Eine gemeinsame Sprache in multinationalen Gruppen finden

vintage typewriter

Über das Geschichtenerzählen zur Verständigung finden

Theodor Fontane hat einmal gesagt: „Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache, und wir haben sie, um zu sprechen“ (aus „Unwiederbringlich“, 1892), und wie wichtig die Sprache ist, weiß jeder, der einmal im fremdsprachigen Ausland war, und auf dem Markt seine Wünsche äußern wollte: Wie dankbar ist man dann über die Ausdruckskraft seiner Hände und Füße, um etwas deutlich zu machen. Wie war es denn damals, als die ersten ausländischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen? Wurden sie einfach ins kalte Wasser geschubst und mussten zusehen, wie sie die deutsche Sprache erlernten? Nein, schon damals wurden eigens für sie und ihre Kinder Sprachprogramme entwickelt, die es ihnen ermöglichen sollten, schnell die deutsche Sprache zu lernen, damit sie sich bald im deutschen System zurechtfinden und wohlfühlen konnten. Eine gemeinsame Sprache wird als Grundlage für die Verständigung angesehen, denn von jeher war die Sprache das Hauptverständigungsmittel der Menschen. Man sollte glauben, dass die vierte oder fünfte Türkengeneration jetzt ein fantastisches Deutsch spricht …

Spracherwerb als Grundvoraussetzung für Lehre und Beruf

Das ist auch bei den meisten so, aber diejenigen, die sich eine eigene Parallelwelt in der neuen Heimat aufgebaut haben, geben sich nicht mehr so viel Mühe wie ihre Großeltern. Besonders bei Familien mit türkischem Hintergrund bleiben viele Mütter zu Hause. Zu Hause wird hauptsächlich die eigene Sprache gesprochen, ebenso ist der Fernsehempfang per Satellitenschüssel auf Sender des Ursprungslandes eingestellt. Viele kaufen auch in türkischen Geschäften ein, sodass die Kinder, die ja eigentlich sehr schnell eine neue Sprache dazulernen, nur mit rudimentären Deutschkenntnissen in die Schule kommen. Nicht nur viele Lehrer machen sich begründete Sorgen in Bezug auf das Erlernen der deutschen Sprache.

Den Bürgern soll keineswegs ihre eigene Sprache genommen werden. Für ihre schulische wie berufliche Ausbildung und Karriere ist die Beherrschung der deutschen Sprache allerdings Grundvoraussetzung und in der deutschen Bevölkerung ist eine sinkende Akzeptanz für eine solche Verweigerungshaltung zu spüren, die durch Zahlen, die in Magazinen veröffentlicht werden (in den Großstädten wie Berlin haben 50% der türkischen Jungen keinen Hauptschulabschluss), noch unterstützt wird. Viele befürchten, dass diese Jugendlichen später auf ihre Kosten Sozialhilfe empfangen und nicht bereit sind zu arbeiten, dass sie in die Kriminalität abrutschen und so sich selbst, aber auch der Gesamtgesellschaft, Schaden zufügen.

Voraussetzungen im internationalen Bereich

Wie ist das in anderen Ländern, welche Bedeutung wird dort der Sprache zugemessen? Im französischsprachigen Teil Kanadas wird die gemeinsame Sprache als so wichtig erachtet, dass bestimmte Berufsgruppen erst ihr Examen in französischer Sprache ablegen und fließend französisch sprechen müssen, bevor sie in ihren Beruf zurückkehren können. Das betrifft auch sehr gut ausgebildete Menschen wie Ärzte mit langer beruflicher Praxis. Beschriftungen auf Geschäften dürfen zwar in zwei Sprachen gestaltet sein, die Schriftgröße der zweiten Sprache darf aber die der französischen Beschriftung nicht übertreffen. Die gemeinsame Sprache wird als äußerst wichtig dafür verstanden, eine gemeinsame Basis im alltäglichen Leben wie auch in der geistigen Auseinandersetzung und der Weiterentwicklung von Forschungsprojekten und Geschäften zu haben.

Die Kinder wachsen mindestens zweisprachig auf, was ja auch für eine große Offenheit und Flexibilität spricht. In Deutschland wird der Sprache zwar auch großer Wert beigemessen, aber die Offenheit anderen Sprachen gegenüber hält sich in Grenzen. Das fängt schon beim normalen Fernsehen an. Während in vielen Nachbarländern Deutschlands ausländische Filme so gut wie nie synchronisiert werden, hält Deutschland daran fest. Und da wundern sich viele, dass Deutsche Fremdsprachen häufig immer noch mit einem ausgesprochen starken deutschen Akzent sprechen.

Die skandinavischen oder niederländischen Zuschauer hören den Originalton und gewöhnen sich so unbewusst an die Sprachmelodie, während sie die Untertitel lesen. Deutschlehrer stellen mit Erschrecken einen zunehmend magereren Sprachschatz und eingeschränkte Wortwahl bei den Schülern fest. Dabei war von jeher Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel der Menschen. Auch gehörlose Kinder machen bestimmte Phasen der Sprachentwicklung mit: Auch in der Gebärdensprache gibt es Lautmalerei und sowohl grammatisch einfache als auch ausgefeilte Satzgebilde, die je nach Alter des Kindes angewandt werden.

Möglichkeiten, sich mit Sprache zu beschäftigen

Südländische Menschen gelten als kommunikationsfreudiger als die Deutschen. Sie sitzen zusammen, tauschen Neuigkeiten aus der Familie und Nachbarschaft aus, entfachen große politische Diskussionen, erzählen alte Geschichten, die immer wieder neu gerne gehört werden. Was sind das denn für Geschichten, die da erzählt werden? Gibt es etwas Gemeinsames zwischen den vielen Völkern? Wenn wir Märchen international vergleichen, dann ist ein archaisches Muster zu erkennen. Die großen Gefühle der Menschheit und die Entwicklung des Menschen stehen in allen Märchen im Mittelpunkt. Trifft das auch auf andere Geschichten zu? Diese Frage soll ein Schwerpunkt dieses Projektes sein, aber darüber hinaus suchen wir auch Möglichkeiten, uns mit anderen „Sprachen“ zu beschäftigen, von der Pantomime über Braille und Gebärdensprache bis hin zur Kunstsprache. Auch die Schriftsprache wird ein Feld dieses Projektes sein. Die Kids bekommen die Möglichkeit, ihre Empfindungen und Ansichten in Worte zu fassen, und das ohne Beurteilung durch irgendwelche Fachleute.

Raum schaffen und mit Geschichten füllen

Die Aufgabe des begleitenden Erwachsenen besteht darin, mit den Kids die passende Atmosphäre für das Geschichtenerzählen zu schaffen, einen Raum zu schaffen, in dem sie sich so akzeptiert fühlen, dass sie ihre Gedanken in eine Dichtform fassen können, jeder in seiner Sprache. Die Aufgabe der Kinder ist, Forschung zu betreiben und Geschichten aufzutreiben, die typische Charaktere oder Themen ihrer Heimatländer beschreiben. Ob das Geschichten und Märchen aus der Kinderzeit sind oder welche, die Erwachsene sich auch heute noch gerne erzählen, können alle selbst entscheiden. Wichtig ist, dass die Kinder die Geschichte nicht vorlesen, sondern selbst erzählen, damit das alte Kulturgut des Geschichtenerzählens wieder lebendig gemacht wird. Ob sie sich dazu als Geschichtenerzähler verkleiden, kann auch jeder für sich entscheiden. Manche stylen sich einfach gerne und schaffen so eine ganz besondere Atmosphäre. Der begleitende Erwachsene sorgt mit ein paar Helfern für eine schöne Gestaltung des Raumes. Vielleicht passt ja eine Atmosphäre wie in „Tausendundeine Nacht“ gut dazu? Dann werden Decken oder Teppiche und jede Menge Kissen auf dem Boden verteilt. Mit Tüchern wird die Decke abgehängt. Kerzen oder Lichterketten verbreiten im Raum eine heimelige Stimmung, die noch durch Duftkerzen oder Duftlampen unterstützt wird. Als Düfte eignen sich Grapefruit-, Mandarinen- oder Apfelsinenöle, die zum Geschichtenspinnen anregen und den Geist erweitern, oder weiche Düfte wie Rosenholz, Zimt oder Sandelholz, die eine etwas orientalische Stimmung verbreiten, die deutsche Kinder oft an die Vorweihnachtszeit erinnert, in der sich, stärker als sonst im Jahr, eine anheimelnde Atmosphäre verbreitet, die Menschen enger zusammenrücken lässt und ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Ein paar Grünpflanzen verbreiten auch eine schöne, entspannende Stimmung. Und wenn dann noch warmer, gewürzter Tee oder Punsch gereicht wird, kann die Erzählrunde beginnen.

Jeder Junge und jedes Mädchen erzählt die Geschichte erst einmal in seiner Sprache, damit die anderen ein Gefühl für die Schönheit der einzelnen Sprachen bekommen. Danach wird die Geschichte noch einmal kurz auf Deutsch erzählt, denn das ist in diesem Projekt die gemeinsame Sprache. Ob die Zuhörer schon beim ersten Erzählen verstehen, um was es in der Geschichte geht? Woran haben sie es erkannt? Haben sie einzelne Worte verstanden, weil sie die Sprache des anderen schon ein wenig können, haben sie auf Gestik und Mimik des Erzählers geachtet und daraus geschlossen, um was es in der Geschichte geht? Es ist sehr interessant, welche Geschichten ausgesucht werden. Die meisten wählen kurze aus, sei es aus Angst, sich den Text nicht merken zu können, weil sie noch nicht so sehr von ihrer Erzählkunst überzeugt sind oder weil sie diese Fähigkeit doch den ‚alten Märchenonkeln’ zuschreiben. Oder sie glauben, dass sie die anderen nicht mit langen Geschichten fesseln können, weil sie erlebt haben, dass deren (und die eigene) Konzentration schon nach kurzer Zeit nachlässt. Dass sie es wagen und die Geschichten erzählen, das allein ist schon eine tolle Leistung. Da werden Erzähltalente zu sehen und zu hören sein. Jeder hat seinen eigenen Ausdrucksstil: Manche erzählen sehr anschaulich, unterstreichen die Geschichten mit so einer Stimmgewalt und Lebendigkeit, dass man die Personen in der Geschichte förmlich vor seinem geistigen Auge sieht, andere erzählen leise – behutsam werden die Worte von ihnen gewählt und ausgesprochen. Sie zeigen instinktiv, welche Stimmung die Geschichte verbreiten will.

Und welche wunderbaren Geschichten haben sie sich ausgesucht? Einige Beispiele werden her vorgestellt, damit die Leserin oder der Leser neugierig wird und sich schon jetzt auf die Geschichten freuen kann, die „seine“ Kids dann vorstellen werden. Es ist eine wunderbare Vielfalt und nicht nur das: Es ist einfach faszinierend, wie jeder Einzelne seine Geschichte oder seine Helden einführt und damit auch viel von sich und seinem Land mitteilt.

Berus und seine Geschichte von Nasradin Hodschra

Bevor Berus die Geschichte erzählt, stellt er den Helden seiner Geschichte kurz vor:

Nasradin Hodschra ist eine türkische Geschichtengestalt. Er ist eine wunderbare Mischung aus Schalk und Philosoph. Er macht sich über menschliches Verhalten seine Gedanken und nimmt auch allgemeine Kleinigkeiten unter die Lupe, um die dahinter verborgene höhere göttliche Weisheit zu entdecken.

