen Möglichkeiten oder einem Beobachtungsbogen;
  • mit welchem Bogen; offen oder verdeckt, beschreibend oder registrierend; als Gelegenheitsbeobachter;
  • wenn das Kind eine bestimmte Verhaltensweise zeigt;
  • als Mitspieler während einer Aktion; als jemand, der sich gezielt teilnahmslos in eine Ecke zurückgezogen hat, …

8. Wer soll und kann beobachten?

Ist es günstig, selbst als Beobachter zu fungieren, oder wäre es besser, wenn jemand aus dem Kollegium beobachten würde? Sollte der Sachlichkeit halber ein zweiter Beobachter gleichzeitig (oder in einem versetzten Zeitraum) beobachten?

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

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Krenz, Armin

Beobachtung und Entwicklungsdokumentation

Grundlagen – Praxisbeispiele – Beobachtungslisten – Dokumentationsmuster

Burckhardthaus
ISBN: 978-3-96304-617-9
25,00 € (inkl. MwSt.)




Systematische Beobachtung in der Elementarpädagogik

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Systematische Beobachtungen als Grundlagenqualität für eine ganzheitliche Elementarpädagogik

„Was tun Sie”, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?” „Ich mache mir einen Entwurf von ihm”,sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.” „Wer, der Entwurf?”„Nein”, sagte Herr K., „der Mensch.”

(Bertolt Brecht)

Beobachtungen bilden für Fachkräfte eine Datenbasis, die verlässliche Grundtatsachen liefert und Erkenntnisse für das weitere Arbeitsvorgehen ermöglicht. Beobachtungen lassen beispielsweise Hintergründe für Ereignisse erkennen und bringen Sinnzusammenhänge auf den Punkt. Werden notwendige Beobachtungen außer Acht gelassen, bleiben Fachkräften viele Erkenntnisse verschlossen, was eine professionelle, qualitätsgeprägte Arbeit zunichte macht. Beobachtungen sind ein überaus hilfreiches Instrumentarium, um Einzelsituationen genauer als zufällige Wahrnehmungen zu erfassen und Zusammenhänge zu erkennen.

Beispiele für Zusammenhänge

Erfassung von

  • eigenen Verhaltensweisen, die sich förderlich oder hinderlich auf die Entwicklung von Kindern auswirken;
  • eigenen Verhaltensmerkmalen, die eine fördernde oder hemmende Wirkung auf die Entwicklung einer kollegialen Zusammenarbeit haben;
  • eigenen, typischen Ausdrucksformen, die als eine Folge biografischer Einflüsse zu verstehen sind;
  • methodisch-didaktischen Arbeitsschritten und ihrer Wirkweise auf die Entwicklung von Kindern;
  • spezifischen Verhaltensweisen der Kinder in Abhängigkeit von auslösenden oder verursachenden Situationen und (un)mittelbaren Folgen auf das von Kindern gezeigte Verhalten;
  • elterlichen Verhaltensweisen und kindeigenen Reaktionsverläufen;
  • spezifischen Verhaltensweisen einzelner Kinder in Abhängigkeit von räumlichen Bedingungen (Enge, Weite, Größe eines Raumes), materiellen Gegebenheiten (attraktive/ unattraktive Raumgestaltung, Überangebot oder Mangel an Materialien), der Kindergruppe (zu viele Kinder im Raum, Häufung, keine Häufung von Kindern mit problematischen Verhaltensweisen), strukturellen Bedingungen (attraktive/unattraktive Angebote, freiwillige/zwangsbedingte Annahme von Angeboten, eng oder weit strukturierter Tagesablauf, Regelübermaß oder Regellosigkeit in der Gruppe …);
  • spezifischen Verhaltensweisen der Kinder in Abhängigkeit von der aktuellen Qualität der kollegialen Zusammenarbeit (Teamatmosphäre);
  • Verhaltensweisen einzelner Kinder, ausgelöst durch spezifische Verhaltensweisen anderer Personen (Hinweis: Rollen in Gruppen, Gruppensoziogramm);
  • Kompensationsmöglichkeiten für Kinder, um ihnen alternative Erlebnisse und Verhaltensmöglichkeiten anzubieten;
  • Wirkweisen bestimmter Projekte auf besondere Verhaltensweisen einzelner Kinder;
  • spezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kindern im Hinblick auf zu planende Projekte und besondere Aktivitäten.

