Kinder brauchen Chancen – Familien brauchen gute Lebensbedingungen

Gute Entwicklung hängt nicht nur von Eltern und Kitas ab. NEPS und UNICEF zeigen, wie stark Familie, Einkommen, Freiräume und Gesellschaft Kinder prägen

„Wir lassen die Kinder erstmal Kinder sein.“

Diese Haltung begegnete ARD-Korrespondent Thomas Spickhofen bei seiner Recherche in den Niederlanden immer wieder. Kinder spielen viel draußen, Erwachsene halten auf Spielplätzen eher Abstand und greifen nicht bei jeder Schwierigkeit sofort ein. Kinder sollen eigene Erfahrungen machen und früh selbstständig werden.

Das klingt zunächst nach einer Frage des Erziehungsstils. Doch der Blick auf den aktuellen UNICEF-Vergleich macht daraus eine gesellschaftliche Frage: Beim Wohlergehen von Kindern stehen die Niederlande auf Platz eins. Deutschland landet auf Rang 25. Beim psychischen Wohlbefinden belegen die Niederlande ebenfalls Rang eins, Deutschland Rang 21; bei den akademischen und sozialen Kompetenzen stehen die Niederlande auf Rang 11, Deutschland auf Rang 34.

Das beweist nicht, dass niederländische Kinder glücklicher sind, weil Eltern ihnen mehr Freiheiten lassen. Die UNICEF-Studie untersucht andere Zusammenhänge. Aber der Unterschied lenkt den Blick auf die entscheidende Frage: Unter welchen Bedingungen können Kinder gut aufwachsen?

Unterschiede zeigen sich schon mit zwei Jahren

Eine Antwort darauf liefert das Nationale Bildungspanel NEPS. Rund 3.500 Kinder der Startkohorte „Neugeborene“ werden seit ihrem ersten Lebensjahr begleitet. Forschende untersuchten unter anderem ihre sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung sowie die Interaktion mit ihren Eltern.

Ein Ergebnis fällt besonders auf: Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien verwendeten im Alter von zwei Jahren nach Angaben ihrer Eltern durchschnittlich rund 97 Wörter aus einer vorgegebenen Liste von 260 Wörtern. Gleichaltrige aus ressourcenreicheren Familien kamen auf 158. Dass Bildung lange vor der Schule beginnt, ist keine neue Erkenntnis. Interessanter ist, warum sich die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern schon so früh unterscheiden.

Dr. Manja Attig vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) und Prof. Dr. Sabine Weinert von der Universität Bamberg zeigen anhand der NEPS-Daten, wie wichtig feinfühlige und anregende Beziehungen sind. Als die Kinder sieben Monate, 17 Monate und zwei Jahre alt waren, wurden Eltern-Kind-Interaktionen in kurzen alltäglichen Spielsituationen auf Video aufgezeichnet und ausgewertet.

Nehmen Erwachsene die Signale des Kindes wahr? Reagieren sie angemessen? Sprechen sie mit ihm, greifen seine Interessen auf und regen es zum eigenen Tun an? Auch alltägliche Situationen wie das gemeinsame Betrachten eines Bilderbuchs können die Entwicklung unterstützen.

„Gute sprachliche Fähigkeiten ermöglichen den Kindern bessere soziale Kontakte“, sagt Weinert. Darüber hinaus erleichtern sie soziale Problemlösungen und die Regulation eigener Emotionen. Die naheliegende Konsequenz wäre: Eltern sollten mehr sprechen, vorlesen und gemeinsam mit ihren Kindern spielen. Doch das greift zu kurz.

Auch Eltern brauchen gute Bedingungen

Denn Eltern erziehen ihre Kinder nicht unter Laborbedingungen. Wie viel Zeit, Ruhe und Kraft sie für ihre Kinder haben, hängt auch von ihrem eigenen Leben ab.

Finanzielle Sorgen, Schichtarbeit, eine zu kleine Wohnung, fehlende Betreuungsmöglichkeiten oder mangelnde Unterstützung können den Familienalltag belasten. Das bedeutet keineswegs, dass Eltern mit wenig Geld weniger liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Die NEPS-Forschenden betonen ausdrücklich die großen Unterschiede innerhalb sozialer Gruppen.

Aber Belastungen können sich summieren. Die Auswertungen zeigen bereits im ersten Lebensjahr Zusammenhänge zwischen sozialen und ökonomischen Ressourcen und der frühen Lernumwelt. Besonders kritisch kann es werden, wenn mehrere Stressfaktoren zusammenkommen.

„Ziel muss es sein, allen Kindern gerechtere Bildungschancen zu ermöglichen“, fordert Manja Attig. Dazu gehört frühe Unterstützung für Familien in belastenden Situationen.

Doch Unterstützung darf nicht bei Erziehungsratschlägen stehen bleiben. Eine Beratung schafft keine größere Wohnung. Ein Elternkurs beseitigt keine Existenzangst. Und die Empfehlung, häufiger vorzulesen, verschafft erschöpften Eltern keine zusätzliche Stunde am Abend.

Wer bessere Bedingungen für Kinder schaffen will, muss deshalb auch die Lebensbedingungen ihrer Familien verbessern.

