Wer gesehen werden will, der muss auffallen!

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Schulanfänger brauchen besonderen Schutz beim Start in den Verkehr

Für hunderttausende Kinder in ganz Deutschland ist es auch diesen Sommer so weit: Sie werden eingeschult und starten in einen spannenden neuen Lebensabschnitt. Viele von ihnen sind auf dem Schulweg zum ersten Mal regelmäßig allein im Straßenverkehr unterwegs. Egal ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad: Sie brauchen als unerfahrene und – im Vergleich zu Pkw-Insassen – ungeschützte Verkehrsteilnehmer den bestmöglichen Schutz. Dazu trägt die DEKRA Kampagne „Sicherheit braucht Köpfchen“ bei. Sie läuft 2023 schon im 20. Jahr. Die Kinder bekommen dabei auffällige Kinderkappen für mehr Sichtbarkeit sowie die wichtigsten Tipps für das richtige Verhalten im Straßenverkehr.

Wer gut zu sehen ist, ist grundsätzlich sicherer unterwegs

„Deshalb hilft es, auffällig zu sein. Nicht umsonst haben beispielsweise Warnwesten eine Signalfarbe und retroreflektierende Elemente“, so Guido Kutschera, Vorsitzender der Geschäftsführung der DEKRA. „Deshalb bekommen Kinder in ganz Deutschland jedes Jahr von uns signalrote Kappen mit retroreflektierenden Elementen, die bei allen Lichtverhältnissen mehr Sichtbarkeit bringen.“ Die Verteilaktion läuft über die 74 DEKRA Niederlassungen bundesweit. Sie wird kombiniert mit Aufklärung für Kinder und Eltern zum Thema „Sicherer Schulweg“.

Seit 2004 bundesweit insgesamt 3,35 Millionen Kappen verteilt

Seit Beginn der Aktion im Jahr 2004 haben die DEKRA Experten allein in Deutschland insgesamt rund 3,35 Millionen Kinderkappen verteilt. Allein im Jahr 2022 waren es wieder knapp 190.000 Stück. Und längst ist die Aktion zum Vorbild für DEKRA Gesellschaften in anderen Ländern der Welt geworden. 2022 hat sie in acht weiteren europäischen Ländern sowie in Chile und China stattgefunden.

„Vor fast 100 Jahren wurde DEKRA gegründet – seitdem setzen wir uns, wo auch immer wir können, für die Verkehrssicherheit ein“, sagt DEKRA Geschäftsführer Guido Kutschera. „Mit unserer Kampagne ‚Sicherheit braucht Köpfchen‘ wollen wir gezielt zu mehr Sicherheit für die schwächste Gruppe im Straßenverkehr beitragen. Und das verbinden wir mit dem dringenden Appell an alle anderen Verkehrsteilnehmer: Seien Sie bitte gerade zu Schulbeginn noch vorsichtiger und rücksichtsvoller als sonst.“

Zusätzlich zu den DEKRA Kappen rät er allen Eltern, auch bei Kleidung, Schuhen und Schulranzen der Kinder auf retroreflektierende, auffällige Elemente zu achten. „Damit sind Kinder für andere Verkehrsteilnehmer viel besser zu erkennen – vor allem in der Dämmerung oder bei Dunkelheit.“

Tipps für Kinder und Eltern zum sicheren Schulweg gibt die Begleitbroschüre zur Aktion. Sie liegt an den DEKRA Niederlassungen kostenlos aus und ist online abrufbar unter www.dekra.de/kinderkappen. Dort gibt es außerdem Informationen zum richtigen Verhalten im Schulbus.

Quelle: Information DEKRA




Fünf Werkzeuge für den richtigen Umgang mit Gefühlen

Wenn Kinder sich nicht gut fühlen, können sie sich auch nicht richtig verhalten

„Wenn Kinder sich nicht gut fühlen, können sie sich auch nicht richtig verhalten“, wiederholt Joanna Faber gebetsmühlenhaft in ihren zahlreichen Workshops, Vorträgen und Büchern. Joanna ist Diplom-Pädagogin und Lehrerin im Hudson Valley in den USA. Sie ist die Tochter von Adele Faber, die gemeinsam mit ihrer Freundin Elaine Mazlish das Kommunikationsmodell der „mitfühlenden Kommunikation“ basierend auf den Ideen von Haim Ginott und Marshall Rosenberg entwickelt haben. Daraus ist nicht nur der weltweit meist verkaufte Erziehungsratgeber, der hierzulande unter dem Titel „So sag ich‘s meinem Kind“ erschienen ist, entstanden. Ihr Ansatz wird weltweit und auch hierzulande vielfach kopiert. Mittlerweile sind Joannas Bücher, die sie seit ein paar Jahren gemeinsam mit Julie King verfasst, selbst Bestseller. Psychologen, wie etwa Prof. John Gottman, bezeichnen sie sogar als „brilliant“.

Im aktuellen Beitrag schreibt Joanna über die Gefühle der Kinder und wie wir am besten damit umgehen sollten:

Die meisten meiner Erziehungsgruppen sind beim Thema „Kindern beim Umgang mit schwierigen Gefühlen zu helfen“ ziemlich ungeduldig. Sie wollen sofort mit der zweiten Sitzung fortfahren: Wie ihre Kinder lernen das zu tun, was sie ihnen sagen. Nicht, dass es den Eltern egal wäre, wie sich ihre Kinder fühlen. Es ist jedoch nicht die oberste Priorität hilfesuchender Eltern. Seien wir ehrlich. Wenn die Kinder das tun würden, was wir ihnen sagen, würden die Dinge viel reibungsloser laufen und wir würden uns ALLE großartig fühlen.

Das Problem ist, es gibt einfach keine reibungslose Möglichkeit, ein kooperatives Kind zu bekommen. Sie können es versuchen, aber Sie werden wahrscheinlich in einem Sumpf aus Konflikten versinken.

Denken Sie an die Zeiten, in denen Sie froh waren, dass Sie nicht für eine dieser Reality-Serien gefilmt wurden! Die Zeiten, in denen Sie Ihr Kind so sehr angeschrien haben, dass Ihr Hals schmerzte! Als Sie ihm gerade zum hundertsten Mal sagten, es solle seine kleine Schwester nicht in die Nähe des Ofens schieben oder dem alten Hund nicht an den Ohren ziehen.

Das war vermutlich an einem Punkt des Tages, an dem Sie sich müde, gestresst, besorgt oder verärgert fühlten. Wenn der gleiche Vorfall früher am Tag aufgetreten wäre, wären Sie selbst unter Druck noch ruhiger gewesen. Vielleicht hätten Sie die kleine Schwester mit einem schnellen Kuss hochgehoben oder den leidenden Hund unter dem Kinn gekrault und Ihren jungen Wilden mit einem verständnisvollen humorvollen Geplänkel abgelenkt.

Worauf will ich hinaus? Fakt ist, dass wir uns nicht richtig verhalten können, wenn wir uns nicht gut fühlen. Und Kinder können sich nicht richtig verhalten, wenn sie sich nicht gut fühlen. Wenn wir uns nicht zuerst um ihre Gefühle kümmern, haben wir wenig Chancen, ihre Zusammenarbeit zu erreichen.

Alles, was uns am Ende übrigbleibt, ist unsere Fähigkeit, größere Kräfte einzusetzen. Also lasst uns damit beginnen!


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Lasst uns über Gefühle sprechen! 

Mit ihrem Bilderbuch „In mir … und in den anderen“ regen Autorin Karen Gilstrup und Illustratorin Pia Olsen Kinder und Erwachsene an, über den Umgang mit Gefühlen zu sprechen. Das Buch lädt zum genauen Beobachten und Mitraten ein – so gelingt es, emotionale Kompetenzen und Einfühlungsvermögen zu stärken!

Karen Glistrup/Pia Olsen
In mir… und in den anderen – Ein Buch über Kinder und ihre Gefühle
Hardcover, 64 Seiten
Ab zwei Jahren
ISBN: 978-3-96304-608-7
14,95 €


Wenn sich Kinder nicht gut fühlen, können sie sich nicht richtig verhalten.

Die meisten von uns haben nicht allzu große Mühe, die positiven Gefühle ihrer Kinder zu akzeptieren. Das ist ziemlich einfach. Meine Güte, Jimmy ist dein bester Freund auf der Welt? Du liebst Papas Pfannkuchen? Du freust dich auf das neue Baby? Wie schön! Das freut mich!

Es sind die negativen Gefühle, die unsere Kinder ausdrücken und uns in Schwierigkeiten bringen.

„Was? Du hasst Jimmy? Aber er ist dein bester Freund!“
„Du willst ihm eins auf die Nase geben? Das TUT man nicht!“
„Wie kannst du die Pfannkuchen satthaben? Sie waren dein Lieblingsessen!“
„Du willst, dass ich das Baby zurückbringe? Das sagt man nicht! Ich will das NIE wieder von dir hören!“

Wir können negative Gefühle schlecht akzeptieren, weil sie so… nun… so negativ sind. Und wir wollen ihnen keine Macht über uns geben. Wir wollen sie korrigieren, verkleinern oder am liebsten alle auf einmal verschwinden lassen. Unsere Intuition sagt uns, dass wir diese Gefühle so schnell und effektiv wie möglich verbannen sollten. Aber in diesem Fall führt uns unsere Intuition in die Irre.

Meine Mutter sagt immer: „Wenn Sie nicht sicher sind, was richtig ist, probieren Sie es selbst aus.“ Probieren wir es aus und achten Sie auf Ihre Reaktion in dieser Situation:

Stellen Sie sich vor, Sie wachen müde auf. Sie haben ein bisschen Kopfschmerzen, Ihr Hals fühlt sich rau an, vielleicht werden Sie krank. Und sie machen einen Kaffee, bevor Sie zur Schule oder in den Kindergarten gehen und treffen einen Kollegen. Sie sagen zu ihm: „Junge, ich möchte heute nicht zur Arbeit gehen und all diesen lauten, streitenden Kindern begegnen. Ich will einfach nur nach Hause, etwas Kühles trinken, Medizin nehmen und den Tag im Bett verbringen!“

Was wäre Ihre Reaktion, wenn Ihr Freund …

… Ihre Gefühle leugnen und Sie für Ihre miese Haltung attackieren würde?

„Hey, hör auf dich zu beschweren. Die Kinder sind nicht so schlimm. Du solltest nicht so über sie sprechen. Wie auch immer, du weißt, dass es dir gefallen wird, wenn du erst dort bist. Komm, lächle wieder, alles ist gut.“

… oder Ihnen einen guten Rat gibt?

