ADHS-Medikamente: Forschende entwarnen und empfehlen regelmäßiges Monitoring

Eine große Meta-Analyse der Universität Southampton zeigt: Medikamente wie Ritalin verändern Puls und Blutdruck nur gering – sollten aber systematisch überwacht werden
Ein Forschungsteam der University of Southampton hat in einer groß angelegten Meta-Analyse die kardiovaskulären Effekte von ADHS-Medikamenten untersucht. Die Arbeit wurde im Fachjournal The Lancet Psychiatry veröffentlicht und basiert auf über 100 randomisierten kontrollierten Studien mit mehr als 22.000 Teilnehmenden.
Die Ergebnisse sind klar, aber differenziert: Nahezu alle untersuchten Medikamente führen zu leichten Anstiegen von Blutdruck und Herzfrequenz. Diese Effekte sind statistisch signifikant, bleiben jedoch in einem Bereich, den die Forschenden als klinisch gering einordnen.
Konkret zeigen sich im Durchschnitt:
• leichte Erhöhungen des systolischen und diastolischen Blutdrucks
• ein moderater Anstieg der Herzfrequenz
• insgesamt kleine Veränderungen ohne unmittelbare klinische Relevanz
Eine wichtige Ausnahme bildet der Wirkstoff Guanfacin, bei dem Blutdruck und Puls eher sinken.
Keine Unterschiede zwischen Medikamentenklassen
Ein zentrales Ergebnis der Analyse betrifft den Vergleich verschiedener Wirkstofftypen. Die Daten zeigen, dass es keine bedeutsamen Unterschiede zwischen Stimulanzien und Nicht-Stimulanzien gibt.
Das bedeutet: Medikamente wie Methylphenidat (z. B. Ritalin) schneiden in Bezug auf kardiovaskuläre Effekte nicht schlechter ab als alternative Wirkstoffe wie Atomoxetin oder Viloxazin.
Diese Erkenntnis ist besonders relevant, da in der öffentlichen Diskussion häufig angenommen wird, dass gerade Stimulanzien ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme darstellen.
Was genau wurde untersucht – und was nicht?
Die Studie konzentriert sich ausschließlich auf körperliche Nebenwirkungen im Herz-Kreislauf-System. Untersucht wurden unter anderem:
• Blutdruck (systolisch und diastolisch)
• Herzfrequenz
• teilweise elektrokardiografische Parameter
Nicht untersucht wurde hingegen die Frage, wie wirksam die Medikamente bei ADHS-Symptomen sind – etwa im Hinblick auf Aufmerksamkeit, Impulssteuerung oder schulische Leistungen.
Diese Unterscheidung ist entscheidend für die Einordnung der Ergebnisse: Die Studie liefert keine neue Evidenz zur therapeutischen Wirksamkeit, sondern ausschließlich zur körperlichen Sicherheit.
Schlussfolgerung der Forschenden: Überwachung ist entscheidend
Die zentrale Empfehlung des Forschungsteams ist eindeutig: Auch wenn die beobachteten Veränderungen gering sind, sollten Blutdruck und Herzfrequenz bei allen ADHS-Medikamenten regelmäßig kontrolliert werden. Dabei betonen die Autorinnen und Autoren ausdrücklich, dass diese Empfehlung für alle Wirkstoffklassen gilt – nicht nur für Stimulanzien.
Die klinische Botschaft lautet damit nicht „völlige Entwarnung“, sondern eher: Geringe Risiken – aber systematische Kontrolle notwendig.
Wie belastbar sind die Ergebnisse?
Die Studie gehört zu den methodisch stärksten Arbeiten in diesem Bereich. Sie basiert ausschließlich auf randomisierten kontrollierten Studien, also auf einem Studiendesign mit hoher interner Validität. Die große Stichprobe und der direkte Vergleich mehrerer Wirkstoffe erhöhen zusätzlich die Aussagekraft.
Gleichzeitig bestehen typische Einschränkungen solcher Analysen:
• Die meisten Studien erfassen kurz- bis mittelfristige Zeiträume
• Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen sind häufig ausgeschlossen
• Die Bedingungen klinischer Studien unterscheiden sich vom Alltag
Das bedeutet: Für die Bewertung kurzfristiger Kreislaufeffekte sind die Ergebnisse robust. Für Langzeitfolgen oder seltene Risiken bleiben jedoch weiterhin Unsicherheiten.
Einordnung: Präzisere Daten für eine differenzierte Debatte
Die Studie liefert keine grundlegend neue Bewertung von ADHS-Medikamenten, aber sie präzisiert ein wichtiges Detail: Die körperlichen Nebenwirkungen im Herz-Kreislauf-System sind in der Regel klein, konsistent und über verschiedene Medikamente hinweg ähnlich.
Für die Praxis ergibt sich daraus vor allem eines: Nicht die grundsätzliche Entscheidung für oder gegen ein Medikament wird durch diese Daten verändert – wohl aber der Umgang damit. Regelmäßiges Monitoring wird zur zentralen Voraussetzung einer verantwortungsvollen Behandlung.
Weitere Informationen: https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366%2825%2900062-8/abstract