Kinderreport 2026: Mehr Gerechtigkeit für alle Kinder

Kinder, Jugendliche und Erwachsene fordern mehr Chancengerechtigkeit, bessere Unterstützung und echte Mitbestimmung in Kitas und Schulen

Deutschland diskutiert seit Jahren über Bildungsprobleme, Lehrkräftemangel und soziale Ungleichheit. Der neue Kinderreport 2026 des Deutschen Kinderhilfswerkes macht nun erneut deutlich, wie groß der Handlungsbedarf tatsächlich ist. Besonders bemerkenswert: Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche selbst fordern umfangreiche Reformen, damit Bildungschancen künftig weniger von Herkunft, Armut oder Wohnort abhängen.

Im Mittelpunkt des diesjährigen Kinderreports steht das Thema „Chancengerechte Bildung“. Grundlage sind repräsentative Befragungen von mehr als 1.000 Erwachsenen sowie über 1.000 Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 17 Jahren.

Die Ergebnisse zeichnen ein eindeutiges Bild: Kinder und Erwachsene wünschen sich ein gerechteres Bildungssystem, mehr Unterstützung im Schulalltag und bessere Möglichkeiten zur Mitbestimmung.

Bildung darf nicht vom Wohnort abhängen

Besonders groß ist die Zustimmung zu einheitlichen Bildungsstandards in ganz Deutschland. 91 Prozent der Erwachsenen sprechen sich dafür aus, dass Kinder unabhängig vom Bundesland vergleichbare Bildungsbedingungen erhalten. Auch bei den Kindern und Jugendlichen selbst ist die Zustimmung hoch: 87 Prozent wünschen sich gleiche Regeln und gleiche Chancen an allen Schulen.

Ebenso deutlich fällt die Forderung nach kostenfreier Bildung aus. 90 Prozent der Erwachsenen halten eine kostenfreie Bildung von der Kita bis zur Schule einschließlich Lern- und Unterrichtsmaterialien für wichtig. Bei Kindern und Jugendlichen sagen sogar 88 Prozent, dass Kitas, Schulen und Schulmaterialien kostenlos sein sollten.

Der Kinderreport macht damit sichtbar, wie stark das Thema Bildungsgerechtigkeit inzwischen auch im Alltag junger Menschen angekommen ist.

Mehr Fachkräfte und Unterstützung im Alltag

Besonders alarmierend ist der Blick auf die Situation in Schulen und Kitas. Viele Befragte sehen vor allem den Personalmangel als zentrales Problem. 93 Prozent der Erwachsenen halten zusätzliches und qualifiziertes Personal an Schulen und Kitas für notwendig, um pädagogische Fachkräfte zu entlasten.

Auch Kinder und Jugendliche erleben offenbar, dass Lehrkräfte häufig überlastet sind. Rund zwei Drittel der Befragten wünschen sich mehr Erwachsene an Schulen, damit Lehrkräfte mehr Zeit für Unterricht und Unterstützung haben.

Der Kinderreport fordert deshalb eine umfassende Fachkräfteoffensive. Nach Einschätzung des Deutschen Kinderhilfswerkes fehlen bundesweit mindestens 125.000 Fachkräfte in der frühkindlichen Bildung. Gleichzeitig brauche es bessere Ausbildungsbedingungen und eine langfristige finanzielle Absicherung.

Sprachförderung und Schulsozialarbeit gewinnen an Bedeutung

Besonders große Zustimmung erhalten Maßnahmen zur direkten Unterstützung sozial benachteiligter Kinder. 94 Prozent der Erwachsenen halten verbindliche Lern- und Sprachförderangebote für wichtig. Auch bei Kindern und Jugendlichen stehen Sprach- und Lernförderung ganz oben: 88 Prozent wünschen sich zusätzliche Unterstützung beim Lernen und beim Deutschlernen.

