Autismus in der Kita verstehen und professionell begleiten

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Wienke Bracht: Kinder mit Autismus in der Kita – Grundwissen und Hilfen für die Praxis

Die studierte Heilpädagogin Wienke Bracht, die seit mehreren Jahren am Hamburger Autismus Institut tätig ist und zugleich umfangreiche Praxiserfahrungen in der mobilen Frühförderung sammeln konnte, hat ein praxisorientiertes Buch veröffentlicht. Es versteht sich als Hilfestellung für Erzieher*innen, die in ihrer Einrichtung Kinder mit Autismus beziehungsweise mit einer Autismus-Spektrum-Störung begleiten.

Warum eine fundierte Diagnostik unverzichtbar ist

Zunächst eine wichtige Vorbemerkung: In Kindertageseinrichtungen wird bei Kindern mit besonderen Verhaltensweisen häufig vorschnell die Einschätzung geäußert, das betreffende Kind sei „ein Autist“ oder zeige „autistische Züge“. Eine solche Aussage darf jedoch erst nach einer fundierten Autismus-Diagnostik getroffen werden, da Autismus in der International Classification of Diseases (ICD-10: F84 bzw. ICD-11) klar definiert ist.

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung und gilt als nicht heilbar. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass sich etwa ein Mensch von hundert im Autismus-Spektrum befindet. Kinder mit einer gesicherten Autismus-Diagnose haben besondere Bedürfnisse und daraus resultierende spezifische Bedarfe, die im pädagogischen Alltag verstanden und berücksichtigt werden müssen. Umso wichtiger ist es, dass sich elementarpädagogische Fachkräfte intensiv mit dem Thema Autismus auseinandersetzen und fundiertes Fachwissen erwerben.

Inhaltliche Struktur: Verständlich, praxisnah und differenziert

Genau an diesem Punkt setzt das Buch von Wienke Bracht an. Im ersten Kapitel erfolgt eine grundlegende Einordnung: Was ist Autismus? Wie zeigen sich autismusspezifische Besonderheiten? Und welche grundsätzlichen pädagogischen Schlussfolgerungen lassen sich daraus ableiten?

Das zweite Kapitel widmet sich dem Kita-Alltag. Es geht der Frage nach, wie sich Autismus in der Kita konkret zeigt, wie ein typischer Tagesablauf eines autistischen Kindes aussehen kann, warum herausfordernde Verhaltensweisen entstehen und wie Krisensituationen fachlich kompetent begleitet werden können.

Konkrete Handlungshilfen für den pädagogischen Alltag

Der dritte Teil des Buches bietet eine Vielzahl praxisnaher Tipps für den Alltag in der Kita. Beschrieben wird, warum und wie Zugangswege zu einem autistischen Kind aufgebaut werden können und worauf in unterschiedlichen Alltagssituationen besonders zu achten ist – etwa beim morgendlichen Ankommen, in Essenssituationen, im Freispiel, bei der Kreisarbeit, bei Ausflügen, während der Hygienebegleitung, beim Schlafen oder beim Übergang in die Schule. Auch die Bedeutung von Veränderungen, Ritualen und Routinen wird differenziert erläutert.

Darüber hinaus greift die Autorin weitere wichtige Themen auf: die altersangemessene Aufklärung anderer Kinder und der Eltern über die Besonderheiten eines autistischen Kindes, Hinweise zur begleitenden Elternberatung, den Umgang mit unterschiedlichen Haltungen im Team sowie spezifische Unterstützungsimpulse für Kindertageseinrichtungen, orientiert an verschiedenen Fähigkeitsbereichen.

Eine klare Empfehlung für die Praxis

Ein Nachwort sowie ein sehr umfangreiches Literaturverzeichnis runden diese überaus hilfreiche, gut verständliche, praxisorientierte und fachlich bereichernde Publikation ab. Das Buch ist allen Mitarbeiter*innen in Kindertageseinrichtungen ausdrücklich zu empfehlen, die einen fundierten Einblick in das Thema Autismus-Spektrum-Störungen gewinnen möchten.

