Didacta in Köln: Prof. Ferdinand Klein empfiehlt Vortrag von Armin Krenz
geschrieben von Redakteur | Februar 8, 2026
„Kinder haben ein RECHT auf ihre Kindheit“ – Plädoyer für kindorientierte Pädagogik
Hinweis von Prof. Dr. Ferdinand Klein zum Vortrag von Prof. Dr. Armin Krenz auf Europas größter Bildungsmesse, der didacta in Köln:
Titel des Vortrags: „Kinder haben ein RECHT auf ihre Kindheit – Ein Plädoyer für eine kind(heits)orientierte Elementarpädagogik“ Termin:10.03.2026, 14:00–15:00 Uhr Ort:didacta Köln, Halle 8, Stand D 046
Der international bekannte und renommierte Kindheitsforscher Armin Krenz (Hon. Prof. für Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik a. D.) setzt sich seit über 45 Jahren in Vorträgen und Büchern immer wieder dafür ein, dass Kinder auch in Kindertageseinrichtungen förderliche Entwicklungsbedingungen vorfinden, die dazu beitragen, dass sie in Selbstbildungsprozesse hineinfinden können, partizipatorisch bei der Planung, Gestaltung und Durchführung einer lebendigen Alltagspädagogik beteiligt werden, sich mit Fachkräften verbunden fühlen und ihnen Fachkräfte mit wertschätzenden Beziehungsangeboten begegnen. Eine alltagsorientierte Pädagogik, die gemeinsam mit Kindern gelebt wird, macht didaktisch konzipierte Förderprogramme vielfach überflüssig.
Kinder sind keine Marionetten, die sich nach den Erwartungen und Vorstellungen der Erwachsenen oder von Wirtschaftsverbänden zu richten haben, sondern Menschen, die Entwicklungsrechte in Anspruch nehmen können, so wie diese in der UN-Charta „Rechte des Kindes“ festgeschrieben, durch den Deutschen Bundestag ratifiziert wurden und seit dem 05.04.1992 in Kraft getreten sind.
Krenz wies bereits in der Onlineveranstaltung am 18. September 2025 „Kitas brauchen eine radikale pädagogische Kehrtwende zum KIND“ auf die dringend gebotene Bildungswende von unten hin (Mitschnitt auf YouTube: https://youtu.be/mMSZkMTDIzI). Diese Wende zum KIND begründet Krenz in fünf aktuellen Werken.
Mit Janusz Korczak über inklusionspädagogische Grundfragen nachdenken
Format: 21,0 x 14,8 cm ISBN: 9783963046186 22,00 € (inkl. MwSt.)
Einführender Impuls
Das Cover verweist auf den polnischen Kinderarzt, Pädagogen und Schriftsteller Janusz Korczak. Auf dem Fundament seiner „fröhlichen Pädagogik der Achtung“ (Näheres in Klein 1996) gründet der fachliche Dialog, den Armin Krenz und der Autor seit bald 30 Jahren pflegen. Krenz begleitet mit wertschätzender Haltung und fachlicher Kompetenz mein (heil)pädagogisches Bemühen in Wissenschaft und Praxis, das in Korczaks Pädagogik verankert ist.
Korczak zeigt zeitüberdauernd, „Wie man ein Kind lieben soll“ (Andresen 2018). Er wollte seine Waisenkinder nicht allein lassen und begleitete sie bis ins Konzentrationslager Treblinka (Näheres in Klein 2022). Seine beziehungsgestaltende Pädagogik ist besonders für die Erziehung in Kindertageseinrichtungen aktuell. Darauf macht Armin Krenz mit Herzenskraft unermüdlich aufmerksam.
Vorbemerkung
Die Veranstaltung hätte auch folgende Überschriften tragen können:
Mehr KIND! Mehr Persönlichkeit und weniger Formalismus/Dirigismus: BILDUNGSWENDE jetzt!
Kinder müssen wieder Ausgangs- und Mittelpunkt der Pädagogik sein: BILDUNGSWENDE jetzt!
Kinder brauchen Menschen, Spiel und Seelenproviant und keine didaktisierten Förderprogramme: BILDUNGSWENDE jetzt!
Während die von allen Seiten geforderten und zugleich notwendigen Qualitätsstandards und Verbesserungen für professionelles Handeln im Erzieher*innenberuf sowie eine konsequentere kindorientierte Konzeptionsumsetzung immer lauter werden, geraten die wirklich grundlegenden, lebensbedeutsamen, nachhaltig wirksamen und dringend notwendigen Bedürfnisse von Kindern zunehmend ins Abseits der geforderten Umsetzung des Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsauftrags nach dem Sozialgesetzbuch (SGB, 8. Bd., 2. Hlb).
Der Kindheitspädagoge wendet sich im Vortrag – ebenso wie in seinen aktuellen Büchern – an pädagogische Fachkräfte, Eltern und politische Entscheidungsträger sowie an alle, die sich für eine kindgerechte Bildungspolitik und Elementarpädagogik engagieren möchten. Gerade Vorträge vor vielen hundert Teilnehmenden (darunter auch aus der Politik) mit anschließender Diskussion finden ein überaus großes Echo – in Deutschland ebenso wie in europäischen Nachbarländern.
Krenz antwortet aus reflektierten und langjährigen Erfahrungen, aus eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen und weiteren Forschungsergebnissen heraus auf aktuelle Missstände in der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung, die sich in immer schnellerem Tempo fortsetzen:
Im Gegensatz zu vielen politischen Mandatsträgern, die sich häufig mit wohlfeilen Worten und ohne kenntnisgeleiteten Praxisbezug äußern, hat sich die Realität in Kindertageseinrichtungen in den vergangenen Jahren weiter dramatisch verschärft – nicht nur für pädagogische Fachkräfte, sondern vor allem (neben den Eltern) für die Kinder selbst – mit nachhaltig dramatischen Folgen für deren psychosoziale und kognitive Entwicklung.
Viele Fachkräfte fühlen sich im Spannungsfeld zwischen fachlichem Anspruch (abgeleitet aus wissenschaftlichen Erkenntnissen) und strukturellen, institutionellen sowie personellen Mangelsituationen zunehmend zerrieben. Krankenmeldungen haben deutlich zugenommen, arbeitsbezogene und zugleich innere Kündigungen häufen sich, Burnout-Symptome treten häufiger auf. Teams sind überlastet; vieles zerfällt in Einzelkämpfertum, ungelöste Teamkonflikte nehmen zu – und übertragen sich auf Kinder, die dies in Verhaltensirritationen ausdrücken.
Viele Eltern sind – aus unterschiedlichen Gründen – zunehmend schwer erreichbar. Ausbildungsstandards in Fachschulen wurden mancherorts abgesenkt, um dem Erzieherinnenmangel entgegenzuwirken; zugleich wird ein Professionalitätsniveau erreicht, das dem Anspruch des Berufes widerspricht. Außerdem bringen manche Quereinsteigerinnen – oftmals nur mit Minimalfortbildung – zusätzliche Unruhe in das Kollegium und in die Lebenswelt der Kinder, wodurch Entwicklungsprozesse gestört werden.
So finden wir immer häufiger eine Pädagogik vor, die Kindern in ihrer sensiblen Entwicklungsphase weder Stabilität noch verlässliche Begleitung bieten kann – mit allen bekannten, nachhaltigen Folgen für kindliches Verhalten und damit auch für die gesellschaftliche Zukunft.
1. Erkenntnis für eine persönlichkeitsprägende Kita-Praxis
Die Veranstaltung und die fünf rezensierten Werke rufen dazu auf, gemeinsam für eine seit über zwei Jahrzehnten dringend erforderliche Bildungswende von unten zu sorgen. Pädagogik muss endlich kindgerecht, zuverlässig, beziehungsstark und entwicklungsförderlich gestaltet werden (können). Kinder sind keine Datenpunkte, keine zu verwaltenden Objekte und kein „Humankapital“.
Kinder wollen schöpferisch tätig, aktiv und partizipatorisch beteiligt sein – nicht permanent in die Rolle von Reakteur*innen gedrängt werden.
Es geht um eine Pädagogik mit Kindern, um eine „Bildung durch Bindung“ (Krenz/Klein 2013), um intrinsisch motivierte Kinder, die aus ihrem Erleben heraus fühlen wollen, wer sie sind, welchen Stellenwert sie in ihrem Umfeld haben und was sie entdecken, unternehmen und bewirken können.
