Kinderarmut kostet uns alle Geld – und ihre Bekämpfung könnte sich auszahlen

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, welche langfristigen Kosten entstehen, wenn Kinder unter benachteiligenden Bedingungen aufwachsen

Was kostet es die Gesellschaft, wenn Kinder in Armut aufwachsen? Und was könnte der Staat gewinnen, wenn es ihm gelingt, ihre Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern? Ein neues Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), das im Auftrag von UNICEF erstellt wurde, betrachtet Kinderarmut aus einer Perspektive, die in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt: den langfristigen wirtschaftlichen Folgen.

Die Ergebnisse sind erheblich. Nach den Berechnungen des IW liegt der langfristige fiskalische Beitrag von Kindern, die unter materieller Benachteiligung aufwachsen, durchschnittlich um 216.500 Euro niedriger als bei Kindern ohne entsprechende Einschränkungen. Gemeint ist die Bilanz aus Steuern und Sozialabgaben einerseits und staatlichen Leistungen andererseits über den Lebensverlauf.

Die Wissenschaftler Wido Geis-Thöne und Axel Plünnecke betonen allerdings, dass dieser Unterschied nicht allein auf materielle Armut zurückzuführen ist. Auch das Bildungsniveau der Eltern, das familiäre Umfeld und weitere Entwicklungsbedingungen spielen eine wichtige Rolle. Die Zahl beschreibt somit einen statistischen Zusammenhang und keine unmittelbar vermeidbaren Kosten pro armem Kind.

Dennoch verdeutlicht das Gutachten: Ungünstige Lebensbedingungen in der Kindheit können sich über Jahrzehnte auf Bildung, Gesundheit, Erwerbschancen und öffentliche Einnahmen auswirken.

Was kostet es, wenn Kinder keine ausreichenden Chancen bekommen?

Die wirtschaftlichen Folgen zeigen sich besonders deutlich beim Bildungsabschluss. Nach den Berechnungen des IW entstehen dem Staat langfristig fiskalische Kosten von 421.300 Euro, wenn ein junger Mensch keinen berufsqualifizierenden Abschluss erwirbt. Dabei handelt es sich um eine modellierte Lebensverlaufsbilanz, nicht um eine unmittelbar fällige staatliche Ausgabe.

Auch gesundheitliche Folgen können erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben. Für den im Gutachten betrachteten Fall einer Depression, die insbesondere auch mit sozialer Benachteiligung zusammenhängen kann, beziffern die Autoren die langfristigen fiskalischen Kosten auf 345.500 Euro.

Dahinter stehen verschiedene Mechanismen: Menschen mit geringeren Bildungsabschlüssen erzielen im Durchschnitt niedrigere Einkommen, sind häufiger von Arbeitslosigkeit bedroht und zahlen entsprechend weniger Steuern und Sozialabgaben. Gesundheitliche Einschränkungen können die Erwerbsfähigkeit zusätzlich beeinträchtigen und den Bedarf an Unterstützung erhöhen.

Das bedeutet keineswegs, dass Menschen nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen bewertet werden sollten. Die Zahlen machen vielmehr sichtbar, dass gesellschaftliche Benachteiligung nicht allein die unmittelbar Betroffenen trifft. Ihre Folgen können sich auch in den öffentlichen Haushalten niederschlagen.

Wie viele Kinder sind betroffen?

Nach Angaben des IW waren 2024 in Deutschland 11,3 Prozent der unter 16-Jährigen von kinderspezifischer materieller Deprivation betroffen.

Der Begriff bezeichnet Einschränkungen beim Zugang zu Dingen und Aktivitäten, die für Kinder wichtig sind. Dazu gehören beispielsweise altersgerechte Bücher, Spielzeug, ausreichende Ernährung, geeignete Kleidung, Freizeitaktivitäten oder die Möglichkeit, Freunde einzuladen.

Die europäische Statistik erfasst dabei fehlende Zugänge aus finanziellen Gründen. Die IW-Autoren weisen jedoch darauf hin, dass Kinder auch aus anderen Ursachen benachteiligt sein können – etwa wenn ihnen notwendige Unterstützung im familiären Alltag fehlt.

In einer eigenen Auswertung von Daten aus dem Jahr 2021 erweitert das Institut deshalb die Betrachtung um solche Einschränkungen. Dadurch steigt der ermittelte Anteil von 10,0 auf 25,2 Prozent. Bei Kindern unter sechs Jahren beträgt er sogar 29,9 Prozent.

Diese Werte sind nicht unmittelbar mit der offiziellen Quote von 2024 vergleichbar, weil sie auf unterschiedlichen Jahren und Definitionen beruhen. Sie zeigen jedoch, wie stark das Ausmaß kindlicher Benachteiligung davon abhängt, welche Lebensbedingungen berücksichtigt werden.

Was könnte der Staat durch Armutsbekämpfung gewinnen?

Die wirtschaftliche Überlegung ist vergleichsweise einfach: Wenn Kinder unter besseren Bedingungen aufwachsen, können sich ihre Bildungs-, Gesundheits- und Erwerbschancen verbessern. Gelingt dies, könnten sie im Erwachsenenalter höhere Einkommen erzielen, mehr Steuern und Sozialabgaben leisten und seltener auf staatliche Unterstützung angewiesen sein.

Damit könnten sich öffentliche Investitionen in bessere Entwicklungsbedingungen langfristig zumindest teilweise refinanzieren. Unter günstigen Voraussetzungen sind auch fiskalische Erträge möglich, die über die ursprünglichen Ausgaben hinausgehen.

Allerdings lässt sich aus den IW-Berechnungen nicht ableiten, dass jeder heute in die Armutsbekämpfung investierte Euro einen bestimmten Betrag zurückbringt. Dafür müsste untersucht werden, welche konkreten Maßnahmen tatsächlich welche Verbesserungen bewirken und wie hoch ihre Kosten sind.

Die Studie liefert also ein wirtschaftliches Argument für wirksame Prävention, aber keine pauschale Renditeberechnung für staatliche Sozialprogramme.

Warum mehr Geld allein nicht immer ausreicht

Ein wichtiger Befund des Gutachtens betrifft die unterschiedlichen Ursachen kindlicher Benachteiligung.

Wenn Familien nicht genügend Geld für Lebensmittel, Kleidung, Schulmaterial oder Freizeitaktivitäten haben, können finanzielle Leistungen unmittelbar helfen. Doch nicht alle Entwicklungsprobleme lassen sich durch höhere Transferzahlungen lösen.

Manche Kinder benötigen zusätzliche Bildungsangebote, Unterstützung beim Spracherwerb, verlässliche Beziehungen oder gezielte Hilfen für ihre Familien. Die Autoren sprechen sich deshalb dafür aus, finanzielle Unterstützung mit Angeboten zu verbinden, die unmittelbar bei den Kindern ankommen.

Ein Beispiel sind Mahlzeiten in Schulen. Sie können eine ausreichende Ernährung unterstützen, ohne dass die Kinder dafür auf die finanziellen oder organisatorischen Möglichkeiten ihrer Familien angewiesen sind.

Ebenso wichtig sind nach Einschätzung der Wissenschaftler die Begleitung und Unterstützung der Eltern. Denn familiäre Belastungen, fehlende Informationen oder Schwierigkeiten bei der Organisation des Alltags können die Entwicklung von Kindern auch unabhängig vom Einkommen beeinträchtigen.

Welche Rolle spielen Kitas und Schulen?

Für pädagogische Fachkräfte ist besonders relevant, dass Kitas und Schulen einen Teil der Folgen sozialer Benachteiligung ausgleichen können.

Sie ermöglichen Kindern den Zugang zu Büchern, Spielmaterialien, Sprache, Bewegung, gemeinsamen Mahlzeiten und sozialen Beziehungen. Sie können außerdem Entwicklungsprobleme frühzeitig erkennen und Familien an geeignete Unterstützungsangebote vermitteln.

Das IW hebt hervor, dass solche institutionellen Angebote eine wichtige Ergänzung finanzieller Leistungen sind. Ihre Wirkung bleibt allerdings begrenzt, wenn Kinder die Einrichtungen nicht besuchen oder wenn notwendige Unterstützung außerhalb von Kita und Schule fehlt.

Hinzu kommt eine praktische Voraussetzung: Pädagogische Einrichtungen benötigen ausreichend Personal, Zeit und Ressourcen, um benachteiligte Kinder individuell begleiten zu können. Aus dem wirtschaftlichen Argument für frühe Förderung folgt deshalb auch die Frage, ob die Einrichtungen tatsächlich in der Lage sind, diese Aufgabe zu erfüllen.

Warum sich die Kosten und der Nutzen auf unterschiedliche Haushalte verteilen

Ein weiteres Problem benennen die Wissenschaftler ausdrücklich: Die öffentlichen Stellen, die heute in Kinder investieren, sind nicht unbedingt diejenigen, die später finanziell davon profitieren.

Die Kosten für Kitas, Schulen und zahlreiche Unterstützungsangebote tragen vor allem Länder und Kommunen. Zusätzliche Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge, die sich aus besseren Erwerbschancen ergeben können, kommen dagegen in erheblichem Umfang dem Bund und den Sozialversicherungen zugute.

Außerdem treten viele positive wirtschaftliche Wirkungen erst Jahre oder Jahrzehnte später ein. Für politische Entscheidungen, die sich häufig an kurzfristigen Haushaltsplänen orientieren, entsteht dadurch ein strukturelles Problem.

Eine Ausgabe für bessere Bildung oder Unterstützung von Familien belastet den aktuellen Haushalt. Ihr möglicher wirtschaftlicher Nutzen wird dagegen oft erst sichtbar, wenn die geförderten Kinder längst erwachsen sind.

Die Studie macht damit deutlich, warum die langfristige Perspektive für die Bewertung staatlicher Maßnahmen entscheidend ist.

Kinderarmut ist mehr als eine Frage öffentlicher Ausgaben

So aufschlussreich die wirtschaftlichen Berechnungen sind, sie erfassen nicht den gesamten Schaden, der durch kindliche Benachteiligung entstehen kann.

Wenn Kinder nicht an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen können, sich ausgeschlossen fühlen oder schlechtere Bildungschancen haben, betrifft das zunächst ihre Lebensqualität und ihre Rechte. Diese Folgen lassen sich nicht angemessen in Euro ausdrücken.

Die wirtschaftliche Betrachtung ergänzt deshalb die soziale und kinderrechtliche Perspektive, ersetzt sie aber nicht.

Das IW-Gutachten zeigt, dass die Gesellschaft ein erhebliches finanzielles Interesse daran haben kann, Kindern gute Entwicklungsbedingungen zu ermöglichen. Welche Maßnahmen sich tatsächlich rechnen, muss im Einzelfall untersucht werden. Dass anhaltende Benachteiligung erhebliche langfristige Risiken für die Betroffenen und die öffentlichen Haushalte mit sich bringt, wird durch die Untersuchung jedoch deutlich.

Studie und Quelle

Wido Geis-Thöne und Axel Plünnecke (2026): Ökonomische Effekte der Deprivation von Kindern und Jugendlichen. Ökonomische Wirkungen und Fiskalbilanz der öffentlichen Hand. Institut der deutschen Wirtschaft, Köln. Gutachten im Auftrag des Deutschen Komitees für UNICEF e. V., veröffentlicht am 15. Oktober 2026.

https://www.iwkoeln.de/studien/wido-geis-thoene-axel-pluennecke-oekonomische-effekte-der-deprivation-von-kindern-und-jugendlichen.html

Gernot Körner




PISA-Schock: Wann fragen wir endlich, was Kinder brauchen?

Deutschlands Schüler fallen zurück. Seit 25 Jahren folgen dieselben Rezepte. Dabei wissen wir längst, was Kinder brauchen, damit Bildung gelingt

Deutschland hat bei PISA einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die 15-Jährigen kommen 2025 auf 486 Punkte in den Naturwissenschaften, 465 beim Lesen und 464 in Mathematik. Damit liegt Deutschland statistisch in allen drei Bereichen nur noch im OECD-Durchschnitt. Gravierender ist die Entwicklung über die Zeit: In sämtlichen drei Kompetenzbereichen sind es die niedrigsten deutschen Werte seit Beginn der PISA-Erhebungen – und sie liegen sogar unter den Ergebnissen der ersten Studie vor 25 Jahren. Rund ein Viertel der Jugendlichen verfügt in den Naturwissenschaften nicht über ausreichende Basiskompetenzen, beim Lesen und in Mathematik betrifft das jeweils etwa ein Drittel (Mitteilung KMK).

Deutschland steht damit allerdings nicht allein. Weltweit nahmen mehr als 760.000 Jugendliche aus 91 Ländern und Volkswirtschaften teil. Im OECD-Durchschnitt wurden in allen drei klassischen Kompetenzbereichen die bislang niedrigsten Werte gemessen. Besonders stark ist der Einbruch beim Lesen: Seit 2015 sank der OECD-Mittelwert um 28 Punkte, in Mathematik um 22 Punkte. Zu den Spitzensystemen gehören dagegen weiterhin Singapur sowie die chinesischen Regionen Beijing, Shanghai, Jiangsu und Zhejiang; auch Estland, Japan, Korea, Macao, Chinesisch-Taipeh und das Vereinigte Königreich befinden sich über die drei klassischen Kompetenzbereiche hinweg unter den zehn leistungsstärksten Bildungssystemen (OECD).

Die Zahlen sind alarmierend. Fast noch bemerkenswerter sind jedoch die Reaktionen darauf. Denn vieles davon haben wir schon nach früheren PISA-Runden gehört: Basiskompetenzen stärken, früher fördern, Lernstände besser diagnostizieren, Unterrichtsqualität verbessern, Lehrkräfte unterstützen, Digitalisierung vorantreiben, sozial benachteiligte Kinder gezielter fördern. Fast nichts davon ist grundsätzlich falsch. Aber nach einem Vierteljahrhundert PISA drängt sich eine andere Frage auf: Wenn wir seit Jahrzehnten wissen, wo die Probleme liegen, warum gelingt es uns nicht, sie nachhaltig zu lösen?

Wenn wir die Antworten kennen – warum werden die Ergebnisse schlechter?

