Ganztagsschule: Eltern erwarten Betreuung und pädagogische Qualität

Laut einer Befragung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation entwickelt sich der Ganztag zur zentralen Bildungs- und Familienstruktur

Kurz vor dem bundesweiten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter macht eine aktuelle Studie des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation deutlich: Eltern in Deutschland verbinden mit Ganztagsangeboten weit mehr als reine Betreuung. Während viele Familien vor allem auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf angewiesen sind, erwarten andere gezielte pädagogische Unterstützung, soziale Förderung und mehr Selbstständigkeit für ihre Kinder. Die Untersuchung zeigt außerdem erhebliche Unterschiede je nach Bildungsstand, Erwerbstätigkeit und Wohnort der Familien.

An der deutschlandweiten Befragung nahmen insgesamt 4.330 Eltern teil. Besonders häufig nutzen Alleinerziehende sowie Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen Ganztagsangebote. Familien mit nur einem erwerbstätigen Elternteil greifen dagegen seltener darauf zurück und geben häufiger an, keinen Betreuungsbedarf zu haben.

Deutlich wurden auch Unterschiede zwischen akademischen und nicht-akademischen Familien. Zwar melden beide Gruppen ihre Kinder ähnlich häufig im Ganztag an, die Erwartungen unterscheiden sich jedoch erheblich. Nicht-akademische Eltern erhoffen sich häufiger konkrete schulische Unterstützung. So wünschen sich 64,4 Prozent Hilfe bei Hausaufgaben und Lernbegleitung, während dies bei akademischen Eltern nur 51,7 Prozent tun.

Auch finanzielle Aspekte spielen eine Rolle. Eltern ohne akademischen Abschluss verzichten häufiger aus Kostengründen auf einen Ganztagsplatz. Gleichzeitig kritisieren akademische Eltern häufiger mangelnde Vielfalt der Angebote und zu wenig individuelle Förderung.

Ein weiterer Befund betrifft den Wohnort. In Städten nutzen 63 Prozent der Familien Ganztagsangebote, auf dem Land dagegen nur 56 Prozent. Gleichzeitig berichten Eltern in urbanen Regionen deutlich häufiger davon, keinen Platz gefunden zu haben.

Ganztag wird zur zentralen Bildungs- und Familieninfrastruktur

Die Ergebnisse zeigen, dass Ganztagsschulen für viele Familien inzwischen eine zentrale gesellschaftliche Infrastruktur darstellen. Sie dienen längst nicht mehr nur als Nachmittagsbetreuung, sondern übernehmen zunehmend auch Bildungs- und Förderaufgaben. Besonders Familien mit hohem organisatorischem Druck im Alltag sind auf verlässliche Angebote angewiesen.

Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, dass Eltern keine homogene Gruppe darstellen. Ihre Erwartungen an Ganztagsschulen hängen eng mit ihrer Lebenssituation zusammen. Während manche Familien vor allem stabile Betreuungszeiten benötigen, wünschen sich andere gezielte Förderung, soziale Erfahrungen oder Unterstützung beim schulischen Lernen.

Die Forschenden empfehlen deshalb, Eltern frühzeitig in die Planung neuer Ganztagsangebote einzubeziehen. Kommunen, Schulen und Träger müssten den Ausbau differenziert gestalten und sowohl Betreuungssicherheit als auch pädagogische Qualität berücksichtigen. Besonders wichtig sei dies angesichts des ab 2026 schrittweise geltenden Rechtsanspruchs auf ganztägige Förderung im Grundschulalter.

So wurde die Studie durchgeführt

Die Untersuchung wurde Ende 2024 im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Schule macht stark“ durchgeführt. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt vom DIPF unter Leitung von Dr. Amina Kielblock. Die Forschenden befragten bundesweit 4.330 Eltern mithilfe eines standardisierten Fragebogens. Analysiert wurden Zusammenhänge zwischen familiären Merkmalen wie Erwerbstätigkeit, Bildungsabschluss oder Wohnort und der Nutzung von Ganztagsangeboten. Zudem wurden Gründe für oder gegen die Teilnahme erfasst.

Die Studie liefert dadurch einen breiten Überblick über aktuelle Erwartungen und Nutzungsmuster von Familien in Deutschland. Durch die große Teilnehmerzahl besitzt die Untersuchung eine hohe Aussagekraft. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass unterschiedliche soziale Gruppen systematisch miteinander verglichen wurden.

Allerdings handelt es sich um eine Befragungsstudie, die auf Selbstauskünften der Eltern basiert. Solche Angaben können subjektiv geprägt sein und geben keine direkten Aussagen über die tatsächliche Qualität einzelner Ganztagsangebote oder deren Wirkung auf Kinder. Zudem bleibt offen, ob bestimmte Gruppen möglicherweise unterrepräsentiert waren, etwa Familien mit geringen Deutschkenntnissen oder besonders belasteten Lebenssituationen.

Trotz dieser Einschränkungen bietet die Studie wichtige Hinweise für Bildungspolitik und Praxis. Sie verdeutlicht, dass der Ausbau der Ganztagsbetreuung nicht allein quantitativ gedacht werden darf. Entscheidend wird sein, wie gut die Angebote auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Familien abgestimmt werden.

Originalpublikation:

Kielblock, A.; Haas, T.; Kielblock, S. (2026). Betreuung und Bildung von Grundschulkindern. Perspektiven der Eltern. Bericht zur bundesweiten Elternbefragung zu Betreuung und Bildung von Grundschulkindern im Rahmen des ForschungsverbundsSchule macht stark – SchuMaS“. Frankfurt a. M.: DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.
https://doi.org/10.25656/01:35177




Warum Musizieren Kinder stark macht – und ihr Gehirn wachsen lässt

Musik berührt Kinder nicht nur emotional. Forschungen zeigen: Gemeinsames Singen, Trommeln und Musizieren fördern Sprache, Konzentration, soziale Fähigkeiten und die Entwicklung des Gehirns

Kaum erklingt Musik, passiert etwas: Kinder beginnen zu wippen, zu klatschen oder mitzusingen. Manche trommeln auf den Tisch, andere bewegen sich ganz selbstverständlich im Rhythmus. Musik erreicht Kinder unmittelbar – nicht nur über das Denken, sondern über Bewegung, Gefühle und Sinne.

Genau darin liegt ihre besondere Kraft. Musik ist für Kinder kein abstraktes Lernfeld. Sie erleben und hören sie, bewegen sich, beobachten andere, reagieren auf Klänge und drücken gleichzeitig eigene Gefühle aus. Deshalb gehört Musik zu den stärksten Erfahrungsräumen kindlicher Entwicklung.

Der renommierte Pädagoge Armin Krenz beschreibt Musik treffend als „Seelenproviant für Kinder“ (Krenz 2022). Musik schenke Geborgenheit, Ausdrucksmöglichkeiten und Gemeinschaftserfahrungen. Gerade in einer oft hektischen und reizüberfluteten Welt brauche es solche emotionalen Erfahrungsräume besonders dringend.

Musik, Bewegung und Rhythmus gehören zusammen

Musik wird von Kindern nicht nur gehört. Sie wird gespürt, bewegt und körperlich erlebt. Genau deshalb reagieren Kinder oft spontan mit Klatschen, Schwingen oder Tanzen auf Musik.

Dass Rhythmus und Bewegung eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung von Kindern haben, wurde schon früh von Reformpädagogen erkannt. Rudolf Steiner, der Begründer der Waldorfpädagogik, entwickelte mit der Eurythmie ein pädagogisches Bewegungskonzept, das Musik, Sprache und Bewegung miteinander verbindet. Dahinter steht die Idee, dass Lernen nicht allein über den Intellekt geschieht, sondern immer auch über Körpererfahrung, Rhythmus und sinnliches Erleben.

Heute bestätigen viele neurowissenschaftliche und musikpädagogische Forschungen genau diese Zusammenhänge. Musik aktiviert Wahrnehmung, Bewegung, Aufmerksamkeit und Emotion gleichzeitig (Sallat 2017, S. 1). Besonders Rhythmus scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Forschungen zeigen, dass rhythmische Fähigkeiten mit Sprachentwicklung und Lesenlernen zusammenhängen können (ARD alpha 2024).