Kinder brauchen dazu emotional stabile, sozial denkende und handelnde, kommunikationsfreundliche und handlungsaktive Persönlichkeiten, die sich u. a. durch Selbstbewusstsein, Leistungsfreude, Mut, Selbstfürsorge, Geduld, Verlässlichkeit, Zutrauen, Humor, Optimismus, Lernmotivation, Anstrengungsbereitschaft, Selbstreflexion und Perspektivorientierung auszeichnen.
Diese Persönlichkeiten schaffen ein wertschätzendes, emotional warmes Beziehungsklima, eine fehlerfreundliche, Sicherheit vermittelnde Atmosphäre, geben Klärungsimpulse bei Konflikten und realisieren partizipative, werteorientierte und inklusive Pädagogik – mit einer gepflegten Kommunikations-, Interaktions-, Spiel-, Sprach- und Naturerlebniskultur.
Geboten ist eine differenzierte Betrachtung der Bildungswende. Darauf weisen die Impulse zum „Situationsorientierten Ansatz“ und die Rezensionen der fünf einander ergänzenden Bücher hin: authentische Kenntnis der Praxis, Erleben vor Ort, Dabeisein in Kindertageseinrichtungen sowie im Außenbereich der Einrichtungen – und ein face-to-face-Resonanzempfinden.
2. Der „Situationsorientierte Ansatz“ – eine zukunftsweisende Perspektive
Entwicklung und Ziel
Der „Situationsorientierte Ansatz“ wurde in den Jahren 1984 bis 1989 von Armin Krenz im Rahmen seiner Tätigkeit am „Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik in Kiel“ auf der Grundlage des „Situationsansatzes“ erarbeitet und hat sich in den letzten 35 Jahren als viel beachtetes elementarpädagogisches Konzept in Deutschland und im europäischen Ausland etabliert.
Der Ansatz berücksichtigt die soziokulturellen und psychologisch bedeutsamen Lebensbedingungen von Kindern und Eltern und basiert auf einem ganzheitlichen Menschenbild, das die Entwicklung aller Personen, die am Entwicklungsprozess beteiligt sind, in den Mittelpunkt rückt. Ausgangsfrage ist, welche entwicklungsförderlichen Bedingungen Kinder und Familien heute brauchen, um Ressourcen zu entdecken sowie auf- und auszubauen.
Er orientiert sich an aktuellen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, Bildungsforschung, Neurobiologie und Bindungsforschung. Ziel ist es, jedes Kind zu unterstützen, Selbst-, Sach- und Sozialkompetenzen auf- und auszubauen und möglichst viele Ressourcen zu wecken, damit Entwicklung in allen Feldern möglich wird.
Grundannahmen und Eckwerte
Kinder haben ein Recht darauf, sich als „Gast auf dieser Welt“ zu empfinden. Dazu braucht es Fachkräfte, die Modell für Humanität, Werteorientierung, Engagement, Neugier und Selbstbildungsinteresse sind.
Fachkräfte sind Bündnispartner der Kinder und beachten ihre Ressourcen – entsprechend dem gesetzlichen Auftrag sowie den in der UN-Kinderrechtskonvention verankerten Entwicklungsrechten.
Elementarpädagogik muss sich wieder an bedeutsamen Wertebereichen orientieren: Sprach-, Ess-, Spiel- und Konfliktkultur sowie alltagsorientierte Lern- und Umgangskultur.
Der Mensch kann Zukunft aktiv gestalten, wenn belastende Erfahrungen bearbeitet werden können: Klärung/Bereinigung aktualisierter Ereignisse sorgt für Entlastung und macht Ressourcen verfügbar.
Keine isolierten, funktionsorientierten Programme, sondern lebensbedeutsame Themen und kindorientierte Schwerpunkte, die sich an Interessen der Kinder orientieren.
Das Spiel bildet den Mittelpunkt, eng vernetzt mit Lern- und Schulfähigkeit; eine vorgezogene Schuldidaktik findet keinen Platz.
Kita als Spiel- und Erfahrungsraum
Im Sinne Friedrich Fröbels wird die Kita als bedeutsamer Spiel- und Erfahrungsraum verstanden, in dem Kinder mit Freude und Neugier in Sinnzusammenhängen tätig sein, Erfahrungen machen und mit anderen Kindern sowie bindungsorientierten Erwachsenen leben, spielen und lernen können. Der Ansatz lehnt altersgleiche Gruppen und fest programmierte Tagesabläufe ab und widerspricht Ausgrenzung. Er ermöglicht grundlegende soziale Erfahrungen, die sich auf emotionale und kognitive Entwicklung nachhaltig positiv auswirken (Klein 2019).
Er baut auf Einsichten klassischer Pädagog*innen (Fröbel, Montessori, Steiner, Korczak) auf und bindet aktuelle Erkenntnisse der Entwicklungs- und Sozialpsychologie sowie zur Personqualität und zum Qualitätsmanagement ein (Klein 2019).
Literaturhinweise und Links
Andresen, S. (2018): Wie liebt man Kinder – eine kindheitstheoretische Einordnung Janusz Korczaks. In: Korczak, J.: Wie man ein Kind lieben soll. 17. überarbeitete Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, VII–XXVII.
Klein, F. (1996):Janusz Korczak. Sein Leben für Kinder – sein Beitrag für die Heilpädagogik. Heilbronn: Klinkhardt.
Klein, F. (2019):Inklusive Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Kita. Heilpädagogische Grundlagen und Praxishilfen. Köln: Bildungsverlag EINS.
Klein, F. (2022):Janusz Korczak. Die Aktualität seiner Pädagogik. Regensburg: Walhalla.
Klein, F. (2025):Erziehung aus der Begegnung heraus gestalten. Mit Janusz Korczak über inklusionspädagogische Grundfragen nachdenken. Freiburg: BurckhardtHaus.
Krenz, A. (2019):Kinder brauchen Seelenproviant. Was wir ihnen für ein glückliches Leben mitgeben können. München: Kösel.
Krenz, A. (2025a):Berufsbild Erzieherin. Grundsatzgedanken zum Selbstverständnis eines sehr anspruchsvollen Berufs.* Freiburg: BurckhardtHaus.
Krenz, A. (2025b):SPIEL UND SELBSTBILDUNG. Kitas brauchen eine pädagogische Revolution. Freiburg: BurckhardtHaus.
Krenz, A. (2025c):Beobachtung und Entwicklungsdokumentation. Grundlagen – Praxisbeispiele – Beobachtungsliste – Dokumentationsmuster. Freiburg: BurckhardtHaus.
Krenz, A. (2025d):Merkmale einer guten Kita-Pädagogik – Das Praxisbuch für Qualität in der frühen Bildung. Was in Kitas oftmals vergessen, zurückgestellt oder außer Acht gelassen wird. Freiburg: BurckhardtHaus.
Krenz, A. (2025e):Ganzheitliche Pädagogik verstehen und leben. Wie Kinder durch Beziehung, Sinneserfahrung und Selbstbildung nachhaltig wachsen – ein Leitfaden für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Eltern. Freiburg: BurckhardtHaus.
Krenz, A./Klein, F. (2013):Bildung durch Bindung. Frühpädagogik: inklusiv und kindorientiert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Kitas brauchen eine radikale pädagogische Kehrtwendung zum KIND: BILDUNGSWENDE JETZT!
geschrieben von Redakteur | Februar 8, 2026
Eine Analyse der aktuellen Missstände in der frühkindlichen Bildung und Betreuung – warum Kinder, Eltern und Fachkräfte ohne eine grundlegende pädagogische Kehrtwende langfristig Schaden nehmen werden
Der Themenschwerpunkt hätte auch folgende Überschrift tragen können:
Mehr Kind! Mehr Persönlichkeit und weniger Formalismus/Dirigismus: BILDUNGSWENDE jetzt! Oder
Kinder müssen wieder Ausgangs- und Mittelpunkt der Pädagogik sein! BILDUNGSWENDE jetzt! Oder‘
Kinder brauchen Menschen, Spiel und Seelenproviant und keine didaktisierten Förderprogramme: BILDUNGSWENDE jetzt!
