Ganztagsschule: Eltern erwarten Betreuung und pädagogische Qualität

Laut einer Befragung des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation entwickelt sich der Ganztag zur zentralen Bildungs- und Familienstruktur

Kurz vor dem bundesweiten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter macht eine aktuelle Studie des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation deutlich: Eltern in Deutschland verbinden mit Ganztagsangeboten weit mehr als reine Betreuung. Während viele Familien vor allem auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf angewiesen sind, erwarten andere gezielte pädagogische Unterstützung, soziale Förderung und mehr Selbstständigkeit für ihre Kinder. Die Untersuchung zeigt außerdem erhebliche Unterschiede je nach Bildungsstand, Erwerbstätigkeit und Wohnort der Familien.

An der deutschlandweiten Befragung nahmen insgesamt 4.330 Eltern teil. Besonders häufig nutzen Alleinerziehende sowie Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen Ganztagsangebote. Familien mit nur einem erwerbstätigen Elternteil greifen dagegen seltener darauf zurück und geben häufiger an, keinen Betreuungsbedarf zu haben.

Deutlich wurden auch Unterschiede zwischen akademischen und nicht-akademischen Familien. Zwar melden beide Gruppen ihre Kinder ähnlich häufig im Ganztag an, die Erwartungen unterscheiden sich jedoch erheblich. Nicht-akademische Eltern erhoffen sich häufiger konkrete schulische Unterstützung. So wünschen sich 64,4 Prozent Hilfe bei Hausaufgaben und Lernbegleitung, während dies bei akademischen Eltern nur 51,7 Prozent tun.

Auch finanzielle Aspekte spielen eine Rolle. Eltern ohne akademischen Abschluss verzichten häufiger aus Kostengründen auf einen Ganztagsplatz. Gleichzeitig kritisieren akademische Eltern häufiger mangelnde Vielfalt der Angebote und zu wenig individuelle Förderung.

Ein weiterer Befund betrifft den Wohnort. In Städten nutzen 63 Prozent der Familien Ganztagsangebote, auf dem Land dagegen nur 56 Prozent. Gleichzeitig berichten Eltern in urbanen Regionen deutlich häufiger davon, keinen Platz gefunden zu haben.

Ganztag wird zur zentralen Bildungs- und Familieninfrastruktur

Die Ergebnisse zeigen, dass Ganztagsschulen für viele Familien inzwischen eine zentrale gesellschaftliche Infrastruktur darstellen. Sie dienen längst nicht mehr nur als Nachmittagsbetreuung, sondern übernehmen zunehmend auch Bildungs- und Förderaufgaben. Besonders Familien mit hohem organisatorischem Druck im Alltag sind auf verlässliche Angebote angewiesen.

Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, dass Eltern keine homogene Gruppe darstellen. Ihre Erwartungen an Ganztagsschulen hängen eng mit ihrer Lebenssituation zusammen. Während manche Familien vor allem stabile Betreuungszeiten benötigen, wünschen sich andere gezielte Förderung, soziale Erfahrungen oder Unterstützung beim schulischen Lernen.

Die Forschenden empfehlen deshalb, Eltern frühzeitig in die Planung neuer Ganztagsangebote einzubeziehen. Kommunen, Schulen und Träger müssten den Ausbau differenziert gestalten und sowohl Betreuungssicherheit als auch pädagogische Qualität berücksichtigen. Besonders wichtig sei dies angesichts des ab 2026 schrittweise geltenden Rechtsanspruchs auf ganztägige Förderung im Grundschulalter.

So wurde die Studie durchgeführt

Die Untersuchung wurde Ende 2024 im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Schule macht stark“ durchgeführt. Wissenschaftlich begleitet wurde das Projekt vom DIPF unter Leitung von Dr. Amina Kielblock. Die Forschenden befragten bundesweit 4.330 Eltern mithilfe eines standardisierten Fragebogens. Analysiert wurden Zusammenhänge zwischen familiären Merkmalen wie Erwerbstätigkeit, Bildungsabschluss oder Wohnort und der Nutzung von Ganztagsangeboten. Zudem wurden Gründe für oder gegen die Teilnahme erfasst.

Die Studie liefert dadurch einen breiten Überblick über aktuelle Erwartungen und Nutzungsmuster von Familien in Deutschland. Durch die große Teilnehmerzahl besitzt die Untersuchung eine hohe Aussagekraft. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass unterschiedliche soziale Gruppen systematisch miteinander verglichen wurden.

