Soziale Herkunft prägt die Anstrengung von Schulkindern

Experimentelle WZB-Studie zeigt: Belohnungen können soziale Unterschiede im Engagement verringern

Wie stark Kinder sich bei schulischen Aufgaben anstrengen, hängt auch mit ihrer sozialen Herkunft zusammen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), die im Fachjournal American Sociological Review veröffentlicht wurde. Erstmals wurde dabei nicht nur die Leistungsfähigkeit untersucht, sondern gezielt die Anstrengungsbereitschaft von Schülerinnen und Schülern.

Was beeinflusst die Anstrengungsbereitschaft?

Seit vielen Jahren ist belegt, dass der Bildungserfolg eng mit dem sozialen Hintergrund verknüpft ist. Deutlich weniger erforscht war bislang jedoch die Frage, ob und in welchem Ausmaß sich Kinder aus unterschiedlichen sozialen Milieus unterschiedlich stark anstrengen – unabhängig von ihren kognitiven Fähigkeiten. Genau hier setzt das Forschungsprojekt „Effort and Social Inequality“ an, das seit 2018 am WZB durchgeführt wurde.

Das Studiendesign: 1.360 Kinder im Experiment

An der experimentellen Studie nahmen 1.360 Fünftklässlerinnen und Fünftklässler aus Berlin und Madrid teil. Insgesamt waren 60 Klassen aus 32 Schulen beteiligt. Die Kinder bearbeiteten einfache, aber bewusst anstrengende kognitive Aufgaben. Diese erforderten Konzentration, Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle. Ziel war es, das tatsächliche Engagement bei der Aufgabenbearbeitung messbar zu machen.

Die Aufgaben wurden in unterschiedlichen Settings durchgeführt. In einer Variante erhielten die Kinder keine Belohnung für richtige Lösungen. In einer zweiten Situation wurden kleine materielle Anreize, etwa kleine Geschenke, in Aussicht gestellt. In einer dritten Konstellation arbeiteten die Schülerinnen und Schüler im Wettbewerb und erhielten zusätzlich symbolische Anerkennung.

Zentrale Ergebnisse der Studie

Die Auswertung zeigt ein differenziertes Bild. Kinder aus sozial privilegierten Familien investierten im Durchschnitt mehr kognitive Anstrengung als Kinder aus weniger privilegierten Haushalten. Besonders deutlich wurde dieser Unterschied in der Situation ohne Belohnung, also dort, wo ausschließlich intrinsische Motivation gefragt war.

Gleichzeitig fällt auf, dass die Differenz insgesamt moderat bleibt. Sobald kleine Anreize eingeführt wurden, verringerte sich der Abstand zwischen den Gruppen deutlich. Kinder aus sozial benachteiligten Familien arbeiteten unter diesen Bedingungen nahezu ebenso engagiert wie ihre privilegierteren Mitschülerinnen und Mitschüler. Der Effekt zeigte sich sowohl bei materiellen Anreizen als auch bei symbolischer Anerkennung im Wettbewerb.

Von den sozialen Rahmenbedingungen geprägt

Interessant ist zudem, dass sich die Unterschiede nicht durch Intelligenz oder stabile Persönlichkeitseigenschaften erklären lassen. Vielmehr deuten die Ergebnisse darauf hin, dass das Anstrengungsverhalten stark von den sozialen Rahmenbedingungen geprägt wird. Ressourcen im Elternhaus, zeitliche Unterstützung, materielle Sicherheit und alltägliche Stabilität beeinflussen offenbar, wie viel Energie Kinder in eine Aufgabe investieren können oder wollen.

Kinder, die mit knapperen finanziellen Mitteln oder unter größerem familiären Druck aufwachsen, erleben häufiger Unsicherheiten. Diese können sich auf Konzentration und Ausdauer auswirken. Umgekehrt verfügen privilegierte Kinder oftmals über stabile Unterstützungsstrukturen, die kontinuierliches Engagement begünstigen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie kommen zu dem Schluss:
Gezielte schulische Anreize können dazu beitragen, sozioökonomische Ungleichheiten zu verringern – und damit langfristig für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem sorgen.