Beispiele für Einzelsituationen

Erfassung von

  • eigenen Verhaltensmerkmalen, die sich förderlich oder hinderlich auf die eigene Weiterentwicklung (privat wie beruflich) auswirken;
  • spezifischen Merkmalen, die sich in der Entwicklung von Kindern aufbauen, manifestieren, stabilisieren oder abbauen;
  • eigenen Verhaltensmerkmalen, die in ihrer Wirkung entlastend oder belastend sind, die für Zufriedenheit oder Unzufriedenheit sorgen oder die eine weitere Entwicklung ermöglichen oder unterbinden.

Diese wenigen Beispiele machen deutlich, dass Situationsergebnisse oder zu beobachtende Verhaltensweisen – von Kindern und Erwachsenen – in der Mehrzahl das Ergebnis von zusammenhängenden Ereignissen sind! Diese Erkenntnis ist vor allem deshalb von großer Bedeutung für die (Sozial)Pädagogik, weil kindeigene Ausdrucksweisen in keinem Fall als isolierte Personkonstanten (= individuelle und gleichzeitig feststehende Persönlichkeitsmerkmale) eingestuft und als solche betrachtet werden sollen. Jedes Beobachtungsergebnis ergibt sich aus einer Fülle von unterschiedlichen Einflussgrößen und ist damit das Resultat eines Bedingungsgefüges.

So hat die Aussage „Nicht das Kind ist gestört, sondern die Umgebung, in der das Kind sein besonderes Ausdrucksverhalten zeigt” durchaus ihren Sinn. Würde nur allein das irritierende Verhalten von Kindern isoliert beobachtet und ebenso isoliert gedeutet werden, wären einer aus dem Sinnzusammenhang herausgelösten Bewertung Tür und Tor geöffnet. So gibt es eine ganze Reihe von Bedingungsfaktoren, die das besondere Verhalten von Kindern in einer speziell von ihnen so erlebten Situation auslösen, verursachen, verstärken oder unterdrücken. Eine genauere Analyse problematischer Entwicklungen macht schnell deutlich, dass es immer wieder besondere Einflussfaktoren sind, die auf Kinder und ihre Ausdrucksweisen wirken.

Hier sind vor allem folgende Merkmale zu nennen, die (in)direkt mit der elementarpädagogischen Fachkraft zu tun haben.

Faktoren, die das Verhalten von Kindern beeinflussen

1. Faktoren in Bezug auf die elementarpädagogische Fachkraft

  • die „Persönlichkeitsstruktur” von Erzieher*innen und die damit verbundenen Persönlichkeitsmerkmale;
  • die berufliche Erfahrung oder Unerfahrenheit der Fachkräfte;
  • die bewussten und unterbewussten Erwartungen an das einzelne Kind/ die Kinder/ die ganze Gruppe;
  • die individuelle, persönlich und beziehungsorientiert geprägte Einstellung zum Kind, das beobachtet werden soll;
  • die individuell bewertete Erfahrung, die die Fachkraft bisher mit dem Kind gemacht hat;
  • die möglicherweise (un)professionellen Handlungsstrategien, mit denen bisher die pädagogische Arbeit gestaltet wurde;
  • die grundsätzlichen und subjektiven Einstellungen der Fachkraft zum Beruf (ihre Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, die erlebte Berufsbelastung)
  • das Werte- und Normensystem, das den eigenen Verhaltensweisen und Erwartungen zugrunde liegt

2. Faktoren in Bezug auf die Einrichtung

  • die konzeptionelle Grundlage für die Ausrichtung/Gestaltung der pädagogischen Arbeit;
  • die ideologische Gestaltung der Pädagogik, die sich in der Arbeitsphilosophie zeigt;
  • der einrichtungsspezifische Ansatz und seine Gestaltungsweise;
  • die methodisch-didaktische Arbeitsgestaltung;
  • der besondere Tagesablauf, dem die Kinder unterworfen sind und in der Regel von den Fachkräften, ohne Beteiligung der Kinder, festgelegt wurden;
  • die örtliche Lage der Einrichtung mit großen oder kleinen Innenräumen oder Außenflächen und ihre Gestaltung.

