Zwei Wege zum Stern: Bibel und Legende der Weisen aus dem Morgenland
geschrieben von Redakteur | Januar 3, 2026
Warum wir die biblische Erzählung und die Legende von Caspar, Melchior und Balthasar nebeneinanderstellen – und was Kinder daraus lernen können.
In der Bibel wird erzählt, dass Weise aus dem Morgenland einem besonderen Stern folgten und nach Bethlehem kamen. Ihre Namen werden nicht genannt, und vieles bleibt offen. Diese Erzählung ist knapp und konzentriert sich auf das Wesentliche.
Viele Jahrhunderte später begannen Menschen, diese Geschichte weiterzudenken. Sie stellten sich vor, wer diese Weisen gewesen sein könnten, woher sie kamen und was sie auf ihrem Weg erlebt hatten. So entstand eine zweite Erzählung – eine Legende. In ihr bekamen die Weisen Namen, eine Herkunft und eine gemeinsame Geschichte. Man nannte sie Caspar, Melchior und Balthasar und sprach von ihnen als Königen.
Die erste Geschichte ist eine biblische Überlieferung. Die zweite ist eine gewachsene Legende, die den Glauben, die Fantasie und die Erfahrungen vieler Generationen widerspiegelt. Beide Geschichten erzählen vom Suchen, vom Mut zum Aufbruch und davon, dass Licht selbst in dunklen Zeiten den Weg zeigen kann.
Die Weisen aus dem Morgenland
Einige Zeit nach der Geburt Jesu geschah etwas, das weit über Bethlehem hinaus Beachtung fand.
In einem fernen Land lebten Männer, die den Himmel aufmerksam beobachteten. Sie kannten die Sterne, ihre Bewegungen und ihre Zeichen. Wenn sich am Himmel etwas veränderte, glaubten sie, dass auch auf der Erde etwas Wichtiges geschah.
Eines Nachts blieb einer von ihnen stehen und sagte leise: „Seht dort. Dieser Stern war gestern noch nicht da.“
Die anderen blickten hinauf. Ein neuer Stern leuchtete hell am Himmel. „Er ist anders als die anderen“, sagte einer. „Er kündigt etwas an“, meinte ein anderer.
Nach langem Nachdenken kamen sie zu dem Schluss: Ein besonderer König musste geboren worden sein. „Wir sollten ihn suchen“, sagte der Älteste.
„Auch wenn wir nicht wissen, wohin der Weg uns führt“, antwortete ein anderer. Sie machten sich auf den Weg und folgten dem Stern. Ihre Reise führte sie schließlich nach Jerusalem. Dort fragten sie die Menschen:
„Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen und sind gekommen, um ihn zu ehren.“
Diese Worte erreichten auch König Herodes. Er ließ die Weisen zu sich rufen und sprach freundlich zu ihnen: „Sucht das Kind und sagt mir Bescheid, wenn ihr es gefunden habt. Auch ich möchte hingehen und dem Kind huldigen.“
Doch seine Worte waren nicht ehrlich.
Als die Weisen Jerusalem verließen, erschien der Stern wieder. Er führte sie nach Bethlehem und blieb über einem Haus stehen. Dort fanden sie Maria, Josef und das Kind. Sie knieten nieder und brachten ihre Gaben dar: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
In der Nacht hatten sie einen Traum. Darin wurden sie gewarnt, nicht zu Herodes zurückzukehren. „Wir müssen einen anderen Weg nehmen“, sagten sie zueinander.
So kehrten sie heim – verändert durch das, was sie gesehen hatten.
Die heiligen drei Könige: Caspar, Melchior und Balthasar
Viele Jahre später erzählten sich die Menschen diese Geschichte weiter. Dabei entstand die Legende von drei Königen: Caspar, Melchior und Balthasar.
Es heißt, dass sie sich kannten, weil sie sich mit den Sternen beschäftigten. Sie lebten in verschiedenen Ländern, doch sie standen miteinander in Verbindung und tauschten ihr Wissen aus.