Wie schon in der Online-Zeitschrift „spielen + lernen“ (Ausgabe: 30.07.25) zu lesen war und wie alle Fachkräfte im Feld der Elementarpädagogik wissen – im Gegensatz zu vielen politischen Mandatsträger*innen, die sich lediglich nur mit wohlfeilen Worten und ohne persönlichen Praxisbezug zur überaus vielschichtigen Problemlage im Elementarbereich äußern –, hat sich die Realität in Kindertageseinrichtungen in den vergangenen Jahren weiter dramatisch verschärft – nicht nur für pädagogische Fachkräfte, sondern vor allem – neben den Eltern – für die Kinder selbst: und – wie wir wissen – dies mit dramatisch nachhaltigen Folgen für deren Entwicklung.
Wenn Kinderbedürfnisse im Bürokratiedschungel untergehen
Während der Ruf nach notwendigen, real vorhandenen Qualitätsstandards, einer Umsetzungsmöglichkeit für ein professionell tätiges Handeln im Erzieher*innenberuf und eine kindorientierte Konzeptionsumsetzung immer lauter wird, geraten die wirklich grundlegenden, lebensbedeutsamen und dringend notwendigen, entwicklungsunterstützenden Bedürfnisse von Kindern zunehmend ins Abseits einer gesetzlich geforderten Umsetzung des Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsauftrags (SGB). Was jedes Kind, gerade in den ersten Lebensjahren, für eine förderliche Persönlichkeitsbildung unwidersprochen braucht – Beziehungsnähe, Bindungssicherheit, eine zuverlässige Begleitung der kindorientierten Tätigkeiten, Raum für Spiel und vielfältige Welterkundungsmöglichkeiten, Zeit zur Stabilisierung ihres Selbstwertgefühls (statt erwachsenengesteuerte, wirtschaftlich geprägte und zukunftsdefinierte Belehrungsprogramme), Erfahrungswerte eigener Selbstwirksamkeit und eine sozial-emotional geprägte, werteorientierte, inklusiv gestaltete Entwicklungswelt/Entwicklungsatmosphäre –, werden diese im Alltag immer wieder aufs Neue durch Bürokratie, vielfältigste Stressfaktoren, eine häufig dramatische Personalnot, einen ständig zunehmenden Bedarf an individualunterstützenden Hilfsangeboten für Kinder mit Verhaltensirritationen, eine fehlende realexistierende Teamarbeit, die es zumeist nur auf dem Papier gibt, und unsinnige, institutionelle Routinen und tradierte Gewohnheiten verdrängt.
Viele Fachkräfte fühlen sich im Spannungsfeld zwischen einem fachlichen Anspruch, abgeleitet aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, und strukturellen, institutionellen und personellen Mangelsituationen zerrieben. Teams sind überlastet, und Vieles zerfällt in ein Einzelkämpfertum bei einer deutlichen Zunahme von ungelösten Teamkonflikten. Viele Eltern sind – aus unterschiedlichen Gründen – zunehmend schwer erreichbar, Ausbildungsstandards in vielen Fachschulen wurden abgesenkt und haben ein Niveau in einem unteren Level erreicht, und manche Quereinsteiger*innen – oftmals nur, wenn überhaupt, mit einer Minimalfortbildung ausgestattet – bringen nicht selten zusätzliche Unruhe in das Kollegium und vor allem in die Aufenthaltswelt der Kinder. Ja, gerade qualifiziertes Personal denkt sogar immer häufiger über einen Ausstieg aus dem Beruf nach. Das Ergebnis: Wir finden eine Pädagogik vor, die Kindern in ihrer sensiblen Entwicklungsphase weder Stabilität noch verlässliche Begleitung bieten kann – mit allen bekannten nachhaltigen Folgen für das kindliche Verhalten und damit auch für die gesellschaftliche Zukunft.
Eine Pädagogik ohne Halt – Kinder verlieren ihre Entwicklungsräume
Nötig ist daher eine „radikale pädagogische Kehrtwende zurück zum Kind“ – weg von einer überakademisierten, praxisfremden und wirtschaftspolitisch verursachten Anspruchswelt, die ohne Unterlass auf Erzieher*innen einzuwirken versucht, weg von ideologisch gesetzten Ansprüchen und Einflüssen, die sich in Form von ständig erscheinenden Förderprogrammen zeigen und häufig von Personen entwickelt wurden, die nicht aus dem (heil-)pädagogischen/entwicklungspsychologischen Berufsfeld kommen, und weg von funktional sowie teilheitlich geprägten Konzepten, die das Kind als ein „defizitäres Objekt“ klassifizieren und zum „Förderprojekt“ degradieren. Was ist daher nötig? Die Elementarpädagogik muss einen Weg finden, der zurück zu einer beziehungsorientierten, kindzentrierten Praxis führt.
Spiel braucht Raum – Für eine kindgerechte Pädagogik
Das Spiel verliert in Kitas zunehmend an Bedeutung – durch Verhaltensauffälligkeiten, Inklusionsanforderungen, Bildungsdruck, Bürokratie und fachfremdes Personal. Dabei bleibt das Spiel zentral für die Selbstbildung und Entwicklung von Kindern. Diese Publikation fordert eine Rückbesinnung auf eine lebendige Spielpädagogik, die Kinder ins Zentrum stellt – gegen eine funktionalisierte Frühpädagogik.
176 Seiten, Softcover, DIN A5 ISBN: 978-3-96304-616-2 22 €
Zunächst sei erlaubt, ein paar FAKTEN wiederzugeben, die die Situation in der Elementarpädagogik auf den Punkt bringen: Diese Fakten ergeben sich sowohl aus unterschiedlichen Berichten von praktisch tätigen Erzieherinnen und pädagogisch tätigen Personen aus verwandten Berufen und Leitungskräften aus allen 16 Bundesländern als auch aus vielfältigen Veranstaltungen, Coachings, Supervisionen, Qualitätsevaluationen, Fortbildungsveranstaltungen und aus Gesprächen mit Wissenschaftskolleginnen und aus allseits bekannten Untersuchungen.
Fakten, die nicht länger ignoriert werden dürfen
Was eine entwicklungsförderliche/entwicklungsunterstützende Elementarpädagogik einschränkt und damit eine Qualität immer stärker ins Abseits führt:
Laut Bertelsmannstiftung vom August 2024 fehlen in Deutschland 97.000 vollbeschäftigte Fachkräfte (Kostenpunkt 5,8 Milliarden €), und in der aktuellen IW-Arbeitsmarktfortschreibung 2028 des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln ist im Feld des Erzieher*innenberufs mit dem stärksten Beschäftigungszuwachs aller untersuchten Berufsgruppen zu rechnen: plus 136.400 in 5 Jahren! Rechnerisch wird die Fachkräftelücke bis 2028 weiterhin auf rund 30.800 unbesetzte Stellen anwachsen. (Hier sei auf die Stellschraube Beruf der Elternteile/Mütter und Familie sowie auf die Vernetzung mit dem Arbeitsmarkt/der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland besonders hingewiesen.)
Nach wie vor ist der Betreuungsschlüssel in Kitas vollkommen unbefriedigend. (EU-Empfehlung, schon seit Jahren: Krippe 1:3, Kita 1:7)
Aufgrund des Fachkräftemangels nimmt die Zahl der Gruppenschließungen bis hin zu Kita-Schließungen ständig zu.
Der vorgegebene Betreuungsschlüssel in der Gruppe muss eingehalten werden, ansonsten wird die Gruppe aktuell geschlossen. Dem hat zum Beispiel das Land NRW versucht entgegenzuwirken, indem vom Familienministerium eine mehr als berechtigt umstrittene Personalverordnung, die im Dezember 2024 in Kraft trat, Anwendung finden könnte: Laut dieser Personalverordnung ist es möglich, den Betreuungsschlüssel „zeitbegrenzt“ (Anmerkung: was das heißt, bleibt vollkommen offen) so zu senken, dass nur ein(e) Erzieherin (mit Unterstützung von vorhandenen Ergänzungskräften) für bis zu 60 Kinder anwesend ist (Anmerkung: Anwesenheit kann nur bedeuten, lediglich als „Dompteurin“ zu wirken! Eine Umsetzung des Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsauftrags ist hierbei vollkommen ausgeschlossen und realitätsfern in höchstem Maße.) Laut einer Kleinen Anfrage der SPD-Landtagsfraktion gingen bis 7/2025 23 Anträge bei den Landesjugendämtern ein, wovon 16 Anträge genehmigt wurden. Und: nur 16 von mehr als 10.700 Kitas in NRW haben überhaupt von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.