Besonders überzeugend ist, dass das Buch nicht bei theoretischem Wissen stehen bleibt, sondern dazu beiträgt, autistische Kinder besser zu verstehen und daraus entwicklungsförderliche pädagogische Handlungsweisen abzuleiten. Auch wenn es sich – ausdrücklich – nicht um ein wissenschaftliches Lehrwerk handelt, ist es ein Ratgeber im besten Sinne: Wesentliches wird klar benannt, notwendiges Wissen punktgenau vermittelt und praxisnahe Hinweise unterstützen dabei, sensibler zu kommunizieren und zu interagieren. So hilft das Buch, sowohl die Entwicklung der Kinder zu fördern als auch problematische Situationen aus Unkenntnis oder Unsicherheit heraus zu vermeiden.

Armin Krenz

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Wienke Bracht
Kinder mit Autismus in der Kita

Grundwissen und Hilfen für die Praxis
168 Seiten
ISBN: 978-3-17-044599-4
29 €




Frühkindliche MINT-Bildung? Weniger Förderwahn, bessere Bedingungen!

Fröbels Prinzipien zeigen: MINT wächst im Spiel – wenn Rahmen, Material und Fachkräfte stimmen.

„Zur Förderung von MINT-Kompetenzen sollten die frühkindliche Bildung, Ganztagsangebote sowie die Sprach- und Leseförderung gestärkt werden“, fordert das Nationale MINT-Forum und schlägt zugleich Alarm: Schätzungen zufolge bleiben mehr als 160.000 MINT-Stellen unbesetzt. Diese Zahl erzeugt Erwartungsdruck – auch in Kitas. Und doch bleibt die Frage: Warum schneiden Schüler*innen trotz zahlreicher Initiativen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik in Leistungstests Jahr für Jahr immer schlechter ab?

Kindlogik statt Output-Logik: Fröbels Blick

Die reflexhafte Antwort heißt oft „noch früher, noch mehr fördern“. Doch genau hier liegt das Problem. Bildungseinrichtungen orientieren sich nicht selten stärker an den kurzfristigen Bedürfnissen der Wirtschaft als an den langfristigen Entwicklungsbedürfnissen von Kindern. Davor warnten bereits Wilhelm und Alexander von Humboldt – und kaum jemand kann letzterem eine Abneigung gegen Naturwissenschaften unterstellen. Zeitgleich entwarf Friedrich Wilhelm August Fröbel sein Kindergarten-Konzept und gründete 1840 den ersten Kindergarten: nicht als Vorschule, sondern als Raum für Selbsttätigkeit, Beziehung und ganzheitliche Entwicklung.

Fröbels Kernidee – überraschend modern

Fröbels Kernidee ist nach wie vor modern: Jedes Kind entwickelt sich im eigenen Tempo und auf eigene Weise. Gute Pädagogik schafft Anlässe, statt anzutreiben. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen; die Kindheit ist eine eigenständige Lebensphase mit einem individuellen „Bauplan“. Aus dieser Perspektive sind Fröbels didaktische Materialien – seine Gaben – keine „Tricks“, um Kinder schneller rechnen zu lassen, sondern strukturierte Angebote, in denen sich Denken, Wahrnehmen, Sprechen und Handeln miteinander verschränken und entwickeln.

Legetäfelchen: Geometrie zum Anfassen

Ein besonders anschauliches Beispiel sind die Legetäfelchen: farbige Plättchen in verschiedenen Formen und Größen – Dreiecke, Quadrate, Rechtecke, Sechsecke. Beim Legen, Zerlegen und Parkettieren entdecken Kinder von selbst zentrale Ideen der Geometrie: Formen und Winkel, Kongruenz und Symmetrie, Spiegelungen, Drehungen und Verschiebungen. Sie erleben Teil-Ganzes-Beziehungen („Zwei Dreiecke ergeben ein Viereck“), vergleichen Flächen und entwickeln frühe Vorstellungen von Brüchen sowie von Multiplikation und Division. Wer Reihen bildet und fortsetzt, lernt Regeln zu erkennen – ein Einstieg in algebraisches Denken, lange bevor Zahlen- oder Buchstabensymbole ins Spiel kommen.