Eines Nachts entdeckte jeder von ihnen denselben neuen Stern am Himmel. Caspar sagte: „So hell hat noch nie ein Stern geleuchtet.“ Melchior erwiderte: „Er erscheint nicht zufällig.“ Balthasar fügte hinzu: „Vielleicht ruft er uns.“
Sie verabredeten sich, diesem Zeichen zu folgen, und trafen sich nach langer Reise. Dort entschieden sie gemeinsam: „Wir gehen los. Wir wollen sehen, wohin uns dieses Licht führt.“
Sie packten Geschenke ein, die einem König würdig waren: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Ihre Reise führte sie zuerst nach Jerusalem zum Palast von König Herodes. „Wir suchen einen neugeborenen König“, sagten sie offen. „Ein Stern hat uns zu ihm geführt.“
Herodes erschrak, verbarg seine Angst jedoch hinter freundlichen Worten: „Geht und sucht das Kind. Wenn ihr es gefunden habt, kommt zurück und sagt mir Bescheid. Auch ich möchte hingehen und dem Kind huldigen.“
Als sie den Palast verließen, sagte Balthasar leise: „Seine Worte klingen freundlich, aber sie sind nicht wahr.“
Der Stern erschien wieder und führte sie nach Bethlehem. Dort fanden sie Maria, Josef und das Kind. Sie knieten nieder und überreichten ihre Geschenke.
In der Nacht hatten auch sie einen Traum. Darin wurden sie gewarnt, nicht zu Herodes zurückzukehren.
„Wenn wir zurückgehen, bringen wir das Kind in Gefahr“, sagte Melchior. „Dann nehmen wir einen anderen Weg“, antwortete Caspar.
So machten sie sich auf einem anderen Weg auf den Heimweg.
Über Suchen, Vertrauen, Gefahr und Verantwortung
Diese beiden Geschichten helfen Kindern, über Suchen, Vertrauen, Gefahr und Verantwortung nachzudenken.
Gesprächsimpulse:
Warum folgen die Weisen dem Stern? Woran merkt man, dass Herodes nicht ehrlich ist? Warum ist es wichtig, das Kind zu schützen?
Diese Geschichten erzählen davon, dass Hoffnung manchmal klein beginnt und dennoch stark ist.
Eine gemeinsame Sprache in multinationalen Gruppen finden
geschrieben von Redakteur | Januar 3, 2026
Über das Geschichtenerzählen zur Verständigung finden
Theodor Fontane hat einmal gesagt: „Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache, und wir haben sie, um zu sprechen“ (aus „Unwiederbringlich“, 1892), und wie wichtig die Sprache ist, weiß jeder, der einmal im fremdsprachigen Ausland war, und auf dem Markt seine Wünsche äußern wollte: Wie dankbar ist man dann über die Ausdruckskraft seiner Hände und Füße, um etwas deutlich zu machen. Wie war es denn damals, als die ersten ausländischen Gastarbeiter nach Deutschland kamen? Wurden sie einfach ins kalte Wasser geschubst und mussten zusehen, wie sie die deutsche Sprache erlernten? Nein, schon damals wurden eigens für sie und ihre Kinder Sprachprogramme entwickelt, die es ihnen ermöglichen sollten, schnell die deutsche Sprache zu lernen, damit sie sich bald im deutschen System zurechtfinden und wohlfühlen konnten. Eine gemeinsame Sprache wird als Grundlage für die Verständigung angesehen, denn von jeher war die Sprache das Hauptverständigungsmittel der Menschen. Man sollte glauben, dass die vierte oder fünfte Türkengeneration jetzt ein fantastisches Deutsch spricht …
Spracherwerb als Grundvoraussetzung für Lehre und Beruf
Das ist auch bei den meisten so, aber diejenigen, die sich eine eigene Parallelwelt in der neuen Heimat aufgebaut haben, geben sich nicht mehr so viel Mühe wie ihre Großeltern. Besonders bei Familien mit türkischem Hintergrund bleiben viele Mütter zu Hause. Zu Hause wird hauptsächlich die eigene Sprache gesprochen, ebenso ist der Fernsehempfang per Satellitenschüssel auf Sender des Ursprungslandes eingestellt. Viele kaufen auch in türkischen Geschäften ein, sodass die Kinder, die ja eigentlich sehr schnell eine neue Sprache dazulernen, nur mit rudimentären Deutschkenntnissen in die Schule kommen. Nicht nur viele Lehrer machen sich begründete Sorgen in Bezug auf das Erlernen der deutschen Sprache.