Die im Februar veröffentlichte Studie „The Social Origins of Effort: How Incentives Reduce Socioeconomic Disparities among Children“ liefert damit empirische Hinweise darauf, dass Anstrengungsbereitschaft nicht allein individuell verankert ist, sondern in einem sozialen Kontext entsteht und durch situative Bedingungen beeinflusst werden kann.




Lernen aus der Krise: Die zentrale Fähigkeit für selbstständiges Lernen ist Lesekompetenz

Junge liest ein Buch

Corona-Zusatzbefragung unter Eltern bringt zum Teil erstaunliche Ergebnisse:

Die Bereitschaft sich anzustrengen und Lesefähigkeit sind die beiden zentralen Kompetenzen für gut gelingendes Homeschooling. Dabei sind Kinder mit hoher Lesekompetenz auch leichter zum Lernen zu motivieren. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Nationalen Bildungspanels.

Lernen in der Krise

„Lernen in der Krise und aus der Krise“ könnte die Überschrift für die aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe lauten. Im Rahmen des Nationalen Bildungspanels (NEPS) untersuchten die Wissenschaftlerinnen, welche Fähigkeiten entscheidend sind, damit Kinder die Homeschooling Situation meisten können. Letztlich lässt sich die Frage auch darauf konzentrieren, welches die Schlüsselkompetenzen für selbstständiges Lernen sind.

Lesekompetenz und Anstrengungsbereitschaft

Das Ergebnis: Neben der Bereitschaft sich anzustrengen ist es die Lesekompetenz, die für den Lernerfolg entscheidend ist. Gleichzeitig konnten die Autorinnen der Studie auch feststellen, dass Kinder mit hoher Lesekompetenz auch leichter zum Lernen zu motivieren waren. „Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass das Lesen von Anleitungen und Arbeitsanweisungen in der Situation zuhause besonders wichtig ist“, schreiben die Kathrin Lockl, Manja Attig, Lena Nusser und Ilka Wolter. Überraschend dagegen war, dass das jeweilige Interesse an den behandelten Themen weder für die Motivation noch für den Lernerfolg bedeutsam ist. Die Lesekompetenz werde somit fächerübergreifend zur Kernkompetenz.

Ergebnisse sind verallgemeinerbar

An der Corona-Zusatzbefragung nahmen 1.452 Eltern teil. Nachdem die Daten gewichtet und somit Verzerrung ausgeglichen wurden, sind die Ergebnisse verallgemeinerbar. Wesentliche Unterschiede in den Ergebnissens aufgrund von Schulform oder sozialer Herkunft gab es nicht. Lediglich die Jungen waren etwas schwerer zum Lernen zu motivieren als die Mädchen.

Weitere Ergebnisse

Die Umfrage ergab auch, dass die Mehrheit der Eltern der Meinung ist, dass die Schülerinnen und Schüler mit den Anforderungen des Lernens zuhause gut bis sehr gut zurecht kommt (59 Prozent). Bei der Motivation sieht es dagegen anders aus. Lediglich 34 Prozent der Eltern gaben an, dass es wenige bis keine Schwierigkeiten gab, 32 Prozent erklärten, dass es für sie teilweise schwierig war, die Kinder zu motivieren, und 35 Prozent fanden es eher oder ganz schwierig.

Lesen, lesen, lesen

Das Ergebnis der Studie zeigt deutlich, welch enorme Bedeutung Lesekompetenz und die Bereitschaft sich anzustrengen auf das lebenslange Lernen haben. Lesekompetenz lässt sich unter anderem durch das Vorlesen und Vorbildverhalten gut unterstützen. Für die Bereitschaft sich anzustrengen sind wohl vor allem Forscherdrang und Motivation zentral, die durch das freie Spiel unterstützt werden. Mehr zur Studie: https://www.lifbi.de/Portals/13/Corona/NEPS_Corona-und-Bildung_Bericht_5-Motivation.pdf