Bildungsbericht 2026: Warum Bildungschancen schon früh entstehen

Neue Daten zeigen langfristige Folgen früher Bildungsungleichheit

Ob ein Kind später studiert oder nicht, entscheidet sich häufig nicht erst in der Schule oder am Ende der Schulzeit. Vielmehr werden die Weichen bereits deutlich früher gestellt. Zu diesem Ergebnis führt der aktuelle nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts zeigen, dass soziale Ungleichheiten das deutsche Bildungssystem weiterhin prägen. Besonders deutlich wird dies beim Übergang in die Hochschulbildung: Während 78 von 100 Kindern aus Akademikerfamilien im Laufe ihres Lebens ein Studium aufnehmen, gilt dies lediglich für 25 von 100 Kindern, deren Eltern nicht studiert haben. Haben die Eltern keine abgeschlossene Berufsausbildung, beginnen sogar nur acht von 100 Kindern ein Studium.

Für pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen sind diese Zahlen deshalb bedeutsam, weil sie auf Entwicklungen hinweisen, die deutlich früher beginnen.

Bildungskarrieren entstehen nicht erst in der Schule

Der Bildungsbericht macht deutlich, dass Leistungsunterschiede allein die ungleichen Bildungschancen nicht erklären können. Vielmehr spielen Bildungsentscheidungen, Erwartungen, Informationen und familiäre Ressourcen eine wichtige Rolle. Denn Kinder wachsen unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen auf. Bereits im Vorschulalter zeigen sich Unterschiede im Wortschatz, in der Sprachentwicklung, in den mathematischen Vorläuferfähigkeiten sowie in den Möglichkeiten, Bildungsangebote außerhalb von Kita und Schule zu nutzen.

Für Kindertageseinrichtungen bedeutet dies eine besondere Verantwortung. Sie sind oftmals die erste Bildungsinstitution, die Kinder regelmäßig besuchen und können Entwicklungsunterschiede früh erkennen sowie gezielt fördern.

Frühe Förderung bleibt ein entscheidender Schlüssel

Der Bildungsbericht verweist darauf, dass Bildungsungleichheiten nicht naturgegeben sind. Vielmehr können pädagogische Angebote dazu beitragen, ungünstige Startbedingungen deutlich zu verbessern.

Insbesondere Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien profitieren von qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Qualität frühpädagogischer Arbeit weiter an Bedeutung. Professionelle Fachkräfte, günstige Betreuungsschlüssel und ausreichend Zeit für individuelle Begleitung gehören zu den wichtigsten Voraussetzungen, um Kindern gerechte Bildungschancen zu eröffnen.

Auch Elterninformationen können Bildungswege verändern

Ein bemerkenswertes Ergebnis des Bildungsberichts betrifft den Einfluss von Informationen auf Bildungsentscheidungen. Wissenschaftliche Interventionsstudien aus Berlin und Nordrhein-Westfalen zeigen, dass bereits niedrigschwellige Informationsangebote die Wahrscheinlichkeit erhöhen können, dass junge Menschen später ein Studium aufnehmen. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass viele Familien vorhandene Bildungswege und Fördermöglichkeiten nicht ausreichend kennen. Werden Informationen verständlich vermittelt, verändert dies Bildungsentscheidungen messbar.

Für Kitas und Grundschulen ergibt sich daraus ein wichtiger Auftrag. Bildungspartnerschaften mit Eltern beschränken sich nicht auf Entwicklungsgespräche oder Elternabende. Sie können auch dazu beitragen, Bildungswege sichtbar zu machen, Unsicherheiten abzubauen und Familien beim Zugang zu Unterstützungsangeboten zu begleiten.

Bildungsgerechtigkeit bleibt eine zentrale Herausforderung

Der Bildungsbericht 2026 beschreibt ein Bildungssystem, das insgesamt leistungsfähiger und vielfältiger geworden ist. Gleichzeitig gelingt es bislang nicht ausreichend, die Chancen von Kindern unabhängig von ihrer sozialen Herkunft zu gestalten.

Gerade deshalb kommt den frühen Bildungsinstitutionen eine Schlüsselrolle zu. In Kindertageseinrichtungen und Grundschulen werden grundlegende Kompetenzen aufgebaut, Bildungsinteressen geweckt und Selbstvertrauen gestärkt. Hier entstehen häufig die Voraussetzungen dafür, ob Kinder ihre Potenziale später entfalten können.

Die Ergebnisse des Bildungsberichts legen nahe, dass Investitionen in die frühe Bildung nicht nur den einzelnen Kindern zugutekommen. Sie wirken sich auf den gesamten weiteren Bildungsweg aus und können langfristig dazu beitragen, soziale Ungleichheiten zu verringern.

Fachkräfte können Bildungswege nachhaltig beeinflussen

Die Daten des Bildungsberichts machen deutlich, dass Bildungsgerechtigkeit nicht erst an weiterführenden Schulen oder Hochschulen beginnt. Sie beginnt dort, wo Kinder ihre ersten Bildungserfahrungen sammeln: in Familien, Kindertageseinrichtungen und Grundschulen.

Pädagogische Fachkräfte erleben täglich, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, mit denen Kinder in Bildungseinrichtungen kommen. Gleichzeitig zeigen Forschung und Bildungsbericht, dass frühe Unterstützung, verlässliche Beziehungen und eine hochwertige Bildungsbegleitung einen entscheidenden Unterschied machen können.

Die Botschaft des Bildungsberichts ist deshalb auch eine Bestätigung für die Arbeit in Kitas und Grundschulen: Frühkindliche Bildung und Grundbildung gehören zu den wirksamsten Hebeln für mehr Chancengerechtigkeit in Deutschland.

Quelle: Bildung in Deutschland 2026. Nationaler Bildungsbericht der Autorengruppe Bildungsberichterstattung unter Federführung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.