Den Bürgern soll keineswegs ihre eigene Sprache genommen werden. Für ihre schulische wie berufliche Ausbildung und Karriere ist die Beherrschung der deutschen Sprache allerdings Grundvoraussetzung und in der deutschen Bevölkerung ist eine sinkende Akzeptanz für eine solche Verweigerungshaltung zu spüren, die durch Zahlen, die in Magazinen veröffentlicht werden (in den Großstädten wie Berlin haben 50% der türkischen Jungen keinen Hauptschulabschluss), noch unterstützt wird. Viele befürchten, dass diese Jugendlichen später auf ihre Kosten Sozialhilfe empfangen und nicht bereit sind zu arbeiten, dass sie in die Kriminalität abrutschen und so sich selbst, aber auch der Gesamtgesellschaft, Schaden zufügen.
Voraussetzungen im internationalen Bereich
Wie ist das in anderen Ländern, welche Bedeutung wird dort der Sprache zugemessen? Im französischsprachigen Teil Kanadas wird die gemeinsame Sprache als so wichtig erachtet, dass bestimmte Berufsgruppen erst ihr Examen in französischer Sprache ablegen und fließend französisch sprechen müssen, bevor sie in ihren Beruf zurückkehren können. Das betrifft auch sehr gut ausgebildete Menschen wie Ärzte mit langer beruflicher Praxis. Beschriftungen auf Geschäften dürfen zwar in zwei Sprachen gestaltet sein, die Schriftgröße der zweiten Sprache darf aber die der französischen Beschriftung nicht übertreffen. Die gemeinsame Sprache wird als äußerst wichtig dafür verstanden, eine gemeinsame Basis im alltäglichen Leben wie auch in der geistigen Auseinandersetzung und der Weiterentwicklung von Forschungsprojekten und Geschäften zu haben.
Die Kinder wachsen mindestens zweisprachig auf, was ja auch für eine große Offenheit und Flexibilität spricht. In Deutschland wird der Sprache zwar auch großer Wert beigemessen, aber die Offenheit anderen Sprachen gegenüber hält sich in Grenzen. Das fängt schon beim normalen Fernsehen an. Während in vielen Nachbarländern Deutschlands ausländische Filme so gut wie nie synchronisiert werden, hält Deutschland daran fest. Und da wundern sich viele, dass Deutsche Fremdsprachen häufig immer noch mit einem ausgesprochen starken deutschen Akzent sprechen.
Die skandinavischen oder niederländischen Zuschauer hören den Originalton und gewöhnen sich so unbewusst an die Sprachmelodie, während sie die Untertitel lesen. Deutschlehrer stellen mit Erschrecken einen zunehmend magereren Sprachschatz und eingeschränkte Wortwahl bei den Schülern fest. Dabei war von jeher Sprache das wichtigste Kommunikationsmittel der Menschen. Auch gehörlose Kinder machen bestimmte Phasen der Sprachentwicklung mit: Auch in der Gebärdensprache gibt es Lautmalerei und sowohl grammatisch einfache als auch ausgefeilte Satzgebilde, die je nach Alter des Kindes angewandt werden.
Möglichkeiten, sich mit Sprache zu beschäftigen
Südländische Menschen gelten als kommunikationsfreudiger als die Deutschen. Sie sitzen zusammen, tauschen Neuigkeiten aus der Familie und Nachbarschaft aus, entfachen große politische Diskussionen, erzählen alte Geschichten, die immer wieder neu gerne gehört werden. Was sind das denn für Geschichten, die da erzählt werden? Gibt es etwas Gemeinsames zwischen den vielen Völkern? Wenn wir Märchen international vergleichen, dann ist ein archaisches Muster zu erkennen. Die großen Gefühle der Menschheit und die Entwicklung des Menschen stehen in allen Märchen im Mittelpunkt. Trifft das auch auf andere Geschichten zu? Diese Frage soll ein Schwerpunkt dieses Projektes sein, aber darüber hinaus suchen wir auch Möglichkeiten, uns mit anderen „Sprachen“ zu beschäftigen, von der Pantomime über Braille und Gebärdensprache bis hin zur Kunstsprache. Auch die Schriftsprache wird ein Feld dieses Projektes sein. Die Kids bekommen die Möglichkeit, ihre Empfindungen und Ansichten in Worte zu fassen, und das ohne Beurteilung durch irgendwelche Fachleute.
