Wenn Eltern und Fachkräfte in der Kita in Konflikt geraten

Vorwürfe, Mobbingverdacht, Streit um Förderung oder Kritik an Fachkräften: So lassen sich Konflikte klären, ohne das Kind aus dem Blick zu verlieren

„Meine Tochter will nicht mehr in die Kita. Sie sagt, Frau M. schreit sie ständig an.“

Emmas Mutter ist aufgebracht. Seit einigen Tagen weint die Fünfjährige morgens, bevor sie in die Kita geht. Am Vorabend hat sie schließlich erzählt, eine Erzieherin sei immer wieder „gemein“ zu ihr und habe sie angeschrien. Für ihre Mutter ist klar: So darf niemand mit ihrem Kind umgehen. Die Fachkraft erlebt die Situation anders. Sie habe Emma nicht angeschrien, sagt sie. Allerdings habe es in den vergangenen Tagen mehrere schwierige Situationen gegeben. Emma habe anderen Kindern Spielzeug weggenommen, Aufforderungen ignoriert und schließlich ein anderes Kind geschubst. Daraufhin habe sie sehr deutlich eingegriffen.

Wer hat recht? Genau diese Frage führt in Konflikten zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften häufig zunächst in die falsche Richtung. Wichtiger sind drei andere Fragen: Was ist tatsächlich geschehen? Wie hat das Kind die Situation erlebt? Und was muss jetzt geschehen, damit es sich wieder sicher fühlt? Erziehungspartnerschaft ist vergleichsweise einfach, solange Eltern und Fachkräfte ähnlich auf ein Kind schauen. Ihre eigentliche Bewährungsprobe beginnt dort, wo Vorwürfe im Raum stehen, Eltern der Kita nicht mehr vertrauen oder Fachkräfte sich zu Unrecht angegriffen fühlen. Und manchmal muss dabei auch eine unbequeme Möglichkeit zugelassen werden: Vielleicht hat das Kind mit seinem Vorwurf recht.

Ein Kind – zwei sehr unterschiedliche Wahrnehmungen

Dass Eltern und pädagogische Fachkräfte ein Kind unterschiedlich erleben, ist keineswegs ungewöhnlich. Eine Meta-Analyse von 23 Studien mit Vorschulkindern untersuchte die Übereinstimmung von Eltern- und Fachkräfteurteilen über emotionale und Verhaltensprobleme. Das Ergebnis: Die Übereinstimmung war insgesamt eher gering. Das bedeutet nicht, dass Eltern oder Fachkräfte Kinder schlecht beobachten. Kinder verhalten sich in unterschiedlichen Lebenswelten unterschiedlich. Zu Hause gelten andere Regeln, Beziehungen und Anforderungen als in einer Gruppe mit vielen Kindern. Ein Kind, das zu Hause ruhig und ausgeglichen wirkt, kann in der Kita schnell in Konflikte geraten. Ein anderes fällt in der Gruppe kaum auf, zeigt zu Hause aber große Belastungen.

Unterschiedliche Beobachtungen sind deshalb zunächst einmal Informationen. In einem Konflikt kommt jedoch etwas Weiteres hinzu: Kein Mensch beobachtet wie eine Kamera. Erwartungen, Erfahrungen, Beziehungen und Emotionen beeinflussen, was wir wahrnehmen und wie wir Verhalten interpretieren. Das gilt für Eltern – und es gilt für Fachkräfte. Deshalb darf weder die elterliche noch die professionelle Perspektive automatisch zur allein gültigen Wahrheit erklärt werden. Aber auch der Satz „Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte“ hilft nicht weiter. Denn meist liegt sie dort eben nicht.

„Die Erzieherin ist gemein“

Zurück zu Emma. Was sollte ihre Mutter tun? Zunächst sollte sie die Aussage ihrer Tochter ernst nehmen, ohne das Ergebnis der Klärung bereits vorwegzunehmen. Das ist ein entscheidender Unterschied. „Was ist passiert?“ ist etwas anderes als: „Warum schreit Frau M. dich immer an?“ Die zweite Frage enthält bereits eine Behauptung und kann dem Kind eine bestimmte Interpretation nahelegen. Gerade bei jüngeren Kindern sollte deshalb möglichst offen gefragt werden.