3. Weitere Faktoren

Drittens haben auch die Erwartungen der Eltern an das Kind, die Einrichtung und die Fachkräfte einen Einfluss auf die Beobachtung und Beobachtungsrichtung. Eine weitere Rolle spielen die Erwartungen des Trägers an das Bild, das die Institution nach außen vermitteln soll. Hier wiederum wird von den Fachkräften einiges erwartet – beispielsweise, ob und wie stark auf Elternwünsche eingegangen werden soll.

Diese Aussagen machen noch einmal deutlich, dass jede Form der Beobachtung ihren besonderen Stellenwert sowie ihre ganz spezifische Aufgaben-/ Zielstellung besitzt und daher immer …

  • gut vorbereitet sein will,
  • eine klare Zielsetzung haben muss, die am besten schriftlich formuliert wird,
  • so zu machen ist, dass Nebensächlichkeiten zwar registriert werden, aber nicht vom Beobachtungsziel ablenken dürfen,
  • eine differenzierte Beschreibung der Zielpunkte möglich macht und damit jede Form einer frühzeitigen Bewertung ausschließt,
  • möglichst schriftlich festzuhalten ist, um Beobachtungsverfälschungen durch subjektive Gedanken auszuschließen,
  • Sinnzusammenhänge erfassen muss, um mögliche Hintergründe erfassen zu können,
  • nur dann sinnvoll ist, wenn aus den Auswertungen praktische Konsequenzen gezogen werden, die zu konkreten Handlungsvorhaben führen.

Eine Situation, ein Umstand oder eine Person kann nur dann umfassend und exakt beschrieben und beurteilt werden, wenn sorgsam zusammengetragene Fakten zur Verfügung stehen und das Material ausreichend ist, um eine fachlich begründete Aussage zu treffen. Wichtig sind qualitativ brauchbare und quantitativ umfassende Erhebungsgrundlagen.

Neben der Beobachtung gibt es weitere Datenbeschaffungstechniken, die je nach Fragestellung ihren ganz besonderen Wert haben. Folgende Grundsätze gelten für eine Datenerhebung:

Die Methoden der Datenerhebung sollen

  • ein sachlich-beschreibendes Erfassen der benötigten Daten möglich machen,
  • hilfreich sein für das weitere Vorgehen, um Zielsetzungen zu erreichen,
  • Rückschlüsse ermöglichen, um Hintergründe zu verstehen,
  • die ausschlaggebende Fragestellung möglichst exakt beantworten,
  • die Fachkraft dazu veranlassen, ihre (schon im Voraus gefassten) Annahmen immer wieder neu zu überdenken, um Vorurteile verwerfen zu können und sich allein auf die gefundenen Ergebnisse zu verlassen.

Aufgaben:

  • 1. Nehmen Sie eine Bestandsaufnahme Ihrer bisherigen Beobachtungspraxis vor und prüfen Sie, inwieweit Ihre Beobachtungen einer fachlichen Systematik entsprechen.
  • 2. Prüfen Sie, bei welchen Aufgabenstellungen bisher systematische Beobachtungen eingesetzt wurden und bei welchen Aufgabenstellungen zielgerichtete Beobachtungen zu kurz gekommen sind.
  • 3. Gehen Sie der Frage nach, welche Hintergründe es geben könnte, dass nicht in allen bedeutsamen Zusammenhängen entsprechende Beobachtungen eingesetzt wurden.
Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:
cover-krenz-beobachtung

Krenz, Armin

Beobachtung und Entwicklungsdokumentation

Grundlagen – Praxisbeispiele – Beobachtungslisten – Dokumentationsmuster

Burckhardthaus
ISBN: 978-3-96304-617-9
25,00 € (inkl. MwSt.)

Eigens für dieses Buch wurde die Website www.beobachten-und-dokumentieren.de eingerichtet, auf der sich die Formulare zum Download befinden. Das Buch richtet sich sowohl an Studierende der Sozial- und Heilpädagogik als auch an Erzieher*innen/Kindheitspädagog*innen, die schon im Beruf stehen.




