Auf gute Nachbarschaft!

Rocio Bonilla: Das Glück wohnt gegenüber – Wie ich meine Nachbarn kennenlernte

Einsamkeit und Vereinzelung gehören zu den großen Problemen unserer Zeit. Um es ein wenig zu überspitzen: Der ein oder andere lernt seinen Nachbarn erst dann kennen, wenn es unangenehm aus der Wohnung riecht und die Feuerwehr die Tür aufbrechen muss. Dass das nicht wünschenswert sein kann, dürfte doch jedem klar sein.

Aber, was ist, wenn die Nachbarn scheinbar unangenehme Eigenschaften haben? Oftmals weiß man doch gar nichts über sie. Rocio Bonilla nimmt sich in ihrem neuen Bilderbuch „Das Glück wohnt gegenüber – Wie ich meine Nachbarn kennenlernte“ des Themas an. In ihrem mittlerweile gewohnt witzig-charmanten Illustrationsstil erzählt sie die Geschichte von den Tieren, die in einer Straße leben, aber jeder eben für sich. Sie erzählt von den haltlosen Vorurteilen, die die Einwohner mangels Wissen voreinander haben. Sie berichtet von den begründeten Ängsten, die etwa die Maus Felix vor dem Nachbarskater Rolf hat oder Henne Frieda vor dem Fuchs Herr von Lang.

Als aber das Internet bei Frau Eule Morgengrau ausfällt, ändert sich alles, und irgendwie lernt nun jeder jeden kennen.

Bonillas Buch ist eine liebe Geschichte mit sehr ansprechenden Illustrationen. Sie ist aber auch ein klares, eindrückliches Plädoyer für mehr Gemeinsamkeit und den Sinn von Nachbarschaft. Buch und Illustrationen sind für Kinder im Alter ab vier Jahren gut verständlich, da Bonilla bekannte Tierarten und einen Riesen in den Mittelpunkt ihrer Geschichte rückt. Und die Probleme mit dem Internet sind nun wohl allen Kindern allzu gut bekannt. Im Buch findet sich noch ein Spielebogen mit Spielfiguren zum Ausschneiden, der mit einem Klebepunkt befestigt ist. Und nicht zuletzt überzeugt auch die schöne Ausstattung mit gutem, schweren Papier, das auch einen etwas gröberen Umgang gut verkraftet. Ein wunderschönes Buch zum Vorlesen und ein tolles Bilderbuch zum Anschauen.

Gernot Körner

Bibliographie:

Rocio Bonilla
Das Glück wohnt gegenüber – Wie ich meine Nachbarn kennenlernte
Jumbo
Hardcover, 40 Seiten
Ab 4 Jahren
ISBN: 978-3-8337-4373-3
15 €




Was heißt da eigentlich „Familie“?

Dan Yaccarinos Bilderbuch „Der längste Sturm“

Als Lagerkoller lässt sich das bezeichnen, was die drei Kinder mit ihrem Vater in Dan Yaccarios Bilderbuch „Der längste Sturm“ erleben. Die Situation ist auch richtig schlimm. Ein Sturm hält die ganze Familie im Haus fest und schränkt das Leben auf relativ engen Raum ein. Nichts ist mehr, wie es war. Jetzt müssen alle ständig miteinander auskommen. Und dann passiert, was kommen muss. Keiner kann den anderen mehr ausstehen. Klasse, dass die Familie über ein ganzes Haus verfügt. Immerhin können sich alle gegenseitig aus dem Weg gehen.

Aber ist das die Lösung? Schließlich geht es um Familie. Letztlich kommt der Zufall zur Hilfe.

Klarer, moderner und ansprechender Stil

Der amerikanische Künstler Dan Yaccarino ist hierzulande nur wenig bekannt, während er in den Vereinigten Staaten zu den wirklich Großen der Kinderbuchszene und -animation zählt. Sein Illustrationsstil ist reduziert, beschränkt sich auf das Wesentliche in warmen Tönen. Im Gegensatz zu vielen anderen so genannten „Künstlern“ gestaltet er diese jedoch klar verständlich auch für kleinere Kinder. Und er schätzt kleine, aber wichtige Details. Mit wenigen Strichen gelingt es ihm, Dynamik in seine Bilder zu bringen und klare Stimmungen in seinen Figuren zum Ausdruck zu bringen. Alle Protagonisten stehen durch ihre Körperhaltung und den Gesichtsausdruck immer zueinander in Beziehung, so dass neben den Texten eine weitere klare nonverbale Kommunikation zwischen den Figuren vorhanden ist. Selbst der Familienhund leidet mit.

