Bildungs- und Teilhabepaket: Warum so viele Kinder leer ausgehen

Himmel_und_Hoelle

Mehr als 80 Prozent der anspruchsberechtigten Kinder erhalten den Teilhabebetrag nicht. Fachleute fordern deshalb einen grundlegenden Neuanfang

Sechs Wochen Sommerferien. Viele Kinder kehren anschließend mit Geschichten vom Urlaub, vom Freizeitpark oder vom Zeltlager zurück. Andere erzählen wenig oder gar nichts. Nicht, weil sie nichts erlebt hätten, sondern weil das Geld für den Schwimmbadbesuch, den Sportverein oder den gemeinsamen Kinonachmittag fehlte.

Kinderarmut zeigt sich oft nicht zuerst im Klassenzimmer. Sie wird dort sichtbar, wo Kinder Freundschaften pflegen, gemeinsam spielen, Sport treiben oder kulturelle Angebote nutzen. Genau hier sollte das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) unterstützen. Doch 15 Jahre nach seiner Einführung verfehlt es ausgerechnet bei der sozialen Teilhabe sein Ziel.

Nach aktuellen Berechnungen der Bertelsmann Stiftung erhalten mehr als acht von zehn anspruchsberechtigten Kindern den monatlichen Teilhabebetrag überhaupt nicht. Von den sechs- bis unter 15-Jährigen im Bürgergeldbezug nehmen lediglich rund 18 Prozent die Leistung in Anspruch, bei den 15- bis unter 18-Jährigen sind es sogar nur zwölf Prozent.

Damit stellt sich die Frage, welchen Wert eine solche Sozialleistung haben soll, wenn sie den überwiegenden Teil der Kinder, für die sie geschaffen wurde, gar nicht erreicht.

Nicht der Bedarf fehlt – sondern der Zugang

Für die Bertelsmann Stiftung liegt die Ursache nicht darin, dass Familien die Unterstützung nicht benötigten. Vielmehr verhinderten komplizierte Antragsverfahren, unterschiedliche Zuständigkeiten und umfangreiche Nachweispflichten, dass viele Kinder ihre Ansprüche überhaupt wahrnehmen könnten. Hinzu kommt, dass es für manche anspruchsberechtigten Gruppen bis heute keine verlässlichen bundesweiten Daten gibt.

Antje Funcke, Familienexpertin der Bertelsmann Stiftung, bringt die eigentliche Problematik auf den Punkt: „Die geringe Nutzung liegt nicht daran, dass die Kinder keinen Bedarf hätten. Vielmehr ist der Betrag klein und der Weg dorthin sehr aufwendig.“

Die Stiftung fordert deshalb eine grundlegende Vereinfachung des Systems: Leistungen sollten möglichst automatisch ausgezahlt, Behörden besser vernetzt und die Höhe des Teilhabebetrags regelmäßig an den tatsächlichen Bedarf von Kindern und Jugendlichen angepasst werden.

Kinder erleben Ausgrenzung im Alltag

Der Deutsche Kinderschutzbund lenkt den Blick auf die Folgen für die Kinder selbst. Gerade in den Sommerferien werde soziale Ungleichheit besonders sichtbar, erklärt Bundesgeschäftsführer Daniel Grein. „Die Sommerferien sollten für alle Kinder eine Zeit der Erholung, der Freundschaften und der gemeinsamen Erlebnisse sein. Für Kinder in Armut werden sie stattdessen oft zu sechs Wochen, in denen sie besonders deutlich spüren, dass sie nicht dazugehören.“  Grein macht deutlich, dass Teilhabe weit mehr bedeutet als eine Vereinsmitgliedschaft oder Musikunterricht. „Kinder erleben Teilhabe nicht in den Kategorien von Antragsformularen und Vereinsbeiträgen. Teilhabe bedeutet auch, sich spontan mit Freundinnen und Freunden verabreden zu können, gemeinsam ins Freibad zu gehen oder sich etwas zu Lesen zu kaufen.“

Der derzeitige Teilhabebetrag von 15 Euro im Monat – umgerechnet rund 50 Cent pro Tag – werde dieser Lebenswirklichkeit kaum gerecht. Deshalb fordert der Kinderschutzbund neben einer deutlichen Erhöhung des Betrags vor allem eine automatische Auszahlung und mehr Freiheit bei der Verwendung der Mittel.