„Schau, du musst dich zusammenreißen. Du weißt, dass du diesen Job brauchst. Du solltest nicht so viel Kaffee trinken, sondern lieber beruhigenden Kräutertee und im Auto meditieren, bevor die Schule beginnt.“

… oder Ihnen vielleicht einen entspannten philosophischen Vortrag hält?

„Hey, kein Job ist perfekt. So ist das Leben Es hat keinen Sinn, sich darüber zu beschweren. Negativ zu bleiben, ist nicht produktiv.“

… oder wie wäre es, wenn er Sie mit einer Kollegin vergliche:

„Schau dir Liz an. Sie ist immer fröhlich, wenn sie zur Arbeit geht. Und weißt du, warum? Weil sie ultra vorbereitet ist. Sie hat immer wirklich großartige Unterrichtspläne parat, Wochen vorher schon.“

… oder wären Fragen hilfreich?

„Bekommst du auch genug Schlaf? Um wie viel Uhr bist du letzte Nacht ins Bett gekommen? Hast du was gegen die Erkältung genommen? Wie wäre es mit Vitamin C? Hast du die Hygienetücher benutzt, die es in der Schule gibt, damit du dir keine Keime von den Kindern holst?“

Hier einige Reaktionen, die wir bekommen, wenn wir diese Art von Szenario in unseren Gruppen präsentieren:

„Ich spreche nie wieder mit dir!“ „Das ist kein Freund von mir!“ „Das HILFT MIR NICHT weiter!“ „Ich hasse das!“ „Fahr zur Hölle!“ „Blah, blah, blah. “ „Halt die Klappe!“ „Ich werde nie wieder mit dir über meine Probleme sprechen. Ich bleibe von jetzt an bei Themen wie dem Wetter!“ „Ich fühle mich schuldig, weil ich so eine große Sache daraus gemacht habe.“ „Ich frage mich, warum ich mit den Kindern nicht umgehen kann.“ „Ich fühle mich erbärmlich.“ „Ich hasse Liz.“ „Ich habe das Gefühl, verhört zu werden.“ „Ich fühle mich verurteilt. Ihr denkt sicher, dass ich dumm bin.“ „Ich kann es nicht laut sagen, aber ich benutze die Abkürzung F… dich!“

Diese letzte Antwort drückt die Intensität der Feindseligkeit, die wir gelegentlich erleben, wenn jemand unsere negativen Gefühle ablehnt, perfekt aus. Wir können schnell von Traurigkeit zu Wut wechseln, wenn mit uns auf diese Art und Weise gesprochen wird, und unseren Kindern geht es genauso.

Was würde man also in einer solchen Situation gerne hören? Ich vermute, dass es Sie etwas besänftigen würde, wenn jemand Ihre Gefühle einfach anerkennen und akzeptieren würde.

„Pfui. Es ist schrecklich, krank zur Arbeit gehen zu müssen. Besonders, wenn du mit Kindern arbeitest. Was wir jetzt brauchen, ist ein netter kleiner Schneesturm oder vielleicht auch nur ein kleiner Wirbelsturm, der die Schule für ein paar Tage stilllegen würde.“

Wenn ihre Gefühle anerkannt werden, fühlen sich die Menschen erleichtert:

 „Sie versteht mich. Ich fühle mich besser. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Vielleicht kann ich damit umgehen.“

Sprechen wir auf diese Weise tatsächlich mit unseren Kindern? – Korrigieren wir sie, schimpfen wir, reden wir dazwischen und halten wir Vorträge, wenn sie negative Gefühle ausdrücken? Wenn ich diese Frage an die Gruppe richte, fällt es den Teilnehmern nicht schwer, Beispiele zu nennen. Hier sind einige der häufigsten:

Ablehnung von Gefühlen:

„Du hasst den Kindergarten nicht wirklich. Es wird Spaß machen, sobald du dort bist. Du weißt, dass du gerne in der Bauecke spielst.“
Hat irgendein Kind jemals geantwortet: „Oh ja, du hast recht. Du hast mich gerade daran erinnert, dass ich den Kindergarten wirklich liebe!“

Philosophie:

„Schau mein Schatz, das Leben ist nicht fair! Du musst mit den Vergleichen:
,Er hat mehr, sie ist besser’ aufhören.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Ihr Kind antworten wird: „Meine Güte, ich war total verärgert, aber jetzt, da du mir erklärst, dass das Leben nicht fair ist, fühle ich mich viel besser. Danke Papa!“

Fragen:

„Warum hast du Sand geworfen, obwohl ich dir gerade gesagt habe, dass du das lassen sollst?“
Welches Kind wird dann sagen: „Hmm, warum habe ich das getan? Ich denke, es gibt keinen wirklichen Grund dafür. Aber danke, dass du mich darauf hingewiesen hast. Es wird nicht wieder vorkommen.“

Vergleich:

„Schau dir an, wie still Olivia dasitzt und wartet, bis sie an der Reihe ist!“
Wessen Kind würde sagen: „Oh entschuldige, ich werde versuchen, mehr wie Olivia zu sein!“ Es ist wahrscheinlicher, dass Ihr Kind Olivia eins auf den Kopf gibt.

Vortrag:

„Warum willst du immer genau das Spielzeug, sobald dein Bruder anfängt, damit zu spielen? Du hattest vor einer Minute kein Interesse daran. Du willst es ihm einfach wegnehmen. Das ist nicht nett. Wie auch immer, das ist ein Spielzeug für Babys und du bist jetzt ein großes Mädchen. Du solltest zartfühlender mit deinem kleinen Bruder sein.“
Und wo ist das Kind, das antwortet: „Mach weiter, liebe Mutter. Ich lerne so viel aus deinem Vortrag. Lass mich einfach ein paar Notizen auf meinem iPad machen, damit ich später noch mal auf diese Punkte eingehen kann.“

„Okay, okay!“ höre ich Sie sagen. „Es ist einfach, mit einem erwachsenen Freund einfühlsam zu sein. Erwachsene sind zivilisiert! Kleine Kinder nicht. Sie sind weit weniger logisch. Meine Freunde halten mich nachts nicht wach. Zumindest nicht die meisten von ihnen. Ich muss meine Freunde nicht dazu bringen, zur Schule zu gehen, sich die Zähne zu putzen oder aufzuhören, ihre Geschwister zu attackieren. So zu tun, als sei mein Kind ein Erwachsener, wird es nicht rausreißen. Wenn sich eine erwachsene Freundin wie mein Kind benähme, wäre sie nicht mehr lange meine Freundin.“

Es stimmt! Wir können unsere Kinder nicht einfach wie unsere erwachsenen Freunde behandeln. Wenn wir jedoch ihre Kooperation anstelle ihrer Feindseligkeit wollen, müssen wir einen Weg finden, bei ihnen das gleiche Prinzip der Anerkennung ihrer Gefühle zu erreichen, genauso als wäre eine erwachsene Person in Bedrängnis.

Lassen Sie uns einen Blick in unsere Werkzeugkiste werfen und nachsehen, was wir finden können, um es bei jüngeren Gesprächspartnern benutzen zu können.

Werkzeug #1: Benennen Sie das Gefühl! Geben Sie dem Gefühl einen Namen!

Wenn Ihr Kind das nächste Mal etwas Negatives und Provozierendes sagt, gehen Sie folgendermaßen vor:

  • Beißen Sie die Zähne zusammen und widerstehen Sie dem Drang, ihm sofort zu widersprechen!
  • Denken Sie über die Gefühle nach, die es empfindet.
  • Benennen Sie die Gefühle und beschreiben Sie diese in einem Satz.

Mit etwas Glück werden Sie feststellen, dass die Intensität der schlechten Gefühle dramatisch abnimmt.

Gute Gefühle können nicht angenommen werden, bevor die schlechten Gefühle nicht verschwunden sind. Wenn Sie versuchen, schlechte Gefühle zu leugnen, werden sie sich verdichten und stärker werden.

Beispiele:

Wenn ein Kind sagt: „Ich hasse Jona! Ich spiele nie wieder mit ihm.“

Anstelle von „Natürlich wirst du wieder mit ihm spielen. Jona ist dein bester Freund! Und „hassen“ sagt man nicht.“
Versuchen Sie: „Junge, klingt, als wärst du wirklich sehr wütend auf Jona!“ Oder „Jona hat was getan, das dich wirklich genervt hat!“

Wenn ein Kind sagt: „Warum gibt es immer Pfannkuchen? Ich hasse Pfannkuchen.“

Anstelle von: „Du weißt, dass du Pfannkuchen liebst! Sie sind dein Lieblings­essen.“
Versuchen Sie: „Sieht so aus, als wärst du heute von den Pfannkuchen zum Frühstück enttäuscht. Du hast wohl Lust auf etwas anderes.“

Wenn ein Kind sagt: „Dieses Puzzle ist zu schwer!“

Statt: „Nein, ist es nicht. Es ist einfach. Hier, ich helfe dir. Schau mal, hier ist ein Eckstück.“
Versuchen Sie: „Grrr, Puzzle können so frustrierend sein! All diese kleinen Stücke können einen verrückt machen.“

Sie geben Ihrem Kind damit ein hilfreiches Vokabular an die Hand, um seine Gefühle ausdrücken zu können, auf das es in Zeiten der Not zurückgreifen kann. Wenn es jammern kann: „ICH BIN SO FRUSTRIERT!“, anstatt zu beißen, zu treten und zu schlagen, werden Sie den Triumph des Sieges verspüren!

Ich schlage nicht vor, dass Sie danebenstehen und jubeln, während Junior seinem Freund Jona auf die Nase schlägt. Genauso wenig sollen Sie damit beginnen, ein Omelett mit Pilzen und Käse für Ihr forderndes Kleinkind zu kochen, das sich gerade über die Pfannkuchen beschwert hat. Akzeptieren Sie einfach das Gefühl. Oft reicht eine einfache Bestätigung des Gefühls aus, um einen möglichen Zusammenbruch zu entschärfen. Für die Zeiten, in denen dies nicht ausreicht, gibt es andere Möglichkeiten.

Ich erinnere mich an einige (unter vielen) Situationen, als es mir schwerfiel, diesen scheinbar einfachen Weg einzuschlagen. Für mich ist die wirklich hilfreiche Information, die Sie mit nach Hause nehmen können, dass Sie es scheinbar endlos versauen können und es ist dennoch okay. Man kann es reparieren! Sie können vom Pfad abkommen, im Morast stecken bleiben, sich wieder herausziehen, Ihre Mückenstiche kratzen und die Straße entlanggehen. Die juckenden Stellen werden heilen, den Schlamm kann man abwaschen und Ihre Reise wird für das nächste Stück des Weges wieder angenehm sein.