Zugleich zeigt der Bericht, wie wichtig Schulsozialarbeit und psychosoziale Beratung inzwischen geworden sind. 87 Prozent der Erwachsenen sprechen sich für flächendeckende Schulsozialarbeit aus. Viele Kinder wünschen sich mehr Ansprechpersonen in Schulen, die helfen können, wenn Probleme auftreten.

Der Kinderreport macht damit deutlich, dass Bildung heute weit mehr umfasst als Unterricht allein. Kinder brauchen offenbar nicht nur Wissen, sondern auch Begleitung, Unterstützung und verlässliche Beziehungen.

Kinder wollen Demokratie lernen – und mitbestimmen

Ein besonders bemerkenswertes Ergebnis betrifft die Demokratiebildung. 94 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen halten es für wichtig, in der Schule zu lernen, wie Demokratie funktioniert und wie Menschen fair miteinander umgehen.

Auch verbindliche Mitbestimmungsmöglichkeiten stoßen auf große Zustimmung. 88 Prozent der Kinder und Jugendlichen möchten bei Regeln oder Projekten in der Schule mitentscheiden können.

Die Erwachsenen sehen das ähnlich. 88 Prozent halten verbindliche Demokratiebildung in Schulen für wichtig. Rund zwei Drittel sprechen sich zudem für feste Mitbestimmungsrechte von Schülerinnen und Schülern im Schulalltag aus.

Der Kinderreport knüpft damit an frühere Untersuchungen an, nach denen Beteiligung und Mitbestimmung die Resilienz von Kindern stärken und gesellschaftliche Teilhabe fördern können.

Bildung ist Kinderrecht

Das Deutsche Kinderhilfswerk erinnert im Bericht ausdrücklich daran, dass Bildung ein grundlegendes Kinderrecht ist. Die UN-Kinderrechtskonvention verpflichte Bund und Länder dazu, allen Kindern diskriminierungsfreien Zugang zu hochwertiger Bildung zu ermöglichen.

Tatsächlich hängen Bildungschancen in Deutschland nach wie vor stark von sozialer Herkunft, Wohnort oder Aufenthaltsstatus ab. Der Kinderreport fordert deshalb umfangreiche Investitionen in Kitas, Schulen und außerschulische Bildungsangebote.

Dazu gehören unter anderem:

  • mindestens 400.000 zusätzliche Kita-Plätze,
  • bundesweit verbindliche Qualitätsstandards,
  • multiprofessionelle Teams an Schulen,
  • bessere Ganztagsangebote,
  • stärkere Förderung sozial benachteiligter Regionen,
  • sowie ein sofortiger Bildungszugang für geflüchtete Kinder.

Kinder sehen die Probleme sehr genau

Auffällig am Kinderreport 2026 ist vor allem, wie differenziert Kinder und Jugendliche selbst auf Bildung blicken. Sie wünschen sich nicht nur bessere Lernbedingungen, sondern auch mehr Fairness, Unterstützung und Beteiligung.

Der Bericht zeigt damit auch: Kinder nehmen gesellschaftliche Ungleichheiten sehr genau wahr. Und sie formulieren erstaunlich klar, was sich verändern müsste.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften dieses Kinderreports: Bildungsgerechtigkeit ist längst kein abstraktes politisches Thema mehr. Für viele Kinder entscheidet sie ganz konkret darüber, wie sicher, unterstützt und zuversichtlich sie ihre eigene Zukunft erleben.

Quelle

Deutsches Kinderhilfswerk (2026): Kinderreport Deutschland 2026 – Chancengerechte Bildung. Zusammenfassung der repräsentativen Befragungen von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen.

Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.dkhw.de/informieren/unsere-themen/kinderrechte/kinderreport/




Gute Kita-Qualität sichern: Fachkräfte stärken, Kommunen entlasten

Der Rückgang pädagogisch qualifizierter Fachkräfte gefährdet die Zukunft frühkindlicher Bildung. Eine nachhaltige Finanzierung von Bund und Ländern sowie klare Standards sind jetzt entscheidend

Die Basis für eine gute frühkindliche Bildung ist pädagogisch qualifiziertes Personal. Doch in vielen Bundesländern sinkt der Anteil an Fachkräften in den Kita-Teams weiter – mit deutlichen Unterschieden zwischen den Kommunen.