Gerade deshalb sind Bewegungslieder, Klatschspiele, rhythmische Verse oder musikalische Bewegungsangebote weit mehr als nur „schöne Beschäftigungen“. Sie fördern Kinder ganzheitlich.

Warum Musik das Gehirn so intensiv aktiviert

Wenn Kinder musizieren, arbeitet nicht nur ein einzelner Bereich des Gehirns. Vielmehr werden gleichzeitig Wahrnehmung, Bewegung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Emotionen aktiviert. Genau diese Vielschichtigkeit macht Musik so bedeutsam.

Eine Langzeitstudie, die im Fachjournal The Journal of Neuroscience veröffentlicht wurde, untersuchte über zwölf Jahre hinweg die Entwicklung musikalisch aktiver und nicht musikalisch aktiver Menschen. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass musikalisches Training die Verarbeitung von Hörinformationen und Klangmustern beeinflusst (Schneider et al. 2023).

Für Kinder bedeutet das: Beim Musizieren trainieren sie Fähigkeiten, die sie auch in vielen anderen Lebensbereichen brauchen. Sie hören genau hin, unterscheiden Tonhöhen und Rhythmen, koordinieren Bewegungen und lernen, aufmerksam zu bleiben.

Der Sprach- und Musikforscher Stephan Sallat beschreibt Musik deshalb als eine Tätigkeit, die gleichzeitig Motorik, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Motivation und Emotionen anspricht (Sallat 2017, S. 1). Kinder lernen beim Musizieren also nicht isoliert, sondern mit dem ganzen Körper.

Musik und Sprache gehören eng zusammen

Besonders spannend ist heute die Forschung zu Musik und Sprache. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass beide Bereiche im Gehirn enger miteinander verbunden sind als lange angenommen wurde.

Das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik erforscht, wie Musik und Sprache gemeinsam verarbeitet werden und welche Bedeutung Rhythmus, Melodie und Klangmuster für die Sprachentwicklung haben (Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik 2024).

Auch Stephan Sallat betont, dass Sprache und Musik in ihrer Struktur erstaunlich ähnlich sind. Beide arbeiten mit Rhythmus, Melodie, Lautmustern und zeitlichen Abläufen (Sallat 2017, S. 1).

Gerade deshalb können musikalische Erfahrungen Kinder beim Sprechenlernen unterstützen. Reime, Klatschspiele, Sprechverse und Lieder fördern das Gefühl für Silben, Sprachrhythmus und Betonungen. Kinder lernen Sprache dabei oft spielerisch und beinahe nebenbei.

Besonders wichtig ist Rhythmus. Forschungen zeigen, dass rhythmische Fähigkeiten mit dem Lesenlernen zusammenhängen können. Wer Sprachrhythmen gut wahrnimmt, erkennt häufig auch leichter Silbenstrukturen und Lautmuster (ARD alpha 2024).

Musik stärkt Gefühle und Selbstvertrauen

Kinder erleben beim Musizieren immer wieder: „Ich kann etwas.“ Ein Rhythmus gelingt plötzlich. Ein Lied klingt sicherer als noch vor einigen Wochen. Gemeinsam entsteht Musik, die vorher nicht da war. Solche Erfahrungen stärken das Selbstvertrauen enorm. Musik bietet Kindern die Möglichkeit, sich auszudrücken, ohne alles in Worte fassen zu müssen. Gerade schüchterne oder sprachlich unsichere Kinder finden über Musik oft leichter Zugang zu anderen.

Zudem entwickeln musikalisch aktive Kinder häufig Freude daran, Gefühle auszudrücken und vor anderen aufzutreten. Entscheidend ist dabei vor allem die Atmosphäre. Kinder brauchen Ermutigung statt Leistungsdruck. Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages weisen darauf hin, dass negative Erfahrungen – etwa beschämendes Vorsingen – Kindern die Freude am Musizieren dauerhaft nehmen können (Deutscher Bundestag 2007, S. 3).

Umso wichtiger ist ein musikalischer Alltag, der von Freude, Gemeinschaft und Offenheit geprägt ist.

Gemeinsames Musizieren verbindet Kinder

Wer mit Kindern singt oder trommelt, erlebt schnell: Musik schafft Nähe. Kinder hören einander zu, achten auf gemeinsame Einsätze und erleben sich als Teil einer Gruppe.

Gerade gemeinsames Musizieren stärkt soziale Fähigkeiten. Kinder lernen Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit und Kooperation – oft ganz ohne lange Erklärungen.

Die bekannte Berliner Langzeitstudie von Hans Günther Bastian zeigte, dass Kinder in musikbetonten Grundschulen häufig besseres Sozialverhalten entwickelten und seltener ausgegrenzt wurden (Bastian 2000). Gleichzeitig verbesserten sich Konzentration und Lernmotivation.

Interessant ist auch: Trotz zusätzlicher Musikstunden verschlechterten sich die Leistungen in Mathematik, Deutsch oder Englisch nicht. Teilweise schnitten die Kinder sogar besser ab (Deutscher Bundestag 2007, S. 5).

Musik ist kein Luxusfach

Noch immer wird Musik in Bildungseinrichtungen manchmal als „schönes Zusatzangebot“ betrachtet. Die Forschung zeigt jedoch längst, dass Musik Wahrnehmung, Sprache, Konzentration, soziale Fähigkeiten und emotionale Entwicklung gleichzeitig fördert. Sie verbindet Denken, Fühlen und Handeln auf einzigartige Weise.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Kinder möglichst früh zu kleinen Hochleistungsmusikern zu machen. Entscheidend ist vielmehr, dass Musik selbstverständlich zum Alltag gehört.

Schon kleine Rituale können viel bewirken: ein gemeinsames Lied am Morgen, Klatschspiele zwischendurch, Bewegungslieder, Rhythmusübungen oder freies Experimentieren mit Instrumenten und Klängen.

Denn Kinder brauchen Musik nicht erst später. Sie brauchen sie jetzt.

Quellenverzeichnis

  • ARD alpha (2024): Warum Musik unsere Emotionen beeinflusst. Online unter: ARD alpha – Musik und Emotionen
  • Bastian, Hans Günther (2000): Musik(erziehung) und ihre Wirkung. Mainz: Schott.
  • Deutscher Bundestag (2007): Die Wirkung von Musik auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Wissenschaftliche Dienste, WD 9 – 060/2007.
  • Krenz, Armin (2022): Musik ist Seelenproviant für Kinder. Online unter: spielen und lernen – Musik ist Seelenproviant für Kinder
  • Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik (2024): Neurokognition von Musik und Sprache. Online unter: Max-Planck-Institut – Musik und Sprache
  • Sallat, Stephan (2017): Musiktherapie bei Sprach- und Kommunikationsstörungen. München: Ernst Reinhardt Verlag.
  • Schneider, Peter et al. (2023): Neuroanatomical Disposition, Natural Development, and Training-Induced Plasticity of the Human Auditory System from Childhood to Adulthood. In: The Journal of Neuroscience, 43(37), S. 6430–6446. Online unter: Journal of Neuroscience – Musik und Gehirnentwicklung

Gernot Körner




Montessori-Pädagogik stärkt Kinder in ihrer Entwicklung nachweislich

Große Langzeitstudie zeigt Vorteile bei Sprache, Selbstkontrolle und Sozialverhalten

Die Montessori-Pädagogik erlebt seit einigen Jahren weltweit neue Aufmerksamkeit. Viele Eltern hoffen auf eine kindgerechtere Form des Lernens, mehr Selbstständigkeit und weniger Leistungsdruck. Gleichzeitig galt die wissenschaftliche Datenlage lange als uneinheitlich. Zahlreiche frühere Untersuchungen hatten zwar positive Effekte beschrieben, doch Kritiker verwiesen immer wieder darauf, dass Montessori-Einrichtungen häufig von besonders engagierten und bildungsnahen Familien gewählt werden. Dadurch blieb oft unklar, ob tatsächlich die Methode selbst für bessere Entwicklungswerte verantwortlich ist.