Meine Mutter gestikulierte, wischte eine imaginäre Tafel sauber und sagte: „Löschen und neu beginnen!“, wenn sich ein Gespräch in einen Konflikt verwandelte. Aber das ist alte Schule. Sie ist aus der Generation der Kreidetafeln. Haben Kinder heutzutage überhaupt von einer Tafel gehört? Einige Eltern in meinen Gruppen haben das Wort „Zurückspulen“ verwendet, wenn sie rückwärts aus einem Raum gehen und dann mit akzeptierenden Worten wieder eintreten. Auch das hat einen altmodischen Sound, da Kassetten jetzt der Vergangenheit angehören. Was wäre das moderne Äquivalent, wenn man nach einer zweiten Chance verlangt? Vielleicht mit der Bewegung eines Fingers, der eine imaginäre Taste drückt, „Control, Alt, Entfernen!“ oder „Reset!“

Das Wichtigste ist, sich unendlich viele Möglichkeiten zu verschaffen, egal, welche Bilder Sie verwenden. Hier sind ein paar Beispiele aus meiner Zeit als Mutter von Kleinkindern, in denen ich es geschafft habe, den Kurs in der Mitte zu ändern und mein kleines Elternfloß vor rauer See zu retten.

Werkzeug #2: Gefühle durch Schreiben anerkennen

Die eigenen Gefühle und Wünsche in schwarzweiß aufgeschrieben zu sehen, kann selbst für Kinder, die noch nicht lesen können, sehr bedeutsam sein. Nehmen Sie beim Einkaufen Papier und Bleistift mit, so dass Sie die Wunschliste Ihres Kindes erweitern können. Während Sie sich auf dem unvermeidlich gefürchteten Einkaufsbummel im Spielzeugladen befinden, um ein Geburtstagsgeschenk für ein anderes Kind zu kaufen, werden Ihrem Kind Tausende von Versuchungen präsentiert, nur leider wird ihm absolut kein Verständnis für Ihre finanziellen Einschränkungen mitgeliefert. Dann erweisen sich Papier und Stift als äußerst praktisch.

Anstatt Ihrem Kind zu erklären, warum es nicht nach einem neuen Spielzeug jammern soll, weil es im letzten Monat gerade Geburtstag hatte, und es sich nicht wie ein verwöhntes Gör verhalten soll (Hat dieses Kind jemals für etwas arbeiten müssen?), können Sie alles auf die Wunschliste aufschreiben, was es will. Es ist für ein Kind befriedigend, eine reale Liste seiner Wünsche zu haben. Und Sie können Ihr Kind an Ihrer Pinwand auf dem Laufenden halten und auf Feiertage und Geburtstage hinweisen.

„Aber wird das nicht dazu beitragen, dass jedes Verlangen befriedigt werden muss?“, fragte Toni, die Mutter in meiner Gruppe, die immer sehr direkt fragte.

„Im Gegenteil“, konterte ich. „Wie oft haben wir nachgegeben und etwas Dummes gekauft, was wir nicht brauchten, um einen öffentlichen Wutanfall zu vermeiden? Das Aufschreiben von Wünschen ist ein anderer Weg, um einen Wutanfall zu vermeiden, ohne das Kind zu verziehen.“

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie alle Gefühle akzeptiert werden können, auch wenn einige Aktionen eingedämmt werden müssen. Wenn ihre Gefühle anerkannt werden, hilft es Kindern tatsächlich zu akzeptieren, dass sie nicht immer bekommen können, was sie wollen.

Im Spielzeugladen kann man sagen: „Oh Mann, das ist ein wirklich cooles Einhorn! Du magst das Funkeln in seiner Mähne … und die rosa- und orangefarbenen Sterne an seinem Hintern. Lass es uns auf deine Wunschliste schreiben.“ Wer weiß, vielleicht wird Ihr Kind darauf sparen oder es bekommt den Wunsch an seinem Geburtstag von Tante Bertha erfüllt. Aber vielleicht ändert sich sein Geschmack in ein paar Wochen oder Monaten und die Liste wird überfällig. Das Wichtigste ist, dass es einen Elternteil hat, der darauf hört, wie es sich fühlt, wenn es sich nach etwas sehnt, und dies hilft ihm, die wichtige Lebenskompetenz der aufgeschobenen Befriedigung zu entwickeln.

Und wie ist es, wenn wir ein Kind haben, das etwas bekommt, weil es etwas braucht, und ein anderes, das sich das Gleiche wünscht, ohne es wirklich zu benötigen? Geben wir das zusätzliche Geld grollend aus, um den Frieden zu wahren? Lassen wir aber die verletzenden Gefühle und das Wehklagen zu, erlangen wir eine Fähigkeit, mit der wir uns ehrlich einfühlen können:

„Auch wenn du weißt, dass du keinen neuen Schlafanzug brauchst, ist es immer noch schwer zu sehen, wie dein Bruder einen neuen bekommt. Lass uns die Farben aufschreiben, die du magst, damit wir wissen, was wir kaufen müssen, wenn du einen neuen brauchst.“

Werkzeug #3: Gefühle mit Kunst anerkennen

Manchmal reichen geschriebene oder gesprochene Worte nicht aus, um ein starkes Gefühl auszudrücken. Wenn Sie sich kreativ genug fühlen, versuchen Sie es mit künstlerischen Darstellungen. Sie müssen kein Rembrandt sein – Strichmännchen reichen aus.

Dazu ein Beispiel: Der dreijährige Benjamin ist in diesen Tagen ganz und gar damit beschäftigt, mit der Eisenbahn zu spielen. Er liebt es, komplizierte Strecken und Übergänge zu bauen und die Züge bergauf und bergab fahren zu lassen. Aber manchmal fallen die Züge oder die Gleise auseinander. Es ist erstaunlich, wie schnell sich Benjamin in einen Wüterich verwandeln kann. Dann fliegen die Züge und Gleise. An einem Tag ihm seine Mutter dabei zu. Die Züge erklommen den Hügel und fielen auf der anderen Seite polternd zu Boden. Statt nun zu sagen Es ist okay, wir können es reparieren, keine Sorge.“, meinte die Mutter: „Das ist frustrierend! Du magst es nicht, wenn die Züge auseinanderfallen.“
Benjamin sah seine Mutter an. Neben dem Tisch stand eine Tafel. Sie zog sie zu sich heran und sagte: „Lass uns zeichnen, wie du dich fühlst.“
Sie zeichnete ein trauriges Gesicht.
„Fühlst du dich so?“
Er nickte.
Sie zeichnete eine Träne, die aus dem Auge kam und er sagte:
„Zeichne noch eine.“
Sie zeichnete noch mehr Tränen.
Er griff nach der Kreide und die Mutter konnte sehen, dass er ein kleines Glitzern in seine Augen bekam. Er zeichnete riesige Tränen. Dann zeichnete die Mutter ein anderes Gesicht, das nicht ganz so traurig war. Benjamin hatte zu diesem Zeitpunkt ein leichtes Lächeln, daher zeichnete die Mutter ein glückliches Gesicht. Er fing an zu kichern. Anschließend spielten die beiden wieder mit den Zügen. Der Wutanfall war abgewendet

Werkzeug #4: Geben Sie in der Fantasie, was Sie in Wirklichkeit nicht geben können

Manchmal wünscht sich Ihr Kind etwas, das Sie nicht realisieren können. Ihr erster Impuls ist in der Regel, Ihrem Kind zu erklären, warum es nicht sein kann, nicht sein soll oder nicht sein darf. Das ist der rationale Ansatz.

Und wie funktioniert das üblicherweise? Nicht so gut? Geht Ihr Kind nicht auf Ihre Logik ein? Sobald Sie mit Ihren Erklärungen beginnen, hält es sich die Ohren zu und schreit? Damit sind Sie nicht allein! Ein Kind in emotionaler Notlage ist kaum durch einen vernünftigen Diskurs zu beruhigen.

Ein tolles Werkzeug für solche Momente ist es, dem Kind in der Fantasie das zu geben, was man in Wirklichkeit nicht geben kann. Wenn Ihr Kind im Auto weint, weil es an die Süßigkeiten denkt, die Sie ihm im Einkaufszentrum nicht gekauft haben, ist nicht der richtige Zeitpunkt für einen Vortrag über Karies. Geben Sie es zu! Süßigkeiten schmecken gut!

Wäre es nicht schön, wenn wir jeden Tag Süßigkeiten essen könnten und unseren Zähnen nichts Schlimmes dabei passieren würde? Was würden wir zum Frühstück wollen? M&Ms oder Lutscher? Und wie wäre es mit dem Mittagessen?

Lassen Sie Ihre Kinder in Ihrer Fantasie schwelgen. Ich erinnere mich an eine denkwürdige Fahrt nach Hause, als sich meine drei Jungen glücklich eine Welt vorstellten, in der das Auto selbst aus Süßigkeiten bestand und sogar die Straße mit Süßigkeiten gepflastert war. Sie hätten eine Rast einlegen können und an der Stoßstange knabbern oder ein kleines Stück Pflaster abbrechen können, wenn Sie Lust auf einen Snack gehabt hätten.

Sarah aus unserer Gruppe ist Erzieherin. Sie ist auch die Mutter der siebenjährigen Sofia, des fünfjährigen Jake und der gerade drei Jahre alten Mia. Sie erinnerte sich an eine stressige Zeit in ihrem Leben, bei der ihr die Fantasie zur Seite stand.

Wir hatten eine Wohnung mit einem Schlafzimmer gemietet, und jetzt mit einem zweiten Kind wurde der Platz knapp. Wir machten endlich den großen Schritt und hatten uns für ein Haus entschieden. Wir waren aufgeregt, aber auch besorgt, weil wir mit den Kosten für den Kredit an unsere Grenzen stießen und überlegten auf dem Weg zur Bank zweimal, ob es die richtige Entscheidung war. Als ich eines Morgens Sofia zum Kindergarten fuhr, fing sie an zu jammern: „Ich hasse das neue Haus!“
Ich weiß, dass kleine Kinder Veränderungen nicht mögen und dass es ihr gutes Recht war, über den Umzug verärgert zu sein, aber das stoppte meine derzeitige Reizbarkeit nicht. Ich griff nach ihr, damit sie aufhörte zu jammern. Dann begann ich mit einem Vortrag darüber, dass die alte Wohnung viel zu klein gewesen war und in einer schlechten Umgebung gelegen hatte, und dass sie im neuen Haus ein eigenes Zimmer haben würde.
Ich sprach weiter und weiter, bis ich hinüberblickte und bemerkte, dass sie weinte. Das brachte mich dazu, meinen Vortrag zu unterbrechen: „Oh je, du magst das neue Haus wirklich nicht. Du willst ein anderes Haus haben.“
Sie sagte: „JA!“
„Was wäre, wenn du dir ein Haus aussuchen könntest? Wie würde dein Haus aussehen?“
„ROSA“
„Ohhh, ein rosafarbenes Haus.“
„Ja, es hätte rosa Wände und ein rosa Dach und ein rosa Bett.“
„Wie wäre es mit etwas rosa Gras auf dem Rasen?“, bot ich an.
„Maa-aamaa, kein rosafarbenes Gras. Es könnte aber rosa Blumen geben.“
Den Rest der Fahrt verbrachten wir glücklich damit, alle Dinge im Haus aufzulisten, die rosa sein könnten. Die Stimmung war gerettet. Später kauften wir ein paar rosa Laken für ihr Bett. Ich konnte ein glückliches Kind in die Schule bringen, anstatt ein jämmerlich weinendes.“

Werkzeug #5: Gefühle mit (fast) stiller Aufmerksamkeit anerkennen
(Sagen Sie nicht nur etwas. Bleiben Sie dran!)

