Mathematik mit allen Sinnen erleben – Ein Mathe-Erlebnisraum für Grundschulen

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Wie Naturfilz, freies Entdecken und gemeinsames Ausprobieren Kindern helfen können, mathematische Zusammenhänge spielerisch zu begreifen und Freude an Mathematik zu entwickeln

Das Startchancen-Programm ist das bislang größte Bildungsprogramm der Bundesrepublik Deutschland zur Förderung benachteiligter Kinder und Jugendlicher. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Stärkung der Sprach- und Mathematikkompetenz. Genau hier setzt die Idee eines Mathe-Erlebnisraums an: Kinder sollen Mathematik nicht nur verstehen, sondern sie mit allen Sinnen erfahren und entdecken.

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Seit rund zehn Jahren arbeite ich in Workshops für Kinder und Erwachsene mit einer selbst entwickelten Mathe-Geo-Filzserie. Die Materialien sind inzwischen auch über unseren Kita-Shop erhältlich. Vorbild für die ersten Formen waren die früher in nahezu jedem Kindergarten vorhandenen Fröbel-Legematerialien.

Naturfilz eignet sich für diese Arbeit in besonderer Weise. Er besteht aus 100 Prozent Schafwolle, fühlt sich angenehm an, bleibt dauerhaft formstabil und ist auch für Kinder mit vielen Allergien gut geeignet. Produziert werden die Materialien vollständig in Deutschland.

Im Laufe der Jahre wurden die verschiedenen Sets immer wieder weiterentwickelt. Die praktische Arbeit zeigte schnell, welche Formen Kinder begeistern, zum Ausprobieren anregen und Erfolgserlebnisse ermöglichen – und welche sie zunächst eher überfordern. Dabei musste ich manche Erwartungen aus meiner Zeit als Erzieherin korrigieren. Viele Kinder bringen heute andere Voraussetzungen mit als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Freies Spielen nimmt im Alltag vieler Familien deutlich weniger Raum ein als früher. Dadurch fehlen manchen Kindern Erfahrungen, die sich unter anderem auf Konzentration, Ausdauer und räumliches Vorstellungsvermögen auswirken können. Deshalb wurden die Materialien für den Einstieg bewusst vereinfacht.

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So wirkt die Kombination aus rechtwinkligen und gleichschenkligen Dreiecken (Bild 1) zwar auf den ersten Blick besonders reizvoll, für viele Kinder ist sie als Einstieg jedoch noch zu anspruchsvoll.

Kinder entdecken mathematische Zusammenhänge häufig spielerisch und scheinbar ganz nebenbei. Oft genügt bereits eine einzige Form – beispielsweise ein gleichschenkliges Dreieck (Bild 2), um selbst zu erkennen, dass daraus mit sechs Dreiecken ein Sechseck oder eine Raute entstehen kann.

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Auch Kombinationen aus Quadraten und rechtwinkligen Dreiecken (Bild 3) laden zum Experimentieren ein und vermitteln Kindern ein wichtiges Gefühl:

„Ich habe es geschafft. Es ist etwas Tolles entstanden.“

Genau dieser Stolz weckt Neugier und motiviert zum Weiterlernen. Oder, wie ein altes Sprichwort sagt: Übung macht den Meister.

ich habe es geschafft kind ist stolz auf sein werk

Der erste Praxistest

Dass immer mehr Kindern bei der Einschulung mathematische Grundvoraussetzungen fehlen, beobachten inzwischen auch viele Grundschulen. Deshalb interessierten sich zunehmend Lehrkräfte für die Materialien. Gemeinsam mit zwei Grundschulen in Eisenhüttenstadt entstand schließlich die Idee eines Mathe-Erlebnisraums – eines Ortes, an dem Kinder spielerisch nachholen können, was ihnen häufig noch fehlt, und gleichzeitig die Freude an Mathematik wiederentdecken.

Dann war es endlich so weit: Die vierte Klasse der Erich-Weinert-Grundschule in Eisenhüttenstadt durfte in einer Doppelstunde ihren neuen Mathe-Erlebnisraum erobern.

Ganz fertig war der Raum zwar noch nicht. Geplant sind sechs Stationen für kleine Kindergruppen mit Arbeitsplätzen an Stehtischen, Knietischen und auf Teppichen. Durch den Wechsel der Körperhaltung soll mehr Bewegung in den Unterricht kommen und zugleich eine lernförderliche Atmosphäre entstehen.