Beschäftigte in der Kita-Pädagogik waren 2023 knapp 30 Tage/Jahr krankgeschrieben. Das entspricht einem Anstieg um 26 % zwischen den Jahren 2021 und 2023. Hauptursachen: 1. Atemwegserkrankungen, 2. psychische Erkrankungen (Bertelsmannstiftung). Dazu kommen Urlaubstage und Fortbildungstage.
Fortbildungen, die berufsbegleitend wichtig sind und den Mitarbeiter*innen auch auf Grundlage der länderspezifischen Bildungsgesetze zustehen (!), können aufgrund der Personalknappheit gar nicht wahrgenommen werden und werden, wenn überhaupt, entsprechend selten von Trägern genehmigt.
Aufgrund der häufig wechselnden Bezugserzieher*innen ist eine kontinuierliche, dringend notwendige und entwicklungsförderlich gegenwartsbezogene Bezugsperson nicht gegeben, und falls ja, wäre es für Kinder nahezu schon ein großer „Lottogewinn“.
Die Unzufriedenheit und Fluktuation von Mitarbeiter*innen ist in vielen Kindertagesstätten sehr hoch und rasant steigend. Entsprechend ist eine deutliche Zunahme von Kündigungen festzustellen.
Besonders bedenklich ist, dass vor allem auch langjährige, gut ausgebildete und besonders engagierte Fachkräfte immer häufiger kündigen und sich einer anderen Berufstätigkeit zuwenden oder ganz mit einer Berufstätigkeit aufhören!
Eine Umsetzung von projektbezogenen Vorhaben und von konzeptionellen Inhalten kann kaum oder gar nicht realisiert werden.
Statt einer nachhaltigen Bildungsarbeit, ausgerichtet auf die Selbstbildungspotenziale des Kindes, werden den Kindern fast ausschließlich funktionale, didaktisierte, zukunftsorientierte, von Erwachsenen ausgesuchte und den Kindern vorgelegte Bildungsangebote (eine sogenannte „Bildung aus II. Hand“ – siehe Prof. Dr. Gerd Schäfer –) vorgesetzt, in denen vor allem der „kognitive Bereich“ gefördert werden soll. Was für ein entwicklungspsychologisches und neurobiologisches Drama! Damit werden – das zeigen immer wieder neurobiologische und lernpsychologische Untersuchungen – Selbstlernprozesse und ein intrinsisches Neugierdeverhalten nicht nur behindert, sondern nachhaltig geschädigt. Erlaubt sei dazu ein Zitat von Heinrich von Kleist. Er schreibt: „Aber das Kind ist kein Wachs, das sich in Menschenhänden zu einer beliebigen Gestalt kneten lässt: Es lebt, es ist frei; es trägt ein unabhängiges und eigentümliches Vermögen der Entwicklung und das Muster aller innerlichen Gestaltung in sich.“ (in: Herbert Renz-Polster + Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen. Weinheim 2013, S. 16) Kinder leben und lernen von Erfahrungen, die „unter die Haut gehen“, die sie aufgrund ihrer aktuellen Biografie emotional (!) berühren und die Kinder mit ihrer aktuellen, realen Lebenssituation verbinden können. Kinder sind auf der Suche nach Echtheit, Freiheitserlebnissen, Sinnlichkeit, Herausforderungen und erlebenswerten Abenteuern! Programme, von Erwachsenen vorgegeben, sind im Grunde genommen eine vorgegebene, wenn auch gut gemeinte Diktatur, die zur >Enteignung der Kindheit< führt. Wo Programme vorherrschen, sind Ziele festgesetzt, und schon geschieht eine Abkehr von der Gegenwart mit dem Ziel einer Vorbereitung auf die Zukunft. Die Psychologin und Pädagogin Anke Ballmann, Institutsgründerin von „Lernmeer – Institut für kindgerechte Pädagogik“, spricht von einem Würgegriff, dem sich Erzieher*innen durch die permanenten Programmanwendungen ebenso unterziehen wie die Kinder, an die dieser Würgegriff weitergegeben wird. Sie bezeichnet die Vielzahl der pädagogischen Programme als „adipöse Bildungspanikdrachen“, mit denen Kinder unaufhörlich gefüttert werden.
Fachkräfte stehen unter einem permanenten Zeitdruck, der sich in der Folge entwicklungshinderlich auf Kinder auswirkt – ganz besonders problematisch ist es für Kinder im Krippenalter (mit irreparablen Folgeschäden) für die psychosoziale Entwicklung, wie verschiedene Untersuchungen aus dem Feld der Entwicklungspsychologie zeigen.
Für wichtige, entspannte Elterngespräche „auf dem Flur“ („Tür- und Angelgespräche“) ist so gut wie keine Zeit (und müssten anschließend schriftlich dokumentiert werden, entweder als Prozess- oder Produktprotokoll!).
Es besteht die permanente, sehr zeitaufwendige Pflicht, vielfältigste Umstände/Ereignisse schriftlich festzuhalten, was tagtäglich zulasten der pädagogischen Arbeit mit den Kindern geht. Diese vielfältigen bürokratischen und sehr viel Zeit in Anspruch nehmenden „Aufschreibepflichten“ stehlen den Kindern ENTWICKLUNGSZEIT.
Und dann gibt es weiterhin ungezählte Aspekte, die nicht zu verstehen sind. So zum Beispiel:
Kühlschranktemperaturen müssten täglich geprüft, schriftlich festgehalten und Speiseproben aus Gründen der Gesundheitssicherung genommen/aufbewahrt werden. Anscheinend ist dies wichtiger, als ein trauriges Kind am Morgen emotional zu begleiten.
Das Klettern auf einen Baum wird Kindern aus möglichen Unfallgründen untersagt, und unübersichtliche Strauchflächen im Außengelände werden gerodet. WAS SOLL DAS? Kinder brauchen auch Rückzugsorte, Flächen zum Budenbau, Orte zum Verstecken sowie jede Menge Bewegungsräume im Freien usw. usf. Hierzu ist anzumerken: Wenn Kinder zunehmend an einer Leine geführt werden, Risikoerfahrungen unterbunden werden, die Welt mit Warnungen und vielen Verboten versehen wird, dann erfahren sich Kinder als beschützte Reakteure und nicht als lebenserfahrene Gestalter*innen der Welt. Wir müssen auch in der Pädagogik begreifen: Ein Schutz vor Risiken und das Erlernen einer damit verbundenen Risikovermeidung stellt selbst ein außergewöhnliches Risiko dar! Ein aktivierter Airbag schützt nicht nur das Kind – er behindert es auch ständig in seiner Selbstwirksamkeit und Lebenserfahrung. Johann Heinrich Pestalozzi hat einmal gesagt: „Lass das Kind gehen und hören, finden und fallen, aufstehen und irren.“
Bestimmte Pflanzen im Außengelände wie Brennnesseln (wichtig für die Eiablage vieler Schmetterlinge) oder Felsenbirnen werden wie Giftpflanzen eingestuft und vernichtet.
Apfelbäume, ebenso andere Obstbäume, werden abgeholzt aufgrund von Wespenbesuchen, die sich am herabgefallenen Obst stärken wollen und Kinder stechen könnten. WARUM wird das Fallobst nicht aufgesammelt und genutzt? Wann lernen wir Menschen in der Pädagogik endlich, Tätigkeiten mit Kindern und nicht für Kinder zu machen?!
Dann gibt es das Datenschutzgesetz: Es dürfen keine Fotos von Gesichtern der Kinder veröffentlicht werden. Ja, selbst auf Gruppenfotos werden Kindergesichter geschwärzt, sodass bei Fotobestellungen nur das Gesicht des eigenen Kindes zu erkennen ist! Eine Anmerkung sei dazu ohne Schnörkel ausgesprochen: Wie krank ist das, und wer hat sich einen solchen „Schwachsinn“ ausgedacht? Hier wurden und werden „Mücken zu Elefanten“ gemacht/aufgewertet und Einzelvorkommnisse zu Allgemeinregeln erhoben! Die Frage bleibt damit offen, warum nun nicht auch anhand der Unfallstatistik im Jahr 2024 (es gab pro Tag 6.883 polizeilich erfasste Unfälle in Deutschland) die Nutzung von Autos generell verboten wird.
Es gibt zunehmend Eltern, die sich ständig bei „Prof. Google“ bedienen und meinen, sie seien die Top-Pädagogen, und machen es nicht selten pädagogischen Fachkräften mit professionellem Entscheidungshintergrund sehr schwer. WICHTIG: Es heißt KINDERGARTEN und nicht ELTERNGARTEN!