Ganztagsschule: Eltern erwarten Betreuung und pädagogische Qualität

Laut einer Befragung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation entwickelt sich der Ganztag zur zentralen Bildungs- und Familienstruktur

Kurz vor dem bundesweiten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter macht eine aktuelle Studie des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation deutlich: Eltern in Deutschland verbinden mit Ganztagsangeboten weit mehr als reine Betreuung. Während viele Familien vor allem auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf angewiesen sind, erwarten andere gezielte pädagogische Unterstützung, soziale Förderung und mehr Selbstständigkeit für ihre Kinder. Die Untersuchung zeigt außerdem erhebliche Unterschiede je nach Bildungsstand, Erwerbstätigkeit und Wohnort der Familien.

An der deutschlandweiten Befragung nahmen insgesamt 4.330 Eltern teil. Besonders häufig nutzen Alleinerziehende sowie Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen Ganztagsangebote. Familien mit nur einem erwerbstätigen Elternteil greifen dagegen seltener darauf zurück und geben häufiger an, keinen Betreuungsbedarf zu haben.

Deutlich wurden auch Unterschiede zwischen akademischen und nicht-akademischen Familien. Zwar melden beide Gruppen ihre Kinder ähnlich häufig im Ganztag an, die Erwartungen unterscheiden sich jedoch erheblich. Nicht-akademische Eltern erhoffen sich häufiger konkrete schulische Unterstützung. So wünschen sich 64,4 Prozent Hilfe bei Hausaufgaben und Lernbegleitung, während dies bei akademischen Eltern nur 51,7 Prozent tun.

Auch finanzielle Aspekte spielen eine Rolle. Eltern ohne akademischen Abschluss verzichten häufiger aus Kostengründen auf einen Ganztagsplatz. Gleichzeitig kritisieren akademische Eltern häufiger mangelnde Vielfalt der Angebote und zu wenig individuelle Förderung.

Ein weiterer Befund betrifft den Wohnort. In Städten nutzen 63 Prozent der Familien Ganztagsangebote, auf dem Land dagegen nur 56 Prozent. Gleichzeitig berichten Eltern in urbanen Regionen deutlich häufiger davon, keinen Platz gefunden zu haben.

Ganztag wird zur zentralen Bildungs- und Familieninfrastruktur

Die Ergebnisse zeigen, dass Ganztagsschulen für viele Familien inzwischen eine zentrale gesellschaftliche Infrastruktur darstellen. Sie dienen längst nicht mehr nur als Nachmittagsbetreuung, sondern übernehmen zunehmend auch Bildungs- und Förderaufgaben. Besonders Familien mit hohem organisatorischem Druck im Alltag sind auf verlässliche Angebote angewiesen.

Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, dass Eltern keine homogene Gruppe darstellen. Ihre Erwartungen an Ganztagsschulen hängen eng mit ihrer Lebenssituation zusammen. Während manche Familien vor allem stabile Betreuungszeiten benötigen, wünschen sich andere gezielte Förderung, soziale Erfahrungen oder Unterstützung beim schulischen Lernen.

Die Forschenden empfehlen deshalb, Eltern frühzeitig in die Planung neuer Ganztagsangebote einzubeziehen. Kommunen, Schulen und Träger müssten den Ausbau differenziert gestalten und sowohl Betreuungssicherheit als auch pädagogische Qualität berücksichtigen. Besonders wichtig sei dies angesichts des ab 2026 schrittweise geltenden Rechtsanspruchs auf ganztägige Förderung im Grundschulalter.

So wurde die Studie durchgeführt

Die Untersuchung wurde Ende 2024 im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Schule macht stark“ durchgeführt. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt vom DIPF unter Leitung von Dr. Amina Kielblock. Die Forschenden befragten bundesweit 4.330 Eltern mithilfe eines standardisierten Fragebogens. Analysiert wurden Zusammenhänge zwischen familiären Merkmalen wie Erwerbstätigkeit, Bildungsabschluss oder Wohnort und der Nutzung von Ganztagsangeboten. Zudem wurden Gründe für oder gegen die Teilnahme erfasst.

Die Studie liefert dadurch einen breiten Überblick über aktuelle Erwartungen und Nutzungsmuster von Familien in Deutschland. Durch die große Teilnehmerzahl besitzt die Untersuchung eine hohe Aussagekraft. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass unterschiedliche soziale Gruppen systematisch miteinander verglichen wurden.

Allerdings handelt es sich um eine Befragungsstudie, die auf Selbstauskünften der Eltern basiert. Solche Angaben können subjektiv geprägt sein und geben keine direkten Aussagen über die tatsächliche Qualität einzelner Ganztagsangebote oder deren Wirkung auf Kinder. Zudem bleibt offen, ob bestimmte Gruppen möglicherweise unterrepräsentiert waren, etwa Familien mit geringen Deutschkenntnissen oder besonders belasteten Lebenssituationen.

Trotz dieser Einschränkungen bietet die Studie wichtige Hinweise für Bildungspolitik und Praxis. Sie verdeutlicht, dass der Ausbau der Ganztagsbetreuung nicht allein quantitativ gedacht werden darf. Entscheidend wird sein, wie gut die Angebote auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Familien abgestimmt werden.

Originalpublikation:

Kielblock, A.; Haas, T.; Kielblock, S. (2026). Betreuung und Bildung von Grundschulkindern. Perspektiven der Eltern. Bericht zur bundesweiten Elternbefragung zu Betreuung und Bildung von Grundschulkindern im Rahmen des ForschungsverbundsSchule macht stark – SchuMaS“. Frankfurt a. M.: DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.
https://doi.org/10.25656/01:35177




Deutschland bei Kinderwohl lediglich auf Platz 25 von 37

Neue UNICEF-Studie zeigt gravierende Folgen von Kinderarmut und sozialer Ungleichheit für Bildung, Gesundheit und Zukunftschancen von Kindern in Deutschland

Deutschland zählt zu den wirtschaftsstärksten Ländern der Welt – doch wenn es um das Wohlbefinden von Kindern geht, landet die Bundesrepublik im aktuellen internationalen Vergleich von UNICEF lediglich auf Rang 25 von 37 untersuchten Staaten. Für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ist dieses Ergebnis ein deutliches Warnsignal. Die neue Studie des UNICEF-Forschungsinstituts Innocenti macht sichtbar, wie stark soziale Ungleichheit und Kinderarmut die Entwicklungschancen von Kindern beeinträchtigen – auch in einem reichen Land wie Deutschland.