Ungleichheit reicht bis ins Kinderzimmer

Genau an diesem Punkt treffen sich die Ergebnisse des Nationalen Bildungspanels mit dem UNICEF-Bericht Unequal Chances: Children and economic inequality.

UNICEF hat die Situation von Kindern in 44 wohlhabenden beziehungsweise OECD-Staaten untersucht. Der Bericht zeigt, dass wirtschaftliche Ungleichheit mit schlechterer körperlicher Gesundheit, geringerem psychischen Wohlbefinden sowie schwächeren akademischen und sozialen Kompetenzen von Kindern verbunden ist.

Bo Viktor Nylund, Direktor von UNICEF Innocenti, bringt die Tragweite auf den Punkt: „Inequality profoundly affects how children learn, what they eat, and how they feel about life.“ Ungleichheit beeinflusst also, wie Kinder lernen, was sie essen und wie sie ihr Leben empfinden.

Besonders deutlich zeigt sich das bei den Bildungschancen: Im Durchschnitt der untersuchten Länder verfügen 83 Prozent der 15-Jährigen aus dem wirtschaftlich am besten gestellten Fünftel der Familien über grundlegende Kompetenzen in Mathematik und Lesen. Im wirtschaftlich schwächsten Fünftel sind es lediglich 42 Prozent.

Natürlich lässt sich daraus keine direkte Linie von den 97 Wörtern eines Zweijährigen zu dessen späterem Schulabschluss ziehen. NEPS und UNICEF untersuchen unterschiedliche Altersgruppen und Zusammenhänge.

Aber beide machen dasselbe Grundproblem sichtbar: Kinder wachsen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen auf – und diese Bedingungen beeinflussen ihre Entwicklungschancen.

Dabei ergänzen sich die Perspektiven. NEPS richtet den Blick auf die unmittelbare Beziehung zwischen Kind und Eltern. UNICEF zeigt die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen diese Beziehungen gelebt werden: Einkommen, Wohnen, Nachbarschaft, Schule, öffentliche Angebote und soziale Sicherheit.

Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen.

Was ist in den Niederlanden anders?

Damit lohnt der erneute Blick auf die Niederlande. UNICEF liefert keine einfache Erklärung für deren Spitzenplatz. Vor allem lässt sich aus dem Ranking nicht ableiten, dass eine bestimmte niederländische Erziehungsmethode Kinder automatisch glücklicher macht.

Die Beobachtungen aus dem ARD-Bericht sind dennoch interessant. Freiheit, eigene Erfahrungen und Selbstständigkeit haben demnach früh einen hohen Stellenwert. Kinder spielen viel draußen. Eltern greifen auf Spielplätzen eher später ein. Ein Kind darf auch einmal hinfallen – und herausfinden, wie es wieder aufsteht.

Auch das Bildungssystem setzt teilweise andere Akzente. Kinder besuchen ab etwa vier Jahren die Basisschule; erst mit ungefähr zwölf Jahren erfolgt der Übergang in unterschiedliche weiterführende Schulformen. Damit setzt der Selektions- und Leistungsdruck später ein als in Deutschland. Eigenverantwortung und soziale Kompetenzen spielen neben den klassischen Schulfächern eine wichtige Rolle.

Hinzu kommt die frühe Selbstständigkeit im Alltag. Das Fahrrad gehört für viele Kinder selbstverständlich dazu. Es ermöglicht ihnen, zunehmend eigene Wege zurückzulegen und ihren Lebensraum selbstständig zu erschließen.

Diese Beobachtungen erklären den ersten Platz der Niederlande nicht. Aber sie lenken den Blick auf einen Aspekt, der in der deutschen Bildungsdiskussion leicht untergeht:

Kinder entwickeln sich nicht nur durch Förderung. Sie entwickeln sich auch durch Freiheit.

Freiheit ist ebenfalls eine Frage der Chancen

Beim Spielen, Klettern, Bauen oder im Streit mit anderen Kindern müssen Kinder selbst Lösungen finden. Etwas gelingt nicht, ein zweiter Versuch wird nötig. Erwachsene sind erreichbar, übernehmen aber nicht sofort.

Solche Erfahrungen können Selbstwirksamkeit ermöglichen: Ich kann etwas bewirken. Ich kann etwas selbst schaffen.

Doch auch diese Freiheit ist sozial ungleich verteilt. Ein Kind in einem verkehrsberuhigten Wohngebiet kann vielleicht allein zu Freunden oder mit dem Fahrrad zum Sport fahren. Ein anderes lebt an einer viel befahrenen Straße. Das eine hat Garten und Kinderzimmer, das andere teilt sich ein Zimmer mit Geschwistern und findet vor der Haustür kaum Platz zum Spielen.

Deshalb können wir Entwicklungschancen nicht allein über das Verhalten von Eltern erklären. Auch Städtebau ist Bildungspolitik. Wohnungsbau ist Familienpolitik. Und Armutsbekämpfung ist Bildungspolitik.

Kinder brauchen Grünflächen und Spielplätze, Bibliotheken, Sportmöglichkeiten und öffentliche Orte, an denen sie sich aufhalten können, ohne etwas kaufen zu müssen. Sie brauchen sichere Fuß- und Radwege und Wohnviertel, die ihnen mit zunehmendem Alter eigenständige Bewegung ermöglichen.