Hilfreicher sind Fragen wie:

  • Was ist passiert?
  • Was hat Frau M. gesagt?
  • Was war vorher?
  • Wer war dabei?
  • Was hast du dann gemacht?
  • Wie ging es dir dabei?

Selbst wenn sich später herausstellt, dass die Fachkraft aus ihrer Sicht nicht geschrien hat, kann Emma die Situation als bedrohlich erlebt haben. Auch dieses Erleben ist wichtig. Aus einer ersten kindlichen Schilderung sollte deshalb weder sofort ein Urteil über eine Fachkraft noch ein Verhör des Kindes werden. Ebenso falsch wäre es allerdings, die Aussage mit Sätzen wie „Das wird schon nicht so schlimm gewesen sein“ oder „Frau M. würde so etwas niemals machen“ abzutun. Ein Kind sollte nicht erst beweisen müssen, dass sein Unbehagen berechtigt ist, bevor Erwachsene bereit sind hinzusehen.

So könnte das Gespräch beginnen

„Emma hat mir erzählt, dass sie sich von Ihnen angeschrien gefühlt hat und im Moment nicht gern in die Kita kommt. Das macht mir Sorgen. Ich möchte gern verstehen, was passiert ist und wie Sie die Situation erlebt haben.“

Damit wird niemand verurteilt. Aber das Problem wird auch nicht kleingeredet.

Und wenn das Kind recht hat?

An dieser Stelle wird es unangenehm – aber gerade deshalb wichtig. Denn selbstverständlich kann es vorkommen, dass sich eine pädagogische Fachkraft einem Kind gegenüber tatsächlich unangemessen verhält. Das darf in einem Beitrag über Konflikte zwischen Eltern und Kita nicht nur als theoretische Möglichkeit behandelt werden. Die bundesweite Befragung „Psychosoziale Belastung und Kinderschutz in der Kita“ liefert dafür wichtige Hinweise. An ihr beteiligten sich 21.635 pädagogisch Tätige und Leitungskräfte. Untersucht wurden unter anderem psychosoziale Belastungen, der Umgang mit herausforderndem Verhalten von Kindern sowie beobachtetes pädagogisches Fehlverhalten und die Reaktionen darauf.

Die von der Bertelsmann Stiftung veröffentlichten Ergebnisse sind gerade für unseren Fall bedeutsam. Ein Vorwurf gegen eine Fachkraft darf nicht deshalb relativiert werden, weil grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass Fachkräfte professionell handeln. Professionalität bedeutet vielmehr, auch die Möglichkeit eigenen oder kollegialen Fehlverhaltens ernst zu nehmen. Die Untersuchung lenkt dabei den Blick nicht nur auf einzelne Fachkräfte, sondern auch auf Teamstrukturen und Arbeitsbedingungen.

Nicht jeder Vorwurf eines Kindes gegen eine Fachkraft ist ein Beweis. Aber jeder ernsthafte Vorwurf verdient eine sorgfältige Klärung.

Eine Einrichtung muss deshalb zwischen zwei gleichermaßen problematischen Reaktionen hindurchsteuern: Sie darf weder eine Fachkraft aufgrund einer kindlichen Äußerung vorverurteilen noch das Kind reflexartig in Zweifel ziehen, um eine Kollegin oder einen Kollegen zu schützen.

Zwischen Verharmlosung und Vorverurteilung

Was bedeutet das praktisch? Auf der einen Seite wäre es falsch, nach einer einzigen kindlichen Äußerung festzustellen: „Diese Erzieherin schreit Kinder an.“ Auf der anderen Seite wäre es ebenso falsch, reflexartig zu antworten: „Das kann ich mir bei meiner Kollegin überhaupt nicht vorstellen.“ Die Aufgabe besteht darin, den Vorwurf ernst zu nehmen und gleichzeitig offen zu lassen, was die Klärung ergibt.

Jetzt sind konkrete Fragen hilfreich:

  • Was genau berichtet das Kind?
  • Berichtet es einmalig davon oder wiederholt?
  • Hat sich sein Verhalten verändert?
  • Gibt es Situationen, vor denen es Angst hat?
  • Haben Kolleginnen oder Kollegen etwas beobachtet?
  • Gibt es ähnliche Beobachtungen bei anderen Kindern?
  • Wie beschreibt die betreffende Fachkraft die Situation?