Vorteile bei Sprache, Lesen, Selbstregulation und sozialen Fähigkeiten

Eine neue groß angelegte Studie, über die das Wissenschaftsportal ScienceDaily berichtet, liefert nun deutlich belastbarere Hinweise darauf, dass Montessori-orientierte Betreuung und Frühpädagogik tatsächlich positive Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern haben können. Besonders auffällig waren Vorteile bei Sprache, Lesen, Selbstregulation und sozialen Fähigkeiten.

588 Kinder in 24 öffentlichen Montessori-Programmen

Die Forschenden begleiteten insgesamt 588 Kinder in 24 öffentlichen Montessori-Programmen in den USA. Das Besondere an der Untersuchung: Die Aufnahmeplätze wurden über ein Losverfahren vergeben. Dadurch entstanden zwei vergleichbare Gruppen – Kinder mit Montessori-Platz und Kinder ohne Montessori-Platz. Wissenschaftlich gilt ein solches randomisiertes Studiendesign als besonders aussagekräftig, weil typische Verzerrungen reduziert werden. Genau daran scheiterten viele frühere Montessori-Studien.

Eindeutige Ergebnisse

Die Ergebnisse fielen deutlich aus. Kinder in Montessori-Programmen entwickelten bessere Fähigkeiten beim Lesen und bei sprachlichen Aufgaben. Gleichzeitig zeigten sie stärkere sogenannte Exekutivfunktionen – also Fähigkeiten wie Konzentration, Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis und selbstständige Problemlösung. Auch beim sozialen Verständnis und im Umgang mit anderen Kindern schnitten Montessori-Kinder häufiger besser ab.

Fokus auf dem offenen Lernansatz

Die Forschenden sehen die Ursachen dafür vor allem in den grundlegenden Unterschieden zwischen Montessori-Pädagogik und konventionellen Kita-Modellen. Während viele konventionelle Einrichtungen stärker förderorientiert arbeiten und Lernprozesse stärker strukturieren, basiert Montessori auf einem vergleichsweise offenen Lernansatz. Kinder spielen häufig selbstständig mit speziell entwickelten Materialien, entscheiden innerhalb klarer Rahmenbedingungen eigenständig über Aktivitäten und lernen in ihrem individuellen Tempo.

Was Maria Montessori bereits wusste

Die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori entwickelte diesen Ansatz bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihre Grundidee war, dass Kinder einen natürlichen inneren Lernantrieb besitzen und sich besonders gut entwickeln, wenn sie eigenständig Erfahrungen sammeln dürfen. Erwachsene sollen dabei weniger kontrollieren als vielmehr vorbereitete Lernumgebungen schaffen und Lernprozesse aufmerksam begleiten.

Viele ihrer Aussagen wirken heute erstaunlich modern. Montessori schrieb: „Das Interesse des Kindes hängt von der Möglichkeit ab, eigene Entdeckungen zu machen.“ Ebenso bekannt wurde ihr Satz: „Das Leben anzuregen und es sich dann frei entwickeln zu lassen – hierin liegt die erste Aufgabe des Erziehers.“ Und bis heute gilt ihr berühmtes Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ als Kern ihrer Pädagogik.

Auch ein weiterer Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die aktuelle Studie: „Wenn du korrekt mit dem Kind umgehst, wird auch das Kind sich im Leben korrekt benehmen.“ Montessori verstand Erziehung nie als reine Wissensvermittlung, sondern als Begleitung menschlicher Entwicklung.

Eigenaktivität laut Studie entscheidend

Genau diese Eigenaktivität ist laut Studie entscheidend. Kinder trainieren in Montessori-Einrichtungen permanent ihre Fähigkeit zur Selbststeuerung. Sie wählen Aufgaben aus, planen Arbeitsschritte, organisieren Materialien und lösen Konflikte eigenständig. Dadurch wird die Entwicklung von Fähigkeiten unterstützt, die heute als zentrale Grundlage späterer Lern- und Bildungserfolge gelten.

Stärkere Förderung der Exekutivfunktionen

Besonders interessant ist dabei die stärkere Förderung der Exekutivfunktionen. Entwicklungspsychologen betrachten diese Fähigkeiten inzwischen als einen der wichtigsten Faktoren für langfristigen schulischen Erfolg. Kinder mit gut entwickelter Selbstregulation können Aufmerksamkeit besser steuern, Frustrationen kontrollieren und komplexe Aufgaben strukturierter bearbeiten. Genau in diesen Bereichen zeigten die Montessori-Kinder deutliche Vorteile.

Sprachliche Entwicklung

Auch die sprachliche Entwicklung scheint vom Montessori-Ansatz zu profitieren. Die Forschenden verweisen darauf, dass Montessori-Materialien häufig mehrere Sinne gleichzeitig ansprechen. Kinder lernen Buchstaben nicht nur abstrakt, sondern ertasten Formen, sprechen Laute aus und verbinden Bewegungen mit Sprache. Diese multisensorische Lernweise entspricht modernen Erkenntnissen der sogenannten „Science of Reading“, die systematische Laut-Buchstaben-Verbindungen als wichtigen Bestandteil frühen Lesenlernens betrachtet.

Besondere soziale Struktur in Montessori-Gruppen

Hinzu kommt die besondere soziale Struktur vieler Montessori-Gruppen. Typisch sind altersgemischte Gruppen mit Kindern verschiedener Entwicklungsstufen. Jüngere Kinder beobachten ältere, ältere Kinder übernehmen Verantwortung und helfen anderen. Dadurch entstehen soziale Lernprozesse, die in altershomogenen Gruppen seltener auftreten. Laut Studie könnte genau dieses Modell erklären, warum Montessori-Kinder häufiger bessere Werte bei sozialem Verständnis und Kooperation zeigten.

Warum Montessori auch im Silicon Valley fasziniert

Interessant ist außerdem, dass Montessori-Prinzipien seit Jahren auch im Silicon Valley intensiv diskutiert werden. Mehrere bekannte Tech-Unternehmer besuchten Montessori-Schulen, darunter Jeff Bezos sowie die Google-Mitgründer Larry Page und Sergey Brin. Auch Jimmy Wales wird häufig als prominenter Montessori-Schüler genannt.

Besonders hervorgehoben werden dabei Eigenschaften wie eigenständiges Denken, intrinsische Motivation, kreative Problemlösung und die Fähigkeit, unabhängig von vorgegebenen Strukturen zu arbeiten. Larry Page erklärte rückblickend, Montessori habe ihm beigebracht, „nicht einfach Regeln zu folgen“. Genau diese Eigenschaften gelten heute in der Innovationsforschung als zentrale Voraussetzungen für Kreativität und Unternehmertum.

Viele Montessori-Ideen passen erstaunlich gut zu modernen Innovationskulturen: Fehler gelten nicht primär als Scheitern, sondern als Teil des Lernprozesses. Eigeninitiative wird stärker gefördert als reine Anpassung. Kinder sollen Probleme selbst entdecken und Lösungen eigenständig entwickeln.

Montessori kann messbare Entwicklungsunterschiede erzeugen

Die Untersuchung liefert damit interessante Hinweise darauf, dass Montessori nicht nur eine alternative pädagogische Haltung darstellt, sondern tatsächlich messbare Entwicklungsunterschiede erzeugen kann. Gleichzeitig warnen die Forschenden jedoch vor überzogenen Schlussfolgerungen.

Grenzen der Studie

Denn auch diese Studie hat Grenzen. Verglichen wurden Montessori-Programme mit unterschiedlichen konventionellen Einrichtungen. Dadurch bleibt offen, welche einzelnen Bestandteile letztlich ausschlaggebend sind. Außerdem untersuchte die Studie ausschließlich öffentliche Montessori-Programme mit vergleichsweise hoher Umsetzungsqualität. Nicht jede Einrichtung, die den Begriff „Montessori“ verwendet, arbeitet tatsächlich konsequent nach den ursprünglichen Prinzipien.

