Luises Weihnachtsgeschichte

Zum Vorlesen und als Gesprächsanlass

Da vorne stand Marcus in seinem schwarzen Kurrendemantel mit dem weißen Kragen. Seine Haare hatte er ausnahmsweise mal gekämmt. Luise musste leise kichern, als sie ihren Bruder dort vorn singen sah. Sonst trug er nur Jeans und Sweatshirt (Hemden mochte er nicht, weil ihm das Knöpfen zu viel Arbeit machte).

Allerdings – ein bisschen neidisch war sie auch auf ihn. Luise war noch ein Jahr zu jung für die Kurrende. Nächstes Weihnachten würde sie auch mit da vorne stehen und singen. Aber in diesem Jahr saß sie noch am Heiligabend mit Mama und Papa zwischen den vielen anderen Leuten in der Kirche. Richtig feierlich war es: Die Kerzen tauchten mit ihrem Flackern die Kirche in ein ganz besonderes Licht – viel schöner, als Lampen das konnten. Neben dem Altar stand ein riesiger Christbaum, der mit Strohsternen und Pfefferkuchen geschmückt war. Weit oben baumelte der gelb-leuchtende Adventsstern und hinter ihr…

Das Krippenspiel begann. Maria und Josef kamen herein.

Natürlich kannte Luise die Weihnachtsgeschichte schon – und sie kannte auch Ina, die die Maria spielte und sie wusste, dass der Josef eigentlich Alexander heißt. Maria würde bald ein Kind bekommen und eigentlich müsste sich Josef sehr um sie kümmern – aber der passte bloß auf, dass die Kerze in seiner Laterne nicht verlosch. ,Also so was‘, dachte Luise, ,wenn ich die Maria wäre, dann würde ich dem Josef was erzählen!!‘

Naja, wenigstens ein Zimmer suchen ging er. Er klopfte an die Tür eines Wirtshauses. Die Wirtin Peggy öffnete, aber sie wollte Maria und Josef nicht hereinlassen, weil alle Zimmer bereits vermietet waren. „Mama?“, flüsterte Luise, „warum bringt die Wirtin die beiden nicht in den Stall?“ Kaum hatte Luise das gefragt, kam die Wirtin selber auf die Idee. Sie nahm Maria und Josef mit zum Stall – und schon durfte Marcus mit der Kurrende wieder ran.

Nun kam die Geschichte mit den Hirten: Das waren Jens, Frank und Roland. Die mussten irgendwelche Schafe bewachen, die Luise noch nie gesehen hatte. Alle drei Hirten waren furchtbar müde, obwohl es erst nachmittags um vier war. Einer musste wachbleiben und auf die Schafe aufpassen. In diesem Jahr traf es Roland. Als Jens und Frank schon tief schliefen und Roland auf seinen Stock gestützt vor sich hindöste, trappelte die Kurrende wieder nach vorn. Die machten dabei einen ziemlichen Krach, aber keiner der Hirten merkte was. Als endlich alle Kurrende-Sänger ruhig standen, erschien oben auf der Kanzel der Engel Michaela und sang: „Vom Himmel hoch, da komm ich her…“ Dabei kam Michaela nie und nimmer vom Himmel, sondern aus der Hauptstraße 11. Das wusste Luise ganz genau, denn Michaelas kleine Schwester Claudia war Luises beste Freundin.

Erst sang Michaela allein, dann mit der gesamten Kurrende. Das erschreckte die Hirten ziemlich, aber glücklicherweise hatte Roland sich gemerkt, was Michaela gesungen hatte –und kaum waren Engel und Kurrende weg, sausten die drei Hirten nach Bethlehem zum Stall.

Marcus durfte schon wieder trällern! Währenddessen hatte Maria ihr Kind bekommen. Luise wusste nicht so ganz genau, wie man ein Kind bekommt. Das interessierte sie sehr, und deshalb nahm sie sich vor, Ina mal zu fragen.

Da trafen auch schon die Hirten im Stall ein. Sie bestaunten das Baby Jesus und schenkten ihm tolle Dinge: eine karierte Decke, eine Rassel und eine geschnitzte Flöte. So eine Flöte – das wär was! Aber daran hatte Luise beim Malen ihres Wunschzettels nicht gedacht…

Endlich! Da kamen die drei Sterngucker aus dem Morgenland. Und sie hießen Sebastian, Nico und Cindy. Jaja, eine Sternguckerin war auch mit dabei! Wunderschön sahen die drei aus in ihren bunten Gewändern. Und jeder der drei hatte ein geheimnisvolles Gefäß bei sich. Sie knieten an der Krippe mit dem kleinen Jesus drin nieder. Sebastian schenkte Gold, Nico Weihrauch und Cindy Myrrhe. Luise hatte keine Ahnung, was Weihrauch und Myrrhe. Luise hatte keine Ahnung, was Weihrauch und Myrrhe sind. Aber ob in Sebastians Kästchen wirklich Gold war, wollte sie zu gerne wissen. Sie überlegte noch, wie sie das wohl rauskriegen könnte, da sang die Kurrende wieder. Aber diesmal durften alle in der Kirche mitsingen, ein Glück!

Schade – schon vorbei, das Krippenspiel. Die Spieler am Altar vorne strahlten, wahrscheinlich weil sie sich alle an der Krippe getroffen hatten. Auch die Wirtin Peggy kam mit hin.

,Ach‘, dachte Luise, ,,muss das toll sein, dort vorn zu stehen und alle Leute gucken dich an.‘

„Wenn ich mal groß bin, spiele ich die Maria“, flüsterte Luise Mama zu. „Und wer soll der Josef sein?“, flüsterte Mama zurück. „Paul“, überlegte Luise, „oder Christoph, oder Thommy, oder Martin. Mal sehen.“ Das würde Luise entscheiden, wenn‘s soweit ist. Nur eines war ihr jetzt schon klar: Ihr Josef würde einer werden, dem seine Maria wichtiger war als seine Laterne!

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Das Kirchenjahr mit Kindern feiern
Ein Vorlesebuch mit lustigen Geschichten, Backrezepten und Spielen.
Reuter, Thomas
Burckhardthaus-Laetare
ISBN: 9783944548906
96 Seiten, 9,90 €
Mehr dazu auf www.oberstebrink.de




Rollenspiele für die Gruppenarbeit in der Schule

Spiele und Methoden zum Ausprobieren neuer Verhaltensmöglichkeiten

Rollenspiele bieten sich an, um neue Verhaltensmöglichkeiten auszuprobieren. Diese Methode lässt sich für viele verschiedene Themen einsetzen, beispielsweise „Gewalt an der Schule“.

Anspiel

Die Kinder teilen sich in Kleingruppen zu je vier Kindern auf. Jede Gruppe bereitet ein kurzes szenisches Spiel vor. Darin soll eine Konfliktsituation dargestellt werden. Die erste Gruppe beginnt und spielt ihren Konflikt bis zu dem Punkt, an dem er eskaliert. Ein Ende wird also nicht gezeigt. Die zweite Gruppe darf sich kurz zur Beratung zurückziehen. Anschließend spielt sie die angefangene Szene der ersten Gruppe zu Ende. Dabei versucht sie, eine Lösungsmöglichkeit für den Konflikt darzustellen. Die gesamte Großgruppe spricht im Anschluss über den Konflikt und die angebotene Lösung. Weitere Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung werden gesammelt, bevor dann die zweite Gruppe ihre vorbereitete Spielszene vorführt.

Live am frühen Abend

Die Spielleitung hat ein Rollenspiel vorbereitet, in dem unterschiedliche Aspekte eines Themas diskutiert werden sollen. Im folgenden Beispiel soll das Piercing von Jugendlichen in einer Talkshow diskutiert werden.

Dazu sind eingeladen:

  • Herr Dr. Ganzwohl, Mediziner,
  • Herr Nadelstich, Piercingspezialist und Tattoomeister,
  • Frau Sauerbier, eine betroffene Mutter,
  • Isabell Neumacher, eine Jugendliche, die sich gepierct hat.

Vier Kinder suchen sich je eine Rolle aus. Die anderen Kinder verteilen sich gleichmäßig auf vier Gruppen und ziehen sich mit jeweils einem Schauspieler zurück. Gemeinsam arbeiten sie das Informationsmaterial durch, das die Spielleitung für die einzelnen Rollen besorgt hat. Dr. Ganzwohl z. B. bekommt für sich und seine Gruppe Informationen über die Gefahren des Piercings. Gemeinsam legen die Gruppen eine Argumentationsstrategie fest. Unterdessen richtet die Spielleitung im Gemeinschaftsraum ein Studio mit einer Bühne her, auf der die geladenen Gäste diskutieren werden.

Die Zuschauer, die sich später auch zu Wort melden dürfen, sitzen in Reihen hintereinander. Die Spielleitung eröffnet das Gespräch, heizt mit Sprüchen die Atmosphäre etwas an und leitet die Diskussion. Zuerst darf jeder Gast auf der Bühne sein Statement vortragen. Anschließend diskutieren die Experten ein wenig, bevor die Zuschauer in die Diskussion einsteigen oder Fragen stellen. Nach etwa einer halben Stunde bricht die Spielleitung die Runde ab und die Kinder diskutieren gemeinsam weiter. Dabei achtet die Spielleitung darauf, dass die Informationen aus dem Rollenspiel nicht verloren gehen, sondern als wichtige Aspekte in die Diskussion einbezogen werden.