So funktioniert es in der Praxis

Wie sich diese Logik in der Praxis entfaltet, zeigte ein Einsatz in einer Kita. Die Fachkräfte präsentierten das Material zunächst als kleine Enthüllung: unter einer Decke verborgen, Stück für Stück hervorgeholt – begleitet von Gesprächen darüber, woher Formen aus dem Alltag bekannt sind und wie sie entstehen. Viele Legetäfelchen bestehen aus Holz oder Kunststoff; im Kindergartenvertrieb KITA RUNDUM von Carola Piepiorra gibt es sie auch aus Filz. Letzteres erwies sich als Glücksgriff: Die Kinder beschrieben die Täfelchen als hochwertig und angenehm weich, die Farben als einladend – und die Erzieherinnen freuten sich über die Ruhe im Raum.

Kreativität, Ordnung, Inklusion

„Es macht große Freude“, berichtet eine Erzieherin. „Dadurch, dass es so viele Formen gibt, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.“ Eine Integrationskraft arbeitete lange und konzentriert mit einem Kind aus dem Autismus-Spektrum; die Täfelchen erwiesen sich als zugänglich und anschlussfähig. Schnell legten die Kinder – allein oder gemeinsam – freie Formen, Figuren, Fabelwesen und Gegenstände. Ebenso gut funktionierten kleine Aufträge: Passend zum Fingerspiel „Weihnachtsbäume“ entstand ein ganzer Wald. Auffällig war die Sorgfalt: Die Kinder ordneten das Material gern – Farben zu Farben, Formen zu Formen, nach Größen – und gingen achtsam damit um.

Rahmen schaffen, damit Lernen ruhen kann

Aus pädagogischer Sicht lohnt ein einfacher Tipp: ein einfarbiger, ruhiger Untergrund. Zu viele Reize lenken ab, der Blick verliert sich. Ein weiterer, sehr willkommener Effekt der Filz-Täfelchen: Sie sind leise. „Ich kann nebenher vorlesen – es macht keinen Lärm wie Bauklötze“, so eine Erzieherin. Damit entsteht genau jene Atmosphäre, in der Kinder verweilen, variieren, vergleichen und über ihre Lösungen sprechen – also auf die Art forschen, wie es Naturwissenschaften im Kern ausmacht.

Was Kinder hierbei für MINT lernen

Sie bauen Raumvorstellung auf, erkennen und transformieren Formen, entwickeln Zahl- und Mengenverständnis über Teil-Ganzes-Erfahrungen und verinnerlichen Strukturen, indem sie Muster bilden und Regeln entdecken. Vor allem aber üben sie wissenschaftliche Arbeitsweisen: beobachten, Vermutungen äußern („Was passiert, wenn…?“), ausprobieren, vergleichen, begründen und Ergebnisse kommunizieren. Diese Grundlagen entstehen nicht im Takt von Arbeitsblättern, sondern im vertieften Spiel – und lassen sich später sprachlich, schriftlich und symbolisch ausbauen.

Was Kitas dafür brauchen

Zeit und Ruhe statt Taktung, qualifizierte und engagierte Fachkräfte, anregende, übersichtlich gestaltete Räume mit klaren Zonen, wertige Materialien in ausreichender Menge und Systeme, die Ordnung ermöglichen. Ebenso wichtig ist eine Kultur der Beobachtung und Dokumentation – etwa mit Fotos, Kinderzitaten und kurzen Lerngeschichten –, die Lernwege sichtbar macht und den Dialog mit Eltern stärkt.

Konsequenzen für die MINT-Debatte

Wer wirklich möchte, dass mehr junge Menschen den Weg in naturwissenschaftlich-technische Berufe finden, sollte in der frühen Kindheit nicht die Förderfrequenz erhöhen, sondern die Rahmenbedingungen verbessern. Der Blickwechsel ist entscheidend: weg von Output-Logiken und kurzfristigen Stellenvakanzen, hin zur Kindlogik und zur Qualität der pädagogischen Prozesse. Fröbels Prinzipien bieten dafür eine zeitgemäße Orientierung: Spiel ernst nehmen, Materialqualität sichern, Räume gestalten, Fachkräfte stärken – und gute Praxis teilen.

Kernbotschaft

Frühkindliche MINT-Bildung gelingt, wenn wir kindgerecht, ganzheitlich und materialgestützt arbeiten. Dann wachsen mathematisch-naturwissenschaftliche – und nicht nur diese – Denkweisen heran: leise, konzentriert und nachhaltig.

Gernot Körner