Die Finanzierung der neuen Möbel und Teppiche muss allerdings noch mit dem zuständigen Schulträger abgestimmt werden. Die neuen Materialien standen jedoch bereits zur Verfügung und warteten auf ihren ersten Einsatz.

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Für den Praxistest stellte ich die Schülertische zu vier Arbeitsinseln zusammen. Mithilfe des Hausmeisters konnten kurzfristig zusätzlich zwei Teppiche organisiert werden. Die nach Themen sortierten Filzmaterialien, Montessori-Tabletts und Filzunterlagen luden die Kinder dazu ein, ohne Leistungsdruck, Noten oder feste Aufgaben mathematische Erfahrungen zu sammeln, Muster zu entdecken und kombinatorisches Denken zu entwickeln.

Ein weiterer Vorteil zeigte sich schnell: Beim entdeckenden Lernen treten Sprachbarrieren deutlich in den Hintergrund. Zahlen, die bei Kindern mit Schwierigkeiten im Mathematikunterricht häufig Unsicherheit auslösen, spielten zunächst überhaupt keine Rolle.

19 neugierige Viertklässler nahmen zunächst auf einem Teppich Platz.

Meine erste Frage lautete:

„Wer von euch hat Spaß an Mathematik?“

Gerade einmal drei Kinder meldeten sich. Doch das sollte sich schon wenig später ändern. Nach einer kurzen Einführung begannen die Teams an ihren Stationen selbstständig zu arbeiten. Schnell wurde deutlich, wie konzentriert und ausdauernd die Kinder bei der Sache waren.

Was die Kinder entdeckten

Während der Doppelstunde entstanden zahlreiche mathematische Entdeckungen – nicht durch Erklärungen der Lehrkraft, sondern durch eigenes Ausprobieren.

Die Kinder erfuhren,

  • dass sich das Kleine Einmaleins als Muster in einen Rahmen legen lässt,
  • dass aus zwei Halbkreisen durch Spiegelung ein vollkommen symmetrischer Kreis entsteht,
  • dass mit denselben Formen immer wieder neue Muster und Figuren entstehen können,
  • dass ein Tangram zwar aus sieben Teilen besteht, sich interessante Figuren aber auch mit drei, vier, fünf oder sechs Teilen legen lassen,
  • dass einfache, haptisch ansprechende Materialien die Fantasie anregen und eigene Lösungswege ermöglichen,
  • und dass sich sogar mathematische Gleichungen mit Formen darstellen lassen – ganz ohne Zahlen.

Für mich war dieser Vormittag ein voller Erfolg. Während der gesamten Doppelstunde arbeiteten alle Kinder konzentriert, motiviert und mit großer Freude. Am Nachmittag setzten wir uns mit den Mathematiklehrkräften der Schule zusammen und besprachen gemeinsam, wie der Erlebnisraum künftig im Unterricht eingesetzt werden kann.

Erfahrungen aus einer zweiten Grundschule

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Bereits einige Wochen zuvor konnte ich ähnliche Erfahrungen mit einer dritten Klasse der Diesterweg-Grundschule in Eisenhüttenstadt sammeln. Auch dort waren die geplanten Möbel für den Mathe-Erlebnisraum noch nicht genehmigt, sodass wir zunächst improvisierten.

Die Ergebnisse unterschieden sich jedoch kaum: Die Kinder arbeiteten mit großer Ausdauer, entwickelten eigene Lösungswege und hatten sichtbar Freude daran, mathematische Zusammenhänge selbst zu entdecken.

Diese Erfahrungen machen Mut. Sie zeigen, dass Kinder Mathematik mit Begeisterung erleben können, wenn sie ausreichend Zeit, geeignete Materialien und die Freiheit zum eigenen Ausprobieren erhalten.

Unsere Filzmaterialien aus 100 Prozent Naturfilz knüpfen an die früher weit verbreiteten Fröbel-Legematerialien an. Sie laden Kinder dazu ein, Muster zu legen, Formen zu vergleichen und mathematische Zusammenhänge handelnd zu erfahren.

