Alltagsintegrierte Sprachbildung beginnt mit Beziehung

Prof. Dr. Armin Krenz zeigte auf der Klax Konferenz 2026, warum Sprachentwicklung vor allem in vertrauensvollen Beziehungen, bedeutsamen Alltagssituationen und wertschätzenden Dialogen gelingt

„Bildung braucht Bindung“ – kaum ein Satz fasst die Grundlagen erfolgreicher Sprachbildung so treffend zusammen wie dieser. Kinder lernen sprechen, weil sie Beziehungen gestalten, sich selbst, ihre eigenen Ausdrucksmöglichkeiten sowie ihre Umwelt entdecken und sich verstanden fühlen wollen. Dass Sprachentwicklung deshalb vor allem im Alltag und nicht in isolierten Förderprogrammen gelingt, verdeutlichte Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz auf der Klax Konferenz 2026 in Berlin. Sein Vortrag traf einen Nerv bei den zahlreichen pädagogischen Fachkräften und regte zu intensiven Diskussionen über die Zukunft frühkindlicher Bildung an.

Trotz hochsommerlicher Temperaturen in den Veranstaltungsräumen blieb die Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen und Zuhörer während der beiden Vortragseinheiten ungebrochen. Die überwiegend aus Kindertageseinrichtungen, Krippen und anderen pädagogischen Einrichtungen stammenden Fachkräfte verfolgten die Ausführungen mit großer Konzentration. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer äußerten sich im Anschluss begeistert über die fachliche Tiefe, die Praxisnähe und die klare Haltung des Referenten.

Sprache entsteht nicht durch Programme, sondern durch sicher erlebte Beziehungen

Im Mittelpunkt des Vortrags stand eine zentrale Botschaft: Sprachbildung ist kein isolierter Förderbereich, sondern Teil einer ganzheitlichen Entwicklung des Kindes. Sprache, Bindung und nachhaltige Bildungsprozesse bilden ein untrennbares Wirkungsgefüge bei der Sprachbildung, so wie es immer wieder vielfältige wissenschaftliche Untersuchungen zeigen. Armin Krenz zitierte dabei stets entsprechende Wissenschaftler*innen und benannte die Untersuchungen, so dass interessierte Teilnehmer*innen die Quellenangaben aufrufen können. Auch wenn in der Auseinandersetzung >alltagsintegrierte Sprachbildung versus additive Sprachförderung< unterschiedliche Aussagen vorgebracht werden, geht es Armin Krenz um fundierte Belege, die für eine alltagsintegrierte Sprachbildung sprechen und nicht um persönlich geprägte Meinungsaussagen, die einer additiven Sprachförderung den Vorzug geben sollen. Sprache eröffnet Kindern Zugänge zu sich selbst, zu anderen Menschen und zur Welt. Gleichzeitig kann Sprache vielfältige Entwicklungsfelder im Kind fördern – oder auch behindern, wenn das Kind mit entwicklungshinderlichen Sprachäußerungen konfrontiert wird.
Krenz stellte die Bedeutung einer alltagsintegrierten Sprachbildung heraus. Sprachliche Entwicklung vollzieht sich demnach nicht in künstlich geschaffenen Förderstunden, sondern in alltäglichen Interaktions- und Kommunikationssituationen. Kinder lernen Sprache dort besonders nachhaltig, wo sie sich angenommen fühlen, eigenen Interessen nachgehen können und erleben, dass ihre Worte Wirkung entfalten.

„Sprache will erlebt werden“, lautete eine der zentralen Aussagen seines Vortrags. Sprachbildung entstehe in interessanten Interaktionen, in wertschätzenden Dialogen und in Situationen, die für Kinder bedeutsam seien. Additive Sprachförderprogramme könnten diese Voraussetzungen nur sehr begrenzt erfüllen.

Bildung braucht Bindung

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der engen Verbindung zwischen Sprachentwicklung und Bindungserfahrungen. Krenz knüpfte dabei an entwicklungspsychologische Erkenntnisse an und machte deutlich, dass Kinder zunächst ein sicheres Verhältnis zu sich selbst und ihren Bezugspersonen entwickeln müssen, bevor sie die Welt neugierig erkunden können.

Sichere Beziehungen schaffen die Grundlage für Exploration, Lernfreude und sprachliche Ausdrucksfähigkeit. Kinder, die sich emotional angenommen und wertgeschätzt fühlen, entwickeln leichter Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und die Bereitschaft, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Sprachbildung geschieht deshalb vor allem durch Beziehungserfahrungen, durch Sprechfreude und durch eine wertschätzende Dialogkultur.

Besonders eindrücklich schilderte Krenz die Bedeutung der pädagogischen Fachkraft als „Faktor Nummer 1“ für gelingende Bildungsprozesse. Internationale Studien belegten, dass die Qualität der Erwachsenen-Kind-Interaktion einen entscheidenden Einfluss auf die sprachliche, soziale und kognitive Entwicklung von Kindern habe.