Die Untersuchung „Report Card 20: Unequal Chances – Children and Economic Inequality“ analysiert die Lebensbedingungen von Kindern in Ländern der Europäischen Union und der OECD. Bewertet wurden unter anderem Bildungserfolge, körperliche Gesundheit, psychisches Wohlbefinden sowie die Auswirkungen wirtschaftlicher Ungleichheit auf das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Das Ergebnis für Deutschland fällt ernüchternd aus: Trotz hoher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit gelingt es offenbar nicht, allen Kindern vergleichbare Chancen auf Bildung, Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

UNICEF spricht von vertanen Zukunftschancen

UNICEF Deutschland bewertet das Abschneiden Deutschlands ungewöhnlich deutlich. Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, erklärt, die Bekämpfung von Kinderarmut müsse endlich politische Priorität erhalten. Nach Einschätzung der Organisation verspielt Deutschland Zukunftschancen, wenn nicht konsequent in Bildung, Teilhabe und gesundheitliche Versorgung von Kindern investiert werde. Besonders kritisch bewertet UNICEF, dass ein wirtschaftlich so starkes Land seit Jahren lediglich im unteren Mittelfeld des Rankings liegt.

Die Studie verdeutlicht, dass soziale Herkunft in Deutschland weiterhin erheblich über Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten entscheidet. Während Kinder aus wohlhabenden Familien deutlich bessere Chancen haben, erleben viele Kinder aus einkommensschwachen Haushalten Einschränkungen in nahezu allen Lebensbereichen. Für UNICEF ist das nicht nur ein sozialpolitisches Problem, sondern langfristig auch ein Risiko für gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirtschaftliche Stabilität.

Kinderarmut bleibt in Deutschland auf hohem Niveau

Besonders problematisch ist nach Angaben der Studie die seit Jahren stagnierende Kinderarmut in Deutschland. Rund 15 Prozent aller Kinder leben demnach in einkommensarmen Familien. Gleichzeitig wächst die Einkommensungleichheit weiter. Menschen im wohlhabendsten Fünftel der Bevölkerung verfügen inzwischen über ein Vielfaches des Einkommens der ärmsten Bevölkerungsgruppen. UNICEF sieht darin eine zentrale Ursache für ungleiche Entwicklungschancen von Kindern.

Die Folgen von Armut zeigen sich laut Studie bereits früh im Alltag vieler Kinder. Schlechte Wohnverhältnisse, fehlende Rückzugsorte, mangelnde Freizeitmöglichkeiten und unzureichend ausgestattete Bildungseinrichtungen prägen vielerorts die Lebensrealität benachteiligter Familien. Hinzu kommen strukturelle Unterschiede zwischen Wohngebieten: In sozial benachteiligten Stadtteilen fehlen häufig gut erreichbare Kinderarztpraxen, Spielplätze oder ausreichende Bildungsangebote.

Schwache Bildungsergebnisse trotz hoher Wirtschaftskraft

Besonders alarmierend fällt das Ergebnis Deutschlands im Bildungsbereich aus. Nur etwa 60 Prozent der 15-Jährigen erreichen laut UNICEF grundlegende Kompetenzen in Lesen und Mathematik. Damit liegt Deutschland auf Rang 34 von 41 vergleichbaren Staaten. Länder wie Irland, Slowenien oder Südkorea schneiden deutlich besser ab – teilweise trotz geringerer wirtschaftlicher Ressourcen.

Auffällig groß ist zudem die Bildungsschere zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Jugendlichen. Während in einkommensstarken Familien neun von zehn Jugendlichen grundlegende Kompetenzen erreichen, gelingt dies unter Jugendlichen aus benachteiligten Haushalten nicht einmal jedem Zweiten. Die Studie beschreibt damit eine Bildungsungleichheit, die sich über viele Jahre hinweg verfestigt hat.

Für pädagogische Fachkräfte bestätigt die Untersuchung zahlreiche Entwicklungen, die bereits seit Jahren im Bildungsalltag sichtbar werden: Kinder starten mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ins Bildungssystem, und soziale Benachteiligungen lassen sich häufig nur schwer ausgleichen. UNICEF sieht darin einen klaren politischen Handlungsauftrag.

Gesundheit und Lebenszufriedenheit hängen stark vom Einkommen ab

Die Untersuchung zeigt außerdem deutliche Zusammenhänge zwischen sozialer Lage und Gesundheit von Kindern. Kinder aus wirtschaftlich abgesicherten Familien sind häufiger körperlich gesund und berichten häufiger von hoher Lebenszufriedenheit. Bei Kindern aus einkommensarmen Familien zeigen sich dagegen häufiger gesundheitliche Belastungen und psychische Probleme.

In Deutschland bewerten lediglich 61 Prozent der Jugendlichen aus einkommensschwachen Familien ihre Lebenszufriedenheit als hoch. Bei Jugendlichen aus wohlhabenden Haushalten liegt dieser Anteil deutlich höher. UNICEF verweist darauf, dass finanzielle Unsicherheit in Familien Stress erzeugt und sich negativ auf das familiäre Zusammenleben sowie die psychische Entwicklung von Kindern auswirken kann.

Auch gesundheitliche Unterschiede zeigen sich deutlich: Während ein Großteil der Kinder aus wohlhabenden Familien eine sehr gute gesundheitliche Verfassung aufweist, fällt dieser Anteil bei Kindern aus armen Familien wesentlich geringer aus. Die Studie macht damit sichtbar, dass soziale Ungleichheit nicht nur Bildungschancen beeinflusst, sondern tief in alle Lebensbereiche hineinwirkt.

Andere Länder zeigen, dass bessere Bedingungen möglich sind

Dass bessere Ergebnisse erreichbar wären, zeigt laut UNICEF der internationale Vergleich. Die Niederlande, Dänemark und Frankreich belegen in der Gesamtwertung die Spitzenplätze. Auch Staaten mit geringerer Wirtschaftskraft wie Portugal oder Litauen schneiden deutlich besser ab als Deutschland.