„Nasradin zieht mal wieder durch das ganze Land und trifft auf die wunderlichsten Menschen, er schaut sie und seine Umgebung mit ganz wachen Augen an. Eines Tages ruht er sich bei einer Wanderung durch das Land unter einem großen Maulbeerbaum aus und betrachtet die Landschaft, die sich vor seinem Auge ausbreitet. Er sieht ein großes Feld mit reifen Wassermelonen. „Oh Allah!“, ruft er.

„Warum hast du so einen Riesenbaum wie diesen Maulbeerbaum mit so kleinen Früchten geschaffen und eine so winzige Pflanze dort auf dem Feld wachsen lassen mit so riesigen Wassermelonen? Ist das gerecht verteilt?!“ In dem Moment fällt eine reife Maulbeere genau auf seinen Kopf. „Oh Allah, deine Weisheit ist grenzenlos!“ Welcher schlaue Mensch hat einmal gesagt: „Wenn wir das Vordergründige durchschauen, entdecken wir etwas Verborgenes dahinter“? Berus’ Geschichte hat alle amüsiert, eben weil die Geschichte auch so gut zu ihm passt: Er redet nicht viel, aber das, was aus seinem Mund kommt, ist immer mit viel Schalk verbunden.

Stephano und das Kidnapping am Lago di Pergusa

Stephano, „der Sizilianer“, wie ihn seine Kumpel nennen, erzählt mit Händen und Füßen. Seine dunklen Augen blitzen als er vom „Olympischen Kidnapping am Pergusa See“ erzählt. Er kommt aus der näheren Umgebung dieses Sees auf Sizilien und ist mit den alten Mythen aufgewachsen. Er will später Reporter werden und das merkt man seiner Erzählweise schon an. Er benutzt Worte wie zum Beispiel „pikanterweise“ oder „begehren“, die eigentlich ein Erwachsener wählen würde, aber ihm gefällt es so. „Hades, der Gott der Unterwelt, begehrt seine Nichte Persephone. Er weiß ganz genau, dass seine Schwester Demeter, die Fruchtbarkeitsgöttin und Mutter des Mädchens, ihm niemals ihre Einwilligung Zeus, der pikanterweise auch noch der Vater von Persephone ist. Der erteilt ihm tatsächlich die Erlaubnis, allerdings unter der Bedingung, dass die Hochzeit schnell und heimlich stattfinden muss.

Also entführt Hades das Mädchen von den blühenden Wiesen des Pergusa Sees in sein düsteres Reich. Demeter ist zwar als Göttin unsterblich, aber nicht allwissend, und ahnt deshalb auch nichts von dieser Tat. Verzweifelt ob des plötzlichen Verschwindens ihrer geliebten Tochter legt sie ihre Arbeit nieder und macht sich auf die Suche nach ihr, was zur Folge hat, dass Früchte und Ernte verdorren, die Menschen hungern und ihr so auch keine Opfer mehr bringen können. Welch ein Skandal: Die Himmlischen zürnen, die Gerüchteküche brodelt, als der Deal herauskommt. Alle ereifern sich, nur Zeus bleibt verdächtig desinteressiert. Der Vertrag kann nicht rückgängig gemacht werden, denn wer einmal vom Wasser der Unterwelt getrunken hat, ist verloren. Aber auch damals konnte gute Protektion schon viel erreichen und so gibt es auch in der Hölle ein Hintertürchen: Alljährlich darf Persephone für neun Monate in die Oberwelt. Wenn sie und Demeter glücklich vereint sind, blüht und grünt es auf der Erde. Trauert die Fruchtbarkeitsgöttin um Ihre Tochter, bricht die tote Jahreszeit, der Winter, an.“

heute fremde

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:
Heute Fremde Morgen Freunde
Integration in der Kindergruppe praktisch fördern

Hasenbeck, Maya
Burckhardthaus-Laetare
ISBN: 9783944548296
12,95 €
Mehr dazu auf www.oberstebrink.de




Sprachförderung von Kindern ohne Deutschkenntnisse

multicultural kindergarten

Vom Umgang mit Sprachproblemen – Spiele für die Sprachbildung

Viele Menschen, mit denen ich mich über die Aktivitäten mit den Flüchtlingskindern unterhalten habe, fragen mich, wie wir mit den Sprachproblemen zurechtkommen. Natürlich gibt es Probleme bei der Verständigung. Allerdings führt dies mitunter auch zu kuriosen und lustigen Situationen.

Wir machen uns durch Mimik und Gestik verständlich. Dadurch kommt es oft zu lustigen Situationen, in denen wir viel miteinander lachen. Außerdem lernen die Kinder sehr schnell die deutsche Sprache. Auch die Erwachsenen wollen so schnell wie möglich Deutsch lernen.

So entwickeln sich die Möglichkeiten der Verständigung. Auf Ausflügen wollten die Kinder wichtige Worte, die wir ihnen unterwegs vermittelt haben, gleich auf mein Mobiltelefon sprechen. Ein Junge aus Syrien, der sich erst seit zwei Wochen in Deutschland aufhielt, sprach die Worte „Nicht rumlaufen … hinsetzen! Sonst gefährlich!“ in mein Handy. Ich habe sie bis heute nicht gelöscht.

Die Sprachprobleme sind nicht wirklich das größte Hindernis. Wir können sie durch viel Fantasie, pantomimische Kreativität, Humor, situative Flexibilität und Beziehungsaufbau überwinden. Außerdem ist die Entwicklung der Sprachkompetenz der Kinder und Erwachsenen in Bezug auf das Erlernen der deutschen Sprache ein Prozess, der Zeit braucht. Wenn wir bei den vorgeschlagenen Sprachförderspielen auch die Eltern einbeziehen, kann das viel Freude bringen und wir haben alle etwas davon.


hallo hallo

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:
Grabbet, Regina
Ideen für Bildungsaktivitäten mit Kindern aus Flüchtlingsunterkünften
Burckhardthaus-Laetare
ISBN: 978-3-944548-25-8
112 Seiten, 12,95 €
Mehr auf oberstebrink.de


Sprache als Motor für die Identitätsentwicklung des Kindes

Die Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Kinder sind empfänglich für Signale, für Klangfarben, Laute, und Sprechmelodien. Gerade Kinder aus Syrien, Eritrea, Albanien, Afghanistan, Russland, denen die deutsche Sprache fremd ist, erahnen, durch die Art, wie wir unsere Information vermitteln, oft, was wir ihnen mitteilen möchten.

Die Sprachmelodie, die Art der Betonung, der Klang unserer Stimme, Mimik und Gestik spielen hierbei eine Rolle. Es ist erstaunlich, wie viel die Kinder so verstehen können, obwohl wir mit ihnen in deutscher Sprache sprechen, die sie noch nicht verstehen.

Die nonverbale Sprache ist Kommunikation in Handlungsprozessen. Auch bei der verbalen Kommunikation sollte Sprache in Handlungsprozesse eingebunden sein. Erst dann begreift das Kind die Bedeutung der Worte. Deshalb ist in der Sprachentwicklung von Kindern auch das begleitende Sprechen bei Handlungen so wichtig.

Ein sprachliches Trainingsprogramm sollte in kulturelle und soziale Kontexte eingebunden sein. Wichtig ist, dass Kinder spüren, dass Erwachsene sich dafür interessieren, was sie denken. Oft habe ich mir bei Spielen mit Kindern aus den Unterkünften gewünscht, ihre Sprache sprechen zu können, denn ich möchte ihre Gefühle verstehen und ihre Gedanken teilen.

Meist haben die Kinder einen großen Wunsch danach, sich zu verständigen. Wichtig ist, dass wir ihnen bei ihren Bemühungen Aufmerksamkeit schenken und ihre Versuche, sich in deutscher Sprache auszudrücken, mit Wertschätzung begleiten.

Die Kinder lernen die deutsche Sprache am Besten über Sinneserfahrungen. Wenn sie etwa einen Apfel anfassen, riechen und schmecken und dabei immer wieder das Wort „Apfel“ hören, werden sie das Wort für dieses runde, leckere Nahrungsmittel eher in ihren Gehirnzellen abspeichern, als wenn sie vor einem abstrakten Arbeitsblatt eines Sprachförderprogramms sitzen.

Bei der Sprachentwicklung brauchen Kinder persönliche Aktivität. Sie sollten die Möglichkeit der aktiven Teilnahme haben und nicht nur passiv partizipieren.

Begriffe ermöglichen dem Kind „Denkoperationen“ – Sprache leitet Denken ein, verknüpft Erinnerungen mit der Gegenwart. Sprache ermöglicht es, Gefühle auszudrücken. In Kitas und auch in der Kinderbetreuung in den Flüchtlingsunterkünften ist die Sprachförderung, die Unterstützung sprachlicher Bildungsprozesse, ein ganz wichtiger Schwerpunkt.

In der Kita kann die Sprachvielfalt noch besser genutzt werden als in den Unterkünften. Denn in letzteren fehlen die Kinder, die Deutsch als Muttersprache sprechen. Deshalb ist es so wichtig, auch den Kindern in den Unterkünften, die keinen Kitaplatz haben, den Kontakt zu deutschen Kindern zu ermöglichen. Wir sollten sprachlicher Vielfalt mit Respekt begegnen. Nur so erfahren Kinder mit Migrationshintergrund, dass sie mit ihrer Familiensprache auch dazu gehören.

Die Sprache ist Motor für die Identitätsentwicklung des Kindes. Auch außerhalb der Familie sollte das Kind die Möglichkeit haben, sich verständigen zu können.

Das Wechselspiel von kognitiver und interaktiver Entwicklung ist wichtig für die Sprachkompetenz. Wenn die Flüchtlingskinder die Erfahrung machen, dass ihre Sprache nicht ausreicht, um sich auszudrücken und zu verständigen, bemühen sie sich, alles zu tun, um die deutsche Sprache zu lernen.

Mit der ersten Sprache hat das Kind wichtige Schritte beim Aufbau seiner Identität bewältigt. Viele Erzieherinnen und Erzieher in Kitas fordern, dass Eltern mit Migrationshintergrund mit ihren Kindern Deutsch sprechen sollten. In den Flüchtlingsfamilien bemühen sich Eltern um die deutsche Sprache. Das ist für sie jedoch nicht einfach, da wenige Deutschkurse angeboten werden. Daher ist es wichtig, die Eltern wenn möglich bei den Aktivitäten zur Sprachförderung der Kinder mit einzubeziehen.

Aus der Sprachforschung ist bekannt, dass Kinder, die ihre Erstsprache beherrschen, weniger Schwierigkeiten beim Erwerb der Zweitsprache haben. Das Erlernen einer Zweitsprache ist ein kreativer Prozess. Zu Beginn ist zu beobachten, dass die Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen, im Satz Wörter auslassen, die wenig Informationen enthalten. Das Kind reduziert oft die Vielfalt in den Wortformen auf einige wenige und erleichtert sich auf diese Weise den Einstieg in die neue Sprache.

Natürlich ist die Basis des Konzeptes der situativen Sprachförderung, die Verknüpfung der Erfahrungen im Alltag mit den sprachlichen Übungen der Kinder, ihre Erlebnisse durch Sprache auszudrücken. Dieses sprachliche „Situationslernen“ der Kinder ist schon für Mitarbeiter in der Kita nicht einfach. Für die ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Kinderbetreuung ist der Ansatz noch schwieriger umzusetzen.