Dies führt uns zu einem kleinen und unscheinbar wirkenden Werkzeug von großer Macht. Das Werkzeug der (fast) stillen Aufmerksamkeit. Sie können Ihrem Kind weiterhin zuhören und mit einem empathischen „Ugh!“… „Mmm“, „Ooh“… oder „Huh“ antworten. Häufig genügt das nicht. Durch ein aufmerksames Zuhören und ein festes Zusammendrücken der Lippen oder ein mitfühlendes Grunzen können wir unseren Kindern helfen, ihren eigenen Weg durch ihre Gefühle zu finden. Das Geschenk, das wir ihnen machen können, ist, ihren Prozess nicht zu behindern mit Reaktionen wie Ratschlägen, Fragen und Korrekturen. Das Wichtigste ist, ihnen unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken und ihnen zu vertrauen, dass sie es selbst herausfinden.

Sarah hat uns von diesem Werkzeug berichtet: „Nun, ich habe es geschafft! Meine siebenjährige Tochter kam kurz vor dem Schlafengehen herein, um sich wieder mal über ihren jüngeren Bruder zu beschweren. Ich habe zu dieser Tageszeit sehr wenig Geduld. Ich kann nur denken: Wann ist es endlich vorbei? Er war in ihr Zimmer gekommen und hatte ihr Spielzeug berührt, ohne zu fragen. Er hatte sie wie üblich geärgert. Normalerweise versuche ich ihr zu sagen, dass er nur ein kleines Kind ist, und sie sollte geduldiger sein, was dazu führt, dass sie meine Erklärungen mit einer lauteren und emotionaleren Stimme wiederholt. Diesmal sagte ich nur: „Mmm… äh… oh… ich verstehe…“ Es war nichts weniger als ein Wunder. Nach ungefähr fünf Minuten sagte sie: „Okay, ich werde jetzt lesen“ und gab mir einen Gutenachtkuss. Ich musste nichts lösen und fühlte mich sehr befreit!“

Zusammnefassung: Werkzeuge zur Anerkennung von Gefühlen:

1. Gefühle mit Worten anerkennen
„Du hast dich auf diese Verabredung zum Spielen gefreut. Wie enttäuschend!“
„Es ist so frustrierend, wenn die Schienen auseinanderfallen.“

 2. Gefühle durch Schreiben anerkennen
„Ach nein! Wir haben nicht die Zutaten, die wir brauchen! Lass uns eine Einkaufsliste erstellen.“
„Du willst wirklich dieses Unterwasser-LEGO-Set. Lass es uns auf deine Wunschliste schreiben.“

3. Gefühle mit Zeichnungen anerkennen
„Du scheinst so traurig zu sein.“ (Zeichnen Sie ein Strichmännchen mit großen Tränen oder stellen Sie einfach Wachsmal- und Bleistifte zur Verfügung.)
„Du bist so wütend!“ (Machen Sie wütende Linien oder zerreißen und zerknüllen Sie Papier.)

4. Geben Sie in der Fantasie, was Sie in Wirklichkeit nicht geben können
„Ich wünschte, wir hätten noch eine Million Milliarden Stunden zum Spielen.“

5. Gefühle mit (fast) stiller Aufmerksamkeit anerkennen
„Ugh!“ … „Mmm“, „Ooh“ … oder „Huh“.

Alle Gefühle können akzeptiert werden. Einige Ausbrüche müssen unterbunden werden!
– Vermeiden Sie „ABER“. Stellvertreter: „Das Problem ist …“ oder „Obwohl du weißt, …“
– Passen Sie die Emotion an. Seien Sie dramatisch!
– Widerstehen Sie dem Drang, einem verzweifelten Kind Fragen zu stellen.

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch:

WieSiesprechensollten-cover

Joanna Faber / Julie King
Wie Sie sprechen sollten, damit Ihr Kind Sie versteht
Ein Überlebenshandbuch für Eltern mit Kindern von 2 bis 7 Jahren
Broschur, 384 Seiten
Oberstebrink 2020
ISBN: 978-3-96304-026-9
24 €




Die Betreuungswünsche vieler Eltern können nicht erfüllt werden

„Kindertagesbetreuung Kompakt“ beschreibt den Ausbaustand und Bedarf 2022

Der Betreuungsbedarf der Eltern für Kinder unter drei Jahren ist weiter gestiegen und lag 2022 bei 49,1 %. Doch nur 35,5 % der Kinder dieser Altersgruppe wurden 2022 tatsächlich auch betreut. Die Differenz zwischen Betreuungsquote und Bedarf bei Eltern von U3-Kindern liegt demnach bei 13,6 Prozent. Bei den unter Dreijährigen ist diese Lücke weiterhin größer als bei den Kindern zwischen drei und fünf Jahren. Dies ist ein zentrales Ergebnis der jetzt vorliegenden achten Ausgabe von „Kindertagesbetreuung Kompakt – Ausbaustand und Bedarf 2022“ des Bundesfamilienministeriums (BMFSFJ), in welche Daten der DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) und der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat) an der TU Dortmund miteinfließen.

Stark abweichende Öffnungszeiten in Ost- und Westdeutschland

Die Öffnungszeiten in der Kindertagesbetreuung unterschieden sich deutlich zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Osten öffneten Kindertageseinrichtungen für Kinder vor dem Schuleintritt deutlich früher. Zudem schlossen Einrichtungen für Kinder dieser Altersgruppe auch später als im Westen. Des Weiteren öffneten Horte und Einrichtungen mit Hortangeboten im Osten deutlich früher. Die Hort-Schließzeiten waren dagegen in Ost- und Westdeutschland ähnlich.

Belastungen für die Eltern durch Schließungen des Betreuungsangebots

Durch die Coronapandemie war eine zuverlässige Betreuung für viele Eltern im Kitajahr 2021/2022 nicht immer gegeben. Zeitweise Schließungen des Betreuungsangebots betrafen Eltern mit Kindern im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt dabei häufiger als Eltern mit Kindern unter drei Jahren. Für Eltern beider Altersgruppen stellte diese Situation eine deutliche Belastung dar. Außerdem waren vier von fünf Eltern von Grundschulkindern im Schuljahr 2021/2022 von zeitweisen Schließungen des Betreuungsangebots betroffen. Auch für sie war diese Situation sehr belastend.

Große Lücke bei Betreuungsbedarf und Betreuungsquote von Grundschulkindern

Nach einem Rückgang im Vorjahr wurden für das Schuljahr 2021/2022 wieder mehr Grundschulkinder in Hort- und schulischen Ganztagsangeboten in der Statistik erfasst als noch im Jahr davor. Dennoch zeigen die Ergebnisse zur Ganztagsbetreuung von Kindern im Grundschulalter, dass es auch 2022 im Bundesdurchschnitt eine Lücke zwischen dem Betreuungsbedarf der Eltern und der Betreuungsquote gab. 73 Prozent der Eltern wünschten sich einen Betreuungsplatz für ihr Grundschulkind, die Quote der in Horten und Ganztagsschulen betreuten Kinder lag jedoch nur bei 55 Prozent. Um den Bedarf der Eltern zu decken, werden daher mehr Plätze in schulischen Ganztags- und Hortangeboten sowie weiteren Betreuungsangeboten für Grundschulkinder benötigt.

DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS)

Seit 2016 erarbeitet das KiBS-Team jährlich eine Reihe von vertieften Analysen, die im Format des DJI-Kinderbetreuungsreports als Serie thematisch fokussierter Studien verfügbar sind. Die Auswertungen beschäftigen sich etwa mit den Kosten der Kindertagesbetreuung, den Gründen für eine Nichtinanspruchnahme von Kindertagesbetreuung oder der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Report 2023 werden die zentralen Indikatoren der Erhebung aus dem Jahr 2022 vorgestellt.

Detaillierte Ergebnisse zum Betreuungsbedarf im U3- und U6-Bereich sind in Studie 1 des KiBS-Reports 2023 zu finden. Studie 2 des Reports 2023 beschäftigt sich mit Bildungs- und Betreuungsangeboten für Grundschulkinder und den elterlichen Bedarfen. Beide Studien erscheinen voraussichtlich im September 2023.

Marion Horn, Deutsches Jugendinstitut e.V.




Wir müssen selbst die Musik als ein Erlebnisinstrument entdecken!

Prof. Armin Krenz im Interview zur Bedeutung von Musik und Tanz für Kinder

Im Interview mit dem renommierten Sozialpädagogen und Entwickler des „Situationsorientierten Ansatzes“ Prof. Armin Krenz (Foto) versuchen wir dem Widerspruch auf den Grund zu gehen, warum Musik und Tanz einerseits von so elementar wichtiger Bedeutung von Kindern sind, andererseits aber nur ein Mauerblümchendasein im pädagogischen Alltag vieler Kindertageseinrichtungen und Grundschulen spielen.

Dabei zitiert Krenz neben vielen anderen den Musikwissenschaftler und Bildungsexperten Prof. Hans Günther Bastian mit den Worten: „Es musiziert in jedem Kind, ob es das weiß oder will oder nicht.“ Laut Krenz werden Kinder als „Ohrenmenschen“ geboren mit einer „musikalischen Biographie“. „Sie haben die Stimme der Mutter wahrgenommen, reagieren schon im Mutterleib auf Musik und Melodien, hören den Herzschlag, nehmen Vibrationen der Stimme der Mutter wahr … Somit ist eine Bereitschaft zum Musikempfinden immer vorhanden – und wir können diese Kompetenz aufgreifen oder verkümmern lassen!“

(Das komplette Interview können Sie sich hier anhören)

Interview mit Armin Krenz

Entsprechend groß ist die Bedeutung der Musik für Kinder: „Lernen mit allen Sinnen“, „Rhythmik“, „Wahrnehmungsbereitschaft, Geräuschesensibilisierung und Wahrnehmungsdifferenzierung“, „Inklusionsmethode“, „Bewegungsfreude und Tanz“, „Hinhören, soziales Lernen, Kontaktfähigkeit und Aktivitätswünsche“ seien hier als Stichworte genannt, die Krenz im Interview weiter ausführt.