Mögliche Rollenvorgaben:

Herr Dr Ganzwohl

hat sich der ganzheitlichen Medizin verschrieben. Er glaubt, dass bereits durch Ohrringe wichtige Akupunkturpunkte vernichtet werden. Dabei weist er immer wieder auf die hohe Infektionsgefahr hin, die beim Piercing besteht und spricht von Erfahrungen mit Patienten, die das Piercing wieder entfernen lassen mussten, weil sich die Entzündungen nicht besserten. Er geht davon aus, dass die Ringe vom menschlichen Körper als Fremdkörper wahrgenommen werden, gegen die er permanent kämpft, wodurch das Immunsystem geschwächt werden kann.

Zusätzliche Informationen: Medizinische Broschüren über das Piercing, Zusammenstellung der Gefahren für den Körper.

Herr Nadelstich

ist ein angesehener Tattoo- und Piercingmeister. Er kennt sich in diesem Geschäft gut aus und hat noch keine Komplikationen erlebt wenn sich die Kunden an seine Anweisungen gehalten haben. Herr Nadelstich schließt aber nicht aus, dass es bei manchen Menschen zu allergischen Reaktionen kommen kann. Er weiß, dass er die Zustimmung der Eltern braucht um ein Piercing bei Jugendlichen vornehmen zu dürfen, und achtet penibel genau darauf.

Zusätzliche Informationen: In einem Tattoostudio einholen, in dem gepierct wird. Klären, welche Hautschichten verletzt werden, was zum Beispiel mit den vielen Nerven auf und im Zungengewebe passieren kann.

Frau Sauerbier

ist empört, weil sich ihre Tochter ohne Erlaubnis piercen hat lassen. Sie überlegt, ob sie gegen das Studio, in dem dies geschehen ist, Anzeige erstatten soll. Sie befürchtet, dass ihre Tochter diesen Schritt später bereuen wird. Außerdem empfindet sie diesen neumodischen Kram als eine Art jugendlicher Aufmüpfigkeit. Die Kinder sollen sich auf den Ernst des Lebens konzentrieren.

Zusätzliche Informationen: Rechtliche Grundlagen zur Fürsorgepflicht der Eltern. Liegt eine Körperverletzung der Tochter von Seiten des Studios vor? Was müssen Eltern und Jugendliche beachten, wenn sie sich tätowieren oder piercen lassen?

Isabell Neumacher

21 Jahre alt, hat seit fünf Jahren Piercings. Immer wieder lässt sie sich neue Piercings machen und hatte bisher noch keine einzige Infektion. Sie erzählt ein bisschen über ihre Beweggründe und warum sie Piercings so schön findet.

Zusätzliche Informationen: Von Jugendlichen in Erfahrung bringen, was ihnen am Piercing gefällt.

Um in einer Gruppe sofort einen Überblick darüber zu bekommen, wie die Auffassungen verteilt sind, eignet sich eine Meinungsskala. Damit wird auf einen Blick erkennbar, wie nah oder fern sich die Kinder inhaltlich stehen.

Meinungsskala

Die Spielleitung hat auf dem Boden mit Klebestreifen eine Skala aufgezeichnet. Die Skala beginnt an einem Ende mit: „Ja, genauso ist das!“ und endet am anderen Ende mit: „Nein, das stimmt überhaupt nicht!“ Dazwischen gibt es Feinabstufungen wie „Fast bin ich dieser Meinung“ oder „Ich bin mir nicht so sicher“. Die Gruppenleitung achtet darauf, dass die Aussagen so formuliert sind, dass sie vom oberen zum unteren Ende der Skala inhaltlich immer weiter in Richtung „Nein, so ist es nicht“ tendieren.

Alle Kinder stehen an der Skala. Die Spielleitung stellt die erste Behauptung auf: „Ins Gefängnis kommt nur jemand, der es selbst verschuldet hat“. Die Kinder überlegen sich, wie sehr sie mit dieser Aussage gedanklich übereinstimmen und ordnen sich dann auf der Skala entsprechend ein. Zunächst wird gar nicht näher darauf eingegangen, es sei denn, ein Kind steht ganz allein an einem Ende der Skala. Dann darf es kurz etwas zu seiner Entscheidung sagen, wenn es möchte. Erst nachdem alle Aussagen vorgelesen worden sind und sich die Kinder entsprechend ihrer Meinung zur jeweiligen Behauptung eingeordnet haben, beginnt die Diskussion. Weitere Aussagen zum Thema „Gefängnis“ könnten sein:

  • Den Menschen im Gefängnis geht es viel zu gut.
  • Wer einmal ein Verbrechen verübt hat, wird es immer wieder tun.
  • Viele Verbrecher sollten für immer weggesperrt werden.
  • Für die Resozialisation der Gefangenen wird in Deutschland viel zu wenig getan.
  • Im Grunde kann es jedem passieren, kriminell zu werden.
  • Wer süchtig ist, sollte medizinisch und psychologisch behandelt und nicht für seine Beschaffungskriminalität bestraft werden.

Eine für Kinder immer wieder überraschende Übung ist die nächste. Dabei erkennen sie vor allem, dass sich manches anders anfühlt als es aussieht Es geht darum zu begreifen, dass die eigene innere Realität mit der äußeren Realität oder mit der Realität von anderen Menschen nicht unbedingt übereinstimmen muss.

Es ist nicht so, wie es sich anfühlt

Die Spielleitung legt in der Mitte eines Sitzkreises Zeichenpapier und Zeichenkreide aus. Die Kinder schließen die Augen und halten sie solange geschlossen, bis die Spielleitung ihnen erlaubt, sie wieder zu öffnen. Während alle die Augen geschlossen haben, wird jedem Kind ein besonderer Stein in die Hand gegeben. Die Kinder befühlen ihren Stein und versuchen, ihn sich genau vorzustellen. Dabei überlegen sie sich auch, welche Farbe der Stein haben könnte. Es wäre gut, wenn die Spielleitung verschiedenfarbige Steine besorgen könnte.

Wenn sich die Kinder ihren Stein genau eingeprägt haben, legen sie ihn vor sich auf den Boden. Die Spielleitung sammelt die Steine wieder ein und deckt sie zu. Sind alle Steine verstaut, dürfen die Kinder die Augen öffnen. Sie nehmen nun, ohne miteinander zu sprechen, ein Blatt Papier und Kreide und malen ihren Stein auf. Danach legt die Spielleitung die Steine wieder in die Mitte und jedes Kind versucht, seinen Stein wieder zu finden und neben den gemalten Stein zu legen.

Die Kinder vergleichen die Steine mit ihrem Bild und äußern sich dazu. War es angenehm, den Stein in der Hand zu halten? Wie bin ich auf die Farbe gekommen? Habe ich Mulden als zu klein oder zu groß empfunden und habe ich sie überhaupt gemalt? Anschließend sprechen die Kinder darüber, wie sich ihr inneres Bild von der Realität unterscheidet.

Im folgenden Spiel können die einzelnen Kinder erfahren, wie viel Vertrauen sie in die Gruppe haben:

Gassenlauf

Die Gruppe bildet eine Gasse, indem sich die Kinder in zwei Reihen gegenüber aufstellen und ihre Arme nach oben ausstrecken, und zwar so, dass sich immer abwechselnd der Arm eines Kindes aus der einen Reihe neben dem Arm des gegenüberstehenden Kindes befindet. Es ist wichtig, dass die Kinder vor Spielbeginn erfahren, dass es um das Thema „Vertrauen“ geht. Zum Vertrauen gehören immer zwei, einer, der das Vertrauen gibt, und ein anderer, der es annimmt. Es handelt sich also um einen Prozess, an dem alle Kinder beteiligt sind. Wenn es ums Vertrauen geht, sind Scherze unangebracht.

Ein Kind stellt sich nun an den Eingang der Gasse, ruft: „Ich komme!“ und rennt durch die Gasse hindurch. Dabei nehmen alle anderen Kinder die Arme direkt vor dem laufenden Kind hoch und senken sie nach ihm wieder herunter. Wie bei einem Reißverschluss, der sich öffnet und wieder schließt. Die Gruppenleitung sollte zuerst einmal langsam durch die Gasse gehen und danach etwas schneller laufen, damit alle Kinder den Vorgang einmal geübt haben.

Jedes Kind bestimmt selbst sein Lauftempo. Bremst ein Kind das eigene Tempo jedoch stark ab, sollte ihm die Gruppenleitung anbieten, noch einmal zu laufen, damit es für sich einen Erfolg erleben kann. Nach jedem Lauf fragt die Gruppenleiterin das Kind, wie es den Lauf erlebt hat. Waren alle an der Reihe, setzen sich die Kinder zusammen und werten das Erlebte miteinander aus.

Dabei strukturiert die Gruppenleitung das Gespräch anhand von Fragen, wie:

  • Was macht es leicht oder schwer, jemandem sein Vertrauen zu schenken?
  • Warum habe ich zu manchen mehr und zu anderen weniger Vertrauen?
  • Was ist Vertrauen eigentlich?
  • Ist Vertrauen in sich selbst dasselbe wie Vertrauen in andere? Was ist wichtiger?
  • Wie entwickle ich Vertrauen in mich selbst?
  • Ist Vertrauen in mich selbst eine Voraussetzung dafür, Vertrauen in andere entwickeln zu können?
spiel ist mehr als spass

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:
Spiel ist mehr als Spaß
Spiele und Methoden für die Gruppenarbeit

Baum, Heike
ISBN: 9783944548180
144 Seiten, 7,95 €
Burckhardthaus-Laetare




Wissenschaftler fordern dringend Aufschub der Digitalisierung

Wissenschaftliche Hinweise auf enorme Nachteile und Schäden für die Entwicklungs- und Bildungsprozesse

In Frankreich sind Smartphones an Schulen bereits seit 2018 verboten. In Neuseeland soll das demnächst geschehen. Auch in den USA und Großbritannien wurden solche Schritte bereits erprobt. Nun fordert die Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. (GBW) die Digitalisierung in Kitas und in der Grundschule auszusetzen.