Da dieser Ansatz jedoch sehr sinnvoll ist, finden Sie hier einige Ideen für gezielte Aktivitäten zur Sprachförderung, die Ihnen die Vermittlung erleichtern sollen:

Sprachspiele zur Sprachförderung

Das Spiel mit der Phantasiesprache

Es ist ein schönes Gefühl für Kinder, die unterschiedliche Sprachen sprechen, sich auf eine gemeinsame Ebene zu begeben. Für ein Spielerlebnis dieser Art, schaffen wir einfach eine Phantasiesprache.
Der Spielleiter zeigt, wie es geht: Er drückt ein Bedürfnis aus. So hat er etwa Durst und möchte, dass ihm jemand etwas zu Trinken gibt. Er wählt nun erfundene Laute und sagt zum Beispiel: „Makasabadu-mokilu-dobade-schomilu!“, oder Ähnliches und zeigt dabei mit Mimik und Gestik, was er möchte.
Auch mit der Betonung seiner Stimme unterstreicht er sein Bedürfnis. Wer glaubt, herausgefunden zu haben, was der Mitspieler mit der lustigen Sprache möchte, bringt es ihm. Vielleicht unterhalten sich die beiden noch ein wenig in der Phantasiesprache. Auf jeden Fall bedankt sich der Spieler, dessen Wunsch erfüllt wurde, überschwänglich. Wer möchte, äußert dann ein anderes Bedürfnis in seiner individuellen Phantasiesprache.
Kinder mit Migrationshintergrund, ohne Kenntnisse der deutschen Sprache, sind häufig in der Situation, dass sie ihre Bedürfnisse zunächst in ihrer eigenen Sprache äußern und froh sind, wenn sie verstanden werden.
In einer Kita mit deutschen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund, können sich die deutschen Kinder durch das Spiel besser in die anderen Kinder hineinversetzen.

Das Spiel mit Gegenständen aus Kartons

In Kartons oder Koffer haben wir verschiedene Gegenstände, darunter auch Lebensmittel, gepackt, die im täglichen Leben wichtig sind. Geheimnisvoll nehmen wir nun, vielleicht nachdem wir ein Lied gesungen haben, einen Gegenstand aus dem Karton, zum Beispiel eine Tasse. Wir benennen den Gegenstand und alle wiederholen das Wort.
Wir wiederholen das so oft, bis wir das Gefühl haben, dass jedes Kind den Gegenstand kennt. Dann kommt der nächste Gegenstand dran, etwa ein Teller, ein Löffel, eine Zahnbürste, … Wenn alles wieder im Karton ist, holen wir einen der Gegenstände heraus und tun so, als wüssten wir nicht, wie er heißt. Die Kinder helfen uns weiter und wir freuen uns darüber.
Dann folgen drei weitere Gegenstände, die wir nacheinander aus dem Karton holen. Je nach Alter sind zehn bis zwanzig Gegenstände im Karton. Wir sollten dieses Spiel öfter wiederholen. Die Kinder können die Gegenstände auch auf ein Blatt Papier malen. Sie können auch ein Blatt vorbereiten, auf dem die Gegenstände abgebildet sind. Nach dem Spiel gehen wir dann alle Wörter noch einmal durch. Die Kinder sind stolz auf jedes Wort, das sie können und sprechen die Worte auch oft mit dem Zettel in der Hand ihren Eltern vor.
Wenn die Kinder die Wörter kennen, erzählen wir eine Geschichte, in der die Wörter vorkommen. Dazu holt immer eines der Kinder den passenden Gegenstand zum Wort heraus.
Wenn wir das Gefühl haben, dass die Worte den Kindern bekannt sind, tauschen wir die Gegenstände im Karton gegen andere aus. Wichtig ist, dass wir uns dabei Zeit lassen und wirklich immer nur einen Gegenstand herausnehmen, damit wir die Kinder nicht überfordern. Auch die Wiederholung ist sehr wichtig. Wir können das Spiel mit Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Gebrauchsgegenständen und vielen anderen Dingen spielen. Auch eine Handpuppe kann zum Einsatz kommen. Sie stellt die Dinge lustig und spielerisch vor und tut dann vielleicht so, als habe sie die Worte vergessen.

Wir lernen Deutsch mit unserer Sockenpuppe

Einzelne Socken können wir im Freundes- und Bekanntenkreis sammeln oder in günstigen Geschäften kaufen. Nun gestalten die Kinder die einzelnen Socken bunt, mit Wollresten, Knöpfen, Pappe, Glitzerfäden, Filzstiften und anderem.
Jedes Kind hat somit seine besondere Socke und gibt ihr einen Namen. Die Socke „wohnt“ in einem kleinen Karton, der ebenfalls beklebt oder bemalt wird. Darauf steht dann auch der Name des Kindes, dem er gehört. Die Sockenhandpuppe hilft dem Kind Deutsch zu lernen. Sie kann „Guten Tag!“ oder „Auf Wiedersehen!“ sagen, „Ich habe Hunger“ oder „Ich habe Durst.“, „Ich muss zur Toilette“ oder „Ich möchte mit dir spielen.“ Mit Hilfe der Handpuppe macht Deutschlernen Spaß.
Wenn die Socken dann schon etwas Deutsch können, unterhalten sie sich miteinander. Lustig ist auch ein Sockentheater. Wir schneiden in eine alte Decke oder ein Bettlaken Löcher. Durch diese Öffnungen können wir die Sockenpuppen stecken. Zwei Personen halten das Laken, die Kinder stehen dahinter.
Witzig ist auch, am Anfang Musik abzuspielen, zu der alle Sockenpuppen dann aus den Löchern schauen und tanzen. Danach sollten nur noch vereinzelte Sockenpuppen ihren Auftritt haben, um sich mit deutschen Worten zu unterhalten.

Das Spiel mit dem Aufnahmegerät und der Stimme

Die Kinder finden es lustig, wenn ihre Stimme aufgenommen wird und sie die Stimme dann anhören können. Dazu können Sie moderne Mobiltelefone mit Aufnahmefunktion benutzen, aber auch alte Kassettenrekorder, die es im Secondhandladen oder auf dem Flohmarkt gibt.
Wir können Kinder mithilfe von Bilderbüchern oder Bildkarten, Bilder benennen lassen. Sie sprechen dann die Worte in das Mobiltelefon. Wenn wir die Audioaufnahme abspielen, zeigen die Kinder auf das Bild zum Wort. Lassen Sie sich Zeit und stoppen Sie zwischendurch. Später können die Kinder auch Sätze sprechen.

Kinder drehen Sprachlernvideos für Kinder

Kinder hören nicht nur gerne ihre Stimme, sie sehen sich auch gern selbst in einem Video. Sehr viel Spaß hatten wir mit den Kindern, als sie sich verkleiden durften. Ein Kind verkleidete sich als Marktfrau und hatte einen Gemüsestand. Diesen hatten wir aus Kartons, einem Tisch und Körben angefertigt. Nun pries die Marktfrau einzeln das Obst und Gemüse an, hob jedes Stück hoch und benannte es.
So kann es dann auch beim Bäcker laufen, beim Maler, im Supermarkt an der Kasse, als Polizistin verkleidet, die die Verkehrsregeln erklärt, bei einem Lehrer, der Zahlen an die Tafel schreibt und benennt … Die Kinder finden es lustig, Videos zu drehen. Außerdem lässt sich die Filmarbeit nutzen, um aus der Unterkunft herauszukommen, wenn die Kinder etwa im Zoo die Tiere benennen und filmen, am Hafen Spannendes entdecken oder im Park die Pflanzen oder Bäume identifizieren.
Kinder machen gern Spaß, deshalb können wir beim Drehen der Videos auch lustige Sachen einbauen. Ein integratives Projekt wird daraus, wenn deutsche Kitakinder diese Videos für Kinder drehen, die Deutsch lernen. Die Videos sollten wir so aufnehmen, dass sie später über einen Beamer, einen Fernseher oder Computerbildschirm den Kindern zum Lernen gezeigt werden können.

Auf den Tisch des Hauses

Die Kinder sitzen vor einem Tisch. Ein Spieler fängt an und sagt: „Auf den Tisch des Hauses bitte.“ Und dann nennt er einen Gegenstand, der im Raum ist und geholt werden muss, etwa ein Glas, ein Papier, eine Puppe. Wer zuerst den Gegenstand auf den Tisch gelegt hat, darf sich als Nächster einen Gegenstand auf den Tisch wünschen.

Geräusche-Memo

Die Kinder bilden Paare. Wir teilen jedem Paar ein Geräusch zu (etwa Tiergeräusche). Die Kinder verteilen sich im Raum. Zwei Kinder warten vor der Tür. Wenn sie wieder im Raum sind, hören sie sich das Geräusch von jedem Kind an und ordnen die Paare zu.

Funkerspiel

Jedes Kind bekommt eine Zahl. Der Funker beginnt. Er hält sich die Daumen beider Hände an die Stir nseiten und wedelt mit den Händen. Dabei sagt er: „Der Funker funkt (eine Zahl)“, zum Beispiel 3. Die „3“ muss nun ebenfalls mit den Händen an der Stirn wedeln und einer anderen Zahl zufunken. Wer nicht aufpasst, muss ausscheiden.
Wer die falsche Zahl sagt oder eine Zahl sagt, die schon ausgeschieden ist, ist auch raus. Wer bleibt übrig? Das Spiel wird nach einiger Übung immer schneller gespielt.

Reifen und Bänder

Aus Draht biegen wir einen Kreis, umwickeln ihn und befestigen Bänder daran. Alle halten sich daran fest und bewegen sich rechts und links herum zur Musik.

Ja und Nein

Die Kinder malen sich eine Ja- und eine Nein-Karte. Wir stellen nun einzelnen Kindern Fragen, etwa: „Bist du ein Junge?“ Das Kind zeigt darauf seine Ja- oder Nein-Karte. Wir überprüfen, ob das Kind richtig geantwortet hat. Wenn es falsch liegt, geben wir eine Erklärung durch Bilder, Mimik und Gestik.
Wir können etwa auch fragen: „Ist das eine Banane?“, und dem Kind einen Apfel zeigen. Das Kind entscheidet nun, ob es die Bezeichnung für richtig hält.
So lernen die Kinder Worte zuzuordnen und wir bekommen einen Eindruck davon, welchen Wortschatz sie bereits haben.

Lachen verboten

Alle stehen in einer Reihe. Ein Spieler steht vor der Reihe und sagt laut: „Lachen verboten!“ Sofort sind alle ernst.
Alle, die sich das Lachen nicht ganz verkneifen können, werden „aussortiert“. Die „aussortierten“ Spieler helfen mit, lachende Mitspieler zu entdecken. Wer bleibt übrig?

Regina Grabbet




Resilienz: Sicherheitsbasis und Entwicklungsbegleiter sind gefragt

Was wir tun können, damit Kinder stark und selbstbewusst durchs Leben gehen

Das Ziel ist gleich, der Weg umstritten. Alle Eltern möchten mit ihrer Erziehung dazu beitragen, dass ihre Kinder zu klaren, starken und glücklichen Erwachsenen heranwachsen, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Höchst umstritten ist dagegen die Erziehung, die dazu führen soll.