Raum schaffen und mit Geschichten füllen
Die Aufgabe des begleitenden Erwachsenen besteht darin, mit den Kids die passende Atmosphäre für das Geschichtenerzählen zu schaffen, einen Raum zu schaffen, in dem sie sich so akzeptiert fühlen, dass sie ihre Gedanken in eine Dichtform fassen können, jeder in seiner Sprache. Die Aufgabe der Kinder ist, Forschung zu betreiben und Geschichten aufzutreiben, die typische Charaktere oder Themen ihrer Heimatländer beschreiben. Ob das Geschichten und Märchen aus der Kinderzeit sind oder welche, die Erwachsene sich auch heute noch gerne erzählen, können alle selbst entscheiden. Wichtig ist, dass die Kinder die Geschichte nicht vorlesen, sondern selbst erzählen, damit das alte Kulturgut des Geschichtenerzählens wieder lebendig gemacht wird. Ob sie sich dazu als Geschichtenerzähler verkleiden, kann auch jeder für sich entscheiden. Manche stylen sich einfach gerne und schaffen so eine ganz besondere Atmosphäre. Der begleitende Erwachsene sorgt mit ein paar Helfern für eine schöne Gestaltung des Raumes. Vielleicht passt ja eine Atmosphäre wie in „Tausendundeine Nacht“ gut dazu? Dann werden Decken oder Teppiche und jede Menge Kissen auf dem Boden verteilt. Mit Tüchern wird die Decke abgehängt. Kerzen oder Lichterketten verbreiten im Raum eine heimelige Stimmung, die noch durch Duftkerzen oder Duftlampen unterstützt wird. Als Düfte eignen sich Grapefruit-, Mandarinen- oder Apfelsinenöle, die zum Geschichtenspinnen anregen und den Geist erweitern, oder weiche Düfte wie Rosenholz, Zimt oder Sandelholz, die eine etwas orientalische Stimmung verbreiten, die deutsche Kinder oft an die Vorweihnachtszeit erinnert, in der sich, stärker als sonst im Jahr, eine anheimelnde Atmosphäre verbreitet, die Menschen enger zusammenrücken lässt und ein Gefühl von Geborgenheit erzeugt. Ein paar Grünpflanzen verbreiten auch eine schöne, entspannende Stimmung. Und wenn dann noch warmer, gewürzter Tee oder Punsch gereicht wird, kann die Erzählrunde beginnen.
Jeder Junge und jedes Mädchen erzählt die Geschichte erst einmal in seiner Sprache, damit die anderen ein Gefühl für die Schönheit der einzelnen Sprachen bekommen. Danach wird die Geschichte noch einmal kurz auf Deutsch erzählt, denn das ist in diesem Projekt die gemeinsame Sprache. Ob die Zuhörer schon beim ersten Erzählen verstehen, um was es in der Geschichte geht? Woran haben sie es erkannt? Haben sie einzelne Worte verstanden, weil sie die Sprache des anderen schon ein wenig können, haben sie auf Gestik und Mimik des Erzählers geachtet und daraus geschlossen, um was es in der Geschichte geht? Es ist sehr interessant, welche Geschichten ausgesucht werden. Die meisten wählen kurze aus, sei es aus Angst, sich den Text nicht merken zu können, weil sie noch nicht so sehr von ihrer Erzählkunst überzeugt sind oder weil sie diese Fähigkeit doch den ‚alten Märchenonkeln’ zuschreiben. Oder sie glauben, dass sie die anderen nicht mit langen Geschichten fesseln können, weil sie erlebt haben, dass deren (und die eigene) Konzentration schon nach kurzer Zeit nachlässt. Dass sie es wagen und die Geschichten erzählen, das allein ist schon eine tolle Leistung. Da werden Erzähltalente zu sehen und zu hören sein. Jeder hat seinen eigenen Ausdrucksstil: Manche erzählen sehr anschaulich, unterstreichen die Geschichten mit so einer Stimmgewalt und Lebendigkeit, dass man die Personen in der Geschichte förmlich vor seinem geistigen Auge sieht, andere erzählen leise – behutsam werden die Worte von ihnen gewählt und ausgesprochen. Sie zeigen instinktiv, welche Stimmung die Geschichte verbreiten will.
Und welche wunderbaren Geschichten haben sie sich ausgesucht? Einige Beispiele werden her vorgestellt, damit die Leserin oder der Leser neugierig wird und sich schon jetzt auf die Geschichten freuen kann, die „seine“ Kids dann vorstellen werden. Es ist eine wunderbare Vielfalt und nicht nur das: Es ist einfach faszinierend, wie jeder Einzelne seine Geschichte oder seine Helden einführt und damit auch viel von sich und seinem Land mitteilt.