Hier zeigt sich auch die Bedeutung eines professionellen Teams. Kinderschutz und pädagogische Qualität dürfen nicht davon abhängen, dass Kolleginnen und Kollegen einander grundsätzlich bestätigen. Eine gute Einrichtung braucht eine Kultur, in der problematisches Verhalten angesprochen werden kann. Loyalität gegenüber einer Kollegin oder einem Kollegen darf nicht bedeuten, beim Kind wegzusehen.

Wenn Eltern mit einem Vorwurf kommen

Für Fachkräfte kann eine solche Situation ausgesprochen belastend sein. Wer hört: „Mein Kind sagt, Sie schreien es an“, empfindet das möglicherweise als Angriff auf die eigene Professionalität. Der erste Impuls kann dann lauten: „Das stimmt überhaupt nicht.“ Damit beginnt jedoch schnell ein Streit darüber, wessen Darstellung glaubwürdiger ist. Hilfreicher wäre zunächst: „Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Emma Ihnen das so erzählt. Lassen Sie uns gemeinsam anschauen, was passiert ist.“ Das ist kein Schuldeingeständnis, sondern die Bereitschaft zur Klärung.

Anschließend sollte die Situation möglichst konkret rekonstruiert werden: Wann geschah sie? Was war vorher? Wer war beteiligt? Was sagte die Fachkraft? Wie reagierte das Kind? Gab es ähnliche Situationen? Je konkreter das Gespräch wird, desto geringer ist die Gefahr, dass aus einem Ereignis pauschale Urteile entstehen: „Sie schreien die Kinder ständig an“ auf der einen und „Sie glauben Ihrem Kind sowieso alles“ auf der anderen Seite. Mit solchen Sätzen lässt sich kaum noch etwas klären.

„Mein Kind wird gemobbt“

Ein besonders schwieriger Konflikt entsteht, wenn Eltern sagen: „Mein Kind wird in der Kita gemobbt.“ Der Begriff ist stark aufgeladen. Eltern, die befürchten, ihr Kind werde wiederholt ausgegrenzt, verspottet oder verletzt, sind alarmiert. Umso problematischer wäre eine reflexartige Antwort wie „Mobbing gibt es in diesem Alter noch nicht“ oder „Kinder streiten sich eben“. Beides beendet die Klärung, bevor überhaupt untersucht wurde, was passiert.

Angenommen, Jonas erzählt zu Hause seit Wochen, dass zwei Jungen ihn nicht mitspielen lassen und über ihn lachen. Inzwischen will er morgens nicht mehr in die Kita. Seine Eltern sprechen die Fachkraft darauf an, doch diese antwortet: „Das beobachten wir überhaupt nicht. Jonas spielt doch jeden Tag mit anderen Kindern.“ Damit darf die Sache nicht erledigt sein. Dass eine Fachkraft etwas nicht beobachtet hat, bedeutet nicht, dass es nicht geschieht. Umgekehrt beweist Jonas‘ Schilderung allein noch nicht, dass systematisches Mobbing vorliegt.

Statt über den Begriff zu streiten, sollte die Kita genauer hinschauen:

  • Wann sucht Jonas Kontakt zu anderen Kindern?
  • Wann wird er abgewiesen oder ausgeschlossen?
  • Sind immer dieselben Kinder beteiligt?
  • Gibt es wiederkehrende Situationen?
  • Wie reagieren andere Kinder?
  • Wie verhält sich Jonas selbst?
  • Wie reagieren die Erwachsenen?

Aus „Sie glauben unserem Kind nicht“ gegen „Wir sehen das aber anders“ wird damit eine gemeinsame Untersuchungsfrage: Was erlebt Jonas tatsächlich in der Gruppe?

„Mit unserem Kind ist alles in Ordnung“

Ein anderer Konflikt entsteht, wenn Fachkräfte überzeugt sind, dass ein Kind zusätzliche Unterstützung benötigt, Eltern diese Einschätzung aber entschieden zurückweisen. „Mit unserer Tochter ist alles in Ordnung.“ Dieser Satz kann Fachkräfte frustrieren, wenn sie seit Monaten Schwierigkeiten beobachten. Doch hinter der Ablehnung können sehr unterschiedliche Gründe stehen: Angst vor Stigmatisierung, schlechte Erfahrungen mit Institutionen, Sorge vor einer Diagnose oder schlicht die Tatsache, dass Eltern ihr Kind zu Hause anders erleben.