Die falschen Wege zum richtigen Ziel

Einige meinen noch immer, dass sie ihre Kinder mit Härte behandeln müssten. Aber Härte gegen Kinder ist keine Erziehung, sondern Dressur zu verängstigten Ja-Sagern. Andere erziehen gar nicht, was Kinder oft haltlos macht. Dann gibt es Eltern, die sich den Wahlspruch „Mein Kind soll eines Tages alle Möglichkeiten haben“ in ihr Familienstammbuch geschrieben haben und ihren Nachwuchs von einem Förderprogramm zum nächsten hetzen. Dabei übersehen sie, dass auch Gras nicht schneller wächst, wenn sie daran ziehen. Der Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther hat bei stark geförderten Kindern sogar ein besonderes Problem erkannt. Viele Kinder sind in den geförderten Bereichen zwar stark, weisen aber Defizite gegenüber Gleichaltrigen bei anderen Fähigkeiten auf.

Jedes Kind hat seinen eigenen Bauplan

Jedes Kind bringt eben seinen eigenen Bauplan mit auf diese Welt und ein ordentliches Stück Persönlichkeit dazu. Deshalb fordert der bekannte Elementarpädagoge und Schöpfer des Situationsorientierten Ansatzes Prof. Armin Krenz nun schon seit Jahrzehnten, Kinder sich im klassischen Sinne des Wortes „entwickeln“ zu lassen und sie dabei zu unterstützen.


Lesetipp:

Kinder stärken und sie in ihrer Entwicklung unterstützen. Das ist der Weg, Kinder körperlich, geistig und seelisch zu erziehen. Auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse zeigen die Gabriele Haug-Schnabel und Barbara Schmid, wie wir alle dazu beitragen können, dass Kinder zu starken Persönlichkeiten werden, die sich nicht in Angst, Gewalt oder Sucht flüchten. Ein umfassender Ratgeber für Eltern, Erzieher und Therapeuten.

Gabriele Haug-Schnabel / Barbara Schmid-Steinbrunner
Stark von Anfang an – Kinder auf dem Weg zur Resilienz begleiten
Hardcover, 250 Seiten
ISBN: 978-3-934333-45-1
Oberstebrink
20 €


Fast ebenso lang erforscht Dr. Gabriele Haug-Schnabel die Entwicklung und das Verhalten von Kindern. Gemeinsam mit der Erzieherin und Lehrerin für ganzheitliche Entspannungspädagogik, Barbara Schmid-Steinbrunner stellt sie fest, dass Kinder zwar keine perfekten Eltern brauchen, aber ein gesundes Fundament, auf dem sie ihre Stärken und Fähigkeiten entwickeln können. Kinder brauchen ihre Eltern als Sicherheitsbasis, auf die sie sich verlassen können. Wichtig dabei: sie müssen zugewandt, einfühlsam, wertschätzend und zuverlässig verfügbar sein.

Urheberschaft und Wirksamkeit erleben

Eltern sollten einen Lebensrahmen vorgeben, der es ihrem Kind möglich macht, sich eigeninitiativ, selbstwirksam und vielseitig kompetent zu erleben, stellen die beiden Expertinnen fest.  Denn „ein Kind muss erkunden, spielen und phantasievoll gestalten, um Urheberschaft und Wirksamkeit zu erleben – von Erwachsenen vernünftig geschützt, aber möglichst wenig von ihnen direktiv eingeschränkt.“

Für Eltern bedeutet das, dass sie Ansprechpartner, Gefühlsbeantworter, Bewertungsmaßstab, Informationsquelle, Vorbild, Konfliktmanager für ihr Kind sind, wie später ErzieherInnen und Lehrkräfte auch. Dabei sollten sich Erziehende nicht als die großen Macher verstehen, sondern mehr als Assistenten auf dem Entwicklungsweg, die ihr Kind individuell ermuntern und ihm dann Unterstützung bieten, wenn es sie braucht.

Stufe für Stufe zur Selbstständigkeit

„Das eingehen auf kindliche Fragen und Initiativen ist echte Förderung“, so Haug-Schnabel und Schmid Steinbrunner. Ein Kind muss selbst ausprobieren und gezielt Abfragen. Es muss selbst erleben, dass es mit seinen Handlungen und Ideen Lösungen findet und Einfluss nehmen kann. Das ist jedes Mal ein wichtiger Etappensieg auf dem Weg zur Selbstständigkeit. „Durch die zunehmende Selbstständigkeit und Wissenserweiterung entsteht ein Gefühl von Eigenkompetenz, das in immer neuen Situationen gestärkt und durch neue Erfahrungen erweitert wird.“

Wer sein Kind so fördert, macht sein Kind stark. Die Strategien, die Kinder zum Erfahrungserwerb oder besser „zur kindlichen Selbstbildung“ entwickeln, haben die Verhaltensbiologen genau untersucht: Erkunden, Spielen, Nachahmen, phantasievolles Gestalten und Erfinden gehören dazu. Hinzu kommt die kindertypische Begabung, Interesse, Konzentration und Ausdauer auf den Punkt zu bündeln.

Bewegung und Spiel haben besondere Bedeutung

Besondere Bedeutung kommen dabei der Bewegung und dem Spiel zu. Um sich zu entwickeln und selbst auszuprobieren, müssen sich Kinder möglichst viel bewegen und auch öfter mal richtig toben.


Lesetipp:

Wie es gelingt, uns aus den Zwängen des Alltags zu befreien und neue Wege mit der Familie zu gehen, zeigt Therapeutin Gabriele Pohl in diesem Buch. Sie hilft, neue Verhaltensweisen zu erlernen, statt alte, überkommene Muster zu übernehmen. So gelingt es, sich den Tag zu erleichtern und zu verschönern. Damit ein heiterer und gelassener Familienalltag entsteht. Denn die Familie ist der zentrale Ort, an dem kinder ihre Stärken entwickeln.

Gabriele Pohl
Familie: Basislager für Gipfelstürmer – Was Familien zukunftsfähig macht
Softcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-934333-75-8
19,95 €


Spielen ist wichtig, weil es glücklich macht und die kindlichen Bedürfnisse befriedigt. „Ein Kind kann dabei die Welt kennenlernen – noch wichtiger: Es lernt Zusammenhänge verstehen, seine Beteiligung an den Geschehnissen rundherum und seine Möglichkeiten, gezielt Einfluss zu nehmen. Ganz früh spürt es schon seinen aktiven Part im Leben. Nicht mit ihm geschieht etwas, sondern durch es passiert etwas,“ so die Wissenschaftlerinnen. Wem das zu wenig erscheint, der sei darauf hingewiesen, dass etwa ein Universalgelehrter wie Leonardo da Vinci durch seine mangelhaften Lateinkenntnisse größtenteils von der klassischen Bildung seiner Zeit ausgeschlossen blieb. Es ihm aber gelang, durch exakte Beobachtung und Erfahrung dieses Defizit mehr als auszugleichen.

Fazit:

Insofern sind Eltern als verlässliche Sicherheitsbasis und aufmunternde Entwicklungsbegleiter gefragt, die wertschätzende Zuwendung, Unterstützung, Geborgenheit und ihren Rat an den Stellen bieten, an denen er auch gefragt ist. Am wichtigsten ist dabei jedoch, dass sich ein Kind so akzeptiert fühlt wie es ist. Und das bedeutet für uns, dass wir es vorbehaltlos und bedingungslos lieben.

Unsere Empfehlung:

Gabriele Haug-Schnabel / Barbara Schmid-Steinbrunner: Stark von Anfang an – Kinder auf dem Weg zur Resilienz begleiten, Oberstebrink, Preis 19,90 Euro.




Spiele für Bewegung und Rhythmus

kind himmel

Drei Spielideen zur Auswahl

turnschuh

Bewegung ist ein Grundbedürfnis eines jeden Kindes. Doch in der heutigen Zeit werden wir dem nur noch selten gerecht. Hier können sich Kinder bewegen. Ebenso wichtig wie Anspannung ist im Leben die Entspannung. Das rhythmische Prinzip von Ruhe und Kraft findet sich überall in unserem Alltag, sei es in der Musik, der Beobachtung von Naturphänomenen oder dem täglichen menschlichen Umgang. Kinder lernen hier spielend ein inneres Gleichgewicht kennen.

Spiele für mehr Bewegung:

Das Dschungelbuch

»Heute brechen wir zu einer Expedition nach Afrika auf! Wählt die Menschen und Tiere aus, die ihr am liebsten spielt. Es gibt einige Lastenträger und viele Dschungeltiere. Die Lastenträger erklimmen langsam mit ihrer schweren Last einen Hügel, bis sie erschöpft zu Boden sinken.« Wird das Dschungelbuch draußen aufgeführt, so ist vielleicht ein echter Hügel vorhanden. Innen hilft die Fantasie: Beim Erklimmen sind Schritte und Atmung schwer, dann laufen die Lastenträger auf der anderen Seite schnell wieder herunter. Als Last eignet sich ein Rucksack oder die Schultasche. »Plötzlich steht ihr vor einem reißenden Fluss, den ihr nur auf Seilen überqueren könnt!«

Die Kinder balancieren auf Seilen, die auf der Erde liegen. Jetzt begegnen sie den anderen Mitspielern: Schwerfälligen Elefanten, hoch springenden Gazellen, pfeilschnellen Raubkatzen, spielenden Löwenkindern

Tipp;

Eignet sich herv orragend für Aufführungen im Kindergarten oder in der Schule. Die Kinder entwerfen und basteln die Dekoration, komponieren und spielen die Filmmusik. Die Zuschauer werden mit afrikanischen Köstlichkeiten wie Hirsegerichten, exotischen Früchten und Bananenmilch verwöhnt.

kind matte

Alter: 3 bis 8 Jahre
Zeit: 10 bis 30 Minuten
Sozialform: Gruppenspiel
Material: afrikanische Musik, Seile, Taschen

Tunnelball

Zunächst werden zwei Reihen mit auf dem Boden liegenden Kindern gebildet. Am Anfang einer jeden Reihe steht ein Kind mit einem Ball. Der Spielleiter gibt das Startsignal. Jetzt rollen beide Kinder den Ball in ihrer Reihe so rasch wie möglich unter den Mitspielern hindurch, die mit Liegestütze einen Tunnel formen. Der letzte Mitspieler des Tunnels läuft rasch nach vorne und beginnt erneut. Unterdessen hat sich der vorangegangene Ballspieler wieder in die Tunnelreihe eingeordnet. Gewonnen hat die Gruppe, die als erste einen Durchgang schafft.

