Viel Bildschirmzeit hemmt die Bildung des Wortschatzes bei Kleinkindern

Warum zu viel passives Schauen die frühe Sprachentwicklung begrenzen kann – und wie Eltern spielen, lesen und sprechen als Alternative nutzen können

Eine groß angelegte britische, staatlich unterstützte Studie mit 4 758 Kindern im Alter von etwa zwei Jahren zeigt, dass die Menge an täglicher Bildschirmzeit mit Unterschieden in der Wortschatzleistung korreliert: Kinder, die täglich etwa fünf Stunden Bildschirmzeit hatten, konnten im Test nur rund 53 % eines 34-Wort-Vokabularsets korrekt benennen, während Kinder mit deutlich geringerer Bildschirmzeit (etwa 44 Minuten täglich) etwa 65 % der Wörter wiedergeben konnten. Im Durchschnitt konnten alle zweijährigen Kinder in der Studie ungefähr 21 der 34 Wörter sagen, ein Wert, der sich nicht signifikant von früheren Jahrgängen (2017–2020) unterscheidet.

Neben diesem primären Befund hob die Studie hervor, dass 98 % der Zweijährigen täglich Bildschirme nutzen, durchschnittlich 127 Minuten pro Tag, was deutlich über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von maximal einer Stunde pro Tag für Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren liegt. Darüber hinaus spielten 19 % der untersuchten Zweijährigen Videospiele, sodass die tägliche Gesamtzeit vor Bildschirmen auf etwa 140 Minuten anstieg. Die Forscher stellten fest, dass bei den Kindern mit der höchsten Bildschirmzeit auch ein höherer Anteil möglicher emotionaler oder Verhaltensprobleme beobachtet wurde: Etwa ein Viertel aller Zweijährigen erreichte in einem standardisierten Screening Werte über dem Schwellenwert für potenzielle Schwierigkeiten.

Studiendesign: Wie wurde untersucht?

Die Analyse stammt aus dem Children of the 2020s (COT20s)-Projekt, einer langfristigen Kohortenstudie, die Kinder in England in verschiedenen Entwicklungsphasen begleitet. Die Datenbasis für die vorliegenden Ergebnisse ist eine zweite Erhebungswelle (Wave 2), bei der die Hauptbezugspersonen (meist Mütter) der Kinder einen Fragebogen ausfüllten, als die Kinder zwischen 24 und 28 Monate alt waren. Die Feldarbeit fand zwischen Oktober 2023 und Februar 2024 statt und erzielte eine Rücklaufquote von etwa 55 % der eingeladenen Teilnahmepersonen.

Die Messung der Sprachkompetenz erfolgte anhand eines standardisierten Fragebogens, des UK Communicative Development Inventory (CDI), bei dem geprüft wurde, wie viele von 34 altersgerechten Wörtern die Kinder benennen konnten.

Zusätzliche Faktoren und Kontext

Wichtig ist: Die Studie weistz keine direkte kausale Wirkung von Bildschirmzeit auf Sprachentwicklung nachweisen – sie zeigt Assoziationen bzw. Korrelationen, die weiterer Erforschung bedürfen. So spielen auch sozio-ökonomischer Hintergrund, familiäre Lernaktivitäten (z. B. gemeinsam Lesen oder spielerische Sprachförderung) und mentale Gesundheit der Bezugspersonen eine Rolle für Sprach- und Entwicklungsprofile im Alter von zwei Jahren.

Tatsächlich zeigen die Daten, dass Kinder mit häufigerem Vorlesen oder vielfältigen Lernaktivitäten im Zuhause im Durchschnitt größere Wortschätze hatten als Kinder mit weniger solcher Aktivitäten – der Einfluss dieser positiven Interaktionen war sogar größer als der der Bildschirmzeit allein.

Offizielle Empfehlungen zur Bildschirmnutzung der britischen Regierung geplant

Die Studie und die begleitenden Diskussionen der britischen Regierung betonen, dass Bildschirmzeit nicht per se komplett vermieden werden muss, aber dass passive Nutzung – insbesondere ohne Begleitung durch Erwachsene – die Zeit verringert, die Kinder für Gespräche, Spiel und gemeinsames Lesen mit Bezugspersonen haben. Solche Interaktionen sind laut Forschung wesentlich für die Sprach- und kognitive Entwicklung in den ersten Lebensjahren.

Vor diesem Hintergrund plant die britische Regierung, erstmals offizielle Empfehlungen zur Bildschirmnutzung für unter Fünfjährige zu veröffentlichen (geplant im April 2026). Diese sollen praktische Hinweise geben, wie Bildschirmnutzung sinnvoll in dialog- und spielbasierte Aktivitäten eingebettet werden kann, statt diese zu ersetzen.

Gemeinsamkeit statt Bildschirmzeit

Die britische Langzeitstudie liefert wichtige empirische Hinweise, dass hohe tägliche Bildschirmzeiten bei Zweijährigen mit geringerer Wortschatzleistung und möglichen Verhaltensauffälligkeiten einhergehen. Gleichzeitig unterstreicht sie, wie zentral qualitativ hochwertige häusliche Lernumgebungen, wie gemeinsames Lesen, Spielen und Sprechen, für den frühkindlichen Spracherwerb sind, und legt nahe, dass Bildschirmzeit nicht isoliert gesehen, sondern immer im Kontext familiärer Interaktion bewertet werden sollte.