Lesen beginnt im Körper: Wie Bewegung das Lernen unterstützen kann

Bewegung beeinflusst Gehirn, Aufmerksamkeit und Sprache. Doch macht sie Kinder auch zu besseren Lesern? Die Forschung liefert überraschende Antworten

Kinder lernen mit dem ganzen Körper. Bewegung beeinflusst die Arbeit des Gehirns, schafft Sprachanlässe und kann helfen, Wörter mit Erfahrungen zu verknüpfen. Aber macht sie Kinder deshalb auch zu besseren Leserinnen und Lesern? Die Forschung gibt darauf eine differenzierte Antwort.

Ein Kind läuft durch den Raum. Auf Zuruf stellt es sich hinter einen Stuhl, kriecht unter einen Tisch, steigt über ein Hindernis und stellt sich schließlich zwischen zwei andere Kinder. Was hat das mit Leseförderung zu tun? Auf den ersten Blick wenig. Das Kind sieht keine Buchstaben, entziffert keine Wörter, liest keinen Text. Und dennoch geschieht etwas, das für seine spätere Sprach- und Leseentwicklung bedeutsam sein kann: Wörter werden mit Erfahrungen verknüpft. „Unter“, „über“, „hinter“ und „zwischen“ sind nicht mehr bloße Lautfolgen. Sie bezeichnen etwas, das das Kind am eigenen Leib erfahren hat. Sprache gewinnt Bedeutung.

Damit berühren wir eine Verbindung, die in der Diskussion über Leseförderung erstaunlich wenig Beachtung findet. Lesen ist zwar am Ende eine hochkomplexe sprachliche und kognitive Leistung. Doch der Weg dorthin beginnt lange bevor ein Kind vor seinem ersten geschriebenen Satz sitzt. Kinder nehmen wahr, handeln, bewegen sich. Sie lernen sprechen, erwerben Begriffe, erzählen von Erlebnissen und verstehen Geschichten. Irgendwann entdecken sie, dass sich gesprochene Sprache auch in Schrift festhalten lässt. Doch welche Rolle spielt Bewegung auf diesem langen Weg tatsächlich? Unterstützt sie vor allem die allgemeine Entwicklung und Aufmerksamkeit? Hilft sie beim Erwerb von Sprache und Begriffen? Oder lässt sich sogar belegen, dass Kinder durch Bewegung leichter lesen lernen?

Bei der Beantwortung dieser Fragen ist höchste Vorsicht geboten. Denn aus gut belegten Einzelzusammenhängen entsteht schnell eine Wirkungskette, die keineswegs in allen Gliedern wissenschaftlich gesichert ist: Bewegung wirkt auf Körper und Gehirn, wichtige Lernprozesse hängen von der Leistungsfähigkeit des Gehirns ab – also müsse mehr Bewegung zwangsläufig auch zu besseren Leseleistungen führen. So einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es nicht. Die Forschung zeigt zwar, dass körperliche Aktivität Prozesse beeinflussen kann, die für das Lernen wichtig sind. Ob und auf welchem Weg daraus bessere Sprach- oder Leseleistungen entstehen, ist jedoch eine andere Frage.

Was Bewegung im Gehirn bewirkt

Dass körperliche Aktivität nicht nur Muskeln, Herz und Kreislauf betrifft, gilt mittlerweile als gut belegt. Auch das Gehirn reagiert auf Bewegung. Forschende interessieren sich dabei vor allem für Aufmerksamkeit, Gedächtnis und kognitive Kontrolle – Funktionen, die Kinder beim Lernen ständig benötigen.

Besonders aufschlussreich ist das sogenannte FITKids-Experiment des amerikanischen Kognitionsforschers Charles Hillman und seiner Kollegen. 221 Kinder zwischen sieben und neun Jahren wurden nach dem Zufallsprinzip entweder einem neunmonatigen Bewegungsprogramm nach der Schule oder einer Kontrollgruppe zugeteilt. Nach neun Monaten hatten sich bei den Kindern der Bewegungsgruppe nicht nur die Fitnesswerte stärker verbessert – sie machten auch größere Fortschritte bei Aufgaben, die Inhibitionskontrolle und kognitive Flexibilität verlangten. Gleichzeitig registrierten die Forschenden Veränderungen der elektrischen Gehirnaktivität. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass regelmäßige körperliche Aktivität exekutive Funktionen beeinflussen kann.

Solche Fähigkeiten sind auch beim Lesen gefragt. Ein Kind muss seine Aufmerksamkeit auf den Text richten, Ablenkungen unterdrücken und bereits Gelesenes im Arbeitsgedächtnis behalten, während es die nächsten Wörter verarbeitet. Dennoch sind exekutive Funktionen nicht mit Lesekompetenz gleichzusetzen. Ein Kind muss zusätzlich Laute unterscheiden, Buchstaben erkennen und ihnen Laute zuordnen, Wörter entziffern und schließlich Sätze und ganze Texte verstehen.

Auch bildgebende Untersuchungen liefern aufschlussreiche Befunde. Laura Chaddock und Kolleginnen und Kollegen fanden bei neun- und zehnjährigen Kindern einen Zusammenhang zwischen aerober Fitness, dem Volumen des Hippocampus und bestimmten Gedächtnisleistungen. Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle für Lernen und Gedächtnis. Andere Untersuchungen weisen auf Zusammenhänge zwischen Fitness und weiteren Gehirnregionen hin, die an kognitiver Kontrolle beteiligt sind.

Solche Bilder vom Gehirn verführen jedoch leicht zu weitreichenden Schlussfolgerungen. Dass fittere Kinder Unterschiede in bestimmten Gehirnregionen aufweisen, beweist noch nicht, dass Bewegung allein diese Unterschiede verursacht hat. Die populäre Behauptung „Bewegung lässt das Gehirn wachsen“ wäre deshalb wissenschaftlich zu grob gegriffen. Treffender ist: Körperliche Aktivität kann die Funktionsweise des kindlichen Gehirns beeinflussen und steht mit Prozessen in Zusammenhang, die für Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen bedeutsam sind.

Werden Kinder durch Bewegung bessere Leser?

Bei der Leseleistung selbst fällt die Antwort zurückhaltender aus. Internationale Meta-Analysen finden überwiegend kleine positive Effekte körperlicher Aktivität auf schulische Leistungen. Eine Meta-Analyse von Celia Álvarez-Bueno und Kollegen wertete 26 Studien mit insgesamt 10.205 Kindern zwischen vier und 13 Jahren aus. Für die Leseleistung zeigte sich ein kleiner positiver Effekt – deutlich stärker war dagegen der Effekt auf das sogenannte On-Task-Verhalten, also darauf, wie gut Kinder bei einer Aufgabe blieben.

Auch andere Übersichtsarbeiten kommen beim Lesen zu kleinen oder uneinheitlichen Effekten. Die Forschung rechtfertigt deshalb nicht die schlichte Aussage „Mehr Bewegung macht Kinder zu besseren Leserinnen und Lesern.“ Bewegung kann günstige Voraussetzungen für Lernen schaffen – Lesenlernen aber bleibt ein eigenständiger Prozess.

Interessanter wird die Verbindung, wenn wir nicht nur fragen, was Bewegung allgemein mit der Leistungsfähigkeit des Gehirns macht, sondern welche Rolle körperliche Erfahrungen beim Erwerb von Sprache und Bedeutung spielen. Hier führt die Forschung zu einem Ansatz, der häufig mit Begriffen wie „Embodied Cognition“ oder „Embodied Learning“ umschrieben wird: Wahrnehmung und Handlung können maßgeblich daran beteiligt sein, wie Bedeutungen aufgebaut, gespeichert und wieder abgerufen werden.

Ein Wort ist mehr als eine Folge von Lauten

Ein kleines Kind lernt das Wort „Ball“ nicht über eine Definition. Es sieht einen Ball, greift danach, lässt ihn vielleicht fallen und beobachtet, wie er davonrollt. Es läuft hinterher, hebt ihn auf, wirft ihn erneut. Währenddessen sagt vielleicht ein Erwachsener: „Da rollt der Ball.“ Gegenstand, Wahrnehmung, Handlung und Sprache treffen in diesem Moment aufeinander.

Die Erziehungswissenschaftlerin und Bewegungsforscherin Renate Zimmer beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dieser Verbindung. Einen zentralen Gedanken bringt sie auf die knappe Formel: „Sprache baut immer auf Handeln auf.“ Kinder erkunden ihre Umwelt zunächst körperlich und sinnlich und lernen zunehmend, diese Erfahrungen sprachlich zu fassen. Begriffe wie „langsam“, „schnell“, „hoch“, „tief“, „rund“ oder „schwer“ lassen sich so mit konkreten Erfahrungen verknüpfen.

Besonders anschaulich wird das bei räumlichen Begriffen. Ein Kind kann erklärt bekommen, was „unter“ bedeutet – es kann aber auch unter einen Tisch kriechen, über eine Bank steigen, neben einem Freund stehen oder zwischen zwei Stühlen hindurchlaufen. Ebenso lassen sich Verben wie springen, schleichen, werfen, ziehen, schieben oder balancieren unmittelbar erleben. Das heißt nicht, dass Kinder Wörter ausschließlich durch Bewegung erwerben – Gespräche, Bilder, Geschichten und Erklärungen sind ebenso wichtig. Doch gerade in den ersten Lebensjahren können körperliche Erfahrungen eine Brücke zwischen einem Wort und seiner Bedeutung schlagen.

Wenn Bewegung Sprache hervorlockt

Die Sprachwissenschaftlerin und Kindheitspädagogin Nadine Madeira Firmino hat gemeinsam mit Ricarda Menke, Brigitte Ruploh und Renate Zimmer untersucht, wie sich bewegungsorientierte Sprachförderung im Kindergarten auswirkt. An der Studie nahmen 153 Kinder teil, die zu Beginn durchschnittlich viereinhalb Jahre alt waren. Über acht Monate

wurden die beteiligten pädagogischen Fachkräfte begleitet und fortgebildet, Bewegung, sprachförderliches Verhalten und Literacyförderung miteinander zu verbinden.

Bei den Kindern der Interventionsgruppe zeigten sich Effekte auf die aktive Sprachkompetenz und den Wortschatz. Für unsere Frage besonders aufschlussreich: Auch ihr Interesse an Schreiben und Schrift entwickelte sich günstiger. Die Studie beweist nicht, dass bewegungsorientierte Sprachförderung später zu besseren Leserinnen und Lesern führt. Sie zeigt aber, dass sich Bewegung und Sprachbildung sinnvoll miteinander verbinden lassen.

Warum das gelingen kann, lässt sich im Kita-Alltag leicht beobachten. Bauen mehrere Kinder gemeinsam eine Bewegungslandschaft, müssen sie sich verständigen: „Stell die Bank daneben.“ – „Weiter nach hinten.“ – „Wir brauchen noch einen Klotz.“ – „Ich komme nicht hoch.“ Sprache wird hier nicht abgefragt, sondern gebraucht. Kinder erklären, fragen, widersprechen, verhandeln, beschreiben ihr Handeln. Pädagogische Fachkräfte können solche Äußerungen aufgreifen und erweitern. Aus „Ich da hoch“ kann so werden: „Du möchtest auf die hohe Kiste klettern. Wie kommst du dort hinauf?“ Bewegung wird zum Anlass für Kommunikation.

Auch Kindern, die Deutsch als Zweit- oder weitere Sprache erwerben, kann das helfen. Ein Kind kann handeln, bevor ihm alle Wörter zur Verfügung stehen, mit denen sich dieses Handeln beschreiben lässt. Bewegung schafft einen gemeinsamen Kontext, in dem sich die Bedeutung neuer Wörter leichter erschließt.

Wenn Sprache Rhythmus bekommt

Eine weitere Verbindung führt näher an das Lesen heran. Gesprochene Sprache besitzt eine lautliche Struktur: Wörter bestehen aus Silben, können sich reimen, beginnen oder enden mit bestimmten Lauten. Solche Strukturen wahrzunehmen gehört zur phonologischen Bewusstheit – einer wichtigen Voraussetzung für den Schriftspracherwerb.