Handyverbote stoßen bei pädagogischen Mitarbeiter*innen oftmals auf großes Unverständnis. WICHTIG: Handys haben während der Dienstzeit nichts in Kindergärten zu suchen. Die Zeit gehört den Kindern, nicht den eigenen Kommunikationswünschen.
Was Kinder wirklich brauchen – und was ihnen genommen wird
Es überrascht nicht, wenn Anette Stein, Kita-Expertin der Bertelsmannstiftung, zu folgendem Schluss kommt: (Zitat:) „An eine gute, frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung ist vielerorts gar nicht mehr zu denken!“
Und Prof. Dr. Rahel Dreyer (Alice Salomon Hochschule Berlin) kommt in einem Aufruf/Appell (gemeinsam mit 300 Wissenschaftler*innen) zu folgenden Aussagen: „Das System der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) in Deutschland ist stark belastet und steht kurz vor dem Kollaps. /…/ Die aktuelle Situation widerspricht grundlegend kindlichen Grundbedürfnissen und Rechten von Kindern. Kinder brauchen stabile Bezugspersonen in verlässlichen Strukturen, die pädagogisch qualifiziert sind und passgenau auf die individuellen Bildungs- und Entwicklungsbedürfnisse und Bedarfe von Kindern eingehen können!“ (persönliche Anmerkung: Lassen Sie sich diese Aussage einer ausgewiesenen Expertin einmal auf der Zunge zergehen. Es ist ein Drama höchster Offenbarung.)
Ich frage mich: Wo bleiben die Freude, das Lachen und Strahlen in einer beziehungsgepflegten, professionellen Begleitung von Kindern im gemeinsamen Leben und Lernen im Rahmen einer so wichtigen, ganzheitlich orientierten Pädagogik und einer sozial-/gesellschaftspolitischen überaus wichtigen Aufgabenstellung?
Dr. Herbert Renz-Polster konstatiert dazu Folgendes mit einer Metapher: „Wir werden Menschen brauchen, die wie Bäume in echten Wäldern wachsen: mit dichtem Holz, guter Rinde, tiefen Wurzeln. Lebendige, widerstandsfähige, sozial kompetente, kreative Menschen. Menschen mit einem Fundament.“ (Wie Kinder heute wachsen. 2013, S. 103)
Programme statt Kindheit: Wenn Bildung zur Diktatur wird
Wie beschrieben, muss festgestellt werden: In der Elementarpädagogik brennt es an allen Ecken und Enden! So kann und darf es nicht weitergehen!!
In einer Studie von Prof. Dr. Johann Michael Gleich, Soziologieprofessor in Köln – befragt wurden 600 Erzieherinnen in Kindergärten und in Kindertagesstätten –, kam heraus, dass 60 % der Erzieherinnen mehr oder weniger mit dem Gedanken spielen, ihren Beruf aufzugeben. Häufiger Grund für die Frustration ist die psychische Belastung durch Verhaltensirritationen bei Kindern. Weitere Gründe sind die große Anzahl der zu betreuenden Kinder, der Erwartungsdruck der Eltern, die fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten, die schlechte Bezahlung und das geringe Ansehen in der Öffentlichkeit. Fast 10 % der befragten Erzieherinnen sind fest entschlossen zu einem Berufswechsel, 16 % beschäftigen sich sehr oft mit der Frage, 38 % ab und zu. 62 % der Erzieherinnen fühlen sich stark durch die Verhaltensirritationen bei Kindern belastet. Originalaussage von Prof. Gleich: „Die Entwicklung ist bedrückend, denn der Bedarf an qualifiziertem Personal wird steigen.“ Weiter heißt es: „Der Beruf der Erzieherin ist eine Art Indikator für ungleiche Lebenschancen ganzer Bevölkerungsteile, nämlich der Kinder und ihrer Familien. Man dürfe diese Frauen mit ihrer verantwortungsvollen Aufgabe nicht alleine lassen.“
Meine Frage: Was glauben Sie, wann diese Studie publiziert wurde? /…/ Antwort: im Mai 1993. Meine 2. Frage: Und was hat sich in den nun folgenden 32 Jahren grundlegend geändert???
Dazu ein veröffentlichter Leserinnenbrief vom Februar 2025: „Der Hilfeschrei einer Erzieherin“ (Oberbayerisches Volksblatt vom 1./2.02.2025, S. 3)
Die 35-jährige Miriam Schultz aus Putzbrunn (Landkreis München) ist seit 18 Jahren Erzieherin. Sie schrieb einen Brief an Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU): „Heute erlebe ich keinen Kindergartentag mehr, sondern versuche ihn zu überleben.“ Sie beobachtet mit Sorge, dass mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen den Beruf wegen der Arbeitsbedingungen wechseln. Sie kennt in ihrem Umfeld zehn Personen, die den Beruf erlernt haben, „aber wegen der Arbeitsbedingungen nun etwas anderes machen“.
Nach ihrer Wahrnehmung werden die Berufsanfänger nicht auf den Alltag vorbereitet. „In Fachakademien wird ihnen der Berufsalltag rosarot erklärt; sie kommen mit falschen Erwartungen. Man müsste schon in der Ausbildung viel stärker auf die Alltagsprobleme eingehen.
„Wir haben kaum noch Kinder ohne Förderbedarf. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt viel mehr auf der Pflege als auf der Pädagogik. […] Wir haben in den Gruppen auch viele Migranten- und Flüchtlingskinder, die kaum Deutsch sprechen. […] Wir müssen zusätzlich beobachten und einen Fragebogen ausfüllen. Also wieder Formalitäten ohne Ende.“ […] Sie fordert in ihrem Brief auch eine Entlastung der Eltern: „Auf ihnen liegt ein wahnsinniger Druck.“ […] Auch der Medienkonsum der Kinder ist eine Katastrophe. „Sie können sich nicht lange konzentrieren, haben eine niedrige Frustrationstoleranz und keine Fantasie mehr. Wir als Kindergarten können mit der virtuellen Welt nicht mithalten. Das ist alles aufregend.“
Auf die Frage, wie lange sie ihren Alltag, so wie er ist, aushalten werde, antwortet Frau Schultz: „Das weiß ich nicht. Aber ich werde bestimmt nicht bis zur Rente in diesem Beruf bleiben.“
Starke Erzieher*innen für starke Kinder
Erzieherinnen prägen Kinder maßgeblich – neben Eltern sind sie zentrale Bezugspersonen im Entwicklungsprozess. Forschung zeigt: Auch familienfremde Beziehungen beeinflussen die Persönlichkeitsbildung. Dieses Buch beleuchtet das Berufsbild, betont Professionalität, Selbstreflexion und die Bedeutung der Erzieherinnen-Persönlichkeit für gelingende Bildungsprozesse.
Softcover, 176 Seiten, DIN A5 ISBN: 978-3-96304-615-5 22 €
Eine konsequente Umsetzung einer Pädagogik, die von den Entwicklungsnotwendigkeiten der kindlichen Entwicklung ausgeht, und eine Pädagogik, die darauf verzichtet, mit ungezählten Etikettierungszuschreibungen Kinder zu klassifizieren! Als ein Beispiel von Hunderten sei nur mit einem Satz auf das weitverbreitete sogenannte ADHS-Kind eingegangen. In vielen Fällen liegt die Wurzel für ADHS (neben genetisch bedingten Faktoren) in entwicklungshinderlichen Lebensbedingungen in der frühen Kindheit, sodass ADHS häufig ein Passungsproblem ist – hier wurden bzw. werden dem Kind Verhaltensweisen abverlangt, die es von seiner Persönlichkeit und seinem Entwicklungsstand noch gar nicht leisten kann und sich emotional, sozial, kognitiv oder motorisch massiv überfordert fühlt. Das Problem wird dann in der Regel mit der Verabreichung bestimmter Medikamente zu lösen versucht, anstatt zu begreifen, dass im Fall nichtgenetischer Ursachen das soziale Umfeld nicht kindgerecht gestaltet ist! (vgl. Armstrong, Thomas: Das Märchen vom ADHS-Kind. Paderborn, 22. Aufl. 2002) Ein Hauptproblem in der entwicklungshinderlichen Pädagogik besteht offensichtlich darin, dass pädagogische Fachkräfte nicht mehr fühlen, wie es Kindern geht. Viele Fachkräfte unterliegen dem „Einstein-Hype“ und meinen, eine Entwicklungsförderung bestehe hauptsächlich darin, Kinder mit jeder Menge Synapsenfutter zu versorgen. Wenn auf Initiative einer Stiftung der Unternehmensberatung McKinsey & Co (in einer Vernetzung mit Wirtschaftsunternehmen wie beispielsweise der Dietmar-Hopp-Stiftung, Siemens Stiftung, Dieter-Schwarz-Stiftung, der Autostadt GmbH, der Bertelsmann-Stiftung und der Deutschen Telekom Stiftung) immer mehr Kitas als „Haus der kleinen Forscher“ zertifiziert wurden und weiterhin zertifiziert werden, bei denen „mathematische, naturwissenschaftliche oder technische Projekte“ im Vordergrund stehen, die die „Begeisterung für naturwissenschaftliche Phänomene und technische Fragestellungen wecken und langfristig zur Nachwuchssicherung der entsprechenden Berufsfelder beitragen“, verwundert es nicht, wenn Prof. Dr. Jürgen Kluge sich wie folgt äußert: „Bildung und damit HUMANKAPITAL ist die Voraussetzung für Innovation, Wachstum und Wohlstand. /…/ Beginnen wir mit dem Lernen ab der Geburt und nicht erst in der Schule.“ (Ziele der Initiative „Haus der kleinen Forscher“: http://www.haus-der-kleinen-forscher.de/de/ueberuns/die-stiftung/; aktuell: www.stiftung-kinder-forschen.de / Zitat Prof. Dr. Jürgen Kluge. In: Kita aktuell NRW, Nr. 01/2006, S. 13 ff.) Die Zielsetzung sowie die Haltung/Sichtweise von Kindern offenbart sich in ihrer ganzen Tiefe dadurch, wenn statt von Kindern vom „HUMANKAPITAL“ gesprochen wird.