Lernprozesse durch Musik

Zu den Lernprozessen erläutert er, dass Musik immer beide Gehirnhälften anrege und damit für die Ausformung des Gedächtnisses und alle Bildungsprozesse von größter Bedeutung sei. „Insofern kann man sagen: Musik ist hör- und fühlbare Mathematik, weil sich der Rhythmus immer in einem Takt ausdrückt und für eine systematische Wahrnehmung mit festzustellenden Entwicklungsfortschritten sorgt“, so der Professor. Musik schaffe soziale Gelegenheiten und fördere ein Gemeinschaftsgefühl. Durch Musik könnten Kinder ihren Körper ganz intensiv spüren und so sorge sie dafür, ganz in sich und bei sich selbst zu sein. Mit Musik würden Kinder auch ihre Stimme entdecken, indem sie die Melodie sprachlich unterstützten und Freude dabei empfänden, mit der Musik in einen Dialog einzutreten. Sie rege die Sprache an – den Wunsch, Gefühle und Erlebnisse in Worte zu fassen, zu beschreiben und entstandene Gedanken in Handlungen umzusetzen. Sie helfe einen individuellen Musikgeschmack zu entwickeln, mit dem sich das Kind identifizieren könne. Gerade solche Identifikationen tragen zu einer persönlichen Stabilität bei, die das Selbstwertgefühl eines Kindes stärke Diese Zusammenfassung zeige damit auf, dass es beim Erleben von Musik immer um die Trinität von „Musikerleben-Bewegungsaktivität-Sprachentwicklung“ gehe.


Was Erzieherinnen und Erzieher wissen sollten

Die Rolle der Erzieherinnen und Erzieher ist vielfältig und stets im Wandel begriffen. Weiterbildung zu Themen wie Bindungs- und Bildungsforschung, Neurobiologie und Lern- und Entwicklungspsychologie ist daher ständig notwendig. Damit das Wissen um die neuesten Erkenntnisse im Bereich Elementarpädagogik immer zur Hand ist, hat Dr. Armin Krenz 20 zentrale Präsentationen aus seinen Seminaren und Workshops zusammengestellt.

Armin Krenz
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Musik dürfe allerdings nicht zur Geräuschkulisse oder Berieselung verkommen. Sie brauche Stille und Konzentration, um zum Bildungserlebnis zu werden. „Musik muss sich immer – stimmlich, instrumentell, rhythmisch und textbezogen – an den Themen der Kinder, ihren Musikorientierungen und an den spezifischen Bedürfnissen der Kinder orientieren!… Kinder wollen Akteure sein – gespürte Selbstaktivitäten zum Ausdruck bringen und damit ihre Selbstwirksamkeit erleben: Ich bin wichtig, bedeutsam, jemand, der beachtet und gesehen wird, nicht überflüssig, ich bin Ich und ich kann schon Vieles mitbewirken, Einfluss nehmen, mich freuen und Zufriedenheit spüren… Diese zwei grundlegenden Erfahrungen – ich bin und ich kann – bilden die Grundlage für eine Identitätsentwicklung und sind eine Voraussetzung für die Entwicklung von Sicherheit im Sinne einer Persönlichkeitsstabilisierung!“

Gründe für den Bedeutungsverlust

Gründe für den Bedeutungsverlust von Musik in der pädagogischen Praxis sieht Krenz unter anderem darin begründet, dass mittlerweile vielen elementarpädagogische Fachkräfte nicht gerne an „Bewegungsaktivitäten“ teilnehmen, nicht gerne singen oder Schwierigkeiten damit haben, nur noch selten ein Instrument und selbst nur noch ein recht kleines Repertoire an Liedern und Singspielen haben.

Ein Plädoyer für viel mehr Musik

„Wir müssen endlich – unumstößlich – der MUSIK (mit Rhythmus und Tanz) den bildungsrelevanten Bildungswert zugestehen, diesen in die Elementarpädagogik aufnehmen und in die projektorientierte Arbeit integrieren, auch um wissenschaftliche Erkenntnisse umzusetzen.
Wir müssen aufhören, eine Elementarpädagogik zu konzipieren und den Kindern aufzudrücken, die nur noch auf kognitive Frühförderung ausgerichtet ist und funktional, lieblos, lernzielorientiert gestaltet wird.
Wir müssen damit beginnen, Musik, Bewegung, Tanz nicht wie ein Nebenfach in der Schule zu betrachten und immer mehr in den Hintergrund zu schieben.
Wir müssen selbst die Musik als ein Erlebnisinstrument entdecken und wertschätzen, um die „Sprache der Musik“ als ein durch nichts zu ersetzendes Medium zu begreifen!“, lautet das Plädoyer von Armin Krenz. „Nur die Töne sind imstande, die Gedankenrätsel zu lösen, die oft in unserer Seele geweckt werden.“, zitiert er Hans Christian Andersen und schließt mit den Worten: „Und weil wir selbst der Musik, dem Rhythmus des Lebens und dem Tanz in der Pädagogik eine immer geringere Bedeutung beimessen, bleiben uns viele Geheimnisse des Lebens verborgen. Doch sie zu entdecken, hilft dabei, ganz spannende Gedankenrätsel zu lösen. Was kann es Spannenderes geben?!“




Rhythmus für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen

Rhythmische Erziehung unterstützt das Agieren aus dem eigenen Kraftzentum

Viele Kinder fallen schon in den ersten Lebensjahren durch ein Verhalten auf, für das man zahlreiche Bezeichnungen in der psychologischen, psychiatrischen, psychotherapeutischen und heilpädagogischen Literatur findet. Für Begriffe wie exogenes Psychosyndrom, psychoneurologische Lernschwäche, Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), hyperkinetisches Syndrom (HKS) und andere Syndrome gibt es zahlreiche Symptome (Klein 2018a, S. 106 ff.). Beunruhigend sind Angaben, nach denen sich die Zahl der Zwei- bis Vierjährigen, die Psychopharmaka schlucken, im vergangenen Jahrzehnt verdreifacht habe.

An erster Stelle der Verschreibungen stehe das Aufputschmittel (Psychostimulans) Methylphenidat (Ritalin), das bei emotionaler Labilität, Störungen der Wahrnehmung und der Bewegungskoordination, Teilleistungs-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen oder Hyperaktivität helfen soll. Nach amerikanischen Studien weist etwa jedes dritte bzw. vierte Kind unter sieben Jahren solche Symptome auf. Bis zu neun Millionen „Zappelphilippe“ bekommen Ritalin verordnet. Hilft das nicht, was oft der Fall ist, müssen Eltern, Erzieher und Wissenschaftler nach anderen Lösungen suchen.

Die kritische Betrachtung lässt folgenden Schluss auf mögliche Bedingungen zu

Fernsehen, Computerspiele und die Spielzeugindustrie machen Jagd auf die Kinder. Was tun, wenn schon die Kleinsten vor dem Bildschrim sitzen? Was sollen sie dem Konsumdruck und Markenterror denn entgegensetzen? Eltern und Erzieher sind oft ratlos und resignieren. Wie können sie ihr Kind begleiten? Für Josef Weizenbaum, einen Pionier der Computertechnik, ist der kindliche Geist ursprünglich voll von herrlicher kreativer Phantasie. Die intuitive Kraft werde aber gestört, wenn das Kind bedingungslos ihm von außen aufgenötigten Regeln folge. Tatenlosigkeit beim Zuschauen lähme seinen Willen, es werde von der vorgegebenen Welt abhängig. Außengeleitet und lediglich konsumierend sei das Kind nicht oder nicht hinreichend in sich geborgen und frei für eigenes schöpferisches Tun. Da es primär auf Reize zu reagieren lerne, fehle ein Agieren aus eigenem Kraftzentrum. Ganz offensichtlich halten uns die heutigen Kinder einen entlarvenden Spiegel vor: Sie sind Kinder ihrer Zeit und Umwelt, an der auch wir Teil haben.

Diagnostische Kriterien von ADS, ADHS und HKS sind keineswegs spezifisch:

  • Unaufmerksamkeit/Desorganisation: Die Kinder können ihre Aktivität nicht selbst in die Hand nehmen oder zu Ende führen, sind unkonzentriert und ablenkbar, können ihre Zeit nicht einteilen, ordnen sich in die Gruppe schlecht ein, machen viele Flüchtigkeitsfehler und wirken häufig wie geistesabwesend.
  • Hyperaktivität: Kinder zeigen motorische Unruhe (Bewegungsunruhe), wirken innerlich unausgeglichen, können sich nicht ausreichend entspannen.
  • Impulsivität: Kinder führen häufig unüberlegte Handlungen aus, können die Konsequenzen nicht einkalkulieren und kontrollieren, auf Kritik reagieren sie mit Wut.
  • Emotionale Instabilität: Kinder zeigen raschen Stimmungswechsel ohne besonderen Anlass, sind schnell ermüdbar und vermindert belastbar.

Welche Ursachen dieser Störung eigentlich zugrunde liegen, darauf geben Medizin und Neurobiologie (noch) keine befriedigende Antwort. Genetische Komponenten spielen wahrscheinlich eine wichtige Rolle, bestimmte Funktionssysteme des Gehirns dürften beeinträchtigt sein, eindeutig pathologische Befunde sind aber (bisher) nicht nachzuweisen. Man vermutet einen Mangel am Neurotransmitter Dopamin, der die Verarbeitung von Informationen steuert und Aufmerksamkeit strukturiert. Ritalin soll ein Dopamin-Defizit ausgleichen. Die medikamentöse Therapie muss aber durch psychosoziale Maßnahmen ergänzt werden (multimodale Therapie). Leider zeigt die Praxis, dass bei vielen Kindern ohne umfassende Diagnostik, die alle möglichen Ursachen analysiert, allein wegen der Symptome ein Medikament gegeben und die wichtige Einsicht negiert wird: Ein ADS-Kind ist vorrangig kein medizinisches Problem, sondern eine gesellschaftliche, soziale und pädagogische Herausforderung.

Es gibt nämlich Erfolg versprechende Hilfe auch ohne Medikament. So wurden Übungsprogrammen zur Konzentration entwickelt, die Spaß machen und einfach zu verwirklichen sind.