UNICEF fordert entsprechend Investitionen in bezahlbaren Wohnraum, Infrastruktur sowie öffentliche Grün- und Freizeitflächen, insbesondere in benachteiligten Gebieten. Auch soziale Sicherungssysteme und Maßnahmen gegen Kinderarmut gehören zu den Empfehlungen.

Familien brauchen Zeit

Zu den entscheidenden Ressourcen gehört noch etwas anderes: Zeit.

Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören, mit ihnen sprechen, gemeinsam essen, vorlesen oder einfach da sind. Aber Zeit lässt sich nicht durch einen pädagogischen Ratschlag herstellen.

Arbeitszeiten, Einkommen, Kinderbetreuung und die Verteilung der Sorgearbeit bestimmen mit, wie Familien ihren Alltag gestalten können. Der ARD-Bericht verweist bei den Niederlanden auch auf verbreitete Teilzeitarbeit von Eltern und gemeinsame Mahlzeiten im Familienalltag.

Das niederländische Modell lässt sich nicht einfach auf Deutschland übertragen. Der Grundgedanke ist dennoch wichtig:

Wer von Eltern Zeit für ihre Kinder erwartet, muss Familien Bedingungen ermöglichen, unter denen diese Zeit überhaupt entstehen kann.

Hinzu kommt eine Entwicklung, die der Frage nach guten Lebensbedingungen für Familien zusätzliche Dringlichkeit verleiht: Immer weniger Kinder werden geboren. 2025 kamen in Deutschland 654.241 Kinder zur Welt – so wenige wie seit 1946 nicht mehr. Die zusammengefasste Geburtenziffer sank auf 1,32 Kinder je Frau. Ein Teil dieses Rückgangs ist demografisch bedingt, weil die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er-Jahre heute die Generation potenzieller Eltern bilden.

Doch das allein erklärt die Entwicklung nicht. Eine aktuelle Analyse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt, dass die Kinderwünsche vergleichsweise stabil geblieben sind, während ihre Verwirklichung häufiger aufgeschoben wird. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Unsicherheit spielt dabei eine Rolle. Wie wichtig die konkreten Lebensbedingungen sind, zeigt auch der Familienreport 2024: 2020 hielten 48 Prozent der Kinderlosen eine gute finanzielle Situation für eine wichtige Voraussetzung für Kinder, 2023 waren es bereits 61 Prozent.

Verlässliche Kinderbetreuung, bezahlbarer Wohnraum und finanzielle Sicherheit sind deshalb nicht nur wichtig für Familien, die bereits Kinder haben. Sie können auch dazu beitragen, dass Menschen vorhandene Kinderwünsche tatsächlich verwirklichen. Das Statistische Bundesamt weist selbst darauf hin, dass die Geburtenrate zwischen 2011 und 2016 unter anderem infolge „verbesserter Rahmenbedingungen für Familien mit Kindern“ von 1,39 auf 1,60 gestiegen war.

Gute Kitas brauchen selbst gute Bedingungen

Gerade weil Kinder unter so unterschiedlichen Voraussetzungen aufwachsen, haben Kitas eine besondere Bedeutung für die Chancengerechtigkeit.

Sie können Kindern Erfahrungen eröffnen, die nicht jedes Elternhaus in gleichem Maße ermöglichen kann: Bücher und Gespräche, Musik und Bewegung, Naturerfahrungen, gemeinsames Spiel, Freundschaften und das Leben in einer Gemeinschaft.

Doch auch hier entscheidet die Qualität der Bedingungen.

Wer von pädagogischen Fachkräften feinfühlige Beziehungen erwartet, muss ihnen Zeit dafür geben. Individuelle Begleitung braucht ausreichend Personal. Selbstständiges Spiel braucht Räume und Außengelände, in denen Kinder tatsächlich etwas ausprobieren dürfen.

Und wer erwartet, dass Kitas soziale Benachteiligung zumindest teilweise ausgleichen, darf sie mit dieser Aufgabe nicht alleinlassen. Eine überlastete Kita kann die Folgen schwieriger Lebensbedingungen nicht einfach wegfördern.

Chancengerechtigkeit ist mehr als Bildungspolitik

Aus den unterschiedlichen Untersuchungen ergibt sich damit ein gemeinsames Bild. Das Nationale Bildungspanel zeigt, wie wichtig frühe Beziehungen und Anregungen sind und wie früh soziale Unterschiede sichtbar werden. UNICEF zeigt, wie wirtschaftliche Ungleichheit mit Gesundheit, Wohlbefinden und Kompetenzen von Kindern zusammenhängt. Und der Blick in die Niederlande erinnert daran, dass zu einer guten Kindheit neben Sicherheit und Zuwendung auch Freiheit, Spiel und Selbstständigkeit gehören.