Berus und seine Geschichte von Nasradin Hodschra
Bevor Berus die Geschichte erzählt, stellt er den Helden seiner Geschichte kurz vor:
Nasradin Hodschra ist eine türkische Geschichtengestalt. Er ist eine wunderbare Mischung aus Schalk und Philosoph. Er macht sich über menschliches Verhalten seine Gedanken und nimmt auch allgemeine Kleinigkeiten unter die Lupe, um die dahinter verborgene höhere göttliche Weisheit zu entdecken.
„Nasradin zieht mal wieder durch das ganze Land und trifft auf die wunderlichsten Menschen, er schaut sie und seine Umgebung mit ganz wachen Augen an. Eines Tages ruht er sich bei einer Wanderung durch das Land unter einem großen Maulbeerbaum aus und betrachtet die Landschaft, die sich vor seinem Auge ausbreitet. Er sieht ein großes Feld mit reifen Wassermelonen. „Oh Allah!“, ruft er.
„Warum hast du so einen Riesenbaum wie diesen Maulbeerbaum mit so kleinen Früchten geschaffen und eine so winzige Pflanze dort auf dem Feld wachsen lassen mit so riesigen Wassermelonen? Ist das gerecht verteilt?!“ In dem Moment fällt eine reife Maulbeere genau auf seinen Kopf. „Oh Allah, deine Weisheit ist grenzenlos!“ Welcher schlaue Mensch hat einmal gesagt: „Wenn wir das Vordergründige durchschauen, entdecken wir etwas Verborgenes dahinter“? Berus’ Geschichte hat alle amüsiert, eben weil die Geschichte auch so gut zu ihm passt: Er redet nicht viel, aber das, was aus seinem Mund kommt, ist immer mit viel Schalk verbunden.
Stephano und das Kidnapping am Lago di Pergusa
Stephano, „der Sizilianer“, wie ihn seine Kumpel nennen, erzählt mit Händen und Füßen. Seine dunklen Augen blitzen als er vom „Olympischen Kidnapping am Pergusa See“ erzählt. Er kommt aus der näheren Umgebung dieses Sees auf Sizilien und ist mit den alten Mythen aufgewachsen. Er will später Reporter werden und das merkt man seiner Erzählweise schon an. Er benutzt Worte wie zum Beispiel „pikanterweise“ oder „begehren“, die eigentlich ein Erwachsener wählen würde, aber ihm gefällt es so. „Hades, der Gott der Unterwelt, begehrt seine Nichte Persephone. Er weiß ganz genau, dass seine Schwester Demeter, die Fruchtbarkeitsgöttin und Mutter des Mädchens, ihm niemals ihre Einwilligung Zeus, der pikanterweise auch noch der Vater von Persephone ist. Der erteilt ihm tatsächlich die Erlaubnis, allerdings unter der Bedingung, dass die Hochzeit schnell und heimlich stattfinden muss.
Also entführt Hades das Mädchen von den blühenden Wiesen des Pergusa Sees in sein düsteres Reich. Demeter ist zwar als Göttin unsterblich, aber nicht allwissend, und ahnt deshalb auch nichts von dieser Tat. Verzweifelt ob des plötzlichen Verschwindens ihrer geliebten Tochter legt sie ihre Arbeit nieder und macht sich auf die Suche nach ihr, was zur Folge hat, dass Früchte und Ernte verdorren, die Menschen hungern und ihr so auch keine Opfer mehr bringen können. Welch ein Skandal: Die Himmlischen zürnen, die Gerüchteküche brodelt, als der Deal herauskommt. Alle ereifern sich, nur Zeus bleibt verdächtig desinteressiert. Der Vertrag kann nicht rückgängig gemacht werden, denn wer einmal vom Wasser der Unterwelt getrunken hat, ist verloren. Aber auch damals konnte gute Protektion schon viel erreichen und so gibt es auch in der Hölle ein Hintertürchen: Alljährlich darf Persephone für neun Monate in die Oberwelt. Wenn sie und Demeter glücklich vereint sind, blüht und grünt es auf der Erde. Trauert die Fruchtbarkeitsgöttin um Ihre Tochter, bricht die tote Jahreszeit, der Winter, an.“