Problematisch wird es, wenn die Fachkraft nun versucht, die Eltern möglichst schnell von ihrer eigenen Einschätzung zu überzeugen. „Ihr Kind braucht dringend Therapie“ verschärft den Konflikt – insbesondere dann, wenn damit eine diagnostische Feststellung verbunden wird, die gar nicht Aufgabe der Fachkraft ist. Besser ist es, konkrete Beobachtungen zu beschreiben: „Uns fällt seit einigen Wochen auf, dass Mila häufig nicht versteht, was andere Kinder von ihr möchten. In Gruppensituationen zieht sie sich dann zurück und weint. Wir würden gern mit Ihnen überlegen, wie wir genauer herausfinden können, was ihr helfen könnte.“

Eltern müssen eine fachliche Einschätzung nicht sofort teilen. Aber Fachkräfte müssen relevante Beobachtungen auch nicht verschweigen, um einen Konflikt zu vermeiden. § 22a SGB VIII sieht ausdrücklich die Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten zum Wohl des Kindes und deren Beteiligung an wesentlichen Angelegenheiten der Erziehung, Bildung und Betreuung vor. Zusammenarbeit bedeutet jedoch nicht, dass Eltern und Fachkräfte jederzeit derselben Meinung sein müssen.

Ein Konflikt muss nicht mit Einigkeit enden

Das ist möglicherweise eine der wichtigsten Einsichten für schwierige Elterngespräche. Am Ende eines Gesprächs können Eltern weiterhin sagen: „Wir sehen das anders.“ Und die Fachkraft kann antworten: „Das akzeptiere ich. Gleichzeitig möchte ich unsere Beobachtung weiter ernst nehmen.“ Entscheidend ist nun, was danach geschieht. Welche Beobachtungen werden weitergeführt? Wann spricht man wieder miteinander? Welche Unterstützung kann das Kind zunächst bekommen? Soll eine weitere Fachperson hinzugezogen werden?

Eltern und Fachkräfte müssen nicht zwingend dieselbe Erklärung für das Verhalten eines Kindes haben, um den nächsten sinnvollen Schritt zu gehen. Ein gutes Konfliktgespräch muss nicht mit Einigkeit enden. Aber es sollte mit mehr Klarheit darüber enden, was das Kind jetzt braucht.

Wenn Kritik persönlich wird

Konflikte eskalieren besonders schnell, wenn nicht mehr über eine konkrete Situation, sondern über Personen gesprochen wird: „Sie haben mein Kind auf dem Kieker.“ – „Sie sind völlig uneinsichtig.“ – „Sie können Ihr Kind einfach nicht realistisch einschätzen.“ – „Sie haben offenbar keine Ahnung, wie man mit Kindern umgeht.“ Spätestens jetzt verschwindet das Kind langsam aus dem Gespräch. Beide Seiten verteidigen sich selbst.

Fachkräfte müssen Beleidigungen nicht hinnehmen. Sie dürfen Grenzen setzen und ein Gespräch beenden, wenn eine sachliche Verständigung nicht mehr möglich ist. Gleichzeitig gehört es zu professionellem Handeln, Kritik nicht automatisch als Angriff auf die eigene Fachlichkeit abzuwehren. Denn auch hinter einem ungerecht oder überspitzt formulierten Vorwurf kann eine berechtigte Sorge stehen. Die erste Frage sollte deshalb nicht lauten: „Wie widerlege ich diesen Vorwurf?“, sondern: „Was genau macht diesen Eltern Sorgen?“ Erst danach lässt sich klären, ob die Kritik berechtigt ist.

Auch Fachkräfte können Fehler machen

Dieser Satz klingt selbstverständlich. Im Konfliktfall ist er es häufig nicht. Pädagogische Fachkräfte arbeiten unter hoher Verantwortung und oftmals unter schwierigen Bedingungen. Personalmangel, Zeitdruck, Lärm, große Gruppen und herausfordernde Situationen können erheblich belasten. Die Untersuchung zu psychosozialer Belastung und Kinderschutz ist gerade deshalb interessant, weil sie Belastungen, Teamprozesse, herausforderndes Verhalten und pädagogisches Fehlverhalten nicht völlig getrennt voneinander betrachtet.