Qualität der Umsetzung entscheidend

Die Autor*innen betonen deshalb selbst, dass die Qualität der Umsetzung wahrscheinlich entscheidend ist. Gut ausgebildete Fachkräfte, vorbereitete Lernumgebungen und eine konsequente Orientierung an Montessori-Prinzipien dürften eine zentrale Rolle spielen. Schlechter organisierte Einrichtungen könnten deutlich geringere Effekte zeigen.

Langfristige Wirkungen noch nicht erforscht

Offen bleibt außerdem die Frage nach langfristigen Wirkungen. Die Studie begleitet Kinder bis zum Ende des Kindergartens. Ob die beobachteten Vorteile bis in die Schulzeit oder Jugend bestehen bleiben, muss erst weitere Forschung zeigen. In der Bildungsforschung verschwinden frühe positive Effekte häufig später wieder. Die Forschenden vermuten allerdings, dass Montessori gerade durch die Förderung von Selbstregulation langfristigere Wirkungen entfalten könnte.

Robuste Daten für Montessori-orientierte Frühpädagogik

Trotz dieser Einschränkungen gilt die Untersuchung als eine der bislang stärksten wissenschaftlichen Arbeiten zur Montessori-Pädagogik. Sie liefert deutlich robustere Daten als viele frühere Studien und zeigt erstmals auf größerer Ebene, dass Montessori-orientierte Frühpädagogik unter realen Bedingungen messbare Vorteile erzeugen kann.

Kein Automatismus

Für Eltern bedeutet das allerdings nicht automatisch, dass Montessori grundsätzlich jeder anderen Betreuung überlegen ist. Experten betonen weiterhin, dass die Qualität der Beziehungen, gut ausgebildete Fachkräfte und eine sichere emotionale Umgebung entscheidend bleiben. Die Studie legt jedoch nahe, dass Montessori-Konzepte Kindern offenbar besonders gute Bedingungen bieten können, um Selbstständigkeit, Konzentration und soziale Fähigkeiten früh zu entwickeln.

Gernot Körner




Puppenspiel stärkt Empathie und soziales Denken bei Kindern

Spielen mit Puppen verbessert offenbar das Verständnis fremder Gedanken und Gefühle

Kinder, die regelmäßig mit Puppen spielen, entwickeln offenbar ein besseres Verständnis dafür, was andere Menschen denken, fühlen oder glauben. Das zeigt eine aktuelle randomisierte Kontrollstudie von Forschenden der Cardiff University und des King’s College London, veröffentlicht im Fachjournal PLOS ONE. Besonders deutlich verbesserten sich Fähigkeiten des sogenannten „False Belief Reasoning“ — also die Fähigkeit, die Perspektive anderer Menschen unabhängig vom eigenen Wissen nachzuvollziehen.

An der Studie nahmen 73 Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren teil. Über einen Zeitraum von sechs Wochen spielten die Kinder entweder regelmäßig mit Puppen oder mit kreativen Tabletspielen. Die Ergebnisse zeigen: Kinder aus der Puppenspiel-Gruppe verbesserten ihre sozialen Denkfähigkeiten stärker als Kinder aus der Tablet-Gruppe.

Besonders bemerkenswert: Der Effekt fiel vor allem bei Kindern stärker aus, die laut Eltern bereits Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen hatten. Die Forschenden sehen darin einen Hinweis darauf, dass Puppenspiel gerade für Kinder mit sozialen Herausforderungen eine wichtige Entwicklungsressource sein könnte.

Zudem zeigte sich, dass Kinder beim Spielen mit Puppen häufiger soziale Situationen nachstellten, gemeinsam spielten und öfter über Gedanken, Gefühle und Absichten anderer Figuren sprachen als beim Tabletspiel.

Warum Puppen soziale Kompetenzen trainieren könnten

Die Forschenden vermuten, dass Puppen eine besondere Form imaginärer sozialer Interaktion ermöglichen. Kinder üben beim Rollenspiel offenbar, sich in andere hineinzuversetzen und verschiedene Perspektiven gleichzeitig zu berücksichtigen.

Studienleiterin Sarah Gerson erklärt, Puppenspiel könne Kindern helfen, „soziale Informationsverarbeitung zu üben und zu verbessern“. Die Ergebnisse lieferten erstmals einen kausalen Hinweis darauf, dass Puppenspiel soziale Denkfähigkeiten tatsächlich fördern könne — und nicht nur mit ihnen zusammenhängt.

Die Autorinnen und Autoren betonen zudem, dass Puppen offenbar auch beim Alleinspiel soziale Prozesse aktivieren. Frühere neuropsychologische Untersuchungen hätten bereits gezeigt, dass beim Puppenspiel Hirnregionen aktiviert werden, die mit sozialem Denken und Empathie verbunden sind. Die aktuelle Studie liefere nun erstmals experimentelle Hinweise darauf, dass daraus tatsächlich messbare Verbesserungen sozial-kognitiver Fähigkeiten entstehen könnten.

Nach Ansicht der Forschenden könnten Rollenspiele mit Puppen deshalb eine größere Bedeutung für die kindliche Entwicklung haben als bislang angenommen — insbesondere in einer Zeit, in der digitale Medien einen immer größeren Teil des Spielalltags einnehmen.

Kinder spielten mit Puppen häufiger gemeinsam

Interessant war auch das Spielverhalten während der Untersuchung. Eltern berichteten, dass Kinder mit Puppen deutlich häufiger gemeinsam mit Geschwistern, Eltern oder Freunden spielten. Tabletspiele wurden dagegen häufiger allein genutzt.

Darüber hinaus verwendeten Kinder beim Puppenspiel häufiger sogenannte „Internal State Language“ — also Begriffe für Gedanken, Wünsche, Gefühle oder Absichten anderer Figuren. Genau diese sprachliche Auseinandersetzung mit inneren Zuständen gilt in der Entwicklungspsychologie als wichtiger Baustein sozialer Kompetenzentwicklung.

Die Forschenden vermuten deshalb, dass Puppenspiel Kindern eine sichere und kontrollierbare Umgebung bietet, um soziale Situationen gedanklich durchzuspielen und soziale Konflikte oder Perspektivwechsel zu üben.

Zur Methode

Die Untersuchung wurde als randomisierte Kontrollstudie durchgeführt — eine besonders aussagekräftige Methode in der psychologischen Forschung. Die Kinder wurden zufällig entweder einer Puppenspiel- oder einer Tabletspiel-Gruppe zugeordnet. Über einen Zeitraum von fünf bis sieben Wochen sollten sie mindestens dreimal pro Woche mit dem jeweils zugewiesenen Spielmaterial spielen.

Die Forschenden erfassten unter anderem das Spielverhalten, die soziale Interaktion während des Spiels sowie Veränderungen in sozialen Denkfähigkeiten. Dafür nutzten sie einen speziellen „Sandbox-Test“, mit dem gemessen wurde, wie gut Kinder falsche Überzeugungen anderer Personen nachvollziehen können. Zusätzlich wurden Sprachmuster während des Spiels analysiert.

Trotz Einschränkungen wichtige Hinweise

Die Studie besitzt mehrere methodische Stärken. Besonders relevant ist das randomisierte Kontrollgruppendesign, das deutlich belastbarere Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erlaubt als reine Beobachtungsstudien. Zudem wurde ein vergleichsweise alltagsnahes Studiendesign gewählt: Die Kinder spielten zuhause frei und ohne starre Vorgaben. Dadurch lassen sich die Ergebnisse besser auf reale Lebenssituationen übertragen.

Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Forschenden verschiedene Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht und soziale Schwierigkeiten statistisch berücksichtigten. Die Kombination aus Verhaltensmessungen, Sprachanalysen und standardisierten psychologischen Tests erhöht zusätzlich die Aussagekraft der Untersuchung.

Gleichzeitig gibt es Einschränkungen. Die Studie umfasst eine relativ kleine Stichprobe und einen begrenzten Untersuchungszeitraum. Zudem wurde die Forschung teilweise durch den Spielzeughersteller Mattel finanziert, auch wenn die Forschenden betonen, dass das Unternehmen keinen direkten Einfluss auf Datenauswertung oder Interpretation hatte.