Ähnlich verhält es sich mit den Fröbelbausteinen, die bereits im Spiel wichtige Grundlagen für mathematisches Denken und die Schulfähigkeit schaffen.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, bewährte pädagogische Ansätze neu zu entdecken. Denn Kinder lernen Mathematik nicht allein durch Erklärungen oder Arbeitsblätter. Sie lernen vor allem dann nachhaltig, wenn sie Zusammenhänge selbst entdecken, ausprobieren und verstehen dürfen.

Carola Piepiorra, zert. Trainerin nach DVWO-Richtlinien               

www.kita-schulung.de                  

Materialien unter: https://shop.kita-rundum.de/Spielmaterial/MINT-Foerdermaterial-Buecher/Naturfilz-Lernmaterial/




Wie Kinder wirklich forschen: Warum Förderprogramme oft scheitern

Neugier, Selbstwirksamkeit und eigene Wege – was Kinder für echtes Lernen brauchen und warum gut gemeinte Förderung häufig in die falsche Richtung führt

Kinder sind keine leeren Gefäße, die mit Wissen gefüllt werden müssen. Sie sind von Beginn an aktiv, neugierig und darauf ausgerichtet, ihre Umwelt zu verstehen. Dennoch dominiert in vielen Bildungskontexten noch immer die Vorstellung, Lernen lasse sich durch Anleitung, Programme und möglichst frühe Förderung optimieren. Genau diese Annahme führt regelmäßig in die Irre.

Denn Kinder lernen nicht durch Erklärungen, sondern durch Erfahrung. Sie erschließen sich ihre Welt, indem sie handeln, ausprobieren, scheitern und neu ansetzen. Was trivial klingt, wird im Alltag erstaunlich häufig übergangen.

Dass zu viel Erklärung echte Erkenntnis meist verhindert, gehört seit tausenden von Jahren zum Weltwissen der Menschheit- angefangen bei den chinesischen Weisen Laotzi und Konfuzius über Marcus Tullius Cicero bis hin in die moderne Neurowissenschaft.

Kinder sind von Anfang an Forschende

Wer Kinder beobachtet, erkennt schnell: Forschen beginnt lange vor Schule oder Kindergarten. Säuglinge treten in Beziehung zu ihrer Umwelt, reagieren auf Reize und testen erste Zusammenhänge. Sie lernen, indem sie handeln – nicht indem sie belehrt werden.

Mit wachsender Mobilität wird dieses Verhalten komplexer. Kinder greifen, vergleichen, wiederholen und variieren. Sie entwickeln Hypothesen und überprüfen diese durch eigenes Tun. Dieser Prozess ist hoch effizient, weil er an die innere Motivation gekoppelt ist.

Der oft zitierte Gedanke von Immanuel Kant, den eigenen Verstand zu nutzen, zeigt sich hier ganz konkret: Kinder tun genau das – sofern man sie lässt.

Vom Mythos der frühen Förderung

Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, dass Kinder möglichst früh systematisch gefördert werden müssten, um später erfolgreich zu sein. Sprachprogramme, Mathetrainings oder naturwissenschaftliche Angebote im Vorschulalter sollen Defizite vermeiden und Kompetenzen sichern.

Die Logik dahinter wirkt plausibel – ist aber verkürzt. Denn sie ignoriert, wie Lernen tatsächlich funktioniert. Wenn Inhalte vorgegeben, Wege festgelegt und Ergebnisse erwartet werden, wird der zentrale Motor von Bildung ausgeblendet: die Eigenaktivität.

Kinder lernen selbstständiges Denken nur, indem sie selbstständig denken. Wer ihnen ständig Lösungen präsentiert, reduziert die Notwendigkeit, eigene zu entwickeln. Dass gleichzeitig über mangelnde Selbstständigkeit oder geringe Anstrengungsbereitschaft geklagt wird, ist daher kaum überraschend – es ist eine direkte Folge dieser Praxis.

Autonomie ist kein pädagogisches Extra

Kinder haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Autonomie. Sie wollen nicht nur teilnehmen, sondern gestalten. Dieses Bedürfnis ist keine Phase, sondern ein zentraler Bestandteil menschlicher Entwicklung.

Wird es eingeschränkt – etwa durch permanente Anleitung oder durch überstrukturierte Lernangebote –, verliert Lernen an Tiefe. Kreativität, Problemlösefähigkeit und Forschergeist entstehen nicht durch Vorgaben, sondern durch Handlungsspielräume.

