KINDHEIT: Was stimmt, was stimmt nicht? Erziehungsmythen im Faktencheck

Erziehungsmythen in der Kleinkinderziehung auf dem Prüfstand
In der Pädagogik gibt es viele, so genannte Erziehungsmythen, die in der Kleinkinderziehung hartnäckig vorherrschen und sich generationsübergreifend in den Köpfen vieler Erwachsener festgesetzt haben. Z.B., dass Einzelkinder verwöhnt, egoistisch und weniger sozial kompetent sind als Geschwisterkinder. Oder dass Mädchen eher brav und Jungen eher wild sind, dass Schreibabys so genannte Problemkinder bleiben, dass Kinder im dritten Lebensjahr trocken sein müssen, dass man Babys auch mal schreien lassen muss, dass Kinder feste Schuhe brauchen, um laufen lernen zu können oder eine Kita-Betreuung der Bindung zu den Eltern schadet.
Insgesamt kommen in dem Buch von dem Entwicklungspsychologen und psychologischen Psychotherapeuten Prof. Dr. Tobias Schuwerk sowie der Bindungsforscherin und Entwicklungspsychologin Dr. Julia Berkic 22 ExpertInnen zu Wort, die sich entsprechend ihren Fachgebieten mit insgesamt 30 weitverbreiteten Erziehungsmythen auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes auseinandergesetzt haben, um genau zu prüfen, ob diese Mythen eine Annahmeberechtigung besitzen oder sich als komplett falsch erweisen. Dabei werden neue Schwerpunktbereiche berücksichtigt: Geschlecht und Geschlechterrollen, Sprachentwicklung, motorische Entwicklung, Bindung und Beziehung, Entwicklungsmeilensteine, Erziehungsfragen, Bedürfnisorientierung, außerfamiliale Betreuung und digitale Medien.
30 Erziehungsmythen im wissenschaftlichen Faktencheck
Jedes der 30 Kapitel nennt zunächst den Mythos. Dann folgen kurze Angaben zu der entsprechenden Expertin/ dem entsprechenden Experten. Anschließend wird der aktuelle Stand der Forschung zu diesem Mythos dargelegt, um schließlich der Frage nachzugehen, was dieser aktuelle Wissenschaftsstand für das Kind sowie die Bezugsperson(en) bedeutet. Es bleibt bei dieser Mythenbetrachtung aber auch nicht aus, dass es einige Mythen gibt, die durch Forschungserhebungen weder klar bestätigt noch unmissverständlich widerlegt werden können. Zu jeder Mythosbetrachtung finden sich am Ende des Buches jeweils umfangreiche Quellenangaben, die den LeserInnen die Möglichkeit geben, sich zusätzlich den Quellenangaben zuzuwenden. Zu den ExpertInnen gehören zum Beispiel u.a. die weit bekannten WissenschaftlerInnen Prof. Dr. Dr. Ahnert, Prof. Dr. Becker-Stoll, Prof. Dr. Fröhlich-Gildhoff, Dr. Renz-Polster, Prof. Dr. Rohrmann und Prof. Dr. Reck.
Warum es sich lohnt, Erziehungsmythen zu hinterfragen
Es ist wirklich überaus spannend (und natürlich sinnvoll), sich mit den in dem Buch vorgestellten, weitverbreiteten Mythen zu beschäftigen, um nicht selbst fachlich falsche Mythen als >gegebene Wahrheiten< weiter in sich zu tragen und auch weiterzugeben, sondern durch ein belegbares Hintergrundwissen eine professionelle Sichtweise zu besitzen, um wissenschaftliche Fakten zum Ausgangspunkt der eigenen Sichtweise zu machen sowie einer Entzauberung von Mythen – z.B. auch in Gesprächen mit KollegInnen und Eltern – entgegenzuwirken.
Fazit: Ein wertvolles Fachbuch über Erziehungsmythen
Dieses Buch bringt bedeutsame Fakten auf den Punkt, ohne sich in randständigen Einzelheiten zu verlieren. Es gibt nicht viele Fachbücher, die sich mit Erziehungsmythen auseinandersetzen. Dieses Buch ist daher ein regelrechter Schatz, der sicherlich für viele LeserInnen Klarheit im Dschungel pädagogischer Ansätze und Sichtweisen bringt.
Armin Krenz / Prof. h.c. Dr. h.c. et Hon.-Prof. f. Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik (a.D.)

Tobias Schuwerk / Julia Berkic
Kindheit: Was stimmt, was stimmt nicht?
Erziehungsmythen von Expert:innen gecheckt
ISBN: 978-3-407-86923-4
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG,
Weinheim 2026.
256 Seiten, 22,00 €