Bundesbildungsministerin Karin Prien formuliert diesen Widerspruch in ihrer Reaktion auf PISA 2025 beinahe selbst. Die Ergebnisse seien für Deutschland „dramatisch“. Zugleich sagt sie: „Anders als damals kennen wir heute die Antworten und müssen sie konsequent und nachhaltig umsetzen.“ Die Bildungsministerkonferenz verweist auf bereits eingeleitete Reformen und will Basiskompetenzen stärken, früher fördern und die Unterrichtsqualität datengestützt weiterentwickeln (KMK).

Die GEW zieht daraus eine sehr viel radikalere Schlussfolgerung. „Ein Vierteljahrhundert PISA-Maßnahmen haben unterm Strich nichts gebracht“, sagt Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze und kritisiert ein „verkürztes, technokratisches Qualitätsverständnis“. Besonders ihre Feststellung „Aber bessere und mehr Daten bedeuten nicht automatisch bessere Bildung“ trifft einen entscheidenden Punkt. Die Behauptung, 25 Jahre PISA-Politik hätten überhaupt nichts bewirkt, ist dagegen zu pauschal. Bildungsstandards, Lernstandsdiagnostik und Vergleichsstudien sind nicht nutzlos. Ohne Daten wüssten wir beispielsweise sehr viel weniger genau, wie stark soziale Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland zusammenhängen (Pressemitteilung GEW vom 8.09.2026).

Aber Messen ist noch keine Förderung. Ein Thermometer senkt kein Fieber. Genau darin könnte eines der Probleme der deutschen Bildungspolitik liegen: Wir werden immer besser darin festzustellen, welche Kompetenzstufe ein Kind nicht erreicht. Doch die entscheidende pädagogische Arbeit beginnt erst danach. Was fehlt diesem Kind? Was kann es bereits? Welche Unterstützung braucht es? Und stehen anschließend überhaupt Zeit, qualifiziertes Personal und geeignete Lernbedingungen zur Verfügung, um aus der Diagnose Konsequenzen zu ziehen?

Deshalb sollten wir nach 25 Jahren PISA die Perspektive verändern. Nicht: Welches neue Instrument braucht das Bildungssystem? Sondern: Was braucht ein Kind in seiner jeweiligen Entwicklungsphase, damit es lernen, seine Fähigkeiten entfalten und zunehmend selbstständig werden kann?

Das ist kein Plädoyer gegen Leistung. Im Gegenteil. Eine Bildungspolitik vom Kind aus verlangt nicht weniger Leistung. Sie fragt danach, wie Leistungsfähigkeit entsteht.

PISA misst mit 15 Jahren, was lange vorher begonnen hat

PISA untersucht 15-Jährige. Doch kein Jugendlicher beginnt mit 15 Jahren zu lernen. Wer beim PISA-Test einen anspruchsvollen Text nicht versteht, hat möglicherweise nicht erst in der achten oder neunten Klasse ein Problem bekommen. Sprachentwicklung, Wortschatz, Weltwissen, Konzentration, Lesetechnik, Leseflüssigkeit und Textverständnis bauen über viele Jahre aufeinander auf. Ein Baby hört Sprache, lange bevor es Buchstaben kennt. Ein Kleinkind erweitert seinen Wortschatz und entdeckt beim Vorlesen Geschichten und Zusammenhänge. Später lernt es, Buchstaben mit Lauten zu verbinden, Wörter zu entziffern und zunehmend automatisch zu erkennen. Erst darauf können komplexes Textverständnis, Schlussfolgern und kritisches Lesen aufbauen.

Genau deshalb greift auch die häufige Forderung nach „mehr Leseförderung“ zu kurz, solange nicht gesagt wird, welche Teilkompetenz gefördert werden soll. Ein Kind kann schlecht lesen, weil es Wörter nicht sicher dekodiert. Ein anderes liest flüssig, versteht aber viele Wörter nicht. Ein drittes besitzt zu wenig Vorwissen, um Zusammenhänge herzustellen. Ein viertes hat Schwierigkeiten, seine Aufmerksamkeit lange genug auf einen Text zu richten. Das Testergebnis kann ähnlich aussehen; die Ursachen und damit die notwendige Förderung können völlig verschieden sein.

Unsere Reihe zur Leseförderung setzt deshalb bewusst lange vor dem eigentlichen Lesen an. Was beim 15-Jährigen als Lesekompetenz gemessen wird, ist das Resultat einer langen Entwicklung. Das gilt ebenso für Mathematik und Naturwissenschaften. Zahlverständnis, Sprache, Wissen, Problemlösestrategien, Konzentration und Übung entstehen nicht im Jahr vor einer Vergleichsstudie.

PISA misst mit 15 Jahren, was wir in den 15 Jahren davor ermöglicht – oder versäumt – haben.

Der vielleicht schwerste Befund: Bildungserfolg hängt vom Elternhaus ab

Wie ungleich diese Voraussetzungen verteilt sind, gehört zu den bedrückendsten Ergebnissen von PISA 2025. Nach Angaben der GEW beträgt der Abstand zwischen sozial begünstigten und benachteiligten Jugendlichen in Deutschland bei den Naturwissenschaften 125 Punkte, gegenüber 85 Punkten im OECD-Durchschnitt. Der sozioökonomische Hintergrund erklärt hierzulande 19 Prozent der Leistungsunterschiede, im OECD-Mittel sind es 11,6 Prozent. Bund und Länder bestätigen zudem, dass die Kompetenzunterschiede zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Jugendlichen in Deutschland heute größer sind als zu jedem anderen Zeitpunkt seit Beginn der PISA-Erhebungen. Die Bildungsungleichheit nimmt hier sogar entgegen dem OECD-Trend zu (Pressemitteilung GEW vom 8.09.2026).

Hier treffen sich erstaunlich viele der sonst sehr unterschiedlichen Reaktionen auf PISA. Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert einen stärkeren Fokus auf Bildungsgerechtigkeit. Geschäftsführer Holger Hofmann formuliert: „Kein Bildungssystem kann langfristig erfolgreich sein, ohne Chancengerechtigkeit sicherzustellen.“ Er weist zugleich auf einen Aspekt hin, der in der Leistungsdebatte leicht verloren geht: Beteiligung von Kindern und Jugendlichen und die damit verbundene Erfahrung von Selbstwirksamkeit könnten helfen, schwierige Situationen zu bewältigen und ein schulisches Miteinander zu schaffen, das die Lernmotivation stärkt (Pressemitteilung DKHW vom 8.09.2026).

Bildungsgerechtigkeit bedeutet dabei nicht, allen Kindern exakt dasselbe zu geben. Das eine Kind kommt mit einem großen Wortschatz in die Schule, ein anderes mit einem kleinen. Eines ist mit Büchern aufgewachsen, ein anderes kaum. Manche Eltern können täglich bei Schulproblemen helfen oder Nachhilfe finanzieren, andere nicht. Wer unter solchen Voraussetzungen allen Kindern lediglich dasselbe Unterrichtsangebot macht, behandelt sie zwar formal gleich – schafft aber noch keine gleichen Bildungschancen. Und wer die Lebenschancen von sozial benachteiligten Kindern verbessern will, muss dafür sorgen, dass deren Familien gute Lebensbedingungen haben.

Beziehungen, Selbstwirksamkeit und Leistung gehören zusammen

Dass solche Faktoren keine pädagogischen Nebensächlichkeiten sind, zeigt die Forschung. Debora Roorda und ihre Kollegen werteten in einer großen Metaanalyse 189 Studien mit insgesamt 249.198 Kindern und Jugendlichen vom Vorschulalter bis zur weiterführenden Schule aus. Positive Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden standen sowohl mit stärkerem schulischem Engagement als auch mit besseren Leistungen in Zusammenhang. Die Analyse zeigt zudem, dass ein Teil des Zusammenhangs zwischen Lehrer-Schüler-Beziehung und Leistung über das Engagement der Schülerinnen und Schüler vermittelt wird (Erasmus Universität).

Das bedeutet nicht, dass eine freundliche Lehrkraft automatisch gute Noten erzeugt. Es widerlegt aber die Vorstellung, Beziehung, Zugehörigkeit und Wohlbefinden seien etwas, um das man sich kümmern könne, nachdem der „eigentliche“ Unterricht erledigt ist. Selbst PISA erfasst diese Dimension mittlerweile ausdrücklich. 76 Prozent der Jugendlichen in den OECD-Ländern berichten, sich ihrer Schule zugehörig zu fühlen. Die OECD stellt fest, dass Zugehörigkeit mit Lernergebnissen zusammenhängt und dass starke Beziehungen zu Familien und Lehrkräften Engagement und Leistung unterstützen (OECD).

Damit löst sich ein in Deutschland erstaunlich hartnäckiger Gegensatz auf: Kindorientierung oder Leistung. Gute Beziehungen ersetzen weder Mathematikunterricht noch Leseübung. Sie schaffen aber Bedingungen, unter denen ein Kind Anforderungen annehmen, Fehler aushalten, Hilfe suchen und sich weiter anstrengen kann. Ein Bildungssystem, das vom Kind ausgeht, muss deshalb anspruchsvoll sein. Kinder brauchen Wissen, Übung, Wiederholung, klare Erwartungen und Rückmeldung. Sie brauchen aber ebenso Sicherheit, Zugehörigkeit und die Erfahrung, dass Anstrengung zu Fortschritt führen kann.

Was uns Japan, Korea und Estland tatsächlich sagen

Der internationale Vergleich ist vor allem deshalb interessant, weil er die einfachen Erklärungen widerlegt. Japan und Südkorea gehören auch 2025 zur internationalen Spitzengruppe. In beiden Ländern besitzen Leistung, Übung und Prüfungen einen hohen Stellenwert. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, Deutschland müsse japanischen oder koreanischen Prüfungsdruck übernehmen. Noch weniger belegt PISA, dass dort bessere Ergebnisse deshalb entstehen, weil Schülerinnen und Schüler speziell auf PISA vorbereitet würden. PISA misst zunächst das Ergebnis eines Bildungssystems, nicht die Ursache seines Erfolgs.

Was Japan und Korea allerdings in Erinnerung rufen, ist etwas Pädagogisches: Lernen braucht Anstrengung. Kinder müssen üben, sich konzentrieren, Fehler korrigieren, Schwierigkeiten aushalten und eine Aufgabe weiterverfolgen können, obwohl die Lösung nicht sofort gelingt. Wer Kindorientierung so versteht, dass Kindern Anstrengung möglichst erspart werden müsse, tut ihnen keinen Gefallen. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob Anforderungen erreichbar sind, ob Kinder Unterstützung erhalten und ob sie erleben können, dass sich ihre Anstrengung lohnt.

Estland zeigt zugleich, dass Spitzenleistungen auch unter anderen Bedingungen möglich sind. Aus PISA 2022 wissen wir etwa, dass 96 Prozent der estnischen 15-Jährigen mindestens ein Jahr vorschulische Bildung besucht hatten und nur vier Prozent seit Beginn der Grundschule eine Klasse wiederholt hatten. Zugleich besitzen Schulen und Lehrkräfte erhebliche professionelle Entscheidungsspielräume: 94 Prozent der Jugendlichen besuchten Schulen, deren Leitung hauptsächlich für die Einstellung der Lehrkräfte verantwortlich war; bei 97 Prozent lag die Auswahl der Lernmaterialien wesentlich bei den Lehrkräften. Die OECD weist darauf hin, dass viele leistungsstarke Systeme ihren Schulen und Pädagogen solche Verantwortlichkeiten übertragen (OECD zu Estland).

Das beweist nicht, dass Autonomie Estlands PISA-Erfolg verursacht. Es zeigt aber, dass klare Bildungsziele und pädagogischer Handlungsspielraum keine Gegensätze sind. Ein Staat kann festlegen, welche grundlegenden Kompetenzen jedes Kind erwerben soll, ohne vorzuschreiben, dass jedes Kind auf exakt demselben Weg und im selben Tempo dorthin gelangen muss.

Irland denkt Bildung vom Anfang her

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang Irland. Die nationale „Literacy, Numeracy and Digital Literacy Strategy 2024–2033“ trägt den programmatischen Untertitel „Every Learner from Birth to Young Adulthood“. Sie reicht ausdrücklich von frühkindlicher Bildung und Betreuung bis zur weiterführenden Schule und verbindet Literacy, Numeracy und digitale Kompetenz. Zu ihren fünf Säulen gehören die Einbeziehung von Eltern und Gemeinschaften, die professionelle Entwicklung der Pädagoginnen und Pädagogen, pädagogische Führung, Curriculum und Unterricht sowie die Unterstützung unterschiedlicher Lernender bei der Entfaltung ihres Potenzials.

Das ist für Deutschland interessanter als die Frage, ob irische Schülerinnen und Schüler Beispielaufgaben aus PISA kennen. Natürlich informiert Irland Schulen und Teilnehmende über die Untersuchung und stellt Übungsbeispiele zur Verfügung. Daraus lässt sich aber nicht seriös erklären, warum das Land beim Lesen stark abschneidet. Testvorbereitung und Lernvorbereitung sind zwei verschiedene Dinge. Entscheidend ist der langfristige Ansatz: Sprach-, Lese-, mathematische und digitale Kompetenz werden als Entwicklungsaufgabe von der frühen Kindheit bis ins Jugendalter verstanden.

Genau darin steckt eine Lehre für Deutschland: Frühe Bildung darf nicht als Vorstufe der „eigentlichen“ Bildung betrachtet werden. Sie ist ihr Fundament.

Auch die Schweiz widerlegt eine bequeme Erklärung

Ebenso wenig taugt der Föderalismus allein als Erklärung für Deutschlands Schwierigkeiten. Auch die Schweiz besitzt ein stark föderales Bildungssystem. Trotzdem liegen ihre 15-Jährigen 2025 in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften deutlich über dem OECD-Durchschnitt; in den Naturwissenschaften erreicht die Schweiz beispielsweise 501 Punkte gegenüber 486 in Deutschland. Gleichzeitig weist die Schweizer Regierung darauf hin, dass das Erreichen der Mindestkompetenzen insbesondere für sozial benachteiligte Jugendliche weiterhin eine Herausforderung darstellt.