Ein Bilderbuch für kleinere Kinder

Yaccarinos „Der längste Sturm“ ist eine liebevoll erzählte Familiengeschichte um zahlreiche emotionale Themen wie Zusammengehörigkeit, Streiten, Vertragen, Verständnis, Schutz, Liebe und eben Familie. Durch den klaren Ausdruck und die geringe Textmenge ist das Bilderbuch auch sehr gut für die gemeinsame Lektüre mit kleineren Kindern geeignet, für die die Geschichte richtig spannend ist. Dabei lässt sich viel entdecken und jede Menge Gesprächsanlass erzeugen. Besonders die Frage, was Familie eigentlich bedeutet, dürfte hier vielfach Thema sein. Hoffentlich gibt es bald noch weitere Bücher von Yaccarino hierzulande zu sehen.

Gernot Körner

Bibliographie

Dan Yaccarino
Der längste Sturm
minedition AG
Cellophanierter Pappband, 48 Seiten
Ab 4 Jahren
ISBN: 978-3-03934-010-1
Preis: 20 € / 20,60 [A]




Spiel- und Lernimpulse zu Bilderbüchern

minedition bietet zu seinen Büchern zahlreiche Belgeitmaterialien gratis zum Download an

Spiel- und Lernimpulse bietet der Verlag minedition für Kindergärten und Grundschulen zu seinen Themenbüchern an. Jedes Bilderbuch greift ein besonderes Thema aus der Erfahrungswelt der Kindes auf. Zusätzlich werden zu jedem Themenbereich umfassende Hintergrund-Informationen, Lern-Impulse, Spiel-Aktivitäten, Bastel-Tipps angeboten, die man hier kostenlos downloaden kann. Mehr dazu finden Sie hier.




Wo ist Papa? Auf der Suche nach Identität

Anja Fröhlich/Betina Gotzen-Beck: Mops und Fidel suchen ihren Papa

Väter sind Schweine… also Wildschweinväter natürlich. Und faul dazu, behauptet Mama. Also fast wie bei den Menschen. Jedenfalls will Mama partout keine Pilzburger mitbringen und so beschließen die Jungs Mops und Fidel, dass sie es vielleicht bei Papa besser haben könnten. Sofort machen sie sich im Wald auf die Suche.

Aber – wie findet man einen Vater? Da muss es ja eine Ähnlichkeit geben. Die Streifen vielleicht? Aber das Streifenhörnchen lacht sich über diese Idee kaputt. Das Grunzen? Also der Bär brüllt und grunzt nicht, noch dazu macht er den beiden Vatersuchern Angst.

Da steht er auf einmal hinter ihnen. Groß und breit, mit mächtigen Hauern. Und er ist natürlich der Stärkste von allen und verspricht seinen Söhnen, sie immer zu beschützen, immer da zu sein, wenn sie ihn brauchen. Merkwürdigerweise schläft er dann sogar bei Mama im Nest…

Ja, vaterlose Kinder, Jungen wie Mädchen, machen sich auf die Suche nach dem Mann, der mit ihrer Mutter zusammen war. Weil sie wissen wollen, woher sie kommen. Denn das ist für ihr Identitätsempfinden in unserer Kultur wichtig. Gut, wenn der Vater dann auftaucht. Denn sonst machen sie sich nur Fantasien über die wunderbaren oder oberüblen Männer. Eben weil sie nicht da sind, aus welchem Grund auch immer.

Die Vatersuche der Wildschweinboys ist witzig geschrieben, mit viel Humor illustriert und absolut passend für die Altersgruppe. Ob allerdings solch heftige Geschlechterklischees dabei bemüht werden müssen, möchte ich doch in Frage stellen.

Ralf Ruhl

Bibliographie:

Anja Fröhlich/ Betina Gotzen-Beck
Mops und Fidel suchen ihren Papa
Hummelburg 2021
www.hummelburg.de
ISBN 978-3-7478-0031-7
32 Seiten, ab 4 Jahre
14,99 Euro




Verlosung: 5 x Agnese Baruzzi, „…und wo machst DU es?