Hier lässt sich Bewegung unmittelbar mit Sprache verknüpfen. Silben lassen sich klatschen oder stampfen, für jede Silbe kann ein Schritt gemacht werden. Aus einem Bewegungsspiel können Aufgaben entstehen, bei denen Kinder gezielt auf Reime oder Anlaute achten müssen. Entscheidend ist dabei nicht das Hüpfen oder Klatschen an sich: Wenn ein Kind bei „Schmet-ter-ling“ dreimal hüpft, liegt der sprachliche Gehalt darin, dass die drei Bewegungen die drei Silben markieren. Die Bewegung trägt Information.

Ähnliches gilt für Geschichten. Kinder können durch einen gedachten Wald schleichen, über einen Bach springen oder wie ein Riese stampfen. Solche Bewegungsgeschichten können Zuhören, Sprachverständnis, Vorstellungskraft und Handeln miteinander verweben. Mehr Aktivität bedeutet allerdings nicht automatisch mehr Lernen. Haben Bewegungsaufgaben wenig mit dem Inhalt zu tun, können sie ebenso gut ablenken. Entscheidend ist, ob die Handlung die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung lenkt.

Wie viel Bewegung brauchen Kinder – und wie viel bekommen sie?

Die Frage nach Bewegung und Lernen gewinnt zusätzliche Dringlichkeit, wenn man betrachtet, wie viel sich Kinder tatsächlich bewegen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 17 Jahren im Wochendurchschnitt mindestens 60 Minuten körperliche Aktivität mittlerer bis hoher Intensität – täglich. Bei jüngeren Kindern ist der Bewegungsbedarf noch größer: Ein- bis Vierjährige sollten über den Tag verteilt mindestens 180 Minuten körperlich aktiv sein; bei Drei- und Vierjährigen sollten davon mindestens 60 Minuten auf mittlere bis hohe Intensität entfallen.

Von solchen Werten ist der Alltag vieler Kinder weit entfernt. Nach der zweiten Welle der bundesweiten KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts (2014–2017) waren nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen zwischen drei und 17 Jahren mindestens 60 Minuten täglich körperlich aktiv. Mit zunehmendem Alter sank dieser Anteil deutlich.

Neuere Daten der vom Karlsruher Institut für Technologie koordinierten Motorik-Modul-Studie MoMo bestätigen das grundsätzliche Problem. Für die jüngste Erhebungswelle wurden bis Ende 2024 rund 4.400 Kinder und Jugendliche zwischen vier und 17 Jahren untersucht. Die ersten Ergebnisse zeigen: Die körperliche Aktivität hat sich nach den Verschiebungen während der Corona-Pandemie wieder ungefähr auf dem Vorpandemie-Niveau eingependelt. Dennoch bewegen sich nach Angaben der Forschenden weiterhin vier von fünf jungen Menschen zu wenig.

Alexander Woll, Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie, spricht deshalb pointiert von einer „systematischen Erziehung zur Sitzgesellschaft“. Das klingt drastisch, weist aber auf ein grundsätzliches Problem hin: Bewegung darf nicht auf zwei Sportstunden oder einen wöchentlichen Vereinstrainingstermin reduziert werden. Kinder brauchen Gelegenheiten zum Laufen, Spielen, Klettern, Springen und Erkunden als selbstverständlichen Bestandteil ihres Alltags.

Für Kita und Schule bedeutet das nicht, jede Lernstunde in eine Sportstunde zu verwandeln. Es bedeutet zunächst, Bewegung nicht als Gegensatz zum Lernen zu behandeln. Gerade weil sie körperliche Gesundheit fördert und zugleich mit Aufmerksamkeit, kognitiver Kontrolle und anderen Lernvoraussetzungen zusammenhängt, gehört sie in den Alltag von Bildungseinrichtungen.

Vom Körper zum Wort – und vom Wort zurück zum Körper

Wie eng Bewegung, Sprache und später auch Lesen zusammenwirken können, zeigt sich vielleicht am eindrücklichsten über mehrere Entwicklungsstufen hinweg. Ein kleines Kind klettert über eine Bank und lernt allmählich, was „über“ bedeutet. Später hört es die Anweisung „Klettere über die Bank“ und muss sie sprachlich verstehen. Noch später kann es denselben Satz selbst lesen. Nun hat sich die Richtung umgekehrt: Zunächst führte die körperliche Erfahrung zum Wort, jetzt führt das geschriebene Wort zurück zur Handlung.

Für Grundschulkinder lassen sich daraus Aufgaben entwickeln, bei denen Lesen tatsächlich erforderlich ist: „Gehe drei Schritte nach vorne“, „Stelle dich hinter den Stuhl“ oder „Hole zwei Gegenstände, deren Namen mit B beginnen“. Bewegung ersetzt das Lesen hier nicht – sie macht vielmehr sichtbar, ob das Gelesene verstanden wurde. Wer einen Satz flüssig vorlesen kann, muss seinen Inhalt noch nicht vollständig erfasst haben. Wer eine schriftliche Handlungsanweisung richtig ausführt, muss zumindest ihre wesentliche Bedeutung verstanden haben.

Damit wird auch die Grenze bewegter Leseförderung deutlich. Ein Kind lernt nicht lesen, weil es hüpft, läuft oder balanciert. Es muss Laute unterscheiden, Buchstaben kennenlernen, die Beziehungen zwischen Lauten und Schriftzeichen verstehen, Wörter entziffern und diese Prozesse zunehmend automatisieren. Erst dann kann es seine Aufmerksamkeit zunehmend auf das eigentliche Ziel des Lesens richten: die Bedeutung von Sätzen und Texten zu erfassen.

Kinder entwickeln sich nicht in Schubladen

In Bildungsplänen und Stundenplänen trennen wir gerne zwischen Sprache und Bewegung, Lesen und Sport, Lernen und Spielen. Die Entwicklung eines Kindes hält sich an diese Ordnung jedoch nicht. Wenn ein Kind über einen Baumstamm balanciert, erlebt es seinen Körper und sein Gleichgewicht. Es nimmt Höhe, Entfernung und Raum wahr, hört Begriffe, verständigt sich vielleicht mit anderen und erzählt später von seinem Erlebnis.

Das macht Balancieren noch nicht zur Leseförderung. Aber es zeigt, warum Bewegung, Sprache, Denken und Lernen in der kindlichen Entwicklung nicht unabhängig voneinander existieren. Lesen ist am Ende eine erstaunlich abstrakte Tätigkeit: Zeichen stehen für Laute, Lautfolgen ergeben Wörter, und Wörter stehen für Gegenstände, Handlungen, Beziehungen, Gefühle, Vorstellungen und Gedanken.

Damit ein Kind diese Abstraktion bewältigen kann, braucht es eine Welt voller Bedeutungen. Viele davon lernt es kennen, lange bevor es sie geschrieben vor sich sieht – indem es wahrnimmt, hört, berührt, spricht, spielt und sich bewegt.

Quellen

Álvarez-Bueno, C. et al. (2017): Academic Achievement and Physical Activity: A Meta-analysis. Pediatrics, 140(6), e20171498.

Chaddock, L. et al. (2010): A neuroimaging investigation of the association between aerobic fitness, hippocampal volume, and memory performance in preadolescent children. Brain Research, 1358, 172–183.

Hillman, C. H. et al. (2014): Effects of the FITKids Randomized Controlled Trial on Executive Control and Brain Function. Pediatrics, 134(4), e1063–e1071.

Madeira Firmino, N.; Menke, R.; Ruploh, B.; Zimmer, R. (2014): „Bewegte Sprache“ im Kindergarten: Überprüfung der Effektivität einer alltagsorientierten Sprachförderung. Forschung Sprache, 2(1), 34–47.

Finger, J. D.; Varnaccia, G.; Borrmann, A.; Lange, C.; Mensink, G. B. M. (2018): Körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring, 3(1).

World Health Organization (2020): WHO Guidelines on physical activity and sedentary behaviour.

Karlsruher Institut für Technologie (2025): Fitness: Auf dem Weg in die Kinder-Sitzgesellschaft? Erste Daten der bundesweiten MoMo-2.0-Studie.

Gernot Körner

Bisher sind in der Reihe zur Leseförderung folgende Beiträge erschienen:

Ein Baby liest bereits am ersten Tag

Im Anfang war das Bild

Warum Bilderbücher heute wichtiger sind denn je

Bevor Kinder lesen, müssen sie Sprache und Laute verstehen

Erzählen – vom Erlebnis zur Geschichte

Wie Kinder den geheimen Code unserer Buchstaben knacken

Wenn Lesen plötzlich leichter wird

Lesen ist mehr als Wörter erkennen: Wie Kinder Texte verstehen lernen

Warum Kinder weiterlesen – und wie Lesefreude wachsen kann

spielen und lernen: Verstehen, was Kinder wirklich brauchen

Hat Ihnen dieser Artikel neue Erkenntnisse oder praktische Anregungen gegeben? Dann abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter. Alle 14 Tage erhalten Sie aktuelle Erkenntnisse aus Pädagogik und Bildungsforschung, fundierte Beiträge und konkrete Impulse für die Praxis direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Da wir hierzulande noch nicht von Luft und unserer Liebe zu unserer Aufgabe existieren können, gibt es ab und zu auch mal eine Anzeige. Aber als unabhängiges Medium erhalten wir keine weitere Unterstützung und nur so können wir die Beiträge für Sie kostenfrei anbieten.

Jetzt kostenlos anmelden und keine wichtigen Beiträge mehr verpassen.




Musizieren geht mit besseren kognitiven Leistungen bei Kindern einher

Musizierende Kinder schneiden bei kognitiven Tests besser ab. Eine neue Studie findet auch Unterschiede im Gehirn – beweist aber keine Ursache

Kinder, die regelmäßig ein Instrument spielen, schneiden bei verschiedenen kognitiven und schulischen Tests besser ab als Gleichaltrige ohne musikalisches Training. Eine neue Studie findet zudem Unterschiede in der weißen Substanz des Gehirns. Doch wie belastbar sind diese Ergebnisse – und beweisen sie tatsächlich, dass Musik Kinder klüger macht?

Musikunterricht könnte weit mehr fördern als musikalische Fähigkeiten. Kinder, die regelmäßig ein Instrument spielen, zeigten in einer neuen Studie bessere Leistungen bei verschiedenen kognitiven Tests und bei schulischen Fähigkeiten. Gleichzeitig fanden die Forschenden Hinweise auf Unterschiede in einer wichtigen Nervenfaserbahn des Gehirns.

Das klingt zunächst nach einem weiteren Beleg für die populäre Vorstellung, dass Musik Kinder klüger macht. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Denn die im September 2026 veröffentlichte Untersuchung zeigt zunächst einmal einen Zusammenhang zwischen musikalischem Training, kognitiven Leistungen und bestimmten Merkmalen der Hirnstruktur. Dass der Musikunterricht diese Unterschiede verursacht hat, kann die Studie nicht beweisen.

76 Kinder zwischen sieben und neun Jahren untersucht

Die Studie stammt von einem Forschungsteam um Kelsie L. Lopez, Yaen Chen und Psyche Loui. Sie erschien am 6. September 2026 online in der Fachzeitschrift Developmental Cognitive Neuroscience. Die reguläre Ausgabe des Journals ist dem Oktober 2026 zugeordnet.

Insgesamt untersuchten die Forschenden Daten von 76 Kindern im Alter von sieben bis neun Jahren. 38 von ihnen erhielten musikalisches Training, 38 gehörten zur Vergleichsgruppe ohne musikalisches Training. Als musikalisch trainiert galten Kinder, die mindestens 30 Minuten pro Woche ein Instrument übten. Die meisten spielten Klavier oder ein Streichinstrument.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten verschiedene Bereiche der kognitiven Leistungsfähigkeit. Dafür verwendeten sie etablierte Testverfahren, darunter die Woodcock-Johnson Tests of Cognitive Abilities, eine Aufgabe zum Arbeitsgedächtnis sowie den Kaufman Test of Educational Achievement. Damit wurden unter anderem allgemeine kognitive Fähigkeiten sowie schulische Leistungen erfasst.