Variante

Der Ball könnte ebenso durch Reihen sitzender Kinder gerollt werden, die jetzt allerdings ihre ausgestreckten Beine anheben müssen.

kind mit ball

Alter: 4 bis 10 Jahre
Zeit: 5 bis 10 Minuten
Sozialform: Gruppenspiel
Material: 2 Bälle

Spiele für mehr Rhythmus:

Eis am Stiel

Die Kinder bewegen sich zum Rhythmus eines Tamburins durch den Raum. Plötzlich verstummt das Tamburin und die Kinder erstarren in der zuletzt ausgeführten Bewegung. Und wer es dann schafft, seine erstarrte Bewegung für einige Sekunden auf einem Bein stehend zu präsentieren, der ist ein echtes Eis am Stiel.

kind tanzt

Alter: 3 bis 8 Jahre
Zeit: ca. 5 Minuten
Sozialform: Einzelspiel
Material: Tamburin

Diese Spiele stammen aus folgender Spielekartei:

Die Spielekartei Bewegung und Rhythmus
Charmaine Liebertz
Burckhardthaus
ISBN: 9783944548203
14,95 €
Mehr unter: www.burckhardthaus-laetare.de

Fotos: Schuhe: Milos Tasic/fotolia.com, Kind auf Matte: Kipenicker/fotolia.com, Kind mit Ball: travnikovstudio/fotolia.com, Tanzendes Kind: cromary/fotolia.com




Planung, Aufbau, Durchführung und Auswertung von Projekten

Kinder und ihre Lebenswelt sind der Ausgangspunkt der pädagogischen Arbeit

Der Situationsorientierte Ansatz geht grundsätzlich davon aus, dass Kinder in einer unüberschaubaren Welt von Eindrücken aufwachsen, die wiederum eine (un-)mittelbare Auswirkung auf Entwicklungsvorgänge haben: auf die Einstellungen der Kinder, ihre Weltwahrnehmung, ihre Weltbewertung, ihre tägliche Lebensgestaltung, ihre Erinnerungswelt und ihre perspektivische Sicht für das, was ihrer Meinung nach kommen wird.

„Lebensthemen“ sehen, Entwicklungsfreiräume schaffen

Grundlagen dafür finden sich in den Ergebnissen der aktuellen Kindheits- und Bildungsforschung, ergeben sich aus den Konsequenzen der Entwicklungspsychologie sowie Neurobiologie im Hinblick auf die Bedeutung frühkindlicher Persönlichkeitsbildung und zeigen sich in den täglichen Ausdrucksweisen von Kindern. Wenn nun der Anspruch des Situationsorientierten Ansatzes darin besteht, KINDER und ihre Lebenswelt zum Ausgangspunkt der Arbeit zu machen, geht es zunächst um zwei Aufgaben:

  • Zum einen müssen „Lebensthemen“ der Kinder gesehen, verstanden und aufgenommen werden, um den „Ausgangspunkt Kind“ auch tatsächlich(!) zu treffen.
  • Zum anderen müssen alle außengerichtete Themen, wie sie einmal früher Schwerpunkte der Kindergartenpädagogik waren (Jahreszeiten/Orientierung nach Festen/Vorschulpädagogik…) bewusst und konsequent ausgeblendet werden, um einen Entwicklungsfreiraum für kindorientierte Pädagogik zu schaffen, getreu einer Kernaus­sage des 2. Vatikanischen Konzils: „Die Ordnung der Dinge muss der Person dienstbar gemacht werden und nicht umgekehrt“ (gaudium et spes).

Hoffnungen, Wünsche und Träume versus Druck, Anspannungen und Irritationen

Denken wir nur an die Biografien vieler Kinder (Stichworte: ein Leben mit unbefriedigten seelischen Grundbedürfnissen, Kompensation durch Konsum, die starke Zunahme an psychosomatischen Erkrankungen und Suchtverhaltensweisen, eine Zunahme an Verhaltensweisen, die vor allem durch Angstgefühle aufgebaut werden …), so weisen diese darauf hin, dass Kinder unter Druck, Anspannungen, Irritationen stehen und gleichzeitig Hoffnungen, Wünsche, Träume haben.

Würden nun Themen aus der Erwachsenenwelt – und dann noch Themen einer bevorstehenden Zukunft –  vorgezogen werden, mit denen sich Kinder im Kindergarten beschäftigen müssten, würde der Anspruch einer „Kind­orientierung“ pädagogisch pervertiert.

Ausgangspunkt und Zielsetzung von Projekten

Kinder setzen sich mit ihren(!) Themen auseinander, mit ihren(!) Möglichkeiten, sich selbst zu entdecken, eine subjektive Beziehung zu ihrer(!) Welt aufzubauen und ihre Welt immer besser zu begreifen, ihre(!) Stellung in der Welt zu finden und ihre(!) Bedeutung der erlebten Umwelt abzugewinnen. Ihr Leben ist geprägt durch ihre(!) zurzeit vorherrschenden Gefühle und ihre(!) Einschätzung, ob sie in der Welt willkommen sind oder einen „Störfall“ darstellen.

Der Situationsorientierte Ansatz geht nun weiterhin davon aus, dass Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen (vor-, während- und nachgeburtlicher Art) das Leben der Kinder nachhaltig beeinflussen und prägen und dabei diese Summe der Einflüsse zu entsprechenden Persönlichkeitsmerkmalen der Kinder führen.

Fragt man sich nun, wie bzw. durch was Kinder diese Einflüsse nach außen tragen, so kann anhand der Entwicklungsforschung festgehalten werden, dass Kinder sechs Ausdrucksformen zur Verfügung haben. Dabei wird der Begriff „Ausdrucksform“ bewusst gewählt, steckt doch in ihm der Begriff „aus dem Druck kommen“.

Diese sechs Ausdrucksformen sind im Einzelnen:

  • ihr gezeigtes Verhalten,
  • ihre gewählten/vernachlässigten Spielformen,
  • ihre Erzählthemen und ihre Sprache,
  • ihr Malen und Zeichnen,
  • ihre Tag- und Nachtträume sowie
  • ihre zum Ausdruck gebrachte Motorik.

Ausdrucksformen werden im Situationsorientierten Ansatz – bildlich gesehen – als ein „Spiegel der Seele“ verstanden, durch den das Innenleben zum Vorschein kommt. (Auch bei uns Erwachsenen verhält es sich ebenso. Denken wir dabei an tägliche Situationen: Fühlen wir uns seelisch verletzt, ziehen wir uns zurück oder greifen emotionalisiert den anderen an; sind wir traurig, fangen wir an zu weinen oder fallen in eine Starrheit mit dem Ziel, Trauer zu unterdrücken; freuen wir uns, reagieren wir ausgelassen oder werden wir von massiver Angst beherrscht, sucht auch hier unsere Seele entsprechende Reaktionsmöglichkeiten …).

Insofern ist jeder Mensch in seinem „So-Sein“ ein Abbild seines Seelenlebens. Das Drama liegt allerdings häufig darin, dass einerseits viele kleine und große Menschen durch hier nicht zu diskutierende Gründe den Kontakt zu sich selbst verloren haben und ihr Ausdrucksverhalten kaum oder nur verzerrt wahrnehmen. Andererseits können sie dadurch auch nur sehr eingeschränkt oder gar nicht ihre Außenwirkung auf andere einschätzen, sodass Kommunikationsstörungen/Fehlbeurteilungen programmiert sind. Diese führen bei Kindern (und Erwachsenen) zu Konfliktsituationen, aus denen sich bei einer entsprechend tief erlebten seelischen Verletzung bzw. bei einer häufig gleichbleibend tiefen Irritation etwa Auffälligkeiten in den unterschiedlichen Ausdrucks­formen bilden und verstärken können.

Der Situationsorientierte Ansatz macht es sich nun zur ersten Aufgabe, diese sechs Ausdrucksformen der Kinder zu beobachten, über einen längeren Zeitraum(!) zu sichten und schriftlich zu protokollieren.

Beobachtungen über die Ausdrucksformen zu verstehen

Nun würde aber alle Protokollierung nichts bringen, wenn den elementarpädagogischen Fachkräften kein Instrumentarium zur Verfügung stehen würde, ihre Beobachtungen über die Ausdrucksformen zu verstehen, steht doch die Frage an, wozu ein Kind diese oder jene Ausdrucksform wählt. Hier liegt nun die weitere, überaus bedeutsame zweite Aufgabe: Entwicklungspsychologische Forschungen im In- und Ausland haben es sich seit mehr als zwei Jahrzehnten unter anderem zur Aufgabe gemacht, die möglichen Hintergründe für die unterschiedlichen Ausdrucksformen auf der Grundlage der analytischen Psychologie zu „entschlüsseln“. Dies geschieht in der Annahme und in dem Wissen, dass alle sichtbaren Ausdrucksformen „codierte (= ­verschlüsselte) Botschaften“ sind, die es zu „decodieren“ gilt, um Kinder tatsächlich zu verstehen und zu wissen, wie es Kindern geht, womit sie sich intrapsychisch (= innerlich) tatsächlich auseinandersetzen, was sie seelisch bewegt und wozu sie ihre offenbarten Ausdrucksformen nutzen (wollen/müssen!).

Diese verstandenen/zu verstehenden Ausdrucksformen haben damit für die Beobachterinnen einen jeweiligen Erzählwert.

Ausdrucksformen erzählen Geschichten, berichten über Hintergründe/Ursachen, legen Erlebnisse der Kinder offen und fordern elementarpädagogische Fachkräfte auf, dafür zu sorgen, dass Ausdrucksformen positiver, konstruktiver, lebendiger Art unterstützt und ausgebaut werden. Ausdrucksformen destruktiver Art, durch die sich ein Kind selbst (immer wieder) in Schwierigkeiten bringt oder andere Menschen bzw. ihr Umfeld schädigt, werden dagegen als Impulse und klare Aufgabenstellungen verstanden, hier gemeinsam mit Kindern neue Lösungsmöglichkeiten zu finden, damit sie aus ihrem seelischen Erleben heraus andere Ausdrucksformen in Gang setzen/wählen können!

Der Begriff „Erzählwert“

Der Begriff „Erzählwert“ kann auch mit dem Wort „Deutung von Ausdrucksformen“ beschrieben werden. Und hier kommt auf die elementar-pädagogischen Fachkräfte eine besondere Verantwortung zu, die durch Fachlichkeit und Professionalität durchaus übernommen werden kann/muss:

Deutungen sind keine Interpretationen! Fließen bei persönlichen Interpretationen subjektive Einstellungen, Annahmen, Vorurteile, Halbwissen und Halbwahrheiten mit ein, beziehen sich Deutungen dagegen auf Erkenntnisse. Solche Erkenntnisse können sich aus veröffentlichten Forschungsergebnissen ableiten oder auch auf langjährige Fachbeobachtungen und Auswertungen beziehen. Bevor sich also elementarpädagogische Fachkräfte an die Erzählwerte heranwagen, müssen entsprechende Grundlagen (beispielsweise durch besuchte Fort-/Weiterbildungsseminare, intensiv bearbeitete Fachliteratur – siehe dazu die im Anhang aufgeführten Buchhinweise –) erarbeitet worden sein und zur Verfügung stehen.


Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:

Der situationsorientierte Ansatz – Auf einen Blick
Konkrete Praxishinweise zur Umsetzung
Krenz, Armin
Burckhardthaus-Laetare
ISBN: 9783944548043
15,00 €

Mehr dazu auf www.oberstebrink.de


Deutungen der Erzählwerte dürfen nur dann vorgenommen werden, wenn es um Ausdrucksformen der Kinder geht, die sie über einen längeren Zeitraum und in entsprechender Intensität zeigen! Es könnte gesagt werden, es sei „typisch“ für das Kind, diese oder jene besondere Ausdrucksform zu offenbaren. Der Begriff „typisch“ ist in diesem Zusammenhang nicht bewertend/stigmatisierend gemeint; vielmehr wird er als ein Synonym für ein oft beobachtetes Verhaltensmerkmal genutzt. In einem Überblick ergibt sich daher folgendes Bild:

Erfahrungen/Erlebnisse/Eindrücke (= lebensbedeutsame Situationen) offenbaren sich in sechs Ausdrucksformen:

  • in spezifisch gezeigten Verhaltensweisen,
  • in spezifisch gewählten/vernachlässigten Spielformen,
  • in Erzählthemen/ihrer Sprache,
  • im Malen und Zeichnen,
  • in Tag-/Nachtträumen,
  • in der Motorik.