Kritik an einer zunehmend verschulten Frühpädagogik

Mit deutlichen Worten setzte sich der Referent auch kritisch mit aktuellen Entwicklungen in der Elementarpädagogik auseinander. Er warnte vor einer ständig zunehmenden Instrumentalisierung von Bildung und vor der Tendenz, frühkindliche Bildungsprozesse an schulischen, funktionsdefinierten Logiken, die einer Erwachsenensicht entspringen, auszurichten.

Kinder seien weder Förderobjekte noch „unfertige Erwachsene“, sondern eigenständige Persönlichkeiten mit individuellen Entwicklungswegen. Bildung dürfe deshalb nicht auf Programme, Lernziele und standardisierte Förderangebote reduziert werden. Vielmehr brauche es Zeit, Beziehung, Alltagserfahrungen und die Möglichkeit zur selbstbestimmten Auseinandersetzung mit der Welt.

Dabei griff Krenz unter anderem Gedanken von Gerd E. Schäfer, Alice Miller, Rebeca Wild und Carl Gustav Jung auf und plädierte für eine Rückbesinnung auf die Eigenständigkeit der Elementarpädagogik.

Die Welt durch Sprache entdecken

Immer wieder führte der Vortrag zurück zur Frage, welche Bedeutung Sprache für die Entwicklung eines Kindes besitzt. Sprache eröffnet den Zugang zu den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Ressourcen ebenso wie zur sozialen und kulturellen Umwelt.

Kinder benötigen deshalb sprachunterstützende, wahrnehmungsoffene, mitfühlende und aufmerksam beobachtende Begleiterinnen und Begleiter. Sprachbildung gelingt dort, wo Kinder ernst genommen werden, ihre Gedanken Gehör finden und Dialoge auf Augenhöhe entstehen. Sprachbildung unterstützt, sofern diese Merkmale von Kindern erlebt werden, damit die >Selbstbildung< des Kindes im Unterschied zu einer additiven Sprachförderung, durch die sich das Kind eher als ein ‚Reakteur‘ versteht und sich weniger als ‚Akteur‘ seiner eigenen Entwicklung erleben kann.

Besonders die Verbindung von Sprachbildung, Selbstwertentwicklung, Resilienz und sozialem Lernen zog sich als roter Faden durch den Vortrag. Sprache wurde dabei nicht als Technik verstanden, sondern als grundlegendes Medium menschlicher Beziehung und Persönlichkeitsentwicklung.

Große Resonanz und intensive Diskussionen

Die Resonanz auf den Vortrag war ausgesprochen positiv. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer nutzten die Gelegenheit für Gespräche, Rückfragen und den fachlichen Austausch. Besonders die Verbindung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit langjährigen Praxiserfahrungen wurde von den Zuhörenden hervorgehoben.

Die Klax Konferenz 2026 hatte sich zum Ziel gesetzt, Bildung neu zu denken und wissenschaftliche Impulse mit pädagogischer Praxis zu verbinden. Mit seinem Vortrag traf Armin Krenz genau den Nerv vieler Fachkräfte, die nach Orientierung in einer zunehmend komplexen Bildungslandschaft suchen. Die Themen Sprachbildung, Beziehungsgestaltung und kindorientierte Pädagogik erwiesen sich dabei als hochaktuell und praxisrelevant.

Die Präsentation zum Vortrag

Da zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Wunsch geäußert haben, die Inhalte des Vortrags noch einmal nachlesen und für die eigene pädagogische Praxis nutzen zu können, stellen wir die Präsentation von Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz im Anschluss an diesen Bericht als Download zur Verfügung. Sie enthält die zentralen Gedanken, Impulse und Literaturhinweise des Vortrags und bietet zahlreiche Anregungen für die alltagsintegrierte Sprachbildung in Krippe, Kita und Kindertagespflege.




Bessere Sprachentwicklung in Kita: Mehr Beobachten statt bloßer Tests!

Neue interdisziplinäre Expertise zeigt: Sprachentwicklung gelingt vor allem durch alltagsintegrierte Bildung, qualifizierte Beobachtung und bessere Vernetzung – nicht durch flächendeckende Screenings

Die jüngst erschienene Expertise zur Erfassung und Förderung der sprachlichen Entwicklung in der Kindertagesbetreuung zeichnet ein ambivalentes Bild: In deutschen Kitas wird sehr viel beobachtet, dokumentiert und getestet – doch die vorhandenen Daten führen häufig nicht zu besserer Unterstützung für Kinder. Stattdessen dominieren punktuelle Messungen, die wenig über tatsächliche Entwicklungsverläufe aussagen und kaum handlungsleitend für die pädagogische Praxis sind.

Die Autor*innen betonen, dass Sprache kein isolierbares „Testmerkmal“ ist, sondern sich in Beziehungen, Alltagssituationen und sozialen Kontexten entwickelt. Strukturelle Probleme wie Fachkräftemangel, große Gruppen und fehlende Zeit erschweren es Kitas zusätzlich, Beobachtungen systematisch auszuwerten und in passgenaue Sprachbildungsangebote zu überführen. Gleichzeitig werden viele Verfahren eingesetzt – in NRW durchschnittlich vier pro Einrichtung –, ohne dass ihre Ergebnisse sinnvoll miteinander verknüpft werden.