Musizierende Kinder schnitten bei den Tests besser ab

Das zentrale Ergebnis: Die Kinder mit musikalischem Training erreichten insgesamt höhere Werte bei den kognitiven Tests als die Kinder der Vergleichsgruppe. Auch bei den untersuchten schulischen Leistungen zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied zugunsten der musizierenden Kinder. In der Berichterstattung der Northeastern University werden insbesondere Unterschiede bei Wortschatz, Mathematik und Arbeitsgedächtnis hervorgehoben.

Interessant daran ist das Alter der Kinder. Sie standen noch relativ am Anfang ihrer musikalischen Entwicklung. Nach Ansicht der Forschenden könnten sich Zusammenhänge zwischen musikalischem Training und kognitiven Fähigkeiten damit bereits vergleichsweise früh zeigen.

Das erscheint zunächst plausibel. Ein Instrument zu spielen ist schließlich eine komplexe Tätigkeit. Kinder müssen aufmerksam zuhören, Bewegungen koordinieren, sich Abläufe merken, Noten oder musikalische Strukturen erfassen und Fehler unmittelbar korrigieren. Beim gemeinsamen Musizieren kommen zusätzlich Abstimmung, Impulskontrolle und die Orientierung an anderen hinzu.

Damit beansprucht aktives Musizieren zahlreiche Fähigkeiten, die Kinder auch in anderen Lernzusammenhängen benötigen.

Was im Gehirn der Kinder zu sehen war

Besonders interessant ist der zweite Teil der Untersuchung. Von 50 Kindern lagen zusätzlich Aufnahmen des Gehirns vor. Dabei kam die sogenannte Diffusions-Tensor-Bildgebung, kurz DTI, zum Einsatz. Mit diesem MRT-basierten Verfahren lassen sich bestimmte Eigenschaften der weißen Substanz des Gehirns untersuchen.

Die weiße Substanz besteht zu einem großen Teil aus Nervenfasern, über die unterschiedliche Hirnregionen miteinander kommunizieren. Im Mittelpunkt der Studie stand der Fasciculus arcuatus, eine wichtige Faserverbindung, die unter anderem Regionen miteinander verbindet, die an Hören, Sprache und Bewegung beteiligt sind.

Bei den musizierenden Kindern fanden die Forschenden in einem Abschnitt des rechten Fasciculus arcuatus einen Unterschied in einem DTI-Messwert. Vereinfacht ausgedrückt deuteten die Daten auf eine unterschiedliche Organisation der Nervenfasern in dieser Region hin.

Das ist ein spannender Befund – aber gerade hier ist Zurückhaltung besonders wichtig.

Wie belastbar ist die Studie?

Die Studie liefert interessante Hinweise, aber noch keinen belastbaren Nachweis dafür, dass Musikunterricht die kognitiven Fähigkeiten von Kindern verbessert oder die beobachteten Veränderungen im Gehirn hervorruft. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens handelt es sich nicht um eine randomisierte Interventionsstudie. Die Forschenden haben die Kinder nicht zufällig einer Gruppe mit Musikunterricht und einer Kontrollgruppe zugeteilt und anschließend ihre Entwicklung über längere Zeit verglichen. Stattdessen wurden Kinder, die bereits musizierten, mit Kindern verglichen, die dies nicht taten. Auch die Forschenden selbst weisen ausdrücklich darauf hin, dass sich deshalb aus ihren Ergebnissen keine Kausalität ableiten lässt.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Denkbar ist nämlich nicht nur, dass musikalisches Training bestimmte Fähigkeiten fördert. Ebenso könnten Kinder mit bestimmten kognitiven Voraussetzungen häufiger ein Instrument lernen oder länger dabeibleiben. Auch familiäre und soziale Faktoren können eine Rolle spielen. Eltern, die ihren Kindern Instrumentalunterricht ermöglichen, unterscheiden sich möglicherweise in weiteren Merkmalen von anderen Familien.

Zweitens ist die Stichprobe mit 76 Kindern relativ klein. Für die bildgebenden Untersuchungen standen sogar nur Daten von 50 Kindern zur Verfügung. Kleine Stichproben machen Forschungsergebnisse nicht wertlos, erhöhen aber die Unsicherheit und erschweren die Übertragung auf Kinder insgesamt.

Drittens ist gerade der Hirnbefund vorsichtig zu interpretieren. Der zunächst statistisch signifikante Zusammenhang im rechten Fasciculus arcuatus war nach einer Korrektur für multiple statistische Tests nur noch grenzwertig signifikant. Die Autoren weisen darauf ausdrücklich hin. Der neurobiologische Befund ist deshalb eher als Hinweis zu verstehen, der in weiteren Studien überprüft werden muss, und nicht als Nachweis einer durch Musiktraining verursachten Veränderung des Gehirns.

Kein neuer „Mozart-Effekt“

Damit unterscheidet sich die Aussage der Studie auch deutlich von der einst populären Vorstellung des sogenannten „Mozart-Effekts“. Daraus entstand zeitweise die vereinfachte Behauptung, allein das Hören klassischer Musik könne Kinder intelligenter machen.

Darum geht es hier nicht. Untersucht wurde aktives Musizieren. Ein Instrument zu lernen verlangt wiederholtes Üben, Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung sowie fein abgestimmte Bewegungen. Das ist eine grundsätzlich andere Aktivität als das bloße Anhören von Musik. Auch Studienleiterin Psyche Loui stellt diesen Zusammenhang in den Kontext der früheren Debatte um den „Mozart-Effekt“.

Die neue Studie steht nicht allein

Die Ergebnisse passen grundsätzlich zu früheren Untersuchungen. Bereits eine 2019 veröffentlichte Studie mit 100 Kindern im Alter von etwa acht bis zehn Jahren hatte Zusammenhänge zwischen regelmäßigem Instrumentalspiel, verbalen beziehungsweise allgemeinen kognitiven Fähigkeiten und Merkmalen der weißen Hirnsubstanz gefunden. Auch dort konnten jedoch aus dem Studiendesign keine einfachen Aussagen nach dem Muster „Musizieren verursacht höhere Intelligenz“ abgeleitet werden.

Genau darin liegt eine wichtige Botschaft für Eltern und pädagogische Fachkräfte: Wissenschaftliche Studien können Hinweise darauf liefern, dass musikalische Aktivität und bestimmte Entwicklungsbereiche miteinander verbunden sind. Die individuelle Entwicklung eines Kindes lässt sich daraus jedoch nicht vorhersagen.

Musikunterricht braucht keinen Intelligenzbonus als Rechtfertigung

Für die pädagogische Praxis wäre es deshalb verfehlt, Musikunterricht vor allem als eine Art Trainingsprogramm für bessere Mathematiknoten, ein leistungsfähigeres Arbeitsgedächtnis oder höhere Intelligenz zu betrachten.

Musik besitzt für Kinder einen Wert, der weit darüber hinausgeht. Sie eröffnet Möglichkeiten zum Ausdruck, zur Wahrnehmung und Gestaltung, ermöglicht gemeinschaftliche Erfahrungen und kann Freude, Neugier und Kreativität wecken. Beim gemeinsamen Musizieren müssen Kinder zudem aufeinander hören, sich abstimmen und ihren eigenen Beitrag in ein gemeinsames Ganzes einfügen.

Die neue Studie ergänzt dieses Bild um einen interessanten Aspekt: Regelmäßiges aktives Musizieren geht bei Kindern im Grundschulalter mit besseren kognitiven und schulischen Testergebnissen einher und könnte mit Unterschieden in der Entwicklung bestimmter Nervenverbindungen verbunden sein.

Ob das Musizieren selbst diese Unterschiede hervorruft und wie groß mögliche Effekte tatsächlich sind, müssen jedoch größere und vor allem langfristige, kontrollierte Studien klären.

Für Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen bleibt damit eine erfreulich unspektakuläre Erkenntnis: Kinder brauchen kein Versprechen auf bessere Noten, damit es sich lohnt, ihnen Zugang zur Musik zu ermöglichen.

Quelle

Lopez, K. L., Chen, Y., Burtonpatel, R., Raine, L., Kramer, A. F., Hillman, C. H. & Loui, P. (2026): Musical training is associated with cognitive outcomes and white matter microstructure in middle childhood. Developmental Cognitive Neuroscience, 81, 101813. DOI: 10.1016/j.dcn.2026.101813. Online veröffentlicht am 6. September 2026.




Was das kindliche Gehirn wirklich braucht

Warum der Blick der Eltern aufs Smartphone die Bindung und das Selbstwertgefühl ihrer Kinder beeinträchtigen kann. Kinderarzt Dr. Walter Hultzsch erklärt die neurobiologischen Hintergründe

Es sind oft unscheinbare Augenblicke, die den Alltag einer Familie prägen. Ein Kleinkind entdeckt einen Marienkäfer und zeigt voller Begeisterung darauf. Ein Säugling sucht den Blick seiner Mutter, lächelt und wartet auf eine Antwort. Ein Vorschulkind erzählt mit leuchtenden Augen von seinem Tag im Kindergarten. Solche Momente dauern oft nur wenige Sekunden. Für Erwachsene wirken sie selbstverständlich. Für das Gehirn eines Kindes gehören sie jedoch zu den wichtigsten Erfahrungen überhaupt.

Denn Kinder kommen nicht mit der Fähigkeit zur Welt, sich selbst zu vertrauen, Gefühle einzuordnen oder aufmerksam zu lernen. All das entwickelt sich erst im täglichen Miteinander mit den Menschen, die ihnen am nächsten stehen. Jede liebevolle Reaktion, jeder erwiderte Blick und jedes aufmerksame Zuhören hinterlassen Spuren im sich rasant entwickelnden Gehirn. Beziehung ist deshalb weit mehr als ein angenehmer Bestandteil des Familienlebens – sie ist die biologische Grundlage dafür, dass ein Kind seine Welt verstehen und sich in ihr sicher bewegen kann.

Eine jetzt in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology veröffentlichte Studie lenkt den Blick auf genau diese alltäglichen Begegnungen. Die Forschenden interessierten sich nicht dafür, wie viel Zeit Kinder selbst mit Smartphones oder Tablets verbringen. Im Mittelpunkt stand vielmehr das Verhalten ihrer Eltern. Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche, deren Mütter oder Väter während gemeinsamer Zeit häufig auf ihr Smartphone schauten oder Gespräche immer wieder unterbrachen, ihre Beziehung zu den Eltern häufiger als unsicher beschrieben und gleichzeitig über ein geringeres Selbstwertgefühl berichteten. Entscheidend war dabei nicht das Smartphone selbst, sondern die Erfahrung, dass Aufmerksamkeit und Blickkontakt immer wieder abrissen.

Die Studie beschreibt damit ein Phänomen, das viele Familien aus ihrem Alltag kennen, dessen Bedeutung jedoch häufig unterschätzt wird. Für Erwachsene ist der Griff zum Smartphone meist nur eine kurze Unterbrechung. Eine eingehende Nachricht wird gelesen, eine E-Mail beantwortet oder schnell ein Blick auf die neuesten Nachrichten geworfen. Für ein kleines Kind kann derselbe Moment jedoch etwas völlig anderes bedeuten. Es erlebt nicht, dass Mutter oder Vater „nur kurz“ aufs Display schauen. Es erlebt, dass die Person, an der sich sein Gehirn orientiert, plötzlich nicht mehr ganz bei ihm ist.

Für den erfahrenen Münchner Kinderarzt und Diplom-Physiker Dr. Walter Hultzsch fügen sich diese Ergebnisse nahtlos in den heutigen Kenntnisstand der Entwicklungspsychologie und Neurobiologie ein. In seinem 2025 erschienenen Buch Hey Mama, schau mir in die Augen – und sprich mit mir beschreibt er eindrucksvoll, wie sich das menschliche Gehirn in den ersten Lebensjahren entwickelt und weshalb Blickkontakt, Sprache, Berührung und gemeinsame Aufmerksamkeit weit mehr sind als Ausdruck elterlicher Zuwendung. Nach Hultzsch beginnt die Entwicklung eines Kindes nicht mit Sprache oder bewussten Lernprozessen, sondern mit einer frühen Form der Kommunikation, die über Augen, Mimik und Stimme verläuft. Bereits wenige Wochen nach der Geburt sucht ein Säugling aktiv den Blick seiner Bezugspersonen. Auf dieser ersten nonverbalen Kommunikationsschiene entwickeln sich Bindung, Aufmerksamkeit, emotionale Sicherheit und schließlich auch jene Fähigkeiten, auf denen später Lernen, Empathie und Selbstvertrauen aufbauen.

