Enkel betreuen hält geistig fit: Studie zeigt Vorteile fürs Gehirn

Großmutter mit Kind

Neue Langzeitstudie legt nahe: Großeltern profitieren kognitiv von Kinderbetreuung

Großeltern als feste Stütze im Familienalltag – das ist für viele Eltern ein Glücksfall. Doch offenbar profitieren nicht nur Kinder und Erziehende von dieser generationsübergreifenden Zusammenarbeit. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie zeigt: Wer seine Enkel betreut, könnte damit zugleich die eigene geistige Fitness stärken.

Der Effekt scheint dabei weniger von der Häufigkeit der Betreuung abzuhängen als von der Rolle selbst.

Fragen und kognitive Tests

Ein Forschungsteam um Flavia Chereches von der Tilburg University analysierte Daten von 2.887 Großeltern über 50 Jahren (Durchschnittsalter 67). Die Daten stammen aus der English Longitudinal Study of Ageing und wurden über mehrere Jahre hinweg erhoben (2016–2022).

Die Teilnehmenden beantworteten wiederholt Fragen zu ihrem Alltag und absolvierten kognitive Tests. Dabei wurde unter anderem erfasst:

  • ob sie ihre Enkel betreuten
  • wie oft Betreuung stattfand
  • welche Betreuungsformen vorkamen (z. B. Spielen, Hausaufgabenhilfe, Fahrdienste, Kochen, Übernachtungen, Betreuung bei Krankheit)

Die Studie erschien am 26. Januar 2026 im Fachjournal Psychology and Aging.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie

Die Auswertung zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Enkelbetreuung und kognitiver Leistungsfähigkeit:

  • Betreuende Großeltern erzielten bessere Werte bei Gedächtnistests
  • auch die sprachliche Flüssigkeit war höher
  • die Unterschiede blieben bestehen, selbst wenn Alter, Gesundheit und soziale Faktoren statistisch berücksichtigt wurden
  • bei Großmüttern zeigte sich im Studienzeitraum sogar eine geringere geistige Abnahme

Besonders interessant: Es spielte kaum eine Rolle, wie häufig betreut wurde oder welche konkreten Tätigkeiten im Vordergrund standen. Entscheidend war offenbar das grundsätzliche Eingebundensein in die Betreuung.

Warum kann Kinderbetreuung das Gehirn unterstützen?

Die Studie selbst untersucht Ursachen nur indirekt – doch mehrere Erklärungen gelten als plausibel:

Mentale Aktivierung
Kinder bringen Dynamik in Gespräche und Situationen. Das fordert Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und Sprache.

Soziale Nähe
Regelmäßiger Kontakt über Generationen hinweg wirkt Einsamkeit entgegen – ein bekannter Risikofaktor für kognitive Verschlechterung.

Mehr Alltagsbewegung
Wer betreut, ist oft körperlich aktiver – vom Spielplatz bis zum Schulweg.

Sinnstiftende Rolle
Sich gebraucht zu fühlen und Verantwortung zu übernehmen, stärkt häufig Motivation und psychisches Wohlbefinden.

Nicht jede Betreuung wirkt gleich

Die Forschenden weisen ausdrücklich darauf hin: Der familiäre Rahmen ist entscheidend. Freiwillige, wertgeschätzte Betreuung in einem unterstützenden Umfeld könnte anders wirken als Betreuung unter Druck oder Überforderung.

Für Erziehende heißt das:

  • Betreuung sollte freiwillig bleiben
  • klare Absprachen helfen allen Beteiligten
  • Wertschätzung ist mehr als höflich – sie ist gesundheitsrelevant
  • Entlastung und Pausen für Großeltern sind wichtig

Wie Kinder und Großeltern profitieren

Enkelbetreuung ist keine Einbahnstraße. Kinder gewinnen Nähe, Zeit und Erfahrung. Eltern erhalten Unterstützung. Und Großeltern bleiben möglicherweise geistig aktiver.

Das macht generationenübergreifende Betreuung zu einem echten Familienmodell mit Mehrwert – emotional, praktisch und womöglich auch kognitiv.