„Die Folgen der digitalen Technologien müssen erst abschätzbar sein“

„Tatsächlich sind die Wirkungen und Nebenwirkungen digitaler Medien auf Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse wissenschaftlich oft ungeklärt. Vielmehr verdichten sich die wissenschaftlichen Hinweise auf enorme Nachteile und Schäden für die Entwicklungs- und Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen durch digitale Medien. Im Sinne der Fürsorgepflicht öffentlicher Bildungseinrichtungen fordern wir daher ein Moratorium der Digitalisierung insbesondere der frühen Bildung bis zum Ende der Unterstufe (Kl. 6): Es müssen zuerst die Folgen der digitalen Technologien abschätzbar sein, bevor weitere Versuche an schutzbefohlenen Kindern und Jugendlichen mit ungewissem Ausgang vorgenommen werden. Diese haben nur ein Leben, nur eine Bildungsbiografie und wir dürfen damit nicht sorglos umgehen.“, heißt es in der Erklärung, die 41 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterzeichnet haben.

„Negative Auswirkungen des Bildschirmlernens auf das Lernen“

Zu untersuchen seien insbesondere Fragen der medizinisch-psychologischen, der pädagogisch-didaktischen und der politisch-demokratietheoretischen Implikationen. Zu den wissenschaftlich fundierten Einsprüchen zählt etwa die Stellungnahme von fünf Professorinnen und Professoren des schwedischen Karolinska-Instituts. Sie warnen vor negativen Auswirkungen von Bildschirmmedien auf das Lernen und die Sprachentwicklung von Kindern. Der U.S. Surgeon General warnt vor den Folgen für die generelle mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen durch längere Nutzungsdauer und das immer frühere Einstiegsalter bei Bildschirmmedien.

Das korrespondiert mit Untersuchungen der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Empfehlungen von Kinderärzten und Psychologen. Die UNESCO kritisiert im „2023 Global Education Monitor“ darüber hinaus, dass bei aktuellen IT-Konzepten für Bildungseinrichtungen nicht das Lernen und der pädagogische Nutzen im Mittelpunkt stünden, sondern wirtschaftliche Interessen. Dazu kommen immer mehr Datenverarbeitungssysteme, die als „Künstliche Intelligenz“ (KI) automatisiert beschulen und testen sollen, um fehlende Lehrkräfte zu ersetzen. Dabei hat zuletzt die Corona-Pandemie das Scheitern solcher Ersatzsysteme belegt. Der Deutsche Ethikrat warnt daher in seinen Empfehlungen zur „KI und Bildung“ explizit vor der Ersetzung der Lehrkräfte durch Computerprogramme, die UNESCO empfiehlt den Umgang mit KI erst ab 13 Jahren.

Einseitige Fixierung auf Digitaltechnik in KITAs und Schulen revidieren

Es sei daher dringend notwendig, die einseitige Fixierung auf Digitaltechnik in KITAs und Schulen zu revidieren, um interdisziplinär und wissenschaftlich fundiert, mit Fokus auf Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse über IT und KI in Bildungseinrichtungen zu diskutieren. Bei Erziehung und Unterrichten muss das Wohl der Lernenden und die Wirksamkeit pädagogischen Handelns im Mittelpunkt stehen. Dazu fordern wir ein Moratorium und den öffentlichen Diskurs über die notwendigen pädagogischen Prämissen des Einsatzes digitaler Medien in Bildungseinrichtungen, heißt es weiter.

Wer diesen Aufruf selbst unterzeichnen möchte, kann eine eMail mit seinem Namen, Beruf und Ort an gbw-moratorium@bildung-wissen.eu, Betreff „GBW-Moratorium unterzeichnen“ schicken-

Grundschulverband stellt sich gegen die Forderung

Während der Deutsche Lehrerverband sich gegen solche Maßnahmen stellt, schließt sich dem nun auch der Grundschulverband an. Dabei geht der Verband nicht auf die gesundheitlichen Risiken ein, sondern betont die entscheidende Rolle von Schulen und Kindertageseinrichtungen für die Förderung digitaler Kompetenzen in der heutigen und zukünftigen Bildungslandschaft. „In einer Welt, in der digitale Technologien nahezu alle Lebensbereiche durchdringen, betont der Verband die Notwendigkeit, Kinder gezielt und strukturiert in diese Kultur der Digitalität einzuführen. Studien belegen, dass Kinder in einem medial durchdrungenen Umfeld aufwachsen und dass Kinder in deutschen Schulen die erforderlichen Kompetenzen in deutlich geringerem Maß erwerben als in anderen Ländern. Dies und die vielfältigen Folgen für das Aufwachsen von Kindern erfordert eine frühe und systematische Einführung in den sicheren und souveränen Umgang mit digitalen Medien.“, heißt es in der Erklärung.

Laut einem Bericht der Wochenzeitung „Die Zeit“ sieht der neue neuseeländische Ministerpräsident Christopher Luxon gerade im Einsatz von Smartphones eine Ursache dafür, dass die Leitungen der Schüler konstant nachlassen. Der Leistungsabfall in den vergangenen 30 Jahren gefährde nicht nur den künftigen Lebensunterhalt der Kinder, sondern auch den Wohlstand Neuseelands.

Anbei die Liste der Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner

Prof. Dr. Volker Bank, Technische Universität Chemnitz, Professur für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Chemnitz

Prof. Dr. med. Jürg Barben, Leitender Arzt Pneumologie/Allergologie, Ostschweizer Kinderspital, St. Gallen

Prof. Dr. Peter Bender, Universität Paderborn, Fakultät für Elektrotechnik, Informatik und Mathematik, Paderborn

Prof. em. Dr. Carl Bossard, Gründungsrektor Pädagogische Hochschule PH Zug

Dr. Jutta Breithausen, Bergische Universität Wuppertal, Fakultät für Human- und Sozialwissenschaften,Institut für Erziehungswissenschaft, Wuppertal

Prof. Dr. Ute Büchter-Römer, apl. Professorin an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln

Dr. med. Uwe Büsching, Kinder- und Jugendarzt, Bielefeld

Prof. Dr. Thomas Damberger, Bildungs- und Erziehungswissenschaften im Kontext der Digitalisierung, Freie Hochschule Stuttgart

Prof. Dr. Karl-Heinz Dammer, Pädagogische Hochschule Heidelberg, Institut für Erziehungswissenschaft

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Karl-Jaspers-Professor für Philosophie und Psychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik, Heidelberg

Dr. med. Dr. h.c. Michaela Glöckler, Kinder-und Jugendärztin

Prof. Dr. Johannes Grebe-Ellis, Universitätsprofessur für Physik und ihre Didaktik, Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften, Bergische Universität Wuppertal

Prof. Dr. Bernhard Hackl, Karl-Franzens-Universität Graz, Institut für Schulpädagogik, Abteilung Schulpädagogik, Graz

Prof. Dr. Gaby Herchert, Universität Duisburg-Essen, Fakultät für Geisteswissenschaften, Germanistik, Duisburg

Prof. Dr. habil. Edwin Hübner, Lehrer und Medienpädagoge, Inhaber des von Tessin-Lehrstuhls für Medienpädagogik an der Freien Hochschule Stuttgart

Prof. Dr. Norbert Hungerbühler, Departement Mathematik, ETH Zentrum, HG E63.1, Rämistrasse 101, CH-8092 Zürich

Universitätsprofessor a.D., Dr. rer. pol. Hans-Carl Jongebloed, Universität Kiel,  Institut für Pädagogik, Lehrstuhl für Berufs- und Wirtschaftspädagogik

Prof. Dr. Rainer Kaenders, Mathematisches Institut, Hausdorff Center for Mathematics, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Bonn

Dr. Beat Kissling, Psychologe und Erziehungswissenschaftler/Gymnasiallehrer, Zürich

Prof. em. Dr. Hans Peter Klein, Didaktik der Biowissenschaften, Goethe Universität Frankfurt

Prof. Dr. Jochen Krautz, Bergische Universität Wuppertal, Fakultät für Design und Kunst

Prof. em. Dr. Hans-Dieter Kübler, Professor für Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

PD Dr. Axel Bernd Kunze (Univ. Bonn)

Prof. Dr. Volker Ladenthin, Arbeitsbereich Bildungswissenschaft, Lehrstuhl für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft, Bonn

Prof. Dr. phil. Ralf Lankau, Fakultät Medien, HS Offenburg

Hon.Prof. Dr. Christoph Möller, Chefarzt, Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Zentrum für Kinder und Jugendliche, Hannover

Prof. Dr. Jürgen Rekus, Institut für Allgemeine Pädagogik, Universitätsbereich im Karlsruher Institut für Technologie, Karlsruhe

Prof. Dr. Ingo Reuter, Kulturwissenschaften, Univ. Paderborn

Prof. i. R. Dr. Christian Rittelmeyer, Professor für Erziehungswissenschaft am Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen

Dr. Klaus Rodens, Kinder- und Jugendarzt, Angertorstr. 6, 89129 Langenau

Prof. Dr. Dr. Frauke Rostalski, Institut für Strafrecht und Strafprozessrecht, Universität zu Köln, Köln

Dr. Klaus Scheler, Physikdidaktiker (Kindergarten bis Klasse 10), ehem. am Institut für Naturwissenschaften, Geographie und Technik, Pädagogische Hochschule Heidelberg

Prof. Dr. Thomas Sonar, Institut Computational Mathematics, AG Partial Differantial Equations PDE, Technische Universität Braunschweig, Braunschweig

Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie III

Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt, Neurobiologin, ehem. Universität Bielefeld

Prof. Dr. Christoph Türcke. em. Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

Prof. Dr. Anke Wegner, Institut für Germanistik, Didaktik der deutschen Sprache/Deutsch als Zweit- und Fremdsprache, Universität Trier

Prof. Dr. Ysette Weiss, Institut für Mathematik, AG Fachdidaktik Mathematik, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz

Prof. em. Dr. Dr.h.c Erich Ch.Wittmann, Projekt Mathe 2000, Technische Universität Dortmund

Prof. Dr. Tomáš Zdražil, Professor für schulische Gesundheitsförderung, Freie Hochschule Stuttgart

Prof. Dr. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik, Universität Augsburg




Was folgt aus der PISA-Studie?