Der deutsche Bildungsföderalismus kann Reformen erschweren, unterschiedliche Standards produzieren und Verantwortlichkeiten verwischen. Aber der internationale Vergleich zeigt: Föderalismus führt nicht zwangsläufig zu schlechten Ergebnissen. Ebenso wenig gibt es eine einzelne Schulstruktur, eine Unterrichtsmethode oder ein Organisationsmodell, das die PISA-Spitze erklärt. Die erfolgreichen Systeme sind dafür viel zu verschieden.

Gerade deshalb ist die Suche nach der einen großen Strukturreform wenig überzeugend. Interessanter sind die Bedingungen, unter denen Kinder in sehr unterschiedlichen Systemen erfolgreich lernen.

Der Digitalisierungsmythos hält PISA nicht stand

Noch deutlicher lässt sich eine andere verbreitete Behauptung zurückweisen: Andere Länder seien Deutschland vor allem deshalb überlegen, weil sie die schulische Digitalisierung konsequenter vorangetrieben hätten.

PISA 2025 liefert dafür keinen Beleg. Im Gegenteil, die OECD zeichnet ein ausgesprochen differenziertes Bild. 46 Prozent der Jugendlichen in den OECD-Staaten nutzen mindestens wöchentlich KI-Chatbots zum Lernen. Gleichzeitig berichten 28 Prozent, dass Mitschülerinnen und Mitschüler in den meisten oder allen Naturwissenschaftsstunden durch digitale Geräte abgelenkt werden (OECD).

Besonders aufschlussreich sind die Ergebnisse zur KI. Schülerinnen und Schüler, die KI für konkrete schulische Aufgaben wie Zusammenfassungen, Textentwürfe oder Recherche einsetzen, erzielen in Naturwissenschaften im Durchschnitt rund 20 Punkte weniger als Jugendliche, die dafür keine KI verwenden. Die OECD warnt ausdrücklich vor einer simplen kausalen Interpretation. Zugleich schneiden regelmäßige allgemeine KI-Nutzer, die in der Schule Gelegenheit erhalten, KI-Kompetenz zu erwerben, tendenziell etwas besser ab (OECD).

Das ist kein Argument gegen Digitalisierung. Es ist ein Argument gegen Digitalisierung als Selbstzweck.

Bemerkenswert ist, dass Jugendliche selbst zu einer sehr ähnlichen Einschätzung kommen. Im Beteiligungsverfahren der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ diskutierten 12- bis 18-Jährige in sieben Workshops ihre digitale Lebenswelt und formulierten 70 Forderungen. Sie wollen nicht weniger Digitalisierung, sondern mehr Kompetenz, Schutz und Selbstbestimmung. Bundesministerin Prien fasst ihre Haltung so zusammen: Kinder und Jugendliche wollten „geschützt werden, aber ebenso selbstständig sein, mitreden und digitale Angebote sicher und eigenverantwortlich nutzen können“ (BMBFSFJ).

Für den Einsatz von KI in der Schule formulieren die Jugendlichen selbst einen bemerkenswert vernünftigen Maßstab: KI soll Lernen unterstützen, aber das eigene Denken nicht ersetzen. Genau darum sollte es gehen. Ein Computer ist hervorragend geeignet, um zu programmieren, Daten auszuwerten oder Modelle zu simulieren. Digitale Medien ermöglichen Zugang zu Informationen und neue Formen der Zusammenarbeit. Aber ein Bildschirm wird nicht dadurch pädagogisch wertvoll, dass er eingeschaltet ist.

Die richtige Frage lautet deshalb nicht: Wie digital ist unsere Schule? Sondern: Welches Werkzeug hilft diesem Kind bei diesem Lernziel tatsächlich weiter?

Viele richtige Forderungen – aber noch kein Gesamtbild

Betrachtet man die Reaktionen auf PISA zusammen, fällt auf, dass die verschiedenen Institutionen keineswegs völlig unterschiedliche Probleme beschreiben. Bund und Länder wollen Basiskompetenzen und frühe Förderung stärken. Die GEW verweist auf Personal, Arbeitsbedingungen, Inklusion und die Grenzen einer rein datengestützten Steuerung. Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert Bildungsgerechtigkeit, Beteiligung und Selbstwirksamkeit. Aus der Buchbranche kommt seit Jahren die Warnung vor schwindender Lesekompetenz. Jugendliche selbst verlangen Schutz, Befähigung und Teilhabe in der digitalen Welt. Die Forschung wiederum zeigt die Bedeutung von Beziehungen, Engagement, Wissen, Übung, Selbstregulation und passenden Lernbedingungen.

Man muss deshalb keine dieser Positionen vollständig übernehmen. Eine Gewerkschaft betrachtet Schule zwangsläufig auch aus der Perspektive ihrer Beschäftigten. Ein Branchenverband des Buchhandels und der Verlage besitzt keine besondere wissenschaftliche Kompetenz für Lesedidaktik. Ein Kinderrechtsverband setzt andere Schwerpunkte als die empirische Unterrichtsforschung. Das ist legitim. Problematisch wird es erst, wenn eine Teilperspektive zur Gesamterklärung erklärt wird.

Zusammengenommen ergibt sich nämlich ein bemerkenswert konsistentes Bild: Kinder brauchen gute Beziehungen und anspruchsvollen Unterricht. Sie brauchen gemeinsame Bildungsziele und individuelle Unterstützung. Sie brauchen Wissen und Selbstständigkeit, Anleitung und zunehmend eigene Verantwortung. Sie brauchen digitale Kompetenz und zugleich die Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit zu steuern. Und Kinder mit schlechteren Ausgangsbedingungen benötigen mehr Unterstützung als jene, denen Familie und Umfeld bereits viele Bildungsressourcen bereitstellen.

Auch die OECD kommt am Ende ihres aktuellen Berichts zu einem ganzheitlicheren Bildungsverständnis. Gute akademische Leistungen allein reichten für die Zukunft nicht aus; junge Menschen benötigten Motivation, Selbststeuerung und Lernstrategien. Schülerinnen und Schüler seien erfolgreicher, wenn sie sich ihrer Schule zugehörig fühlten und in sicheren, unterstützenden und gut ausgestatteten Lernumgebungen lernten (OECD).

Die Ziele können gemeinsam sein – die Wege müssen es nicht

Daraus folgt allerdings gerade nicht, dass jedes Kind nur noch lernen sollte, was es selbst möchte. Eine Bildungspolitik vom Kind aus ist kein pädagogisches Wohlfühlprogramm. Eine Gesellschaft darf und muss definieren, was junge Menschen können sollten. Kinder müssen lesen, schreiben und rechnen lernen, naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen, Wissen erwerben, kritisch urteilen und zunehmend selbstständig handeln können.

Aber wenn ein Kind ein Bildungsziel nicht erreicht, reicht es nicht, das Defizit festzustellen. Ein schlechter Leser braucht nicht automatisch einfach „mehr Lesen“. Ein Kind mit mathematischen Schwierigkeiten braucht nicht zwangsläufig nur mehr Mathematikstunden. Förderung beginnt mit der Frage nach der Ursache.

Vier Kinder können dieselbe falsche Antwort geben und dennoch vier verschiedene Hilfen benötigen.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Gleichbehandlung und Bildungsgerechtigkeit.

Die Ziele können gemeinsam sein. Die Wege dorthin müssen es nicht sein.

Zehn Anforderungen an eine Bildungspolitik vom Kind aus

Aus PISA, internationalem Vergleich und Forschung lässt sich kein fertiges ideales Schulsystem ableiten. Wohl aber lassen sich Kriterien formulieren, an denen sich Reformen messen lassen sollten.

  1. Entwicklung von Anfang an denken. Bildungspolitik darf nicht erst mit der Einschulung beginnen. Sprache, Motorik, Selbstregulation, Neugier, soziale Fähigkeiten und grundlegende Vorstellungen von Zahlen und Welt entwickeln sich lange vorher. Frühkindliche Bildung und Schule müssen als aufeinander aufbauende Entwicklungsphasen verstanden werden.
  2. Verbindliche Bildungsziele sichern. Kindorientierung bedeutet keine Beliebigkeit. Jedes Kind hat ein Recht darauf, lesen, schreiben und rechnen zu lernen, Wissen zu erwerben, kritisch denken und zunehmend selbstständig handeln zu können. Ein Bildungssystem muss dafür hohe, aber erreichbare Erwartungen formulieren.
  3. Ungleiches ungleich behandeln. Wer mit unterschiedlichen Voraussetzungen startet, benötigt unterschiedliche Unterstützung. Schulen und Kitas in schwierigen sozialen Lagen brauchen deshalb mehr qualifiziertes Personal, Zeit und Ressourcen – nicht erst dann, wenn Defizite statistisch nachgewiesen sind.
  4. Diagnostizieren, um zu handeln. Tests und Lernstandserhebungen sind dann sinnvoll, wenn sie pädagogische Konsequenzen ermöglichen. Ein Bildungssystem, das Defizite immer genauer vermisst, ohne anschließend gezielt helfen zu können, produziert Daten statt Bildung.
  5. Beziehung und Leistung zusammendenken. Kinder lernen besser, wenn sie sich sicher und zugehörig fühlen und Erwachsene erleben, die ihnen etwas zutrauen. Gute Beziehungen ersetzen keine fachliche Qualität. Sie gehören zu ihren Voraussetzungen.
  6. Übung und Anstrengung wieder ernst nehmen. Lernen braucht Wiederholung, Konzentration, Ausdauer und die Erfahrung, Schwierigkeiten überwinden zu können. Kindorientierung heißt nicht, Anstrengung zu vermeiden, sondern Herausforderungen so zu gestalten, dass Kinder an ihnen wachsen können.
  7. Selbstständigkeit systematisch entwickeln. Selbstständiges Lernen bedeutet nicht, Kinder allein zu lassen. Erwachsene müssen zunächst erklären, vormachen, strukturieren und Rückmeldung geben. Mit wachsender Kompetenz kann diese Unterstützung zurückgenommen und Verantwortung übertragen werden.
  8. Pädagoginnen und Pädagogen professionelle Freiheit geben. Wer unterschiedliche Kinder individuell fördern soll, benötigt Handlungsspielraum. Verbindliche Ziele und Qualitätsstandards sind notwendig; eine bis ins Detail vorgeschriebene Pädagogik widerspricht jedoch der Aufgabe, auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen zu reagieren.
  9. Digitalisierung am Lernen messen. Ein Tablet, eine Lernplattform oder KI ist kein Bildungsziel. Digitale Werkzeuge gehören dorthin, wo sie einen nachweisbaren pädagogischen Nutzen haben. Wo sie Aufmerksamkeit, Übung, Beziehung oder eigenes Denken verdrängen, müssen sie begrenzt werden. Zugleich müssen Kinder lernen, Algorithmen, KI, Quellen und digitale Manipulation kritisch zu beurteilen.
  10. Jede Reform an ihrer Wirkung auf Kinder prüfen. Nicht die Zahl neuer Programme, Geräte, Tests oder Fördermillionen entscheidet über den Erfolg einer Bildungspolitik. Die entscheidende Frage lautet: Können Kinder dadurch besser lernen, ihre Fähigkeiten entwickeln, zunehmend Verantwortung übernehmen und unabhängig von ihrer sozialen Herkunft ihre Potenziale entfalten?

Nach 25 Jahren PISA brauchen wir keine neue Patentlösung

PISA 2025 liefert dafür vielleicht sogar einen unerwarteten Hinweis. Die OECD schreibt in ihrer Schlussfolgerung, dass die Vorbereitung junger Menschen auf eine sich schnell verändernde Welt mehr erfordere als hohe fachliche Kompetenz. Motivation, Eigenständigkeit und Lernstrategien seien ebenso wichtig. Leistung und Engagement verstärkten sich gegenseitig; Zugehörigkeit, unterstützende Lernumgebungen und starke Beziehungen zu Familien und Lehrkräften spielten eine wesentliche Rolle. Die OECD spricht ausdrücklich von einem „holistic approach to learning“, einem ganzheitlichen Ansatz des Lernens.

Damit führt ausgerechnet die größte internationale Schulleistungsstudie zu einem Punkt, der in der deutschen Reaktion auf ihre Ranglisten regelmäßig zu kurz kommt: Ein Kind ist mehr als die Summe seiner Testergebnisse.

Nach 25 Jahren PISA wissen wir ziemlich genau, wo die Probleme liegen. Wir wissen, dass zu viele Jugendliche nicht ausreichend lesen, rechnen und naturwissenschaftlich denken können. Wir wissen, dass soziale Herkunft in Deutschland in erschreckendem Maß über Bildungschancen entscheidet. Wir wissen, dass Förderung früh beginnen muss. Wir wissen, dass Wissen, Übung und Anstrengung wichtig sind – ebenso wie Beziehungen, Motivation, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit. Und wir wissen inzwischen auch, dass digitale Geräte schlechten Unterricht nicht automatisch besser machen und KI eigenes Denken unterstützen, aber nicht ersetzen sollte.

Was uns fehlt, ist weniger eine weitere Patentlösung als eine gemeinsame Perspektive, nach der wir die vielen Einzelmaßnahmen beurteilen.

Die entscheidende Frage sollte deshalb bei jeder Bildungsreform lauten:

Was braucht dieses Kind jetzt, damit es den nächsten Schritt seiner Entwicklung gehen kann?

Deutschland muss nicht besser darin werden, Kinder auf PISA vorzubereiten. Es muss besser darin werden, Kinder auf ihr Leben vorzubereiten. Dazu gehören Lesen, Schreiben, Mathematik, Naturwissenschaften und Wissen ebenso wie Ausdauer, Urteilsfähigkeit, Selbstständigkeit, soziale Kompetenz und die Fähigkeit, sich in einer digitalen Welt zurechtzufinden.

Wenn ein Bildungssystem diese Voraussetzungen schafft, dürften am Ende auch die PISA-Ergebnisse besser werden.

Aber dann wären bessere PISA-Werte nicht mehr das Ziel. Sie wären eine Folge guter Bildung.

Quellen und weiterführende Literatur

OECD: PISA 2025 Results (Volume I): Future-Ready Students, Paris 2026.