Daraus folgen konkrete Konsequenzen:

  • Kinder brauchen Zeit mit ihren Eltern. Also brauchen Familien Arbeitsbedingungen, die diese Zeit ermöglichen.
  • Kinder brauchen Sicherheit. Also brauchen Familien materielle Sicherheit und bezahlbaren Wohnraum.
  • Kinder brauchen gute Kitas. Also brauchen Fachkräfte ausreichend Personal, Zeit und gute Arbeitsbedingungen.
  • Kinder brauchen Bewegung und Selbstständigkeit. Also brauchen sie sichere öffentliche Räume und Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen.
  • Kinder brauchen faire Entwicklungschancen. Also ist Chancengerechtigkeit nicht nur Bildungs-, sondern ebenso Familien-, Sozial-, Arbeitsmarkt-, Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik

Wir wissen längst, dass Bildung mit der Geburt beginnt. Die schwierigere Frage lautet, welche Bedingungen wir Kindern und ihren Familien für diese Entwicklung bieten.

Eine gute Kindheit lässt sich weder verordnen noch durch immer neue Förderprogramme herstellen. Aber eine Gesellschaft kann die Bedingungen schaffen, unter denen sie möglich wird.

Quellen

  • Attig, Manja; Weinert, Sabine (2025): Wie frühe Eltern-Kind-Interaktionen die Entwicklung von Kindern beeinflussen. NEPS Forschung kompakt Nr. 2. Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), Bamberg.
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): Familienreport 2024. Berlin. Familienreport 2024
  • Friedrich, Carmen; Bujard, Martin (2025): Stabile Kinderwünsche trotz Geburtenrückgang. Werden Geburten wegen der Krisen aufgeschoben? Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), BiB.AKTUELL 6/2025. BiB: Stabile Kinderwünsche trotz Geburtenrückgang
  • Spickhofen, Thomas (2026): Was niederländische Kinder besonders glücklich macht. ARD/Tagesschau, 18. Mai 2026.
  • Statistisches Bundesamt (2026): Zusammengefasste Geburtenziffer sinkt im Jahr 2025 auf 1,32 Kinder je Frau. Pressemitteilung Nr. 230 vom 1. Juli 2026. Destatis: Geburtenziffer 2025
  • UNICEF Office of Strategy and Evidence – Innocenti (2026): Unequal Chances: Children and economic inequality. Innocenti Report Card 20, Florenz.



Kinderlosigkeit verändert unsere Gesellschaft – und den Blick auf Familie

Immer mehr Erwachsene entscheiden sich bewusst gegen eigene Kinder. Fachleute beobachten einen gesellschaftlichen Wandel, der auch Kitas und Grundschulen begegnet

Lange Zeit galt es als selbstverständlich, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen. Heute entscheiden sich jedoch immer mehr Menschen bewusst gegen eine Elternschaft. Besonders unter jüngeren Erwachsenen wächst die Akzeptanz eines kinderfreien Lebens. Gleichzeitig sorgt diese Entwicklung für intensive gesellschaftliche Diskussionen.

Die Zahlen verdeutlichen den Wandel: Nach vorläufigen Angaben wurden 2025 in Deutschland rund 654.300 Kinder geboren – so wenige wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Bereits 2022 lebten rund 9,5 Millionen Frauen zwischen 20 und 75 Jahren ohne eigene Kinder. Die Geburtenrate liegt derzeit bei etwa 1,38 Kindern pro Frau und damit deutlich unter dem Niveau, das langfristig für eine stabile Bevölkerungsentwicklung erforderlich wäre.

Dennoch betonen Fachleute, dass hinter diesen Zahlen individuelle Lebensentscheidungen stehen. Die Frage, ob Menschen Kinder bekommen möchten oder nicht, gehört zu den persönlichsten überhaupt.

Familie ist heute kein einheitliches Lebensmodell mehr

Nach Einschätzung der Psychologin Dr. Sarah Seidl von der SRH Fernhochschule verändert sich derzeit das Verständnis davon, was ein erfülltes Leben ausmacht. Während frühere Generationen häufig von einem klassischen Familienbild ausgingen, existieren heute zahlreiche unterschiedliche Lebensentwürfe.

Vor allem in Städten und unter jüngeren Erwachsenen werde ein kinderfreies Leben zunehmend akzeptiert. Partnerschaft, Freundschaften, berufliche Entwicklung oder persönliche Projekte gewinnen für viele Menschen an Bedeutung und werden ebenso als sinnstiftend erlebt wie eine Elternschaft.

Damit verändert sich auch das gesellschaftliche Bild von Familie. Pädagogische Fachkräfte erleben diese Vielfalt bereits heute im Alltag ihrer Einrichtungen. Kinder wachsen in sehr unterschiedlichen familiären Konstellationen auf – mit einem oder mehreren Elternteilen, in Patchworkfamilien, bei Großeltern oder mit Bezugspersonen außerhalb der klassischen Kernfamilie.

Wirtschaftliche Sorgen und hohe Erwartungen beeinflussen die Entscheidung

Die Gründe für ein bewusst kinderfreies Leben sind vielfältig. Nach Angaben der Psychologin spielen wirtschaftliche Unsicherheiten ebenso eine Rolle wie steigende Wohnkosten und die Sorge, Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können.