Das darf allerdings nicht missverstanden werden. Schwierige Arbeitsbedingungen können helfen zu erklären, warum problematisches Verhalten entsteht. Sie entschuldigen es nicht. Ein Kind hat nicht weniger Anspruch auf einen respektvollen Umgang, weil die Kita unterbesetzt ist. Eine professionelle Einrichtung muss deshalb beides können: die Belastung ihrer Fachkräfte ernst nehmen und gleichzeitig klare Grenzen gegenüber unangemessenem Verhalten gegenüber Kindern ziehen.

Was Eltern erwarten dürfen – und was Fachkräfte

Eltern dürfen erwarten, dass ein ernsthafter Vorwurf nicht abgewehrt wird, nur weil er unangenehm ist. Sie dürfen erwarten, dass eine Einrichtung hinsieht, die Perspektive ihres Kindes hört und bereit ist, auch das Verhalten der eigenen Fachkräfte kritisch zu prüfen. Das bedeutet nicht, dass die Interpretation der Eltern automatisch übernommen werden muss. Aber ihre Sorge verdient eine ernsthafte Prüfung.

Umgekehrt dürfen Fachkräfte erwarten, dass aus einer Beschwerde nicht sofort ein Schuldspruch wird. Sie müssen ihre Sicht darstellen können, und Eltern sollten zwischen einer eigenen Beobachtung, einer kindlichen Erzählung und einer erwiesenen Tatsache unterscheiden. Ein schwerer Vorwurf braucht eine ernsthafte Prüfung – und eine ernsthafte Prüfung braucht Offenheit in beide Richtungen.

Wann die Leitung übernehmen sollte

Nicht jeder Konflikt gehört sofort zur Kita-Leitung. Manche Konflikte sollten aber auch nicht über Wochen zwischen einer einzelnen Fachkraft und Eltern ausgetragen werden. Die Leitung sollte insbesondere einbezogen werden, wenn schwere Vorwürfe gegen eine Fachkraft erhoben werden, Gespräche wiederholt scheitern, das Vertrauensverhältnis massiv beschädigt ist oder Entscheidungen erforderlich sind, die über die Verantwortung einer einzelnen Fachkraft hinausgehen. Auch wenn Eltern vermuten, dass ihr Kind von einer Fachkraft wiederholt unangemessen behandelt wird, sollte die Klärung nicht allein der beschuldigten Person überlassen bleiben.

Die Leitung ist dabei nicht automatisch Richterin. Ihre Aufgabe besteht zunächst darin, eine professionelle Klärung sicherzustellen: Was ist bekannt? Was wird unterschiedlich dargestellt? Was wurde beobachtet? Was berichtet das Kind? Gibt es weitere Wahrnehmungen? Was muss überprüft werden? Und welche Maßnahmen sind notwendig, damit das Kind während der Klärung geschützt und gut begleitet wird? Bei ernsthaften Vorwürfen müssen zudem die vorgesehenen Schutz-, Beschwerde- und Verfahrenswege der Einrichtung und des Trägers beachtet werden.

Dokumentieren – aber keine Akten gegeneinander anlegen

Je schwieriger ein Konflikt wird, desto wichtiger kann eine sachliche Dokumentation sein. Wann fand welches Gespräch statt? Welche Beobachtungen wurden beschrieben? Welche Vereinbarungen wurden getroffen? Was soll bis zum nächsten Gespräch geschehen? Wer übernimmt welche Aufgabe? Eine solche Dokumentation soll keine Beweissammlung gegen Eltern oder Fachkräfte sein. Sie verhindert vielmehr, dass Wochen später ein neuer Streit darüber entsteht, wer was gesagt oder zugesagt hat.

Dabei zwingt Dokumentation zu einer hilfreichen Präzision. „Die Eltern blockieren alles“ ist keine brauchbare Feststellung. „Die Eltern möchten derzeit keine weitere Abklärung und wünschen zunächst eine vierwöchige Beobachtungsphase“ dagegen schon. Je stärker ein Konflikt eskaliert, desto wichtiger wird eine Sprache, die Verhalten und Vorgänge beschreibt, statt Menschen zu bewerten.