Viele Forderungen gehen an Kindern und Jugendlichen vorbei, dienen aber Profitinteressen

In den vergangenen Jahrzehnten entwickelte sich die PISA-Studie zu einem der effektivsten Werbemittel für die Bildungswirtschaft. War den zahlreichen Maßnahmen, die nach den ersten Studien ergriffen wurden, noch ein bescheidener Erfolg vergönnt, stehen wir nach 23 Jahren ziemlich schlecht da. Denn laut der aktuellen Studie haben die getesteten 15-Jährigen noch schlechter abgeschnitten als jene im Jahr 2000. Dabei handelt es sich um Leistungen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Für die Anstrengungsbereitschaft der Jugendlichen, ihre Motivation oder ihre sozialen Fähigkeiten interessiert sich dagegen die Studie nicht.

Aber sind die PISA-Ergebnisse nun wirklich ein „Debakel“ oder gar ein „Bildungs-Desaster“ wie vielfach zu lesen ist? Letztlich waren diese ja zu erwarten. Die Antwort darauf ist in einer Hinsicht einfach, in anderer nur schwer zu geben. Eines ist schon mal sicher: Unsere 15-Jährigen sind die Betroffenen, ganz sicher aber nicht die Schuldigen.

Viel hilft nicht viel

In Bezug auf die Maßnahmen, die in den vergangenen Jahrzehnten ergriffen wurden, ist das aktuelle Ergebnis eine Bankrotterklärung. Der ganze „Bildungswahn“, wie er seit der Jahrtausendwende einsetzte, hat uns nichts gebracht, manchmal sogar geschadet. Das war die einfache Antwort. Schon heute beschäftigen sich die ersten Forschenden mit Defiziten bei Studierenden, die daraus entstanden sind, dass sie vor allem zahlreiche sinnliche Erfahrungen in ihrer Kita-Zeit nicht mehr sammeln konnten, weil diese durch einseitige Förderprogramme erdrückt wurden.

Lösungen und gute Beispiele gibt es genug

Jetzt kommt das Komplizierte: Es stimmt, dass unser Bildungssystem seit etlichen Jahrzehnten nur unzureichend funktioniert. Deshalb ist es durchaus legitim, eine grundlegende Reform des Bildungssystems zu fordern. Nur worin sollte diese denn bestehen? Aus wissenschaftlicher Sicht wissen wir heute fast alles über das Lernen. Damit wäre auch geklärt, wie der Bildungsbetrieb heute laufen müsste. Und dass dies auch in der Praxis gut funktioniert, erleben wir Jahr für Jahr bei der Verleihung des deutschen Schulpreises. 102 Bildungseinrichtungen gibt es auf der Website des Deutschen Schulpreises zu bestaunen (https://www.deutscher-schulpreis.de/).

Wirtschaftliche Interessen verhindern den Fortschritt

Schade nur, dass die guten Beispiele so wenig Nachahmerinnen und Nachahmer finden. Die Gründe dafür sind vielfältig und gelegentlich kompliziert. Beginnen wir einmal damit, dass sich Entscheidungsträger nicht von Lobbyisten beraten lassen sollten, deren erstes Interesse darin besteht, die Profitinteressen ihrer Verbände und ihrer Mitglieder zu befriedigen. Das mag zwar billig und auf den zahlreichen Empfängen angenehm sein, entspricht aber bestenfalls teilweise den Interessen der von Bildungsbemühungen Betroffenen.

Bildung als gesellschaftliche Aufgabe

Nachdem diesen einfachen Umstand schon so viele nicht verstehen wollen oder können, wird es noch viel schwieriger, in der Gesellschaft das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die wir nicht einfach den Behörden überlassen dürfen. Während sich letztere – frei von jeglicher pädagogischer und didaktischer Kompetenz – oftmals nicht als Unterstützer sondern Bremsklötze notwendiger Neuerungen auszeichnen, gilt es sich gesamtgesellschaftlich aus der Komfortzone zu begeben.

  1. Wir können nicht mehr Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte fordern, wenn die Menschen, die diese Berufe ergreifen sollen, niemals geboren wurden. Denn die oftmals zu Unrecht gescholtene Boomergeneration muss sich zumindest einen Vorwurf gefallen lassen: Sie hat zu wenige Kinder bekommen. Jetzt muss es darum gehen, wie wir mit dem vorhandenen Personal klarkommen und die Berufe im Bildungsbereich attraktiv gestalten können.
  2. Wir müssen uns wieder selbst mehr um unsere Kinder kümmern. Die oftmals überlasteten und von Personalnot gezeichneten Betreuungs- und Bildungsstätten können das voraussichtlich immer weniger leisten. Eltern und Elterninitiativen, die finanziell und organisatorisch deutlich besser gefördert werden müssen, sollten sich mehr engagieren können. Dabei wäre es von entscheidender Bedeutung, dass das Leben mit Kindern und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für diese stärker in den Mittelpunkt gerückt wird.
  3. Wenn die soziale Ungleichheit in dieser Gesellschaft dafür verantwortlich ist, dass Bildungschancen ungleich verteilt sind, müssen wir uns endlich nachdrücklich für mehr soziale Gerechtigkeit engagieren. Neu ist das übrigens überhaupt nicht. Das Problem gibt es schließlich schon seit Jahrtausenden.
  4. Gleiches gilt für die Inklusion. Selbstverständlich ist diese durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Bundesrepublik Deutschland ein verbindliches Recht. Das ist darin begründet, dass Inklusion eine große Chance für unsere Gesellschaft ist. Wenn wir aufhören, Menschen nach ihrem vermeintlichen materiellen Nutzen oder ihrer Macht Wert zu schätzen (was übrigens niemandem nutzt), wird unsere Gesellschaft zusammenwachsen. Sinn einer Gemeinschaft ist doch, sich gegenseitig zu helfen.
  5. Ebenso bekannt sind die Herausforderungen, vor denen Kinder stehen, die nicht oder nur schlecht unsere Sprache sprechen. Seit Jahrzehnten wissen wir, dass neben Sprachförderung nur eine gelungene Integration helfen kann, die Probleme zu beheben. Wie heißt es so schön in Goethes Faust: „Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns nun endlich Taten sehen!“
  6. Wir müssen der Wissenschaft einen deutlich breiteren Raum im gesellschaftlichen Bewusstsein einräumen als bisher. Der Wissenschaftsbetrieb liefert uns regelmäßig Erklärungen für Fragen rund um Bildung und Lernen. Aber Vorsicht: Nicht jede oder jeder, der einen Professoren- oder Doktortitel trägt, ist auch eine ernsthafte Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler.
  7. Alle an der Gesellschaft Beteiligten sollten über mehr Wissen im Bereich der geistigen und körperlichen Entwicklung des Menschen verfügen. Denn nicht was uns gefällt, ist gut für ein Kind, sondern das, was es auf seiner jeweiligen Entwicklungsstufe benötigt und ihm guttut.
  8. Investitionen in den Bildungsbetrieb sollten für alle von größter Bedeutung sein. Dabei sollte an erster Stelle stehen, dass die Kinder und das Bildungspersonal sich in ihrer Bildungseinrichtung wohl fühlen. Stinkende Toiletten oder kaputte Heizungen sind ein unverzeihlicher Skandal.
  9. Nicht zuletzt gilt es, Räume für Kinder und Jugendliche wieder zu öffnen, in denen sie ungestört spielen, ihren eigenen Interessen nachgehen und sich miteinander austauschen können. Naturräume würden zudem Möglichkeiten für sinnliche Erfahrungen öffnen, in denen Kinder auch Selbstwirksamkeit zusätzlich erleben könnten.
  10. Wir müssen jene Politiker untersützen, die diese Punkte unterstützen, und jene abwählen, die hier keinen Zugang finden.

Bildung gehört ins Zentrum der Politik

Neben der Gesellschaft sind selbstverständlich Politik und auch der Bildungsbetrieb gefragt. Es ist durchaus fraglich, ob es möglich ist, der heutigen Politikerinnen- und Politikergeneration klar zu machen, dass eine gute Bildung die Lösung für alle Herausforderungen ist. Deshalb gehört Bildung auch in das Zentrum der Politik. Dabei geht es aber eben nicht nur um Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. An erster Stelle wären hier Kreativität, Forschergeist, Selbstbewusstsein, Anstrengungsbereitschaft und soziale Fähigkeiten gefragt. Bildung muss unabhängig sein von Weltanschauung, Ideologie und wirtschaftlichen Interessen. Bevor wir einen Menschen mit unseren Ansichten und unseren Erwartungen belasten, muss er sich erst soweit entwickeln können, dass er dies auch beurteilen kann. Insofern sollten auch Politikerinnen und Politiker sich an den Rat von wirklich unabhängigen Fachleuten halten und gegenüber Verbänden und Interessensgruppen eine gesunde Skepsis an den Tag legen.