Bildungsministerkonferenz/BMBFSFJ: PISA 2025 zeigt deutlich: Basiskompetenzen stärken, Bildungschancen verbessern, 8. September 2026.

GEW: „Das gesamte Schulwesen gehört auf den Prüfstand“, Stellungnahme vom 8. September 2026.

Deutsches Kinderhilfswerk: PISA-Studie: Stärkerer Fokus auf Bildungsgerechtigkeit in Deutschland, 8. September 2026.

BMBFSFJ: Schützen, befähigen, beteiligen: Was Kinder und Jugendliche von der digitalen Welt erwarten, 7. September 2026.

https://pure.eur.nl/en/publications/affective-teacher-student-relationships-and-students-engagement-a/Roorda, D. L. et al.: Affective Teacher–Student Relationships and Students’ Engagement and Achievement: A Meta-Analytic Update and Test of the Mediating Role of Engagement, School Psychology Review 46 (3), 2017, S. 239–261.

Department of Education and Youth, Ireland: Literacy, Numeracy and Digital Literacy Strategy 2024–2033: Every Learner from Birth to Young Adulthood.

OECD: PISA 2022 Results – Country Note Estonia.

Schweizerische Eidgenossenschaft/EDK: PISA 2025 – Ergebnisse für die Schweiz, 8. September 2026.

spielen und lernen: Verstehen, was Kinder wirklich brauchen

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Eltern und Schule: Was Kinder für ihre Entwicklung brauchen

Eltern sollen nicht zu Hilfslehrern werden, Schule muss auch erziehen. Wie beide zusammenwirken können, damit Kinder lernen und selbstständig werden

Kurz vor acht am Abend. Marie sitzt über ihren Mathematikaufgaben. Ihre Mutter versucht seit einer halben Stunde zu erklären, was das Kind in der Schule nicht verstanden hat. Doch sie kennt einen anderen Rechenweg.

„So dürfen wir das nicht machen“, sagt Marie.

Die Mutter versucht es noch einmal. Marie wird ungeduldig, die Mutter auch. Irgendwann fällt der Satz: „Warum muss ich dir eigentlich am Abend das beibringen, was ihr morgens in der Schule gemacht habt?“

Am nächsten Vormittag erlebt Maries Lehrerin die andere Seite des Problems. Zwei Kinder streiten, ein Schüler beschimpft einen Mitschüler, ein anderer hält sich wiederholt nicht an vereinbarte Regeln. Im Elterngespräch hört sie später: „Dafür sind Sie doch da. In der Schule müssen Sie dafür sorgen, dass er sich benimmt.“

Eltern beklagen, dass Schulen von ihnen erwarten, zu Hause Lehrer zu spielen. Lehrkräfte beklagen, dass Eltern von ihnen erwarten, in der Schule die Erziehung ihrer Kinder zu übernehmen.

Wer hat recht? Beide ein bisschen. Und beide nicht ganz.

Bildung hier, Erziehung dort? So einfach ist es nicht

Die Vorstellung klingt zunächst plausibel: Eltern sind für die Erziehung zuständig, die Schule für die Bildung. Doch Kinder entwickeln sich nicht nach solchen Zuständigkeitsplänen.

Bildung beginnt lange vor dem ersten Schultag. Eltern sprechen mit ihren Kindern, lesen ihnen vor, beantworten Fragen, erklären die Welt und vermitteln Werte und Haltungen. Kinder lernen dabei auch, ob Fragen willkommen sind, ob Fehler schlimm sind und ob es sich lohnt, sich anzustrengen.

Umgekehrt kann Schule nicht darauf verzichten zu erziehen. Kinder müssen dort Verantwortung übernehmen, Regeln einhalten, Konflikte lösen, Rücksicht nehmen und mit Frustrationen umgehen. Eine Lehrkraft, die eine Klassengemeinschaft gestaltet, Grenzen setzt oder einen Streit aufarbeitet, handelt erzieherisch.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) spricht deshalb ausdrücklich von „Bildung und Erziehung als gemeinsame Aufgabe von Eltern und Schule“. Die entscheidende Frage lautet also nicht: Wer ist für Bildung zuständig und wer für Erziehung? Sondern: Was braucht dieses Kind – und welchen Beitrag können Eltern und Schule dazu leisten?

Eltern sind keine Hilfslehrer – Lehrer keine Ersatzeltern

Gemeinsame Verantwortung bedeutet nicht, dass die Rollen austauschbar wären. Eltern sind keine unbezahlten Hilfslehrer, die am Nachmittag den Unterricht fortsetzen müssen. Lehrkräfte wiederum sind keine Ersatzeltern, an die Familien ihre Erziehungsverantwortung abgeben können.

Eltern kennen ihr Kind über viele Jahre und in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Lehrkräfte erleben es in einem professionell gestalteten Lernumfeld und innerhalb einer Gruppe Gleichaltriger. Beide sehen etwas, das die jeweils andere Seite nicht in gleicher Weise sehen kann.

Gerade deshalb braucht das Kind beide Perspektiven.

Und es braucht Erwachsene, die wissen, wann sie helfen müssen – und wann sie sich zurücknehmen sollten.

Wie viel Hilfe bei den Hausaufgaben ist richtig?

Gerade bei Hausaufgaben wird die Grenze schnell unscharf. Natürlich dürfen Eltern erklären, Vokabeln abfragen oder Interesse daran zeigen, was ihr Kind lernt. Aber was geschieht, wenn die Mutter jeden Nachmittag die Mathematikstunde nachholen muss? Oder wenn Eltern ein Referat so gründlich überarbeiten, dass am Ende zwar eine hervorragende Präsentation vorliegt – nur nicht mehr die des Kindes?

Eine 2024 veröffentlichte Meta-Analyse wertete 28 Studien mit insgesamt mehr als 378.000 Schülerinnen und Schülern aus. Das Ergebnis widerspricht der einfachen Annahme „Viel hilft viel“: Mehr elterliche Beteiligung an den Hausaufgaben war nicht automatisch mit besseren Leistungen verbunden. Entscheidend war vielmehr die Art der Unterstützung. Vor allem Autonomieunterstützung zeigte einen positiven Zusammenhang mit schulischer Leistung.

Daraus lässt sich ein einfacher Grundsatz ableiten:

Gute Hilfe löst nicht die Aufgabe für das Kind. Gute Hilfe hilft dem Kind, sie zunehmend selbst lösen zu können.

„Aber morgen muss es fertig sein!“

Was also tun, wenn ein Kind vor einer Aufgabe sitzt und nicht weiterkommt? Eltern können zunächst fragen:

  • Was genau verstehst du nicht?
  • Was habt ihr dazu in der Schule gemacht?
  • Gibt es ein Beispiel, das dir weiterhilft?
  • Was könntest du selbst ausprobieren?
  • Wen kannst du fragen, wenn du nicht weiterkommst?

Und irgendwann darf eine Aufgabe auch einmal ungelöst bleiben. Das fällt Eltern häufig schwer. Doch eine von ihnen gelöste Aufgabe vermittelt der Lehrkraft möglicherweise eine falsche Information: Sie sieht eine richtige Lösung, aber nicht, dass das Kind etwas noch nicht verstanden hat.

Ein Fehler kann für das Lernen wertvoller sein als eine perfekte Hausaufgabe.

Wenn Eltern Aufgaben der Schule übernehmen

Wie fließend die Grenzen geworden sind, zeigt eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von Manuela Ulrich und Axinja Hachfeld. In fünf Fokusgruppen wurden 25 Mütter aus Baden-Württemberg befragt, deren Kinder die Sekundarstufe I besuchten. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ, gibt aber einen aufschlussreichen Einblick in das Rollenverständnis dieser Eltern.

Die Mütter berichteten, dass sie zahlreiche Aufgaben rund um die Schulbildung übernehmen – von Motivation und Leistungskontrolle bis zur Betreuung schulischer Aufgaben. Besonders interessant: Sie beschrieben, aufgrund wahrgenommener schulischer Strukturmängel auch individuelle Förderung übernehmen zu müssen. Einige berichteten dabei von Stress und Überforderung.

Das führt zu einer Frage, die über die Belastung einzelner Familien hinausgeht:

Wie viel schulische Förderung darf ins Elternhaus verlagert werden?

Wenn die Familie über den Schulerfolg mitentscheidet

Familien verfügen über sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Manche Eltern können Mathematik erklären, andere nicht. Manche arbeiten im Schichtdienst. Einige können Nachhilfe bezahlen, andere nicht. Manche Kinder haben einen ruhigen Arbeitsplatz, andere teilen ein Zimmer mit mehreren Geschwistern.

Das sagt nichts darüber aus, wie wichtig Eltern die Bildung ihrer Kinder ist. Elterliches Interesse und elterliche Möglichkeiten sind zwei verschiedene Dinge. Wenn eine schulische Aufgabe aber nur deshalb erfolgreich bewältigt wird, weil zu Hause ein Erwachsener erklärt, korrigiert oder recherchiert, misst das Ergebnis nicht mehr allein, was das Kind kann. Es misst auch die Ressourcen seiner Familie.

Damit wird elterliche Lernhilfe zu einer Frage der Bildungsgerechtigkeit. Schule sollte deshalb immer wieder prüfen: Kann das Kind diese Aufgabe grundsätzlich mit dem bewältigen, was wir ihm in der Schule vermittelt und zur Verfügung gestellt haben?

Die Hausaufgaben einfach in die Schule verlegen?

Eine naheliegende Lösung scheint die Ganztagsschule zu bieten. Doch auch hier kommt es auf die Qualität an.

Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung auf Basis des Nationalen Bildungspanels NEPS betrachtete 1.523 Schülerinnen und Schüler an 71 deutschen weiterführenden Schulen. Dabei war gezieltes Tutoring mit geringeren sozioökonomischen Leistungsunterschieden verbunden. Für die untersuchte Hausaufgabenbetreuung zeigte sich dieser Zusammenhang dagegen nicht.

Daraus lässt sich nicht schließen, dass Hausaufgabenbetreuung schadet. Der Befund zeigt aber: Nicht der Ort allein macht gute Förderung aus. Hausaufgaben vom Küchentisch in einen Betreuungsraum zu verlagern, reicht nicht. Kinder, die etwas nicht verstanden haben, brauchen dort fachlich und pädagogisch gute Unterstützung.

Auch Schule muss erziehen

Die Verantwortung lässt sich allerdings auch in die andere Richtung nicht abschieben. Wenn ein Kind ständig zu spät kommt, andere beschimpft oder Regeln missachtet, können Eltern nicht einfach sagen: „In der Schule sind Sie dafür zuständig.“ Doch ebenso wenig kann die Schule antworten: „Das ist ein Erziehungsproblem und damit Sache der Eltern.“

Wenn ein Kind im Unterricht andere beleidigt, betrifft das die Schule. Wenn es auf dem Schulhof andere ausgrenzt, betrifft das die Schule. Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern über viele Jahre einer der wichtigsten sozialen Lebensräume von Kindern.

Erziehung gehört deshalb zur Bildung. Selbstständigkeit, Frustrationstoleranz, Rücksichtnahme, Selbstregulation und die Fähigkeit, Konflikte auszutragen, sind zugleich Voraussetzungen erfolgreichen Lernens. Eltern bilden ihre Kinder. Lehrkräfte erziehen ihre Schülerinnen und Schüler. Aber sie tun dies in unterschiedlichen Rollen und mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten.

Nicht zuerst fragen: Wer ist zuständig?

Nehmen wir den zwölfjährigen Leon. Er erledigt seine Hausaufgaben häufig nicht. Die Lehrkraft sagt: „Sie müssen zu Hause besser kontrollieren.“ Die Eltern antworten: „Er ist zwölf. Wir können doch nicht jeden Abend hinter ihm herlaufen.“

Man könnte nun darüber streiten, wer recht hat. Hilfreicher wäre eine andere Frage: Warum erledigt Leon seine Aufgaben nicht? Hat er nicht verstanden, was zu tun ist? Vergisst er die Aufgaben? Kann er sich schlecht organisieren? Fehlt ihm Motivation? Oder hat er gelernt, dass seine Eltern irgendwann übernehmen?

Je nach Antwort braucht Leon etwas anderes: fachliche Unterstützung in der Schule, einen verlässlichen Rahmen zu Hause, Hilfe bei seiner Selbstorganisation – oder Erwachsene, die ihm Verantwortung zurückgeben. Das ist der entscheidende Perspektivwechsel: Nicht zuerst fragen: Wer ist zuständig? Sondern: Was braucht dieses Kind, um den nächsten Entwicklungsschritt zu schaffen?

So viel Unterstützung wie nötig, so viel Selbstständigkeit wie möglich

Erwachsene können Kindern nicht nur zu wenig, sondern auch zu viel abnehmen. Die Mutter bringt das vergessene Sportzeug. Der Vater kontrolliert jeden Abend den Schulranzen. Eltern erinnern an jede Klassenarbeit, überwachen die Lernplattform und fragen in der Elterngruppe nach, was das Kind für morgen braucht. Das geschieht aus Fürsorge. Doch Fürsorge sollte Kinder langfristig weniger abhängig von der Hilfe Erwachsener machen.

Ein Erstklässler braucht beim Packen seines Ranzens vielleicht noch viel Unterstützung. Ein Zehnjähriger kann zunehmend selbst Verantwortung übernehmen. Ein Vierzehnjähriger sollte seine Materialien weitgehend selbst organisieren können. Was gestern noch Hilfe war, kann morgen schon verhindern, dass ein Kind selbstständig wird.

Der Elternchat ist kein zweites Schulsekretariat

Besonders sichtbar wird das in Elternchats:

„Was haben die Kinder in Mathe auf?“
„Kann jemand das Arbeitsblatt fotografieren?“
„Wann schreiben sie den Test?“

Solche Fragen sind verständlich. Doch wenn Eltern jeden Informationsverlust ihres Kindes auffangen, entsteht ein perfektes Sicherheitsnetz – und möglicherweise ein Lernproblem. Auch aus einem vergessenen Arbeitsblatt kann ein Kind lernen, seine Sachen besser zu organisieren.