Laut einer aktuellen Auswertung der Bertelsmann Stiftung ist der Anteil von Kitas mit hoher Fachkraft-Quote von 2023 zu 2024 in zehn Bundesländern gesunken. Besonders stark war der Rückgang in Bremen, im Saarland und in Mecklenburg-Vorpommern. Nur in fünf Ländern gab es einen leichten Anstieg, am stärksten in Sachsen.

Bereits im Ländermonitoring 2024 zeigte sich, dass die Fachkraft-Quoten seit 2017 kontinuierlich zurückgehen – ein Risiko für die internationale Vorreiterrolle des deutschen Kita-Systems.

Deutliche Unterschiede zwischen den Kommunen

Auf kommunaler Ebene treten große Gegensätze zutage:

  • Den Spitzenwert erreicht der Landkreis Sömmerda in Thüringen mit 94,3 Prozent Kitas, die eine hohe Fachkraft-Quote aufweisen.
  • Schlusslicht ist der Landkreis Augsburg in Bayern mit nur 2,3 Prozent.

Auch innerhalb einzelner Bundesländer zeigen sich extreme Unterschiede:

  • In Hessen liegt der Anteil in Hersfeld-Rotenburg bei 66,2 Prozent, in Offenbach dagegen bei 9,1 Prozent.
  • In Nordrhein-Westfalen reicht die Spannweite von 62 Prozent im Kreis Höxter bis zu 9 Prozent in Mönchengladbach.

Die vollständigen Daten zu allen Kreisen und kreisfreien Städten gibt es hier: https://www.bertelsmann-stiftung.de/

Kostendruck drückt die Kita-Qualität

Der Rückgang qualifizierter Fachkräfte hängt eng mit den rechtlichen Rahmenbedingungen zusammen. Immer mehr Bundesländer lassen auch Angehörige anderer Berufsgruppen – etwa Geburtshelfer:innen oder Krankengymnast:innen – in Kitas arbeiten.

„Neue Berufsgruppen für die Kitas zu gewinnen, ist grundsätzlich gut. Aber darunter darf die Professionalität nicht leiden“, warnt Anette Stein, Expertin der Bertelsmann Stiftung für frühkindliche Bildung. Der Zusammenhang zwischen Fachkraft-Quote und Qualität sei wissenschaftlich eindeutig belegt.

Dass der Fachkraft-Begriff aufgeweicht wird, sehen Expert:innen kritisch. Ursache sei vor allem der Kostendruck: Mitarbeitende mit geringerer Qualifikation sind für die Träger günstiger. Doch die Einsparungen an der Kita-Qualität bergen langfristig hohe gesellschaftliche Kosten.

Was jetzt zu tun ist: Empfehlungen der Bertelsmann Stiftung

Um Kita-Qualität nachhaltig zu sichern, braucht es strukturelle Veränderungen. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt:

  • -Standards setzen: Einheitliche Definition des Fachkraft-Status in allen Bundesländern. Fachfremde Mitarbeitende sollten berufsbegleitend qualifiziert werden können.
  • Personal vorausschauend planen: In Regionen mit frei werdenden Fachkräften (z. B. durch demografischen Wandel) ist ein Absenken der Standards unnötig. Länder sollten hohe Quoten gezielt ermöglichen.
  • -Kommunen finanziell entlasten: Bund und Länder müssen dauerhaft in frühkindliche Bildung investieren. Der Kommunale Finanzreport weist auf ein Rekorddefizit hin und fordert eine Reform zur Sicherung der Kommunalfinanzen.

„Wenn wir gute Kitas für alle Kinder wollen, müssen Bund und Länder konsequent in die Qualität investieren und professionelle Standards erhalten“, betont Stein. Mit der Initiative „Es geht um jedes Kind!“ will die Bertelsmann Stiftung die Debatte verstärken.