Folgende Aspekte sollte der therapeutische Erzieher beachten:

  • Gib wichtige Informationen in der Nähe des Kindes und ihm zugewandt, artikuliere deutlich, ohne dabei zu übertreiben.
  • Ergänze mündliche Informationen möglichst durch eine visuelle Informationsdarbietung: Bilder oder Blätter.
  • Ermuntere das Kind zum Nachfragen und achte darauf, dass dies von den anderen Kindern nicht als Unaufmerksamkeit abgewertet wird.
  • Sorge möglichst für Ruhe oder ruhiges Sitzen, zumindest solange wichtige Dinge angesprochen werden.
  • Akzeptiere, wenn sich das Kind eine Pause gönnt, versuche aber auch, es durch bewusste Ansprache in die Gruppe einzubinden.
  • Mache häufig Einzelübungen (Spiele) mit dem Kind, versuche dabei zu gegebener Zeit auch ein anderes in die Übungssituation einzubeziehen, so dass daraus nach und nach Partner- und Gruppenspiele werden.
  • Halte regelmäßigen Kontakt zum Elternhaus.

Diese Hinweise zur heilpädagogisch-psychologischen Begleitung von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörung und Hyperaktivität sind gut durch rhythmische Erziehung zu ergänzen. Sie kann „das Übel an der Wurzel“ fassen und den Kindern helfen, sich einer Aufgabe konzentriert zuzuwenden, Störungen der Aufmerksamkeit zu meiden, Lern- oder Verhaltensprobleme auszugleichen. Auch wenn mitunter auf ein Medikament nicht verzichtet werden kann, ist doch dessen Dosis möglichst gering zu halten bzw. seine Anwendung zeitlich zu begrenzen.

Rhythmik ist aller Bildung Anfang

Bei allen Versuchen, Rhythmik zu beschreiben und zu erklären, findet man Hinweise auf Lebensabläufe oder körperliche Funktionen und auf ihre Wechselwirkungen mit der Umwelt. Rhythmik kann auch verstanden werden als Bewusstmachen der Leiblichkeit mit dem Ziel, diese in Bewegungsformen auszudrücken. Sie ist so gestaltet, dass jeder Mensch, unabhängig von seinen Anlagen und Schwächen, die Möglichkeit hat, sich mit Hilfe des Rhythmus in Einklang mit seiner Umwelt zu bringen. (Klein 2012, S. 106)

Rhythmus ist offensichtlich schon im vorgeburtlichen Leben bedeutsam. Rhythmik und Musik erreichen den Menschen auch dort, wo keine andere Kommunikation möglich ist. Rhythmische Klänge erzeugen inneres Mitschwingen, wirken auf hormonelle und neurophysiologische Funktionen und setzen Entwicklungsprozesse frei. Erfahrungen von Musiktherapeuten sprechen für eine besondere, frühe Fähigkeit zur Lautperzeption, wobei tiefere Frequenzen über den Magen, höhere über Kopf, Hals und Brust wahrzunehmen sind. Der Kontaktvibrationssinn, ein Wahrnehmen von Schwingungen durch Berühren eines Resonanzkörpers, ist physiologisch durch auf Druck reagierende Sinnesrezeptoren in Muskeln, Gelenken, Bändern und Sehnen zu erklären.
Rhythmus ist ein Vorgang des Ordnens und Gliederns, des Weckens und Entfaltens. Er wirkt auf den Menschen als bio-psycho-soziale Einheit. Rhythmik ermöglicht ein Wechselspiel zwischen Empfangen und Geben, Empfinden/Wahrnehmen und Sich-Ausdrücken bzw. Handeln – eine Grundlage der Kommunikation. (Klein 2012, S. 108)

Kinder brauchen Rhythmus

Ohne Rhythmus ist unser Leben nicht denkbar. Zwischen Rhythmen und Gewohnheiten besteht ein enger Wechselbezug: Rhythmen tragen zu Gewohnheiten bei und Gewohnheiten stabilisieren die Rhythmen.
Jedes Kind hat ein Bedürfnis nach Rhythmus und Kontinuität, Üben und Wiederholen. Damit entstehen Gewohnheiten, die Zuversicht, Sicherheit und Vertrauen in die eigenen Kräfte geben.

Bereits bei den ersten reflektorischen und sensomotorischen Aktivitäten des Neugeborenen spielen rhythmische Vorgänge eine große Rolle. Im Säuglingsalter bilden sich sensomotorische Schemata durch aktive Organisation von früheren Erfahrungen: Aus Greifreflexen entstehen Greifakte, Handbewegungen und Sehen werden koordiniert. In Wechselwirkung mit der Umwelt entstehen aus Nachahmung erste Gewohnheiten. Durch Differenzierung gehen neue aus vorhandenen Handlungsstrukturen hervor.
Die Entwicklungspsychologie weist eindringlich darauf hin, dass jedes Kind einen rhythmisch strukturierten Tagesablauf und stabile Gewohnheiten benötigt. Ist es von einer Entwicklungsauffälligkeit bedroht, braucht es ganz besonders Halt gebende Gewohnheiten und Rhythmik.

Die Bedeutung verschiedener Rhythmen, des Tages-, Wochen- oder Jahresrhythmus, ist durch viele Beobachtungen gut bekannt. Gewohnheiten stärken die Lebenskraft, sie können sie aber auch schwächen. Wenn Kinder und Erzieher heute über Kraftlosigkeit und Müdigkeit klagen, liegt dies auch an fehlenden Lebensgewohnheiten, die das Kohärenzgefühl stärken.

Literaturhinweise

Klein, F. (2012): Inklusion von Anfang an. Bewegung, Spiel und Rhythmik in der inklusiven Kita-Praxis. Köln (Vertrieb: Schaffhausen, SCHUBI Lernmedien AG)

Klein, F. (2018a): Inklusive Erziehung in Krippe, Kita und Grundschule. Heilpädagogische Grundlagen und praktische Tipps im Geiste Janusz Korczaks. München

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

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Gerhard Neuhäuser, Ferdinand Klein

Therapeutische Erziehung
Resiliente Erziehung in Familie, Krippe, Kita und Grundschule
Oberstebrink
ISBN: 9783963046056
192 Seiten, 25,00 €




Wachsende Defizite beim Spracherwerb und der Koordination

Barmer Kinderatlas: Sprachdefizite bei Kindern in Niedersachsen und Bremen immer ausgeprägter

Bei Kindern in Niedersachsen und Bremen zeigen sich immer häufiger Störungen beim Spracherwerb sowie Defizite bei der motorischen Koordination. Das belegen Daten im aktuellen Barmer Kinderatlas. Demnach wurde in Niedersachsen bei 14,1 Prozent der Kinder und in Bremen bei 10,5 Prozent der Schulkinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren im Jahr 2021 eine sogenannte Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache diagnostiziert. Das entspricht 72.000 Mädchen und Jungen in Niedersachsen und 4.400 im Land Bremen. Zum Vergleich: Im Jahr 2006 waren in Niedersachsen lediglich rund 47.000 Kinder von einer Sprachstörung betroffen, in Bremen rund 2.700.

„Die Zahl der Kinder mit Defiziten beim Sprechen liegt auf einem hohen Niveau. Störungen beim Spracherwerb gehören mit zu den häufigsten Diagnosen bei Heranwachsenden“, sagt Heike Sander, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Niedersachsen und Bremen. Zu den Sprech- und Sprachstörungen zählten etwa ein begrenztes Vokabular, Schwierigkeiten in der Satzbildung und bei der Grammatik sowie Probleme in der Ausdrucksfähigkeit und bei der Lautbildung. Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache zögen oft sekundäre Folgen nach sich, wie Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, Störungen im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, im emotionalen und Verhaltensbereich. „Kinder erlernen Sprache durch Nachahmen. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern viel mit ihrem Kind kommunizieren und den Medienkonsum begrenzen“, empfiehlt Sander.

Weder Hampelmann noch Purzelbaum

Auch der Anteil an Kindern mit motorischen Entwicklungsstörungen hat laut Auswertung im Barmer Kinderatlas deutlich zugenommen: Während im Jahr 2006 noch bei 18.700 der Sechs- bis Zwölfjährigen in Niedersachsen Defizite in der motorischen Koordination festgestellt wurden, waren es im Jahr 2021 bereits knapp 27.000. In Bremen gab es einen Anstieg von 800 auf knapp 1.300 betroffene Kinder. Die Diagnoserate liegt in der Altersgruppe in Niedersachsen bei 5,3 Prozent, in Bremen bei 3,0 Prozent. Zu den Ursachen für den Anstieg der motorischen Entwicklungsstörungen zählt auch der zunehmende Bewegungsmangel unter Heranwachsenden. „Viele Kinder können heute weder Hampelmann noch Purzelbaum. Dabei sind gut entwickelte, motorisch koordinative Fähigkeiten wichtig für Schule und Alltag“, sagt Sander. Eltern sollten deshalb ihre Kinder schon von klein auf zu vielfältigen fein- und grobmotorischen Bewegungsabläufen motivieren. Sollte auffallen, dass Kinder schlecht das Gleichgewicht halten, oft Sachen fallen lassen oder im Vergleich zu Gleichaltrigen tollpatschig wirken, könnten Eltern das Gespräch mit Kinderärztin oder Kinderarzt suchen.

Kontinuierlicher Aufwärtstrend bei Entwicklungsstörungen

Inwieweit die Corona-Pandemie Defizite beim Spracherwerb und der motorischen Koordination noch verstärkt hat, ist derzeit noch nicht absehbar. So ist der Anteil der niedersächsischen Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen vom Jahr 2019 zum Jahr 2021 um 0,2 Prozent gesunken, in Bremen gab es einen leichten Anstieg von 0,8 Prozent. Bei den motorischen Störungen ergab sich ein Plus von 0,3 Prozent in beiden Ländern. „Wir sehen in den Daten von 2006 bis 2021 einen starken Aufwärtstrend bei den umschriebenen Entwicklungsstörungen. Allerdings ist bisher kein überproportionaler Anstieg oder Abstieg in Zeiten der Lockdowns auszumachen“, sagt Sander. In wieweit die Einschränkungen während der Pandemie auch Auswirkungen auf diese Entwicklungsstörungen haben werden, sei Gegenstand weiterer Forschungen. „Es ist wichtig, dass wir jetzt ein besonderes Augenmerk auf die gesunde Entwicklung aller Kinder legen“, so Sander. Die qualitativ hochwertige medizinische Versorgung von Heranwachsenden stehe deshalb auch im Fokus des Barmer Kinder- und Jugendprogramms. Teilnehmende Familien profitierten unter anderem von zusätzlichen Früherkennungsuntersuchungen, kürzeren Wartezeiten beim Arztbesuch sowie einer Beratung der Eltern zu vielen Gesundheitsthemen.