Die berechtigen Interessen werden unterdrückt

Und der Bildungsbetrieb selbst? Qualifikation, Mut, Engagement und ein ehrliches Interesse an den Kindern wären gefragt. Bei der Ausbildung fängt es an. Aber viel fataler ist es, dass sich viele Fachkräfte, sobald sie in einer festen Anstellung oder gar verbeamtet sind, nicht mehr weiterbilden müssen. Das führt dazu, dass viele an alten Zöpfen hängen bleiben, die uns auch nicht vorangebracht haben. Dabei muss jedem, der im Bildungsbetrieb aktiv ist, klar sein, dass er die berechtigen pädagogischen Interessen der Kinder und Jugendlichen an erster Stelle zu vertreten und zu erfüllen hat. Dafür ist Mut und jede Menge Engagement notwendig. Gleichzeitig gilt es jeder Versuchung zu widerstehen, die darauf zielt, Menschen nach einem Idealbild zu formen. Erstens hat das noch niemals in der Geschichte geklappt und zweitens ist das der beste Weg zu verhindern, dass sich Kinder und Jugendliche wirklich entwickeln können.

Die vielgliedrige System hat erneut versagt

Zudem sollten wir uns endlich davon verabschieden, dass unser drei- bzw. viergliedriges Schulsystem eine sinnvolle Lösung ist. Kinder sind viel zu unterschiedlich dafür. Die internationale Erfahrung zeigt, dass die erfolgreichen Systeme vor allem jene sind, die auf ein möglichst langes gemeinsames Unterrichten setzen. Und genau das würde auch für einen besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen.

All das würde uns schon ein ordentliches Stück weiterbringen. Aktionismus, wie etwa die vielbeschworene Rückkehr in irgendwelche Pauksysteme oder das Vorantreiben der Digitalisierung werden uns dagegen nicht nutzen. Pauksysteme sind gut für eintönige Arbeiten oder den veralteten, überkommenen Militarismus, der uns in unsägliches Leid geführt hat. Und digitale Geräte mit dem notwendigen Lehrpersonal können nur ein zusätzliches Angebot sein, um den Kindern und Jugendlichen in Ihrer Orientierung in einer wachsenden digtalisierten Welt zu sein. Ihre Wirkung auf das Lernen ist nicht ansatzweise erforscht. Am Anfang stehen jedoch sinnliche Erfahrungen und Menschen, die für die Erfahrung des Lebens und der Welt begeistern.

Mehr Vertrauen in die Kinder und ihren eigenen Selbstbildungsprozess verlangt nicht mehr Aktion, sondern mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung. So wird aus weniger mehr, um Raum für echte Bildungserfahrungen zu öffen.

Gernot Körner




Selbstfürsorge sorgt für neue Kraft im Alltag

entspannung-selbsfuersorge

Zwölf Fragen zur Reflexion, um Selbst(be)achtung und Selbstwertgefühl zu finden

Um als ErzieherIn die alltäglichen und vielfältigen Herausforderungen in einer Kindertagesstätte so gut wie möglich zu meistern, bedarf es nicht nur immer wieder einer Projektplanung, einem immer wieder vorhandenen Interesse, die Stärken der einzelnen Kinder zu sehen, ihre Aufmerksamkeit durch Beziehungsangebote zu erreichen, sich im Kollegium auszutauschen, Beobachtungsbögen für Entwicklungsberichte zu schreiben, fachkompetente Gespräche mit Eltern zu führen usw. sondern auch einer steten Berücksichtigung der eigenen Person, um den vielfältigen fachlichen und persönlichen Anforderungen/Ansprüchen gerecht werden zu können.

Dr. Janusz Korczak, einer der bekanntesten humanistisch orientierten Pädagogen des vergangenen Jahrhunderts, drückte es einmal so aus:

Du kannst den anderen nur soweit bringen, wie Du selbst gekommen bist.

Damit ergibt sich die Notwendigkeit, neben den reichhaltigen Kommunikations- und Interaktionsaktivitäten immer wieder den inneren Dialog mit sich selbst zu suchen, um für eine eigene, gut und reichhaltig vorhandene >Psychohygiene< zu sorgen, um den >Selbstwert< aufrechtzuerhalten, bei Bedarf zu stabilisieren oder auszubauen bzw. neu zu organisieren.

Zum inneren Dialog finden

Denn nichts ist letztlich anstrengender, als mit einer seelisch-körperlichen Belastung aufzuwachen und damit den Tag zu beginnen, sich mit einer gefühlten Schwere an bevorstehende Aufgaben zu begeben, sich in Routinekreisläufen zu bewegen, ohne Innovationsperspektiven zu entdecken. Oder mit der Zeit Verhaltensmerkmale bei sich selbst zu entdecken, die auf einer Unzufriedenheit bis hin zu einer Entwicklung in Richtung eines Burnouts hinweisen (könnten).

Nein, wir brauchen nicht mehr Schlaf. Es sind unsere Seelen, die müde sind, nicht unser Körper. Wir brauchen Natur, wir brauchen Magie. Wir brauchen Abenteuer. Wir brauchen Freiheit. Wir brauchen Ruhe. Wir brauchen nicht mehr Schlaf, wir müssen aufwachen und leben.

Michael McMillan

Selbs(be)achtung für ein starkes Selbstwertgefühl

Der Selbstwert, die bewusste Selbst(be)achtung und damit auch ein starkes Selbstwertgefühl sorgen für viele, unterschiedliche personale Qualitäten wie beispielsweise eine vorhandene Möglichkeit, auch nach anstrengenden Tätigkeiten zur Ruhe kommen und abschalten zu können, neue Kräfte zu sammeln, wahrnehmungsoffener zu werden, persönliche Kränkungen nicht zu einer Dauerbelastung werden zu lassen, Misserfolge in Perspektivüberlegungen umzudeuten, Arbeitsfreude wiederzufinden, aus Routinen ausbrechen zu können oder für genussvolle Erlebnismomente zu sorgen, die vielleicht im Laufe der Zeit verlorengegangen sind. 

Insofern ist es immer hilfreich, sich selbst Fragen zu stellen, die darauf ausgerichtet sind, sorgsam zu reflektieren, wie es um die eigene SELBSTFÜRSORGE steht. Dazu finden Sie im folgenden Teil einige Reflexionskarten, die Ihnen helfen können, den Kreislauf einer „Abwärtsspirale“ zu unterbrechen. Selbstfürsorge gehört zu einem professionell gestalteten Berufsverständnis dazu, wird aber in der Hektik des Alltags allzu oft übersehen bzw. beiseitegeschoben. Es lohnt sich durchaus, den Fragen und Hinweisen einmal nachzugehen