Das entbindet die Schule nicht von ihrer Verantwortung. Informationen, die Eltern tatsächlich benötigen, müssen zuverlässig von der Schule kommen. Eine private Elterngruppe darf nicht zur inoffiziellen Kommunikationszentrale werden.

Erwartungen müssen ausgesprochen werden

Viele Konflikte zwischen Schule und Eltern entstehen nicht aus mangelndem guten Willen, sondern aus unterschiedlichen Erwartungen. Die Lehrkraft erwartet, dass Eltern kontrollieren. Die Eltern erwarten, dass die Lehrkraft informiert. Die Lehrkraft hält das Kind für alt genug, selbst Verantwortung zu übernehmen. Die Eltern gehen davon aus, dass die Schule sich meldet, sobald etwas nicht funktioniert.

Deshalb können drei einfache Fragen erstaunlich viel klären:

Was erwarten Sie von uns als Eltern?
Was können wir von Ihnen als Schule erwarten?
Und was kann das Kind inzwischen selbst übernehmen?

Was Eltern und Lehrkräfte voneinander erwarten dürfen

Eltern dürfen erwarten, dass Unterricht grundsätzlich in der Schule stattfindet, Schwierigkeiten ihres Kindes ernst genommen werden und schulische Aufgaben nicht davon abhängen, ob zu Hause ein fachkundiger Erwachsener zur Verfügung steht. Sie können aber nicht erwarten, dass Schule jedes Problem ihres Kindes löst oder ihnen ihre besondere Erziehungsverantwortung abnimmt.

Lehrkräfte wiederum dürfen erwarten, dass Eltern Interesse am schulischen Leben zeigen, erreichbar und zur Zusammenarbeit bereit sind und ihrem Kind vermitteln, dass Regeln auch dann gelten, wenn die Eltern nicht danebenstehen. Sie dürfen aber nicht voraussetzen, dass Eltern pädagogische Fachkräfte sind oder Unterrichtsstoff zu Hause vermitteln können.

Elterliche Unterstützung darf keine heimliche Voraussetzung dafür werden, dass Unterricht funktioniert.

Und was dürfen Kinder erwarten?

Vielleicht ist das die wichtigste Frage.

Kinder dürfen erwarten, dass Eltern und Lehrkräfte Verantwortung übernehmen und miteinander sprechen, statt Probleme zwischen Familie und Schule hin- und herzuschieben. Sie brauchen Hilfe, wenn etwas noch zu schwierig ist, Orientierung, wenn sie nicht weiterwissen, und Grenzen, wenn sie andere verletzen.

Aber sie brauchen ebenso Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen.

Das Ziel guter Zusammenarbeit kann nicht darin bestehen, dass Erwachsene möglichst lückenlos alles für ein Kind organisieren. Das Ziel ist ein junger Mensch, der zunehmend selbst lernen, planen, fragen, scheitern, neu anfangen, Konflikte lösen und Verantwortung übernehmen kann – und weiß, wann er Hilfe braucht.

Deshalb sollte die entscheidende Frage bei Hausaufgaben, Konflikten, vergessenen Materialien oder schlechten Noten nicht lauten:

„Wer von uns muss das jetzt erledigen?“

Quellen

Xu, Jianzhong et al. (2024): Parental Homework Involvement and Students’ Achievement: A Three-Level Meta-Analysis. Psicothema 36(1).

Ulrich, Manuela & Hachfeld, Axinja (2024): Familien-Schul-Kooperation zu Beginn der Sekundarstufe I: zum Aufgabenverständnis von Müttern und zur Bedeutung ihrer Passungswahrnehmung. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 27.

Nachbauer, Max (2024): How schools affect equity in education: Teaching factors and extended day programs associated with average achievement and socioeconomic achievement gaps. Studies in Educational Evaluation 82.

Holzberger, Doris; Täschner, Julia & Hillmayr, Delia: Forschungsarbeiten zur schulischen Elternbeteiligung und zu Bildungsungleichheiten.

Kultusministerkonferenz: Zusammenarbeit von Eltern und Schule sowie gemeinsamer Bildungs- und Erziehungsauftrag.

Gernot Körner

In der Reihe „Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit“ sind folgende Artikel erschienen:

Elternarbeit in der Kita: So gelingt echte Erziehungspartnerschaft

Wenn Eltern und Fachkräfte in der Kita in Konflikt geraten

Eltern und Schule: Was Kinder für ihre Entwicklung brauchen

Öffentlichkeitsarbeit in der Kita: Zeigt, was ihr leistet!

Öffentlichkeitsarbeit in der Kita: So wird gute Pädagogik sichtbar

Krisenkommunikation in der Kita: Richtig handeln und klar informieren

spielen und lernen: Verstehen, was Kinder wirklich brauchen

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Kabinett beschließt neue Kita-Standards: Fachleute üben Kritik

Entwicklungschecks für Vierjährige, mehr Personal und Förderung: Der Gesetzentwurf soll die Kita-Qualität verbessern – doch Fachleute sehen Risiken

Das Bundeskabinett hat am 2. September 2026 den Entwurf für das Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) beschlossen. Damit will die Bundesregierung bundesweit die Qualität der Kindertagesbetreuung verbessern und die Bildungschancen von Kindern stärker von ihrer sozialen Herkunft entkoppeln.

Beschlossen ist das Gesetz damit noch nicht. Nach dem Kabinettsbeschluss folgt das weitere Gesetzgebungsverfahren, in dem Bundestag und Bundesrat mit dem Vorhaben befasst werden. Nach den Plänen der Bundesregierung soll das Gesetz 2027 in Kraft treten und anschließend schrittweise umgesetzt werden.

Ein zentraler Bestandteil des Gesetzentwurfs sind verbindliche Sprach- und Entwicklungsstandserhebungen spätestens im Alter von vier Jahren. Dabei soll es nicht allein um Sprache gehen. Erfasst werden sollen auch die sozial-emotionale und motorische Entwicklung sowie mathematische Fähigkeiten.

Werden Unterstützungsbedarfe festgestellt, sollen alltagsintegrierte Bildungsangebote und bei Bedarf gezielte Fördermaßnahmen folgen.

Darüber hinaus sollen Kitas, die besonders viele Kinder in herausfordernden Lebenslagen betreuen, zusätzliches Personal erhalten. Je nach Größe der Einrichtung sind 0,5 bis 1,5 zusätzliche Personalstellen für die Begleitung der sprachlichen Bildung und die Kita-Sozialarbeit vorgesehen. Mindestens zehn Prozent der Kindertageseinrichtungen jedes Bundeslandes sollen davon profitieren.

Auch die Fachberatung soll gestärkt werden.

Die Grundrichtung des Vorhabens stößt in Wissenschaft und Fachverbänden durchaus auf Zustimmung. Zugleich gibt es deutliche Kritik – unter anderem am Zeitpunkt der Entwicklungsstandserhebungen, an einer möglichen Verengung frühkindlicher Bildung auf messbare Kompetenzen, am Umgang mit Entwicklungsdaten und an der Finanzierung.

Frühe Förderung: Entwicklungsunterschiede entstehen vor der Schule

Der Grundgedanke des Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetzes ist aus entwicklungspsychologischer Sicht nachvollziehbar: Wenn Kinder Unterstützung benötigen, sollte dies nicht erst nach der Einschulung festgestellt werden.

Die Bundesregierung begründet ihr Vorhaben damit, dass sich Unterschiede in den Bildungsvoraussetzungen von Kindern bereits vor dem Schuleintritt entwickeln. Gerade Kinder in sozial belastenden Lebenssituationen sollen deshalb früher erreicht und gezielter unterstützt werden.

Bundesbildungsministerin Karin Prien bezeichnet das SCQEG als eine entscheidende bildungspolitische Weichenstellung. Die Schere zwischen Kindern mit niedrigem und hohem sozioökonomischem Status öffne sich bereits vor dem Schuleintritt und könne danach kaum mehr geschlossen werden.

Frühe Unterstützung kann deshalb einen wichtigen Beitrag zu besseren Bildungschancen leisten.

Doch genau an der Frage, wie diese Unterstützung aussehen soll und wann sie beginnen muss, setzt auch die fachliche Kritik an.

Entwicklungscheck mit vier Jahren: Für frühe Förderung schon zu spät?

Prof. Dr. Rahel Dreyer von der Alice Salomon Hochschule Berlin begrüßt die Grundrichtung des Gesetzentwurfs und sieht darin eine Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Den vorgesehenen Zeitpunkt der Sprach- und Entwicklungsstandserhebung hält sie allerdings für „relativ spät“.

Das ist aus entwicklungspsychologischer Sicht ein wichtiger Einwand. Denn kindliche Entwicklung beginnt nicht erst im vierten oder fünften Lebensjahr. Sprache, Bindung, Motorik, soziale und emotionale Fähigkeiten, Selbstregulation und kognitive Entwicklung entfalten sich von Geburt an und beeinflussen sich gegenseitig.

Auch die Bildungsforscherin Prof. Dr. Yvonne Anders bewertet die vorgesehenen umfassenden und verbindlichen Sprach- und Entwicklungsstandserhebungen grundsätzlich positiv. Entscheidend ist aus ihrer Sicht jedoch, dass die erhobenen Daten tatsächlich für die individuelle Förderung und die pädagogische Qualitätsentwicklung genutzt werden.

Die Frage lautet deshalb nicht nur, ob Entwicklungsstände erhoben werden, sondern was anschließend mit den Ergebnissen geschieht.

Frühe Förderung sollte tatsächlich früh beginnen – und sie sollte im Alltag des Kindes ankommen.

Entwicklungsstandserhebungen sind nur eine Momentaufnahme

Noch grundsätzlicher ist die Frage, was eine Entwicklungsstandserhebung überhaupt leisten kann.

Der VKMK – Der Kitaverband unterstützt eine wissenschaftlich fundierte und verbindliche Erfassung von Sprach- und Entwicklungsständen. Er warnt jedoch davor, die Ergebnisse isoliert zu betrachten.

Der Verband bringt das Problem auf den Punkt:

„Eine Sprach- und Entwicklungsstandserhebung bildet stets nur eine Momentaufnahme der kindlichen Entwicklung ab.“

Entwicklungsverläufe, Lernfortschritte und individuelle Stärken lassen sich dagegen erst durch kontinuierliche Beobachtung im Alltag angemessen erfassen und einordnen.

Der Verband fordert deshalb Verfahren, die entwicklungssensibel, mehrsprachigkeitssensibel und ressourcenorientiert gestaltet sind.

Damit wird eine wichtige Unterscheidung deutlich: Entwicklungsdiagnostik kann pädagogisch wertvoll sein. Sie darf aber nicht mit einer vollständigen Beurteilung des Kindes verwechselt werden.

Ein vierjähriges Kind ist mehr als das Ergebnis eines Tests.

Frühkindliche Bildung ist mehr als Sprache und Mathematik

Auch Dreyer warnt vor einer zu starken Konzentration auf einzelne messbare Kompetenzen wie Sprache oder Mathematik.

Kinder sollten in der Kita ebenso Erfahrungen mit „tragfähigen Beziehungen, über Spiel und über Beteiligung“ machen.

Das entspricht einem ganzheitlichen entwicklungspsychologischen Verständnis frühkindlicher Bildung.

Kinder lernen nicht ausschließlich in eigens dafür geschaffenen Fördersituationen. Sie lernen beim Spielen, Sprechen, Streiten und Versöhnen, beim Bauen, Malen, Bewegen und gemeinsamen Essen. Sie lernen, wenn Erwachsene ihnen zuhören, ihre Fragen aufgreifen, ihnen etwas zutrauen und ihnen ermöglichen, selbst etwas zu bewirken.

Auch Sprachförderung findet nicht losgelöst von diesen Erfahrungen statt.

Ein Kind erweitert seinen Wortschatz im Gespräch. Es lernt Zusammenhänge beim gemeinsamen Entdecken. Es entwickelt Selbstregulation im Umgang mit anderen Kindern. Es erlebt mathematische Beziehungen beim Bauen, Sortieren, Verteilen und Vergleichen.

Gerade deshalb darf frühkindliche Bildung nicht in einzelne messbare Kompetenzbereiche zerlegt werden.

BAG-BEK fordert ein ganzheitliches Bildungsverständnis

Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAG-BEK) begrüßt wesentliche Ziele des Gesetzentwurfs.

Sie unterstützt insbesondere die stärkere Orientierung an Chancengerechtigkeit, die Absicht, Benachteiligungen frühzeitig abzubauen, eine an wissenschaftlichen Standards orientierte Personalausstattung sowie zusätzliche Unterstützung für Kinder und Familien in herausfordernden Lebenslagen.

Gleichzeitig fordert die BAG-BEK, am ganzheitlichen Bildungsverständnis der Kindertagesbetreuung festzuhalten.

Sprach- und Entwicklungsstandsfeststellungen sollten möglichst in den pädagogischen Alltag eingebunden und diskriminierungssensibel gestaltet werden.

Dahinter steht eine zentrale pädagogische Frage: Dient eine Entwicklungsstandserhebung dazu, besser zu verstehen, was ein Kind für seine weitere Entwicklung benötigt? Oder wird sie zu einem Instrument, mit dem Kinder frühzeitig anhand vermeintlicher Defizite kategorisiert werden?

Eine gute Entwicklungsbeobachtung sollte deshalb nicht in erster Linie danach fragen, was ein Kind noch nicht kann.

Sie sollte ebenso wahrnehmen, was es bereits kann, wofür es sich interessiert, welche Strategien es entwickelt und unter welchen Bedingungen es besonders gut lernt.

Das ist gerade bei Kindern wichtig, die mehrsprachig aufwachsen. Der VKMK weist ausdrücklich darauf hin, dass Mehrsprachigkeit als Teil der individuellen Bildungs- und Entwicklungsbiografie berücksichtigt und als Ressource verstanden werden sollte.

Kita-Qualität entscheidet sich auch in der Beziehung zum Kind

Eine weitere wichtige Kritik betrifft die Frage, was unter guter Kita-Qualität überhaupt verstanden wird.

Prof. Dr. Katharina Kluczniok von der Freien Universität Berlin hat sich mit dem im Gesetzentwurf vorgesehenen Monitoring beschäftigt. Sie begrüßt, dass damit die Datengrundlage zur frühkindlichen Bildung verbessert werden soll. Zugleich weist sie auf eine entscheidende Lücke hin.