Trotz dieser Einschränkungen liefert die Untersuchung wichtige Hinweise darauf, dass freies Rollenspiel mit Puppen eine bedeutende Rolle für die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern spielen könnte.

Hier finden Sie noch mehr zur Studie.




Wie Kinder wirklich forschen: Warum Förderprogramme oft scheitern

Neugier, Selbstwirksamkeit und eigene Wege – was Kinder für echtes Lernen brauchen und warum gut gemeinte Förderung häufig in die falsche Richtung führt

Kinder sind keine leeren Gefäße, die mit Wissen gefüllt werden müssen. Sie sind von Beginn an aktiv, neugierig und darauf ausgerichtet, ihre Umwelt zu verstehen. Dennoch dominiert in vielen Bildungskontexten noch immer die Vorstellung, Lernen lasse sich durch Anleitung, Programme und möglichst frühe Förderung optimieren. Genau diese Annahme führt regelmäßig in die Irre.

Denn Kinder lernen nicht durch Erklärungen, sondern durch Erfahrung. Sie erschließen sich ihre Welt, indem sie handeln, ausprobieren, scheitern und neu ansetzen. Was trivial klingt, wird im Alltag erstaunlich häufig übergangen.

Dass zu viel Erklärung echte Erkenntnis meist verhindert, gehört seit tausenden von Jahren zum Weltwissen der Menschheit- angefangen bei den chinesischen Weisen Laotzi und Konfuzius über Marcus Tullius Cicero bis hin in die moderne Neurowissenschaft.

Kinder sind von Anfang an Forschende

Wer Kinder beobachtet, erkennt schnell: Forschen beginnt lange vor Schule oder Kindergarten. Säuglinge treten in Beziehung zu ihrer Umwelt, reagieren auf Reize und testen erste Zusammenhänge. Sie lernen, indem sie handeln – nicht indem sie belehrt werden.

Mit wachsender Mobilität wird dieses Verhalten komplexer. Kinder greifen, vergleichen, wiederholen und variieren. Sie entwickeln Hypothesen und überprüfen diese durch eigenes Tun. Dieser Prozess ist hoch effizient, weil er an die innere Motivation gekoppelt ist.

Der oft zitierte Gedanke von Immanuel Kant, den eigenen Verstand zu nutzen, zeigt sich hier ganz konkret: Kinder tun genau das – sofern man sie lässt.

Vom Mythos der frühen Förderung

Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, dass Kinder möglichst früh systematisch gefördert werden müssten, um später erfolgreich zu sein. Sprachprogramme, Mathetrainings oder naturwissenschaftliche Angebote im Vorschulalter sollen Defizite vermeiden und Kompetenzen sichern.

Die Logik dahinter wirkt plausibel – ist aber verkürzt. Denn sie ignoriert, wie Lernen tatsächlich funktioniert. Wenn Inhalte vorgegeben, Wege festgelegt und Ergebnisse erwartet werden, wird der zentrale Motor von Bildung ausgeblendet: die Eigenaktivität.

Kinder lernen selbstständiges Denken nur, indem sie selbstständig denken. Wer ihnen ständig Lösungen präsentiert, reduziert die Notwendigkeit, eigene zu entwickeln. Dass gleichzeitig über mangelnde Selbstständigkeit oder geringe Anstrengungsbereitschaft geklagt wird, ist daher kaum überraschend – es ist eine direkte Folge dieser Praxis.

Autonomie ist kein pädagogisches Extra

Kinder haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Autonomie. Sie wollen nicht nur teilnehmen, sondern gestalten. Dieses Bedürfnis ist keine Phase, sondern ein zentraler Bestandteil menschlicher Entwicklung.

Wird es eingeschränkt – etwa durch permanente Anleitung oder durch überstrukturierte Lernangebote –, verliert Lernen an Tiefe. Kreativität, Problemlösefähigkeit und Forschergeist entstehen nicht durch Vorgaben, sondern durch Handlungsspielräume.

Der Pädagoge Friedrich Wilhelm Fröbel formulierte bereits im 19. Jahrhundert, dass Bildung aus dem Menschen heraus entwickelt werden müsse. Diese Perspektive steht im deutlichen Gegensatz zu vielen aktuellen Förderlogiken.

Neugier als Motor – und als Risiko

Neugier ist der Ausgangspunkt jedes Lernprozesses. Der Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau beschrieb Wissenschaft als einen neugierigen Blick auf die Welt – ein Bild, das sich unmittelbar auf Kinder übertragen lässt.

Doch Neugier ist fragil. Wird sie durch ständige Belehrung ersetzt, verliert sie an Kraft. Kinder, denen früh alles erklärt wird, stellen weniger Fragen. Sie gewöhnen sich daran, Antworten zu bekommen, statt sie zu suchen, und bemühen sich nicht mehr darum.

Auch Albert Einstein betonte, dass seine Stärke nicht in besonderer Begabung lag, sondern in anhaltender Neugier. Genau diese Haltung lässt sich bei Kindern beobachten – solange sie Raum dafür bekommen.

Lernen mit allen Sinnen

Kinder begreifen die Welt wörtlich. Sie müssen Dinge anfassen, bewegen, riechen, hören und sehen, um sie zu verstehen. Lernen ist ein körperlicher, sinnlicher Prozess.

Wird dieser durch abstrakte Vermittlung ersetzt, bleibt Wissen oberflächlich. Es fehlt die Verankerung in Erfahrung. Moderne neurobiologische Forschung bestätigt, dass nachhaltiges Lernen eng an aktive Auseinandersetzung gebunden ist.

Die Reformpädagogin Maria Montessori formulierte es präzise: Interesse entsteht dort, wo eigene Entdeckungen möglich sind. Ohne diese Möglichkeit verliert Lernen seinen inneren Antrieb.

Die Kunst des Begleitens

Wenn Kinder natürliche Forschende sind, verändert sich die Rolle der Erwachsenen grundlegend. Sie sind nicht primär Vermittler von Wissen, sondern Gestalter von Lernumgebungen.

Das bedeutet: beobachten, Raum geben, Impulse setzen – aber nicht vorwegnehmen. Für viele Erwachsene ist genau das die größte Herausforderung. Sie kennen die „richtige“ Lösung und müssen dennoch akzeptieren, dass Kinder ihren eigenen Weg dorthin finden.

Der Gedanke von Jean-Jacques Rousseau, dass Entwicklung Zeit braucht, ist dabei zentral. Eingriffe zur falschen Zeit können Lernprozesse eher stören als fördern.

Forschen geschieht im Spiel

Für Kinder ist Forschen kein didaktisches Format. Es ist Teil ihres Spiels. Ob Wasser umgefüllt, ein Turm gebaut oder ein Käfer beobachtet wird – all das sind komplexe Lernprozesse.

Diese Prozesse sind offen, nicht standardisiert und oft nicht planbar. Genau deshalb sind sie so wirksam. Sie verbinden kognitive, motorische und emotionale Erfahrungen zu einem ganzheitlichen Verständnis.

Der Schriftsteller Wilhelm Busch brachte es treffend auf den Punkt: Wer nur vorgegebene Wege geht, entwickelt keine eigenen. Für Kinder gilt das in besonderem Maß.

Bildung lässt sich nicht beschleunigen

Die Vorstellung, Lernen könne effizienter gestaltet werden, führt immer wieder zu neuen Programmen, Konzepten und Methoden. Doch Lernen ist kein linearer Prozess. Es verläuft in Schleifen, Umwegen und individuellen Rhythmen.

Versuche, diesen Prozess zu standardisieren, führen häufig dazu, dass genau das verloren geht, was Lernen wirksam macht: die persönliche Auseinandersetzung.

Kinder brauchen Zeit, um Zusammenhänge zu verstehen. Sie brauchen Gelegenheiten, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Und sie brauchen Erwachsene, die diesen Prozess aushalten.