Ausgangssituation: Wenn zu viele unterschiedliche Gedanken in meinem Kopf umherschwirren, entsteht in mir ein Gedankenchaos. Ein erster Lösungsschritt Ordnen Sie Ihre Gedanken und überlegen Sie, welche Gedanken zu welchen Lösungsschritten führen können, um unerledigte Dinge aufzugreifen und schließlich abhaken zu können. Ausgangssituation: Viele Menschen tragen perfektionistische Ansprüche mit sich herum und sind erst dann zufrieden, wenn diese auch perfekt erfüllt wurden. Ein erster Lösungsschritt: Begeben Sie sich einmal auf die Suche, woher dieser Perfektionsanspruch kommt und versuchen Sie in nicht ganz so wesentlichen Aufgaben, hohe Perfektionsansprüche zu senken.
Ausgangssituation: Durch die Fülle der alltäglichen Arbeitsanforderungen geschieht es nicht selten, dass persönliche Vorhaben und Wünsche viel zu kurz kommen und vollkommen zurückgestellt werden. Ein erster Lösungsschritt: Versuchen Sie einmal, an jedem Tag eine bestimmte Zeitspanne ganz für sich persönlich einzuräumen, in der Sie sich etwas Gutes tun, was Sie genießen und worüber Sie sich freuen können. Ausgangssituation: Arbeitsroutinen sorgen im Alltag dafür, dass man selbst brachliegende Fähigkeiten gar nicht mehr wahrnimmt und schließlich kaum noch entdecken kann, was die eigene Unzufriedenheit wachsen lässt. Ein erster Lösungsschritt: Schauen Sie einmal in Ihren Kompetenzenrucksack und versuchen Sie dabei einmal, bisher nicht genutzte Fähigkeiten/ Wünsche zu entdecken, um etwas Neues aufzugreifen.  
Ausgangssituation: Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit abzuschalten und zu entspannen als sich in der Natur aufzuhalten und die vielfältigen, ungezählten Natureindrücke aufzunehmen. Doch eigene Bequemlichkeiten halten uns nicht selten von Naturerlebnissen ab. Ein erster Lösungsschritt: Räumen Sie in ihrer Arbeitswoche, wenn möglich, ein oder zwei >Naturerlebnisspaziergänge< ein, um die Seele baumeln zu lassen Ausgangssituation: Viele Menschen konzentrieren Ihre Wahrnehmung bei Problemen immer wieder auf das, was nicht gut ist, was nicht geklappt hat, was derzeit nicht verändert werden kann oder was wohl auch weiterhin nerven wird. Ein erster Lösungsschritt: Versuchen Sie einmal, starre Problemfixierungen in konstruktiv formulierte Lösungsansätze umzudeuten, um aus einer Problemlage eine Lösungsaufgabe zu machen.
Ausgangssituation: Selbstfürsorge hat für jeden Menschen einen hohen Entwicklungs- und Bedeutungswert. Dennoch vergessen viele Menschen im Alltagsgeschehen, genügend Selbstfürsorge zu betreiben. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie einmal eine Bestandsaufnahme vor, welche Form(en) der Selbstfürsorge Sie für ausreichende Entspannungs-momente betreiben oder neu einrichten sollten.  Ausgangssituation: Gehen Sie einmal der Frage nach, wer oder was Sie daran hindert, dass Sie ausreichend gut für sich selbst sorgen können. Ein erster Lösungsschritt:  Wenn Sie eine Liste erstellt haben, wer oder was Sie an einer zufriedenstellenderen Selbstfürsorge hindert, dann versuchen Sie, erste Veränderungsvorhaben zu formulieren, um diese Schritt für Schritt umzusetzen. 
Ausgangssituation: Viele Entscheidungen im eigenen Leben/ im Zusammenleben mit anderen Menschen sind auch mit Kompromissen verbunden (gewesen), doch bei genauerer Betrachtung haben sie sich als belastend/ ärgerlich herausgestellt. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie einmal eine Bestandsaufnahme unglücklich machender Kompromissentscheidungen vor und führen Sie diese zu besseren, annehmbaren Entscheidungen Ausgangssituation: Manche Menschen glauben, stets und immer für andere Menschen erreichbar zu sein. Doch diese Erreichbarkeit führt dazu, immer weniger Platz für sich selbst einzuräumen und nutzen zu können. Ein erster Lösungsschritt: Klären Sie zunächst mit sich selbst die Frage, warum es Ihnen so wichtig ist, immer erreichbar zu sein, um dann Entscheidungen zu treffen, welche Abgrenzungen Ihnen gut tun.
Ausgangssituation: Gerade vielfältige und permanente Herausforderungen im Alltag sorgen für eine ‚Nahsicht’ mancher Vorhaben, die sich im Nachhinein allerdings als wenig hilfreich erweisen. Ein erster Lösungsschritt: Bei vielen Vorhaben und Entscheidungen ist eine ‚Weitsicht’ angebracht, um wirklich Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Welche Weitsicht kann Ihnen helfen, den Alltag besser zu strukturieren? Ausgangssituation: Rituale können eine entwicklungsförderliche oder auch eine entwicklungshinderliche Auswirkung auf die Alltagsgestaltung haben. Ein erster Lösungsschritt: Nehmen Sie eine Bestandsaufnahme Ihres Alltagsablaufes vor und entdecken Sie dabei Ihre üblichen Rituale, um dann zu klären, welche davon entwicklungsförderlich und welche –hinderlich sind.

Prof. Dr. Armin Krenz

Bücher von Armin Krenz bei Oberstebrink




Neue Studie zur Gewalt in der Sozialen Arbeit

Bessere Arbeitsbedingungen und Qualifikation können zur Prävention beitragen

Seit vergangenem Jahr mehren sich Medienberichte über Gewalt von Beschäftigten der Sozialen Arbeit gegenüber ihren Adressatinnen und Adressaten. Wie groß schätzen die Beschäftigten das Ausmaß an Gewalt in ihren Einrichtungen ein? Und lassen sich Zusammenhänge mit den Arbeitsbedingungen herstellen? Für eine im Fachmagazin „Sozial extra“ erschienene Studie wertete der Professionsforscher Professor Dr. Nikolaus Meyer von der Hochschule Fulda mehr als 8.200 Online-Fragebogen aus. Die Ergebnisse legen nahe: Die Arbeitsbedingungen müssen sich verändern, um Gewalt vorzubeugen. Dafür plädiert auch seine Kollegin Professorin Dr. Regina Remsperger-Kehm, die unter anderem zu verletzendem Verhalten in Kitas forscht.

Über die Art und Weise der Wahrnehmung von Gewalt

Die Studie untersucht, wie Beschäftigte aus unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit psychische und physische Gewalt durch und gegen Adressatinnen und Adressaten vor und während der Corona-Pandemie wahrgenommen haben. Ein besonderer Fokus liegt auf einem möglichen Zusammenhang zwischen sich verschlechternden Arbeitsbedingungen und Gewalt gegenüber Adressatinnen und Adressaten sowie anderen Dimensionen des Arbeitsalltags. Die Daten stammen aus der dritten Online-Befragung von Beschäftigten in der Sozialen Arbeit, die im November 2022, gut einen Monat nach Rücknahme der meisten Schutzmaßnahmen, durchgeführt wurde.

Bruch professioneller Normen

„Jeder Fall physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt oder entsprechender Mischformen stellt einen Bruch professioneller Normen dar und steht im Widerspruch zum professionellen Grundverständnis der Sozialen Arbeit, das eine gewaltfreie, anerkennende und feinfühlige Arbeitsbeziehung vorsieht“, stellt Professor Meyer klar und betont: „Sowohl die Berufsgruppe als auch die Öffentlichkeit sind gefordert, solche Fälle aufzuarbeiten.“

Beschäftigte nehmen mehr Gewalt an Adressatinnen und Adressaten wahr

37,1 Prozent der Befragten (n=5.885) berichten von psychischer Gewalt durch Beschäftigte gegenüber Adressatinnen und Adressaten vor Ausbruch der Pandemie. Damit ist unter anderem gemeint: Bevormunden, Niederbrüllen, Ignorieren, Drohen und Beschimpfen. Während der Pandemie steigt die Quote um elf Prozent auf 41,5 Prozent (n=5.661) an.

Auch physische Gewalt in der Pandemie gewachsen

Auch von physischer Gewalt gegenüber Adressatinnen und Adressaten berichten die Beschäftigten. In der Studie zählen hierzu unter anderem Schupsen, hartes Anpacken und Schütteln sowie schwere Formen wie Fixieren. Auch hier steigen die Werte während der Pandemie an, und zwar deutlich um über zehn Prozent auf 24,7 Prozent.

Starker Zusammenhang zwischen psychischer und physischer Gewalt

Für beide Gewaltformen zeigt die genauere Analyse: Das Ausmaß an Gewalt gegenüber Adressatinnen und Adressaten ist in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit unterschiedlich groß. Besonders häufig sind psychische wie physische Gewalt in der sogenannten Behinderten- sowie der Suchthilfe, in der Arbeit mit arbeitslosen Menschen, der Elementarbildung, der Kinder- und Jugendhilfe sowie in der migrationsbezogenen Sozialen Arbeit. Damit deutet sich ein starker Zusammenhang zwischen psychischer und physischer Gewalt an. Und: Betroffen sind besonders verletzliche Adressatinnen und Adressaten-Gruppen.

Zusammenhang: Verzicht auf Pausen und Zahl der Konflikte

Eine frühere Auswertung der Befragungsdaten hatte bereits gezeigt, dass die Arbeitsbelastung in der Sozialen Arbeit während der Corona-Pandemie deutlich gestiegen ist. Mehr Adressatinnen und Adressaten, komplexere Problemlagen, höhere Personalfluktuation führen dazu, dass immer mehr Beschäftigte am persönlichen Limit arbeiten. In der höheren Arbeitsmenge aufgrund fehlender Kolleginnen sehen die Beschäftigten eine der Hauptursachen für die Arbeitsverdichtung.

Schlechte Arbeitsbedingungen fördern offenbar die Gewalt

„Wir erkennen zwar keine signifikanten Zusammenhänge zwischen gewalttätigen Situationen auf der einen und der Arbeitsmenge, komplexeren Fallkonstellationen und fehlendem Personal auf der anderen Seite. Aber wir können durchaus Zusammenhänge zwischen dem Verzicht auf gesetzlich festgelegte Pausen und einer hohen Zahl an Konflikten bzw. aggressivem Verhalten der Adressatinnen nachweisen“, erläutert Professor Meyer. „Unsere Daten deuten damit eine Verbindung zwischen den empfundenen Arbeitsbedingungen und der erlebten Gewalt in Einrichtungen an. Die steigende Belastung durch widrige Arbeitsbedingungen steht statistisch in einem mittleren Zusammenhang mit der Zahl der Konflikte und mit aggressivem Verhalten.“

Konflikten Taten folgen lassen

Dieser Befund passt zu früheren Studien, die einen deutlichen Zusammenhang zwischen beruflichen Belastungen und der Zahl der Konflikte nachweisen. „Gewalt in Einrichtungen der Sozialen Arbeit ist aus dieser Perspektive das Ergebnis einer steigenden Zahl an Konflikten und einer sich hochschaukelnden aggressiven Stimmung, der dann von beiden Seiten irgendwann Taten folgen“, betont Professor Meyer und stellt sich damit in eine Reihe mit Wissenschaftler*innen, die bereits auf Zusammenhänge zwischen gewaltförmigen Konstellationen in Einrichtungen der Sozialen Arbeit und hohen Belastungswerten aufgrund widriger Arbeitsbedingungen verwiesen haben. „Worte stehen am Anfang von Akten der Gewalt“, ist er überzeugt. Und Professorin Dr. Regina Remsperger-Kehm, die an der Hochschule Fulda die Professur für Frühkindliche Bildung innehat, ergänzt: „Der Fachkräftemangel stärkt gewaltfördernde Mechanismen. Deshalb ist es wichtig, neben Gewaltschutzkonzepten auch die Arbeitsbedingungen in den Blick zu nehmen.“

