Familienzeit statt Bildschirmzeit: Studie kritisiert Eltern am Handy

Neue BiB-Studie zeigt: Erwachsene sehen Smartphone-Nutzung zunehmend kritisch – besonders im Familienalltag

Das Smartphone ist längst zum ständigen Begleiter geworden – nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen. Eine aktuelle Pilotstudie des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt nun deutlich: Viele Menschen wünschen sich weniger Bildschirmzeit – vor allem in Familien. Besonders kritisch wird die intensive Handynutzung von Eltern in Gegenwart ihrer Kinder gesehen.

Die Ergebnisse der Studie „SENSE“ machen deutlich, dass die Debatte über problematische Smartphone-Nutzung längst nicht mehr allein Kinder und Jugendliche betrifft. Vielmehr richtet sich der Blick zunehmend auf Erwachsene als Vorbilder im Alltag.

Erwachsene sehen Smartphone-Nutzung zunehmend kritisch

Für die repräsentative Umfrage wurden im Februar 2026 deutschlandweit 415 Personen ab 18 Jahren befragt. Das Ergebnis fällt überraschend eindeutig aus: 83 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren weniger Zeit am Smartphone verbringen sollten.

Doch die Kritik endet nicht bei der jungen Generation. 73 Prozent sprechen sich auch dafür aus, dass Erwachsene ihre eigene Smartphone-Nutzung in der Freizeit stärker einschränken sollten. Besonders hoch ist diese Zustimmung bei Menschen mit höherem Bildungsabschluss sowie bei den über 50-Jährigen.

Quelle: © BiB 2026

Am deutlichsten fällt jedoch die Haltung gegenüber Eltern aus: Ganze 93 Prozent der Befragten finden, dass Mütter und Väter in Anwesenheit ihrer Kinder weniger Zeit am Smartphone verbringen sollten. Damit erreicht kaum ein anderes gesellschaftliches Thema derzeit eine ähnlich breite Zustimmung.

Eltern prägen den Medienalltag ihrer Kinder

Die Studie unterstreicht damit ein Thema, das Fachleute seit Jahren diskutieren: Kinder lernen durch Nachahmung. Wenn Erwachsene ständig auf ihr Handy schauen, prägt das auch den Umgang der Kinder mit digitalen Medien.

Nach Einschätzung der BiB-Direktorin C. Katharina Spieß spielt die Familie als erster Bildungsort eine zentrale Rolle. Hier lernen Kinder soziale Interaktion, Kommunikation und Beziehungsfähigkeit. Wenn Smartphones diese gemeinsamen Momente dauerhaft unterbrechen, verändert das den Familienalltag spürbar.

Tatsächlich zeigen auch internationale Studien seit Jahren, dass häufige Smartphone-Unterbrechungen im Familienleben die Aufmerksamkeit, Gesprächsqualität und emotionale Bindung beeinträchtigen können. In der Forschung wird dabei teilweise bereits vom sogenannten „Technoference“-Effekt gesprochen – also von digitalen Störungen zwischenmenschlicher Beziehungen.

Ungewöhnlich große Einigkeit

Bemerkenswert an der BiB-Studie ist vor allem der breite gesellschaftliche Konsens. Bei Themen wie künstlicher Intelligenz, Datenschutz oder sozialen Medien gehen die Meinungen oft stark auseinander. Beim Wunsch nach weniger Smartphone-Zeit scheint dagegen eine ungewöhnlich große Einigkeit zu bestehen.

Das deutet auf eine wachsende digitale Erschöpfung hin. Viele Menschen erleben offenbar selbst, wie schwer es geworden ist, konzentrierte Familienzeit ohne ständige Ablenkung zu gestalten.

Gerade Eltern stehen dabei unter besonderem Druck. Smartphones dienen heute nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Organisation des Alltags, beruflicher Kommunikation und sozialer Vernetzung. Deshalb greift es zu kurz, allein individuelles Fehlverhalten zu kritisieren. Vielmehr zeigt die Studie, dass Familien heute in einer digitalen Dauerverfügbarkeit leben, der sich viele nur schwer entziehen können.