Kinder forschen nicht nach Plan. Sie folgen ihrer Neugier, entwickeln eigene Fragen und finden individuelle Antworten. Bildungsprozesse, die das ernst nehmen, wirken oft unspektakulär – sind aber nachhaltig.

Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht darin, Kinder besser zu fördern, sondern sie sinnvoll zu begleiten und ihnen dabei weniger im Weg zu stehen.

Gernot Körner




ADHS und Kreativität: Vielfalt im Denken als Ressource begreifen

Forschung zeigt: Unkonzentriertheit kann kreative Stärke sein

Eine neue Studie der Neurowissenschaftlerin Dr. Radwa Khalil von der Constructor University, veröffentlicht im Fachjournal iScience, geht einer Frage nach, die viele Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen seit Jahren beschäftigt: Warum wirken manche Menschen mit ADHS im Alltag unkonzentriert – und zugleich oft ungewöhnlich kreativ? Und lässt sich dieser scheinbare Widerspruch wissenschaftlich erklären?

Die Antwort der Forschenden fällt klar aus: Die gleichen neuronalen Netzwerke, die unsere Aufmerksamkeit steuern, sind auch an kreativen Prozessen beteiligt. Das bedeutet, dass typische Merkmale von ADHS – etwa Ablenkbarkeit oder Tagträumen – nicht nur Schwierigkeiten verursachen, sondern unter bestimmten Bedingungen auch kreatives Denken fördern können.

Die Studie zeigt damit eine neue Perspektive auf ein Phänomen, das bislang überwiegend unter dem Blickwinkel von Defiziten betrachtet wurde. Statt ausschließlich zu fragen, was bei ADHS „nicht funktioniert“, rückt sie die Frage in den Vordergrund, welche besonderen kognitiven Potenziale in diesen Aufmerksamkeitsmustern liegen.

Breiter Aufmerksamkeitskegel

Im Zentrum der Untersuchung steht das Konzept der sogenannten „defokussierten Aufmerksamkeit“. Dr. Khalil beschreibt diesen Zustand anschaulich: Während viele Menschen ihre Aufmerksamkeit gezielt auf eine Aufgabe richten können, nehmen Menschen mit ADHS häufig mehrere Reize gleichzeitig wahr. Dieser „breitere Aufmerksamkeitskegel“ erschwert es, bei monotonen Aufgaben konzentriert zu bleiben – eröffnet aber zugleich die Möglichkeit, ungewöhnliche Verbindungen herzustellen und neue Ideen zu entwickeln.

Genau hier liegt der Kern der neuen Erkenntnisse. Kreativität entsteht oft nicht durch lineares Denken, sondern durch das Verknüpfen scheinbar unzusammenhängender Informationen. Prozesse wie freies Assoziieren, gedankliches Abschweifen oder spontanes Umschalten zwischen Themen – alles Phänomene, die im Zusammenhang mit ADHS häufig beobachtet werden – spielen dabei eine zentrale Rolle.

Dass diese Verbindung nicht nur theoretisch ist, zeigt sich auch in der Lebensrealität vieler Betroffener. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass Menschen mit ADHS überdurchschnittlich häufig in kreativen Berufen vertreten sind. Prominente Beispiele wie Justin Timberlake oder Simone Biles werden oft genannt, auch wenn solche Einzelfälle keine wissenschaftlichen Belege ersetzen.


Das ADS-Buch: Hilfe für Zappelphilippe und Träumer

Kinder mit ADS sind oft kreativ und klug, aber schnell überfordert. Der Ratgeber von Dr. Aust-Claus und Dr. Hammer zeigt, wie Eltern, Lehrkräfte und Therapeut:innen gemeinsam helfen können. Mit dem Optimind®-Konzept, Fallbeispielen und alltagstauglichen Tipps für mehr Konzentration und weniger Frust.

Dr. Elisabeth Aust-Claus/Dr. Marina Hammer
Das ADS-Buch: Neue Konzentrationshilfen für Zappelphilippe und Träumer
Softcover, 320 Seiten
ISBN:: 978-3-96304-038-2
22 €


Aufmerksamkeit und Kreativität sind eng miteinander verschränkt

Die Studie geht jedoch über diese Beobachtungen hinaus und versucht, die zugrunde liegenden Mechanismen systematisch zu erklären. Sie führt Forschungsergebnisse aus verschiedenen Disziplinen zusammen und zeigt, dass Aufmerksamkeit und Kreativität eng miteinander verschränkt sind – auf der Ebene neuronaler Netzwerke ebenso wie im Verhalten.

Ein besonders interessanter Aspekt betrifft die praktische Anwendung dieser Erkenntnisse. Die Forschenden sehen großes Potenzial in sogenannten kreativen Therapieansätzen. Dazu zählen Aktivitäten wie Malen, Musik, Tanz, Schreiben oder auch spielerische digitale Formate. Diese Tätigkeiten nutzen gezielt die offenen, assoziativen Denkprozesse, die bei ADHS häufig ausgeprägt sind.

Dabei geht es nicht um bloße Beschäftigung oder Ablenkung. Kreative Aktivitäten sprechen genau jene Gehirnstrukturen an, die auch für die Steuerung von Aufmerksamkeit zuständig sind. Wenn Kinder oder Erwachsene mit ADHS sich intensiv auf solche Prozesse einlassen, kann dies dazu beitragen, Aufmerksamkeitsmuster zu stabilisieren und neu zu organisieren.

Dr. Khalil formuliert es zugespitzt: Kreativer Ausdruck sei kein Nebenprodukt, sondern eine Form von Training für das Gehirn. Wer sich beim Zeichnen, Musizieren oder Schreiben vertieft, arbeite mit seinem kognitiven Stil – und nicht gegen ihn.

Gut begründet, aber nicht vollständig erforscht

Gleichzeitig bleibt die Studie vorsichtig in ihrer Bewertung. Die Zusammenhänge zwischen ADHS und Kreativität sind zwar gut begründet, aber noch nicht vollständig erforscht. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass es weiterer Untersuchungen bedarf, insbesondere langfristiger Studien, die Entwicklungsverläufe genauer abbilden.

Methodisch handelt es sich bei der Arbeit um eine interdisziplinäre Zusammenführung bestehender Forschungsergebnisse. Sie entwickelt daraus ein theoretisches Modell und leitet Empfehlungen für zukünftige Studien ab. Dazu gehören unter anderem:

•          eine engere Zusammenarbeit zwischen Neurowissenschaft, Pädagogik und Therapie

•          neue Methoden zur Erfassung kreativer Prozesse

•          langfristige Untersuchungen zur Wirkung kreativer Interventionen

ADHS – kognitive Besonderheit mit eigenen Möglichkeiten

Auffällig ist vor allem der Perspektivwechsel, den die Studie anstößt. ADHS erscheint hier nicht mehr ausschließlich als Störung, die korrigiert werden muss, sondern als kognitive Besonderheit mit eigenen Möglichkeiten. Diese Sichtweise verändert nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs, sondern hat auch Konsequenzen für den Alltag – in Familien, in Kitas, in Schulen.

Denn wenn Aufmerksamkeit nicht nur als Fähigkeit zur Fokussierung verstanden wird, sondern auch als Offenheit für vielfältige Reize, dann stellt sich die Frage neu, wie Lernumgebungen gestaltet sein sollten. Die Studie liefert dafür keine einfachen Rezepte, aber sie verschiebt den Blick: weg von der reinen Anpassung an bestehende Anforderungen – hin zu einem Verständnis, das Vielfalt im Denken als Ressource begreift.

Weitere Informationen finden Sie hier:

Gernot Körner




Kita als Schlüsselphase: Armin Krenz fordert dringend Umdenken

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In Freiburg plädiert Armin Krenz vor großem Publikum für eine Pädagogik, die sich konsequent an den Bedürfnissen von Kindern orientiert – und warnt vor den Fehlentwicklungen im Bildungssystem

Mehr als 300 Teilnehmende – vor Ort in der Aula der Katholischen Hochschule Freiburg sowie online zugeschaltet – haben am 20. April 2026 den Vortrag von Prof. Dr. Armin Krenz verfolgt. Im Rahmen der Reihe „Leben und Lernen im Wandel“ des Freiburger Bündnisses „Eine Schule für alle“ stellte der renommierte Entwicklungspsychologe die frühe Kindheit als entscheidende Phase für die gesamte menschliche Entwicklung in den Mittelpunkt.