Keine Lösung: Fachfremdes Personal

Gemeinsam haben die Fuldaer Forschenden zehn Forderungen zur Prävention von Gewalt in der Sozialen Arbeit aufgestellt. Unter anderem fordern sie eine Bund-Länder-Konferenz, um Maßnahmen zur Behebung des Fachkräftemangels in der Sozialen Arbeit, insbesondere in Kindertageseinrichtungen, der Jugendhilfe und der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung, zu entwickeln. „Wir wissen, dass eine kurzfristige Lösung unter Beibehaltung professioneller Qualitätsstandards kaum möglich ist“, sagt Meyer. „Dennoch sehen wir in der Gewinnung fachfremden Personals, wie es für die Kinder- und Jugendhilfe in einigen Bundesländern bereits diskutiert wird, keine Lösung.“

Gewalt oftmals Folge von mangelnder pädagogischer Ausbildung

Dass gewaltförmige Konstellationen oftmals auch das Resultat fehlender oder mangelnder pädagogischer Ausbildung seien, habe die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in Kinderheimen gezeigt. Fachkräfte müssten vielmehr für Gefahren sensibilisiert und durch berufsethische Regelungen an entsprechende Standards gebunden werden. Staatliche Stellen sehen die beiden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso in der Pflicht wie die Gesellschaft insgesamt: „Wir müssen uns über die Rolle und Bedeutung Sozialer Arbeit verständigen“, fordern sie, denn die täglichen Dilemmata zwischen Personalmangel auf der einen und der Verantwortung der Fachkräfte zum Beispiel für individuell am Kind orientierte Bildungsprozesse und den Kinderschutz auf der anderen Seite seien kaum noch zu bearbeiten.

Originalpublikation: https://link.springer.com/article/10.1007/s12054-023-00644-x

Dr. Antje Mohr, Hochschule Fulda




Mit Pappe und Bildern den Spracherwerb unterstützen

Kinderbücher sind ein Schlüssel zur Sprachförderung – aber nicht immer:

Die schlechteste Antwort, die ein Erwachsener auf die Frage geben kann, warum er ein bestimmtes Kinderbuch gekauft hat, ist: „Weil es mir gefallen hat“. Warum? Die Antwort ist einfach: Nicht der Geschmack eines Erwachsenen ist entscheidend, sondern der des Kindes. Schließlich ist die selbstgefällige Entscheidung der Erwachsenen eine Hauptursache dafür, dass Kinder oftmals keinen Zugang zu Büchern finden und letztlich auch die Motivation dazu.

Bücher sind das Tor zur Welt. Das gilt besonders für Bücher für die Kleinsten: die Pappbücher und Bilderbücher. Hier entdecken Kinder das Buch, lernen die Übertragung in die Zweidimensionalität und entwickeln die Sprachfertigkeit weiter. Leider klappt das immer seltener. Ein Grund: Viele Kinderbücher sind nicht wirklich für Kinder gemacht.

Mit allen Sinnen die Welt entdecken

Pappbilderbücher sind die ersten Bücher, die kleine Kinder in die Hand bekommen. Das geschieht meist im Alter von zehn Monaten bis zwei Jahren. In dieser Zeit ist für Kinder alles neu. Sie entdecken die Welt mit allen Sinnen und lernen sprechen. Das alles geschieht in ihrer engsten Umgebung.

In dieser Altersgruppe müssen Pappbilderbücher an die Alltagswelt und die Entwicklung der Kinder anschließen. So lernen die Kinder, ihre Welt in die zweidimensionale Welt des Buches zu übertragen, verarbeiten ihre Eindrücke und lernen, diese zu benennen. 

Abstrakte Kunst für kleine Kinder  

Wer mit diesem Anspruch die Buchhandlung um die Ecke besucht, erlebt so manches Mal sein blaues Wunder. Da sind zum einen wahre Kunstexperimente, die den Kindern untergeschoben werden. Abstrakte Darstellungen oder stark verniedlichte Darstellungen von Tieren und Menschen, die so stark verändert sind, dass ein Kind im Alter von ein bis zwei Jahren keine Chance hat, sie zu erkennen.

Daneben finden wir bekannte Bilderbücher ins Pappbilderbuch übertragen. Was also bisher für Kinder ab drei oder gar vier Jahren empfohlen wurde, ist jetzt durch die Pappe für Kinder ab einem Jahr geeignet? Zudem finden sich für Zweijährige so packende Themen wie Quantenphysik, Mittagsschlaf oder die Frage nach der Farbe von Küssen. Sollen das spannende Geschichten für Kleinkinder sein?

Es geht oft nur um die Erwachsenen

Sicher nicht! Aber schließlich kaufen auch nicht die Kinder sondern Erwachsene die Bücher. Denen soll der Inhalt gefallen. Zudem kann es so manche BuchhändlerIn gar nicht erwarten, die Kinder mit abstrakter Kunst zu beglücken. Während so einige Verleger meinen, die Chance nutzen zu müssen, um mit seinen Bilderbucherfolgen im Pappeformat noch einmal Reibach zu machen. Weder BuchkäuferInnen, BuchhändlerInnen noch die Verlage denken dabei an die Kinder. Im schlimmsten Fall schaden diese Bücher den Kindern, weil sie entweder überfordert sind oder nichts damit anfangen können.

Vom Meister des Pappbilderbuchs

In einem Interview mit der Literaturgarage hat Helmut Spanner, der Meister des Pappbilderbuchs, über seine Arbeit gesprochen. Schon als Student auf der Kunstakademie setzte er sich vor über 40 Jahren mit dem Pappbilderbuch auseinander. In seiner Examensarbeit widmete er sich dem Thema und stellte in einer kleinen Studie mit 50 Kindergartenkindern fest, warum sie mit so mancher Darstellung einfach nichts anfangen konnten.

Auf diesen Erkenntnissen baute er dann sein Werk auf.  „Bei den Kleinkindern geht es nur um ursprüngliche, einfache, existenzielle Dinge.“, erklärt er. Seine Bücher holen die Kinder eben dort ab, wo sie stehen. Wie auch Prof. Armin Krenz in seinem Artikel über spielen und lernen schreibt, entwickelt sich der Mensch über das Tun. Spanner bezeichnet dies als „Greiferfahrung“.

„Kinder kommen über die Hände“

„Die Kinder kommen über die Hände. Die visuelle Wahrnehmung ist am Ende des zweiten Lebensjahres erst führend. Das heißt, die taktile Wahrnehmung, die Greiferfahrung, ist wichtig, ist eine Vorstufe der rein abstrakten visuellen Wahrnehmung. So lernen die Kinder durch Greifen Wahrnehmung – sie begreifen. Was früher etwa eine Tasse war, in die das Kind reingreifen konnte, taucht jetzt im Buch auf. Hier kann es aber nicht mehr reingreifen. Es kann die Tasse auch nicht mehr umfassen. Es ist eine platte Welt. Die reale Tasse ist Natur und das Buch ist Kultur. Für einen Erwachsenen ist das alles völlig normal. Ein Kind steht aber vor einer völlig unbekannten Welt.“ sagt Spanner.

Kinder entdecken im Buch die Welt neu

Im Buch ist dann alles anders. Und die Kinder entdecken die Welt völlig neu. „Je weiter die Bilder aus dem Greifbereich hinausgehen, desto schwieriger sind sie zu erkennen, desto abstrakter sind sie. Deshalb müssen sich Pappbilderbücher für kleine Kinder möglichst nahe an die Realität halten. Meine Sachen sind nicht vom Erscheinungsbild her, sondern geistig reduziert. Das heißt etwa, dass ich eine Tasse ohne irgendwelche Muster zeichne. Weil ein Kind sonst die Muster mit der Tasse mitlernen würde. Das führt dann später im schlimmsten Fall zu Vorhängen mit Blumenmuster.“

Erste Wörter – Erste Sätze

Natürlich stammt unser Aufmacherbild aus einem der Bücher von Helmut Spanner. Es heißt „Erste Wörter – erste Sätze“ und ist in unserem Schwesterverlag Oberstebrink erschienen. Dr. Dagmar Eckart schreibt auf ihrem Buchblog dazu: „Max badet die Puppe. Lulu schaut zu. Nicki ruht sich aus. Klingt einfach, oder? Für Kinder sind solche Sätze jedoch ein Meilenstein im Spracherwerb. Das Papp-Bilderbuch ,Erste Wörter, erste Sätze’ von Helmut Spanner ist voll davon und hilft Kindern, aus Wörtern Sätze zu bilden.“

Und weiter heißt es: „Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine bunte Truppe kleiner Bären, die genau das tun, was kleine Kinder auch machen: spielen, bewegen, im Haushalt helfen und miteinander agieren. Rund 20 solcher Alltagssituationen passen auf eine Doppelseite. Das erzeugt einerseits ein leicht wimmeliges Gesamtbild, auf dem es immer etwas zu entdecken gibt. Andererseits bleibt genug Raum für kleine, alltagsnahe Details wie eine Nudel, die noch aus dem Topf heraushängt. Immer mit dabei ist ein Baby-Bär, der genau wie die größeren Bären mitmachen möchte. Nicht nur das sorgt für ein angenehm offenes Rollenbild: Ob Bären-Mädchen oder Junge – jeder macht alles und packt überall an … Es gibt erstaunlich wenig Bilderbücher für Kinder unter zwei Jahren, die die Interaktion zwischen Kindern so in den Mittelpunkt stellen.“