Das geplante Monitoring betrachtet zum einen strukturelle Rahmenbedingungen wie Fachkraft-Kind-Schlüssel, Personalausstattung oder Zeiten für mittelbare pädagogische Arbeit. Zum anderen sollen zentrale Entwicklungsbereiche der Kinder erfasst werden.

Was bislang fehlt, ist ein systematischer Blick auf die sogenannte Prozessqualität.

Damit ist das gemeint, was im Kita-Alltag tatsächlich geschieht: Wie sprechen Erwachsene mit Kindern? Greifen sie deren Interessen auf? Stellen sie anregende Fragen? Reagieren sie feinfühlig? Wie begleiten sie Spiel, Konflikte und Entdeckungen? Welche Bildungserfahrungen ermöglichen sie?

Kluczniok verweist darauf, dass gerade die Prozessqualität für die sozial-emotionale, sprachliche und kognitive Entwicklung sowie für die spätere Bildungslaufbahn der Kinder von großer Bedeutung ist.

Das führt zu einem grundlegenden Problem:

Man kann zählen, wie viele Fachkräfte in einer Kita arbeiten. Man kann feststellen, welche Wörter ein Kind kennt oder über welche mathematischen Fähigkeiten es verfügt.

Sehr viel schwieriger lässt sich messen, was zwischen Fachkraft und Kind geschieht.

Entwicklungspsychologisch ist aber gerade das von zentraler Bedeutung.

Beziehung, Spiel und Beteiligung gehören zur frühkindlichen Bildung

Kinder benötigen Erwachsene, bei denen sie sich sicher fühlen und die ihre Signale wahrnehmen. Auf dieser Grundlage können sie neugierig sein, ihre Umwelt erkunden, Fragen stellen und sich Herausforderungen zutrauen.

Eine gute pädagogische Fachkraft fördert Sprache deshalb nicht nur während einer ausgewiesenen Fördermaßnahme.

Sie fördert Sprache, wenn sie beim Frühstück mit einem Kind spricht, beim Bauen dessen Gedanken aufgreift, beim Bilderbuchlesen Fragen stellt oder einen Konflikt zwischen Kindern sprachlich begleitet.

Genau deshalb sind alltagsintegrierte Bildung und eine hohe Interaktionsqualität so wichtig.

Ein Entwicklungscheck kann Hinweise darauf geben, wo ein Kind Unterstützung benötigt. Er kann diese pädagogische Beziehung nicht ersetzen.

Zusätzliche Fachkräfte für Kitas in herausfordernden Lagen

Ein wesentlicher Bestandteil des Gesetzentwurfs ist die gezielte Unterstützung von Einrichtungen, in denen besonders viele Kinder in herausfordernden Lebenslagen betreut werden.

Je nach Größe sollen diese Kitas 0,5 bis 1,5 zusätzliche Personalstellen erhalten. Sie sind insbesondere für die Begleitung der sprachlichen Bildung und für Kita-Sozialarbeit vorgesehen.

Damit folgt die Bundesregierung einem nachvollziehbaren Prinzip: Nicht jede Kita benötigt exakt dieselben zusätzlichen Ressourcen.

Wo viele Kinder unter erschwerten sozialen Bedingungen aufwachsen, benötigen Einrichtungen häufig mehr Zeit für individuelle Begleitung, Elternarbeit, Sprachbildung und die Zusammenarbeit mit anderen Hilfesystemen.

Mindestens zehn Prozent der Kindertageseinrichtungen eines Bundeslandes sollen von dieser zusätzlichen Unterstützung profitieren.

Mehr Kinder sollen Zugang zu frühkindlicher Bildung erhalten

Ein weiterer wichtiger Punkt geht in der Diskussion über Entwicklungschecks leicht unter: Nicht alle Kinder besuchen eine Kita oder Kindertagespflegestelle.

Gerade Kinder in herausfordernden Lebenslagen nehmen Angebote frühkindlicher Bildung seltener in Anspruch – obwohl sie besonders von ihnen profitieren können.

Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe sollen deshalb nach den Plänen der Bundesregierung stärker darauf hinwirken, Familien zu erreichen und den Zugang zur Kindertagesbetreuung zu erleichtern. Vorgesehen sind beispielsweise niedrigschwellige Informations- und Brückenangebote.

Das ist konsequent. Die beste Förderung innerhalb einer Kita kann diejenigen Kinder nicht erreichen, die gar keine Einrichtung besuchen.

Entwicklungsdaten sollen von der Kita an die Grundschule gehen

Auch der Übergang von der Kita in die Grundschule soll nach dem Gesetzentwurf stärker unterstützt werden.

Dafür soll eine Rechtsgrundlage geschaffen werden, um Ergebnisse der Sprach- und Entwicklungsstandserhebung sowie Informationen über die anschließende Förderung an die aufnehmende Schule weiterzugeben. So soll eine begonnene Förderung kontinuierlich fortgeführt werden können.

Das kann pädagogisch sinnvoll sein. Eine Grundschule, die weiß, welche Unterstützung ein Kind bislang erhalten hat, kann daran anknüpfen.

Doch gerade an diesem Punkt gibt es deutliche Kritik.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen (BAGE) sieht die geplante Erhebung und Weitergabe der Daten kritisch. Sie verweist neben dem bürokratischen Aufwand ausdrücklich auf ein „Recht des Kindes auf Neuanfang“ in der Schule.

Damit stellt sich eine entwicklungspsychologisch bedeutsame Frage: Wie lässt sich die Kontinuität einer sinnvollen Förderung gewährleisten, ohne dass eine Einschätzung aus dem vierten Lebensjahr zu einem dauerhaften Etikett für ein Kind wird?

Welche Informationen werden weitergegeben? Wer erhält Zugriff? Wie lange werden die Daten gespeichert? Wie werden Eltern und Kinder beteiligt? Und wie lässt sich verhindern, dass aus einer Momentaufnahme eine langfristige Zuschreibung wird?

Auch der VKMK fordert deshalb klare Zugriffsregeln, eine eindeutige Zweckbindung der Daten sowie Schutzmechanismen gegen Stigmatisierung.

Entwicklungsdaten von Kindern benötigen einen besonders sensiblen Umgang.

Finanzierung des Kita-Gesetzentwurfs stößt auf Kritik

Neben den entwicklungspsychologischen und pädagogischen Fragen gibt es einen sehr handfesten Kritikpunkt: die Finanzierung.

Der Bund plant, den Ländern zwischen 2027 und 2034 insgesamt rund 9,25 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Die Finanzierung soll über eine Änderung der vertikalen Umsatzsteuerverteilung erfolgen.

Der VKMK hält die vorgesehenen Mittel jedoch für unzureichend.

Nach Angaben des Verbandes sind 2027 und 2028 jeweils 1,493 Milliarden Euro Bundesmittel vorgesehen. 2029 sollen es 1,243 Milliarden Euro sein und ab 2030 jährlich 993 Millionen Euro.

Damit würde die jährliche Bundesbeteiligung innerhalb weniger Jahre um rund ein Drittel sinken, obwohl mit dem Gesetzentwurf dauerhafte Anforderungen an Länder, Träger und Einrichtungen geschaffen werden.

Der VKMK fordert deshalb, neue gesetzliche Leistungspflichten zusätzlich, vollständig, dauerhaft und dynamisiert zu finanzieren.

Auch Dreyer warnt vor einer Finanzierungslücke. Wenn bundesweit neue Qualitätsanforderungen formuliert würden, müsse sich der Bund langfristig verlässlich und bedarfsgerecht an der Finanzierung beteiligen.

Denn neue Qualitätsstandards verbessern noch keine Kita, wenn für ihre Umsetzung Personal und Zeit fehlen.

Für jedes Kita-Kind zusätzlich 30 Minuten pro Woche

Für die Planung und Begleitung der individuellen Förderung sieht der Gesetzentwurf zusätzliche Arbeitszeit vor.

Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums sollen den Kita-Fachkräften dafür für jedes Kind zusätzlich 30 Minuten pro Woche zur Verfügung stehen.

Das ist grundsätzlich ein wichtiges Signal: Förderung benötigt nicht nur Konzepte, sondern Arbeitszeit.

Ob diese Zeit unter den tatsächlichen Bedingungen in den Einrichtungen ausreicht und tatsächlich zusätzlich zur Verfügung steht, wird allerdings eine entscheidende Frage bei der Umsetzung sein.

Denn pädagogische Fachkräfte können nicht gleichzeitig Kinder betreuen, Entwicklungsstände beobachten und dokumentieren, Fördermaßnahmen planen, Elterngespräche führen und zusätzliche individuelle Förderung leisten.

Kita-Qualität braucht Zeit.

Kita-Qualität braucht mehr als Tests und neue Standards

Der Entwurf für das Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz setzt an einem realen Problem an.

Bildungschancen sind in Deutschland weiterhin ungleich verteilt. Wenn Entwicklungs- und Unterstützungsbedarfe früh erkannt werden und daraus tatsächlich bessere Förderung entsteht, kann das Kindern helfen.

Auch die gezielte Unterstützung von Kitas in herausfordernden Lagen, eine stärkere Fachberatung, niedrigschwellige Angebote für Familien und eine bessere Verzahnung von Kita und Grundschule sind wichtige Ansätze.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht sollte jedoch die Reihenfolge klar bleiben:

Nicht das Kind muss zum Test passen. Das Verfahren muss dem Kind gerecht werden.

Entwicklungsstandserhebungen sollten keine Etiketten produzieren, sondern pädagogische Entscheidungen verbessern. Sie müssen eingebettet sein in kontinuierliche Beobachtung und ein ganzheitliches Verständnis kindlicher Entwicklung.

Vor allem dürfen sie nicht darüber hinwegtäuschen, was Kinder für eine gute Entwicklung tatsächlich benötigen: verlässliche Beziehungen, Zeit, Spiel, Bewegung, Sprache, Beteiligung, Anregung und Erwachsene, die ihre individuellen Stärken und Bedürfnisse wahrnehmen.

Kita ist keine vorgezogene Schule.

Sie ist ein eigenständiger Bildungs- und Lebensort für Kinder.

Ob aus dem Gesetzentwurf am Ende tatsächlich bessere Bedingungen für Kinder entstehen, wird deshalb weniger davon abhängen, wie viele neue Standards formuliert werden. Entscheidend wird sein, ob pädagogische Fachkräfte die personellen Ressourcen, die Zeit und die fachlichen Bedingungen bekommen, um Kindern im Alltag wirklich gerecht zu werden.

Wie geht es mit dem Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz weiter?

Mit dem Kabinettsbeschluss vom 2. September 2026 ist das Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz noch nicht endgültig verabschiedet.

Das Bundeskabinett hat den Gesetzentwurf beschlossen. Nun folgt das weitere Gesetzgebungsverfahren. Bundestag und Bundesrat werden mit dem Vorhaben befasst. Im parlamentarischen Verfahren können sich die vorgesehenen Regelungen noch verändern.

Nach den derzeitigen Plänen der Bundesregierung soll das Gesetz 2027 in Kraft treten. Die einzelnen Regelungen sollen schrittweise wirksam werden, damit Länder, Kommunen und Träger Zeit erhalten, die notwendigen Strukturen aufzubauen.

Quellen und weiterführende Informationen

Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), 2. September 2026: „Entwurf für Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz verabschiedet“. Primärquelle zum Kabinettsbeschluss und zu den vorgesehenen Maßnahmen des SCQEG.

Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ): Informationsseite zum „Gesetz zur Verbesserung der Startchancen von Kindern und zur Qualitätsentwicklung in der Kindertagesbetreuung (SCQEG)“. Informationen unter anderem zu Entwicklungsstandserhebungen, zusätzlichem Personal, Fachberatung, Finanzierung, Monitoring und Inkrafttreten.

Dreyer, Rahel / ZDFheute, 2. September 2026: „Kita-Gesetz: Prien will Kinder besser fördern – mit weniger Geld“. Einschätzung der Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre zu Entwicklungsstandserhebungen, ganzheitlicher frühkindlicher Bildung und Finanzierung.

Anders, Yvonne, 28. August 2026: „Datengestützte Entwicklung und Steuerung in der frühkindlichen Bildung: Kommentar zum Referentenentwurf für das KiTa-Startchancen- und -Qualitätsentwicklungsgesetz – SCQEG“, Startchancen-Blog des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Kluczniok, Katharina, 7. August 2026: „Monitoring & Prozessqualität: Kommentar zum KiTa-Startchancen- und -Qualitätsentwicklungsgesetz – SCQEG“, Startchancen-Blog des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung in der Kindheit (BAG-BEK), 6. August 2026: Stellungnahme zum Referentenentwurf für das SCQEG.

VKMK – Der Kitaverband, 29. Juli 2026: Stellungnahme zum Referentenentwurf des Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetzes. Kritik und Empfehlungen unter anderem zu Finanzierung, Entwicklungsstandsfeststellung, ganzheitlichem Bildungsauftrag und Datenweitergabe.

Bundesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen (BAGE), 11. August 2026: Stellungnahme zum KiTa-Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz. Kritik unter anderem an der Schwerpunktsetzung auf Kompetenzmessung, der Finanzierung sowie der Weitergabe von Entwicklungsdaten an Schulen.




Bildungs- und Teilhabepaket: Warum so viele Kinder leer ausgehen

Himmel_und_Hoelle

Mehr als 80 Prozent der anspruchsberechtigten Kinder erhalten den Teilhabebetrag nicht. Fachleute fordern deshalb einen grundlegenden Neuanfang

Sechs Wochen Sommerferien. Viele Kinder kehren anschließend mit Geschichten vom Urlaub, vom Freizeitpark oder vom Zeltlager zurück. Andere erzählen wenig oder gar nichts. Nicht, weil sie nichts erlebt hätten, sondern weil das Geld für den Schwimmbadbesuch, den Sportverein oder den gemeinsamen Kinonachmittag fehlte.