Quelle der Studie

Chereches, F. et al. (2026). Grandparents’ Cognition and Caring for Grandchildren: Frequency, Type, and Variety of Activities. Psychology and Aging. American Psychological Association.
Studie (PDF): https://www.apa.org/pubs/journals/releases/pag-pag0000879.pdf




Wie Religion in der Familie weiterlebt – oder endet

Ob Glaube weitergegeben wird, hängt entscheidend von den Eltern ab – mit besonderer Rolle der Mütter. Im Osten Deutschlands ist Nicht-Religiosität zur Norm geworden

Ob Kinder religiös werden oder nicht, entscheidet sich laut einer neuen internationalen Studie der Universität Münster vor allem in der Familie. Besonders dann, wenn beide Elternteile derselben Konfession angehören, religiöse Rituale gemeinsam gepflegt werden und ein klares religiöses Selbstverständnis besteht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Glaube an die nächste Generation weitergegeben wird. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Rolle der Mütter, wie die Religionssoziologinnen Christel Gärtner und Linda Hennig sowie ihr Kollege Olaf Müller vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ betonen.

Aber auch religiöse Institutionen bleiben ein wichtiger Faktor. Der persönliche Austausch mit religiösen Autoritäten trägt wesentlich zur Festigung der Glaubenspraxis bei. Dennoch: In einem zunehmend säkularen Umfeld werden religiöse Erziehung und Weitergabe seltener. Eltern selbst sind heute oft kaum noch religiös – und vermitteln entsprechend auch keine religiösen Inhalte mehr an ihre Kinder.

Ostdeutschland als Vorreiter säkularer Sozialisation

Die Studie vergleicht Familien in Deutschland, Finnland, Italien, Ungarn und Kanada – alles Länder mit christlich geprägter Geschichte, aber unterschiedlichen Säkularisierungsverläufen. Besonders deutlich wird der Wandel in Ostdeutschland. Dort setzte der Bruch in der religiösen Weitergabe bereits früh ein: In der Generation der bis 1948 Geborenen war er bereits sichtbar. Bei den nach 1985 Geborenen stammt heute fast jede*r Zweite aus einer konfessionslosen Familie.

In Westdeutschland hingegen ist die Weitergabe von Religion nach wie vor verbreiteter: Rund 70 Prozent der jüngeren Befragten stammen aus Haushalten mit zumindest einem konfessionell gebundenen Elternteil. Der Unterschied lässt sich unter anderem mit der antireligiösen Politik der DDR erklären, so Olaf Müller: „Wenn die Weitergabe von Nicht-Religiosität zum gesellschaftlichen Normalfall wird, fällt es Eltern schwer, ihren Kindern eine religiöse Lebensweise zu vermitteln.“

Die Adoleszenz als kritischer Wendepunkt

Ob ein Mensch religiös bleibt oder wird, entscheidet sich laut den Forschenden meist in der Jugendphase. In dieser Zeit hinterfragen junge Menschen die religiösen Praktiken ihrer Herkunftsfamilie, entwickeln eigene Haltungen – und treffen zunehmend autonome Entscheidungen.

Zugleich zeigen sich seit den 1980er Jahren neue Erziehungsideale: Eltern fördern verstärkt die Selbstbestimmung ihrer Kinder – auch im religiösen Bereich. Ob ein Kind getauft wird oder sich konfirmieren lässt, ist häufig eine Entscheidung, die der Nachwuchs selbst treffen soll.

Besonders nachhaltig wirkt religiöse Sozialisation, wenn mehrere Generationen zusammenwirken – etwa wenn Großeltern ebenfalls zur religiösen Erziehung beitragen. Allerdings, so die Studienautor*innen, können Großeltern einen fehlenden religiösen Einfluss der Eltern nicht ersetzen.

Werte bleiben – auch ohne Religion

Während sich in der religiösen Praxis zwischen den Generationen oft Brüche zeigen, bleiben zentrale Werte erstaunlich konstant. Solidarität, Toleranz und Nächstenliebe – ursprünglich religiös vermittelt – werden von vielen jungen Menschen zwar übernommen, jedoch ohne religiöse Begründung. Sie gelten heute zunehmend als allgemein gesellschaftliche Werte.

Interessant ist dabei auch die Feststellung: Nicht nur Religion kann dominant weitergegeben werden – auch eine gefestigte Haltung der Nicht-Religiosität prägt die nächste Generation nachhaltig. In Familien, in denen etwa der Vater betont säkular lebt, kann dieser Einfluss ebenso stark wirken wie eine überzeugte religiöse Praxis.

Die Studie wurde von 21 Forscher*innen aus fünf Ländern durchgeführt und durch die John Templeton Foundation gefördert. Die Ergebnisse sind im Buch „Families and Religion. Dynamics of Transmission across Generations“ im Campus Verlag erschienen. Das Projekt war am Centrum für Religion und Moderne (CRM) sowie am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster angesiedelt.