Die neue Studie ist deshalb weit mehr als eine Untersuchung über Smartphones. Sie führt zurück zu einer grundlegenden Frage der menschlichen Entwicklung: Wie entsteht aus einem hilflosen Neugeborenen ein Mensch, der sich selbst vertraut, neugierig lernt und stabile Beziehungen eingehen kann? Die Antwort beginnt nicht im Klassenzimmer und auch nicht am Bildschirm. Sie beginnt dort, wo ein Kind erlebt, dass seine Signale gesehen, verstanden und beantwortet werden.

Beziehung formt das Gehirn

Lange Zeit glaubte man, die Entwicklung des Gehirns folge vor allem einem genetischen Bauplan. Heute wissen wir, dass die Gene zwar den Rahmen vorgeben, die eigentliche Ausgestaltung jedoch in enger Wechselwirkung mit der Umwelt erfolgt. Kaum ein Organ verändert sich in den ersten Lebensjahren so rasant wie das Gehirn. Milliarden Nervenzellen bilden unablässig neue Verbindungen. Welche dieser Netzwerke dauerhaft bestehen bleiben, hängt entscheidend davon ab, welche Erfahrungen ein Kind macht.

Genau hier setzt Walter Hultzsch an. Er beschreibt die ersten Lebensjahre als eine Phase außergewöhnlicher neuronaler Plastizität, in der jede gelungene Interaktion zwischen Eltern und Kind das Gehirn formt. Aufmerksamkeit, Selbstregulation, Motivation und Empathie entstehen nicht isoliert in einzelnen Hirnregionen. Sie entwickeln sich in einem fortwährenden Wechselspiel aus Wahrnehmen, Antworten und gemeinsamem Erleben. Das Gehirn wächst gewissermaßen in Beziehungen.

Diese Erkenntnis verändert auch den Blick auf die aktuelle Studie. Sie beschreibt nicht einfach die Folgen elterlicher Smartphone-Nutzung. Sie erinnert daran, dass Kinder ihre ersten und wichtigsten Lernerfahrungen nicht über Informationen machen, sondern über Menschen. Nicht die Menge an Reizen entscheidet darüber, wie sich ihr Gehirn entwickelt. Entscheidend ist die Qualität der Beziehungen, in denen diese Reize erlebt werden.

Warum Babys verzweifeln, wenn niemand mehr antwortet

Um zu verstehen, weshalb die neue Studie Entwicklungspsychologen kaum überrascht, lohnt sich ein Blick auf eines der berühmtesten Experimente der Säuglingsforschung. Es wurde bereits Ende der 1970er-Jahre vom amerikanischen Entwicklungspsychologen Edward Tronick durchgeführt und gehört bis heute zu den eindrucksvollsten Demonstrationen dafür, wie früh menschliche Beziehungen beginnen.

Die Versuchsanordnung wirkt zunächst unspektakulär. Eine Mutter sitzt ihrem wenige Monate alten Baby gegenüber. Beide lächeln sich an. Das Kind strampelt, gluckst und sucht immer wieder den Blickkontakt. Die Mutter reagiert auf jede seiner Gesten, spricht mit ihm, lächelt zurück und beantwortet seine Laute. Zwischen beiden entsteht ein lebendiger Dialog – lange bevor das Kind auch nur ein einziges Wort sprechen kann.

Dann verändert sich die Situation schlagartig.

Auf ein Zeichen der Wissenschaftler hört die Mutter auf zu reagieren. Sie blickt ihr Kind zwar weiterhin an, doch ihr Gesicht bleibt regungslos. Kein Lächeln. Keine Antwort. Keine erkennbare Gefühlsregung.

Was nun geschieht, dauert oft nur wenige Sekunden und ist doch tief bewegend.

Das Baby versucht zunächst alles, um die vertraute Verbindung wiederherzustellen. Es lächelt intensiver, bewegt Arme und Beine, gibt Laute von sich und sucht erneut den Blick der Mutter. Bleibt die Reaktion aus, verändert sich sein Verhalten sichtbar. Es wird unruhig, wendet den Blick ab, beginnt zu weinen oder sinkt schließlich erschöpft in sich zusammen.

Das Kind leidet nicht deshalb, weil seine Mutter den Raum verlassen hat. Sie sitzt noch immer direkt vor ihm. Und doch ist für das Gehirn des Säuglings etwas Entscheidendes verloren gegangen: die Resonanz.

Resonanz ist Nahrung für das Gehirn

Für Hultzsch gehört das Still-Face-Experiment zu den eindrucksvollsten Belegen dafür, wie existenziell diese frühen Erfahrungen für die Entwicklung eines Kindes sind. In seinem Buch Hey Mama, schau mir in die Augen – und sprich mit mir beschreibt er den Blickkontakt zwischen Eltern und Kind als die erste nonverbale Kommunikationsschiene. Noch bevor ein Säugling Sprache versteht, lernt er über Mimik, Stimme, Berührung und den wechselseitigen Blickkontakt, dass seine Signale wahrgenommen und beantwortet werden. Genau daraus entsteht das, was Entwicklungspsychologen eine sichere Bindung nennen.

Diese Erkenntnis verändert auch den Blick auf das Verhalten kleiner Kinder. Sie suchen den Blick ihrer Eltern nicht nur, weil sie Aufmerksamkeit möchten. Sie suchen ihn, weil ihr Gehirn auf Antwort angewiesen ist. Jede erwiderte Mimik, jede beruhigende Stimme und jede liebevolle Reaktion bestätigt dem Kind unbewusst: Ich werde wahrgenommen. Ich bin nicht allein. Meine Welt ist verlässlich.

Aus Tausenden solcher Erfahrungen entsteht Schritt für Schritt ein inneres Arbeitsmodell, wie es die Bindungsforschung nennt. Es beantwortet zwei Fragen, die jedes Kind stellt, lange bevor es sie in Worte fassen könnte:

Ist die Welt ein sicherer Ort?

Und bin ich für andere Menschen wichtig?

Die Antworten auf diese Fragen prägen ein Leben lang, wie Menschen Beziehungen gestalten, mit Belastungen umgehen und sich selbst wahrnehmen.

Warum ein kurzer Blick aufs Smartphone mehr sein kann als eine Unterbrechung

Natürlich verhält sich kein Elternteil im Alltag wie die Mutter im Still-Face-Experiment. Niemand sitzt seinem Kind minutenlang regungslos gegenüber.

Gerade deshalb wirkt die neue Studie so eindrucksvoll.

Sie zeigt, dass es offenbar nicht erst vollständige Kontaktabbrüche sind, die Kinder belasten. Es sind die vielen kleinen Unterbrechungen des alltäglichen Miteinanders.

  • Ein Smartphone klingelt.
  • Eine Nachricht erscheint.
  • Der Blick wandert zum Display.
  • Ein Satz bleibt unvollendet.
  • Das gemeinsame Spiel stockt.

Für Erwachsene sind das Nebensächlichkeiten. Für ein Kind sind es Momente, in denen der gemeinsame Aufmerksamkeitsraum plötzlich zerbricht.

Darin sehen die Forschenden den entscheidenden Zusammenhang. Nicht das Smartphone selbst beeinträchtigt die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Problematisch wird es dort, wo digitale Geräte immer wieder jene Augenblicke unterbrechen, in denen Kinder emotionale Resonanz erwarten.

Damit erhält auch der Begriff „Parental Phubbing“ eine tiefere Bedeutung. Er beschreibt nicht einfach unhöfliches Verhalten gegenüber dem eigenen Kind. Er beschreibt Situationen, in denen digitale Geräte wiederholt zwischen Eltern und Kind treten und genau jene Interaktionen stören, aus denen sich Vertrauen, Bindung und Selbstwert entwickeln.

Das Gehirn wächst nicht vornehmlich durch Informationen – sondern durch Beziehungen

Lange Zeit stellte sich die Hirnforschung das Gehirn wie einen Bauplan vor, der sich nach einem genetischen Programm entfaltet. Heute wissen wir, dass Entwicklung sehr viel dynamischer verläuft.

Ein Säugling kommt mit Milliarden Nervenzellen zur Welt. Doch die Verbindungen zwischen ihnen entstehen erst in den ersten Lebensjahren in rasantem Tempo. Welche Netzwerke dauerhaft bestehen bleiben, entscheidet sich nicht allein aufgrund der Gene. Entscheidend sind die Erfahrungen, die ein Kind macht.

Hultzsch beschreibt diesen Prozess anschaulich. Jede gelungene Interaktion zwischen Eltern und Kind stärkt neuronale Verschaltungen, die später Aufmerksamkeit, Sprachentwicklung, Emotionsregulation und soziales Lernen ermöglichen. Das Gehirn entwickelt sich deshalb nicht isoliert im Kopf eines Kindes. Es entwickelt sich im Austausch mit anderen Menschen.

Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen sogar, dass sich während intensiver Eltern-Kind-Interaktionen Herzschlag, Aufmerksamkeit und Teile der Gehirnaktivität synchronisieren können. Gleichzeitig wird vermehrt Oxytocin ausgeschüttet – ein Hormon, das Bindung stärkt, Stress reduziert und soziale Beziehungen fördert. Solche Prozesse lassen sich durch keinen Bildschirm ersetzen.

Gemeinsame Aufmerksamkeit ist der Beginn allen Lernens

Eine besondere Rolle spielt dabei die sogenannte Joint Attention, die geteilte Aufmerksamkeit. Sie beschreibt jene Situationen, in denen Eltern und Kind ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf denselben Gegenstand oder dasselbe Ereignis richten.

Ein Vogel vor dem Fenster. Ein Bilderbuch. Ein Bauklotz. Oder einfach das Gesicht des anderen.

Was alltäglich wirkt, gehört zu den wichtigsten Lernmomenten der frühen Kindheit. Hier verbindet das Gehirn Wahrnehmung mit Sprache, Gefühle mit Erfahrungen und neue Eindrücke mit Vertrauen. Walter Hultzsch beschreibt die gemeinsame Aufmerksamkeit deshalb als einen der entscheidenden Entwicklungsschritte der frühen Kindheit. Sie schafft die Grundlage dafür, dass Kinder später Sprache erwerben, Zusammenhänge verstehen und mit anderen Menschen kooperieren können.

Gerade deshalb ist die neue Studie weit mehr als eine Untersuchung über Smartphones. Sie erinnert daran, dass jedes Kind zunächst etwas viel Grundsätzlicheres lernt als Zahlen, Buchstaben oder digitale Kompetenzen. Es lernt, ob ein anderer Mensch wirklich bei ihm ist. Und dieses Gefühl bildet das Fundament, auf dem später alles Weitere aufbaut.

Was die Studie zeigt – und was sie nicht zeigen kann

So eindrucksvoll die Ergebnisse auch sind: Wissenschaft lebt davon, ihre eigenen Grenzen offenzulegen. Auch diese Studie bildet da keine Ausnahme.

Die Untersuchung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der häufigen Smartphone-Nutzung der Eltern, einer unsicheren Eltern-Kind-Bindung und einem geringeren Selbstwertgefühl der Jugendlichen. Sie kann jedoch nicht beweisen, dass die Smartphone-Nutzung die Ursache dieser Entwicklung ist. Als Querschnittsstudie bildet sie eine Momentaufnahme ab. Denkbar ist beispielsweise auch, dass belastete Familien häufiger zu digitalen Medien greifen oder weitere Faktoren die Beziehung zwischen Eltern und Kindern beeinflussen.

Gerade diese wissenschaftliche Zurückhaltung macht die Ergebnisse jedoch glaubwürdig. Denn die Studie steht nicht für sich allein. Sie fügt sich vielmehr in einen Forschungsstand ein, der seit Jahrzehnten gewachsen ist. Das Still-Face-Experiment, die Bindungsforschung von John Bowlby und Mary Ainsworth sowie zahlreiche neurobiologische Untersuchungen zeigen unabhängig voneinander immer wieder dieselbe Richtung: Kinder entwickeln sich dort am besten, wo ihre Signale wahrgenommen, verstanden und beantwortet werden.