Hinzu komme ein gesellschaftlicher Wandel der Elternrolle. Viele Erwachsene erleben den Anspruch, gute Eltern sein zu müssen, heute als deutlich höher als noch vor einigen Jahrzehnten. Erziehung wird intensiv diskutiert, begleitet und bewertet. Dadurch wächst bei manchen Menschen die Unsicherheit, ob sie den eigenen Erwartungen und denen ihres Umfelds überhaupt gerecht werden können.

Für viele wird die Familienplanung deshalb zu einer Entscheidung, die sorgfältig abgewogen wird – und deren Ergebnis durchaus gegen eine Elternschaft ausfallen kann.

Persönliche Entscheidungen stoßen häufig auf Unverständnis

Obwohl kinderfreie Lebensentwürfe sichtbarer werden, erleben Betroffene nach wie vor kritische Nachfragen. Fragen wie „Bereust du das später nicht?“ oder „Wer kümmert sich im Alter um dich?“ gehören für viele Menschen zum Alltag.

Nach Einschätzung von Sarah Seidl greifen solche Fragen häufig tief in die Privatsphäre ein. Schließlich berühren sie persönliche Werte, Partnerschaft, Gesundheit oder sogar medizinische Hintergründe. Nicht jede kinderlose Person habe sich freiwillig gegen Kinder entschieden. Deshalb sei Zurückhaltung im Umgang mit diesem Thema angebracht.

Die Psychologin empfiehlt, persönliche Grenzen klar zu formulieren. Niemand müsse seine Lebensplanung gegenüber anderen rechtfertigen oder intime Entscheidungen erklären.

Soziale Medien machen neue Lebensmodelle sichtbar

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält das Thema durch soziale Netzwerke. Unter Hashtags wie #childfreelife oder #nokidsclub tauschen sich Menschen weltweit über ihre Erfahrungen aus und finden Gleichgesinnte.

Für den Medienwissenschaftler Dr. Thomas Bippes zeigt sich darin ein typisches Phänomen digitaler Kommunikation. Plattformen wie TikTok oder Instagram geben Lebensentwürfen Sichtbarkeit, die im direkten Umfeld oft wenig präsent sind. Aus einzelnen Erfahrungen entstehen Gemeinschaften, die sich gegenseitig unterstützen und ihre Perspektiven öffentlich machen.

Gleichzeitig warnt Bippes davor, Trends in sozialen Medien mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit gleichzusetzen. Algorithmen verstärken Inhalte, die Aufmerksamkeit erzeugen. Dadurch könne leicht der Eindruck entstehen, bestimmte Einstellungen seien wesentlich weiter verbreitet, als sie tatsächlich sind.

Vielfalt von Familien prägt auch den pädagogischen Alltag

Für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen steht weniger die Frage im Mittelpunkt, warum Erwachsene Kinder bekommen oder darauf verzichten. Entscheidend ist vielmehr, Kindern mit Offenheit und Wertschätzung zu begegnen – unabhängig davon, wie ihre Familie aussieht.

Pädagogische Fachkräfte begleiten heute Kinder aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten. Dazu gehören klassische Familien ebenso wie Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien oder Kinder, deren enge Bezugspersonen außerhalb einer traditionellen Kernfamilie leben.

Ein sensibler Umgang mit dieser Vielfalt stärkt Kinder darin, unterschiedliche Lebensformen als gleichwertig wahrzunehmen. Gleichzeitig hilft er dabei, Vorurteile abzubauen und gegenseitigen Respekt zu fördern. Gerade in Kita und Grundschule lernen Kinder früh, dass Familie viele Gesichter haben kann – und dass jedes Kind unabhängig vom Lebensentwurf der Erwachsenen Anerkennung und Zugehörigkeit verdient.

Quelle: Pressemitteilung der SRH Fernhochschule – The Mobile University; Aussagen von Dr. Sarah Seidl und Dr. Thomas Bippes.




Eltern unter Druck: Warum Bildungswettbewerb Geburten senkt

Eine neue Studie der Universität Mannheim zeigt: Nicht fehlender Kinderwunsch, sondern sozialer Vergleich und Bildungswettbewerb beeinflussen zunehmend, wie viele Kinder Familien bekommen

Viele Eltern wünschen sich grundsätzlich mehr Kinder. Dennoch entscheiden sie sich häufig dagegen. Der Grund liegt laut der Studie weniger in klassischen Faktoren wie Einkommen oder Betreuungsangeboten, sondern im gefühlten Zwang, jedem einzelnen Kind möglichst viel Zeit, Geld und Förderung bieten zu müssen – um mit anderen Familien „mithalten“ zu können.

Der Wettbewerb beginnt früh

Untersucht wurde, wie stark der Vergleich zwischen Eltern die Familienplanung beeinflusst. Besonders in Gesellschaften mit hohem Leistungsdruck im Bildungssystem – etwa dort, wo Prüfungen maßgeblich über Bildungs- und Lebenschancen entscheiden – steigt der Druck, intensiv in jedes Kind zu investieren. Je höher dieser Druck, desto eher reduzieren Eltern die Zahl ihrer Kinder.