Aussagekraft der Studie: wichtiges Signal, aber begrenzte Datenlage

Die Ergebnisse liefern interessante Hinweise auf gesellschaftliche Einstellungen, haben jedoch auch Grenzen. Bei der Untersuchung handelt es sich um eine Pilotstudie mit vergleichsweise kleiner Stichprobe von 415 Personen. Aussagen über tatsächliches Verhalten lassen sich daraus nur eingeschränkt ableiten.

Hinzu kommt: Die Studie misst Einstellungen zur Smartphone-Nutzung, nicht die reale Bildschirmzeit oder konkrete Auswirkungen auf Kinder. Menschen neigen zudem dazu, sozial erwünschte Antworten zu geben – insbesondere bei Erziehungsthemen.

Dennoch ist die Untersuchung relevant, weil sie einen gesellschaftlichen Trend sichtbar macht: Immer mehr Menschen scheinen den Wunsch nach bewussterem Medienkonsum zu teilen – gerade im Familienleben.

Weniger Bildschirmzeit beginnt bei Erwachsenen

Die zentrale Botschaft der Studie ist eindeutig: Medienerziehung funktioniert nur glaubwürdig, wenn Erwachsene selbst einen bewussten Umgang mit Smartphones vorleben.

Für Familien bedeutet das nicht zwangsläufig vollständigen Handyverzicht. Schon kleine Veränderungen können den Alltag entspannen – etwa handyfreie Mahlzeiten, feste Familienzeiten ohne Bildschirm oder bewusste Gesprächsmomente ohne digitale Ablenkung.

Die Studie des BiB zeigt damit vor allem eines: Die Diskussion über gesunde Mediennutzung muss stärker die Erwachsenen einschließen. Denn Kinder orientieren sich weniger an Regeln als an dem Verhalten, das sie täglich beobachten.

Digitale Bildung beginnt bei den Erwachsenen

Digitale Mediennutzung beginnt nicht bei Kindern, sondern bei den Erwachsenen. Kinder erleben täglich, wie Eltern und pädagogische Fachkräfte mit Smartphones, Tablets und digitalen Angeboten umgehen – und übernehmen dieses Verhalten. Die Streitschrift plädiert deshalb für mehr Selbstreflexion, bevor digitale Medien vorschnell zum festen Bestandteil früher Bildung werden. Sie beleuchtet Chancen und Risiken differenziert und fragt, was Kinder wirklich stärkt – und was ihrer Entwicklung schaden kann.

Armin Krenz
Medienkompetenz beginnt mit der Sach- und Selbstkompetenz bei den Erwachsenen und nicht zuvorderst „am“ Kind!
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ISBN: 9783963046193
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Mentale Gesundheit ukrainischer Kinder: Kontakte fördern Hilfe

junge vor wand

BiB-Studie zeigt: Eltern mit täglichem Kontakt zu Deutschen nutzen häufiger professionelle Unterstützungsangebote für psychisch belastete Kinder

Soziale Kontakte spielen eine entscheidende Rolle für die mentale Gesundheit ukrainischer Kinder und Jugendlicher in Deutschland. Neue Auswertungen des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigen: Wenn Eltern täglich Zeit mit Deutschen verbringen, nehmen sie bei psychischen Problemen ihrer Kinder deutlich häufiger professionelle Hilfsangebote in Anspruch.

46 Prozent nutzen Hilfe – bei engem Kontakt zur Bevölkerung

Laut der BiB/FReDA-Befragung „Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ erhalten 46 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit geringem psychischem Wohlbefinden professionelle Unterstützung, wenn ihre Eltern täglich Kontakt zu Deutschen haben. In Familien mit selteneren sozialen Kontakten liegt dieser Anteil dagegen nur bei 29 Prozent.