Auch die GEW sieht das System am Ende seiner Möglichkeiten

Dass grundlegende Reformen notwendig sind, betont auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Für Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze sind die aktuellen Zahlen mehr als ein Warnsignal: „Das Bildungs- und Teilhabepaket ist gescheitert. Nicht mal zwanzig Prozent der berechtigten Kinder und Jugendlichen bekommen den monatlichen Teilhabebetrag. Ausgerechnet bei der sozialen Teilhabe, dem Herzstück des Pakets, klafft die größte Lücke.“

Wie die Bertelsmann Stiftung sieht auch die GEW die Ursachen vor allem im bürokratischen Verfahren. Die Gewerkschaft fordert eine bedarfsgerechte pauschale Auszahlung und kritisiert, dass viele Familien die Beantragung als belastend oder sogar beschämend erleben.

Teilhabe ist kein Nebenschauplatz

Dabei geht es um weit mehr als um eine sozialpolitische Debatte. Zahlreiche entwicklungspsychologische und pädagogische Studien zeigen, dass Kinder soziale Kompetenzen, Selbstvertrauen und Zugehörigkeit vor allem dort entwickeln, wo sie mit anderen Kindern spielen, Sport treiben, musizieren oder gemeinsame Freizeit erleben können.

Wer dauerhaft ausgeschlossen wird, verzichtet nicht nur auf einzelne Aktivitäten. Oft fehlen Begegnungen, gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen, die für das Aufwachsen ebenso wichtig sind wie gute Bildungsangebote.

Genau deshalb erscheint die eigentliche Schwäche des Bildungs- und Teilhabepakets nicht allein die Höhe des Teilhabebetrags zu sein. Entscheidend ist vielmehr, dass das System seine Zielgruppe nur unzureichend erreicht. Wenn mehr als 80 Prozent der anspruchsberechtigten Kinder leer ausgehen, liegt das Problem nicht in erster Linie bei den Familien, sondern in einem Verfahren, das den Zugang unnötig erschwert.

Bertelsmann Stiftung, Deutscher Kinderschutzbund und GEW setzen deshalb unterschiedliche Akzente, kommen aber zu einem gemeinsamen Schluss: Kinder brauchen weniger Bürokratie und mehr Teilhabe. Denn Bildung endet nicht an der Klassenzimmertür. Sie entsteht auch auf dem Fußballplatz, in der Musikschule, im Schwimmbad oder überall dort, wo Kinder Gemeinschaft erleben und ihren Platz in der Gesellschaft finden.




Väter spielen mehr mit Kindern als sie sie versorgen

Gemeinsames Spielen macht Väter zufriedener – klassische Versorgungsaufgaben übernehmen sie deutlich seltener

Väter verbringen heute deutlich mehr Zeit mit ihren Kindern als frühere Generationen. Trotzdem zeigt sich im Familienalltag weiterhin eine klare Rollenverteilung: Während viele Väter gerne spielen, Ausflüge organisieren oder ihre Kinder ins Bett bringen, bleiben klassische Versorgungsaufgaben häufiger bei den Müttern. Genau diesen Unterschied untersucht eine aktuelle Studie des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung genauer – mit interessanten Ergebnissen für Familien, Politik und Arbeitswelt.

Die Untersuchung basiert auf Daten des internationalen „Generations and Gender Survey“ und analysiert, wie sich Väter in verschiedenen europäischen Ländern an der Kinderbetreuung beteiligen. Dabei zeigt sich ein auffälliges Muster: Besonders häufig übernehmen Väter interaktive und freizeitbezogene Tätigkeiten – also Aufgaben, die flexibel planbar sind und oft mit positiven gemeinsamen Erlebnissen verbunden werden. Dazu gehören vor allem gemeinsames Spielen, Freizeitaktivitäten oder das Zu-Bett-Bringen der Kinder.

Spielen gehört für viele Väter selbstverständlich dazu

Am deutlichsten wird dieses Muster beim gemeinsamen Spielen. In sieben von neun untersuchten Ländern ist dies die Tätigkeit, die Väter mindestens ebenso häufig übernehmen wie ihre Partnerinnen. Die Unterschiede zwischen den Ländern fallen dabei allerdings deutlich aus. In Norwegen geben sogar 95 Prozent der Väter an, mindestens ebenso oft wie die Mutter mit den Kindern zu spielen. In Deutschland liegt der Anteil bei immerhin 68 Prozent.

Die Forschenden sehen darin einen Hinweis darauf, dass sich die Vaterrolle in vielen europäischen Ländern verändert hat. Moderne Väter möchten emotional stärker präsent sein und aktiv Zeit mit ihren Kindern verbringen. Besonders interaktive Tätigkeiten ermöglichen Nähe, gemeinsame Erfahrungen und oft auch positive Rückmeldungen im Familienalltag.

Versorgungsaufgaben bleiben häufiger bei den Müttern

Anders sieht es allerdings bei klassischen Versorgungsaufgaben aus. Tätigkeiten wie das Anziehen der Kinder, die Essenszubereitung oder die Betreuung kranker Kinder werden deutlich seltener von Vätern übernommen. Gerade hier zeigen sich große Unterschiede zwischen den europäischen Ländern.

Während in Norwegen 80 Prozent der Väter angeben, sich mindestens ebenso häufig wie ihre Partnerinnen um kranke Kinder zu kümmern, liegt der Anteil in Deutschland nur bei 42 Prozent. In Tschechien sind es sogar lediglich rund 29 Prozent.

Auch bei anderen alltäglichen Versorgungsaufgaben landet Deutschland im unteren Bereich des europäischen Vergleichs. Die Studie deutet darauf hin, dass traditionelle Rollenbilder und arbeitsorganisatorische Strukturen weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Warum Spielen zufriedener macht als Pflegeaufgaben

Besonders interessant ist der Zusammenhang zwischen Kinderbetreuung und Lebenszufriedenheit der Väter. Laut Studie berichten Väter, die häufig mit ihren Kindern spielen, insgesamt über eine höhere Lebenszufriedenheit. Bei der Betreuung kranker Kinder zeigt sich dagegen eher ein gegenteiliger Effekt: Väter, die diese Aufgabe besonders häufig übernehmen, bewerten ihre Lebenszufriedenheit im Durchschnitt niedriger.

Die Forschenden erklären diesen Unterschied vor allem mit der zeitlichen Struktur der Aufgaben. Interaktive Tätigkeiten wie Spielen oder gemeinsame Freizeit lassen sich häufig flexibel in den Alltag integrieren – etwa nach Feierabend oder am Wochenende. Pflege- und Versorgungsaufgaben dagegen entstehen oft kurzfristig, sind zeitlich gebunden und schwer planbar.

Dr. Stefanie Hoherz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung erklärt dazu, dass versorgende Tätigkeiten häufig schwerer mit Erwerbsarbeit vereinbar seien. Genau hier entstehe für viele Familien ein erheblicher organisatorischer Druck.

Kinderbetreuung ist nicht gleich Kinderbetreuung

Die Studie macht deutlich, dass Kinderbetreuung keineswegs eine einheitliche Tätigkeit ist. Zwischen gemeinsamem Spielen und der Versorgung eines kranken Kindes liegen im Familienalltag oft völlig unterschiedliche Anforderungen. Während Freizeitaktivitäten häufig emotional positiv erlebt werden, erzeugen kurzfristige Betreuungsaufgaben oft Stress, Zeitdruck und Konflikte mit beruflichen Verpflichtungen.

Damit rückt auch die Frage nach familienfreundlichen Arbeitsbedingungen stärker in den Mittelpunkt. Die Forschenden betonen, dass flexible Arbeitszeiten und bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf entscheidend dafür sein könnten, dass Väter sich stärker an zeitgebundenen Versorgungsaufgaben beteiligen.

Die Vaterrolle verändert sich langsam

Die Ergebnisse zeigen gleichzeitig, wie stark sich Vaterbilder in Europa bereits verändert haben. Viele Männer verstehen sich heute nicht mehr ausschließlich als finanzielle Versorger, sondern möchten aktiv am Familienleben teilnehmen. Gemeinsames Spielen, emotionale Nähe und Freizeitaktivitäten mit den Kindern gehören für viele Väter inzwischen selbstverständlich zum Alltag.

Dennoch bleibt die Verteilung vieler unsichtbarer Alltagsaufgaben weiterhin ungleich. Gerade organisatorische, pflegende und zeitkritische Tätigkeiten werden nach wie vor häufiger von Müttern übernommen. Die Studie zeigt damit auch, dass Gleichberechtigung im Familienalltag nicht allein davon abhängt, wie viel Zeit Eltern mit ihren Kindern verbringen – sondern auch davon, welche Aufgaben sie konkret übernehmen.

Flexible Arbeitszeiten könnten Familien entlasten

Die Forschenden sehen deshalb vor allem Politik und Arbeitgeber in der Verantwortung. Familienfreundliche Arbeitsmodelle könnten dazu beitragen, dass sich Väter stärker an allen Bereichen der Kinderbetreuung beteiligen können – nicht nur an den angenehmen und flexiblen Aufgaben.

Denn moderne Vaterschaft bedeutet offenbar für viele Männer vor allem eines: präsent sein, Zeit verbringen und emotionale Beziehungen aufbauen. Damit aus gemeinsamer Freizeit aber tatsächlich eine gleichmäßigere Verteilung von Familienarbeit wird, braucht es laut Studie bessere strukturelle Rahmenbedingungen für Eltern im Alltag.