Das Kind darf nicht zum Zeugen der Erwachsenen werden

Gerade in eskalierten Konflikten entsteht eine besondere Gefahr: Das Kind gerät zwischen die Fronten. „Sag Frau M. noch einmal, was du mir gestern erzählt hast.“ Oder: „Erklär deiner Mutter doch mal, dass es ganz anders war.“ Damit bekommt das Kind plötzlich eine Aufgabe, die nicht seine ist: Es soll entscheiden, welcher Erwachsene recht hat.

Natürlich müssen Kinder gehört werden. Wenn es um ihr Erleben geht, ist ihre Perspektive unverzichtbar. Aber ein Kind anzuhören ist etwas anderes, als es zum Zeugen oder Schiedsrichter eines Erwachsenenkonflikts zu machen. Deshalb sollte vor einem gemeinsamen Gespräch mit dem Kind immer gefragt werden: Hilft seine Anwesenheit dabei, seine Perspektive zu verstehen und eine Lösung zu finden – oder soll es eine der beiden Seiten bestätigen? Im zweiten Fall gehört das Kind nicht an den Tisch.

Wenn die Fachkraft glaubt, die Eltern seien das Problem

Auch diese Seite gehört zu einem ehrlichen Beitrag. Es gibt Eltern, die Absprachen nicht einhalten, jede kritische Beobachtung zurückweisen, Fachkräfte persönlich angreifen oder Forderungen stellen, die im Kita-Alltag nicht erfüllbar sind. Trotzdem ist ein Satz wie „Mit diesen Eltern kann man einfach nicht arbeiten“ gefährlich. Denn damit wird aus einem konkreten Konflikt eine Eigenschaft der anderen Person.

Professioneller ist die Frage: Welches konkrete Verhalten erschwert die Zusammenarbeit? „Die Eltern sind uneinsichtig“ lässt sich kaum bearbeiten. „Wir haben zweimal vereinbart, die Beobachtungen zur Sprachentwicklung nach sechs Wochen gemeinsam auszuwerten. Beide Termine wurden abgesagt, und derzeit möchten die Eltern keinen neuen Termin vereinbaren“ dagegen schon. Je schwieriger eine Beziehung wird, desto präziser sollte die Sprache werden.

Wo Erziehungspartnerschaft an ihre Grenze kommt

Es gibt schließlich Situationen, in denen ein weiterer Versuch, miteinander „auf Augenhöhe“ zu sprechen, nicht mehr die richtige Antwort ist. Wenn gewichtige Anhaltspunkte dafür bestehen, dass das Wohl eines Kindes gefährdet sein könnte, geht es nicht mehr nur um unterschiedliche pädagogische Auffassungen oder einen Konflikt zwischen Erwachsenen. Dann greifen die professionellen und rechtlichen Verfahren des Kinderschutzes.

Umgekehrt darf ein heftiger Konflikt mit Eltern nicht vorschnell zum Kinderschutzfall umgedeutet werden. Unterschiedliche Erziehungsvorstellungen, schwierige Kommunikation oder eine lautstarke Auseinandersetzung sind für sich genommen keine Kindeswohlgefährdung. Gerade an dieser Grenze braucht es geregelte Verfahren statt Bauchgefühl und fachliche Einschätzung statt persönlicher Antipathie.