Die aktuelle Untersuchung ergänzt dieses Wissen um eine zeitgemäße Perspektive. Sie macht sichtbar, wie digitale Geräte diese feinen Interaktionen im Familienalltag verändern können.

Eine Debatte beginnt an der falschen Stelle

In den vergangenen Jahren ist viel darüber diskutiert worden, wann Kinder erstmals mit digitalen Medien in Berührung kommen sollten. Befürworter einer frühen digitalen Bildung verweisen darauf, dass Kinder heute selbstverständlich in einer digitalisierten Welt aufwachsen. Es sei weder möglich noch sinnvoll, sie von digitalen Medien fernzuhalten. Deshalb müsse Medienkompetenz möglichst früh vermittelt werden.

Diese Argumentation greift jedoch zu kurz. Nicht weil digitale Kompetenzen unwichtig wären. Im Gegenteil: Kinder werden sie zu einem späteren Zeitpunkt in Schule, Beruf und Alltag dringend benötigen.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr, worauf diese Kompetenzen aufbauen.

Die Entwicklungspsychologie und die Neurobiologie geben darauf eine erstaunlich klare Antwort. Bevor ein Kind lesen, schreiben oder digitale Anwendungen verstehen kann, entwickelt es zunächst jene Fähigkeiten, die jedes Lernen überhaupt erst ermöglichen. Es lernt, seine Aufmerksamkeit zu steuern. Es entwickelt Vertrauen in andere Menschen. Es lernt, Gefühle zu regulieren, Impulse zu kontrollieren und sich auf gemeinsame Situationen einzulassen. All dies entsteht nicht im Umgang mit Bildschirmen, sondern in der Beziehung zu den Menschen, die ein Kind liebevoll begleiten.

Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der neuen Studie. Sie stellt die digitale Bildung nicht infrage. Sie erinnert vielmehr daran, dass jedes Lernen eine Grundlage braucht. Wenn diese Grundlage eine sichere Bindung und eine feinfühlige Beziehung ist, dann beginnt Bildung nicht mit einem Tablet, sondern mit einem Menschen, der einem Kind aufmerksam begegnet.

Beziehung ist die erste Bildungsinstitution

Hultzsch beschreibt in seinem Buch die ersten Lebensjahre als die entscheidende Phase der Gehirnentwicklung. Aufmerksamkeit, Sprache, Selbstregulation und Empathie entstehen nach seiner Darstellung nicht unabhängig voneinander, sondern wachsen aus unzähligen alltäglichen Begegnungen zwischen Eltern und Kind. Blickkontakt, gemeinsames Staunen, Vorlesen, Trösten oder das geduldige Beantworten der unermüdlichen Fragen kleiner Kinder sind deshalb weit mehr als liebevolle Gesten. Sie sind biologische Entwicklungsprozesse.

Vielleicht erklärt gerade das, warum viele Hebammen, Kinderärztinnen und Kinderärzte sowie Fachkräfte in der Frühpädagogik zu den ersten Leserinnen und Lesern seines Buches gehören. Sie begleiten Familien in einer Lebensphase, in der die Grundlagen für spätere Bildungsprozesse gelegt werden. Das Buch versteht sich deshalb weniger als Erziehungsratgeber denn als Einladung, die ersten Lebensjahre aus der Perspektive der modernen Gehirnforschung neu zu betrachten.

Kein Appell – sondern eine Einladung zum Hinschauen

Die Ergebnisse der Studie sollten Eltern nicht verunsichern. Niemand kann seinem Kind jede Minute ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Das wäre weder realistisch noch notwendig. Kinder profitieren sogar davon, kleine Frustrationen zu erleben und allmählich zu lernen, kurze Wartezeiten auszuhalten. Entscheidend ist etwas anderes.

Kinder brauchen die Erfahrung, dass ihre Eltern grundsätzlich erreichbar sind. Dass ein Blick erwidert wird. Dass ein Gespräch nicht ständig abreißt. Dass das gemeinsame Spiel wichtiger sein darf als die nächste Nachricht auf dem Smartphone.

Deshalb geht es gar nicht in erster Linie um digitale Medien. Es geht um Aufmerksamkeit.  Um jene kostbaren Minuten, in denen Erwachsene einem Kind zeigen: Jetzt bist du der wichtigste Mensch für mich.

Diese Erfahrung lässt sich weder herunterladen noch programmieren. Sie entsteht ausschließlich zwischen Menschen. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft der neuen Studie. Nicht weil sie etwas völlig Neues entdeckt hätte. Sondern weil sie uns daran erinnert, worauf jedes menschliche Lernen von Anfang an beruht.

Studienbewertung

Die Studie überzeugt durch ihre Fragestellung und ihre Einbettung in die Bindungsforschung. Besonders hervorzuheben ist, dass sie den Blick nicht auf die Mediennutzung der Kinder richtet, sondern auf die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion. Damit greift sie ein Thema auf, das angesichts der allgegenwärtigen Smartphone-Nutzung zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Ihre größte Einschränkung liegt im Querschnittsdesign. Kausale Aussagen sind deshalb nicht möglich. Dennoch wirken die Ergebnisse plausibel, weil sie sich nahtlos in Erkenntnisse der Bindungsforschung, der Entwicklungspsychologie und der Neurobiologie einfügen. Zusammen mit dem Still-Face-Experiment und den von Dr. Hultzsch beschriebenen Mechanismen der frühen Gehirnentwicklung entsteht ein wissenschaftlich stimmiges Gesamtbild.

Literatur

Gernot Körner




Wann Babys zu tanzen beginnen? Musik bewegt die Kleinsten

Schon mit drei Monaten verarbeitet das Babygehirn Musik. Sichtbare „Tanzbewegungen“ entwickeln sich jedoch erst gegen Ende des ersten Lebensjahres

Viele Eltern beobachten fasziniert, wie ihr Baby bei einem Lied aufmerksam lauscht oder fröhlich mit Armen und Beinen strampelt. Doch ab wann reagieren Kinder tatsächlich auf Musik? Eine internationale Studie unter Leitung der Universität Wien liefert jetzt spannende Antworten: Das Gehirn verarbeitet Musik bereits ab dem dritten Lebensmonat – gezielte, komplexere Bewegungen entstehen jedoch erst gegen Ende des ersten Lebensjahres.

Was die Forschenden untersucht haben

Für die Studie hörten 79 Säuglinge im Alter von drei, sechs und zwölf Monaten bekannte Kinderlieder wie La Vaca Lola und Hopp Juliska. Zum Vergleich spielten die Forschenden auch veränderte Versionen der Lieder vor, bei denen Rhythmus oder Tonhöhe verändert worden waren.

Währenddessen zeichneten sie die Gehirnaktivität der Babys mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) auf. Gleichzeitig wurden die Bewegungen der Kinder mithilfe eines kamerabasierten Video-Trackings erfasst. So ließ sich erstmals genau vergleichen, wie das Gehirn auf Musik reagiert und welche Bewegungen dabei entstehen.

Das Gehirn hört schon früh mit

Bereits dreimonatige Babys zeigten deutlich stärkere Gehirnreaktionen auf echte Musik als auf die künstlich veränderten Tonfolgen. Das bedeutet: Schon in den ersten Lebensmonaten erkennt das Gehirn musikalische Strukturen und verarbeitet sie aktiv. Musik ist für Babys also weit mehr als bloßer Hintergrundklang.

Vom Strampeln zum ersten „Tanz“

Eine Verbindung zwischen Musik und Bewegung fanden die Forschenden in allen Altersgruppen. Die Art der Bewegungen veränderte sich jedoch mit zunehmendem Alter.

Während jüngere Babys vor allem spontan mit Armen, Beinen oder dem Oberkörper reagierten, zeigten die einjährigen Kinder deutlich strukturiertere Bewegungsmuster. Eine echte Synchronisation mit dem Takt der Musik – also ein Tanzen im eigentlichen Sinn – konnten die Wissenschaftler allerdings noch bei keiner Altersgruppe nachweisen.

Auffällig war außerdem: Höhere Töne regten die Babys unabhängig vom Alter stärker zu Bewegungen an als tiefere.

Gemeinsames Singen lohnt sich

Die Ergebnisse zeigen, dass musikalische Erfahrungen bereits im ersten Lebensjahr die Entwicklung begleiten können. Gemeinsames Singen, rhythmisches Wiegen oder einfache Kinderlieder fördern die Verknüpfung von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Bewegung – auch wenn Babys noch längst nicht im Takt tanzen.

Für Eltern und pädagogische Fachkräfte ist das eine beruhigende Botschaft: Es kommt nicht darauf an, dass ein Baby schon „richtig“ mitmacht. Entscheidend ist, dass Musik von Anfang an gemeinsame Erlebnisse schafft und die Entwicklung auf vielfältige Weise unterstützt.

Wie aussagekräftig ist die Studie?

Die Ergebnisse gelten als wissenschaftlich gut abgesichert, sollten aber mit der üblichen Vorsicht interpretiert werden. Untersucht wurden 79 Säuglinge in drei Altersgruppen (drei, sechs und zwölf Monate). Für Studien mit Babys ist das eine solide Stichprobengröße. Besonders überzeugend ist, dass die Forschenden gleichzeitig die Gehirnaktivität (EEG) und die Körperbewegungen erfassten und moderne, markerlose Videoanalysen einsetzten. Zudem war die Studie vorab registriert und wurde im Fachjournal eLife nach Begutachtung veröffentlicht. Die Gutachter bewerteten sie als methodisch gut konzipiert und stuften die Belege als überzeugend ein.

Dennoch gibt es Grenzen: Die Babys hörten nur zwei Kinderlieder, und die Untersuchung zeigt Zusammenhänge, erklärt aber nicht alle Ursachen. Außerdem endet die Studie mit dem ersten Lebensjahr. Wann Kinder beginnen, sich tatsächlich im Takt zur Musik zu bewegen, müssen weitere Untersuchungen klären.

Quelle: Development of Auditory and Spontaneous Movement Responses to Music over the First Postnatal Year. Trinh Nguyen, Félix Bigand, Susanne Reisner, Atesh Koul, Roberta Bianco, Gabriela Markova, Stefanie Hoehl, Giacomo Novembre. In: eLife
DOI: 10.7554/eLife.107088.3
https://elifesciences.org/articles/107088




Kinder lernen noch immer wie vor 100.000 Jahren

Warum moderne Forschung die Grundgedanken einer ganzheitlichen Pädagogik bestätigt

Warum balancieren Kinder eigentlich so gern auf Mauern? Kaum ist ein Bordstein etwas höher als der Gehweg, wird er zum Schwebebalken. Ein umgestürzter Baumstamm verwandelt sich in eine Mutprobe, eine Böschung in einen Kletterberg. Erwachsene sehen darin meist nur Bewegung. Kinder erleben etwas ganz anderes. Sie prüfen ihre Geschicklichkeit, schätzen Entfernungen ein, verlieren kurz das Gleichgewicht, fangen sich wieder und beginnen nach einem Fehltritt einfach noch einmal. Sie beobachten andere Kinder, feuern sich gegenseitig an und freuen sich, wenn eine Herausforderung schließlich gelingt.

Wer Kindern in solchen Momenten zusieht, erlebt einen der faszinierendsten Vorgänge menschlicher Entwicklung: Lernen.

Auf den ersten Blick trainiert das Kind seine Motorik. Tatsächlich geschieht weit mehr. Es richtet seine Aufmerksamkeit auf den nächsten Schritt, plant Bewegungen, korrigiert Fehler, verarbeitet Sinneseindrücke, erlebt Erfolg und Enttäuschung, gewinnt Selbstvertrauen und sammelt Erfahrungen, auf denen späteres Wissen aufbaut. Bewegung, Wahrnehmung, Denken, Sprache und Gefühle greifen dabei so selbstverständlich ineinander, dass wir sie kaum voneinander trennen können.

Vielleicht beginnt genau hier das Missverständnis vieler Bildungsdebatten. Wir sprechen häufig so, als würde Lernen vor allem im Kopf stattfinden. Tatsächlich ist der Kopf nur ein Teil eines viel größeren Ganzen.

Eine scheinbar einfache Frage macht das deutlich: Warum besitzen wir eigentlich ein Gehirn?