UNICEF leitet daraus die Forderung ab, Kinderpolitik stärker in den Mittelpunkt staatlichen Handelns zu stellen. Die Organisation fordert gezielte Investitionen in benachteiligte Familien, bessere Bildungs- und Gesundheitsangebote sowie eine stärkere politische Vertretung von Kinderinteressen. Darüber hinaus müsse die soziale Infrastruktur in benachteiligten Wohngebieten verbessert werden, damit alle Kinder vergleichbare Chancen auf ein gesundes und sicheres Aufwachsen erhalten.

Über die Report Card-Serie von UNICEF Innocenti

Das UNICEF-Forschungsinstitut Innocenti mit Sitz in Florenz vergleicht in seiner Report Card-Serie seit dem Jahr 2000 regelmäßig die Situation von Kindern in den wohlhabenden Ländern der Welt. Auf der Basis aktueller Forschungsergebnisse werden Trends im kindlichen Wohlbefinden untersucht, Gründe für diese Entwicklungen identifiziert und mögliche Maßnahmen für Politik und Gesellschaft erarbeitet. Jede Ausgabe untersucht unterschiedliche Schwerpunkte im Bereich des kindlichen Wohlbefindens anhand aktueller Forschungsergebnisse. Die Report Card 20 untersucht in 44 Ländern der EU und OECD, wie wirtschaftliche Ungleichheit mit dem Wohlbefinden von Kindern zusammenhängt. Sie aktualisiert die Rangliste des kindlichen Wohlbefindens anhand von sechs Indikatoren aus den Bereichen physische Gesundheit, mentales Wohlbefinden und Kompetenzen. In den Gesamtvergleich gehen noch 37 der 44 Länder ein, da für einen Teil der Länder nicht alle dafür nötigen Daten vorliegen.

Hier finden Sie eine Zusammenfassung des Berichts aus deutsch.




Social Media gefährdet Bildung und Psyche von Kindern deutlich

Studie zeigt Zusammenhang zwischen Medienkonsum, PISA-Werten und mentaler Gesundheit

Digitale Medien prägen den Alltag von Kindern und Jugendlichen in einem bislang nicht gekannten Ausmaß. Eine aktuelle Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) weist auf deutliche Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien, sinkenden schulischen Leistungen und zunehmenden psychischen Belastungen hin. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für pädagogische Fachkräfte – insbesondere im schulischen Kontext.

Psychische Gesundheit weiterhin belastet

Die Untersuchung zeigt, dass sich die psychische Situation vieler Kinder und Jugendlicher seit der Corona-Pandemie nicht vollständig stabilisiert hat. Angstsymptome, Einsamkeit und Sorgen über globale Krisen gehören weiterhin zum Alltag vieler junger Menschen. Besonders häufig werden Ängste im Zusammenhang mit Kriegen und Terrorismus genannt.

Ein übermäßiger Medienkonsum wird dabei als ein relevanter Belastungsfaktor beschrieben. Studien, auf die sich das Gutachten stützt, zeigen einen Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung sozialer Medien und psychischen Beeinträchtigungen wie Depressionen, Angstzuständen und Stress. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass eine Reduktion der Nutzung mit einer verbesserten Lebenszufriedenheit einhergeht.

Rückgang schulischer Leistungen

Parallel zu den beschriebenen psychischen Belastungen verweisen die Daten auf einen kontinuierlichen Rückgang schulischer Kompetenzen. Seit 2015 verschlechtern sich die Ergebnisse deutscher Schülerinnen und Schüler in den PISA-Studien in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.

Die IW-Analyse zeigt hierbei einen statistischen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und den gemessenen Kompetenzen: Mit steigender Nutzungsintensität gehen im Durchschnitt geringere Leistungswerte einher. Konkret wird ein Rückgang von über 20 Punkten im Lesen und knapp 20 Punkten in Mathematik beschrieben.

Auch Befragungen unter Jugendlichen stützen diese Ergebnisse. Ein Großteil gibt an, durch soziale Medien vom Lernen abgelenkt zu werden oder Schwierigkeiten zu haben, sich über längere Zeit zu konzentrieren.

Verändertes Freizeitverhalten als Hintergrund

Die Studie führt diese Entwicklungen unter anderem auf Veränderungen im Freizeitverhalten zurück. Digitale Medien nehmen heute einen deutlich größeren Raum im Alltag ein als noch vor einigen Jahren. Während Jungen mehr Zeit mit Computerspielen verbringen, hat sich bei Mädchen insbesondere die Nutzung sozialer Netzwerke und digitaler Kommunikation stark ausgeweitet.

Diese Verschiebung geht mit einer veränderten Nutzung von Zeitressourcen einher, die sich auch auf Lernprozesse auswirken kann.

Ungleichheit der Bildungschancen nimmt zu

Besonders deutlich zeigen sich die Effekte bei Kindern aus bildungsferneren Haushalten. Sie nutzen digitale Medien im Durchschnitt intensiver und verfügen gleichzeitig über geringere Ressourcen, um mögliche negative Auswirkungen auszugleichen.

Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass mit steigender Mediennutzung auch das Risiko von Bildungsarmut zunimmt. Damit verschärfen sich bestehende Unterschiede in den Bildungschancen.

Empfehlungen mit Fokus auf Schule und Elternhaus

Zur Einordnung der Ergebnisse formuliert die Studie zwei zentrale Ansatzpunkte:

Regulatorischer Ansatz:
Bestehende Altersbeschränkungen und Schutzmechanismen sollen konsequenter umgesetzt werden, um Kinder und Jugendliche besser vor problematischen Inhalten und suchtfördernden Strukturen zu schützen.

Kompetenzstärkender Ansatz:
Die Vermittlung von Medienkompetenz wird als zentrale Aufgabe im schulischen Kontext beschrieben. Dazu gehören Fortbildungen für Lehrkräfte sowie eine stärkere Aufklärung von Eltern über Risiken und Kontrollmöglichkeiten.