Mehr zum Barmer Kinder- und Jugendprogramm: www.Barmer.de/a000068.

Quelle: Pressemitteilung Barmer Niedersachsen und Bremen




„Eingewöhnung“ erfasst auch eine „Ausgewöhnung“!

Ein herausfordernder Übergangsweg für Kinder in ein neues, unbekanntes Lebensumfeld

Notwendige, erzwungene und selbst freiwillig gewählte Übergänge (= Transitionen) von einem bekannten und bisher Sicherheit bietenden Lebensumfeld an einen unbekannten Ort stellen für alle Menschen eine große Herausforderung dar. Dies trifft auf alle Erwachsenen, insbesondere aber für Kinder zu. Und wenn diese besonders jung sind, ergeben sich um so mehr notwendige Überlegungen und dringlich angezeigte Handlungsvorhaben, um aktuelle und nachhaltige seelische Verletzungen (= Vulnerabilitäten) zu vermeiden.

Für viele Eltern(teile) ergibt sich – oftmals schon vor der Geburt ihres Kindes – die Frage, ob bzw. wie sie ihr weiteres (Berufs)Leben mit der neuen Situation, dass sie Eltern werden bzw. geworden sind, verbinden können/ wollen/ müssen. Soll/ wird das Kind eine Krippe besuchen, gibt es die Möglichkeit einer Tagespflegestelle. Ist vielleicht erst mit dem dritten Lebensjahr der Besuch eines Kindergartens angedacht oder ist der Krippen- und folgende Kindergartenbesuch schon fest eingeplant? Auf jeden Fall wird es verantwortungsvollen Eltern(teilen) stets darum gehen, eigene Wünsche/ Erwartungen/ Vorstellungen mit den notwendigen Überlegungen abzuwägen, was auch das Beste für das Kind sein könnte. So stellt sich ihnen bei einer bevorstehenden Entscheidung auch die Frage, wie das Kind die „Eingewöhnung“ erleben wird.

Der Begriff „Eingewöhnung“ ist nicht unproblematisch und zielt in eine falsche Richtung

Bevor es in diesem Beitrag um inhaltliche Ausführungen und Hinweise geht, muss eine wichtige Vorbemerkung vorgenommen werden.

Einerseits hat sich der Begriff „Eingewöhnung“ seit langer Zeit in das pädagogische Vokabular der Elementarpädagogik etabliert. Andererseits ist es immer wieder angebracht, auch etablierte Begriffe, gerade in der Pädagogik, deutlich in Frage zu stellen. Was gibt es nun an kritischen Anmerkungen, was dieses Wort in eine bedenkliche Richtung führt?

  1. „Eingewöhnung“ bedeutet, dass sich eine Person in eine unbekannte, fremde Situation eingewöhnen muss. Und damit zielt das Wort auf das „Objekt Kind“, das keine andere Wahl hat, sich den vielfältigen, neuen Herausforderungen stellen zu müssen. PARTIZIPATION im Sinne einer aktiven Mitsprache und Mitentscheidung ist für ein Kind dabei nicht möglich.
  2. Mit dem Begriff „Eingewöhnung“ wird in erster Linie dem KIND die Verantwortung aufgedrückt, sich in ein bestehendes Struktur-, Prozess- und Beziehungssystem einzufügen, um sich möglichst komplikationslos (und schnell?) an existierende Bedingungen >anzupassen<.
  3. Mit diesem Blick auf den Begriff „Eingewöhnung“ wird dem Kind eine so genannte >Bringschuld< zugewiesen, anstatt in erster Linie den Eltern(teilen) und den pädagogischen Fachkräften ihre primäre Verantwortung für einen gelingenden Übergang zu überbringen.

Um diesen, einen für das Kind entwicklungsförderlichen Übergang und notwendigen Perspektivwechsel zu erreichen, ist es geboten, eine neue Begriffsbestimmung zu nutzen, um damit auch den Bedeutungsgehalt zu wandeln. Zwei Vorschläge wären denkbar: statt „Eingewöhnung“ könnte der Zeitraum des Wechsels vom Elternhaus in einen neu anstehenden, tageszeitbegrenzten Aufenthaltsort als „kindzentrierte Übergangshilfe I“ oder „kindzentrierte Transitionsunterstützung I (für die Aufnahme in eine Krippe) bzw. „kindzentrierte Übergangshilfe II“ oder „kindzentrierte Transitionsunterstützung II“ (für die Aufnahme in einen Kindergarten“ gewählt werden. Da benutzte Begriffe auch bestimmte Gedankengänge in eine bestimmte Richtung führen, ist dies wahrlich kein überflüssiges Wortspiel. Damit stehen die ERWACHSENEN im Vordergrund und gleichzeitig in der Pflicht, für einen entwicklungsförderlichen Übergang zu sorgen. Wodurch dem zuvor erwähnten Perspektivwechsel Rechnung getragen werden würde.

Jeder einschneidende Übergang stellt für das Kind große Herausforderungen dar

Bei einem Übergang ist das Kind mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. So strömen die vollkommen neue Umgebung, die große Kinderzahl, unbekannte Erwachsene, andere Tagesrhythmen und –abläufe, unbekannte Geräusche und Gerüche auf das Kind ein. U n d  es muss in relativer Kürze mit einer mehrstündigen Trennung von seinen Eltern(teilen) zurecht kommen. Damit werden vom Kind relativ schlagartig neue >Lern- und Anpassungsleistungen< verlangt, die bei vielen verunsicherten/ ängstlichen Kindern unweigerlich zu starken Stressempfindungen führen. Jede pädagogische Fachkraft wird das herzzerreißende Weinen von Kindern, die verzweifelte Blicksuche nach den Eltern(teilen) oder schlimmstenfalls das apathische Stillsitzen eines Kindes, bei dem alles am Kind vorbeizugehen scheint, kennen. So gilt es als oberste Priorität, folgende seelische Verletzungserfahrungen konsequent zu vermeiden, damit das Kind keine zu frühen/ unerwarteten Trennungserlebnisse ertragen muss, in denen es Verlassenheitsängsten und Einsamkeitsgefühlen ausgesetzt ist,

  1. keine Beziehungsnöte aushalten muss, die durch empfundene, personausgedrückte Kälte, Unfreundlichkeiten, emotionale oder sprachliche Ablehnungen zum Ausdruck kommen,
  2. nicht mit Bedrohungsängsten konfrontiert wird – verursacht durch eine unangemessene Lautstärke, Reizüberflutungen, Distanzen durch eine ‚harte Mimik’ – ,
  3. keine Auslieferungserlebnisse erfahren muss, indem ein Kind keine Spiel- oder mit fehlender Zuwendung versehene Begleitung erfährt. Und es bei einem Hilfsbedarf mit einer fehlenden Unterstützung konfrontiert ist
  4. sowie in keine Ohnmachtssituationen durch ein respektloses/ geringschätzendes Erwachsenenverhalten oder gar durch Gewalterfahrungen gebracht wird.
  5. Ansonsten folgen unweigerlich vor allem zwei Erscheinungsformen bei Kindern, die durch Beobachtungen aus der Bindungs- und Vulnerabilitätsforschung vielfach belegt wurden. Einerseits kommt es dann bei sehr vielen Kindern zu deutlichen Entwicklungsrückschritten, die sich in vielfältiger Weise zeigen – auch mit nachhaltigen Auswirkungen auf den späteren Schulstart und die weitere Schulentwicklung. Und andererseits zeigen Kinder deutliche Irritationen im Bindungsverhalten an ihre Eltern(teile).

Kurz, präzise und übersichtlich: die Grundlagen der Kindheitspädagogik

Die Rolle der Erzieherinnen und Erzieher ist vielfältig und stets im Wandel begriffen. Weiterbildung zu Themen wie Bindungs- und Bildungsforschung, Neurobiologie und Lern- und Entwicklungspsychologie ist daher ständig notwendig. Damit das Wissen um die neuesten Erkenntnisse im Bereich Elementarpädagogik immer zur Hand ist, hat Dr. Armin Krenz 20 zentrale Präsentationen aus seinen Seminaren und Workshops zusammengestellt. So können Sie sich jederzeit schnell und effektiv einen Überblick verschaffen!

Armin Krenz
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Praktische Hinweise und Anforderungen an die elementarpädagogischen Fachkräfte

Aus den zuvor aufgeführten Argumenten ergeben sich deutliche Hinweise und Anforderungen für alle elementarpädagogischen Fachkräfte, die während der >kindzentrierten Übergangshilfe< mit den Kindern in Beziehung stehen und ihnen dabei entwicklungsstützend helfen wollen, ihren schwierigen Übergang aus der Familie (= ‚Ausgewöhnung’) in die Institution Krippe oder Kindergarten (= bisher in der Elementarpädagogik als ‚Eingewöhnung’ bezeichnet) möglichst schadlos zu meistern.

Die wichtigsten Eckwerte seien nun benannt:

  1. Kinder suchen in der Regel bei erlebten Unsicherheiten nach ihrer bevorzugten Bindungsperson. Diese sollten so lange zur Verfügung stehen, bis Kinder ihre innere Stabilität gefunden haben und sie  i h r e  Erzieher:in als zusätzliche Beziehungsperson gerne und zugleich zuversichtlich annehmen können.
  2. Die pädagogischen Fachkräfte dürfen dem Kind nicht zu schnell zu nahekommen, indem sie beispielsweise ein weinendes/ schreiendes Kind sofort auf ihren Schoß oder auf ihre Arme nehmen und – wenn auch mit liebevollen Versuchen – auf das Kind beruhigend einreden! Besser ist es, sich neben das Kind zu hocken und einfühlsam mit dem Kind versuchen zu sprechen. Bindungswünsche gehen immer vom Kind aus und können nicht durch eine distanzlose Körpernähe erzwungen/ hergestellt werden. Oftmals trägt ein solches Verhalten noch mehr zu einer Steigerung der Abwehr bei.
  3. Die Sprache der pädagogischen Fachkräfte sollte leise, ruhig, möglichst entspannt gestaltet und das Sprechtempo langsam sein. Dabei eignen sich kurze Sätze mit entsprechenden Sprachpausen.
  4. Es versteht sich von selbst, dass die ‚neuen’ Bezugspersonen dem Kind Zuverlässigkeit und Dauerhaftigkeit vermitteln. Ständig neue Gesichter, Stimmen und unterschiedliche Verhaltensspezifika irritieren ‚Übergangskinder’ und machen einen festen Beziehungsaufbau kaum bzw. gar nicht möglich.
  5. Eltern(teile), die das Kind in seiner Übergangszeit begleiten, sollten sich in der Zeit des Übergangs möglichst aus der Interaktionsgeschehen/ dem Erkunden des Kindes heraushalten, um dem Kind vielfältige Chancen zu geben, die neue Umgebung neugierig und mit einem eigenen Zeitempfinden zu erkunden.
  6. Zu Beginn des Übergangs haben die Eltern(teile) zunächst mehrere Tage dabei zu sein. Der genaue Zeitraum richtet sich nach der Zufriedenheit/ der selbstständigen Erkundung/ dem Wohlgefühl des Kindes. In dieser Zeit des Ankommens und Kennenlernens sollten von Seiten der Eltern(teile) keine Trennungsversuche unternommen werden. Viele Eltern(teile) erwarten eine zu schnelle Loslösung des Kindes. Beobachtungen zeigen: zu frühe/ schnelle Trennungen erhöhen den Unsicherheitsfaktor des Kindes und verlängern häufig die Übergangszeiten signifikant um ein Vielfaches!   
  7. Die Fachkräfte sollten dem Kind ebenfalls Zeit lassen, eigene Beobachtungen zu machen und Vorhaben auszuprobieren. Nichts ist schlimmer als dass Fachkräfte dem Kind immer wieder irgendwelche Dinge zeigen oder versuchen, sie für Handlungsaktivitäten zu motivieren.
  8. Während der Anwesenheit der Eltern(teile) ist es sehr hilfreich, wenn sich die Fachkräfte auch viel und intensiv mit den Eltern(teilen) entspannt und wertschätzend unterhalten, so dass dadurch dem Kind vermittelt wird: „Mama bzw. Papa fühlen sich hier wohl. Hier geht es ihnen gut. Dann kann es mir hier auch gut gehen.“
  9. Es ist immer von Vorteil, wenn 2 Fachkräfte für das ‚Übergangskind’ Ansprechpartner:innen/ Bezugspersonen sind. Weil es auch in der Zeit des Übergangs durchaus möglich ist, dass eine Fachkraft durch Krankheit/ Fortbildung/ Urlaub/ Vertretungen als Bezugsperson nicht zur Verfügung steht. Damit wäre das Kind gezwungen, erneut einen Beziehungsabbruch in Kauf zu nehmen. Und wäre darüber hinaus erneut mit einem „fremden Gesicht“ konfrontiert.
  10. Die Fachkräfte sollten nach Möglichkeit die Handlungsimpulse des Kindes wohlwollend kommentieren, aufgreifen und sich auf diese Weise langsam dem Interesse des Kindes zuwenden.
  11. Wie in den gängigen „Eingewöhnungsprogrammen“ sind die Übergangskinder einzeln oder zu zweit über eine Zeitspanne von einer oder zwei Wochen aufzunehmen, bevor sich die Fachkräfte weiteren Übergangskindern zuwenden.
  12. Je kleiner die feste Gruppe, in die die Kinder aufgenommen werden, ist, umso mehr kann das Kind Sicherheiten aufbauen und sich mit entspannter Freude auf den aktuellen/ neuen Tag einlassen.
  13. Jede Übergangszeit ist ein individuumsbezogener Versuch, dem betreffenden Kind die Übergangszeit so angenehm wie möglich zu machen. Aus diesem Grund sind starre, so genannte standardisierte Vorgehensweisen abzulehnen und müssen vielmehr auf das individuelle Kind abgestimmt werden. Wie heißt es doch immer wieder: „Wir holen das Kind da ab, wo es steht“. Und nicht: „Wir ziehen ein Kind dorthin, wo wir bzw. Eltern es haben wollen.“
  14. Die neue Situation und das neue Aufenthaltsfeld müssen für das Kind überschaubar und einschätzbar, bekannt und annehmbar sein. Das hilft seinem Orientierungswunsch, Sicherheit zu erlangen und die Überschaubarkeit des Raumes/ der Kindergruppe selbst schließt eine Reizüberflutung eher aus. Reizüberflutungen führen zu Irritationen und neuen Belastungen.
  15. Manches Mal ist es für das ‚Übergangskind’ hilfreich, wenn ihm ein älteres ‚Patenkind’ zur Seite gestellt wird, das – selbstverständlich freiwillig und gerne – in gewisser Weise die Aufgabe eines/einer Begleiter:in übernimmt.           

Diese o.g. Anforderungen müssen für Übergangskinder stimmen, um ihren neuen, zeitlich begrenzten aber zugleich auch neuen Aufenthaltsort mit Freude und intrinsisch motiviertem Interesse als gegenwärtigen sowie zukünftigen ‚Entwicklungsort’ gerne anzunehmen.                                 

Resümee:

Es geht bei der Frage nach einer optimalen Übergangsgestaltung für das Kind in erster Linie nicht um die Frage, ob das Kind schon „reif“ für die Krippe bzw. den Kindergarten ist sondern vielmehr darum, ob die Krippe/ der Kindergarten, die Struktur-/ Rahmenbedingungen sowie die Persönlichkeiten der Fachkräfte „reif“ (= entwicklungsförderlich) für das Kind sind! Auch hier ist also – ganz im Interesse des Kindes und den dafür notwendigen Ausgangsbedingungen – ein deutlicher Perspektivwechsel zur gängigen elementarpädagogischen Praxis vorzunehmen. 

Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz, Hon.-Prof. a.D.

Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz, Hon.-Prof. a.D., Wissenschaftsdozent, F.R. Entwicklungspsychologie/ -pädagogik mit Zulassung zur heilkundlich, psychologisch therapeutischer Tätigkeit und internationalen Lehraufträgen

Literatur

  • Burat-Hiemer, Edith: Ein gelungener Start in die Kita. Cornelsen Verlag, 2011
  • Dreyer, Rahel. Eingewöhnung und Beziehungsaufbau in Krippe und Kita. Verlag Herder, 2017
  • Griebel, Wilfried + Niesel, Renate, Übergänge verstehen und begleiten. Cornelsen Verlag, 2011
  • Hédervári-Heller, Éva (Hrsg.), Eingewöhnung und Bindung. Verlag Brandes & Apsel, 2019   
  • Krenz, Armin, Kinder brauchen Seelenproviant. Kösel Verlag, 6. Auf. 2019

Buchtipp für Tageseltern:

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Meine ersten Wochen bei der Tagesmutter
Mazzaglia, Marion Klara

Oberstebrink
ISBN: 9783963040214
16 Seiten, 10,00 €

Dieses Buch hilft Kindern und Eltern bei der Eingewöhnung bei der Tagesmutter. Durch die klare und detaillierte Darstellung ist es der ideale Begleiter für die erste Zeit in der neuen Umgebung.




Spielideen zum Thema Gefühle für Kinder unter drei Jahren

gefuehle

Die Vielfalt der Gefühle erfahren, darstellen und kontrollieren

„Das Risiko von Gefühlsausbrüchen nimmt zu, weil wir unsere emotionale Intelligenz nicht schulen, während die Angst im Alltag wächst. Wir rechnen an jeder Straßenecke mit Gefahren. Mehr und mehr Leute, vor allem Jugendliche tragen Waffen. Die drücken einfach ab, wenn der Verstand von der Angst überrumpelt wird. Tatsächlich gibt es heute Kinder, die ein neutrales Gesicht nicht von einem feindlichen unterscheiden können. Sie schlagen ein anderes Kind, weil sie dessen Gesichtsausdruck falsch interpretieren.“

Charmaine Liebertz

Hier finden Sie drei Spiele, bei denen Kinder lernen, ihre Gefühle zu erkennen und/oder kontrolliert zum Ausdruck zu bringen:

Schrei dich frei!

Alter: ab 18 Monate
Zeit: ca. 1 Minute
Sozialform: Einzel- oder Gruppenspiel

So geht’s

Wer kennt sie nicht, die Augenblicke, in denen wir unsere Gefühle am liebsten rausschreien würden? Geben Sie den Kindern in der freien Natur die Gelegenheit dazu: »Ich zähle nun bis drei, dann haltet ihr euch die Ohren zu und schreit so fest ihr könnt eure Gefühle heraus!«

Tipp

In diesem lustigen Schreikonzert können die Kinder die Vielfalt ihrer Gefühle erfahren und sich von angestauten Empfindungen befreien: »Schreit mal freudig, wütend, ängstlich und auch mal traurig!«

Der Stimmungswürfel

Alter ab 2,5 Jahre
Zeit ca. 10 Minuten
Sozialform: Paar- oder Gruppenspiel
Material: Stimmungswürfel

So geht’s

Eine Kleingruppe (2 bis 4 Kinder) wirft im geheimen Kreis einen Stimmungswürfel. Den anderen Mitspielern bleibt das Ergebnis verborgen. Nun stellt die Kleingruppe das gewürfelte Gefühl mimisch, gestisch und mithilfe von Lauten dar. Während ihrer Vorführung versuchen die anderen Kinder, zu erraten, welches Gefühl dargestellt wird. Wer es als Erster errät, darf eine eigene kleine Gruppe zusammenstellen und erneut würfeln. Ratsam ist eine anschließende Diskussion darüber, wie andere Kinder das Gefühl dargestellt hätten.

Tipp

Dieses Spiel macht den Kindern auch als Paarspiel große Freude. Dann gibt es wechselseitig einen Darsteller und einen Rater. Übrigens: Fertige Stimmungswürfel können Sie im Handel kaufen. Schöner ist es, wenn Sie unbemalte Holz- oder Schaumstoffwürfel gemeinsam mit den Kindern gestalten.

Der Wutsack

Alter: ab 18 Monate
Zeit: 3 Minuten
Sozialform: Einzelspiel
Material: Leinensack, Füllmaterial, Seil, Deckenhaken

So geht’s

An einem dicken, mit weichem Material gefüllten Leinensack kann sich so mancher Wutkandidat abreagieren! Befestigen Sie einen solchen Wutsack an der Decke Ihrer Einrichtung, hängen Sie noch kleine Box- oder dicke Wollhandschuhe daran und schon können die Kinder ihre Aggressionen ungefährlich und effektiv ablassen.

Tipp

Den Wutsack sollte ein Fachmann befestigen, um eine sachgerechte Aufhängung zu garantieren und Verletzungen zu vermeiden.

Die Spiele haben wir aus folgender Spielekartei: (Illustrationen: Katharina Reichert-Scarborough, München)

cover-kartei-u3

Die U3-Spielekartei – Gefühle, Rituale, Wahrnehmung
Liebertz, Charmaine
Oberstebrink
ISBN: 9783963046032
14,95 €