Die Daten unterstreichen die Bedeutung sozialer Integration für geflüchtete Familien. Entscheidend für die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten ist nicht das Geschlecht der Kinder, die Bildung der Eltern oder deren Erwerbstätigkeit – ausschlaggebend ist vielmehr die soziale Vernetzung der Eltern im Aufnahmeland.

Psychisches Wohlbefinden deutlich beeinträchtigt

Zu Beginn ihres Aufenthalts in Deutschland war das psychische Wohlbefinden ukrainischer Kinder und Jugendlicher deutlich schlechter als das gleichaltriger Kinder hierzulande. Auch nach einem Jahr zeigte sich zwar eine Verbesserung, dennoch wiesen 2023 noch immer 67 Prozent der Betroffenen ein unterdurchschnittliches psychologisches Wohlbefinden auf.

„Mentale Gesundheit ist die Grundlage für eine förderliche Entwicklung und die Ausschöpfung von Bildungspotenzialen“, erklärt Dr. Anna Daelen vom BiB. Eine stabile psychosoziale Unterstützung könne zudem gesellschaftliche Teilhabe stärken und langfristigen sozialen sowie gesundheitlichen Folgekosten vorbeugen.

Auch die Direktorin des BiB, Prof. Dr. C. Katharina Spieß, betont: „Unabhängig davon, ob die geflüchteten Kinder und Jugendlichen langfristig in Deutschland bleiben oder später in ihre Heimat zurückkehren: Es ist essentiell für ihre weitere Entwicklung, ihre Teilhabe zu fördern und ihr psychisches Wohlbefinden zu verbessern.“

Rund jedes dritte Kind erhält fachliche Unterstützung

Die Auswertungen zeigen außerdem: Seit ihrer Ankunft in Deutschland hat knapp jedes dritte ukrainische Kind mit geringem psychischem Wohlbefinden (32 Prozent) formelle Unterstützungsangebote genutzt.

Im Detail:

  • 18 Prozent suchten einen Kinderarzt auf
  • 10 Prozent erhielten therapeutische Hilfe durch Psychologen oder Psychiater
  • 6 Prozent nutzten Schulpsychologen
  • 6 Prozent griffen auf psychologische Online-Angebote zurück

Mehrfachnennungen waren möglich. Informelle Hilfe – etwa durch Freunde oder Bekannte – wurde ebenfalls erfasst.

Datengrundlage: Mehr als 10.000 Geflüchtete befragt

Die Ergebnisse basieren auf der BiB/FReDA-Befragung, die aus der Studie „IAB-BiB/FReDA-BAMF-SOEP − Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ hervorgegangen ist. Das Projekt startete 2022 als Kooperation des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), des BiB, des Forschungszentrums des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF-FZ) sowie des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).

Seit der dritten Welle wird ein Teil der Studie vom BiB eigenständig fortgeführt. Inzwischen liegen Daten aus sechs Befragungswellen von über 10.000 Schutzsuchenden aus der Ukraine vor. Für die hier dargestellten Analysen wurden 503 Eltern befragt, die Angaben zu 641 Kindern machten.

Das psychische Wohlbefinden wurde mithilfe des KINDL-Fragebogens erhoben. Dabei beantworteten Eltern vier Fragen pro Kind, aus denen ein Gesamtwert ermittelt wurde. Berücksichtigt wurden Kinder, die 2023 im Vergleich zu deutschen Normwerten ein signifikant schlechteres psychisches Wohlbefinden aufwiesen.

Soziale Integration als Schlüssel zur Gesundheitsversorgung

Die Studienergebnisse machen deutlich: Soziale Kontakte zur Bevölkerung im Zielland erleichtern geflüchteten Familien den Zugang zum Gesundheitssystem und zu psychosozialen Hilfsangeboten. Eltern, die regelmäßig Zeit mit Deutschen verbringen, sind offenbar besser informiert über vorhandene Unterstützungsstrukturen – und nutzen diese im Bedarfsfall häufiger.

Für Politik und Gesellschaft ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: Integration fördern heißt auch, die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu stärken.