Wohin geht der Mensch, wenn er mal „muss“ und wo erledigen unsere tierischen Freunde ihr „Geschäft“? Ein witziges und notwendiges Buch für unsere Kleinsten, um den Weg zum Töpfchen näher zu bringen. Humorvoll und mit vielen Überraschungen zeigt Agnese Baruzzi, wer wie und wohin „macht“.

Gemeinsam mit minedition verlosen wir 5 Exemplare des Pappbilderbuches.

… UND WO MACHST DU ES?
Autorin/ Illustratorin: Baruzzi, Agnese
16,8 x 16,8 cm, 16 Seiten,
durchgehend farbig illustriert, Pappbilderbuch, mit Schiebern.
Preis : EUR 12,00 / 12,40 (A)
ISBN : 978-3-03934-202-0

Die Verlosung ist am 8. Juni 2021 abgelaufen




Eine Vision von Liebe und Vertrauen

Oliver Jeffers: Was wir bauen. Pläne für unsere Zukunft

Was braucht man zum Bauen? Klare Sache: Hammer, Säge, Nägel. Und einen Papa! Der weiß, wie man den Werkzeugkasten öffnet und schief eingeschlagene Nägel wieder aus dem Holz bekommt. So weit, so bekannt und echt nix Neues. Denn Väter und Werkzeug, das war schon vor 40 Jahren im Kindergarten der Renner.

Aber dieser Papa zeigt nicht nur, wie das mit Schraubenzieher und Pinsel funktioniert. Er hat eine Vision. Und die teilt er mit seiner Tochter. Da sprudelt die Fantasie nur so aus ihnen heraus. Sie reimen sich sozusagen gegenseitig an. Schaffen kleine Gedichte und damit Bilder. Eben ihre Vision der Welt. Die bauen sie gemeinsam. Die Welt, die Zukunft.

Und beileibe nicht nur rosarot. Da gibt es auch das Böse. Das gehört dazu, denn auch die bösen Menschen gehören dazu. Wie Hexe, Wikinger und Pirat. Und sie werden hineingelassen. Dann sitzen alle an einem Tisch. Sagen „Entschuldigung“ und bauen gemeinsam weiter an der Welt. Mit der Vision von Liebe und einem Papa, der sein Kind in den Schlaf singt und mit ihm Vertrauen in die Welt baut.

Der Text ist altersgerecht illustriert, die Bilder schaffen ein Gefühl von Weite wie von Nähe, von Zugehörigkeit und Wärme. Und die erleben Papas mit ihren Kindern jeden Tag. Beim Bauen und beim Vorlesen.

Ralf Ruhl

Oliver Jeffers
Was wir bauen. Pläne für unsere Zukunft
Übersetzt von Anna Schaub
Durchgehend farbig illustriert
Hardcover, 24 x 28 cm, 48 Seiten
ab 4 Jahren
ISBN: 978-3-314-10563-0
D 16,00 € / A 16,50 € / CHF 20.90 CHF




Ein Buch über das Liebhaben und Füreinander-da-sein

Margarita del Mazo: Kleiner Bär, großer Bär und ich:

Bärenstark, dieses Bilderbuch! Wegen der Geschichte. Und natürlich wegen der Bären. Von denen gibt es zwei. Einen kleinen, kuscheligen, der immer getragen wird oder hinterhergezogen. Manchmal auch durch den Schnee oder den Matsch. Der ist richtig niedlich, hat süße Knopfaugen und sagt nicht viel. Eigentlich gar nix. Weil er ein Kuschelteddy ist. Aber: total wichtig!

Vor allem, um Freunde zu finden. Da sitzt er mit seinem Frauchen, dem kleinen Mädchen mit der roten Jacke und der grünen Bommelmütze, im Schnee. Zwei Vögel auf seinem Kopf. Und der Fuchs kommt und leckt ihm übers Gesicht. Das sind die Freunde. Wichtig natürlich auch zum Kuscheln. Wenn es kalt ist. Oder müde. Oder so.