Sie alle sind codierte Ausdrucksweisen und besitzen einen Ausdruckswert und einen Erzählwert.

Bedeutsame Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke haben einen prägenden Wert

Da Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke, die für Kinder bedeutsam waren, einen prägenden Wert besitzen (und auch noch uns als Erwachsene entscheidend in unserer Lebensgestaltung beeinflussen), hat der Situa­tionsorientierte Ansatz das Ziel, Kindern dabei zu helfen, die entwicklungsförderlich erlebten Einflüsse zu intensivieren/zu stärken und die entwicklungshinderlich erlebten Eindrücke/Erfahrungen zu verarbeiten, damit sie ein stärkeres, innerlich festes Selbstwertgefühl aufbauen/weiterentwickeln können, um die eigene Autonomie und Selbständigkeit auszubauen und damit zu einer gefestigten Identität und Sozialkompetenz zu finden, die zu einer reichen, glücklichen Lebensgestaltung führen.

Eine Anmerkung sei an dieser Stelle gestattet: Dem Situationsorientierten Ansatz wird von Zeit zu Zeit – und dabei aus einer bestimmten pädagogischen Richtung – vorgehalten, er habe eine „therapeutische“ Zielsetzung, die von elementarpädagogischen Fachkräften nicht geleistet werden kann. Dazu sei Folgendes gesagt:

  1. Elementarpädagogische Fachkräfte sind keine „Kindergärtner/-innen“, die „zu dumm“ für eine Arbeit mit hoher Fachkompetenz wären!
  2. Wenn das Wort „therapeutisch“ im Sinne einer genauen Übersetzung aus dem Griechischen mit „dienlich“ angenommen wird und im Sinne einer Fortführung gesagt würde, die Arbeit habe „der Entwicklung von Kindern dienlich zu sein“, dann trifft das Wort „therapeutisch“ absolut exakt zu. „Therapeuten“ (also Menschen, die im Sinne einer Entwicklung anderen Menschen dienlich sind) sind genau genommen „Diener“ – sie haben einer inhaltlichen Aufgabenstellung zu dienen zum Wohl der ihnen anvertrauten Menschen. Allerdings sei darauf hingewiesen, dass „therapeutische Arbeit“ nicht einer „psychotherapeutischen Arbeit“ gleichgesetzt wird bzw. werden darf. Hier gibt es Unterschiede!
  3. In dem Maße, in dem Fachschulen/-akademien sowie (Fach-)Hochschulen/Universitäten (mit dem Schwerpunkt der Elementarpädagogik) ihre Ausbildung fachlich/inhaltlich reformieren würden und dem Bereich der Entwicklungspsychologie, der Neurobiologie sowie der Bildungs- und Bindungsforschung eine erste, oberste Priorität beimessen würden, würde ein oben angesprochenes Fachwissen schon vor der Berufsaufnahme vorhanden sein – zumindest in basalen Grundlagen.

Die Zielsetzung des Situationsorientierten Ansatzes lässt sich also wie folgt beschreiben:

Der Kindergarten will Kindern die Möglichkeit geben, lebensbedeutsame Situationen, die das Kind in seinen Ausdrucksformen offenbart, in entwicklungsförderlicher Sicht zu unterstützen und bei entwicklungshinderlichen Eindrücken zu verarbeiten, um sich weiterhin bzw. impulsgebend, wahrnehmungsoffen und engagiert mit seinem gegenwärtigen Leben beschäftigen zu können.

Durch den Auf-/Ausbau seiner personalen Identität wird es Kompetenzen intensivieren bzw. neu entwickeln, die es die Gegenwart gestalten und die Zukunft bewältigen lässt.

Lebenspläne von Kindern als Grundlage für Projekte

Galt es zunächst, Kinder in ihren sechs Ausdrucksformen wahrzunehmen, diese wahrgenommenen Ereignisse in Beobachtungslisten schriftlich zu protokollieren und anschließend jedes Ausdrucksverhalten in seinem Erzählwert zu verstehen (zu deuten), so hat die Praxis gezeigt, dass es besonders aussagekräftig ist, wenn zu jeder Ausdrucksform möglichst mehrere (drei bis sechs) Beispiele aufgeführt sind! Je höher die Anzahl der beobachteten Beispiele ausfallen, desto aussagekräftiger kann der Erzählwert beschrieben und zusammengefasst werden!

Nehmen wir einmal an, dass die Beobachtung eines Kindes je vier „typische“ Beispiele einer jeden Ausdrucksform ergeben hat, so hat die elementarpädagogische Fachkraft insgesamt 24 Ausdrucksbelege zur Verfügung, um dann aus ihrem Fachwissen heraus diese spezifischen Ausdruckswerte mit ihren Erzählwerten zu versehen. Viele Erzieher/-innen haben sich mit der Zeit und durch die intensive Beschäftigung mit der Symbolik des Verhaltens, der Symbolsprache der Spielformen und des spezifischen Spielens der Kinder, der Symbolik der Bewegung/des Bewegungsverhaltens, der Symbolik des Erzählens und der Sprachgestaltung, der Symbolik des Malens und Zeichnens und der Symbolsprache der Träume ein eigenes „Symbol-be-deutungs-buch“ angelegt, das nach entsprechend besuchten Fachseminaren oder nach einer erfolgten Fachbuchbearbeitung immer wieder ergänzt wird.

Ein roter Faden zwischen den Ausdruckswerten

Nun könnte man annehmen, dass bei entsprechenden Ausdrucks- und Erzählwerten sehr viele, ganz unterschiedliche Decodierungsergebnisse bei einem Kind herauskommen. Nun, das ist falsch. Immer gibt es zwischen den unterschiedlichen Ausdrucks- bzw. Erzählwerten einen roten Faden, eine Sinnverbindung, einen Leitwert, der sich durch alle (zumindest die meisten) Aussagen zieht. Anders ausgedrückt: Durch einen Vergleich und eine vernetzte Betrachtung der Ausdrucks- und Erzählwerte offenbart sich ein Verhaltensmuster, das sich offensichtlich im Laufe der Zeit und des Kind(-er-)lebens herausgebildet hat. Eine Auswertung ungezählter Ausdrucksformen und ihrer Erzählwerte hat ergeben, dass außergewöhnlich viele Kinder etwa ein Verhaltensmuster zeigen, welches deutlich macht, dass Kinder:

  • unter Druck stehen und Druckentlastung suchen,
  • unglücklich sind und Glück erleben wollen,
  • sich schwach und minderwertig fühlen und Seelenstärke brauchen,
  • Angstsituationen ausgesetzt sind und eine Befreiung aus der Angst suchen,
  • Einsamkeit erleben und auf der Suche nach Annahme sind,
  • unter Anspannungen leben und Entspannung suchen,
  • mutlos sind und eigentlich mutig sein wollen,
  • Anforderungen mit Resignation begegnen und lieber Wagnisse eingehen würden,
  • Angst vor Versagenserlebnissen haben und daher innere Stärke brauchen,
  • in Überforderungen stecken und sich davon zu befreien versuchen,
  • unterfordert sind und auf der Suche nach „echten“ Herausforderungen sind,
  • Enttäuschungen mit sich herumtragen und lieber eine emotionale Freiheit hätten.

Natürlich(!) gibt es daneben auch Kinder, die sogenannte positive Verhaltensmuster zum Ausdruck bringen, doch sind sie im Verhältnis zur Gesamtzahl der beobachteten Kinder deutlich in der Minderheit. Wichtig ist folgende Anmerkung: Es geht dem Situationsorientierten Ansatz nicht um eine negativ geprägte Projektarbeit. Wer das behaupten würde, hätte sich von einer fachlichen Diskussion weit entfernt. Vielmehr richtet sich der Ansatz – und damit auch die Projektorientierung – nach den Daten heutiger Kindheiten – und das direkt vor Ort – aus. Das bei den Kindern entzifferte Verhaltensmuster, das bei einem Zusammentragen aller Ausdrucksformen sowie einer vernetzten Betrachtung aller Erzählwerte entdeckt werden kann, wird im Situationsorientierten Ansatz als „individueller Lebensplan des Kindes“ bezeichnet. Seine genaue Definition lautet wie folgt:

Ein Lebensplan ist der rote Faden im Leben von Menschen. Er ist ein personell individuelles Verhaltensmuster, das sich in der Vielzahl der Ausdrucksformen und ihren spezifischen Ausdrucksweisen zeigt und einen jeweiligen Bedeutungs(-Erzähl-)wert besitzt. Der Lebensplan eines Menschen setzt sich aus der individuellen Bewertung bisheriger Lebenserfahrungen, -eindrücke und Erlebnisse zusammen und verfolgt den Zweck, lebensnotwendige Grundbedürfnisse zu befriedigen, um zu einer seelischen Stabilität auf der Grundlage einer personalen Identität zu finden.

Zusammenhang von Lebensplan und Grundbedürfnisbefriedigung

Dazu ein paar einfache Beispiele, um den Zusammenhang von Lebensplan und Grundbedürfnisbefriedigung zu verdeutlichen:

  • Kinder, die unter Spannung stehen, suchen häufig intensive Bewegungen, um sich von ihrem Stress zu befreien und um letztlich entspannter sein zu können; allzu schnell werden diese Kinder mit dem Etikettierungsbegriff „AD(H)S-Kind“ versehen, was fachlich in keinerlei Weise begründet ist!
  • Einsame Kinder suchen häufig den Kontakt zu anderen Menschen, um Annahme und Geborgenheit zu spüren, und dabei würden diese Kinder am liebsten die ganze Zeit über die körperliche Nähe zum Erwachsenen genießen. Allzu schnell werden diese Kinder mit der unfachlichen Bewertung „distanzlos“ belegt, anstatt zu verstehen, dass Kinder ihr Grundbedürfnis „Liebe erfahren“ sättigen/nachholen wollen und müssen.
  • Kinder mit vielen Unsicherheiten suchen Situationen/Personen/Umstände, die ihnen Sicherheiten geben und es fällt ihnen schwer, sich auf neue, unbekannte Situationen einzulassen. Diese Kinder haben beispielsweise Schwierigkeiten, sich von vertrauten Personen zu lösen, Spielgegenstände abzugeben, etwas zu teilen oder Spielabbrüche zu akzeptieren. Allzu schnell werden diese Kinder als „unselbstständig“, „unflexibel“ oder in ihren Verhaltensweisen als „nicht altersgerecht“ abgeurteilt.
  • Kinder mit einem stark eingeschränkten Selbstwertgefühl bzw. Minderwertigkeitsgefühlen schaffen häufig Situationen, durch die sie auffallen und dadurch (endlich einmal) in den Mittelpunkt von Betrachtungen/Beachtungen kommen. Allzu schnell werden sie als „unangepasst“, „egoistisch“, „unsozial“ oder „aggressiv“ beurteilt, ohne zu sehen, dass es eine aktuelle Überlebensstrategie der Kinder ist, um nicht gänzlich in ihrer erlebten Bedeutungslosigkeit ganz abzurutschen.
  • Kinder, die sich seelisch ohnmächtig fühlen, haben häufig den Wunsch, Macht über andere zu besitzen. Allzu schnell werden diese Kinder als „gewalttätig“ abgestempelt, ohne zu verstehen, dass Angst-, Verunsicherungs- und Ohnmachtsgefühle genau zu dieser Überlebensstrategie führen müssen …