Allerdings handelt es sich um eine Befragungsstudie, die auf Selbstauskünften der Eltern basiert. Solche Angaben können subjektiv geprägt sein und geben keine direkten Aussagen über die tatsächliche Qualität einzelner Ganztagsangebote oder deren Wirkung auf Kinder. Zudem bleibt offen, ob bestimmte Gruppen möglicherweise unterrepräsentiert waren, etwa Familien mit geringen Deutschkenntnissen oder besonders belasteten Lebenssituationen.

Trotz dieser Einschränkungen bietet die Studie wichtige Hinweise für Bildungspolitik und Praxis. Sie verdeutlicht, dass der Ausbau der Ganztagsbetreuung nicht allein quantitativ gedacht werden darf. Entscheidend wird sein, wie gut die Angebote auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Familien abgestimmt werden.

Originalpublikation:

Kielblock, A.; Haas, T.; Kielblock, S. (2026). Betreuung und Bildung von Grundschulkindern. Perspektiven der Eltern. Bericht zur bundesweiten Elternbefragung zu Betreuung und Bildung von Grundschulkindern im Rahmen des ForschungsverbundsSchule macht stark – SchuMaS“. Frankfurt a. M.: DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.
https://doi.org/10.25656/01:35177




Eltern als Gatekeeper zwischen Berufswünschen und Stereotypen

Eltern haben stereotype Vorstellungen ihrer Kinder bei technischen und kreativen Berufen 

Unter den vorstellbaren Tätigkeitsbereichen für die berufliche Zukunft der eigenen Kinder zeigen sich bei einer Elternbefragung zum Girls’Day und Boys’Day unterschiedliche und eher geschlechterstereotype Präferenzen für Töchter und Söhne. Selbst bei gleichen Schulleistungen können Eltern sich technische Berufe, IT und Informatik für ihre Töchter signifikant seltener vorstellen als für ihre Söhne. Im Fach Kunst können sich Eltern andersherum ihre Söhne schlechter als ihre Töchter in künstlerischen Berufen vorstellen, selbst bei ähnlichen Leistungen in diesem Fach. 

Eltern bevorzugen akademische Berufe 

Das Ergebnis eines Berufe-Rankings legt nahe, dass Eltern für ihre Kinder akademische Berufe gegenüber Ausbildungsberufen präferieren. Sehr schlecht schneiden Pflegeberufe in der Einschätzung der Eltern ab: Ausschlaggebend sind hier aus Sicht der Eltern vor allem die schwierigen Arbeitsbedingungen in Kombination mit unzureichender Bezahlung. 

Eltern können sich Informatik besser für Söhne vorstellen  

In der Informatik sind die Schulnoten bei Mädchen und Jungen gleich (Durchschnittsnote: 2,1). Zwei von drei Eltern orientieren sich in ihren Bewertungen der Fähigkeiten ihrer Kinder an den Schulnoten. Bei den Töchtern allerdings denkt jedes fünfte Elternteil (21 Prozent), dass die Tochter zu gut bewertet wurde und ihre eigentlichen Fähigkeiten schlechter sind als die Schulnote. Das sind mehr als doppelt so viele wie bei den Elternteilen von Söhnen (9 Prozent).  

Hier setzen der Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag und der Boys’Day – Jungen-Zukunftstag an: „Auch Eltern sind für den Girls’Day und den Boys’Day eine ganz besonders wichtige Zielgruppe, da sie bei der Berufswahl ihrer Kinder oft die ersten Ansprechpartner*innen sind. Wenn wir es gemeinsam schaffen, mit stereotypen Rollenvorstellungen zu brechen, haben wir schon viel gewonnen“, sagt Tabea Schroer, Leiterin der Bundeskoordinierungsstellen Girls’Day und Boys’Day. 

Methodenskizze

Die Elternbefragung ist ein Forschungsvorhaben in Kooperation mit der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Institut für Erziehungswissenschaft. Es handelt sich um eine standardisierte Onlinebefragung von Eltern zum Thema der Beruflichen Orientierung ihrer Kinder. Die Rekrutierung der Eltern erfolgte im Anmeldeprozess zu den Aktionstagen Girls’Day und Boys’Day sowie über das Schneeballverfahren und eine Verbreitung des Links zur Befragung über die Netzwerke des Kompetenzzentrums und des Bundeselternrats. Befragungszeitraum: 28. März bis 13. Mai 2022, Anzahl erfolgreicher Interviews unter Eltern mit Kindern zwischen 10 und 20 Jahren: 1.599.

Hier finden Sie Materialien für Eltern zur Beruflichen Orientierung: 

Girls’Day für Eltern

Boys’Day für Eltern