Kinderarmut zeigt sich oft nicht zuerst im Klassenzimmer. Sie wird dort sichtbar, wo Kinder Freundschaften pflegen, gemeinsam spielen, Sport treiben oder kulturelle Angebote nutzen. Genau hier sollte das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) unterstützen. Doch 15 Jahre nach seiner Einführung verfehlt es ausgerechnet bei der sozialen Teilhabe sein Ziel.

Nach aktuellen Berechnungen der Bertelsmann Stiftung erhalten mehr als acht von zehn anspruchsberechtigten Kindern den monatlichen Teilhabebetrag überhaupt nicht. Von den sechs- bis unter 15-Jährigen im Bürgergeldbezug nehmen lediglich rund 18 Prozent die Leistung in Anspruch, bei den 15- bis unter 18-Jährigen sind es sogar nur zwölf Prozent.

Damit stellt sich die Frage, welchen Wert eine solche Sozialleistung haben soll, wenn sie den überwiegenden Teil der Kinder, für die sie geschaffen wurde, gar nicht erreicht.

Nicht der Bedarf fehlt – sondern der Zugang

Für die Bertelsmann Stiftung liegt die Ursache nicht darin, dass Familien die Unterstützung nicht benötigten. Vielmehr verhinderten komplizierte Antragsverfahren, unterschiedliche Zuständigkeiten und umfangreiche Nachweispflichten, dass viele Kinder ihre Ansprüche überhaupt wahrnehmen könnten. Hinzu kommt, dass es für manche anspruchsberechtigten Gruppen bis heute keine verlässlichen bundesweiten Daten gibt.

Antje Funcke, Familienexpertin der Bertelsmann Stiftung, bringt die eigentliche Problematik auf den Punkt: „Die geringe Nutzung liegt nicht daran, dass die Kinder keinen Bedarf hätten. Vielmehr ist der Betrag klein und der Weg dorthin sehr aufwendig.“

Die Stiftung fordert deshalb eine grundlegende Vereinfachung des Systems: Leistungen sollten möglichst automatisch ausgezahlt, Behörden besser vernetzt und die Höhe des Teilhabebetrags regelmäßig an den tatsächlichen Bedarf von Kindern und Jugendlichen angepasst werden.

Kinder erleben Ausgrenzung im Alltag

Der Deutsche Kinderschutzbund lenkt den Blick auf die Folgen für die Kinder selbst. Gerade in den Sommerferien werde soziale Ungleichheit besonders sichtbar, erklärt Bundesgeschäftsführer Daniel Grein. „Die Sommerferien sollten für alle Kinder eine Zeit der Erholung, der Freundschaften und der gemeinsamen Erlebnisse sein. Für Kinder in Armut werden sie stattdessen oft zu sechs Wochen, in denen sie besonders deutlich spüren, dass sie nicht dazugehören.“  Grein macht deutlich, dass Teilhabe weit mehr bedeutet als eine Vereinsmitgliedschaft oder Musikunterricht. „Kinder erleben Teilhabe nicht in den Kategorien von Antragsformularen und Vereinsbeiträgen. Teilhabe bedeutet auch, sich spontan mit Freundinnen und Freunden verabreden zu können, gemeinsam ins Freibad zu gehen oder sich etwas zu Lesen zu kaufen.“

Der derzeitige Teilhabebetrag von 15 Euro im Monat – umgerechnet rund 50 Cent pro Tag – werde dieser Lebenswirklichkeit kaum gerecht. Deshalb fordert der Kinderschutzbund neben einer deutlichen Erhöhung des Betrags vor allem eine automatische Auszahlung und mehr Freiheit bei der Verwendung der Mittel.

Auch die GEW sieht das System am Ende seiner Möglichkeiten

Dass grundlegende Reformen notwendig sind, betont auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Für Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze sind die aktuellen Zahlen mehr als ein Warnsignal: „Das Bildungs- und Teilhabepaket ist gescheitert. Nicht mal zwanzig Prozent der berechtigten Kinder und Jugendlichen bekommen den monatlichen Teilhabebetrag. Ausgerechnet bei der sozialen Teilhabe, dem Herzstück des Pakets, klafft die größte Lücke.“

Wie die Bertelsmann Stiftung sieht auch die GEW die Ursachen vor allem im bürokratischen Verfahren. Die Gewerkschaft fordert eine bedarfsgerechte pauschale Auszahlung und kritisiert, dass viele Familien die Beantragung als belastend oder sogar beschämend erleben.

Teilhabe ist kein Nebenschauplatz

Dabei geht es um weit mehr als um eine sozialpolitische Debatte. Zahlreiche entwicklungspsychologische und pädagogische Studien zeigen, dass Kinder soziale Kompetenzen, Selbstvertrauen und Zugehörigkeit vor allem dort entwickeln, wo sie mit anderen Kindern spielen, Sport treiben, musizieren oder gemeinsame Freizeit erleben können.

Wer dauerhaft ausgeschlossen wird, verzichtet nicht nur auf einzelne Aktivitäten. Oft fehlen Begegnungen, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen, die für das Aufwachsen ebenso wichtig sind wie gute Bildungsangebote.

Genau deshalb erscheint die eigentliche Schwäche des Bildungs- und Teilhabepakets nicht allein die Höhe des Teilhabebetrags zu sein. Entscheidend ist vielmehr, dass das System seine Zielgruppe nur unzureichend erreicht. Wenn mehr als 80 Prozent der anspruchsberechtigten Kinder leer ausgehen, liegt das Problem nicht in erster Linie bei den Familien, sondern in einem Verfahren, das den Zugang unnötig erschwert.

Bertelsmann Stiftung, Deutscher Kinderschutzbund und GEW setzen deshalb unterschiedliche Akzente, kommen aber zu einem gemeinsamen Schluss: Kinder brauchen weniger Bürokratie und mehr Teilhabe. Denn Bildung endet nicht an der Klassenzimmertür. Sie entsteht auch auf dem Fußballplatz, in der Musikschule, im Schwimmbad oder überall dort, wo Kinder Gemeinschaft erleben und ihren Platz in der Gesellschaft finden.




Entwicklungsstände bei Kita-Kindern früh erkennen und gezielt fördern

kompetenzfeststellung

Neue Orientierungshilfe für Kitas und Träger

Die Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Entwicklung gehört seit vielen Jahren zu den zentralen Aufgaben pädagogischer Fachkräfte. Vor dem Hintergrund geplanter bundesweiter Sprach- und Entwicklungsstandserhebungen gewinnt die Auswahl geeigneter Instrumente zunehmend an Bedeutung. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) hatte zuletzt darauf hingewiesen, dass zahlreiche der derzeit eingesetzten Verfahren qualitative Schwächen aufweisen oder nur eingeschränkt aussagekräftig sind.

kompetenzfeststellung-expertise

Um Kitas und Träger bei der Auswahl geeigneter Instrumente zu unterstützen, hat die pädquis Stiftung im Auftrag der Stiftung Kinder forschen die Expertise „Früh erkennen, gezielt fördern: Verfahren zur Entwicklungs- und Kompetenzfeststellung bei Kindern“ erstellt. Die Untersuchung bietet einen fundierten Überblick über wissenschaftlich geprüfte und praxisnahe Verfahren zur Erfassung kindlicher Entwicklungsstände.

Warum die Wahl des richtigen Verfahrens entscheidend ist

Pädagogische Fachkräfte begleiten Kinder täglich in ihrer sprachlichen, kognitiven, sozial-emotionalen und motorischen Entwicklung. Dabei dokumentieren sie Stärken, Lernfortschritte und mögliche Unterstützungsbedarfe mithilfe von Beobachtungsbögen oder digitalen Anwendungen.

Die Analyse zeigt jedoch deutliche Unterschiede zwischen den verfügbaren Instrumenten. Viele Verfahren erfassen lediglich einzelne Entwicklungsbereiche, während andere als veraltet gelten oder sich im pädagogischen Alltag nur schwer umsetzen lassen. Zudem fehlt bei manchen Angeboten eine ausreichende wissenschaftliche Grundlage.

Ganzheitliche Verfahren mit praktischem Nutzen

Im Mittelpunkt der Expertise stehen Verfahren, die die Entwicklung von Kindern umfassend erfassen. Berücksichtigt werden unter anderem die Bereiche Sprache, Kognition, Motorik, Mathematik sowie Selbstregulation.

Die untersuchten Instrumente wurden hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Qualität, ihrer Praxistauglichkeit und ihres Nutzens für die pädagogische Arbeit bewertet. Besonders wichtig war dabei die Frage, ob die Verfahren konkrete Hinweise für die individuelle Förderung von Kindern liefern.

„Bei der großen Menge an unterschiedlichen Verfahren kann die Auswahl schnell überfordern“, sagt Dr. Tobias Ernst, Vorstand der Stiftung Kinder forschen. „Viele sind sehr teuer und kompliziert in der Handhabung. Das nützt weder dem Träger noch den Fachkräften. Die Studie hat Verfahren identifiziert, die Erzieherinnen und Erziehern direkte Förderempfehlungen geben und somit einen echten pädagogischen Mehrwert liefern. Damit lässt sich gute Bildungsarbeit verlässlich steuern.“

Mehr Bildungsgerechtigkeit durch frühzeitige Förderung

Nach Einschätzung der Stiftung Kinder forschen kann der flächendeckende Einsatz wissenschaftlich fundierter Verfahren einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit leisten. Entwicklungsbedarfe könnten deutlich früher erkannt und individuelle Fördermaßnahmen gezielter umgesetzt werden.

„Wenn Kinder bei der Einschulung weder ausreichend sprechen noch gut einen Stift halten können, unruhig sind oder einfaches Zählen nicht beherrschen, dann wurden bei der Frühförderung wichtige Chancen vertan“, ergänzt Ernst. „Dabei könnten wir mit den richtigen Instrumenten und entsprechender Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte frühzeitig Bedarfe in der kindlichen Sprach- und Kompetenzentwicklung aufdecken und diese gezielt und individuell fördern.“

Diese Verfahren erzielten die besten Bewertungen

Für die Expertise wurden insgesamt 25 Verfahren untersucht. Mehrere Instrumente konnten dabei mit sehr guten Ergebnissen überzeugen. Besonders positiv wurden die Verfahren MONDEY und Vineland-3 bewertet.

Katharina Kluczniok, Professorin für Frühkindliche Bildung und Erziehung sowie Co-Autorin der Expertise, erklärt: „Die am besten bewerteten Verfahren überzeugen besonders durch die Kombination aus wissenschaftlicher Qualität, breiter Erfassung kindlicher Entwicklung und guter Praxistauglichkeit.“

Darüber hinaus sehen die Autorinnen und Autoren auch bei anderen Verfahren großes Potenzial. Da die Instrumente unterschiedliche Schwerpunkte setzen, können sie je nach Zielsetzung sinnvoll miteinander kombiniert werden.

Kluczniok betont: „Wie geeignet ein Verfahren ist, hängt jedoch letztlich auch vom jeweiligen Einsatzbereich und den Anforderungen in der Praxis ab.“

Wissenschaftlich fundierte Diagnostik als Grundlage erfolgreicher Förderung

Für die Stiftung Kinder forschen steht fest, dass die Erhebung von Entwicklungsständen eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildungsarbeit ist. Entscheidend sei dabei die Nutzung wissenschaftlich fundierter Instrumente, die verlässliche Ergebnisse liefern und Fachkräften konkrete Handlungsmöglichkeiten eröffnen.

„Wichtig ist, dass der Entwicklungsstand überhaupt erhoben wird – mit einem wissenschaftlich fundierten Instrument, das verlässliche Daten liefert, auf deren Basis eine Fachkraft das Kind gut fördern kann“, so Ernst. Damit greift er eine zentrale Empfehlung des SWK-Gutachtens auf.

Über die pädquis Stiftung

Die pädquis Stiftung ist ein unabhängiges und gemeinnütziges Institut, das seit mehr als 25 Jahren zur Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität in frühkindlichen Bildungseinrichtungen beiträgt. Durch Evaluationen in Kitas und Krippen liefert die Stiftung datenbasierte Erkenntnisse für Kitaleitungen, Träger, Kommunen sowie Landes- und Bundesministerien. Ziel ist die kontinuierliche Verbesserung der pädagogischen Praxis. Prof. Dr. Katharina Kluczniok ist Vorstandsvorsitzende der pädquis Stiftung und Professorin für Frühkindliche Bildung und Erziehung an der Freien Universität Berlin.

Über die Stiftung Kinder forschen

Die Stiftung Kinder forschen engagiert sich bundesweit für hochwertige frühe Bildung in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). Ziel ist es, Kinder frühzeitig für Zukunftsthemen zu begeistern und sie zu nachhaltigem Handeln zu befähigen.

Quelle: Pressemitteilung Stiftung Kinder forschen




Kinderreport 2026: Mehr Gerechtigkeit für alle Kinder

Kinder, Jugendliche und Erwachsene fordern mehr Chancengerechtigkeit, bessere Unterstützung und echte Mitbestimmung in Kitas und Schulen

Deutschland diskutiert seit Jahren über Bildungsprobleme, Lehrkräftemangel und soziale Ungleichheit. Der neue Kinderreport 2026 des Deutschen Kinderhilfswerkes macht nun erneut deutlich, wie groß der Handlungsbedarf tatsächlich ist. Besonders bemerkenswert: Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche selbst fordern umfangreiche Reformen, damit Bildungschancen künftig weniger von Herkunft, Armut oder Wohnort abhängen.

Im Mittelpunkt des diesjährigen Kinderreports steht das Thema „Chancengerechte Bildung“. Grundlage sind repräsentative Befragungen von mehr als 1.000 Erwachsenen sowie über 1.000 Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 17 Jahren.

Die Ergebnisse zeichnen ein eindeutiges Bild: Kinder und Erwachsene wünschen sich ein gerechteres Bildungssystem, mehr Unterstützung im Schulalltag und bessere Möglichkeiten zur Mitbestimmung.

Bildung darf nicht vom Wohnort abhängen

Besonders groß ist die Zustimmung zu einheitlichen Bildungsstandards in ganz Deutschland. 91 Prozent der Erwachsenen sprechen sich dafür aus, dass Kinder unabhängig vom Bundesland vergleichbare Bildungsbedingungen erhalten. Auch bei den Kindern und Jugendlichen selbst ist die Zustimmung hoch: 87 Prozent wünschen sich gleiche Regeln und gleiche Chancen an allen Schulen.