Diese Aufzählung könnte endlos fortgesetzt werden. Wenn – und darauf weisen ungezählte Beobachtungen – kindeigene Ausdrucksformen beispielsweise sehr häufig dem Zweck dienen, sich aus einer Angst zu befreien, Stolz erleben zu wollen, sich aus Wut und Ärger frei machen zu wollen, „eigentlich“ Ruhe und Entspannung suchen, Sicherheiten finden wollen, eigene Stärke spüren möchten, Wertschätzung und Zuverlässigkeit erleben möchten, sich aus Drucksituationen befreien zu wollen …, dann hat ein Kindergarten, der sich dem Situationsorientierten Ansatz verpflichtet fühlt, dafür zu sorgen, dass die Kinder in ihrer elementarpädagogischen Einrichtung (und in der Zusammenarbeit mit Eltern auch wenn möglich im Elternhaus) das finden, was sie brauchen. Vielleicht kann auch so eine Erklärung dafür gefunden werden, dass Kinder, die keine Freude dabei empfinden zum Kindergarten zu gehen, bestimmte „Angebote“ immer wieder verweigern, das Abholen von den Eltern kaum abwarten können, eine sogenannte Kindergartenmüdigkeit entwickeln, mit Langeweile einen Großteil ihrer Tage im Kindergarten verbringen, aus dem Kindergarten abhauen, durch vielfältige Verhaltensirritationen auffallen, einfach nicht das erleben, wonach ihre Seele ruft!




Spiel- und Lernimpulse zu Bilderbüchern

minedition bietet zu seinen Büchern zahlreiche Belgeitmaterialien gratis zum Download an

Spiel- und Lernimpulse bietet der Verlag minedition für Kindergärten und Grundschulen zu seinen Themenbüchern an. Jedes Bilderbuch greift ein besonderes Thema aus der Erfahrungswelt der Kindes auf. Zusätzlich werden zu jedem Themenbereich umfassende Hintergrund-Informationen, Lern-Impulse, Spiel-Aktivitäten, Bastel-Tipps angeboten, die man hier kostenlos downloaden kann. Mehr dazu finden Sie hier.




Gute Lieder sind Seelenproviant für Kinder

horn-noten

Warum Musik so wichtig ist und wie wir lernen, mehr zu musizieren

Seit mehr als 40 Jahren macht Reinhard Horn Musik. Seit 20 Jahren schreibt er auch für Kinder. Warum Musik für Kinder so wichtig ist und warum wir uns dennoch so schwer damit tun, haben wir ihn im Interview gefragt.

spielen und lernen: Herr Horn, Sie zählen zu den kreativsten deutschen Kinderliedermachern und haben fast dauernd Kontakt zu Kindern. Sie bezeichnen Musik als Seelenproviant für Kinder. Warum halten Sie Musik für so wichtig?

Reinhard Horn: Ich glaube, dass diese Welt anders wäre, wenn es die Musik nicht geben würde. Die Kinder kommen auf die Welt und längst bevor sie die ersten Worte sprechen, ist die erste Ausdrucksform die Musik, indem sie die Sprachmelodie der Mutter, der Großmutter, des Vaters nachahmen. La la la mama, mama, dada da.

Also von daher wird die Welt eigentlich musikalisch begrüßt. Von dem großen israelischen Geiger Yehudi Menuhin stammt der Ausspruch „Musik ist die allererste Muttersprache von uns Menschen“. Ich glaube, dass wir tief in unserer Seele musikalisch miteinander verbunden sind.

Dieses Wort vom „Seelenproviant“ habe ich mir vom Armin Krenz sozusagen mit freundlicher Genehmigung geliehen, weil Armin da ein wunderbares Buch geschrieben mit dem Titel „Kinder brauchen Seelenproviant“. Was würden wir in einen Rucksack packen, mit dem wir durch das Leben gehen? Was gehört da hinein? Ganz viele Dinge: natürlich in allererster Linie eine sichere, verlässliche Beziehung und Bindung, die sich in den ersten Lebensjahren einstellt. Über die Mutter, über den Vater, die Großmutter… Man möge aber bitte auch nicht die Aufgabe von ErzieherInnen und Lehrkräften unterschätzen. Auch diese sind wichtige Beziehungs- und Bindungspersonen. Und natürlich gehört in den Rucksack auch Bildung. Ganz wichtig sind aber auch Lieder und Geschichten.

sul: Warum meinen Sie, dass sie so bedeutend sind? Auf den ersten Blick erschließt sich das nicht.

RH: Dann spule ich mal vom Anfang des Lebens bis zum Ende. Ich bin unter anderem auch ein Botschafter der singenden Krankenhäuser. Die Idee stammt aus den USA. Hier gehen Singpaten in Krankenhäuser und singen mit Langzeit -Patientinnen und Patienten, also mit Krebserkrankungen, mit chronisch Kranken, mit Alzheimer und Demenzpatienten, mit wirklich großartigen Erfolgen. Das bestätigen auch die Ärzte.

Und wenn ich Gelegenheit habe, eine Singstunde mitzumachen, dann bekomme ich immer eine Gänsehaut, wenn ich sehe, wie das Gesicht eines Demenzpatienten sich aufhellt, wenn er ein Lied aus seiner Kindheit singt – und zwar mit allen Strophen. Was es mittags zu essen gab, wird er nicht mehr sagen können, aber das Lied aus seiner Kindheit hat er stets im Kopf.

Ich gehe aus diesen Singstunden nachdenklich raus und frage mich „Was werden wohl unsere Kinder in 80 Jahren singen, sollten sie an Demenz erkranken? Geben wir ihnen wirklich gute Lieder und gute Geschichten mit auf dem Weg? Die heutigen Demenzpatienten speisen ihre Liedererinnerung aus vier Quellen: Lieder aus dem Gottesdienst – wie zum Beispiel „Lobe den Herren“ „Ein feste Burg“. Die zweite Quelle sind Weihnachtslieder: „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Oh du Fröhliche!“.  Und dann gibt es die Lieder aus ihrer eigenen Jugend, wo sie zum ersten Mal verliebt waren. Das ist manchmal schon sehr berührend, wenn ein 85-Jähriger „Sugar Baby“ von Peter Kraus singt, und man kann sehen, wie ersich an dieses alles erinnert. Und alle, die eine rheinische Frohnatur haben, haben natürlich als Quelle auch die Karnevalslieder. Hier spürt man auf einmal, was Seelen-Proviant wirklich bedeutet.: welche Würde und welche Partizipationsmöglichkeiten am Ende des Lebens wieder zurückkehren.

Und deswegen ist mir das so wichtig, dass wir als ErzieherIn, als LehrerIn, als PädagogIn den Kindern Lieder und Geschichten mit auf dem Lebensweg geben.

sul: Was singen denn Kinder heute?

RH: Ganz grob können wir die Kinder in zwei Altersgruppe unterteilen: Die Null- bis Achtjährigen wachsen mit traditionellen Kinderliedern, mit traditionellen Volksliedern und mit neuen Kinderliedern auf. Es gibt eine ganze Reihe von sehr guten neuen Kinderliedern, die sich auch etabliert haben.
Mit acht Jahren etwa kommt dann die Popularmusik hinzu. Da könnten wir jetzt lange, lange darüber sprechen. Ich persönlich frage mich manchmal, warum Kinder irgendwelche Titel auf Englisch mit acht Jahren singen, wo sie mit Sicherheit noch keinen Zugang zu den Texten und zum Inhalt des Liedes haben.
Für mich hat der Text eines Liedes eine große Bedeutung.

sul: Sie machen ja auch viele Konzerte und Veranstaltungen mit Kindern. Was kommt da rüber? Was beobachten Sie bei den Kindern?

RH:Also erst mal nehmen die Kinder unmittelbar und elementar Musik und Rhythmus auf. Das lässt sich sogar medizinisch belegen. Das zweite – und das ist für meine pädagogische Arbeit im letzten Jahr sehr wichtig geworden – hat sehr viel zu tun mit dem Begriff der Resonanz. Das, was ich ausstrahle, was ich den Kindern vermittle an Lust, an Leidenschaft, an Unsinn, an Bewegung, das greifen sie auf und spiegeln mich. Das halte ich für eigentlich für die für die Grundlage jeder pädagogischen Arbeit. Es gilt in guter Resonanz mit den Kindern zu sein, in einer guten Beziehung mit den Kindern zu sein. Und das geschieht bei meinen Konzerten, bei kleinen wie auch bei großen Konzerten im hohen Maße.

Ich bin vor Corona immer sehr viel unterwegs gewesen mit einer großen Weihnachtstournee, mit rund 20 Terminen. Das Besondere: Es sind immer Kinder und Chöre aus der jeweiligen Region mit auf der Bühne, die mit mir gemeinsam aufgetreten sind. Und bei der Probe zum Konzert gebe ich mir ein paar Minuten, die Kinder so zu erreichen, dass wir gemeinsam ein Konzert geben können. Und so nehme ich mir diese Zeit, diese Resonanz aufzubauen. Ein Schlüsselbegriff dafür: Lachen. Kinder lachen 40-mal häufiger als wir Erwachsene. Ich weiß nicht, ob wir das Lachen verlernt haben oder ob es weniger zu lachen gibt. Aber für Kinder ist es ganz wichtig, über das Lachen eine Beziehung herzustellen zu können, dass das lustvolle Erleben unterstützt.

sul: Lustvolles Erleben, das ist so ein wunderbares Stichwort. Toben sich die Kinder jetzt bei der Musik mehr aus oder gibt ihnen die Musik Energie?

RH: Ich erlebe beides. Ich erlebe Kinder, die sehr stark von einer inneren motorischen Bewegung herkommen und natürlich dann die Musik viel stärker in Bewegung ausdrücken können als andere. Und ich erlebe eigentlich immer in den Autogrammstunden nach den Konzerten, dass die Kinder gestärkt sind. In einer Chorprobe mit Kindern sehe ich das viel deutlicher, dass Kinder sich hinterher quasi auf einmal aufrichten, im wahrsten Sinn des Wortes und gestärkt aus solchen musikalischen Dingen herausgehen.

sul: Wenn ich von Ihnen höre, dass man bei Musik gar nicht so gut sprechen können muss oder sich unbedingt klar artikulieren können muss, dann muss Musik doch auch etwas sehr Inklusives und Integratives haben.

RH: Ganz genau. Das ist sozusagen die Brücke, über die wir immer wieder, gerade auch bei diesen inklusiven Ansätzen gehen können. Ich habe vor zwei Jahren für die Aktion Mensch ein Musical geschrieben. „Gemeinsam sind wir stark, das bunte Band Musical“, wo wir genau das Themen Inklusion, Integration und „Wie können wir gemeinsam etwas machen“ im Mittelpunkt gestellt haben? Da spielt Musik eine ganz, ganz bedeutende und große Rolle.Ich habe ein Lied, das heißt, „Ich bin klasse, so wie ich bin.“ In einer Förderschule mit blinden und stark sehbehinderten Kindern erzählten mir die Lehrkräfte, dass vier Kinder das Lied „Ich bin klasse“ einstudiert hätten und das gerne gleich beim Sommerfestkonzert auf der Bühne präsentieren wollen. Die Kinder kamen auf die Bühne und jedes einzelne Kind sang: „Ich bin klasse, so wie ich bin“. Ich hatte echt Gänsehaut.