Bereits zu Beginn machte Krenz deutlich, worum es geht: Die Kita-Zeit ist keine vorbereitende Zwischenphase, sondern eine eigenständige, hochbedeutsame Entwicklungszeit. Was Kinder hier erleben, beeinflusst nachhaltig ihre Persönlichkeit, ihre Lernfähigkeit und ihr soziales Verhalten. Frühkindliche Bildung ist kein „Vorlauf“ für Schule, sondern ein eigenständiger, hochkomplexer Entwicklungsraum mit langfristiger Wirkung.

Bildung beginnt lange vor der Schule

Krenz knüpfte an internationale Bildungsdebatten an und erinnerte daran, dass bereits Organisationen wie die UNESCO die frühe Kindheit als entscheidend für nachhaltige Entwicklung definieren. Was Kinder in diesen Jahren an Grundhaltungen, emotionalen Erfahrungen und sozialen Kompetenzen erwerben, prägt ihr gesamtes späteres Leben.

Dabei stellte er eine zentrale Frage: Was verstehen wir eigentlich unter Bildung?

Seine Antwort widerspricht gängigen Praxisformen. Bildung sei nicht die Anhäufung von Wissen, sondern die Entfaltung von Persönlichkeit, Kreativität und Verantwortung. Sie vollziehe sich im Alltag, in Beziehungen und im eigenaktiven Erleben – nicht in standardisierten Förderprogrammen.

Wie Kinder wirklich lernen

Ein zentraler Teil des Vortrags widmete sich der Frage, wie Lernen überhaupt funktioniert. Krenz formulierte drei grundlegende Bedingungen:

  • Kinder müssen sich als bedeutsam erleben
  • Inhalte müssen einen Bezug zur Lebenswelt haben
  • Die Umgebung muss emotional motivierend sein

Fehlen diese Voraussetzungen, entstehen schnell Langeweile, Stress und Rückzug. Besonders deutlich wurde seine Kritik an künstlich erzeugten Lernsituationen, die dem kindlichen Entwicklungsrhythmus widersprechen. Lernen, so Krenz, sei kein linearer Prozess, sondern ein zutiefst emotional gesteuerter Vorgang.

Beziehung statt Belehrung

Ein wiederkehrendes Motiv des Vortrags war die herausragende Bedeutung von Bindung und Beziehung. Bildung entstehe in erster Linie durch Beziehungserfahrungen – nicht durch Programme, Curricula oder Förderpläne.

Kinder, die sich sicher gebunden fühlen, zeigen mehr Neugier, weniger Angst und eine höhere Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Das Gehirn, so Krenz, sei in erster Linie kein reines „Denkorgan“, sondern ein „emotionales Sozialorgan“. Daraus ergibt sich eine klare Konsequenz für pädagogische Praxis: Ohne stabile Beziehungen bleibt jede Bildungsanstrengung oberflächlich.

Unter diesem Link können Sie sich das Video vom Vortrag auch nachträglich ansehen:

vortragarmin

Was Kinder stark macht

Besonders eindrücklich war die Darstellung der sogenannten „seelischen Erfahrungswerte“, die Kinder für eine gesunde Entwicklung benötigen. Dazu zählen unter anderem:

  • Zeit, Ruhe und Bewegung
  • Vertrauen, Sicherheit und Liebe
  • Mitsprache, Neugier und Selbstwirksamkeit
  • das Erleben von Gefühlen und sozialer Zugehörigkeit

Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für Selbstständigkeit, Resilienz und soziale Kompetenz. Krenz machte deutlich, dass diese Qualitäten nicht „vermittelt“ werden können – sie müssen erlebt werden.

Was Kinder wirklich brauchen

Krenz konkretisierte seine Perspektive anhand von zentralen Erfahrungsqualitäten, die Kinder für eine gesunde Entwicklung benötigen. Dazu gehören unter anderem:

  • Sicherheit und Vertrauen
  • Zeit und Ruhe
  • Bewegung und Spiel
  • soziale Zugehörigkeit
  • emotionale Ausdrucksmöglichkeiten

Diese Faktoren bilden die Grundlage für Selbstwirksamkeit, Resilienz und soziale Kompetenz. Sie lassen sich nicht durch Programme ersetzen, sondern müssen im Alltag erfahrbar werden.

Kritik an der aktuellen Bildungspraxis

Deutlich kritisch wurde der Vortrag dort, wo Krenz die gegenwärtige Praxis in vielen Kitas und Schulen analysierte. Seine Diagnose: Bildung werde zunehmend instrumentalisiert.

  • Aus Bildungsbereichen werden Fächer
  • Aus kindlichen Interessen werden vorgegebene Programme
  • Aus Alltagssituationen werden künstliche Lernsettings

Diese Entwicklung führe zu einer Verschiebung weg von der kindlichen Lebenswelt hin zu erwachsenen Erwartungen. Besonders scharf fiel seine Kritik an einer „Vorschulpädagogik“, die Kinder frühzeitig auf schulische Anforderungen trimmt und dabei zentrale Entwicklungsbedürfnisse vernachlässigt.

Das Spiel als Schlüssel zur Entwicklung

Ein zentrales Argument richtete sich auf die Bedeutung des Spiels. Krenz stellte klar: Freies Spiel ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern die effektivste Form des Lernens.

Freies, selbstgewähltes Spiel ermögliche:

  • tiefes emotionales Erleben
  • soziale Aushandlungsprozesse
  • kreative Problemlösungen
  • nachhaltige kognitive Entwicklung

Zahlreiche Studien und Zitate aus der Bildungsforschung untermauerten diese Perspektive. Die Reduktion von Spielzeit zugunsten strukturierter Förderprogramme sei daher nicht nur fragwürdig, sondern stark entwicklungshemmend.


Hier finden Sie die gesamte PowerPoint Präsentation des Vortrags zum Download:

Der schleichende Verlust von Kindheit

Ein besonders nachdenklicher Moment entstand, als Krenz die Veränderungen der kindlichen Lebenswelt beschrieb. Der Raum für freies Spiel sei seit den 1970er Jahren massiv geschrumpft – um bis zu 90 Prozent.

Kinder verlieren nicht nur Orte, sondern auch Zeit. Zeit zum Entdecken, zum Ausprobieren, zum einfachen Kindsein. Diese Entwicklung, so Krenz, habe tiefgreifende Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung.

Ein zentrales Argument richtete sich auf die Bedeutung des Spiels. Krenz stellte klar: Freies Spiel ist keine Freizeitbeschäftigung, sondern die effektivste Form des Lernens.

Pädagogik im Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen

Der Vortrag machte deutlich, dass frühkindliche Bildung längst nicht mehr nur eine pädagogische Frage ist. Sie steht im Kontext gesellschaftlicher Beschleunigung, ökonomischer Interessen und politischer Steuerung.

Wenn Kinder zunehmend als „Ressource“ oder „Investition“ betrachtet werden, verändert sich auch der Blick auf Bildung. Krenz warnte eindringlich vor dieser Entwicklung und plädierte für eine Rückbesinnung auf die Bedürfnisse des Kindes.

Der große Zuspruch zeigt: Das Thema bewegt viele Menschen in der Praxis. Pädagogische Fachkräfte, Eltern und Interessierte suchten an diesem Abend Orientierung und fachliche Einordnung.

Fehlende Aufmerksamkeit für ein zentrales Zukunftsthema

Gerade weil der Vortrag so klar, so fundiert und zugleich so praxisnah die Bedeutung früher Kindheit herausarbeitete, fällt ein Umstand umso stärker ins Gewicht: die auffällige Abwesenheit politischer Entscheidungsträger.