Soziale Medien verstärken den Druck

Ein zusätzlicher Faktor ist die wachsende Bedeutung sozialer Medien. Idealbilder von perfekter Frühförderung, gesunder Ernährung und durchgeplanten Bildungsbiografien – häufig verbreitet durch sogenannte „Momfluencer“ – verstärken den Eindruck, dass nur maximale Investition gute Elternschaft bedeutet. Dieser permanente Vergleich kann Stress erzeugen und langfristige Entscheidungen beeinflussen.

Internationale Unterschiede

Besonders ausgeprägt ist der Effekt in Ländern wie Südkorea oder den USA. Dort investieren Eltern viel eigenes Geld in Bildung und Zusatzangebote – bei gleichzeitig niedrigen Geburtenraten. Innerhalb der USA zeigt sich zudem: In sozial stark vernetzten Regionen mit intensivem Vergleichsverhalten bekommen Familien im Schnitt weniger Kinder als in ländlichen Gegenden mit geringerem Wettbewerbsdruck.

Ein ökonomisches Modell erklärt den TrendI

m Zentrum der Untersuchung steht ein Modell, das simuliert, wie Eltern Entscheidungen über Kinderzahl und Investitionen treffen. Das Ergebnis ist eindeutig: Steigt der soziale Vergleich, steigt der Einsatz pro Kind – und sinkt die Kinderzahl. Ergänzende empirische Analysen stützen diesen Zusammenhang.

Ansatzpunkte für Politik und Gesellschaft

Aus Sicht der Forschenden könnten Reformen im Bildungssystem helfen, den Druck zu mindern – etwa durch weniger stark selektive Prüfungen oder den Ausbau öffentlicher Bildungs- und Förderangebote. Auch eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie viel Förderung sinnvoll und notwendig ist, könnte Eltern entlasten und realistischere Erwartungen fördern.

„Der gesellschaftliche Druck verändert, wie Familien über Kinder nachdenken – und wie viel Nachwuchs sie in Erwägung ziehen“, erklärt Michèle Tertilt, Mitautorin der Studie

Die Ergebnisse machen deutlich: Wer über sinkende Geburtenraten spricht, muss auch über Bildungsdruck, soziale Vergleiche und die Erwartungen an Elternschaft sprechen – denn sie beeinflussen Familienentscheidungen stärker, als lange angenommen wurde.

Originalpublikation:

Mahler, L., Tertilt, M., Yum, M. (2025). Policy Concerns in an Era of Low Fertility: The Role of Social Comparisons and Intensive Parenting: https://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2025/09/5_Mahler_Tertilt_Yum_unemba…
(Bei der Veröffentlichung handelt es sich um ein CRC Working Paper, das im Vorfeld der Brookings Papers on Economic Activity (BPEA)-Konferenz im Herbst 2025 entstanden ist. Die finale Fassung wird in der BPEA-Ausgabe im Frühjahr 2026 veröffentlicht.)




Willkommen im Club der Länder mit extrem niedriger Geburtenrate

Die niedrige Geburtenrate in den DACH-Regionen hat weitreichende Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft

Die offiziellen Statistiken des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass die Geburtenrate in Deutschland 2023 auf 1,35 Kinder pro Frau gesunken ist und weiter fällt. Damit gehören die Deutschen nun zu jenen, deren Geburtenrate laut der Definition der Vereinten Nationen mit „extrem niedrig“ (= < 1,4) eingestuft wird. Sie finden sich dabei in bester Gesellschaft. Die Schweiz und Österreich sind laut offiziellen statistischen Zahlen ebenfalls mit dabei. Dabei ist die Geburtenrate in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH) keineswegs am niedrigsten. Schlusslichter in Europa sind mit weniger als 1,2 Kindern pro Frau Italien und Spanien. Selbst im einst so kinderfreundlichen Frankreich ist die Zahl der Geburten pro Frau auf 1,8 gesunken. Im Vergleich bedeutet dies aber Klagen auf hohem Niveau.

Kinderwünsche aufgeschoben

„Ganz offenbar haben die Coronakrise, der Ausbruch des Krieges in der Ukraine und die nachfolgenden Realeinkommenseinbußen aufgrund hoher Inflation viele junge Familien dazu bewogen, mögliche Kinderwünsche erst einmal aufzuschieben“, sagt Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) Niederlassung Dresden. „Das Gebärverhalten, ausgedrückt durch die Geburtenrate, hat sich in den vergangenen drei Jahren massiv verändert. Sie liegt aktuell nur noch bei 1,35 Kindern je Frau, während es 2021 noch 1,58 Kinder je Frau waren.“

Ein weiterer Teil der Erklärung ist, dass in Ostdeutschland die Zahl der Frauen im Alter zwischen 27 und 36 Jahren stark rückläufig ist. Auf sie entfallen aber die meisten Geburten. Die Analyse zeigt, dass der Rückgang der Geburtenrate bereits 2015 eingesetzt hat, sich zuletzt aber deutlich beschleunigt hat. „Insgesamt wurden in den Jahren 2022 und 2023 fast 80.000 Kinder weniger geboren, als es zu erwarten gewesen wäre“, fügt Ragnitz hinzu.