Radikale Lehrplanreform: Kritisches Denken sollte früh Standard werden

Silhouette zweier Menschen vor einer Bibliothek

Eine wissenschaftliche Analyse der Flinders University warnt: Bildungssysteme müssen stärker auf evidenzbasiertes, unabhängiges Denken setzen, um globale Herausforderungen wie Klimawandel, Gesundheitskrisen und Desinformation bewältigen zu können

Bildungssysteme sollten sich nach Ansicht von Wissenschaftler:innen deutlich stärker auf die Förderung von kritischem, unabhängigem Denken konzentrieren. Eine aktuelle Studie der Flinders University in Australien betont, dass nur durch rationales, evidenzbasiertes Lernen langfristig Lösungen für zentrale Herausforderungen in Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft gefunden werden können.

Die Fachleute sehen eine radikale Neuausrichtung der Lehrpläne als notwendig an. Schüler:innen sollten von Beginn an lernen, Probleme kritisch zu analysieren, Zusammenhänge zu hinterfragen und über den eigenen Erfahrungshorizont hinauszublicken. Kritisches Denken werde damit zu einer grundlegenden Voraussetzung, um in einer komplexen Welt handlungsfähig zu bleiben.

Worauf es bei der Förderung kritischen Denkens im Bildungssystem ankommt

Die Autor:innen der Studie unterstreichen, dass systemisches und tiefgehendes Denken angesichts globaler Krisen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust oder Gesundheitsbedrohungen von zentraler Bedeutung sei. Gleichzeitig warnen sie davor, dass digitale Technologien, Künstliche Intelligenz und die Verbreitung von Falschinformationen bestehende Vorurteile verstärken könnten.

In der Fachzeitschrift Microbial Biotechnology wird betont, dass dadurch die Fähigkeit gefährdet sei, klar zu denken und sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Besonders junge Menschen müssten daher frühzeitig Kompetenzen entwickeln, um Informationen kritisch einzuordnen und fundierte Urteile zu bilden.

Jake Robinson von der Flinders University hebt hervor, dass vor allem die konsequente Frage nach dem „Warum?“ eine wichtige Grundlage sei. Das Einfordern plausibler Begründungen für politische Maßnahmen oder gesellschaftliche Entwicklungen könne vor Manipulation und Propaganda schützen.

Kritisches Denken fungiere somit als eine Art Schutzschild gegen Vorurteile, Desinformation und den Druck sozialer Medien. Gleichzeitig könne es dazu beitragen, einen „gesunden Geist“ zu fördern und menschliches Entwicklungspotenzial besser zu entfalten.

Vorstellungskraft und Anpassungsfähigkeit stärker einbeziehen

Die Studie fordert nicht nur mehr analytische Fähigkeiten, sondern auch die Entwicklung von Anpassungsfähigkeit und Vorstellungskraft. Kinder sollten lernen, kritisch zu hinterfragen, kreative Lösungen zu entwickeln, empathisch zu handeln und neue Perspektiven einzunehmen.

Robinson betont, dass insbesondere die Vorstellungskraft in der Erziehungswissenschaft häufig unterschätzt werde – vor allem in Disziplinen, die als „harte“ Naturwissenschaften gelten. Dabei könne gerade die Verbindung von Wissenschaft und Alltag helfen, abstrakte Themen verständlich zu machen und Denkprozesse anzuregen.

Mikrobiologie als Zugang zum kritischen Denken

Als besonders geeignet für die Förderung kritischer Kompetenzen sehen die Wissenschaftler:innen die Mikrobiologie. Sie biete zahlreiche Anknüpfungspunkte an den Alltag von Kindern und Jugendlichen – etwa bei Themen wie Hygiene, Lebensmittelverderb, Krankheitsübertragung oder Fermentation.

Ein konkretes Beispiel sind die sogenannten „MicroChats“ der International Microbiology Literacy Initiative. Diese Tools stellen altersgerechte Themen bereit und laden Kinder dazu ein, das Gelernte in andere Kontexte zu übertragen. Ziel ist es, grundlegende Prinzipien zu verstehen und kritisches Denken langfristig zu stärken.

Die Studie plädiert insgesamt dafür, Lehrpläne so weiterzuentwickeln, dass Kinder nicht nur Fakten lernen, sondern Fähigkeiten erwerben, um Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu erkennen und Herausforderungen evidenzbasiert zu bewältigen.