Der Pädagoge Friedrich Wilhelm Fröbel formulierte bereits im 19. Jahrhundert, dass Bildung aus dem Menschen heraus entwickelt werden müsse. Diese Perspektive steht im deutlichen Gegensatz zu vielen aktuellen Förderlogiken.

Neugier als Motor – und als Risiko

Neugier ist der Ausgangspunkt jedes Lernprozesses. Der Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau beschrieb Wissenschaft als einen neugierigen Blick auf die Welt – ein Bild, das sich unmittelbar auf Kinder übertragen lässt.

Doch Neugier ist fragil. Wird sie durch ständige Belehrung ersetzt, verliert sie an Kraft. Kinder, denen früh alles erklärt wird, stellen weniger Fragen. Sie gewöhnen sich daran, Antworten zu bekommen, statt sie zu suchen, und bemühen sich nicht mehr darum.

Auch Albert Einstein betonte, dass seine Stärke nicht in besonderer Begabung lag, sondern in anhaltender Neugier. Genau diese Haltung lässt sich bei Kindern beobachten – solange sie Raum dafür bekommen.

Lernen mit allen Sinnen

Kinder begreifen die Welt wörtlich. Sie müssen Dinge anfassen, bewegen, riechen, hören und sehen, um sie zu verstehen. Lernen ist ein körperlicher, sinnlicher Prozess.

Wird dieser durch abstrakte Vermittlung ersetzt, bleibt Wissen oberflächlich. Es fehlt die Verankerung in Erfahrung. Moderne neurobiologische Forschung bestätigt, dass nachhaltiges Lernen eng an aktive Auseinandersetzung gebunden ist.

Die Reformpädagogin Maria Montessori formulierte es präzise: Interesse entsteht dort, wo eigene Entdeckungen möglich sind. Ohne diese Möglichkeit verliert Lernen seinen inneren Antrieb.

Die Kunst des Begleitens

Wenn Kinder natürliche Forschende sind, verändert sich die Rolle der Erwachsenen grundlegend. Sie sind nicht primär Vermittler von Wissen, sondern Gestalter von Lernumgebungen.

Das bedeutet: beobachten, Raum geben, Impulse setzen – aber nicht vorwegnehmen. Für viele Erwachsene ist genau das die größte Herausforderung. Sie kennen die „richtige“ Lösung und müssen dennoch akzeptieren, dass Kinder ihren eigenen Weg dorthin finden.

Der Gedanke von Jean-Jacques Rousseau, dass Entwicklung Zeit braucht, ist dabei zentral. Eingriffe zur falschen Zeit können Lernprozesse eher stören als fördern.

Forschen geschieht im Spiel

Für Kinder ist Forschen kein didaktisches Format. Es ist Teil ihres Spiels. Ob Wasser umgefüllt, ein Turm gebaut oder ein Käfer beobachtet wird – all das sind komplexe Lernprozesse.

Diese Prozesse sind offen, nicht standardisiert und oft nicht planbar. Genau deshalb sind sie so wirksam. Sie verbinden kognitive, motorische und emotionale Erfahrungen zu einem ganzheitlichen Verständnis.

Der Schriftsteller Wilhelm Busch brachte es treffend auf den Punkt: Wer nur vorgegebene Wege geht, entwickelt keine eigenen. Für Kinder gilt das in besonderem Maß.

Bildung lässt sich nicht beschleunigen

Die Vorstellung, Lernen könne effizienter gestaltet werden, führt immer wieder zu neuen Programmen, Konzepten und Methoden. Doch Lernen ist kein linearer Prozess. Es verläuft in Schleifen, Umwegen und individuellen Rhythmen.

Versuche, diesen Prozess zu standardisieren, führen häufig dazu, dass genau das verloren geht, was Lernen wirksam macht: die persönliche Auseinandersetzung.

Kinder brauchen Zeit, um Zusammenhänge zu verstehen. Sie brauchen Gelegenheiten, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Und sie brauchen Erwachsene, die diesen Prozess aushalten.

Kinder forschen nicht nach Plan. Sie folgen ihrer Neugier, entwickeln eigene Fragen und finden individuelle Antworten. Bildungsprozesse, die das ernst nehmen, wirken oft unspektakulär – sind aber nachhaltig.

Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht darin, Kinder besser zu fördern, sondern sie sinnvoll zu begleiten und ihnen dabei weniger im Weg zu stehen.

Gernot Körner