Mitarbeiterinnen in Krippen und Kitas müssen ihr unterwürfiges Verhalten aufgeben, ihre Arbeit nach den Wünschen von Eltern zu gestalten: Pädagogik ist kein Schaulaufen wie beim Eistanz und Aerobicturnen, in der es eine A- und eine B-Note gibt. (Anmerkung: Prof. Helga Fischer, Fakultät der angewandten Sozialwissenschaften an der FH in Köln, kam einmal zu zwei überlegenswerten Aussagen in einem Vortrag. Dort sagte sie: „Das berufliche Selbstverständnis von Erzieherinnen ist geprägt von einer überhöhten Bereitschaft, möglichst allen Erwartungen, die an sie gerichtet werden, gerecht zu werden.“ Und: „Das berufliche Selbstbewusstsein der Erzieher*innen bleibt weit hinter der Bedeutung der tatsächlich geleisteten bzw. zu leistenden Arbeit zurück.“)
Ebenso wenig geht es um eine direkte Vorbereitung für die Grundschule und auch nicht um ständig neue Förderprogramme! Es geht in erster Linie um eine achtsame Beziehungspflege in einer gegenwartsorientierten Pädagogik unter erster Berücksichtigung der Kinderwelten mit deren Ideen, Interessen und Unterstützungshilfen! Daher steht an erster Stelle die Frage, wie es zuvorderst und mit der Beobachtungs-, Spiel-, Engagement- und Beziehungskompetenz sowie der Lern- und Entwicklungsbereitschaft der Fachkräfte aussieht. Oscar Wilde, ein irischer Schriftsteller, hat einmal gesagt: „Persönlichkeiten, nicht Grundsätze, bewegen das Zeitalter.“
Eine bessere Fachkraft/Kind-Relation (eine Forderung, die schon seit drei Jahrzehnten im Raum steht und klipp und klar von der EU definiert wurde!)
Zusätzliche Mittel für weitere Qualitätsverbesserungen (z. B. Raum-/Ausstattungsqualität; Gelder für ein naturnahes und abenteuerorientiertes Außengelände …)
Einen deutlich höheren Fortbildungsetat (ich kenne Kitas mit 12 Angestellten, die einen Gesamtfortbildungsetat von 420 € haben!)
Regelmäßige Supervisionssitzungen für Mitarbeiter*innen und Coachingssitzungen für Leitungskräfte
Einen radikalen Abbau von bürokratischen Aufgaben, die Leitungskräfte und Erzieher*innen zu leisten haben
Mehr Zeit für eine qualitätsorientierte Vor- und Nachbereitungszeit
Eine trägerunabhängige (!) – wissenschaftlich fundierte Fachberatung für Kita-Mitarbeiterinnen und keine trägergeleiteten Vollzugsbeamtinnen
Ein Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht bei der Einstellung neuer Mitarbeiter*innen
Ein Mitarbeits- und Mitentscheidungsrecht bei träger-, landes- und bundespolitischen Richtlinien/Gesetzen, wenn es um elementarpädagogische Grundsätze/Entscheidungen geht
Eine erhöhte Wachsamkeit seitens der Erzieherinnen gegenüber bildungspolitischen Strömungen, die immer wieder wie Pilze aus dem Boden schießen und zumeist bzw. zudem nur punktuelle Symptomaspekte in den Fokus nehmen (Beispiel: die von den Landesregierungen vorgesehenen Sprachstandserhebungen, bei denen es um ein Zusatzangebot an „Sprachförderung für Kinder“ geht, anstatt dass im Sinne einer ganzheitlichen Pädagogik auf eine gelebte, beziehungspflegende Sprach- und Umgangskultur Wert gelegt wird, die sich zuvorderst als ein Anspruch an Erzieherinnen richtet!)
Eine zunehmend und dringend notwendige Teamarbeit, bei der alle Mitarbeiter*innen an einer real vorhandenen Teamkultur mitarbeiten und Konflikte/Probleme offen angesprochen und nachhaltig gelöst werden
Ein sozial-politisches Interesse sowie ein berufspolitisches Engagement auf Seiten der Erzieherinnen, um damit auch an der öffentlich notwendigen Erhöhung der Wertigkeit des Erzieherinnenberufs mitzuwirken und auch der Politik klarzumachen: Wir lassen uns nicht wie eine Schafherde bestimmen, was wirtschaftlich und politische Mandatsträger uns vorgeben und von uns fordern, sondern wir sind eine starke Lobby, die sich für Kinder und deren Entwicklungsrechte einsetzt und damit auch für eine humane, demokratisch geprägte Gesellschaft eintritt.
Querverweis – auch für Folgeinstitutionen, von der Schule über die Berufsschule bis zur Universität
So wie die Entwicklung kein Selbstläufer ist, so entwickelt sich auch kein Kind alleine aus sich selbst heraus! Der Mensch entwickelt sich immer auf der Basis von Beziehungen. Also entscheidet die empathische, zuverlässige und entwicklungsbegleitende Beziehungswelt über die Grundlage für eine Entwicklung: körperlich, kognitiv, seelisch, sozial und immunologisch.
Das trifft für Menschen allen Alters zu, so auch in der Krippen-, Kita-, Schul-, Berufs- und Hochschul-/Universitätswelt.
Lernende müssen daher – neben der Familie – in allen Einrichtungen, von der Krippe über die Schule, ihre Berufsausbildung bis zum Universitätsstudium die Möglichkeit haben, ihre Lernmöglichkeiten von Anfang an aktiv mitgestalten zu können.
Die Lernfelder müssen Raum und Zeit zur Erforschung der Lernfelder bieten, verbunden mit der Freiheit, selbst Suchende und Mitgestalter*innen zu sein.
Lernende müssen ihren Lernort als einen Sicherheit bietenden Ort, einen sicheren Hafen erleben, in dem sie Verbindungen und emotional positive Bezüge zu den „Mitlernenden“ (damit sind die sogenannten „Lehrenden“ gemeint) spüren können.
Lernende brauchen auch basal strukturierte Lernorte, die auch unstrukturierte, offene Lernräume beinhalten, um kreative Erkundungsmöglichkeiten zu entdecken, Selbstorganisation vornehmen und damit Selbstwirksamkeit aufbauen zu können. Erwachsene „Lehrende“ müssen lernen, „Wildnis“ in ihren Köpfen zuzulassen.
Lernende haben das Recht, dass sie als Persönlichkeiten von den „Lehrenden“ wahrgenommen werden.
Lernende brauchen ein Partizipationsrecht, thematisch in Frage kommende Projekte von A–Z mitzuplanen und zu gestalten.
Lernende müssen die Erfahrung machen dürfen, dass ihnen zugehört wird und dass auf ihre Vorschläge/Anmerkungen/Kritik eingegangen wird.