Kinder lernen Rechnen mit Brettspielen – Studien zeigen starke Effekte

murmels

Mathematisches Basiswissen lässt sich spielerisch und nebenbei erwerben

Brettspiele helfen Kindern, ein grundlegendes Verständnis für Zahlen und Mengen zu entwickeln – und das bereits im Vorschulalter. Eine systematische Auswertung von 18 internationalen Studien zeigt, dass einfache Zahlenbrettspiele messbare positive Effekte auf frühe mathematische Fähigkeiten haben. Schon kurze Spielphasen von wenigen Minuten reichen aus, um Zählen, Zahlenerkennung und Mengenverständnis nachhaltig zu fördern.

Die Untersuchung stammt von Forschenden der University of Oregon und bezieht sich auf Kinder vom Vorschulalter bis zur zweiten Klasse. Sie bestätigt, dass spielerisches Lernen ein wirkungsvoller und niedrigschwelliger Weg ist, um mathematische Basiskompetenzen aufzubauen.

Spielen als wirksames Lerninstrument

„Wir haben dieses Thema ausgewählt, weil frühe mathematische Fähigkeiten ein starker Prädiktor für den späteren Schulerfolg sind – und Zahlenbrettspiele zugleich einfach, günstig und leicht zugänglich sind“, erklärt Studienautorin Gena Nelson von der University of Oregon.

Die Analyse zeigt, dass insbesondere lineare Zahlenbrettspiele – also Spiele mit einer fortlaufenden Zahlenreihe – das Zahlenverständnis verbessern. Kinder lernen dabei:

  • korrekt und in Reihenfolge zu zählen,
  • Zahlen mit Mengen zu verknüpfen,
  • und zu verstehen, dass die letzte Zahl die Gesamtmenge repräsentiert.

Diese sogenannten „numerischen Basiskompetenzen“ bilden das Fundament für späteres Rechnen, Schätzen und mathematisches Denken.

Schon kurze Spielzeiten zeigen Wirkung

Bemerkenswert ist, dass die Effekte bereits nach sehr kurzer Zeit auftreten. In mehreren der ausgewerteten Studien reichten wenige zehnminütige Spielsitzungen aus, um signifikante Verbesserungen im Zahlenverständnis zu erzielen.

Das macht Zahlenbrettspiele besonders attraktiv für:

  • pädagogische Fachkräfte im Kindergarten und in der Grundschule,
  • Eltern und Familienangehörige,
  • sowie Mentorinnen und Mentoren, die Kinder informell begleiten.

Spielerisches Lernen verbindet dabei Motivation, emotionale Beteiligung und kognitive Aktivierung – eine Kombination, die als besonders lernwirksam gilt.

Studien aus sieben Ländern

Die Meta-Analyse basiert auf Untersuchungen aus sieben Ländern, darunter: USA, Kanada, Deutschland, Großbritannien, Schweden, Türkei, Hongkong

Ein bekanntes Beispiel für ein wirksames Lernspiel ist „The Great Race“, entwickelt vom Early Childhood Interaction Lab der University of Maryland. Es gehört zu den Spielen, die in mehreren Studien positive Effekte auf frühe Rechenkompetenzen gezeigt haben.

Der Bericht mit dem Titel „Evidence-Based Ways to Play: Linear Number Board Games Support Numeracy Skills for Young Children“ filtert gezielt Spiele heraus, die wissenschaftlich überprüft wurden – im Gegensatz zu der Vielzahl nicht evaluierter Lernangebote im Internet.

Lernen muss spielerisch sein

Die Ergebnisse bestätigen, dass mathematisches Lernen nicht zwingend an formalen Unterricht gebunden ist. Kinder können sich grundlegende numerische Fähigkeiten ganz nebenbei aneignen – im Spiel, in entspannter Atmosphäre und mit hoher intrinsischer Motivation.

Brettspiele sind damit nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern ein wirksames pädagogisches Werkzeug, das frühzeitig die Basis für mathematisches Denken legen kann.

Der Bericht Evidence-Based Ways to Play: Linear Number Board Games Support Numeracy Skills for Young Children konzentriert sich auf Spiele, die durch glaubwürdige Forschungsergebnisse gestützt werden, und filtert sie aus Hunderten von online verfügbaren Spielen heraus.

(Foto: Mormagic – Spielerisch zählen lernen mit den Mormels, Hape, 19,99)