Die meisten Menschen antworten spontan: Zum Denken. Aus evolutionsbiologischer Sicht greift diese Antwort jedoch zu kurz. Komplexe Gehirne entwickelten sich vor allem deshalb, weil sich Lebewesen bewegen mussten. Wer laufen, greifen, klettern oder fliehen kann, muss seine Umwelt wahrnehmen, Gefahren erkennen, Entscheidungen treffen und sein Verhalten fortlaufend anpassen. Wahrnehmen, Denken und Handeln gehörten deshalb von Anfang an zusammen. Der Neurowissenschaftler Rodolfo Llinás brachte diesen Gedanken auf einen einprägsamen Satz:

„Ein Gehirn braucht nur ein Lebewesen, das sich bewegen kann.“

Dieser Gedanke verändert den Blick auf das Lernen. Kinder erschließen sich ihre Welt nicht, indem sie Informationen möglichst effizient aufnehmen. Sie lernen, indem sie handeln. Sie bauen Türme und beobachten, warum sie einstürzen. Sie schleppen Bretter durch den Garten, bis daraus eine Brücke wird. Sie springen in Pfützen, sammeln Käfer, stellen Fragen, verwerfen Lösungen und beginnen noch einmal von vorn. Jede dieser Erfahrungen hinterlässt Spuren im Gehirn. Lernen bedeutet deshalb weit mehr, als Wissen anzusammeln. Lernen verändert den Menschen selbst.

Die moderne Neurowissenschaft beschreibt diesen Prozess heute genauer als je zuvor. Das Gehirn ist kein starres Organ. Es verändert sich durch Erfahrungen. Neue neuronale Verbindungen entstehen, bestehende werden gefestigt oder wieder abgebaut. Gerade in der frühen Kindheit ist diese Plastizität besonders ausgeprägt. Bewegung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie trainiert nicht nur Muskeln und Koordination, sondern beeinflusst Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis und die Entwicklung neuronaler Netzwerke. Kinder bewegen sich also nicht, weil sie eine Pause vom Lernen brauchen. Sie bewegen sich, während sie lernen.

Dass dieser Zusammenhang heute wissenschaftlich so gut beschrieben werden kann, bedeutet allerdings nicht, dass er neu wäre. Gute Pädagoginnen und Pädagogen beobachten seit Generationen, dass Kinder am nachhaltigsten lernen, wenn sie selbst aktiv werden dürfen. Johann Heinrich Pestalozzi sprach von „Kopf, Herz und Hand“. Maria Montessori vertraute auf die Eigenaktivität des Kindes. Jean Piaget beschrieb Lernen als aktiven Konstruktionsprozess, Lev Wygotski betonte die Bedeutung sozialer Beziehungen für die Entwicklung.

In Deutschland hat Prof. Dr. Armin Krenz diesen Gedanken über Jahrzehnte weiterentwickelt. In seinem Beitrag „Ganzheitliche Pädagogik – Modewort oder echtes Konzept?“ beschreibt er Ganzheitlichkeit nicht als Methode, sondern als Ausdruck eines Menschenbildes. Entwicklung, so seine zentrale Botschaft, lässt sich nicht in einzelne Förderbereiche zerlegen. Kinder erleben, fühlen, denken und handeln immer als ganze Persönlichkeiten. Diese Sichtweise zieht sich seit Jahrzehnten wie ein roter Faden durch seine Arbeit – und ebenso durch die Geschichte von SPIELEN UND LERNEN.


krenz-ganzheitlich broschure-

Ganzheitliche Pädagogik – Was steckt wirklich dahinter?

Ganzheitlichkeit ist eines der meistverwendeten Schlagworte der Pädagogik – doch was bedeutet sie tatsächlich? Armin Krenz zeigt fundiert und praxisnah, warum ganzheitliche Pädagogik weit mehr ist als eine Methode oder ein pädagogischer Trend. Auf der Grundlage entwicklungspsychologischer, neurobiologischer und bildungswissenschaftlicher Erkenntnisse beschreibt er eine Pädagogik, die das Kind als ganze Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Ein inspirierender Leitfaden für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Eltern, die Kinder wirklich verstehen und zeitgemäß begleiten möchten.

Armin Krenz: Ganzheitliche Pädagogik verstehen und leben, 64 Seiten, ISBN: 9783963046216, 12 €


Seit der Gründung im Jahr 1968 hat sich vieles verändert. Neue Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung, Neurowissenschaft und Bildungswissenschaft haben unser Wissen über das Lernen von Kindern erheblich erweitert. Die Grundhaltung ist jedoch dieselbe geblieben: Gute Pädagogik beginnt nicht beim Lehrplan, sondern beim Kind.

Gerade heute gewinnt diese Haltung neue Aktualität. Künstliche Intelligenz verändert Berufe, digitale Medien prägen den Alltag, und kaum jemand kann zuverlässig vorhersagen, welche Fähigkeiten Kinder in zwanzig oder dreißig Jahren benötigen werden. Deshalb ist häufig von Zukunftskompetenzen die Rede. Kreativität, Problemlösefähigkeit, Teamfähigkeit, Selbstständigkeit und kritisches Denken gelten als Schlüssel für die Zukunft.

Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht zuerst, welche Kompetenzen Kinder brauchen.

Sie lautet:

Wie entstehen solche Fähigkeiten überhaupt?

Genau an diesem Punkt wird die moderne Forschung spannend. Denn sie führt erstaunlich oft zu Erkenntnissen, die erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen seit Langem aus ihrer täglichen Arbeit kennen – und sie liefert dafür heute eine wissenschaftliche Begründung.

Was die Forschung heute bestätigt

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Forschung über das Lernen von Kindern rasant entwickelt. Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaft, Bindungsforschung und Bildungswissenschaft untersuchen dabei ganz unterschiedliche Aspekte. Umso bemerkenswerter ist, dass sie immer wieder auf dieselben grundlegenden Bedingungen erfolgreichen Lernens stoßen. Erfolgreiches Lernen entsteht nicht dadurch, dass Kinder möglichst viele Informationen aufnehmen. Es entsteht dort, wo sie selbst aktiv werden, Beziehungen erleben, Erfahrungen sammeln und neue Erkenntnisse mit bereits vorhandenem Wissen verbinden können. Lernen ist kein isolierter Vorgang im Gehirn. Es ist immer zugleich ein biologischer, emotionaler, sozialer und kognitiver Prozess.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert das Embodied Learning. Hinter dem wissenschaftlichen Begriff verbirgt sich eine einfache Erkenntnis: Kinder verstehen viele Zusammenhänge besser, wenn sie sie handelnd erfahren. Sie entwickeln ein Gefühl für räumliche Beziehungen, indem sie bauen. Sie begreifen physikalische Gesetzmäßigkeiten, indem sie experimentieren. Sie verstehen mathematische Muster oft leichter, wenn sie sie legen, ordnen oder selbst erlaufen. Bewegung unterstützt das Denken nicht nur – sie kann ein wesentlicher Bestandteil des Denkens sein.

Eine aktuelle Meta-Analyse „The effect of embodied learning on students‘ learning performance: A meta-analysis“ aus dem Jahr 2025 bestätigt diesen Zusammenhang. Die Auswertung von 46 internationalen Studien zeigt, dass körperlich eingebundene Lernformen die Lernleistungen signifikant verbessern können. Gleichzeitig räumt sie mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf. Nicht möglichst viel Bewegung oder möglichst viele Sinnesreize führen automatisch zu besseren Lernergebnissen. Entscheidend ist vielmehr, dass Bewegung und Lerninhalt sinnvoll miteinander verbunden sind. Gute Pädagogik wird dadurch nicht einfacher – aber verständlicher.

Wie sehr sich wissenschaftliche Erkenntnisse und pädagogische Erfahrung ergänzen können, zeigt sich auch an einem ganz alltäglichen Beispiel. Drei Kinder möchten im Außengelände einer Kita mit Brettern und Holzkisten eine Brücke bauen. Immer wieder rutschen die Bretter herunter. Die Kinder beraten sich, holen längere Bretter, verändern ihre Konstruktion und versuchen es erneut. Niemand erklärt ihnen die Gesetze der Statik. Dennoch entwickeln sie räumliches Denken, mathematische Vorstellungen, Sprachkompetenz, Ausdauer und Teamfähigkeit. Sie lernen, weil sie ein echtes Problem lösen wollen – nicht, weil ihnen jemand eine Aufgabe gestellt hat.

Mindestens ebenso bedeutsam wie Bewegung sind Beziehungen. Kinder lernen nicht nur von Erwachsenen, sondern vor allem mit ihnen. Wer sich sicher fühlt, wagt mehr. Wer Vertrauen erlebt, bleibt auch dann bei einer Aufgabe, wenn sie schwierig wird. Wer Fehler machen darf, entwickelt eher den Mut, neue Wege auszuprobieren.

Auch dafür braucht es keine komplizierten Versuchsanordnungen. Ein Mädchen sitzt ratlos vor einem Puzzle und möchte aufgeben. Die Erzieherin löst die Aufgabe nicht für sie. Sie setzt sich daneben und fragt lediglich: „Welche Teile hast du denn schon ausprobiert?“ Das Kind beginnt erneut zu suchen, entdeckt eine passende Ecke und arbeitet schließlich allein weiter. Nicht die Aufgabe hat sich verändert. Verändert hat sich die Beziehung – und damit die Bereitschaft des Kindes, weiterzudenken.

Die Bindungsforschung beschreibt diesen Zusammenhang seit vielen Jahren. Sichere Beziehungen schaffen die Grundlage dafür, dass Kinder ihre Umwelt neugierig erkunden. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen große Meta-Analysen zum Social and Emotional Learning (SEL). Sie zeigen, dass Kinder, die soziale und emotionale Kompetenzen entwickeln, häufig erfolgreicher lernen, ihre Aufmerksamkeit besser steuern und konstruktiver mit Rückschlägen umgehen können. Emotionale Entwicklung ist deshalb keine Ergänzung von Bildung. Sie gehört zu ihren Voraussetzungen.

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio hat diesen Zusammenhang grundlegend beschrieben. Gefühle, so seine zentrale Erkenntnis, stehen dem Denken nicht im Weg. Sie helfen dem Gehirn vielmehr dabei, Erfahrungen zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Wissen bleibt selten dort dauerhaft erhalten, wo es lediglich vermittelt wird. Es bleibt dort haften, wo Menschen etwas erleben, das für sie Bedeutung besitzt.

Auch Gerald Hüther, Manfred Spitzer und Joachim Bauer haben wesentlich dazu beigetragen, diese Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen. Ihre Veröffentlichungen haben den Blick auf Motivation, Beziehungen und Eigenaktivität geschärft. Die heutige Forschung beurteilt manche ihrer Schlussfolgerungen differenzierter, bestätigt jedoch viele ihrer grundlegenden Aussagen: Nachhaltiges Lernen entsteht dort, wo Kinder Sinn erleben, selbst handeln und ihre Erfahrungen mit positiven Beziehungen verbinden können.

Vielleicht zeigt sich das nirgendwo deutlicher als im freien Spiel. Wer Kinder beim Bau einer Höhle oder eines Piratenschiffes beobachtet, sieht zunächst Fantasie und Bewegung. Tatsächlich entstehen dabei viele der Fähigkeiten, die heute unter dem Begriff Zukunftskompetenzen diskutiert werden. Die Kinder planen gemeinsam, verteilen Aufgaben, lösen Konflikte, verändern ihre Ideen, übernehmen Verantwortung und erleben, dass Ausdauer zum Ziel führt. Sie entwickeln Kreativität, Problemlösefähigkeit, Kooperation und Selbstständigkeit – nicht, weil diese Kompetenzen unterrichtet werden, sondern weil sie sie für ihr gemeinsames Spiel benötigen.

Genau darin liegt eine wichtige Botschaft für die aktuelle Bildungsdebatte. Zukunftskompetenzen lassen sich nicht wie Vokabeln vermitteln. Sie wachsen aus Erfahrungen. Kreativität entsteht dort, wo Kinder eigene Ideen entwickeln dürfen. Verantwortungsbewusstsein wächst, wenn ihnen Verantwortung zugetraut wird. Problemlösefähigkeit entwickelt sich, wenn sie auf Herausforderungen stoßen, die sie mit Unterstützung, aber nicht anstelle anderer bewältigen.