Erzieher*in – Schlüssel zur Kita-Qualität und kindlichen Entwicklung

Die aktuelle Diskussion um Fachkräftemangel zeigt: Gute Kitas brauchen starke Erzieher*innen. Dieses Buch beleuchtet ihre zentrale Rolle für Bildung, Betreuung und Resilienzförderung – und macht deutlich, warum ihre Professionalität die Basis jeder Kita-Qualität ist.

Softcover, Format 14,8 x 21 cm, 176 Seiten
ISBN: 978-3-96304615-5
22 €

Mehr zum Buch…


Zusatzinformationen und weiterführende Inhalte

Eine hohe Fachkraft-Quote liegt vor, wenn mindestens 82,5 Prozent des pädagogischen Personals einen einschlägigen Fachschulabschluss besitzen. Die Datengrundlage stammt von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder (Stichtag: 1. März 2024).

Weitere Analysen und Inhalte:

– Gute Kitas brauchen gut ausgebildetes Personal – aber die Fachkraft-Quote sinkt vielerorts: https://www.bertelsmann-stiftung.de/
– Dramatisch hohe Krankheitsausfälle beim Kita-Personal erfordern Antwort der Politik: https://www.bertelsmann-stiftung.de/
– Regelmäßige Überlastung durch personelle Unterbesetzung: https://www.bertelsmann-stiftung.de/
– Kommunale Finanzen – Größtes Defizit in der Geschichte der Bundesrepublik: https://www.bertelsmann-stiftung.de/




Start in Regelklassen beschleunigt Deutschlernen geflüchteter Kinder

Forschende der Universität Halle zeigen: Vorbereitungsklassen bringen oft weniger Fortschritte als erwartet – frühe Integration und sichere Bleibeperspektive sind entscheidend.

Kinder und Jugendliche, die nach ihrer Flucht nach Deutschland sofort in reguläre Schulklassen aufgenommen werden, entwickeln ihre Deutschkenntnisse deutlich schneller als Gleichaltrige, die zunächst in speziellen Willkommens- oder Vorbereitungsklassen unterrichtet werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), in der Daten von über 1.000 geflüchteten Schülerinnen und Schülern ausgewertet wurden.

Lange Wartezeiten führe zu nachteiligen Effekten

Die Analyse verdeutlicht zudem, dass lange Wartezeiten bis zum Schulstart nachhaltig nachteilige Effekte haben. In vielen Bundesländern beginnt der Unterricht für geflüchtete Kinder erst nach Abschluss der kommunalen Zuweisung – häufig Monate nach der Ankunft. Diese Zeit ohne regelmäßigen Kontakt zu deutschsprachigen Mitschülerinnen und Mitschülern bremst den Spracherwerb deutlich.

Auch der Aufenthaltsstatus beeinflusst den Lernerfolg: Jugendliche mit unsicherer Bleibeperspektive verfügen im Durchschnitt über schwächere Deutschkenntnisse. Forschende vermuten, dass fehlende Planungssicherheit die Motivation zum intensiven Lernen mindert.

Politische Konsequenzen laut Studie

Das Forschungsteam empfiehlt, geflüchtete Kinder so schnell wie möglich in den Regelunterricht aufzunehmen und vor allem in Grundschulen auf längere Phasen in separaten Klassen zu verzichten. Ebenso könne ein sicherer Aufenthaltsstatus dazu beitragen, die Sprachentwicklung zu fördern.

Für die Untersuchung wurden Daten aus dem Panel „Refugees in the German Educational System“ (ReGES) genutzt. Erfasst wurden dabei sowohl Befragungsergebnisse als auch Sprachtests von 14- bis 16-jährigen Jugendlichen in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Sachsen. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert.

Originalstudie: Winkler, O. & Carwehl, A.-K. (2025). Institutional conditions and acquisition of language skills among young refugees: Investigating the German context. Acta Sociologica. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00016993251351531