Beobachtung statt Momentaufnahme: Was wirklich trägt

Im Zentrum der Empfehlungen steht die kontinuierliche, systematische Beobachtung als zentrales Instrument der Sprachstandserfassung. Offene Verfahren wie Bildungs- und Lerngeschichten oder wahrnehmende Beobachtung erlauben einen ganzheitlichen Blick auf Kinder, ihre Interessen, Kommunikationsweisen und Lernwege. Standardisierte Bögen wie BaSiK, Seldak oder Sismik können dies ergänzen, ersetzen aber nicht den Blick auf den Alltag des Kindes.

Entscheidend ist, dass Beobachtungen nicht nur dokumentiert, sondern konsequent in pädagogisches Handeln übersetzt werden: Welche sprachlichen Anregungen braucht dieses Kind? Welche Situationen fördern Dialog? Welche Umgebung unterstützt konzentriertes Sprechen und Zuhören? Dafür braucht es gut qualifizierte Fachkräfte, regelmäßige Reflexion und ausreichende Zeitressourcen.

Warum Sprachscreenings überschätzt werden

Sprachscreenings werden in der politischen Debatte oft als Lösung präsentiert – etwa im Kontext der geplanten verpflichtenden Sprachdiagnostik für Vierjährige. Die Expertise zeigt jedoch klar ihre Grenzen: Screenings liefern nur Momentaufnahmen, sind anfällig für falsch-positive Ergebnisse und bieten kaum Hinweise für konkrete Förderung.

Besonders problematisch ist ihr Einsatz bei mehrsprachigen Kindern. Viele Verfahren basieren auf einsprachigen Altersnormen und deuten typische Merkmale des Zweitspracherwerbs fälschlich als „Defizit“. Dadurch besteht die Gefahr von Stigmatisierung, Fehlzuweisungen zu Fördermaßnahmen oder sogar ungerechtfertigten Schulrückstellungen.

Alltagsintegrierte Sprachbildung ist am wirksamsten

Statt additiver Förderprogramme in separaten Settings plädiert die Expertise für eine bedarfsorientierte, alltagsintegrierte Sprachbildung. Kinder lernen Sprache am besten in authentischen, interessengeleiteten Interaktionen – beim Spielen, Erzählen, Forschen und gemeinsamen Handeln.

Wirksame Praxis bedeutet daher:

  • dialogische, beziehungsorientierte Kommunikation,
  • eine ruhige, strukturierte und sprachlich anregende Umgebung,
  • Wertschätzung von Mehrsprachigkeit als Ressource,
  • gezielte Zusammenarbeit mit Familien,
  • und professionelle Fachberatung für Kitas.

Additive Programme können ergänzen, ersetzen aber nicht gute pädagogische Prozessqualität.

Logopädische Diagnostik: notwendig – aber oft zu spät

Bei auffälligen Entwicklungsverläufen ist eine frühzeitige, mehrdimensionale logopädische Diagnostik unerlässlich. Sie sollte alle Sprachen des Kindes einbeziehen und medizinische Aspekte wie Hörfähigkeit berücksichtigen.

In der Realität behindern jedoch lange Wartezeiten, regionale Versorgungslücken und fehlende Dolmetschangebote eine zeitnahe Abklärung. Dies erhöht das Risiko von Fehldiagnosen und verspäteten Interventionen – mit langfristigen Folgen für die Bildungsbiografie der Kinder.

Vernetzung als Schlüssel zur besseren Sprachbildung

Ein zentrales Ergebnis der Expertise ist die Notwendigkeit stärkerer multiprofessioneller Kooperation zwischen Kita, Kinderärzt*innen, Logopädie, Frühförderstellen und Jugendhilfe – immer in enger Abstimmung mit den Familien.

Empfohlen werden unter anderem:

  • bessere Schnittstellen für den Informationsaustausch,
  • Ausbau diagnostischer und therapeutischer Kapazitäten,
  • rechtliche Erleichterungen für Sprachtherapie in Kitas,
  • anschlussfähige Übergänge von der Kita zur Grundschule,
  • und die Verstetigung erfolgreicher Modellprojekte.

Weg vom Defizitblick, hin zu chancengerechter Sprachbildung

Die Expertise fordert einen Paradigmenwechsel: Weg von defizitorientierter „Sprachförderung“, hin zu einer inklusiven, ressourcenorientierten Sprachbildung, die jedes Kind in seiner individuellen Entwicklung ernst nimmt.

Nicht mehr Tests sind der Schlüssel – sondern bessere Rahmenbedingungen, qualifizierte Fachkräfte und eine enge Verzahnung von Bildung, Gesundheit und Familie. Nur so kann sprachliche Bildung nachhaltig gelingen und echte Bildungsgerechtigkeit entstehen. Quelle: Espenhorst, N., Koch, S., Albers, T., Cloos, P., Glück, C., Hruška, C. A., & Scharff Rethfeldt, W. (2026): Erfassung und Förderung der sprachlichen Entwicklung im Kontext der Kindertagesbetreuung. Handlungsempfehlungen für geeignete Maßnahmen und Konzepte aus interdisziplinärer Sicht. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband.