Zwischen Wurzeln und Flügeln: Selbstständigkeit gezielt fördern
geschrieben von Redakteur | April 21, 2026
Wie Kinder durch Orientierung, Vertrauen und Freiräume wachsen
Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und ein international weithin bekannter Wissenschaftler, der sicherlich vielen Fachkräften zum Beispiel durch seine Bücher „Mit Herz und Klarheit“, „Kinder verstehen“, „Demokratie braucht Erziehung“, „Menschenkinder“ oder „Die Kindheit ist unantastbar“ bekannt ist, wendet sich in seinem neuesten Buch der Frage zu, wie Kinder sowohl eine sichere Bindung als auch eine authentisch gefestigte und vor allem nachhaltige Selbstständigkeit entwickeln können.
Inhaltschwerpunkte und zentrale Aussagen
Das Buch greift ein grundlegendes Spannungsfeld der Pädagogik auf. Einerseits benötigen Kinder für ihre förderliche Entwicklung Nähe, ein grundlegendes Empfinden von Sicherheit und verlässliche Bindung, andererseits auch Zeit und Platz für Freiräume, um eigene Erfahrungen machen zu können und damit Selbstständigkeit und soziale Kompetenzen zu entdecken, aufzubauen, zu entwickeln und zu festigen. Diese beiden Seiten beschreibt Renz-Polster symbolisch mit den Begriffen „Wurzeln“ und „Flügel“. Während die bedürfnisorientierte Erziehung in den vergangenen Jahren vor allem die „Wurzeln“ betont hat, rückt der Autor nun die Bedeutung der „Flügel“ stärker in den Betrachtungsmittelpunkt. Mit „Wurzeln“ sind Sicherheit, emotional spürbare Nähe sowie Bindungserlebnisse gemeint, und „Flügel“ stehen symbolisch für Eigenverantwortung, Autonomie, Selbstständigkeit sowie soziale Kompetenz.
Der erste Teil des Buches widmet sich den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern. Dabei erläutert der Autor, wie Selbstregulation, emotionale Reifung und soziale Kompetenzen entstehen. Es wird deutlich, dass Kinder schon in frühen Jahren lernen müssen, eigene Erfahrungen zu machen und Herausforderungen zu bewältigen, um eigene Kompetenzen wahrzunehmen, die auch später zu Selbstverantwortung führen.
Der zweite Teil enthält sogenannte „Flügelimpulse“ – praktische Denkanstöße und Orientierungen für den Alltag von Kindern im Kommunikations- und Interaktionsgeschehen mit Erwachsenen. Diese sollen verdeutlichen, wie Kinder in unterschiedlichen Alltagssituationen entwicklungsförderlich begleitet werden können, ohne sie zu stark zu dirigieren bzw. zu kontrollieren oder vor möglichen Gefahren im Sinne einer Überbehütung zu schützen.
Das zentrale Anliegen des Autors ist es, das Verständnis von einer reinen Bedürfnisorientierung weiterzuentwickeln. Kinder sollen das Vertrauen in sich entdecken, als Akteur tätig werden zu können, selbstständig zu handeln und Verantwortung für sich selbst und gleichzeitig auch für die Folgen ihres Handelns zu übernehmen. Auch wenn sich das Buch mit erster Priorität an Eltern wendet, wobei z. B. typische Herausforderungen im Alltag wie Konflikte in der Autonomiephase, Wutanfälle und mangelnde Kooperation aufgegriffen werden, treffen die Erklärungen und hilfreichen Handlungsimpulse selbstverständlich auch für das Alltagsgeschehen in der Elementarpädagogik zu.
Dem Buch liegen vier zentrale Botschaften zugrunde:
(1) Kinder brauchen neben Nähe und Verständnis auch eine klare Orientierung, um eigene Bedürfnisse und werteorientierte Handlungsnotwendigkeiten miteinander in Beziehung zu setzen. (2) Kinder brauchen vielfältige und praktisch erlebbare Erfahrungen, um ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit in der Gegenwart und für die Zukunft auf- und ausbauen zu können. (3) Ängstlichkeit und Misstrauen der Erwachsenen beschneiden die Erfahrungswelt der Kinder und schwächen gleichzeitig deren Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Entsprechend sollten Erwachsene den Kindern mehr zutrauen, ohne dabei Überforderungen zu erzeugen. Kinder wollen etwas leisten, sich selbst als wirksam erleben – und dieses Empfinden muss für sie erfahrbar sein. (4) Freiheit und Struktur sind ein vernetztes Ganzes, um sowohl eine Laissez-faire-Pädagogik als auch eine autokratische Vorgabepädagogik zu vermeiden. Loslassen, Begleiten und ein demokratisch strukturiertes, entwicklungsförderlich sinnvolles Setting sorgen für eine ausgewogene Balance zwischen Selbstwirksamkeit und einem wertedurchsetzten Sicherheitsgefüge.
Verständlich und klar strukturiert
Das Buch überzeugt einerseits durch seine verständliche Sprache und andererseits durch seine klare Struktur, wie man es auch aus den anderen Büchern des Autors kennt. Renz-Polster verbindet anschauliche Beispiele aus dem Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichen Erfahrungen, was das Buch lebendig erscheinen lässt. Dadurch ist das Werk praxisnah und auch für Leserinnen und Leser ohne große pädagogische Vorkenntnisse zugänglich und zugleich informativ.
Renz-Polster gelingt es, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Bindung und Selbstständigkeit und damit eine gelingende Autonomieentwicklung darzustellen. Es werden keine starren Erziehungsregeln aufgestellt; vielmehr lädt das Buch zur Reflexion eigener Einschätzungen und Handlungsmuster ein. Seine „Flügelimpulse“ regen dazu an, die eigene Haltung als aktive und zugleich engagierte Entwicklungsbegleiter*in selbstkritisch zu hinterfragen und reflektiertere Entscheidungen im Alltagshandeln zu treffen. Wer nach klaren Handlungsvorgaben, Anweisungen, Rezepten oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen sucht, wird hier nicht fündig; stattdessen setzt der Autor auf Haltung, Verständnis und langfristige Orientierung.
Angesichts aktueller Ergebnisse aus der Erziehungsforschung zu Überbehütung und Leistungsdruck im pädagogischen Alltag liefert der Autor einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie Kinder in einer zunehmend kontrollierten Lebenswelt ausreichend Freiraum für eigene Erfahrungen erhalten können, um nachhaltig gut auf ihr späteres Leben vorbereitet zu sein.
Entwicklungszeit ist keine Schnellstraße und Kinder sind keine Stopfgänse
geschrieben von Redakteur | April 21, 2026
Warum Kinder Zeit, Beziehung und eigene Erfahrungen brauchen – und weshalb die heutige Bildungspraxis ihre Entwicklung zunehmend unter Druck setzt
Schon im Jahre 1990 erschien in der Zeitschrift PSYCHOLOGIE HEUTE ein Artikel von Helga Zeiher unter dem Titel „Kindheit: organisiert und isoliert“ (Heft 2/1990), „DIE ZEIT“ berichtete vom „Ende der Kindheit“ (19.04.2000, Nr. 17) und in der Zeitung „Die Woche“ lautete die Überschrift eines lesenswerten Beitrags „Kaputte Kindheit“ (03.01.1997, Nr. 2). Schon vor über drei Jahrzehnten hätten sich demnach Eltern, pädagogische Fachkräfte und (sozial-)politische Mandatsträger die Frage nach dem „Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ (Janusz Korczak) stellen und für Veränderungen sorgen müssen. Der bekannte österreichische Lehrer und Schriftsteller Ernst Ferstl hat offensichtlich leider recht, wenn er meint: „Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können.“ (Ferstl, Kurz und fündig. Gedanken mit Tiefgang, 1995).
Nicht vorüber. Was vorüber ist, ist nicht vorüber. Es wächst weiter in deinen Zellen. Ein Baum aus Tränen oder vergangenem Glück. (Rose Ausländer)
Wenn Zeit und Raum verloren gehen
So beklagen auch in zunehmendem Maße Kindheitsforscherinnen, Bildungswissenschaftler*innen, ganzheitlich orientierte Kinderärzt*innen sowie zeitorientierte und wachsame elementarpädagogische Fachkräfte den Umstand, dass Kindern immer weniger Zeit und Raum zur Verfügung gestellt wird, um eigenen Interessen in Ruhe nachgehen zu können, eigene Vorhaben ungestört umzusetzen oder auch Zeiten zu genießen, ohne etwas Großartiges im Sinne einer bewegungsaktiven Handlung zu unternehmen. Das betrifft sowohl viele Kinder in ihrem Elternhaus als auch in zunehmendem Maße die von ihnen besuchten Kindertageseinrichtungen. Ein Blick in eine Reihe von Kindertageseinrichtungen macht dies deutlich, indem es festgelegte (starre) Tagesablaufstrukturen, fest verankerte Wochentagsaktivitäten und ausgefüllte Tagespläne gibt, die den Aufenthalt der Kinder nach vorgegebenen Strukturmerkmalen takten.
Auf diese Weise ist der Alltag vieler Kinder durch Hektik, Stress und Programmangebote gekennzeichnet, bei denen ihnen oftmals kaum Zeit zur Verfügung gestellt wird, in selbstgestaltete, nachhaltige Selbstbildungsprozesse hineinfinden zu können. Demgegenüber brauchen Kinder – gerade im Kindergartenalter – Zeit und Raum, um sich selbst, ihre eigenen Ressourcen und die Welt um sie herum wahrzunehmen, aus eigenem Interesse zu entdecken und auf diese Weise eine selbstgesteuerte Beziehung zu sich und ihrem Umfeld herzustellen.
Gerade Kindheit ist kurz und nicht nachholbar. Wir dürfen sie nicht überspringen. Das ist doch wie bei Bäumen: Die, die zu schnell wachsen, haben später weiches Holz. Was stabil sein soll, braucht Zeit. (Kirsten Boie)
Wenn Kinder zu „Fällen“ werden
Anstatt sich den tatsächlichen Entstehungsbedingungen des erwartungswidrigen Verhaltens bei Kindern zuzuwenden, diese fachkompetent und differenziert zu identifizieren und nachhaltige, entwicklungsförderliche Bedingungen in Gang zu setzen, werden Kinder im Sinne eines medizinischen Modells klassifiziert und mit Begriffsetikettierungen bewertet, um sie als „veränderungswürdig“ zu betrachten und in Maßnahmen zu bringen, die bei ihnen eine Verhaltensänderung bewirken sollen. Strukturelle, externe, institutionsbedingte, personale Ursachen werden dabei häufig ausgeblendet, sodass das Kind als „Symptomträger“ in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt wird.
Jedes Kind hat das Recht zu lernen, zu spielen, zu lachen, zu träumen, zu lieben, anderer Ansicht zu sein, vorwärtszukommen und sich zu verwirklichen. (Hall-Dennis Report)
Kindheit unter Druck – typische Muster
Viele „auffällige Verhaltensweisen“ bei Kindern, wie beispielsweise Hyperaktivität, Impulsivität, dissoziales Verhalten, emotionaler Rückzug, geringe Konzentrationsfertigkeit, fehlende Belastbarkeit, soziale Isolation, Lern- und Kommunikationsstörungen, Angst- und Zwangsstörungen wie auch psychosomatische Erkrankungen, sind häufig eine Folge aus den drei großen entwicklungshinderlichen Bedingungsfeldern im Alltagsleben von Kindern: Kinderzeiten sind zerrissen, Kinderwelten werden zerteilt und Kinderräume sind immer stärker eingeschränkt!
Prof. Dr. Klaus-Peter Brinkhoff hat das Thema „Kindheiten in der heutigen Zeit“ in seinem Beitrag „Kindsein ist kein Kinderspiel“ (in: Mansel, J., 1996, S. 25–59) mit zutreffenden Begriffen sehr deutlich auf den Punkt gebracht, wenn er unter anderem von einer abgefederten „Airbag-Kindheit“, einer gnadenlosen „Konsum-Kindheit“, einer beherrschenden „Medien-Kindheit“, einer mit allen Weltereignissen konfrontierten „Erste-Reihe-Kindheit“, einer früh angelegten „Karriere-Kindheit“, einer funktionsgestalteten „Insel-Kindheit“, einer künstlich angebotenen „Entsinnlichten Kindheit“, einer durch den Verlust der Kindheit geprägten „Gefährdeten Kindheit“ und schließlich einer „Ungewissen Kindheit“ spricht. In allem ist ein roter Faden zu erkennen, der sich durch diese Begriffs-Kindheiten zieht: Kindern fehlt ihre Zeit, um mit Ruhe und in unstrukturierten Räumen eigene Erfahrungen zu sammeln, unbelastet von Erwachsenenproblemen und nicht mit fremdbestimmenden Vorgabestrukturen überfrachtet.
Erfahrungsräume statt Programmstruktur
Zeitreise: Nimm ein Kind an die Hand und lass dich von ihm führen. Betrachte die Steine, die es aufhebt, und höre zu, was es dir erzählt. Zur Belohnung zeigt es dir eine Welt, die du längst vergessen hast. (unbekannter Verfasser)
Viele (inter)national tätige und seit vielen Jahren forschende Erziehungswissenschaftler*innen und Entwicklungspsycholog*innen, z. B. Klaus Fröhlich-Gildhoff, Gerald Hüther, Rüdiger Kißgen, Niels Birbaumer, Harald Engler, Karsten Brensing, Tobias Hauser, Manfred Spitzer, Karl Heinz Brisch und Benjamin Hilbig, sind sich aufgrund einer systemischen Betrachtung heutiger Kindheiten, kindeigener Ausdrucksformen und vorgegebener Entwicklungsbedingungen in folgenden Überlegungen einig. Kurzum auf den Punkt gebracht bedeutet dies:
(a) Erwachsene – sowohl Eltern als auch Fachkräfte im Kita-Bereich – bieten Kindern immer häufiger Räume an, die in ihrer Gestaltung lediglich auf eine ganz bestimmte Funktionalität ausgerichtet sind. (b) Kindern werden Tätigkeiten von Erwachsenen – mit festen Erwartungsvorstellungen verbunden – vorgegeben, die sie möglichst zu erfüllen haben, und dabei wird das Ganze in vorher festgelegte Zeiteinheiten eingebettet, in denen sich das Kind dem vorgesetzten Angebot zuzuwenden hat. (c) Erfahrungsräume werden arrangiert, künstliche Situationen, die mit dem Alltagserleben des Kindes teilweise oder gar nichts zu tun haben, hergestellt (= Konfrontation mit einer Wirklichkeit aus zweiter Hand), um Leistungen des Kindes mit zuvor erfassten Lernzielen für eine Zukunftskompetenz in Übereinstimmung zu bringen.
Kinder und Uhren dürfen nicht ständig aufgezogen werden, man muss sie auch gehen lassen. (Jean Paul)
Kinder benötigen ihr eigenes, für sie selbst noch nicht vollständig und umfassend begreif- und erfassbares Zeitmaß (Jean Piaget), nach dem sie ihre Wahrnehmungen und Beobachtungen nach subjektiven Bedürfnissen ausrichten und fokussieren dürfen, um sich mit ihrer selbstmotivierten Konzentration und intrinsisch gelenkten Aufmerksamkeit ihrem eigenen Attraktivitätsobjekt handelnd zuwenden zu können. Überall dort, wo solche Wahrnehmungsprozesse im Kind unterbrochen oder gar unterbunden werden, bleibt im Kind eine unfertige, unbearbeitete Situation bestehen und sorgt im weiteren Verlauf für halbherzige oder nicht vorhandene Aufmerksamkeit auf das neue Wahrnehmungsobjekt.
Neurowissenschaftler*innen (etwa Gerald Hüther, Gerhard Roth, Manfred Spitzer, Wolf Singer, Christian Haass, Martin Dichgans) stellen bei Kindern eine zunehmende Anhäufung von Stresshormonen (= biochemische Botenstoffe) durch besondere Belastungen fest, indem bei eher kurzzeitigen Belastungserlebnissen sogenannte Katecholamine (Adrenalin und Noradrenalin) und bei dauerhaften Belastungen sogenannte Glukokortikoide in der Nebenniere gebildet und freigesetzt werden. Über die weitere Vermittlung des Corticotropin-Releasing-Hormons wird Adrenocorticotropin freigesetzt, das wiederum die Synthese und Ausschüttung des Glukokortikoids Cortisol aus der Nebennierenrinde stimuliert. So entsteht im Kind der folgende Gefühlsimpuls: Flucht oder Kampf, Desinteresse bzw. Abwendung vom Angebot oder Auflehnung/aggressive Abneigung gegen das, was das Kind um sich herum erlebt. ZEIT und RAUM würden eine solche verfahrene Situation erst gar nicht aufkommen oder sich zuspitzen lassen.
Wenn wir bei einem Kind etwas ändern wollen, sollten wir zunächst prüfen, ob es sich nicht um etwas handelt, das wir an uns selbst ändern müssen. (Carl Gustav Jung)
Zentrale Fragen einer kindorientierten Pädagogik
Fragen, die daher im Sinne einer tatsächlichen KINDORIENTIERUNG immer dringlicher im Sinne einer zeitgebenden Entwicklungsunterstützung angezeigt sind und in den Vordergrund gerückt werden müssen, lauten wie folgt:
Was braucht das Kind an Unterstützung im Hinblick auf seine Interessen und Bedürfnisse?
Welche aktive Begleitung braucht das Kind, um seine subjektiv ausgerichtete Neugierde ausdrücken und handelnd ausprobieren zu können?
Womit kann dem Kind geholfen werden, um seine innewohnenden Ressortkompetenzen zu entdecken und diese handlungsaktiv in Erfahrung zu bringen?
Lernen heißt: Alte Erfahrungen neu durchdenken. (Willy Möbius)
Wege aus der Beschleunigungspädagogik
Um aus einer entwicklungsfeindlichen Beschleunigungspädagogik herauszufinden und zu einer entschleunigten Entwicklungsbegleitung der Kinder zu gelangen, bedarf es daher vor allem folgender Umkehrschritte:
1.) Entsprechend der UN-Charta „Rechte des Kindes“ ist das Wohl des Kindes vorrangig vor allen anderen Gesichtspunkten zu berücksichtigen (Art. 3,1), einschließlich des Rechts auf Ruhe und Freizeit, Spiel und … Ruhe (Art. 31,1). 2.) Insofern darf auch das Thema „Partizipation“ weder als ein zusätzlicher, funktional gestalteter Programmpunkt in die Bildungslandschaft verstanden werden. Stattdessen muss Partizipation von Anfang an in die Alltagspädagogik als permanenter Bestandteil einer demokratischen Pädagogik integriert werden. 3.) Die Pädagogik muss erkennen, dass Kinder die Lehrmeister für alle pädagogischen Fachkräfte sowie die Ausgestaltung der Pädagogik sind und damit nicht Lehrprogramme der Ausgangspunkt für Lernprozesse sind. 4.) Die Grundlagen für eine kindorientierte und zugleich professionell gestaltete Elementarpädagogik sind aus den Erkenntnissen entwicklungspsychologischer Gesetzmäßigkeiten, der Bindungs- und Bildungsforschung abzuleiten und müssen damit modernistische Tendenzen professionell auf ihre pädagogische Berechtigung hin überprüfen und bei fachlichen Defiziten in ihre Schranken verweisen. 5.) Es muss endlich zur Kenntnis genommen werden, dass Kindheiten ein eigener Entwicklungszeitraum mit eigenen Merkmalen sind und besondere Erfordernisse notwendig machen. 6.) Die Elementarpädagogik muss sich wieder als eigenständige Fachdisziplin verstehen und sich aus der Einverleibung durch die Schulpädagogik lösen. 7.) „Bildung“ muss als ein Prozess der Selbstbildung des Kindes verstanden werden – das erfordert eine völlige Ablösung von teilisolierten und nicht nachhaltigen Förderprogrammen. 8.) Wenn sich die elementarpädagogischen Fachkräfte als aktive Entwicklungsbegleiter*innen des Kindes verstehen, erübrigt sich auch das Wort „Förderung“, das eine „Bildung aus zweiter Hand“ (Prof. Dr. Gerd Schäfer) immer wieder aufs Neue aktualisiert und das Kind weiterhin in Beschlag nehmen würde. Der Begriff „Förderung“ sollte durch den Begriff „Entwicklungsbegleitung“ ersetzt werden; dann würde auch die Berufsbezeichnung „Erzieher:in“ durch „Entwicklungsbegleiter:in“ ersetzt werden können. 9.) Solange Konzeptionen Aussagen enthalten, die kindorientierte Entwicklungsbedürfnisse als Ausgangspunkt der pädagogischen Alltagsgestaltung beschreiben und diese in der Praxis nur bruchstückhaft zu entdecken oder gar nicht wiederzufinden sind, werden diese zu unverbindlichen Konzepten degradiert und besitzen infolgedessen keine Aussagekraft. Damit bleiben sie inhaltsleere Worthülsen. Sollte das der Fall sein, besteht die Aufgabe für die Fachkräfte darin, die formulierte Theorie zur Praxis werden zu lassen. 10.) Solange sich elementarpädagogische Fachkräfte nicht deutlich von fachlich unberechtigten Träger-/Fachberater*innenerwartungen oder überzogenen, unberechtigten Elternwünschen abgrenzen, solange wird die Einrichtung kein professionelles Profil besitzen können und kindliche Entwicklungsbedürfnisse außer Acht lassen. 11.) Solange die Elementarpädagogik es nicht schafft, die pädagogische Wertigkeit vom Kinde aus zu betrachten und zu gestalten, solange bleiben bedeutsame psycho-soziale Grundbedürfnisse von Kindern unbeachtet und werden in nachhaltigen Folgen zum Ausdruck kommen. 12.) Solange alltagsferne, inhaltlich voneinander abgetrennte Themenangebote den Kindern vorgesetzt und untrennbar vernetzte Sinnzusammenhänge voneinander isoliert werden, sodass nahezu alles auf eine strikte Didaktisierung der Pädagogik hinausläuft oder sogar noch aufgestockt wird, solange werden spannende und beziehungsförderliche Bindungserfahrungen und (Selbst-)Bildungsprozesse (auf beiden Seiten!) einer funktionalen Kognitionserziehung geopfert – mit nachhaltigen entwicklungshinderlichen Auswirkungen auf das Kind. 13.) Solange Freude, eine innere Zufriedenheit, ein tiefes Glücksempfinden und eine wache Neugierde nicht als a priori gesetzte Ziele der Elementarpädagogik im uneingeschränkten Vordergrund stehen, solange entfernen sich Kinder und Erwachsene immer weiter voneinander. Psychiater sprechen hier vom „Lernziel Neurose“, weil ein lebensbejahendes, fröhliches Mit- und Voneinanderlernen nicht mehr im Mittelpunkt der Pädagogik stehen. 14.) Solange in Kindertageseinrichtungen ein funktionales, fachlich verkümmertes Bildungsverständnis im olympischen Sinne von „früher, schneller, höher, weiter“ die Alltagspädagogik prägt, solange liegt diesem Missverständnis von Bildung eine didaktisierte Vorschulpädagogik zugrunde und ist vom gesetzlich verankerten „eigenen Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsauftrag“ (SGB VIII, Bd. 2, Hbb.) weit entfernt. 15.) Solange die Elementarpädagogik die von wirtschaftlich geprägten Interessensgruppen/Verbänden/Stiftungen entwickelten und teilisolierten „Förderprogramme“ unkritisch und ohne Wertigkeitsüberprüfung übernimmt, solange wird es keine Pädagogik vom Kinde aus geben. 16.) Solange Fachschulen/Fachakademien u. Ä. Ausbildungsstätten für Erzieherinnen an inhaltlich starren Ausbildungsplänen, einer funktional orientierten Unterrichtsgestaltung und an rigiden Praxisbeurteilungen ihrer Praktikantinnen festhalten, solange ist es den Erzieherinnen in ihrem späteren Beruf auch umso schwerer möglich, sich auf eine kindorientierte, lebendige und damit innovative und auch mal ungeplante Pädagogik einzulassen. 17.) Und solange elementarpädagogische Fachkräfte keine Solidarität – selbstverständlich trägerübergreifend – miteinander herstellen und keinen bzw. nur wenig Mut aufbringen, mit ihrem Träger, Fachberaterinnen und Eltern bei fachlich unberechtigten Forderungen in ein konstruktives Streitgespräch einzusteigen, solange bleibt die Elementarpädagogik nur ein „Anhängsel“ anderer Fachdisziplinen, und die gesellschaftlich überaus bedeutsame Gruppe der Kindheitspädagog*innen verspielt damit gleichzeitig die Chance, ihre Professionalität nach außen zu tragen – mit dann vollkommen berechtigt erhöhten Gehaltsforderungen.
Bergmann, W. (2011): Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung. München: Kösel.
Dreiske, H.-H. (1987): Ohne Netz. Gedichte zur Kindheit. Freiburg: Lambertus.
Drerup, J. et al. (2024): Was ist eine gute Kindheit? Stuttgart: Reclam.
Juul, J. (2009): Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage in der Familie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt (rororo).
Juul, J. (2023): Es gibt keine unberechenbaren Jugendlichen. Wie wir mit unseren Kindern in Beziehung bleiben. München: Kösel.
Krenz, A. & Klein, F. (2013): Bildung durch Bindung. Frühpädagogik – inklusiv und beziehungsorientiert. 2. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Krenz, A. (2019): Kinderseelen verstehen. Verhaltensauffälligkeiten und ihre Hintergründe. 6. Aufl., München: Kösel.
Krenz, A. (2022): Elementarpädagogische Grundsätze auf den Punkt gebracht. 20 PowerPoint-Präsentationen als Grundlage für Teambesprechungen, Fortbildungsveranstaltungen und Fachberatungen. Freiburg: BurckhardtHaus (Körner Medien).
Krenz, A. (2024): Spiel und Selbstbildung. Kitas brauchen eine pädagogische Revolution. Freiburg: BurckhardtHaus (Körner Medien).
Krenz, A. (2024): Berufsbild Erzieherin. Grundsatzgedanken zum Selbstverständnis eines sehr anspruchsvollen Berufs*. Freiburg: BurckhardtHaus (Körner Medien).
Krenz, A. (2025): Pädagogische Haltung entwickeln und leben. Werte und Professionalität für pädagogische Fachkräfte. München: Don Bosco.
Krenz, A. (2025): Medienkompetenz beginnt mit der Sach- und Selbstkompetenz bei den Erwachsenen und nicht zuvorderst „am“ Kind. Freiburg: BurckhardtHaus (Körner Medien).
Krenz, A. (2025/2026): Merkmale einer guten Kita-Pädagogik. Das Praxisbuch zur Qualität in der frühen Bildung. Freiburg: BurckhardtHaus (Körner Medien).
Krenz, A. (2025/2026): Ganzheitliche Pädagogik verstehen und leben. Wie Kinder durch Beziehung, Sinneserfahrung und Selbstbildung nachhaltig wachsen. Freiburg: BurckhardtHaus (Körner Medien).
Lee, J. (2004): Abenteuer für eine echte Kindheit. Die Anleitung. München: Piper.
Maywald, J. (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern. Freiburg: Herder.
Postman, N. (1987): Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt am Main: Fischer.
Renz-Polster, H. (2014): Die Kindheit ist unantastbar. Weinheim: Beltz.
Renz-Polster, H. (2016): Menschenkinder. Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht. 4. Aufl., München: Kösel.
Renz-Polster, H. (2025): Demokratie braucht Erziehung. Warum der Widerstand gegen autoritäre Strömungen schon in der Kindheit beginnt. München: Kösel.
Stipsitz, R. & Hutterer, R. (Hrsg.) (1988): Person werden. Frankfurt am Main: Peter Lang.
von Rosenberg, F. (2022): Die beschädigte Kindheit: Das Krippensystem in der DDR und seine Folgen. München: C.H. Beck.
Weber, A. (2012): Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur. Berlin: Ullstein.
Weber, A. (mit Emma und Max) (2013): Das Quatsch-Matsch-Buch. Das Aktionsbuch – großstadttauglich & baumhausgeprüft. München: Kösel.
Kontext des Beitrags
Diese Grundüberlegungen liegen dem Vortrag „Kinder haben ein Recht auf ihre Kindheit – ein Plädoyer für eine kind(heits)orientierte Elementarpädagogik“ zugrunde, der auf der Bildungsmesse DIDACTA in Köln am 10.03.2026 gehalten wurde.
Armin Krenz, Hon.-Professor für Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik (a. D.), Prof. h. c. et Dr. h. c. / Wissenschaftsdozent mit (inter)nationalen Lehraufträgen
Viel Bildschirmzeit hemmt die Bildung des Wortschatzes bei Kleinkindern
geschrieben von Redakteur | April 21, 2026
Warum zu viel passives Schauen die frühe Sprachentwicklung begrenzen kann – und wie Eltern spielen, lesen und sprechen als Alternative nutzen können
Eine groß angelegte britische, staatlich unterstützte Studiemit 4 758 Kindern im Alter von etwa zwei Jahren zeigt, dass die Menge an täglicher Bildschirmzeit mit Unterschieden in der Wortschatzleistung korreliert: Kinder, die täglich etwa fünf Stunden Bildschirmzeit hatten, konnten im Test nur rund 53 % eines 34-Wort-Vokabularsets korrekt benennen, während Kinder mit deutlich geringerer Bildschirmzeit (etwa 44 Minuten täglich) etwa 65 % der Wörter wiedergeben konnten. Im Durchschnitt konnten alle zweijährigen Kinder in der Studie ungefähr 21 der 34 Wörter sagen, ein Wert, der sich nicht signifikant von früheren Jahrgängen (2017–2020) unterscheidet.
Neben diesem primären Befund hob die Studie hervor, dass 98 % der Zweijährigen täglich Bildschirme nutzen,durchschnittlich 127 Minuten pro Tag, was deutlich über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von maximal einer Stunde pro Tag für Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren liegt. Darüber hinaus spielten 19 % der untersuchten Zweijährigen Videospiele, sodass die tägliche Gesamtzeit vor Bildschirmen auf etwa 140 Minuten anstieg. Die Forscher stellten fest, dass bei den Kindern mit der höchsten Bildschirmzeit auch ein höherer Anteil möglicher emotionaler oder Verhaltensprobleme beobachtet wurde: Etwa ein Viertel aller Zweijährigen erreichte in einem standardisierten Screening Werte über dem Schwellenwert für potenzielle Schwierigkeiten.
Studiendesign: Wie wurde untersucht?
Die Analyse stammt aus dem Children of the 2020s (COT20s)-Projekt, einer langfristigen Kohortenstudie, die Kinder in England in verschiedenen Entwicklungsphasen begleitet. Die Datenbasis für die vorliegenden Ergebnisse ist eine zweite Erhebungswelle (Wave 2), bei der die Hauptbezugspersonen (meist Mütter) der Kinder einen Fragebogen ausfüllten, als die Kinder zwischen 24 und 28 Monate alt waren. Die Feldarbeit fand zwischen Oktober 2023 und Februar 2024 statt und erzielte eine Rücklaufquote von etwa 55 % der eingeladenen Teilnahmepersonen.
Die Messung der Sprachkompetenz erfolgte anhand eines standardisierten Fragebogens, des UK Communicative Development Inventory (CDI), bei dem geprüft wurde, wie viele von 34 altersgerechten Wörtern die Kinder benennen konnten.
Zusätzliche Faktoren und Kontext
Wichtig ist: Die Studie weistz keine direkte kausale Wirkung von Bildschirmzeit auf Sprachentwicklung nachweisen – sie zeigt Assoziationen bzw. Korrelationen, die weiterer Erforschung bedürfen. So spielen auch sozio-ökonomischer Hintergrund, familiäre Lernaktivitäten (z. B. gemeinsam Lesen oder spielerische Sprachförderung) und mentale Gesundheit der Bezugspersonen eine Rolle für Sprach- und Entwicklungsprofile im Alter von zwei Jahren.
Tatsächlich zeigen die Daten, dass Kinder mit häufigerem Vorlesen oder vielfältigen Lernaktivitäten im Zuhause im Durchschnitt größere Wortschätze hatten als Kinder mit weniger solcher Aktivitäten – der Einfluss dieser positiven Interaktionen war sogar größer als der der Bildschirmzeit allein.
Offizielle Empfehlungen zur Bildschirmnutzung der britischen Regierung geplant
Die Studie und die begleitenden Diskussionen der britischen Regierung betonen, dass Bildschirmzeit nicht per se komplett vermieden werden muss, aber dass passive Nutzung – insbesondere ohne Begleitung durch Erwachsene – die Zeit verringert, die Kinder für Gespräche, Spiel und gemeinsames Lesen mit Bezugspersonen haben. Solche Interaktionen sind laut Forschung wesentlich für die Sprach- und kognitive Entwicklung in den ersten Lebensjahren.
Vor diesem Hintergrund plant die britische Regierung, erstmals offizielle Empfehlungen zur Bildschirmnutzung für unter Fünfjährige zu veröffentlichen (geplant im April 2026). Diese sollen praktische Hinweise geben, wie Bildschirmnutzung sinnvoll in dialog- und spielbasierte Aktivitäten eingebettet werden kann, statt diese zu ersetzen.
Gemeinsamkeit statt Bildschirmzeit
Die britische Langzeitstudie liefert wichtige empirische Hinweise, dass hohe tägliche Bildschirmzeiten bei Zweijährigen mit geringerer Wortschatzleistung und möglichen Verhaltensauffälligkeiten einhergehen. Gleichzeitig unterstreicht sie, wie zentral qualitativ hochwertige häusliche Lernumgebungen, wie gemeinsames Lesen, Spielen und Sprechen, für den frühkindlichen Spracherwerb sind, und legt nahe, dass Bildschirmzeit nicht isoliert gesehen, sondern immer im Kontext familiärer Interaktion bewertet werden sollte.
„Die Haltung prägt die Pädagogik“ – Einladung zum Vortrag mit Prof. Armin Krenz
geschrieben von Redakteur | April 21, 2026
Kostenfreier Vortrag am 16. Oktober 2025 in Offenbach – Impulse zur Bedeutung von Haltung in der Pädagogik – Armin Krenz ist von 16. bis 19.10 auch am Stand 3.0 E152 auf der Buchmesse
Seien Sie dabei, wenn Armin Krenz (Prof. h.c. Dr. h.c. et Hon. Prof. für Entwicklungspsychologie) heute in Offenbach zum Thema „Die Haltung prägt die Pädagogik“ spricht. Denn pädagogische Qualität entsteht nicht durch Methodenvielfalt oder Programmangebote, sondern durch die Haltung der Fachkräfte und eine haltungsdurchdrungene Entwicklungsbegleitung der Kinder. Haltung bedeutet Halt finden, innehalten können, an Werten festhalten, Haltung zeigen – für Kinder ebenso wie für die Erwachsenen, die sie begleiten.
Wie Haltung im Alltag sichtbar wird
Krenz zeigt auf, wie Haltung im Alltag sichtbar wird: in einer gepflegten Sprach-, Spiel- und Interaktionskultur, in einer humanistisch geprägten Beziehungsgestaltung, im lösungsorientierten Umgang mit Konflikten und im Erleben ethischer und ästhetischer Werte, die unser Handeln tragen. Eine professionelle Haltung heißt, sich immer wieder aufs Neue selbst zu reflektieren und Verantwortung für das eigene Tun und das Unterlassen notwendiger Handlungen zu übernehmen. Kinder können sich dann entwickeln, wenn sie in einer Atmosphäre von Respekt, Wertschätzung, erlebter Empathie, Vertrauen und Zugewandtheit leben. Haltung bedeutet, Kinder in ihrer besonderen Individualität anzunehmen und zu verstehen, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken – und zugleich Grenzen aufzuzeigen, wo es nötig ist.
Ein Abend voller Impulse für Fachkräfte
Erleben Sie einen Abend voller Impulse, wie Fachkräfte durch eine entwicklungsförderliche Haltung Kinder stärken, sie als Beobachter*innen, Begleiter*innen und Impulsgeber*innen unterstützen und Bildungsprozesse gemeinsam mit ihnen gestalten können. Eine werteorientierte Haltung heißt: zuhören statt unterbrechen, beschreiben statt bewerten, Kinderinteressen wahrnehmen und Beziehung gestalten statt Macht ausüben, sodass Kinder schließlich verantwortungsvolle Akteure ihres eigenen Lebens werden können.
Anmeldung und Veranstaltungsdetails
Der Vortrag wird veranstaltet von FIZ e.V., i-Lit – Brasilianisch-Deutsche Initiative für Kinder- und Jugendliteratur und spielen-und-lernen.de. Veranstaltungsort ist die Berliner Straße 219, 63067 Offenbach am Main im Büro des Paritätischen.
Der Eintritt ist frei.
Kurzvita:
Armin Krenz (Jg. 1952), Prof. h.c. Dr. h.c. et Hon. Prof. für Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik, war fünf Jahrzehnte als Wissenschaftsdozent an deutschen Instituten und europaweiten Universitäten tätig, hat dazu u. a. begleitend als Supervisor, Fachberater, Qualitätsbeauftragter und Fortbildner mit pädagogischen Fachkräften gearbeitet und ist durch viele Buchpublikationen bekannt.
Warum sinnliches Erleben und emotionale Intelligenz heute wichtiger sind denn je
Wir leben in einer Zeit, in der die Informationsmenge täglich wächst – und mit ihr der Druck auf Kinder, immer mehr Wissen aufzunehmen. Doch wie lange noch können Geist und Psyche diese Überflutung verkraften? Wann wird emotionale Kälte zu innerer Leere oder gar zu Aggression? Und erkennen wir rechtzeitig, dass nicht reines Faktenwissen unsere Zukunft sichert, sondern die Fähigkeit, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen?
Kinder der heutigen Wissensgesellschaft erleben die Welt zunehmend durch Bildschirme – weniger durch eigenes, sinnliches Erleben. Die Medienwelt bestimmt, was sie sehen, hören und begehren. Schon früh am Morgen tummeln sich Monster im Kinderfernsehen, während aggressive Helden das Frühstück begleiten. Was bleibt, ist eine Wirklichkeit „aus zweiter Hand“ – mit trügerischer Konsumversprechen statt echter Erfahrungen.
Trügerische Fastfood-Wahrnehmung
Viele Kinder verwechseln heute mediale Trugbilder mit der Realität. Wer kennt sie nicht – die lila Kuh, die längst in den Köpfen spukt, bevor ein Kind eine echte Kuh erlebt hat? Erwachsene können solche Bilder einordnen, Kinder dagegen glauben oft, was sie sehen: „Wenn’s im Fernsehen war, muss es stimmen.“
Die sogenannte Ikomanie – die Sucht nach Bildern – ist ein neues Phänomen unserer Mediengesellschaft. Immer mehr Kinder leiden an Wahrnehmungsstörungen, teils aus organischen, häufig aber aus umweltbedingten Gründen. Während Augen und Ohren durch visuelle und akustische Reize überfordert sind, verkümmern Tast-, Riech- und Gleichgewichtssinn. Es fehlen echte Erfahrungen – mit echten Menschen und echten Dingen.
Sinnesentwicklung braucht echte Erfahrungen
Unsere Sinne sind die Tore zur Welt. Kinder lernen über Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken und Bewegen. Sie begreifen durch Greifen, ertasten die Welt, lange bevor sie sprechen. Diese Primärerfahrungen sind unersetzlich. Sie machen den Unterschied zwischen flüchtigem Konsum und tief verankerter, ganzheitlicher Erinnerung. Der Regenwurm fühlt sich eben nur in der Hand feucht und lebendig an – nicht auf dem Bildschirm.
Wenn Kinder frühzeitig vielfältige sinnliche Erfahrungen machen dürfen, entstehen im Gehirn stabile Denkstrukturen. Diese sind die Grundlage für emotionale Sicherheit und lebenslanges Lernen.
Folgen der Reizüberflutung
Ein Übermaß an einseitigen Reizen schadet: Der durchschnittliche Fernsehkonsum von 4- bis 14-Jährigen liegt bei viereinhalb Stunden täglich. Das belastet nicht nur Augen und Ohren, sondern stört auch die Verarbeitung im Gehirn. Viele Kinder können Reize nicht mehr richtig einordnen oder voneinander unterscheiden. Die Folge: Konzentrationsprobleme, motorische Unruhe, Unsicherheiten im Sozialverhalten.
Oft treten mehrere Wahrnehmungsstörungen gleichzeitig auf. Kinder mit auditiven Einschränkungen hören zwar die Laute, erkennen aber deren Bedeutung nicht. Andere haben eine taktile Über- oder Unterempfindlichkeit – sie suchen ständig starke Reize oder meiden jede Berührung. Solche Störungen beeinträchtigen nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die emotionale Entwicklung.
Mehr als Wissen: Herzensbildung und soziale Kompetenz
Kinder brauchen mehr als Wissensvermittlung. Sie brauchen Räume für sinnliche Erlebnisse, für Beziehungslernen, für Herzensbildung. Die zentralen Zukunftskompetenzen sind soziale Intelligenz, emotionale Stärke und die Fähigkeit, empathisch zu handeln. Diese wachsen nicht in der digitalen Welt, sondern in echter Begegnung – mit Menschen, mit Natur, mit dem echten Leben.
Eltern, Erzieher:innen und Lehrkräfte sind gefragt, eine Umgebung zu schaffen, die Kinder in ihrer ganzheitlichen Entwicklung stärkt: mit Zeit zum Matschen, Toben, Staunen und Fragenstellen. Kinder wollen entdecken, untersuchen, ausprobieren. Und sie brauchen Orte dafür – draußen in der Natur, im Alltag, im echten Leben.
Sinneserziehung als Bildungsaufgabe
Je früher Kinder gezielte Förderung erhalten, desto besser können Wahrnehmungsstörungen ausgeglichen werden. Und je liebevoller und kompetenter wir ihre Sinne ansprechen, desto besser sind sie auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet. Unsere Kinder können mehr als nur sehen und hören – sie können fühlen, schmecken, riechen, tasten und das Leben mit allen Sinnen gestalten.
Kontakt:
Dr. Charmaine Liebertz Tel: 0221 9233103 ✉️ c.liebertz@ganzheitlichlernen.de 🌐 www.ganzheitlichlernen.de
Charmaine Liebertz
Charmaine Liebertz Spiele zum ganzheitlichen Lernen Bewegung, Wahrnehmung, Konzentration, Entspannung und Rhythmik in der Kindergruppe Softcover, 14,8 x 21 cm, 96 Seiten Burckhardthaus Verlag ISBN: 9783944548166 14,95 €