Bedeutung für die pädagogische Praxis

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass digitale Medien einen relevanten Einfluss auf Lernprozesse und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen haben können. Für pädagogische Fachkräfte – insbesondere im schulischen Bereich und nicht im Kindergartenbereich – ergeben sich daraus Hinweise für die Gestaltung von Lernumgebungen sowie für den Umgang mit digitalen Medien im Bildungsalltag.

Einordnung der Studie

Die Studie basiert auf Auswertungen bestehender Datensätze, insbesondere der international anerkannten PISA-Studien, und nutzt ergänzend Befragungen anderer Institutionen. Dadurch ist die Datengrundlage grundsätzlich belastbar und für den schulischen Bereich repräsentativ. Allerdings handelt es sich nicht um eine eigene, neu erhobene Stichprobe, sondern um eine Sekundäranalyse. Die Ergebnisse zeigen statistische Zusammenhänge zwischen Mediennutzung, Bildungserfolg und psychischer Gesundheit, erlauben jedoch keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung. Zudem wurde die Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt, einem wirtschaftspolitisch ausgerichteten Thinktank. Diese Rahmung sollte bei der Interpretation berücksichtigt werden. Insgesamt liefert die Analyse fundierte Hinweise, ersetzt jedoch keine differenzierte Betrachtung weiterer Einflussfaktoren und Forschungsergebnisse.

Quelle: Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), basierend auf einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW)

Digitale Mediennutzung bewusst begleiten – von Anfang an

Kinder wachsen heute selbstverständlich mit digitalen Medien auf. Umso wichtiger ist es, sie frühzeitig dabei zu begleiten, einen verantwortungsvollen Umgang zu entwickeln. Diese Streitschrift beleuchtet fundiert und praxisnah die Chancen, Risiken und pädagogischen Herausforderungen digitaler Mediennutzung im Krippen-, Kita- und Grundschulalter – differenziert, kritisch und ohne vorschnelle Antworten.

Armin Krenz
Medienkompetenz beginnt mit der Sach- und Selbstkompetenz bei den Erwachsenen und nicht zuvorderst „am“ Kind!
28 Seiten, ISBN: 9783963046193, 5 €




Warum Bildungschancen oft schon in der frühen Kindheit entschieden werden

Eine neue Langzeitstudie zeigt, wie stark soziale Herkunft Kompetenzen, Noten und Bildungsentscheidungen über den gesamten Bildungsweg hinweg beeinflusst

Dass Kinder mit unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen auch unterschiedliche Bildungschancen haben, ist seit vielen Jahren bekannt. Eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) zeigt nun jedoch erstmals besonders umfassend, wie sich diese Unterschiede über den gesamten Bildungsweg hinweg entwickeln – von der frühen Kindheit bis zum Übergang in Studium oder Beruf.

Die Untersuchung stützt sich auf Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) und analysiert den Einfluss sozialer Herkunft auf Kompetenzen, Bildungsentscheidungen und schulische Bewertungen. Die Forschenden Marcel Helbig, Claudia Karwath und Corinna Kleinert betrachten dabei nicht nur einzelne Bildungsphasen, sondern verfolgen Bildungsbiografien über viele Jahre hinweg.

Das zentrale Ergebnis der Studie: Bildungsungleichheiten entstehen bereits im frühen Kindesalter und bleiben über lange Zeit erstaunlich stabil. Früh auftretende Unterschiede werden im Verlauf der Schulzeit selten vollständig ausgeglichen.

Frühe Unterschiede bei Betreuung und Kompetenzen

Bereits in den ersten Lebensjahren zeigen sich Unterschiede in der Nutzung frühkindlicher Bildungsangebote. Im zweiten Lebensjahr nehmen vor allem Kinder von Eltern mit hohem beruflichem Status häufiger außerfamiliäre Betreuung in Anspruch. In den darauffolgenden Jahren gewinnt zunehmend das Bildungsniveau der Eltern an Bedeutung.

Kinder aus Familien mit niedrigerem Bildungsniveau besuchen vor dem vierten Lebensjahr deutlich seltener eine Kindertageseinrichtung. Dadurch entstehen bereits früh Unterschiede in der Förderung von Sprache, Denken und sozialem Lernen.

Diese frühen Unterschiede spiegeln sich auch in den Kompetenzen wider. Schon im Kleinkindalter zeigen sich systematische Unterschiede im Wortschatz sowie in ersten mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten. Bis zum Schuleintritt vergrößern sich diese Unterschiede weiter.

Auch im weiteren Bildungsweg bleiben sie sichtbar. Unterschiede zeigen sich unter anderem bei Lesekompetenzen, mathematischen Leistungen sowie digitalen Fähigkeiten.

Am Ende der Grundschule gehört beispielsweise nur etwa jedes achte Kind aus unteren sozialen Schichten zu den leistungsstärksten Schülerinnen und Schülern in Mathematik, während es bei Kindern aus privilegierten Familien rund 40 Prozent sind.

Übergänge im Bildungssystem verstärken Ungleichheiten

Besonders deutlich treten soziale Unterschiede an entscheidenden Übergängen im Bildungssystem hervor. Der Wechsel von der Grundschule in eine weiterführende Schule gilt dabei als eine zentrale Weichenstellung.

Hier zeigt sich, dass Kinder aus sozial privilegierten Familien häufiger bessere Noten erhalten, selbst wenn ihre Kompetenzen vergleichbar sind mit denen anderer Kinder.

Auch bei Gymnasialempfehlungen lassen sich Unterschiede feststellen. Schülerinnen und Schüler aus Familien mit niedrigem beruflichem Status oder niedrigerem Bildungsniveau werden bei gleichen Leistungen seltener für das Gymnasium empfohlen.

Neben schulischen Bewertungen spielen auch die Entscheidungen der Eltern eine wichtige Rolle. Familien mit höherem sozialen Status melden ihre Kinder häufiger am Gymnasium an – selbst dann, wenn keine entsprechende Empfehlung vorliegt.

Diese Kombination aus institutionellen Entscheidungen, schulischen Bewertungen und familiären Strategien trägt dazu bei, dass sich Bildungsunterschiede im Laufe der Schulzeit weiter verfestigen.

Studienchancen stark von sozialer Herkunft abhängig

Auch im weiteren Verlauf der Schulzeit bleiben die Unterschiede deutlich sichtbar. Zwar verringern sich einige Unterschiede beim Übergang in die gymnasiale Oberstufe, dennoch bleibt der Abstand zwischen sozialen Gruppen groß.

Am Ende der Schulzeit erreichen Jugendliche aus privilegierten Familien deutlich häufiger die (Fach-)Hochschulreife. Während mehr als drei Viertel der Jugendlichen aus hohen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erlangen, gelingt dies nur etwa einem Drittel der Jugendlichen aus niedrigeren sozialen Schichten.

Besonders bemerkenswert ist ein weiterer Befund der Studie: Selbst bei vergleichbaren schulischen Kompetenzen haben Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien ein höheres Risiko, maximal einen Hauptschulabschluss zu erreichen.

Der Bildungssoziologe Marcel Helbig weist darauf hin, dass dieser Befund dem grundlegenden Leistungsprinzip moderner Bildungssysteme widerspricht. Eigentlich sollten schulische Abschlüsse in erster Linie die tatsächlich erworbenen Kompetenzen widerspiegeln.

Migration spielt eine geringere Rolle als soziale Lage

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Studie betrifft den Migrationshintergrund. Häufig wird vermutet, dass Kinder mit Migrationsgeschichte besonders stark benachteiligt sind.

Die Untersuchung zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Bei vergleichbaren sozialen Voraussetzungen werden Kinder mit Migrationshintergrund weder schlechter bewertet noch systematisch benachteiligt.

Niedrigere Schulabschlüsse lassen sich vor allem durch die sozioökonomische Lage der Familien erklären – etwa geringere finanzielle Ressourcen oder ein niedrigeres Bildungsniveau der Eltern.

Langzeitstudie eröffnet neue Perspektiven

Die Studie „Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen“ zeichnet damit ein deutlich umfassenderes Bild von Bildungsungleichheiten als punktuelle Leistungsstudien wie PISA oder der IQB-Bildungstrend.

Durch die Langzeitperspektive des Nationalen Bildungspanels lassen sich erstmals entscheidende Phasen identifizieren, in denen sich Bildungsunterschiede besonders stark ausprägen. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung auch, an welchen Stellen im Bildungssystem Ansatzpunkte für mehr Chancengerechtigkeit liegen könnten.

Die Ergebnisse machen deutlich: Zwischen dem gesellschaftlichen Anspruch auf gleiche Bildungschancen und der Realität vieler Bildungsbiografien besteht weiterhin eine erhebliche Lücke.

Quelle:

Helbig, M.; Karwath, C.; Kleinert, C.: Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen.
Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), https://www.waxmann.com/buecher/?tx_p2waxmann_buchliste%5bbuchnr%5d=200016&tx_p2waxmann_buchliste%5baction%5d=show

Link zur Kurzfasasung: https://www.lifbi.de/Portals/2/Publikationen/Transferberichte/LIfBi%20Forschung%20kompakt/LIfBi-Forschung-kompakt%20_07_Soziale%20Ungleichheiten.pdf




Soziale Herkunft prägt die Anstrengung von Schulkindern

Experimentelle WZB-Studie zeigt: Belohnungen können soziale Unterschiede im Engagement verringern

Wie stark Kinder sich bei schulischen Aufgaben anstrengen, hängt auch mit ihrer sozialen Herkunft zusammen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), die im Fachjournal American Sociological Review veröffentlicht wurde. Erstmals wurde dabei nicht nur die Leistungsfähigkeit untersucht, sondern gezielt die Anstrengungsbereitschaft von Schülerinnen und Schülern.

Was beeinflusst die Anstrengungsbereitschaft?

Seit vielen Jahren ist belegt, dass der Bildungserfolg eng mit dem sozialen Hintergrund verknüpft ist. Deutlich weniger erforscht war bislang jedoch die Frage, ob und in welchem Ausmaß sich Kinder aus unterschiedlichen sozialen Milieus unterschiedlich stark anstrengen – unabhängig von ihren kognitiven Fähigkeiten. Genau hier setzt das Forschungsprojekt „Effort and Social Inequality“ an, das seit 2018 am WZB durchgeführt wurde.

Das Studiendesign: 1.360 Kinder im Experiment

An der experimentellen Studie nahmen 1.360 Fünftklässlerinnen und Fünftklässler aus Berlin und Madrid teil. Insgesamt waren 60 Klassen aus 32 Schulen beteiligt. Die Kinder bearbeiteten einfache, aber bewusst anstrengende kognitive Aufgaben. Diese erforderten Konzentration, Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle. Ziel war es, das tatsächliche Engagement bei der Aufgabenbearbeitung messbar zu machen.

Die Aufgaben wurden in unterschiedlichen Settings durchgeführt. In einer Variante erhielten die Kinder keine Belohnung für richtige Lösungen. In einer zweiten Situation wurden kleine materielle Anreize, etwa kleine Geschenke, in Aussicht gestellt. In einer dritten Konstellation arbeiteten die Schülerinnen und Schüler im Wettbewerb und erhielten zusätzlich symbolische Anerkennung.

Zentrale Ergebnisse der Studie

Die Auswertung zeigt ein differenziertes Bild. Kinder aus sozial privilegierten Familien investierten im Durchschnitt mehr kognitive Anstrengung als Kinder aus weniger privilegierten Haushalten. Besonders deutlich wurde dieser Unterschied in der Situation ohne Belohnung, also dort, wo ausschließlich intrinsische Motivation gefragt war.

Gleichzeitig fällt auf, dass die Differenz insgesamt moderat bleibt. Sobald kleine Anreize eingeführt wurden, verringerte sich der Abstand zwischen den Gruppen deutlich. Kinder aus sozial benachteiligten Familien arbeiteten unter diesen Bedingungen nahezu ebenso engagiert wie ihre privilegierteren Mitschülerinnen und Mitschüler. Der Effekt zeigte sich sowohl bei materiellen Anreizen als auch bei symbolischer Anerkennung im Wettbewerb.

Von den sozialen Rahmenbedingungen geprägt

Interessant ist zudem, dass sich die Unterschiede nicht durch Intelligenz oder stabile Persönlichkeitseigenschaften erklären lassen. Vielmehr deuten die Ergebnisse darauf hin, dass das Anstrengungsverhalten stark von den sozialen Rahmenbedingungen geprägt wird. Ressourcen im Elternhaus, zeitliche Unterstützung, materielle Sicherheit und alltägliche Stabilität beeinflussen offenbar, wie viel Energie Kinder in eine Aufgabe investieren können oder wollen.

Kinder, die mit knapperen finanziellen Mitteln oder unter größerem familiären Druck aufwachsen, erleben häufiger Unsicherheiten. Diese können sich auf Konzentration und Ausdauer auswirken. Umgekehrt verfügen privilegierte Kinder oftmals über stabile Unterstützungsstrukturen, die kontinuierliches Engagement begünstigen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie kommen zu dem Schluss:
Gezielte schulische Anreize können dazu beitragen, sozioökonomische Ungleichheiten zu verringern – und damit langfristig für mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssystem sorgen.

Die im Februar veröffentlichte Studie „The Social Origins of Effort: How Incentives Reduce Socioeconomic Disparities among Children“ liefert damit empirische Hinweise darauf, dass Anstrengungsbereitschaft nicht allein individuell verankert ist, sondern in einem sozialen Kontext entsteht und durch situative Bedingungen beeinflusst werden kann.




BDP fordert mehr Psycholog*innen in Kitas und kindorientierte Bildung!

Frühkindliche Entwicklung als Schlüssel für mehr Bildungsgerechtigkeit – BDP plädiert für Early-Excellence-Familienzentren und psychologische Unterstützung in Kindergärten

Viele Kinder in Deutschland starten mit ungleichen Voraussetzungen ins Leben. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) macht darauf aufmerksam, dass gerade in den ersten Lebensjahren zu wenig gezielt gefördert wird. Besonders Kinder aus benachteiligten Familien bekommen häufig nicht die Unterstützung, die sie bräuchten. Der BDP sieht darin eine verpasste Chance – für die Kinder selbst und für die Gesellschaft insgesamt. Er fordert deshalb mehr Psycholog*innen in Kindergärten und den Ausbau von Early-Excellence-Familienzentren. Hannover zeigt bereits, wie das gelingen kann. Gleichzeitig begrüßt der Verband das Startchancen-Programm der Bundesregierung, mahnt jedoch an, die Vorschulzeit stärker mitzudenken.

Frühe Jahre, große Wirkung

Bildung beginnt lange vor der Einschulung. Diese Botschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die aktuelle Stellungnahme des BDP. Anlass ist der UNICEF-Bericht 2025, der einmal mehr zeigt, wie unterschiedlich Kinder in Deutschland aufwachsen. Manche wachsen in einem Umfeld auf, in dem sie viel sprechen, spielen, entdecken und ausprobieren dürfen. Andere erleben früh Stress, Zeitdruck oder schlicht Mangel an Anregung.

Diese Unterschiede verschwinden nicht mit dem ersten Schultag. Sie prägen Kinder vielmehr dauerhaft. Sie beeinflussen, wie sicher sie sich fühlen, wie neugierig sie sind und wie selbstbewusst sie Neues angehen. Für den BDP ist deshalb klar: Wer echte Chancengerechtigkeit will, muss früher ansetzen. Nicht erst in der Schule. Sondern in der Kita und in den Familien.

Was im Kitaalter wirklich entsteht

In den ersten Lebensjahren bauen Kinder das Fundament ihres Denkens auf. Sie entwickeln innere Strukturen, mit denen sie die Welt ordnen und verstehen. Sie lernen, dass Dinge zusammenhängen, dass Handlungen Folgen haben und dass sich Probleme lösen lassen. Das geschieht nicht durch Arbeitsblätter oder Programme, sondern durch Spielen, Ausprobieren und Wiederholen.

Entscheidend ist dabei der Rahmen. Kinder brauchen Erwachsene, die aufmerksam begleiten, ohne sie zu drängen. Sie brauchen Zeit, um Dinge immer wieder zu testen. Sie brauchen Räume, in denen sie sicher scheitern und neu beginnen dürfen. Wenn diese Bedingungen stimmen, entwickeln Kinder nicht nur Wissen, sondern vor allem Lernfreude. Und genau diese Lernfreude trägt sie später durch die Schulzeit.

Der BDP betont deshalb, dass frühkindliche Bildung kein bloßes Vorspiel zur Schule ist. Sie ist ein eigener, entscheidender Bildungsabschnitt.

Early Excellence als ganzheitlicher Ansatz

Ein Modell, das genau hier ansetzt, ist der Early-Excellence-Ansatz aus England. In Deutschland wird er häufig in Form von Familienzentren innerhalb von Kindergärten umgesetzt. Der besondere Gedanke dahinter ist einfach, aber wirkungsvoll: Man kann Kinder nicht isoliert fördern, ohne ihre Lebenswelt mitzudenken.

In diesen Familienzentren wird Bildung deshalb nicht nur im Gruppenraum gedacht. Eltern werden einbezogen, beraten und unterstützt. Die Kita öffnet sich ins Quartier. Übergänge werden behutsam begleitet. Lernen wird als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden.

Hannover gilt hier als Vorreiter. Mit 51 Early-Excellence-Familienzentren hat die Stadt ein Netz geschaffen, das Kinder und Familien gleichermaßen stärkt. Für den BDP ist Hannover ein Beleg dafür, dass dieser Ansatz funktioniert – und bundesweit Schule machen sollte.

