Geburten auf Rekordtief: Warum immer weniger Kinder geboren werden

Eine neue IW-Studie zeigt den dramatischen Geburtenrückgang. Befragungen von Frauen geben Hinweise darauf, warum Kinderwünsche unerfüllt bleiben können
In Deutschland wurden 2025 so wenige Kinder geboren wie seit 1946 nicht mehr. Nach den endgültigen Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen 654.241 Kinder zur Welt. Das waren rund elf Prozent weniger als 2015. Besonders ausgeprägt ist der Rückgang in den ostdeutschen Flächenländern: Dort sank die Zahl der Geburten innerhalb von zehn Jahren um etwa ein Drittel, bei Müttern mit deutscher Staatsangehörigkeit sogar um mehr als 40 Prozent.
Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor. Der Wirtschaftswissenschaftler Wido Geis-Thöne hat dafür die Entwicklung der Geburtenzahlen und der Zahl potenzieller Mütter untersucht. Seine Analyse macht deutlich: Die niedrigen Geburtenzahlen lassen sich nicht allein damit erklären, dass es weniger junge Frauen gibt. Auch die Häufigkeit von Geburten ist zurückgegangen. Was die Menschen dazu bewegt, eine Familiengründung aufzuschieben oder auf Kinder zu verzichten, lässt sich aus der Geburtenstatistik allerdings nicht unmittelbar ablesen.

Andere Untersuchungen geben darüber Aufschluss. Sie zeigen, dass hinter der Entscheidung für oder gegen Kinder sehr unterschiedliche Lebenssituationen und persönliche Vorstellungen stehen.
In Ostdeutschland fehlen zunehmend Frauen im Familiengründungsalter
In den ostdeutschen Flächenländern lebten 2025 rund 16 Prozent weniger Frauen im Alter von 25 bis 39 Jahren als noch 2015. In dieser Altersgruppe finden die meisten Geburten statt. Der Rückgang hängt unter anderem mit den geburtenschwachen Jahrgängen der 1990er-Jahre zusammen. Nach der deutschen Wiedervereinigung waren die Geburtenzahlen in Ostdeutschland stark eingebrochen. Die damals geborenen Kinder sind heute in einem Alter, in dem viele Menschen eine Familie gründen.
Damit wirkt die demografische Entwicklung der Nachwendezeit bis in die Gegenwart hinein. Allerdings ist die Zahl der Geburten im Osten mit etwa 33 Prozent ungefähr doppelt so stark zurückgegangen wie die Zahl der Frauen zwischen 25 und 39 Jahren. Bundesweit zeigt sich ein ähnliches Bild: Während die Zahl der Frauen dieser Altersgruppe zwischen 2015 und 2025 um gut ein Prozent zunahm, sank die Geburtenzahl um rund elf Prozent.
Auch die zusammengefasste Geburtenziffer ist gesunken. Im Jahr 2025 lag sie bundesweit bei 1,32 Kindern je Frau. In Ostdeutschland ohne Berlin betrug sie 1,22, in Westdeutschland 1,34.
Warum Frauen keine Kinder bekommen möchten
Die Geburtenstatistik zeigt, wie viele Kinder geboren werden. Sie sagt jedoch wenig darüber aus, weshalb Frauen und Männer sich gegen Kinder entscheiden oder eine Familiengründung verschieben. Hier liefert die repräsentative Untersuchung frauen leben 4 wichtige Erkenntnisse. Sie beschäftigt sich mit Familienplanung und Kinderwünschen im Lebensverlauf. Die Ergebnisse zeigen, dass es nicht den einen Grund für Kinderlosigkeit gibt. Vielmehr verändern sich die Motive mit dem Alter, der Partnerschaft, der beruflichen Situation und den bisherigen Erfahrungen.
In der Untersuchung nennen Frauen ohne konkreten Kinderwunsch unter anderem folgende Gründe, die gegen eine Schwangerschaft sprechen:
- 30 Prozent nennen finanzielle Gründe.
- 25 Prozent sehen unzureichende Möglichkeiten, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren.
- Jede vierte Befragte verweist auf eine fehlende oder krisenhafte Partnerschaft.
- 14 Prozent nennen gesundheitliche Bedenken.
Mehrfachnennungen waren möglich. Die Zahlen beschreiben somit unterschiedliche Belastungen und Lebensumstände, nicht voneinander unabhängige Gruppen. Bemerkenswert ist, dass viele Frauen keineswegs grundsätzlich gegen Kinder eingestellt sind. Häufig sprechen die gegenwärtigen Lebensbedingungen gegen eine Schwangerschaft.
Zukunftsängste beeinflussen die Familienplanung
Wie stark gesellschaftliche Unsicherheit die Familienplanung beeinflussen kann, zeigen regionale Ergebnisse der Studie frauen leben 4. In Berlin nennen 41 Prozent der befragten kinderlosen Frauen, die Gründe gegen Kinder angeben, große Sorgen um die Zukunft angesichts der zahlreichen Krisen. 38 Prozent nennen finanzielle Gründe, 35 Prozent partnerschaftsbezogene Gründe und 34 Prozent die größere Bedeutung beruflicher Pläne. In Niedersachsen geben 34 Prozent der entsprechenden Gruppe Zukunftssorgen an, 35 Prozent finanzielle Gründe und 31 Prozent partnerschaftsbezogene Gründe.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Entscheidung für Kinder nicht unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen getroffen wird. Wirtschaftliche Unsicherheit, internationale Krisen und Sorgen um die eigene Zukunft können bei der Familienplanung eine Rolle spielen. Allerdings lässt sich daraus nicht ableiten, wie stark diese Faktoren den bundesweiten Geburtenrückgang tatsächlich verursacht haben. Die Befragungen erfassen persönliche Einschätzungen und Motive, während die IW-Studie die demografische Entwicklung beschreibt.
Viele junge Frauen möchten Kinder – aber später
Ein weiterer wichtiger Befund: Kinderlosigkeit bedeutet nicht zwangsläufig, dass kein Kinderwunsch besteht. Die Untersuchung frauen leben 4 zeigt beispielsweise für Baden-Württemberg, dass 59 Prozent der kinderlosen Frauen zwischen 20 und 24 Jahren grundsätzlich Kinder möchten. Die meisten von ihnen planen eine Familiengründung allerdings erst in einigen Jahren. Nur zwölf Prozent der kinderlosen Frauen dieser Altersgruppe geben ausdrücklich an, keine Kinder zu wollen. Weitere elf Prozent sind unentschieden, 18 Prozent haben sich mit der Frage noch nicht beschäftigt.
Auch unter den 25- bis 29-jährigen kinderlosen Frauen möchten 60 Prozent Kinder bekommen, entweder bald oder zu einem späteren Zeitpunkt. Diese Ergebnisse widersprechen der pauschalen Vorstellung, junge Frauen hätten zunehmend kein Interesse mehr an Familie und Kindern. Vielmehr besteht häufig ein Kinderwunsch, dessen Verwirklichung von bestimmten Voraussetzungen abhängig gemacht wird. Das kann die berufliche Etablierung sein, eine stabile Partnerschaft, eine geeignete Wohnung oder die Aussicht, Familie und Erwerbstätigkeit miteinander vereinbaren zu können.
Zwischen Kinderwunsch und Wirklichkeit
Die Entscheidung, Kinder zu bekommen, ist für viele Menschen mit weitreichenden Veränderungen verbunden. Sie betrifft nicht nur die finanzielle Situation, sondern auch berufliche Perspektiven, die Partnerschaft und die persönliche Lebensgestaltung. Besonders für Frauen kann die Familiengründung weiterhin mit beruflichen Nachteilen verbunden sein. Schwangerschaft, Elternzeit und die häufig ungleiche Verteilung der Sorgearbeit wirken sich auf Erwerbsbiografien aus.
Zugleich ist eine verlässliche Kinderbetreuung für viele Familien Voraussetzung dafür, dass beide Elternteile berufstätig bleiben können. Die Ergebnisse der Befragungen zeigen, dass finanzielle Sicherheit und Vereinbarkeit wichtige Bedingungen für die Familienplanung darstellen. Sie erklären jedoch nicht sämtliche Entscheidungen. Manche Menschen wünschen sich unabhängig von den äußeren Umständen ein Leben ohne Kinder. Auch das ist eine eigenständige Lebensentscheidung.
Hinzu kommt, dass nicht jeder Kinderwunsch erfüllt werden kann. Gesundheitliche und biologische Faktoren sowie Schwierigkeiten, einen passenden Partner oder eine passende Partnerin zu finden, können ebenfalls eine Rolle spielen.
Weniger Geburten bedeuten langfristig weniger potenzielle Eltern
Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft dürfte sich der demografische Rückgang in den kommenden Jahren fortsetzen. Bis 2035 könnte die Zahl der Frauen zwischen 25 und 39 Jahren bundesweit um rund zehn Prozent sinken. Damit würde auch die Zahl potenzieller Mütter deutlich kleiner. Für Ostdeutschland erwartet die Untersuchung allerdings ab etwa 2030 eine allmähliche Veränderung. Dann erreichen etwas stärkere Geburtsjahrgänge das typische Familiengründungsalter. In Westdeutschland dürfte dieser Effekt später einsetzen.
Ob die Geburtenzahlen wieder steigen, hängt jedoch nicht allein von der Zahl der Frauen im entsprechenden Alter ab. Entscheidend ist auch, wie sich die tatsächliche Geburtenhäufigkeit entwickelt.
Verlässliche Kinderbetreuung und Planungssicherheit statt Kürzungen
Der IW-Forscher Wido Geis-Thöne sieht angesichts der Entwicklung politischen Handlungsbedarf. Niedrige Geburtenzahlen verringerten langfristig das Arbeitskräfteangebot und erschwerten die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme. Er fordert deshalb bessere Bedingungen für Familien. Dazu gehören insbesondere verlässliche Betreuungsangebote und finanzielle Planungssicherheit. Kürzungen bei familienpolitischen Leistungen, etwa beim Elterngeld, hält er für problematisch.
Die Ergebnisse der ergänzend betrachteten Befragungen unterstützen die Bedeutung solcher Rahmenbedingungen. Wenn Frauen finanzielle Unsicherheit oder mangelnde Vereinbarkeit als Hindernisse für eine Familiengründung nennen, sind verlässliche Unterstützungsangebote von besonderer Bedeutung. Dabei geht es nicht darum, Menschen zur Elternschaft zu bewegen. Entscheidend ist vielmehr, dass diejenigen, die sich Kinder wünschen, ihren Wunsch möglichst unabhängig von vermeidbaren wirtschaftlichen und organisatorischen Hindernissen verwirklichen können.
Die aktuelle Geburtenentwicklung wirft deshalb nicht nur eine demografische Frage auf. Sie lenkt den Blick auch darauf, wie familienfreundlich die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland tatsächlich sind.
Studien und Quellen
Wido Geis-Thöne (2026): Historischer Tiefststand bei den Geburten und keine Erholung in Sicht. IW-Kurzbericht Nr. 78/2026. Institut der deutschen Wirtschaft, Köln, 31. Oktober 2026.
Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG): frauen leben 4 – Familienplanung im Lebenslauf. Repräsentativbefragungen und Länderberichte, darunter Baden-Württemberg, Berlin und Niedersachsen, 2025.
Statistisches Bundesamt (2026): Geburtenstatistik 2025. Endgültige Ergebnisse zu Geburtenzahlen und zusammengefasster Geburtenziffer.