Wenke Bönisch von der Kinderbibliothek beschreibt dies: „Spanner verzichtet auf Details im Hintergrund, was viel zu sehr verwirren würde. Die kleinen Leser entdecken so ihre eigene Welt, wenn Taps auf Stelzen balanciert und ein Pflaster auf der Stirn auf eine Schramme hinweist. Oder wenn Tommi über die Drachenschnur fällt, weiß so manches Kind, wie weh es tut. Gestik, Mimik und vor allem die Körperhaltung ist absolut natürlich. Spanner gestaltet illustratorisch die Gegenstände so genau, als würde man sie wahrhaftig spüren – die Wärme des Holzes, das Nass des Abwaschwassers, die metallene Schubkarre. Zu jeder Szene gibt es einen ganz kurzen Satz. Auch hier bleibt Spanner bei seiner Leserschaft: Subjekt, Prädikat, mal ein Objekt. So lernen die Kleinen, die Bilder mit den ersten Wörtern, mit den ersten Sätzen zu verknüpfen. Sie dechiffrieren die Welt und die Sprache. Eine nicht einfache Aufgabe!“

Von diesem und anderen Pappbilderbüchern

Freilich hört sich das Ganze an, wie Werbung für das Buch „Erste Wörter – Erste Sätze“, das die Diplom Pädagogin und Buchhändlerin Gabriele Hoffmann als „DAS Bilderbuch für Sinn erschließenden Spracherwerb“ bezeichnet (siehe auch Video). Aber das Prinzip des Pappbilderbuches wird damit auch klar und genau deshalb haben wir es auch ins Programm genommen. Es gilt, die Entwicklung des Kindes zu beachten, vom Kind aus zu denken, seine Alltagswelt realistisch abzubilden, statt ihm die Gedanken- und Geschmackswelt der Erwachsenen überzustülpen.  

Natürlich hat Spanner noch viel mehr Pappbilderbücher wie etwa die Bestseller „Erste Bilder – erste Wörter“ oder „Ich bin die kleine Katze“ publiziert. Oder denken wir nur an die Bücher von Eric Carle wie etwa „Die kleine Raupe Nimmersatt“, die schon seit über 50 Jahren aus keinem Kindergarten mehr wegzudenken ist.

Und wie soll es nun sein?

Auf die Frage, wie denn ein Pappbilderbuch für Kinder sein sollte, antwortet Spanner: Nahe an der Realität muss es sein, ästhetisch, also geschmacksbildend, es muss einfach sein, echt und ohne Unstimmigkeiten, emotional … Es ist nicht der freie künstlerische Stil, der im Pappbilderbuch gefragt ist. Die Ansprüche gehen vom Kind aus. Ich kann mich eben nicht als freier Maler im Pappbilderbuch verwirklichen. Da bin ich falsch. Das ist eine andere Kategorie. Es geht um die Kinder. Aber nicht in dem Sinne, nur das zu befriedigen, was die Kinder sehen wollen.“ Weitere Infos zu Helmut Spanner unter https://www.helmut-spanner.de.

Vom Wesen der Tiere

Einen Schritt weiter geht die niederländische Pastellmalerin Loes Botman. Sie weiß wie keine andere, wie sie den Charakter der Tiere in ihren faszinierenden Pastellzeichnungen zum Ausdruck bringen kann. Dies ist einer der Gründe, warum ihre Bücher von kleinen Kindern so geliebt werden. Ihnen erschließt sich hier eine faszinierende neue Welt, in der die kleinen Tiere in einem natürlichen Hintergrund wunderschön zum Leben erweckt werden.

Einen Schritt weiter geht die niederländische Pastellmalerin Loes Botman. Sie weiß wie keine andere, wie sie den Charakter der Tiere in ihren faszinierenden Pastellzeichnungen zum Ausdruck bringen kann. Dies ist einer der Gründe, warum ihre Bücher von kleinen Kindern so geliebt werden. Ihnen erschließt sich hier eine faszinierende neue Welt, in der die kleinen Tiere in einem natürlichen Hintergrund wunderschön zum Leben erweckt werden.

Aufgrund der Hintergründe sind die kleinen Pappbilderbücher etwas komplexer als jene von Helmut Spanner. Deshalb sind die Bücher für Kinder erst ab 18 Monaten geeignet. Dabei hält sich Botman mit den Hintergründen zurück. Diese sind lediglich die Bühne für die Tiere.

Dr. Wenke Bönisch lobt die detailgetreuen und realistischen Abbildungen. „Man spürt fast schon das weiche Fell der Katze oder den harten Panzer der Schildkröte.“, schreibt Sie in ihrer Rezension. Zu jeder Abbildung gibt es einen kleinen Reim, in dem eine Eigenschaft des Tieres hervorgehoben wird. Die Reime bilden den Wortschatz und das Sprachgefühl der Kleinkinder. Mehr Informationen zu den Büchern von Loes Botman finden Sie hier.




Die Sprachentwicklung von Kindern spielerisch unterstützen

Sprachspile

Kinder in ihrer Sprachbildung zu unterstützen ist das Ziel zahlreicher Spiele, die Charmaine Liebertz entwickelt hat

Sprache ist unser wichtigstes Werkzeug für ein harmonisches Zusammenleben. Die Spielekartei Sprachförderung hilft schon den Kleinsten, ihre Sprechmotorik zu trainieren und die Zusammenarbeit im Spiel durch Sprache zu koordinieren. Die spannenden und originellen Spielideen unterstützen die natürliche Sprachentwicklung und helfen Ihnen Schwächen gezielt zu trainieren.

Die drei folgenden Spiele unterstützen Kinder bei der Sprachentwicklung:

So gesehen …

Der Spielleiter zeigt der Gruppe bzw. Klasse ein Bild aus dem Bereich der optischen Täuschungen (z.B. ein doppeldeutiges Bild, in dem sich zugleich eine alte und eine junge Frau verbirgt). Im gemeinsamen Gespräch wird erarbeitet, dass

  • dieselbe Situation je nach persönlichem Blickwinkel unterschiedlich gesehen werden kann.
  • Wahrnehmen, Denken und Interpretieren von unseren individuellen Erfahrungen und Vorlieben beeinflusst werden.
  • ein Sachverhalt mindestens drei Seiten hat: die Seite, die ich sehe, die Seite, die du siehst und (wichtig!) eine Seite, die wir beide nicht sehen

Variante

Die Gruppe bzw. Klasse liest einen Text (z.B. Zeitungsartikel), der ein emotionales Ereignis (z.B. Unfall, Überfall, Lottogewinn) beschreibt. Die kontroversen Sichtweisen (z. B. Opfer, Täter, Lottoboten, Gewinner usw.) werden nun besprochen oder aufgeschrieben. Auch ein Rollenspiel eignet sich, um die unterschiedlichen Positionen und Meinungen herauszuarbeiten.

  • Alter: ab 6 bis 16 Jahre
  • Zeit: 25 bis 40 Minuten
  • Sozialform: Gruppenspiel
  • Material: Bilder von optischen Täuschungen, kontroverse Texte

Familie Nolte

Familie Nolte ist geplagt. Jedes Familienmitglied hat eine andere Mundfehlstellung. Bei Oma Nolte steht der Oberkiefer über dem Unterkiefer, bei Opa Nolte ist es umgekehrt – der Unterkiefer ragt hervor. Bei Tante Nolte hängt der rechte Mundwinkel und bei Onkel Nolte der linke Mundwinkel. Der Spielleiter spricht den folgenden Reim

„Oma Nolte (Überbiss)/Opa Nolte (Unterbiss)/ Tante Nolte (rechter Mundwinkel hängt)/Onkel Nolte (linker Mundwinkel hängt) sah und holte einen Wibbelwabbel,
eine Zwiebelzwirbel,
einen roten Luftballon.“

Zeile für Zeile mit den verschiedenen Mundstellungen vor und die Gruppe spricht nach. „Oma Nolte sah und holte …“ spricht er erst mit Überbiss, danach wiederholt er den Text „Opa Nolte sah und holte …“ mit Unterbiss usw.

  • Alter: ab 3 bis 6 Jahre
  • Zeit: 5 bis 10 Minuten
  • Sozialform: Gruppenspiel

Hans Nasens Fahrrad

Zunächst sagt der Spielleiter folgendes Gedicht vor, das ihm die Gruppe nachspricht:

„Hans Nasens Fahrrad
hat ’nen Platten.
Oh Schreck!
Und mit Kaugummi
kriegt man’s wieder weg.“

Dann zeigt er die folgenden Bewegungen dazu:

„Hans – sich auf die Brust klopfen
Nasens – an die Nase greifen
Fahrrad – mit den Händen Tretbewegungen machen
hat – auf die Schenkel klopfen
nen Platten. – in die Hände klatschen
Oh Schreck! – Hände neben dem Kopf öffnen und erschrocken gucken
Und mit Kaugummi – symbolisch aus dem Mund ziehen
kriegt man’s wieder weg.“ – mit der rechten Hand etwas symbolisch über die Schulter wegwerfen

Am Ende erklärt er die drei Stufen des Spiels: „Zunächst üben wir nur den Text, dann bewegen wir die Hände dazu (siehe oben) und zum Schluss brauchen wir keine Wörter mehr, sondern nur noch die Bewegungen.“

  • Alter: ab 3 bis 8 Jahre
  • Zeit: 10 bis 20 Minuten
  • Sozialform: Gruppenspiel
kartei sprache

Die Spielekartei Sprachförderung
Charmaine Liebertz

Burckhardthaus
ISBN: 9783944548234
14,95 €
Mehr unter: www.oberstebrink.de