Jeder „Lernstoff“ sollte sowohl mit praktischen Umsetzungsmöglichkeiten vertieft als auch durch theoretische Informationen belegt und verstanden werden können.
Ausschlaggebend für alle Innovationen sind offen gehaltene, nur mit basalen Richtlinien erstellte Lehrpläne, die dann durch personen- und berufsmotivierte, engagierte, leidenschaftliche „Lehrende“ mit Grob- und Feinzielen spezifiziert werden können.
Abschlussgedanken
Kinder brauchen Persönlichkeiten, die sich durch Selbstbewusstsein, Leistungsfreude, Arbeitsmotivation, Kommunikationsfreude, Mut, Selbstfürsorge, Freude am Leben, Geduld, Verlässlichkeit, Zutrauen, sprachliche Kompetenz, Humor, Optimismus, Lernmotivation, Anstrengungsbereitschaft, Selbstreflexion und Perspektivziele auszeichnen.
Diese Persönlichkeiten sorgen für ein wertschätzendes, emotional warmes Beziehungsklima, eine fehlerfreundliche, Sicherheit vermittelnde Atmosphäre, eine positive Verstärkung bei Leistungsansätzen, für Klärungsimpulse bei Konfliktsituationen, für eine aktive Selbststeuerung, um Ziele zu erreichen. Sie sind wahrnehmungsoffen für neue Handlungsimpulse, orientieren sich an den Merkmalen einer Bildung aus I. Hand, sorgen für eine Selbstannahme der Kinder, legen Wert auf eine Kommunikation auf gleicher Augenhöhe, sind bewegungsaktiv (im Kopf und auch motorisch), realisieren eine partizipatorische Pädagogik, sind werte- und nicht normorientiert, sehen Probleme als spannende Handlungsherausforderungen an, denken und handeln inklusiv und zeigen jedweder Form von Kindeswohlgefährdung die „Rote Karte“. Sie legen großen Wert auf eine gepflegte Kommunikations-, Spiel-, Sprach- und Naturerlebniskultur (u. v. m.).
Ganz zum Schluss zwei Zitate:
Für alle Kinder Möge ihnen die Liebe und Zuwendung zuteilwerden, die sie verdienen. In ihren Händen liegt die Zukunft dieser Welt. Und für alle Erwachsenen, auf dass sie die Kinder so behandeln, wie es ihnen gebührt, denn sie können sich nicht wehren. (Vorwort in: Franz, Andreas: Tod des Lehrers. München 2004, S. 5)
Es gibt einen Weg, den keiner geht, wenn Du ihn nicht gehst. Wege entstehen, indem wir sie gehen. Die vielen, zugewachsenen Wege von ungelebtem Leben überwuchert. Es gibt einen Weg, den keiner geht, wenn Du ihn nicht gehst. Es gibt einen Weg, einen Weg, der entsteht, wenn Du ihn gehst. (Werner Sprenger)
Zum Themenschwerpunkt passende Literaturangaben
Armin Krenz:
Psychologie für Erzieherinnen und Erzieher. Grundlagen für die Praxis. Cornelsen Verlag Scriptor, Berlin/Düsseldorf/Mannheim, 3., erw. u. überarb. Aufl. 2017
Grundlagen der Elementarpädagogik. Unverzichtbare Eckwerte für eine professionell gestaltete Elementarpädagogik. Burckhardthaus Verlag, Körner Medien UG, München 2014
Entwicklungsorientierte Elementarpädagogik. Kinder sehen, verstehen und entwicklungsunterstützend handeln. Burckhardthaus-Laetare Verlag, Körner Medien UG, München 2014
Der Situationsorientierte Ansatz – auf einen Blick. Konkrete Praxishinweise zur Umsetzung. Burckhardthaus Verlag, Körner UG, München 2014
Armin Krenz / Frank Klein: Bildung durch Bindung. Frühpädagogik: inklusiv und beziehungsorientiert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2. Aufl. 2013
Elementarpädagogik aktuell. Die Entwicklung des Kindes professionell begleiten. Burckhardthaus Verlag, Körner Medien UG, München 2013
Elementarpädagogik und Professionalität. Lebens- und Konfliktraum Kindergarten. Grundsätze zur Qualitätsverbesserung in Kindertagesstätten. Burckhardthaus Verlag, Körner Medien UG, München 2013
Was Kinder brauchen. Aktive Entwicklungsbegleitung im Kindergarten. Cornelsen Verlag Scriptor, Berlin, 9. Aufl. 2018
Elementarpädagogische Grundsätze auf den Punkt gebracht. 20 PowerPoint-Präsentationen als Grundlage für Teambesprechungen, Fortbildungsveranstaltungen, Fachberatungen. Burckhardthaus Verlag, Körner Medien UG, Freiburg, November 2022
Spiel und Selbstbildung. Kitas brauchen eine pädagogische Revolution. Burckhardthaus Verlag, Körner Medien UG, Freiburg 2024
Berufsbild Erzieherin. Grundsatzgedanken zum Selbstverständnis eines sehr anspruchsvollen Berufs, Burckhardthaus Verlag, Körner Medien UG, Freiburg 2024
Pädagogische Haltung entwickeln und leben. Werte und Professionalität für pädagogische Fachkräfte. 50 Bildkarten für Erzieher*innen und Teams. Don Bosco Verlag, München 2025
Autor
Armin Krenz (Jg. 1952), Prof. h.c. Dr. h.c. Er hat zuletzt viele Jahre als Honorarprofessor für Elementarpädagogik und Entwicklungspsychologie an europäischen und außereuropäischen Universitäten und Instituten gearbeitet, zugleich Leitungskräfte, Trägerverbände und Kita-Teams in Fragen zur Qualität beraten und supervidiert sowie Fachtagungen, Seminare und Vorträge mit Schwerpunktthemen zur pädagogischen Prozess- und professionellen Personqualität durchgeführt. Er ist Autor zahlreicher Buchpublikationen und Fachartikel sowie regelmäßiger Fachbuchrezensent.
Prof. Armin Krenz hat diesen Vortrag für eine Online-Veranstaltung von Bildungswende JETZT! und Kitafachkräfteverband NRW verfasst und gehalten. Weitere Informationen zur Arbeit von Bildungswende JETZT finden Sie hier: www.bildungswende-jetzt.de
Online: Bildungskrise in der Kita erfordert radikale Kehrtwende
geschrieben von Redakteur | Februar 8, 2026
Einladung zur Veranstaltung von Bildungswende jetzt mit Armin Krenz am 18. September 2025
Die Realität in vielen Kindertageseinrichtungen hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschärft – nicht nur für pädagogische Fachkräfte, sondern vor allem für die Kinder selbst. Während der Ruf nach Qualitätsstandards, Evaluation und Konzeptentwicklung immer lauter wird, geraten die grundlegenden Bedürfnisse von Kindern zunehmend aus dem Blick. Was sie eigentlich brauchen – Beziehung, Sicherheit, Raum für Spiel, Selbstwirksamkeit und emotionale Entwicklung – wird im Alltag oft durch Bürokratie, Personalnot und institutionelle Routinen verdrängt.
Hinzu kommt: Viele Fachkräfte fühlen sich im Spannungsfeld zwischen fachlichem Anspruch und strukturellem Mangel zerrieben. Teams sind überlastet, Eltern schwer erreichbar, Ausbildungsstandards sinken. Qualifiziertes Personal denkt immer häufiger über einen Ausstieg nach. Gleichzeitig werden Quereinsteiger*innen eingestellt, oft ohne ausreichende pädagogische Qualifikation. Das Ergebnis: Eine Pädagogik, die Kindern in ihrer sensiblen Entwicklungsphase weder Stabilität noch verlässliche Begleitung bieten kann – mit allen bekannten Folgen für das kindliche Verhalten und die gesellschaftliche Zukunft.
Gegen diesen besorgniserregenden Trend setzt sich der renommierte Kindheitsforscher Prof. h.c. Dr. h.c. Armin Krenz mit Nachdruck zur Wehr. In einer aktuellen Onlineveranstaltung fordert er eine „radikale pädagogische Kehrtwende zurück zum Kind“ – weg von überakademisierten Konzepten, zurück zu einer beziehungsorientierten, kindzentrierten Praxis. Es brauche, so Krenz, endlich eine Bildungswende, die diesen Namen auch verdient: Keine Steuerung nach wirtschaftlichen Vorgaben, sondern eine konsequente Orientierung an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern.