Trotz aller Schwierigkeiten, die diese Kinder haben, schmälert es nicht ihre Lust an diesem Leben, nicht die Neugier auf all das, was uns das Leben bieten kann. Und das Singen ist der Ausdruck dafür.

sul: Wenn mich der Eindruck nicht täuscht, dann nimmt auch passiven Musikhören zu. Ganz gleich, ob das nun bewusst geschieht oder die Musik nebenherläuft, welche Bedeutung hat das für die Musik bei uns?

RH: Zu meiner Lehrerzeit habe ich mit meinen Schülerinnen und Schülern immer Musical Projekte inszeniert. Das letzte was wir gemacht haben, war „Jesus Christ Superstar“. Es war so ein Abschiedsgeschenk an meine Schule und ich hatte eine kurz vor dem Abitur stehende Schülerin, die hochgradig magersüchtig war und sich in das Projekt eingeklinkt und auch durchgebissen hat. Nach einem halben Jahr wurde der Ruf „Ihr müsst das noch mal machen, es war so toll“ immer lauter. Und dann habe ich alle nochmal angeschrieben und zu den Proben in den Weihnachtsferien eingeladen. Im Januar waren die Aufführungen. Auf einer großen Plakatwand im Theater stand, was aus den SchülerInnen geworden war. Die besagte Schülerin hatte dorthin geschrieben: „Ich lebe in Hamburg und bin Ideenscout.“ Das erklärte sie so: Das Wort „Idee“ hatte sie Buchstabe für Buchstabe untereinandergeschrieben und erläuterte „Idee heißt für mich, ich darf endlich essen“. Die Theaterarbeit, die Musik auf der Bühne hätten ihr ein anderes Körpergefühl, eine andere Körperwahrnehmung ermöglicht und auch das Gefühl, ich kann ja was in mir bewegen.

Das ist sicherlich ein extremes Beispiel, aber ich glaube, wir vergeben so viele Chancen, wenn wir Kindern diesen Raum, wo sie sich selbst ausprobieren können, wo sie selbst entdecken können, was alles in ihnen steckt, nicht geben.

sul: Ja, das ist wirklich beeindruckend. Aber was bedeutet dann dieses passive Musikhören?

RH: Ja, es triggert natürlich auch unsere ganze Emotionalität an. Das ganze limbische System wird über die Musik getriggert. Aber es führt letztlich zu einer konservativen Haltung, dass ich mich zurücknehme und etwas mit mir gemacht wird. Die Musik macht etwas. Sie verändert meine Stimmung, hält mich auf, unterstützt meine Traurigkeit oder bringt mich quasi in einen anderen energetischen Zustand. Das ist soweit in Ordnung. Aber für mich, mit Blick auf die Entwicklung von Kindern, ist der andere Bereich, dass sie selbst zum Tun kommen, mindestens ebenso wichtig.

sul: Wenn ich mich an meine Kindergartenzeit erinnere, dann haben wir viel mit Instrumenten gemacht. Wir hatten Orff-Instrumente. Das war toll für mich, weil ich da irgendwo draufhauen konnte und wenn der Rhythmus einigermaßen gut gestimmt hat, hat sich das irgendwie auch gut angehört. Und jede meiner ErzieherInnen konnte zumindest Gitarre oder Flöte spielen. Das war eine sehr fröhliche Zeit. Wenn ich mir das heute ansehe, bemerke ich oder glaube ich zu bemerken, dass bei all der Wichtigkeit, die Musik für die Entwicklung von Kindern hat, für ErzieherInnen die Situation ganz anders aussieht. Musik stößt oftmals auf Ablehnung. Warum ist das so?

RH: Also das würde ich auf jeden Fall für die letzten zwei Jahre, wo wir uns in dieser Pandemiesituation befinden, auf jeden Fall unterstreichen. Ich hatte das Gefühl in den Jahren vorher, dass wir uns auf einen guten Weg gemacht haben. Ich habe ja viele, viele Fortbildungen für ErzieherInnen gehalten, die immer sehr gut besucht waren. Dabei haben viele entdeckt, welche Möglichkeiten sich ihnen bieten und so sind viele Türen aufgegangen.

Das ist nun durch die Pandemie deutlich eingeschränkt. Von daher bin ich jetzt im Moment nicht mehr ganz so optimistisch. Aber ich hoffe sehr, dass wir diesen Weg weitergehen können. Gerade junge ErzieherInnen und Musik sind oft nicht die besten „Freunde“. Das hat immer was mit der eigenen musikalischen Biographie zu tun. Wenn ich selber Musik nicht mehr konstruktiv erlebt habe, dann traue ich mir das auch nicht mehr zu. Wenn in den Familien zu Hause nicht gesungen wird, wenn in ihrer eigenen schulischen Karriere eben über Musik gesprochen, aber nicht erlebt und gemacht wird, dann sind da erst mal gewisse Türen zu. Aber hinter den Türen, da bin ich fest davon überzeugt, stecken ganz viele Potenziale und es bedarf eigentlich meiner Meinung nach einfach nur einer guten Begleitung. Das hat etwas mit der Ausbildung zu tun. Da fristet auch die Musik oder die ästhetische Bildung eher ein Mauerblümchendasein. Da werden viele, viele andere Dinge nach vorne gestellt. Ich will jetzt auch gar nicht, das eine gegen das andere ausspielen. Aber ich glaube, dass da eine gute Begleitung für die jungen Erzieherinnen sehr hilfreich sein kann, damit sie erleben „Ich kann das“.

sul: Und an dem Prozess beteiligen sie sich auch hier durch Fortbildungsangebote.

RH: Wir machen jetzt durch die Pandemie mehr Onlineseminare. Die Angebote sind sehr gut nachgefragt und wo wir bekommen anschließend viel positive Rückmeldung. Ich hoffe, dass wir ab 2022 wieder stärker präsent sein können, damit ErzieherInnen sich mit Lust ausprobieren können und Neugierde darauf entwickeln, wie sie die neuen Erfahrungen in ihre Arbeit integrieren können.

sul: Das ist ein schönes Schlusswort. Vielen Dank.

RH: Danke auch.

Weitere Informationen zu Reinhard Horn auf www.reinhardhorn.de, Verlag www.kontakte-musikverlag.de

10 Punkte über Reinhard Horn

horn

  1. Reinhard-Horn-Grundschule Rhumspringe
  2. Botschafter des „Kindernothilfe e. V.“
  3. Botschafter des „Singenden Krankenhäuser e. V.“
  4. Ca. 3 Millionen verkaufte Tonträger und rund 5 Millionen verkaufte Bücher
  5. Ca. 150 Veranstaltungen im Jahr – Konzerte, Fortbildungen, Seminare, Kongresse
  6. Mit über 2000 komponierten und produzierten Songs der „kreativste deutsche Kinderliedermacher“
  7. Er hat die Kinder-Hymnen geschrieben für ADAC, Adveniat, Aktion Mensch, Brot für die Welt, BUND, Dietrich Grönemeyer Stiftung, Deutsche Turnerjugend, Ein Herz für Kinder, Greenpeace, Kindernothilfe, MISEREOR, Stadt Lippstadt, TUI, World Vision
  8. Zahlreiche Auszeichnungen: u. a. von der Deutschen UNESCO Kommission (Nachhaltige Entwicklung), mehrfacher Preisträger des Deutschen Rock & Pop Preises, ERASMUS Award, COMENIUS Award
  9. Künstler bei UNIVERSAL Music und KONTAKTE Musikverlag
  10. Der „tollste Kinderversteher“ (Zitat eines 8-jährigen Jungen)




Online-Seminare mit Reinhard Horn

Lichtertänze, musikalische Ideen, Traum- und Fantasiereisen zur Winter- und Adventszeit

Neben seinen Konzerten ist Reinhard Horn einer der gefragtesten Referenten im Bereich der Fortbildung für Erzieherinnen, LehrerInnen und PädagogenInnen. Immerhin war er auch fast zwei Jahrzehnte lang Lehrer und versteht viel von der Praxis.

Seit geraumer Zeit bietet er auch Online-Seminare an. Hier haben wir die kommenden Seminare zusammengefasst:

09.11.21 Lichtertänze und Bewegungsideen zur Winter- und Weihnachtszeit

Für alle, die zur Winter- und Weihnachtszeit mit dem Element Licht arbeiten möchten, bietet dieses Online-Seminar eine Fülle von praxisorientierten Impulsen und Ideen.
Alle Lichtertänze und Bewegungsideen sind leicht und mit ganz viel Freude umsetzbar.

Eine wundervolle Kombination aus „Licht“ und „Tanz“ für alle in Kita, Förderschule und Grundschule.

16.11.21 Von Martin bis zu den Hl. drei Königen – Ideen für Advent und Weihnachten

Für die schönste Zeit des Jahres stellt Reinhard Horn in diesem Online-Seminar Lieder und musikalische Ideen vor, die die besonderen Themen der Adventszeit aufgreifen.

Es wird gesungen und erzählt vom Licht – von Engeln und Sternen, vom Warten, vom Advent bis hin zu den heiligen drei Königen. So kann es Weihnachten werden – im Kalender und auch in den Herzen der Kinder und Erwachsenen.

Im Online-Seminar wird auch der Aspekt „Musik mit und ohne Singen“ berücksichtigt.

23.11.21 Musikalische Ideen für alle, die fachfremd Musik unterrichten

Dieses Online-Seminar bietet eine Fülle von musikalischen Ideen und Anregungen für alle, die fachfremd Musik unterrichten!

Reinhard Horn stellt fröhliche Lieder und leichte musikalische Ideen für den unmittelbaren Einsatz in der Klasse und Kita vor. Dazu gibt es vielfältige Anregungen und Ideen, wie z.B. kleine Raps, Body Percussion, Klatschen und Rhythmus-Instrumente.

So macht Musik – auch fachfremd – Spaß!

In diesem Online-Seminar wird auch der Aspekt „Musik mit und ohne Singen“ berücksichtigt.

07.12.21 Einmal Himmel und zurück – Traum- und Fantasiereisen

Traum- und Fantasiereisen können eine wertvolle Hilfe für den pädagogischen Alltag in Kita, Grundschulen und Förderschulen sein.
Konzentration, Ruhe und Stillephasen, Entspannung und gesteigerte Aufmerksamkeit sind pädagogische Anforderungen um Lernprozesse zu verbessern.
Sie laden dazu ein, Stille- und Konzentrationsphasen auch im familiären Umfeld zu imitieren.

14.12.21 Wir begrüßen den Winter musikalisch

Wir freuen uns auf den Winter und begrüßen ihn mit vielen praxisorientierten Ideen und einer guten Mischung aus bekannten und neuen Winterliedern. Neben dem Singen und Kennenlernen gibt es – wie immer – viele Bewegungs-, Spiel- und Umsetzungsideen.

So kann der Winter beginnen!

In diesem Online-Seminar wird auch der Aspekt „Musik mit und ohne Singen“ berücksichtigt.

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.