Ebenso deutlich fällt die Forderung nach kostenfreier Bildung aus. 90 Prozent der Erwachsenen halten eine kostenfreie Bildung von der Kita bis zur Schule einschließlich Lern- und Unterrichtsmaterialien für wichtig. Bei Kindern und Jugendlichen sagen sogar 88 Prozent, dass Kitas, Schulen und Schulmaterialien kostenlos sein sollten.

Der Kinderreport macht damit sichtbar, wie stark das Thema Bildungsgerechtigkeit inzwischen auch im Alltag junger Menschen angekommen ist.

Mehr Fachkräfte und Unterstützung im Alltag

Besonders alarmierend ist der Blick auf die Situation in Schulen und Kitas. Viele Befragte sehen vor allem den Personalmangel als zentrales Problem. 93 Prozent der Erwachsenen halten zusätzliches und qualifiziertes Personal an Schulen und Kitas für notwendig, um pädagogische Fachkräfte zu entlasten.

Auch Kinder und Jugendliche erleben offenbar, dass Lehrkräfte häufig überlastet sind. Rund zwei Drittel der Befragten wünschen sich mehr Erwachsene an Schulen, damit Lehrkräfte mehr Zeit für Unterricht und Unterstützung haben.

Der Kinderreport fordert deshalb eine umfassende Fachkräfteoffensive. Nach Einschätzung des Deutschen Kinderhilfswerkes fehlen bundesweit mindestens 125.000 Fachkräfte in der frühkindlichen Bildung. Gleichzeitig brauche es bessere Ausbildungsbedingungen und eine langfristige finanzielle Absicherung.

Sprachförderung und Schulsozialarbeit gewinnen an Bedeutung

Besonders große Zustimmung erhalten Maßnahmen zur direkten Unterstützung sozial benachteiligter Kinder. 94 Prozent der Erwachsenen halten verbindliche Lern- und Sprachförderangebote für wichtig. Auch bei Kindern und Jugendlichen stehen Sprach- und Lernförderung ganz oben: 88 Prozent wünschen sich zusätzliche Unterstützung beim Lernen und beim Deutschlernen.

Zugleich zeigt der Bericht, wie wichtig Schulsozialarbeit und psychosoziale Beratung inzwischen geworden sind. 87 Prozent der Erwachsenen sprechen sich für flächendeckende Schulsozialarbeit aus. Viele Kinder wünschen sich mehr Ansprechpersonen in Schulen, die helfen können, wenn Probleme auftreten.

Der Kinderreport macht damit deutlich, dass Bildung heute weit mehr umfasst als Unterricht allein. Kinder brauchen offenbar nicht nur Wissen, sondern auch Begleitung, Unterstützung und verlässliche Beziehungen.

Kinder wollen Demokratie lernen – und mitbestimmen

Ein besonders bemerkenswertes Ergebnis betrifft die Demokratiebildung. 94 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen halten es für wichtig, in der Schule zu lernen, wie Demokratie funktioniert und wie Menschen fair miteinander umgehen.

Auch verbindliche Mitbestimmungsmöglichkeiten stoßen auf große Zustimmung. 88 Prozent der Kinder und Jugendlichen möchten bei Regeln oder Projekten in der Schule mitentscheiden können.

Die Erwachsenen sehen das ähnlich. 88 Prozent halten verbindliche Demokratiebildung in Schulen für wichtig. Rund zwei Drittel sprechen sich zudem für feste Mitbestimmungsrechte von Schülerinnen und Schülern im Schulalltag aus.

Der Kinderreport knüpft damit an frühere Untersuchungen an, nach denen Beteiligung und Mitbestimmung die Resilienz von Kindern stärken und gesellschaftliche Teilhabe fördern können.

Bildung ist Kinderrecht

Das Deutsche Kinderhilfswerk erinnert im Bericht ausdrücklich daran, dass Bildung ein grundlegendes Kinderrecht ist. Die UN-Kinderrechtskonvention verpflichte Bund und Länder dazu, allen Kindern diskriminierungsfreien Zugang zu hochwertiger Bildung zu ermöglichen.

Tatsächlich hängen Bildungschancen in Deutschland nach wie vor stark von sozialer Herkunft, Wohnort oder Aufenthaltsstatus ab. Der Kinderreport fordert deshalb umfangreiche Investitionen in Kitas, Schulen und außerschulische Bildungsangebote.

Dazu gehören unter anderem:

  • mindestens 400.000 zusätzliche Kita-Plätze,
  • bundesweit verbindliche Qualitätsstandards,
  • multiprofessionelle Teams an Schulen,
  • bessere Ganztagsangebote,
  • stärkere Förderung sozial benachteiligter Regionen,
  • sowie ein sofortiger Bildungszugang für geflüchtete Kinder.

Kinder sehen die Probleme sehr genau

Auffällig am Kinderreport 2026 ist vor allem, wie differenziert Kinder und Jugendliche selbst auf Bildung blicken. Sie wünschen sich nicht nur bessere Lernbedingungen, sondern auch mehr Fairness, Unterstützung und Beteiligung.

Der Bericht zeigt damit auch: Kinder nehmen gesellschaftliche Ungleichheiten sehr genau wahr. Und sie formulieren erstaunlich klar, was sich verändern müsste.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften dieses Kinderreports: Bildungsgerechtigkeit ist längst kein abstraktes politisches Thema mehr. Für viele Kinder entscheidet sie ganz konkret darüber, wie sicher, unterstützt und zuversichtlich sie ihre eigene Zukunft erleben.

Quelle

Deutsches Kinderhilfswerk (2026): Kinderreport Deutschland 2026 – Chancengerechte Bildung. Zusammenfassung der repräsentativen Befragungen von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen.

Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.dkhw.de/informieren/unsere-themen/kinderrechte/kinderreport/




Deutschland bei Kinderwohl lediglich auf Platz 25 von 37

Neue UNICEF-Studie zeigt gravierende Folgen von Kinderarmut und sozialer Ungleichheit für Bildung, Gesundheit und Zukunftschancen von Kindern in Deutschland

Deutschland zählt zu den wirtschaftsstärksten Ländern der Welt – doch wenn es um das Wohlbefinden von Kindern geht, landet die Bundesrepublik im aktuellen internationalen Vergleich von UNICEF lediglich auf Rang 25 von 37 untersuchten Staaten. Für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ist dieses Ergebnis ein deutliches Warnsignal. Die neue Studie des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti macht sichtbar, wie stark soziale Ungleichheit und Kinderarmut die Entwicklungschancen von Kindern beeinträchtigen – auch in einem reichen Land wie Deutschland.

Die Untersuchung „Report Card 20: Unequal Chances – Children and Economic Inequality“ analysiert die Lebensbedingungen von Kindern in Ländern der Europäischen Union und der OECD. Bewertet wurden unter anderem Bildungserfolge, körperliche Gesundheit, psychisches Wohlbefinden sowie die Auswirkungen wirtschaftlicher Ungleichheit auf das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Das Ergebnis für Deutschland fällt ernüchternd aus: Trotz hoher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit gelingt es offenbar nicht, allen Kindern vergleichbare Chancen auf Bildung, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

UNICEF spricht von vertanen Zukunftschancen

UNICEF Deutschland bewertet das Abschneiden Deutschlands ungewöhnlich deutlich. Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, erklärt, die Bekämpfung von Kinderarmut müsse endlich politische Priorität erhalten. Nach Einschätzung der Organisation verspielt Deutschland Zukunftschancen, wenn nicht konsequent in Bildung, Teilhabe und gesundheitliche Versorgung von Kindern investiert werde. Besonders kritisch bewertet UNICEF, dass ein wirtschaftlich so starkes Land seit Jahren lediglich im unteren Mittelfeld des Rankings liegt.

Die Studie verdeutlicht, dass soziale Herkunft in Deutschland weiterhin erheblich über Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten entscheidet. Während Kinder aus wohlhabenden Familien deutlich bessere Chancen haben, erleben viele Kinder aus einkommensschwachen Haushalten Einschränkungen in nahezu allen Lebensbereichen. Für UNICEF ist das nicht nur ein sozialpolitisches Problem, sondern langfristig auch ein Risiko für gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftliche Stabilität.

Kinderarmut bleibt in Deutschland auf hohem Niveau

Besonders problematisch ist nach Angaben der Studie die seit Jahren stagnierende Kinderarmut in Deutschland. Rund 15 Prozent aller Kinder leben demnach in einkommensarmen Familien. Gleichzeitig wächst die Einkommensungleichheit weiter. Menschen im wohlhabendsten Fünftel der Bevölkerung verfügen inzwischen über ein Vielfaches des Einkommens der ärmsten Bevölkerungsgruppen. UNICEF sieht darin eine zentrale Ursache für ungleiche Entwicklungschancen von Kindern.

Die Folgen von Armut zeigen sich laut Studie bereits früh im Alltag vieler Kinder. Schlechte Wohnverhältnisse, fehlende Rückzugsorte, mangelnde Freizeitmöglichkeiten und unzureichend ausgestattete Bildungseinrichtungen prägen vielerorts die Lebensrealität benachteiligter Familien. Hinzu kommen strukturelle Unterschiede zwischen Wohngebieten: In sozial benachteiligten Stadtteilen fehlen häufig gut erreichbare Kinderarztpraxen, Spielplätze oder ausreichende Bildungsangebote.

Schwache Bildungsergebnisse trotz hoher Wirtschaftskraft

Besonders alarmierend fällt das Ergebnis Deutschlands im Bildungsbereich aus. Nur etwa 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen laut UNICEF grundlegende Kompetenzen in Lesen und Mathematik. Damit liegt Deutschland auf Rang 34 von 41 vergleichbaren Staaten. Länder wie Irland, Slowenien oder Südkorea schneiden deutlich besser ab – teilweise trotz geringerer wirtschaftlicher Ressourcen.

Auffällig groß ist zudem die Bildungsschere zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Jugendlichen. Während in einkommensstarken Familien neun von zehn Jugendlichen grundlegende Kompetenzen erreichen, gelingt dies unter Jugendlichen aus benachteiligten Haushalten nicht einmal jedem Zweiten. Die Studie beschreibt damit eine Bildungsungleichheit, die sich über viele Jahre hinweg verfestigt hat.

Für pädagogische Fachkräfte bestätigt die Untersuchung zahlreiche Entwicklungen, die bereits seit Jahren im Bildungsalltag sichtbar werden: Kinder starten mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ins Bildungssystem, und soziale Benachteiligungen lassen sich häufig nur schwer ausgleichen. UNICEF sieht darin einen klaren politischen Handlungsauftrag.

Gesundheit und Lebenszufriedenheit hängen stark vom Einkommen ab

Die Untersuchung zeigt außerdem deutliche Zusammenhänge zwischen sozialer Lage und Gesundheit von Kindern. Kinder aus wirtschaftlich abgesicherten Familien sind häufiger körperlich gesund und berichten häufiger von hoher Lebenszufriedenheit. Bei Kindern aus einkommensarmen Familien zeigen sich dagegen häufiger gesundheitliche Belastungen und psychische Probleme.

In Deutschland bewerten lediglich 61 Prozent der Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien ihre Lebenszufriedenheit als hoch. Bei Jugendlichen aus wohlhabenden Haushalten liegt dieser Anteil deutlich höher. UNICEF verweist darauf, dass finanzielle Unsicherheit in Familien Stress erzeugt und sich negativ auf das familiäre Zusammenleben sowie die psychische Entwicklung von Kindern auswirken kann.

Auch gesundheitliche Unterschiede zeigen sich deutlich: Während ein Großteil der Kinder aus wohlhabenden Familien eine sehr gute gesundheitliche Verfassung aufweist, fällt dieser Anteil bei Kindern aus armen Familien wesentlich geringer aus. Die Studie macht damit sichtbar, dass soziale Ungleichheit nicht nur Bildungschancen beeinflusst, sondern tief in alle Lebensbereiche hineinwirkt.

Andere Länder zeigen, dass bessere Bedingungen möglich sind

Dass bessere Ergebnisse erreichbar wären, zeigt laut UNICEF der internationale Vergleich. Die Niederlande, Dänemark und Frankreich belegen in der Gesamtwertung die Spitzenplätze. Auch Staaten mit geringerer Wirtschaftskraft wie Portugal oder Litauen schneiden deutlich besser ab als Deutschland.

UNICEF leitet daraus die Forderung ab, Kinderpolitik stärker in den Mittelpunkt staatlichen Handelns zu stellen. Die Organisation fordert gezielte Investitionen in benachteiligte Familien, bessere Bildungs- und Gesundheitsangebote sowie eine stärkere politische Vertretung von Kinderinteressen. Darüber hinaus müsse die soziale Infrastruktur in benachteiligten Wohngebieten verbessert werden, damit alle Kinder vergleichbare Chancen auf ein gesundes und sicheres Aufwachsen erhalten.

Über die Report Card-Serie von UNICEF Innocenti

Das UNICEF-Forschungsinstitut Innocenti mit Sitz in Florenz vergleicht in seiner Report Card-Serie seit dem Jahr 2000 regelmäßig die Situation von Kindern in den wohlhabenden Ländern der Welt. Auf der Basis aktueller Forschungsergebnisse werden Trends im kindlichen Wohlbefinden untersucht, Gründe für diese Entwicklungen identifiziert und mögliche Maßnahmen für Politik und Gesellschaft erarbeitet. Jede Ausgabe untersucht unterschiedliche Schwerpunkte im Bereich des kindlichen Wohlbefindens anhand aktueller Forschungsergebnisse. Die Report Card 20 untersucht in 44 Ländern der EU und OECD, wie wirtschaftliche Ungleichheit mit dem Wohlbefinden von Kindern zusammenhängt. Sie aktualisiert die Rangliste des kindlichen Wohlbefindens anhand von sechs Indikatoren aus den Bereichen physische Gesundheit, mentales Wohlbefinden und Kompetenzen. In den Gesamtvergleich gehen noch 37 der 44 Länder ein, da für einen Teil der Länder nicht alle dafür nötigen Daten vorliegen.

Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Berichts aus deutsch.