Die Veranstaltung findet im Rahmen der bundesweiten Initiative „Bildungswende Jetzt“ in Kooperation mit dem Kitafachkräfteverband statt. Sie richtet sich an pädagogische Fachkräfte, Eltern, politische Entscheidungsträger*innen sowie alle, die sich für eine kindgerechte Bildungspolitik engagieren möchten.
Die Veranstalter rufen dazu auf, gemeinsam laut zu werden – für eine Bildungswende von unten: kindgerecht, beziehungsstark und menschenwürdig. Denn eines steht fest: Kinder sind keine Datenpunkte. Sie sind Menschen.
Wird 2024 zum Jahr der großen Bildungswende?
geschrieben von Redakteur | Februar 8, 2026
Die neue KMK Präsidentin will das Bildungssystem mutig verändern – was ihr entgegensteht
Die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Christine Streichert-Clivot (Foto), will das Bildungssystem mutig verändern. Gegenüber dem Deutschlandfunk erklärt die saarländische Bildungsministerin, dass man bereits begonnen habe, den Fokus auf den Erwerb von Basiskompetenzen zu legen. Das will sie gemeinsam mit den Akteuren aus dem Bildungssystem tun. Allein schaffe das die Schule ohnehin nicht. Es brauche eine Zusammenarbeit über die Ressortgrenzen hinaus. Helfen solle dabei das Startchancenprogramm, das ab Herbst nun endlich helfen solle, multiple Problemlagen zu lösen.
Laut Studien ist unser Bildugnssystem so schlecht wie nie zuvor
Irgendwie haben wir das alles schon mal gehört. Seit dem ersten PISA-Schock zur Jahrtausendwende gab es in regelmäßigen Abständen großartige Ankündigungen, dass sich nun alles bessern werde. Dabei ist offensichtlich kaum etwas besser geworden, sondern vieles schlechter. Belege dafür gab es im vergangenen Jahr genug. Mit Blick auf die Ergebnisse der PISA-, IQB- und IGLU-Studien zeigt sich deutlich, dass unser Bildungssystem zu einem leckenden Wrack verkommen ist.
An Kompetenz mangelt es nicht
Dabei mangelt es gar nicht am Wissen. Über die Entwicklung des Menschen und das Lernen ist fast alles bekannt. Auch mangelt es nicht an gelungenen Beispielen: Mit dem jährlich vergebenen Schulpreis gibt es aktuell über 100 Schulen zu bestaunen, in denen lehren und lernen bekanntlich gelingt. Was läuft auf Politikseite also schief, dass es trotz vielfältiger Bemühungen in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen ist, ein funktionierendes Bildungssystem aufzubauen?
Veränderung ist schwer und manchem zu schwer
„Veränderung ist am Anfang schwer, in der Mitte chaotisch und am Ende wunderschön“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Wer unser Bildungssystem nur ansatzweise kennt, weiß, wie schwer es ist, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Die Nutznießerinnen und Nutznießer des Systems sind nicht nur mächtig, sondern verteidigen es auch mit fast allen Mitteln. Die meisten Reformbemühungen von Politikseite scheitern schon im Ansatz, weil zahlreiche Politikerinnen und Politiker die Interessen ihres Klientels, das sie in ihrer Position stützt, vertreten. Es versteht sich, dass Kinder so gut wie nie zu diesem Klientel gehören. So ersticken schon die meisten sinnvollen Initiativen im Parteienstreit oder scheitern an der Bürokratie.
Expertentum statt Lobbyismus ist überfällig
Leider gilt der Spruch nicht: „Wem Gott gibt ein Amt, dem schenkt er auch den Verstand“. Die meisten Ministerinnen und Minister sind nicht vom Fach. Christine Streichert-Clivot hat etwa sieben Jahre lang Politikwissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaftslehre studiert, aber eben kein Lehramt oder Pädagogik. Das ist durchaus üblich. Schließlich geht es in diesem Amt erst mal darum, mit dem Ministerium klar zu kommen. Die Bildung kommt dann erst an zweiter Stelle.
Um diesen Nachteil auszugleichen, haben viele Politikerinnen und Politiker Fachberaterinnen und -berater. Leider verwechseln sie diese allzu leicht mit den Lobbyisten. So spricht Streichert-Clivot von den Akteuren aus dem Bildungssystem. Viele von diesen sind in Verbänden, Stiftungen oder Vereinen tätig, die keineswegs an erster Stelle die Interessen der Kinder und Jugendlichen vertreten. So ist etwa der didacta Verband kein Verband, der sich in erster Linie für eine gelungene Bildung oder Pädagogik engagiert. Als Verband der Bildungswirtschaft vertritt er die Interessen seiner Mitglieder und als Wirtschaftsunternehmen haben diese völlig legitim ihre Profitinteressen im Auge.
Gleiches gilt etwa für den Verband der Bildungsmedien oder – aus unserer Sicht – für die Stiftung Lesen, deren Mitglieder bzw. Stifterrat zum Großteil Wirtschaftsunternehmen sind. Auch die Gewerkschaften, der Realschullehrerverband oder der Philologenverband haben in erster Linie die Interessen ihrer Mitglieder im Auge und das sind eben nicht die Schülerinnen und Schüler. Gleiches gilt auch für die zahlreichen Bildungsträger, die oftmals zumindest die Interessen der Eltern berücksichtigen. In all den beschriebenen Vereinigungen gibt es zwar tatsächlich engagierte Menschen, die sich ehrlich für die Belange der Kinder und Jugendlichen einsetzen. Im Zweifel jedoch stehen die eigentlichen Interessen dieser Organisationen für den wirtschaftlichen Erfolg oder den Erfolg der Mitglieder an erster Stelle.
An den Früchten sollt ihr sie erkennen
Es bedarf schon einiger Mühe tatsächliche Expertinnen und Experten zu identifizieren, die vorwiegend darauf zielen, die Bildung von Kindern und Jugendlichen unterstützen wollen. An erster Stelle seien hier die tatsächlichen Forscherinnen und Forscher genannt, die sich leider nicht durch den Professoren- oder Doktortitel identifizieren lassen, sondern durch ihre konkrete Arbeit. Und diese leisten sie nicht auf Empfängen mit dem Sektglas in der Hand. Hier sollte der gesunde Menschenverstand helfen.
Auch der Deutsche Kinderschutzbund oder das Deutsche Kinderhilfswerk engagieren sich ehrlich für die Interessen der Kinder- und Jugendlichen, nur eben selten auf der Bildungsseite. Eine rühmliche Ausnahme bildet der Grundschulverband, der sich zum Ziel gesetzt hat, die berechtigten pädagogischen Interessen der Kinder zu vertreten.
Zu viel steht auf dem Spiel
Wer diese Prozesse versteht, der möchte manchmal einfach davonlaufen, kapitulieren oder schlimmeres tun. Schließlich skizzieren die oben beschriebenen Mechanismen einige Ursachen dafür, warum sich entweder nichts bewegt oder einfach in die falsche Richtung agiert wird. Andererseits gilt es, den kritischen Blick zu schärfen, um jenen besser auf die Finger zu schauen, die solche Prozesse in Gang setzen und durchführen. Den Ehrlichen wird es recht sein. Alle anderen mögen das gar nicht. Kneifen gilt aber nicht. Schließlich lassen sich die meisten Missstände in demokratischen Staaten auf einen Mangel an Bildung zurückführen. Der Schlüssel liegt also in einem menschengerechten, wertschätzenden, modernen Bildungssystem.
Es wird also spannend sein, zu beobachten, mit welchen Akteuren aus dem Bildungssystem Streichert-Clivot zusammenarbeiten will, und wo diese dann noch aktiv sind.
Veränderung bedeutet immer auch Widerstand
Die neue KMK-Präsidentin muss wirklich sehr mutig sein, wenn sie etwas nachhaltig zum Guten verändern möchte. Schließlich gilt es zunächst viele alte Zöpfe abzuschneiden, die in den vergangenen 30 Jahren nun schon kläglich versagt haben und uns in diese Katastrophe geführt haben. Das wird Ärger geben. Dabei wird sie zwar auf vielseitiges Verständnis stoßen, ehrliche Unterstützerinnen und Unterstützer zu finden, wird ihr dagegen schwerfallen. In jedem Fall sollte sie die Kinder und Jugendlichen hören und jene Akteure im Bildungssystem, die in den vergangenen Jahren den Schulpreis erhalten haben.
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