Genaue Analyse zur Vermeidung von Fehlentscheidungen

Ob es sich dabei um vorübergehende oder dauerhafte Veränderungen der Familienplanung handelt, lässt sich anhand der bislang vorliegenden Daten nicht sagen. „Die Politik wäre aber gut beraten, diese Entwicklungen genauer zu beobachten, auch um mögliche Fehlentscheidungen beim Ausbau von Kita-Betreuung und Schulversorgung zu vermeiden“, sagt Ragnitz weiter.

Dabei stellen sich in Deutschland laut einer Publikation des Bundesfamilienministeriums 90 Prozent der jungen Leute ein Leben mit Familie und Kindern. Im Durchschnitt wären das 1,8 Kinder. Das Alter der Erstgebärenden liegt in Deutschland bei 31,4 Jahren (31,1 Jahre im EU-Durchschnitt). In Spanien, Irland und Italien sogar über 32 Jahre. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für das zweite oder gar das dritte Kind, was aus gesellschaftlicher Sicht durchaus wünschenswert sein sollte. Schließlich liegt die Reproduktionsrate einer Bevölkerung bei 2,1.

Abhängigkeit von Leitbildern und Wervorstellungen

Doch offensichtlich hat der Kinderwunsch in vielen europäischen Ländern nicht mehr die Priorität wie in früheren Zeiten. Das Bundesfamilienministerium legt den Finger in die Wunde, wenn es hier heißt: „Die persönliche Entscheidung für Kinder ist sicherlich abhängig von den Leitbildern und Wertvorstellungen innerhalb einer Gesellschaft sowie vom Grad des Optimismus bzw. Pessimismus insgesamt.“

Und diese Wertvorstellungen sehen aktuell eben anders aus. Schließlich bedeutet Erfolg heutzutage vornehmlich wirtschaftlicher oder auch finanzieller Erfolg. Daran orientieren sich junge Menschen selbstverständlich. Dabei stehen nicht nur hedonistische Gründe im Vordergrund. Schließlich sollen Kinder einen optimalen Start ins Leben haben.

Lebenschancen ohne Kinder deutlich verbessert

Während aber die Rahmenbedingungen und die finanzielle Unterstützung trotz einiger Verbesserungen noch immer bedenklich schlecht sind und damit auch eine Art der Wertschätzung durch Gesellschaft und Politik widerspiegeln, steigen die Lebenschancen und der Lebenskomfort junger Menschen rasant bei einem Verzicht auf Kinder und Familie. Wer denkt da schon über Jahre hinweg, wenn die Vereinzelung und damit die Einsamkeit droht. Diese gilt mittlerweile als hohes Lebensrisiko, schlimmer als Rauchen oder Übergewicht. Schwere Krankheiten und damit eine größere Belastung des Gesundheitssystems zählen heute zu den Folgen.

Schließlich haben die Kinder selbst ein einschneidendes Erlebnis am eigenen Leib erlebt: Denn während ihrer Kindheit musste sich ihre Familie meist finanziell stark einschränken, die Eltern waren gehetzt, um Beruf und Kinderbetreuung zu koordinieren. Dabei hat letztere meist schlecht funktioniert und die Schule war für viele kein nachhaltig positives Erlebnis. Und kaum sind die Kinder aus dem Haus, bekommen die Eltern auch noch die magere Unterstützung durch Staat und Gesellschaft entzogen und haben nach Jahren des Verzichts während der „Familienphase“ nun auch keine Chance mehr, ihre Altersversorgung aufzubessern, die sie sich während der Familienphase kaum leisten konnten. Für Kinder von Alleinerziehenden ist diese Erinnerung bezüglich Finanzen und Familienstress meist noch viel größer. Freilich, Eltern und Kinder hatten dieses tolle Familienerlebnis. Aber dieser Softskill erscheint vielen doch viel zu teuer.

Jahrzehntelanges Versagen zeigt seine Folgen

Dabei hat sich die Situation seit Jahrzehnten angekündigt, während in Frankreich Familien ab dem dritten Kind auf Lebenszeit von der Einkommenssteuer befreit, kostenlosen Zugang zum öffentlichen Verkehr erhielten und geförderte Kinderprodukte erwerben können, lässt sich in Deutschland das Versagen der Familienpolitik mit dem kurzsichtigen Ausspruch des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer plakativ aufzeigen. Dieser meinte „Kinder kriegen die Leute immer“. Zwar war das nicht der einzige aber wohl fatalste Irrtum des Kanzlers, dessen Folgen wir über Jahrzehnte hinweg mit einer missachtenden Familienpolitik und dem damit einhergehenden Geburtenrückgang zu spüren bekommen haben.

Die Folgen spüren wir längst durch den Mangel an Fachkräften in der Wirtschaft, durch den der Druck auf Familien weiter wächst. Schließlich sollten heute alle Eltern auch beruflich zu 100 Prozent arbeiten, damit die Misere nicht weiter zunimmt. Ein Wandel ist nicht in Sicht. Schließlich können die ohnehin seit Jahrzehnten schwachen Geburtenjahrgänge nicht für eine Zunahme der Bevölkerung sorgen. Wir brauchen also Zuwanderung aus vielen Ländern der Erde und müssen schon im Eigeninteresse dafür sorgen, dass Menschen, die zuwandern erfolgreich integriert werden.