Hier schließt sich der Kreis zu Armin Krenz. In seinem Beitrag beschreibt er Ganzheitlichkeit als eine pädagogische Grundhaltung, die vom Kind ausgeht und seine Entwicklung als unteilbaren Prozess versteht. Betrachtet man die Ergebnisse der heutigen Forschung, wirkt dieser Gedanke aktueller denn je. Die Wissenschaft bestätigt nicht jede einzelne Methode. Sie bestätigt jedoch immer deutlicher die Bedingungen, auf denen eine ganzheitliche Pädagogik beruht: Eigenaktivität, Bewegung, sichere Beziehungen, Spiel, emotionale Beteiligung und Erfahrungen, die für Kinder Sinn ergeben.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Überraschung.

Je genauer die Wissenschaft das Lernen untersucht, desto häufiger gelangt sie zu Erkenntnissen, die gute Pädagoginnen und Pädagogen seit Langem aus ihrer täglichen Arbeit kennen. Moderne Forschung führt uns deshalb nicht zurück in die Vergangenheit. Sie hilft uns, die Grundlagen menschlichen Lernens besser zu verstehen.

Seit fast sechs Jahrzehnten begleitet SPIELEN UND LERNEN diesen Weg. Wir haben unsere Haltung nie aus pädagogischen Moden entwickelt. Gleichzeitig haben wir neue wissenschaftliche Erkenntnisse immer aufgegriffen und kritisch eingeordnet. Nicht unsere Grundüberzeugung ist unverändert geblieben, sondern die Bereitschaft, sie immer wieder am aktuellen Wissen zu überprüfen.

Vielleicht besteht die größte Herausforderung unserer Zeit deshalb gar nicht darin, immer neue Förderprogramme zu entwickeln. Vielleicht besteht sie darin, den Mut zu haben, Kinder konsequent als ganze Persönlichkeiten zu sehen – mit ihrem Bewegungsdrang, ihrer Neugier, ihren Gefühlen, ihren Fragen und ihrer Freude am gemeinsamen Entdecken.

Unsere Welt verändert sich schneller als jemals zuvor. Aber der Mensch lernt noch immer auf dieselbe Weise.

Literatur (Auswahl)

  • Damasio, A. R. (1994). Descartes‘ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain.
  • Durlak, J. A. et al. (2011). The Impact of Enhancing Students‘ Social and Emotional Learning. Child Development, ergänzt durch neuere Meta-Analysen.
  • Liu, Z. et al. (2025). The Effect of Embodied Learning on Students‘ Learning Performance: A Meta-Analysis. Frontiers in Psychology.
  • Llinás, R. (2001). I of the Vortex: From Neurons to Self. MIT Press.
  • Stringer, C. (2016). The Origin and Evolution of Homo sapiens. Philosophical Transactions of the Royal Society B.
  • Yogman, M. et al. (2018). The Power of Play. Pediatrics, ergänzt durch neuere Übersichtsarbeiten zum kindlichen Spiel.

Gernot Körner




Pink Noise im Kinderzimmer? Studie warnt vor Risiken

kind schläft

Warum Dauerrauschen den REM-Schlaf von Kindern stören kann

Viele Eltern und Erzieher*innen nutzen White Noise oder Pink Noise, um Babys und Kinder schneller einschlafen zu lassen. Soundmaschinen, Apps oder laufende Ventilatoren gelten als praktische Hilfe bei Straßenlärm oder unruhiger Umgebung. Eine neue Studie im Fachjournal Sleep zeigt jedoch: Dauerrauschen kann wichtige Schlafphasen verändern – und das ist gerade für Kinder bedeutsam.

Die Untersuchung „Efficacy of pink noise and earplugs for mitigating the effects of intermittent environmental noise exposure on sleep“ von Basner et al. (2026) kommt zu einem klaren Ergebnis: Pink Noise reduzierte signifikant den REM-Schlaf. Umweltlärm verringerte vor allem den Tiefschlaf (N3). Auch wenn die Studie mit jungen Erwachsenen durchgeführt wurde, sind die Ergebnisse besonders relevant für Kinder – denn sie verbringen deutlich mehr Zeit im REM-Schlaf als Erwachsene.

Was ist REM-Schlaf – und warum ist er so wichtig?

REM steht für „Rapid Eye Movement“, also „schnelle Augenbewegungen“. In dieser Schlafphase bewegen sich die Augen unter den geschlossenen Lidern rasch hin und her. Gleichzeitig ist das Gehirn sehr aktiv – fast so aktiv wie im Wachzustand. Der Körper ist jedoch weitgehend entspannt, die Muskulatur stark reduziert. In dieser Phase träumen wir besonders intensiv.

REM-Schlaf erfüllt mehrere wichtige Funktionen:

  • Er unterstützt die Verarbeitung von Erlebnissen und Gefühlen.
  • Er hilft beim Lernen und beim Festigen von Gedächtnisinhalten.
  • Er spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Vernetzung des kindlichen Gehirns.

Neugeborene verbringen etwa 50 Prozent ihrer Schlafzeit im REM-Schlaf. Erst im Laufe der ersten Lebensjahre sinkt dieser Anteil. Das zeigt, wie wichtig diese Phase für die frühe Entwicklung ist.

Wenn nun ein dauerhaftes Hintergrundgeräusch wie Pink Noise genau diesen REM-Schlaf reduziert, ist das aus entwicklungspsychologischer Sicht kritisch zu betrachten.

Was die Studie konkret zeigte

In einem kontrollierten Schlaflabor verbrachten 25 gesunde Erwachsene mehrere Nächte unter verschiedenen Bedingungen: ruhige Kontrollnächte, Nächte mit wiederholtem Umweltlärm (z. B. Verkehr), Nächte mit Pink Noise sowie Kombinationen aus beidem. Zusätzlich wurde untersucht, wie gut Ohrstöpsel vor Lärm schützen.

Die Ergebnisse:

  • Umweltlärm reduzierte deutlich den Tiefschlaf (N3).
  • Pink Noise allein reduzierte signifikant den REM-Schlaf.
  • Die Kombination aus Umweltlärm und Pink Noise verbesserte den Schlaf nicht – sie verschlechterte teilweise sogar die Schlafstruktur.
  • Ohrstöpsel milderten fast alle negativen Effekte des Umweltlärms.

Besonders relevant für Kinder ist der Befund zur REM-Reduktion durch Pink Noise. Die Forschenden warnen ausdrücklich vor einem unkritischen Einsatz von Dauerrauschen, insbesondere bei vulnerablen Gruppen wie Neugeborenen und Kleinkindern.

Was bedeutet das für Kitas, Krippen und Familien?

Dauerrauschen sollte nicht automatisch als harmlose Einschlafhilfe betrachtet werden. Für pädagogische Fachkräfte ergeben sich daraus konkrete Anregungen:

1. Schlafumgebung optimieren

Schlafräume möglichst ruhig wählen. Wenn möglich, Räume auf der verkehrsabgewandten Seite nutzen.

2. Lärm reduzieren statt überdecken

Stuhlbeine filzen, Türen abdichten, Geräuschquellen während der Ruhezeit minimieren. Prävention ist wirksamer als Maskierung.

3. Rauschgeräte kritisch einsetzen

Wenn White Noise oder Pink Noise verwendet wird:

  • nur sehr leise einstellen
  • nicht die gesamte Schlafphase durchlaufen lassen
  • ausreichenden Abstand zur Liegefläche halten
  • regelmäßig prüfen, ob das Kind wirklich davon profitiert

Endlich ruhig schlafen – für Eltern und Kind

Schlaflose Nächte mit Baby oder Kleinkind? Dieses Buch bündelt die sechs bewährtesten Ein- und Durchschlaf-Programme in einem Band – verständlich erklärt und praxisnah aufbereitet. Mit klaren Schritt-für-Schritt-Plänen, psychologischem Hintergrundwissen zu Ursachen von Schlafproblemen und konkreten Alltagstipps für ruhigere Nächte. Zahlreiche Fallbeispiele aus der Beratungspraxis helfen Ihnen, die passende Methode für Ihr Kind zu finden.

Petra Weidemann-Böker, So lernen Kinder schlafen – Die sechs besten Einschlaf-Programme für Kinder, Hardcover, 288 Seiten, ISBN: 978-3-934333-59-8, 19,95 €


4. Entwicklungsfördernde Rituale stärken

Leises Vorlesen, ruhige Musik in geringer Lautstärke, Atemübungen oder gleichbleibende Einschlafrituale unterstützen das Sicherheitsgefühl – ohne die Schlafarchitektur zu verändern.

5. Eltern informieren

Viele Eltern wissen nicht, dass Dauerrauschen den REM-Schlaf beeinflussen kann. Aufklärung in Entwicklungsgesprächen oder Elternabenden schafft Bewusstsein.

Warum Ohrstöpsel keine Lösung für Kinder sind

In der Studie waren Ohrstöpsel bei Erwachsenen am wirksamsten gegen Lärm. Für Kinder sind sie jedoch meist ungeeignet – aus Sicherheits-, Komfort- und Handhabungsgründen. Deshalb bleibt die wichtigste Strategie: Lärmquellen möglichst reduzieren.

Kein Dauerrauschen im Kinderzimmer

Pink Noise und White Noise sind keine neutralen Einschlafhilfen. Sie können wichtige Schlafphasen beeinflussen – insbesondere den REM-Schlaf, der für die Gehirnentwicklung von Kindern zentral ist.

Bis weitere Langzeitstudien vorliegen, erscheint ein zurückhaltender und bewusster Umgang mit Dauerrauschen im Kinderzimmer sinnvoll. Die beste Grundlage für gesunden Kinderschlaf bleibt eine ruhige Umgebung, verlässliche Rituale und ein geschützter Schlafraum.

Quelle:
Basner, M. et al. (2026). Efficacy of pink noise and earplugs for mitigating the effects of intermittent environmental noise exposure on sleep. Sleep. https://doi.org/10.1093/sleep/zsag001




Mutterstimme stärkt das Gehirn von Frühchen

Stanford Studie zeigt: Frühes Hören der Mutter fördert die Sprachentwicklung

Das Hören der Stimme der Mutter wirkt sich positiv auf die Gehirnentwicklung von Frühchen aus – das zeigt eine neue, randomisiert-kontrollierte Studie der Stanford University School of Medicine. Frühgeborene, die im Krankenhaus regelmäßig Tonaufnahmen ihrer Mutter hörten, zeigten in MRT-Scans deutliche Verbesserungen in den Sprachzentren des Gehirns.

Frühe Sprachreize fördern neuronale Entwicklung

Unter Leitung von Katherine Travis konnten Forschende erstmals kausal nachweisen, dass frühe Spracherfahrungen messbar zur Reifung neuronaler Sprachpfade beitragen. Frühgeborene, die in den ersten Lebenswochen regelmäßig die vertraute Stimme ihrer Mutter hörten, entwickelten bessere Verbindungen zwischen Hör- und Spracharealen als Kinder, die keine Sprachaufnahmen erhielten. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Frontiers in Human Neuroscience veröffentlicht.

Risiko verzögerter Sprachentwicklung senken

Wie Heidi Feldmann, Seniorautorin der Studie, erklärt, verbringen Kinder, die mehr als drei Wochen zu früh geboren werden, oft lange Zeit im Krankenhaus – meist ohne den gewohnten mütterlichen Klangkontakt. Das könne die Sprachentwicklung verzögern. Durch gezielte Sprachinterventionen ließe sich dieses Risiko offenbar verringern.


Blickkontakt und Bindung formen das Gehirn

Dr. Walter Hultzsch erklärt, wie Nähe, Blickkontakt und feine Signale die Entwicklung von Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Persönlichkeit von Säuglingen fördern. Sein Buch verbindet neurowissenschaftliches Wissen mit alltagstauglicher Orientierung für Eltern, Großeltern, Paten und pädagogische Fachkräfte, die Babys in den ersten Lebensjahren achtsam begleiten wollen.