Warum Psycholog*innen in Kitas gebraucht werden

Erzieherinnen leisten jeden Tag wertvolle Arbeit. Dennoch stoßen sie zunehmend an Grenzen. Die Gruppen sind groß, die Aufgaben vielfältig und die Bedürfnisse der Kinder sehr unterschiedlich. Genau hier sieht der BDP den Bedarf an Psychologinnen in Kindergärten.

Diese könnten Kinder gezielt unterstützen, wenn sie Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, zu regulieren oder in der Gruppe zurechtzukommen. Sie könnten Teams dabei helfen, Lernräume so zu gestalten, dass sie Kinder nicht über-, aber auch nicht unterfordern. Und sie könnten Eltern begleiten, wenn Unsicherheiten oder Belastungen auftreten.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Kitas zu Therapieräumen zu machen. Es geht um Prävention. Um frühe Hilfe. Um bessere Bedingungen, bevor Probleme größer werden. Aus Sicht des BDP wäre dies ein wichtiger Schritt hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit.

Startchancen – guter Impuls, aber zu spät gedacht

Der BDP begrüßt das Startchancen-Programm der Bundesregierung als grundsätzlich richtigen Schritt. Es zeigt, dass Bildungsgerechtigkeit endlich stärker in den Fokus rückt. Gleichzeitig hält der Verband den Ansatz für zu schullastig.

Denn viele Weichen werden bereits gestellt, bevor ein Kind überhaupt einen Klassenraum betritt. In der Kita. In der Familie. In den ersten Lebensjahren. Wenn diese Phase nicht ausreichend berücksichtigt wird, bleiben spätere Maßnahmen oft weniger wirksam, als sie sein könnten.

Der BDP plädiert deshalb für einen stärkeren Blick auf die Frühförderung. Für mehr Early-Excellence-Familienzentren. Für bessere strukturelle Bedingungen in Kitas. Und für die verbindliche Einbindung von Psycholog*innen in die frühkindliche Bildung.

Am Ende läuft alles auf eine einfache Erkenntnis hinaus: Wer Kinder stark machen will, muss früh beginnen.




Ganztag an Grundschulen stärkt Motivation und Selbstständigkeit im Schulalltag

Neue Studie zeigt: Kinder im Ganztag sind zufriedener, mobben seltener, lesen mehr und brauchen weniger elterliche Hilfe

Kinder, die eine Ganztagsschule besuchen, profitieren nicht nur schulisch, sondern auch sozial und emotional. Eine aktuelle Untersuchung von Larissa Zierow (ifo Institut, Hochschule Reutlingen) und Arnim Seidlitz (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) zeigt, dass Ganztagsangebote in der Grundschule zu einem besseren Schulklima beitragen, die Selbstständigkeit fördern und die Lernmotivation steigern.

Mehr Freude an der Schule – weniger Mobbing

Die Studie belegt, dass Kinder im Ganztag zufriedener mit ihrer Schule sind und seltener Mobbing erfahren. Der längere gemeinsame Alltag schafft Gelegenheiten, Freundschaften zu pflegen, Konflikte frühzeitig zu klären und Vertrauen zwischen Kindern und Lehrkräften aufzubauen. Das wirkt sich positiv auf das Schulklima aus und kann dazu beitragen, dass Kinder lieber zur Schule gehen und sich stärker zugehörig fühlen.

Lesen statt Nachsitzen

Auch das Lern- und Freizeitverhalten verändert sich im Ganztag deutlich. Kinder verbringen weniger Zeit mit Hausaufgaben und nutzen freie Zeiten häufiger zum Lesen oder für kreative Aktivitäten. Das entlastet Familien und stärkt die Eigenverantwortung der Kinder. Zudem berichten sie, dass sie weniger Unterstützung von ihren Eltern benötigen – ein Zeichen wachsender Selbstständigkeit.

Deutschnoten steigen – Mathe bleibt stabil

Die Auswertungen zeigen, dass sich die Deutschnoten im Schnitt verbessern, während in Mathematik keine signifikanten Veränderungen beobachtet wurden. Standardisierte Testergebnisse deuten darauf hin, dass Ganztagsschulen vor allem dann wirksam sind, wenn ihre Angebote pädagogisch gut gestaltet und auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt sind.

Bildungsungleichheiten bleiben – Qualität entscheidet

Die Hoffnung, Ganztagsangebote könnten soziale Bildungsunterschiede automatisch ausgleichen, hat sich in der Studie jedoch nicht bestätigt. Kinder aus weniger privilegierten Familien profitieren nicht systematisch stärker oder schwächer vom Ganztag als andere.

Das bedeutet: Der Ganztag allein gleicht keine Startnachteile aus – es kommt auf die Qualität der Angebote an. Entscheidend ist, wie Schulen ihre Zeit nutzen: ob sie Räume für individuelle Förderung schaffen, gemeinsames Lernen ermöglichen und Kindern unabhängig von ihrer Herkunft gleiche Chancen eröffnen.

Pädagogischer Mehrwert statt bloßer Betreuung

Die Forschenden sehen im Ganztag großes Potenzial, wenn er mehr ist als eine verlängerte Aufbewahrung nach dem Unterricht. Gut konzipierte Nachmittagsangebote können Selbstvertrauen, Teamfähigkeit und Lernfreude stärken – Kompetenzen, die weit über Noten hinausgehen.

Dass der Ganztag gleichzeitig die Chancen auf den späteren Besuch eines Gymnasiums leicht erhöht, ist ein zusätzlicher Effekt. Im Mittelpunkt stehen jedoch die positiven Veränderungen im Alltag der Kinder: mehr Freude am Lernen, mehr Selbstständigkeit und ein gesünderes Miteinander in der Schule.

Hintergrund der Studie

Für die Untersuchung wurden Daten der National Educational Panel Study (NEPS) mit Informationen aus dem Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) verknüpft. Dieses Programm stellte zwischen 2003 und 2009 rund vier Milliarden Euro bereit, um den Ausbau von Ganztagsangeboten in Deutschland zu fördern. Der Anteil der Grundschulkinder mit Ganztagsplätzen ist seither stark gestiegen.