Es ging an diesem Abend nicht um Randthemen, sondern um grundlegende Fragen gesellschaftlicher Zukunftsfähigkeit: Wie entwickeln sich Kinder? Welche Bedingungen brauchen sie? Und welche strukturellen Fehlentwicklungen stehen dem entgegen?

Dass Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und bildungspolitischer Steuerung hier nicht sichtbar präsent waren, wirft eine unangenehme Frage auf: Wird die Tragweite frühkindlicher Bildung systematisch unterschätzt – oder fehlt es an der Bereitschaft, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse in politisches Handeln zu übersetzen?

Denn die Faktenlage ist seit Jahren eindeutig. Die Bedeutung von Bindung, Spiel, Selbstbildung und entwicklungsförderlichen Rahmenbedingungen ist breit erforscht und international belegt. Wenn diese Erkenntnisse dennoch nur begrenzt in politische Entscheidungen einfließen, entsteht ein Legitimationsproblem.

Es geht dabei nicht um punktuelle Versäumnisse, sondern um eine strukturelle Schieflage: Bildungsentscheidungen werden häufig unter ökonomischen, administrativen oder kurzfristig messbaren Gesichtspunkten getroffen – während entwicklungspsychologische Grundlagen in den Hintergrund treten.

Die Frage nach der Kompetenz politischer Entscheidungen stellt sich damit zwangsläufig. Nicht im Sinne persönlicher Qualifikation, sondern im Hinblick auf Prioritätensetzung und Verantwortungsübernahme. Wer zentrale Erkenntnisse zur kindlichen Entwicklung ignoriert oder relativiert, riskiert langfristige gesellschaftliche Folgekosten – in Bildung, Gesundheit und sozialem Zusammenhalt.

Der Vortrag von Armin Krenz hat deutlich gemacht: Das Wissen ist vorhanden. Was fehlt, ist die konsequente politische Umsetzung.

Und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.

Bücher von Armin Krenz bei Burckhardthaus




Social Media gefährdet Bildung und Psyche von Kindern deutlich

Studie zeigt Zusammenhang zwischen Medienkonsum, PISA-Werten und mentaler Gesundheit

Digitale Medien prägen den Alltag von Kindern und Jugendlichen in einem bislang nicht gekannten Ausmaß. Eine aktuelle Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) weist auf deutliche Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien, sinkenden schulischen Leistungen und zunehmenden psychischen Belastungen hin. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für pädagogische Fachkräfte – insbesondere im schulischen Kontext.

Psychische Gesundheit weiterhin belastet

Die Untersuchung zeigt, dass sich die psychische Situation vieler Kinder und Jugendlicher seit der Corona-Pandemie nicht vollständig stabilisiert hat. Angstsymptome, Einsamkeit und Sorgen über globale Krisen gehören weiterhin zum Alltag vieler junger Menschen. Besonders häufig werden Ängste im Zusammenhang mit Kriegen und Terrorismus genannt.

Ein übermäßiger Medienkonsum wird dabei als ein relevanter Belastungsfaktor beschrieben. Studien, auf die sich das Gutachten stützt, zeigen einen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien und psychischen Beeinträchtigungen wie Depressionen, Angstzuständen und Stress. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass eine Reduktion der Nutzung mit einer verbesserten Lebenszufriedenheit einhergeht.

Rückgang schulischer Leistungen

Parallel zu den beschriebenen psychischen Belastungen verweisen die Daten auf einen kontinuierlichen Rückgang schulischer Kompetenzen. Seit 2015 verschlechtern sich die Ergebnisse deutscher Schülerinnen und Schüler in den PISA-Studien in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.

Die IW-Analyse zeigt hierbei einen statistischen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und den gemessenen Kompetenzen: Mit steigender Nutzungsintensität gehen im Durchschnitt geringere Leistungswerte einher. Konkret wird ein Rückgang von über 20 Punkten im Lesen und knapp 20 Punkten in Mathematik beschrieben.

Auch Befragungen unter Jugendlichen stützen diese Ergebnisse. Ein Großteil gibt an, durch soziale Medien vom Lernen abgelenkt zu werden oder Schwierigkeiten zu haben, sich über längere Zeit zu konzentrieren.

Verändertes Freizeitverhalten als Hintergrund

Die Studie führt diese Entwicklungen unter anderem auf Veränderungen im Freizeitverhalten zurück. Digitale Medien nehmen heute einen deutlich größeren Raum im Alltag ein als noch vor einigen Jahren. Während Jungen mehr Zeit mit Computerspielen verbringen, hat sich bei Mädchen insbesondere die Nutzung sozialer Netzwerke und digitaler Kommunikation stark ausgeweitet.

Diese Verschiebung geht mit einer veränderten Nutzung von Zeitressourcen einher, die sich auch auf Lernprozesse auswirken kann.

Ungleichheit der Bildungschancen nimmt zu

Besonders deutlich zeigen sich die Effekte bei Kindern aus bildungsferneren Haushalten. Sie nutzen digitale Medien im Durchschnitt intensiver und verfügen gleichzeitig über geringere Ressourcen, um mögliche negative Auswirkungen auszugleichen.

Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass mit steigender Mediennutzung auch das Risiko von Bildungsarmut zunimmt. Damit verschärfen sich bestehende Unterschiede in den Bildungschancen.

Empfehlungen mit Fokus auf Schule und Elternhaus

Zur Einordnung der Ergebnisse formuliert die Studie zwei zentrale Ansatzpunkte:

Regulatorischer Ansatz:
Bestehende Altersbeschränkungen und Schutzmechanismen sollen konsequenter umgesetzt werden, um Kinder und Jugendliche besser vor problematischen Inhalten und suchtfördernden Strukturen zu schützen.

Kompetenzstärkender Ansatz:
Die Vermittlung von Medienkompetenz wird als zentrale Aufgabe im schulischen Kontext beschrieben. Dazu gehören Fortbildungen für Lehrkräfte sowie eine stärkere Aufklärung von Eltern über Risiken und Kontrollmöglichkeiten.

Bedeutung für die pädagogische Praxis

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass digitale Medien einen relevanten Einfluss auf Lernprozesse und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen haben können. Für pädagogische Fachkräfte – insbesondere im schulischen Bereich und nicht im Kindergartenbereich – ergeben sich daraus Hinweise für die Gestaltung von Lernumgebungen sowie für den Umgang mit digitalen Medien im Bildungsalltag.

Einordnung der Studie

Die Studie basiert auf Auswertungen bestehender Datensätze, insbesondere der international anerkannten PISA-Studien, und nutzt ergänzend Befragungen anderer Institutionen. Dadurch ist die Datengrundlage grundsätzlich belastbar und für den schulischen Bereich repräsentativ. Allerdings handelt es sich nicht um eine eigene, neu erhobene Stichprobe, sondern um eine Sekundäranalyse. Die Ergebnisse zeigen statistische Zusammenhänge zwischen Mediennutzung, Bildungserfolg und psychischer Gesundheit, erlauben jedoch keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung. Zudem wurde die Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt, einem wirtschaftspolitisch ausgerichteten Thinktank. Diese Rahmung sollte bei der Interpretation berücksichtigt werden. Insgesamt liefert die Analyse fundierte Hinweise, ersetzt jedoch keine differenzierte Betrachtung weiterer Einflussfaktoren und Forschungsergebnisse.

Quelle: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), basierend auf einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW)

Digitale Mediennutzung bewusst begleiten – von Anfang an

Kinder wachsen heute selbstverständlich mit digitalen Medien auf. Umso wichtiger ist es, sie frühzeitig dabei zu begleiten, einen verantwortungsvollen Umgang zu entwickeln. Diese Streitschrift beleuchtet fundiert und praxisnah die Chancen, Risiken und pädagogischen Herausforderungen digitaler Mediennutzung im Krippen-, Kita- und Grundschulalter – differenziert, kritisch und ohne vorschnelle Antworten.

Armin Krenz
Medienkompetenz beginnt mit der Sach- und Selbstkompetenz bei den Erwachsenen und nicht zuvorderst „am“ Kind!
28 Seiten, ISBN: 9783963046193, 5 €