Wunsch und Wirklichkeit

Wunsch und Wirklichkeit klaffen hier jedoch weit auseinander. Und der Blick auf die kommende Bundestagswahl, bei der im wahrscheinlichsten Fall eine Partei die Regierung führen wird, deren Kanzlerkandidat in den Spitzenverdienern des Landes auch die Leistungsträger der Gesellschaft sieht, verheißt nichts Gutes.

Die Folgen häufen sich stattdessen. Denn das Schrumpfen der Erwerbsbevölkerung bremst das Wirtschaftswachstum und belastet die so die Sozialsysteme, zu denen eben die Normalverdienenden mehr leisten als die Superreichen. Der Rückgang der Kinderzahl ist natürlich in Bereichen der Wirtschaft am spürbarsten, der sich Konkret am Bedarf von Kindern orientiert. Schließlich hat sich die Zahl der Geschäfte für Baby- und Kinderbedarf seit 2010 halbiert. Wer Kinder hat, weiß, dass diese sehr schnell groß werden. Es wird also nicht lange dauern, bis dies auch in vielen weiteren Bereichen der Wirtschaft spürbar wird.

Was historisch eine Kleinigkeit ist, kann für die Gesellschaft die Katastrophe sein

Historisch betrachtet durchlaufen wir hier eine gesellschaftliche Phase, die vermutlich irgendwann von selbst wieder ins Lot kommen wird. Das kann Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte dauern. Im Lauf der jahrhunderttausende alten Menschheitsgeschichte ist das eine Kleinigkeit. Für die heute lebenden Menschen dagegen vielleicht bald schon eine Katastrophe. Allerdings liegt es auch an diesen selbst, bessere Verhältnisse zu schaffen und den Lauf der Geschichte positiv zu beeinflussen.

Vermutlich brauche es, sagt der ifo-Experte Joachim Ragnitz im Gespräch mit der Deutschen Welle , auf jeden Fall ein grundlegendes gesellschaftliches Umdenken. Er nennt ein konkretes Beispiel: „Heutzutage gibt es Hotels, die werben damit, dass es bei ihnen keine Kinder gibt. Da steckt grundsätzlich ein Bild von störenden Kindern dahinter.“ Deshalb müsse sich die Gesellschaft insgesamt der Frage stellen, wie sie mit Kindern und mit Familien umgehe und was sie dafür materiell und ideell tun wolle.

(Quellen: Statitisches Bundesamt, Statista, Deutsche Welle, Pressemitteilung ifo-Insitut)

Gernot Körner




Die Kinderfreundlichkeit wächst

Hand

Geburtenrate innerhalb von zehn Jahren um fast 100.000 Neugeborene jährlich gewachsen

Die Geburtenrate steigt und der Staat hat in den vergangenen Jahren einiges in gute Rahmenbedingungen für Familien investiert, wie beispielsweise den Ausbau der Kinderbetreuung. Dieses staatliche Engagement ist auch bei den Bundesbürgern gut angekommen. Das hat die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen in einer repräsentativen Umfrage mit 3.000 Bundesbürgern im April 2021 festgestellt

Zustimmungswert verdoppelt – Mehrheit hat aber immer noch negatives Bild

Im Zehn-Jahres-Vergleich hat sich der Zustimmungswert sogar mehr als verdoppelt. Waren es 2011 noch 21 Prozent, die einen positiven Trend bei der Kinderfreundlichkeit erkannten, stimmten dem 2021 rund 47 Prozent zu. Mehr als die Hälfte der Befragten sind jedoch der Meinung, dass Deutschland kein kinderfreundliches Land ist. Obwohl mit 773.200 Neugeborenen in 2020 die Zahl der Geburtenrate gegenüber 2011 um fast 100.000 gestiegen ist, spricht für viele noch immer einiges gegen einen Familiengründung. Hauptgrund sind die hohen Kosten, die mit Kindern entstehen (52 Prozent).

Gefahren für Karriere und Existenz

Gefahren für ihre berufliche Karriere durch die Geburt eines Kindes fürchten (47 Prozent). 45 Prozent halten die staatlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für ungünstig, während sich 43 Prozent Sorgen um eine sichere Zukunft ihres potenziellen Nachwuchses machen. 33 Prozent fehlt einfach der richtige Partner, 20 Prozent finden den richtigen Zeitpunkt nicht, 18 Prozent sehen keinen erfüllenden Lebensinhalt in Kindern und 17 Prozent fürchten, dass ihr Kind nur mit einem Elternteil aufwachsen würde. Im Vergleich zum Jahr 2011 sind aber die Vorbehalte gegen eine Familiengründung durchweg zurückgegangen. So nimmt auch die Zahl der Scheidungen (2010: 187.640; 2020: 149.010) kontinuierlich ab, während die Anzahl von Eheschließungen zunimmt (2010: 187.027; 2020: 373.300). Die Wahrscheinlichkeit sich scheiden zu lassen, sank demnach von 50 Prozent auf 36 Prozent. So überrascht es auch nicht, dass für 84 Prozent der Bundesbürger Kinder und Familie ein besonders wichtiger Bestandteil für die eigene Lebensqualität sind.
Quelle: Mehr dazu: http://www.zukunftserwartungen.de/…/deutschland-wird…