Dr. Walter Hultzsch
Hey Mama, schau mir in die Augen – und sprich mit mir – Bindung, Blickkontakt & frühe Kommunikation – wie sie das Gehirn deines Babys formen
120 Seiten, ISBN: 9783963040726, 20 €
Mehr zum Buch


Schon wenige Stunden Hören zeigen Wirkung

Während der Studie hörten die 46 teilnehmenden Frühchen über einen Zeitraum von zweieinhalb Stunden Tonaufnahmen, in denen ihre Mütter aus dem Kinderbuch „Paddington Bear“ vorlasen – jeweils in der Muttersprache. Schon nach wenigen Wochen zeigten sich deutliche strukturelle Veränderungen in den Sprachzentren. Die Forschenden betonen, dass die Tonaufnahmen den Schlaf der Kinder nicht beeinträchtigten.

Bedeutung für die Frühchenmedizin

Die Studie liefert neue Hinweise, wie wichtig emotionale Bindung und akustische Reize für die frühe Hirnentwicklung sind. Frühgeborene reagieren demnach sensibel auf die Stimme der Bezugsperson – ein einfaches, aber wirkungsvolles Mittel, um ihre Entwicklung gezielt zu unterstützen.




Elternschaft verleiht dem Gehirn Superkräfte

Dr. Julia Zwank, Professorin für Business Psychology und Expertin für Entwicklungspsychologie: „Die Natur baut unser Gehirn buchstäblich um, um uns auf unsere Rolle als Fürsorgende für ein schutzbedürftiges Wesen vorzubereiten“

„Mamaaaaa?? Hast du den Musiktest unterschrieben, die Brotzeit eingepackt, Maria gefragt, ob sie zum Spielen kommen kann und WO ist eigentlich mein Dings???“ Wer zum Henker soll all diese Dinge und noch 20.000 weitere auf dem Schirm haben und dazu solch unspezifische Fragen kompetent beantworten? Überraschung: Mama kann! Weil Mama gefühlt mehrere Personen in einer ist, ein Hirn hat wie ein Elefant und überhaupt die Beste ist. Genau wie Papa. Der ist ja sowieso Superman. Oder?

Pünktlich zum Vatertag und dem anstehenden Muttertag gehen wir mit Dr. Julia Zwank, Professorin für Business Psychology und Expertin für Entwicklungspsychologie, spannenden Fragen zur Elternschaft auf den Grund.

Man sagt, Mütter haben einfach alles im Kopf. Ist das ein Vorurteil oder stimmt das?

„Wenn wir das Gehirn einer Mutter und das Gehirn einer kinderlosen Frau im Gehirnscan ansehen, können wir recht gut erkennen, wer von beiden wer ist. Ist das nicht faszinierend? Die Veränderungen im Gehirn, die mit der Elternschaft einhergehen, sind die bedeutendsten im gesamten Erwachsenenleben und können mit den Veränderungen während der Pubertät verglichen werden.

Die Natur baut unser Gehirn buchstäblich um, um uns auf unsere Rolle als Fürsorgende für ein schutzbedürftiges Wesen vorzubereiten. Schon in der Schwangerschaft sehen wir zum Beispiel, dass die graue Hirnsubstanz in bestimmten Arealen ab- und in anderen Arealen zunimmt, was sich nach der Geburt weiter fortsetzt. Eltern haben im Vergleich zu Nicht-Eltern stärkere neuronale Netzwerke, die zum Beispiel mit einer erhöhten Wachsamkeit für Bedrohungen verbunden sind. Diese Veränderungen im Gehirn sind so deutlich, dass ein Computeralgorithmus anhand der neuroanatomischen Veränderungen sogar treffsicher voraussagen kann, ob eine Frau Mutter ist oder nicht.

Diese intensiven Veränderungen finden während eines relativ kurzen Zeitraums statt. Mit der Geburt eines Kindes wird auch eine Mutter geboren, die danach eine andere Frau ist als zuvor – mit einem neu verdrahteten Gehirn.“

Wann beginnt die Anpassung des Gehirns auf den Elternschafts-Modus?

„Der Prozess beginnt während der Schwangerschaft und setzt sich über die Geburt hinaus fort. Studien zeigen, dass sich in Momenten der Nähe zwischen Babys und ihren Eltern ihre körperlichen Funktionen synchronisieren. Dies geschieht immer dann, wenn wir gemeinsam glücklich sind, wenn wir einander in die Augen sehen und gemeinsame Freude empfinden. Ein Beispiel hierfür ist die Mutter, die liebevoll das Baby auf dem Wickeltisch anlächelt oder der Vater, der mit dem Baby auf dem Arm tanzt oder begeistert „Kuckuck“ spielt – immer und immer wieder.

Diese Synchronisation unterstützt nicht nur die Entwicklung des Gehirns, sondern lässt auch die körperlichen Funktionen reifen. Zwischen Eltern und Kind existieren verschiedene Ebenen der Koordination: Die Herzrhythmen von Mutter oder Vater und Kind passen sich zum Beispiel in Millisekunden an, was auf eine tiefe körperliche Verbundenheit hinweist und die Entwicklung des Organismus des Kindes sowie seiner körperlichen Funktionen unterstützt. In diesen Momenten schlagen die Herzen wahrhaftig „im gleichen Takt“. Eltern und Babys weisen einen ähnlichen Spiegel von Oxytocin, dem „Liebeshormon“, auf, was ihre Bindung weiter stärkt. Sogar die Gehirnwellen scheinen sich in diesen Momenten der Nähe anzugleichen.

Diese Synchronität unterstützt dann die kindliche Entwicklung grundlegend und hilft dem Stresssystem, nach und nach zu reifen. Wenn wir nun weiterdenken, beeinflusst sie auch die Fähigkeit des Kindes, eines Tages selbst zu liebevollen und einfühlsamen Eltern für die nächste Generation zu werden. Das zeigt, wie wichtig echte Nähe für die Gehirnentwicklung des Kindes ist – und für die der Eltern.“

Haben das alle Mütter? Und wie ist es um Väter bestellt? Verändern sich auch Männerhirne während Schwangerschaften oder mit der Ankunft des neuen Erdenbürgers?

„Den Anstoß für diesen Umbau des Gehirns gibt die Schwangerschaft mit ihren hormonellen Feuerwerken. Doch Gehirnveränderungen treten nicht nur bei Müttern auf. Wir sehen sie auch bei Vätern, bei Adoptiveltern und bei engsten Bezugspersonen. Hier kommt es auf die Qualität der Interaktion an. Denn die Verhaltensweisen, die diese Synchronisierung zwischen Erwachsenem und Kind und damit die Gehirnentwicklung bei Eltern und Kind fördern, haben alle eines gemeinsam: Sie treten bei Verbindung und in positiven sozialen Interaktionen auf. Nähe, Augenkontakt und sanfte Berührungen. Eltern, die ihre Babys halten, tragen, für sie singen und mit ihnen kuscheln. Eltern, die sensibel und aufmerksam auf das Weinen ihrer Babys reagieren. Eltern, die die innere Welt ihrer Babys mit Neugier beobachten. Es sind diese liebevollen und achtsamen Interaktionen, die nicht nur die Bindung zwischen Eltern und Kind stärken, sondern auch die Grundlage für eine gesunde Entwicklung des kindlichen und elterlichen Gehirns bilden.“

Was können jene Eltern mit neuem Gehirn denn dann besser als andere?

„Es entwickelt sich dadurch eine Art Netzwerk im Gehirn, das manche Forschende sogar als „globales Elternnetzwerk“ bezeichnen. Das sorgt dafür, dass Eltern sich auf ihre Babys einstellen können und ihre Bedürfnisse lesen lernen. Viele Eltern beginnen, plötzlich alle potenziellen Gefahren im Alltag zu sehen – die scharfe Kante, das hohe Gerüst, die zu große Traube, die das Kind verschlucken könnte. Das ist die Wachsamkeit und die Sensibilität, die in einem Elternhirn erhöht ist. Oder denken wir an Mamas und Papas, die die unterschiedlichen Laute ihres Kindes unterscheiden können, wissen, wann es Hunger hat, müde ist oder auf den Arm genommen werden will. Oder Eltern, die nachts um 2 Uhr stundenlang ihr Neugeborenes schaukeln, auch wenn sie selbst völlig übermüdet sind. Das Elterngehirn ist wie eine Art Superkraft, mit der uns die Natur ausstattet. Mit der wir das Überleben eines kleinen, hilflosen Wesens sichern können.“

Wir sind also eine gewisse Zeit lang aufmerksamer, leistungsfähiger, ausdauernder und kommen zudem mit weniger Schlaf aus. Begibt sich das Hirn irgendwann wieder auf Werkseinstellung oder bleibt es ein Leben lang ein Eltern-Hirn?

„Aktuelle Langzeituntersuchungen weisen darauf hin, dass diese strukturellen und funktionalen Veränderungen bestehen bleiben.“

Welche Rolle spielen die Papas?

„Lange wurde geglaubt, ein Kind bräuchte „nur eine liebevolle Mutter“. Doch das ist weit gefehlt. Der Einfluss des Vaters ist größer, als viele denken. Kinder, die mit liebevollen Vätern aufwachsen, brechen deutlich seltener die Schule ab oder landen im Gefängnis als Kinder, deren Vater abwesend ist und die kein anderes männliches Vorbild haben. Wenn Kinder enge Beziehungen zu Vaterfiguren haben, sind sie seltener in riskante Verhaltensweisen involviert und in der Pubertät deutlich weniger aggressiv oder kriminell. Als Erwachsene haben sie deutlich häufiger gut bezahlte Jobs und gesunde, stabile Beziehungen. Außerdem haben sie schon im Alter von drei Jahren tendenziell höhere IQ-Testergebnisse und leiden im Laufe ihres Lebens weniger an psychischen Problemen.

Nachdenklich macht mich jedoch immer wieder der Einfluss eines Vaters, wenn er zurückweisend ist. Eine groß angelegte Studie in mehreren Ländern hat gezeigt, dass Kinder, die von ihrem Vater zurückgewiesen werden, signifikant ängstlicher, unsicherer, aggressiver gegenüber anderen und feindseliger sind als Kinder, die einen liebevollen Vater erfahren. Ganz spannend ist, dass ein zurückweisender Vater einen viel größeren negativen Einfluss hat als eine zurückweisende Mutter.“

Was heißt denn „liebevoll“? Und ab wann ist ein Vater ein aktiver Vater?

Hier geht es vor allem um gemeinsam verbrachte Zeit, wobei die Qualität der Zeit jedoch wichtiger ist als die Quantität. Gemeinsames Fernsehen hilft hier zum Beispiel noch nicht viel. Es zählen gemeinsame Erfahrungen, Erlebnisse, bei denen positive Emotionen entstehen. Studien zeigen, dass Väter, die mit ihren Kindern zusammenleben und an wichtigen Ereignissen teilnehmen, einen weitaus größeren positiven Einfluss als Väter haben, die viel unterwegs sind oder woanders wohnen.

Kann ein Vater auch erst später entscheiden, aktiv am Leben der Kinder teilzunehmen und dann immer noch für den positiven Effekt sorgen oder ist der Zug ab einem bestimmten Kindesalter irgendwann abgefahren?

„Die ersten Lebensjahre sind durchaus die prägendsten. Doch selbst, wenn der Zug schon losgefahren ist, können wir immer noch hinterhersprinten und einsteigen. Zu spät ist es nie. Unser Gehirn ist plastisch, sprich: Es verändert sich, je nachdem, welche Erfahrungen wir machen. In egal welcher Familienkonstellation profitieren die Kinder von zugewandten und engagierten Erwachsenen – und Erwachsene ja auch von ihren Kindern, die ihre Gehirne zu Höchstleistungen antreiben und ihnen ganz erstaunliche Extra-Skills verleihen, von denen diese wiederum ihr ganzes Leben profitieren. Mit der Geburt wird nicht nur ein Baby geboren, sondern auch zwei Elternteile.“

Wir halten fest: Mama und Papa SIND Superhelden. Müssen sie sein, weil sie wissenschaftlich nachweisbare Superkräfte haben. Und je engagierter sie in ihrer Rolle sind, desto ausgeprägter die Superkraft. In diesem Sinne: Einen schönen Vater- bzw. Muttertag, den habt ihr euch verdient, ihr Superheld:innen!

Katja Narkprasert, SRH Fernhochschule