Der große Bär ist richtig groß. Mindestens doppelt so groß wie das Mädchen. Klar, weiß man von Anfang an, das ist sein Papa. Schwarze Mütze, rote Handschuhe, blaue Stiefel. Der guckt mit dem Mädchen die Fische an. Die gucken aus dem Eisloch und spucken. Dabei passt der große Bär auf, dass nichts passiert. Also zum Beispiel reinfallen oder so. Und beim Schlittensausen (fahren wäre ja viel zu langweilig) passt er auch auf. Natürlich hat er auch seinen Spaß. Aber das Wichtigste: Er ist immer da und gibt genau die Sicherheit, die Kindergartenkinder von ihren Vätern brauchen! Ach ja: Kuscheln kann man auch mit ihm. Jedenfalls am Ende eines Tages und eines Bilderbuchs.

Eine Bärenmama wird nicht erwähnt. Das ist gut so. Denn es gibt auch ein Kinderleben ohne Mama! Nur mit Papa! Und es hilft, nicht gleich „Geschlechterklischee“ zu rufen, wenn der Papa stark und groß ist. Denn das passiert sofort, wenn die Bärenmama warmen Kakao serviert, sobald alle nach Hause kommen. Diese Klippe umschifft dieses richtig nette Bilderbuch bravourös. Oder besser: bärenstark!

Ralf Ruhl

Bibliographie:

Margarita del Mazo
Kleiner Bär, großer Bär und ich
annette betz 2019
36 Seiten, ab 4 Jahren
ISBN: 978-3-219-11812-4
14,95 Euro




So geht das mit den Geschwisterchen

Ein-Baby-wird-geboren

Pauline Oud: Ein Baby wird geboren

In Mamas Bauch wächst ein Baby und Hanna wird bald große Schwester. Wie kommt das Baby da hinein? Und was macht es da drin? Alle wichtigen Fragen um Schwangerschaft und Geburt beantwortet dieses Bilderbuch alltagsnah und mit einem sanften Lächeln.

Es gibt Torte! Hanna freut sich natürlich. Aber was ist der Grund zum Feiern? Papa – das ist der mit dem merkwürdigen Bart – und Mama – das ist die mit dem seligen Lächeln – erzählen es ihr: Sie bekommt ein Geschwisterchen. Natürlich hat Hanna viele Fragen. Vor allem: Wie kommt das Baby da hinein?

Papa ist ganz stolz: „Dafür habe ich gesorgt“, sagt er. Und Mama relativiert sofort: „Dabei habe ich auch mitgeholfen.“ Es folgt, sehr kindgerecht mit knappen Worten beschrieben und mit angenehm klaren Bildern illustriert, die Geschichte mit den Eiern und den Samen. Selbstverständlich muss Hanna das sofort in der Kita erzählen und es ergeben sich sofort noch mehr Fragen: Wie hat der Papa das gemacht? Also den Samen in die Mama hineingekriegt? Mit einer Operation? Der Arztkoffer wird herbeigeholt und ein lustiges Doktorspiel entspinnt sich.

Mit sehr viel Witz erklärt Pauline Oud in diesem sehr freundlichen Bilderbuch, wie sich das Baby im Bauch entwickelt, ob Männer auch Kinder kriegen können, ob Oma und Opa auch schwanger sind (wegen Opas dickem Bauch) und wie zwei Männer oder zwei Frauen ein Baby bekommen können. Alles wird anhand typischer Kinderfragen beantwortet, in kurzen Abschnitten, ohne eher an Eltern gerichtete Vorträge. Auf der letzten Doppelseite ist noch einmal der gesamte Schwangerschaftsablauf in Bildern dargestellt.

Ein klasse Buch für die jüngeren Kita-Kinder, das sich wunderbar zum Einstieg in Gespräche zu allen Themen rund um Körper und Gefühle eignet. Nur dem Papa hätte ich eine etwas größere Rolle gewünscht. Also außer der Geschichte mit dem Samen und dem Wickeln nach der Geburt. Denn da beteiligen sich Männer heutzutage deutlich stärker, auch während der Schwangerschaft. Dennoch: ein absolut gelungenes Bilderbuch!

Ralf Ruhl

Bibliographie

Pauline Oud
Ein Baby wird geboren
Hardcover, 40 Seiten
ab 3 Jahre
Coppenrath 2021
ISBN 978-3-649-63720-2
15,00 Euro