Sieben Schritte, wenn ein Konflikt festgefahren ist

  1. Den konkreten Anlass benennen. Nicht: „Wir haben ständig Probleme miteinander.“ Sondern: „Wir möchten über die Situation vom Dienstag sprechen.“
  2. Beobachtung, Bericht und Interpretation auseinanderhalten. Was wurde selbst beobachtet? Was hat das Kind erzählt? Was schließen die Erwachsenen daraus?
  3. Die Perspektive des Kindes ernst nehmen. Wie hat es die Situation erlebt? Was belastet es? Was braucht es? Dabei darf es nicht zum Schiedsrichter gemacht werden.
  4. Auch die unangenehme Möglichkeit zulassen. Eltern können sich irren. Fachkräfte können sich irren. Und eine Fachkraft kann sich tatsächlich unangemessen verhalten haben. Keine dieser Möglichkeiten sollte vor der Klärung ausgeschlossen werden.
  5. Nicht um jeden Preis Einigkeit verlangen. Unterschiedliche Einschätzungen können bestehen bleiben. Trotzdem können sich Erwachsene auf Beobachtung, Unterstützung und weitere Schritte verständigen.
  6. Konkret vereinbaren, was jetzt geschieht. Wer tut was? Was wird beobachtet? Was wird verändert? Wann wird wieder gesprochen? Wer muss gegebenenfalls hinzugezogen werden?
  7. Erkennen, wann das Gespräch nicht mehr ausreicht. Bei schweren Vorwürfen oder festgefahrenen Konflikten gehört die Leitung dazu. Je nach Situation können Träger, Fachberatung oder Beratungsstellen notwendig werden. Bei Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung gelten die entsprechenden Kinderschutzverfahren.

Und was ist nun mit Emma?

Vielleicht stellt sich heraus, dass Frau M. tatsächlich laut geworden ist. Dann muss eine professionelle Einrichtung in der Lage sein, das zu benennen und gegebenenfalls Konsequenzen daraus zu ziehen. Vielleicht hat Frau M. in einer schwierigen Situation lediglich sehr bestimmt eingegriffen und Emma hat die Lautstärke und Deutlichkeit als Anschreien erlebt. Dann ist auch das wichtig, denn die Absicht eines Erwachsenen und das Erleben eines Kindes können auseinanderfallen. Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass hinter Emmas plötzlicher Abneigung gegen die Kita etwas ganz anderes steckt.

All das lässt sich nur herausfinden, wenn Erwachsene bereit sind, ihre erste Erklärung nicht sofort zur Wahrheit zu erklären. Das gilt für Eltern ebenso wie für Fachkräfte. Erziehungspartnerschaft zeigt ihre Qualität deshalb nicht daran, dass Konflikte vermieden werden oder Erwachsene immer einer Meinung sind. Sie zeigt sich darin, wie ernsthaft alle Beteiligten hinschauen, wenn etwas nicht stimmt.

Eltern dürfen widersprechen. Fachkräfte dürfen eine andere Einschätzung vertreten. Eltern dürfen Fachkräfte kritisieren, und Fachkräfte dürfen Eltern widersprechen. Beide Seiten können sich irren. Beide Seiten können Fehler machen. Was nicht passieren darf: dass der Konflikt der Erwachsenen wichtiger wird als das Kind.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wer von uns hat recht?

Sondern:

Was müssen wir herausfinden und verändern, damit es diesem Kind gut geht?

Quellen und weiterführende Informationen

Bertelsmann Stiftung / Justus-Liebig-Universität Gießen: Psychosoziale Belastung und Kinderschutz in der Kita – Fachkräfte schauen hin! Bundesweite Online-Befragung von 21.635 pädagogisch Tätigen und Leitungskräften. Schwerpunkt unter anderem: psychosoziale Belastung, herausfordernde Situationen, pädagogisches Fehlverhalten und Kinderschutz.

Carneiro, Alexandra; Soares, Isabel; Rescorla, Leslie; Dias, Pedro: Meta-Analysis on Parent–Teacher Agreement on Preschoolers’ Emotional and Behavioural Problems. Child Psychiatry & Human Development, 52, 609–618, 2021.

Sozialgesetzbuch VIII, insbesondere § 22a: Zusammenarbeit von Fachkräften und Erziehungsberechtigten zum Wohl des Kindes und Beteiligung der Erziehungsberechtigten an wesentlichen Angelegenheiten der Erziehung, Bildung und Betreuung.

Gernot Körner

In der Reihe „Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit“ sind folgende Artikel erschienen:

Elternarbeit in der Kita: So gelingt echte Erziehungspartnerschaft

Wenn Eltern und Fachkräfte in der Kita in Konflikt geraten

Eltern und Schule: Was Kinder für ihre Entwicklung brauchen

Öffentlichkeitsarbeit in der Kita: Zeigt, was ihr leistet!

Öffentlichkeitsarbeit in der Kita: So wird gute Pädagogik sichtbar

Krisenkommunikation in der Kita: Richtig handeln und klar informieren

spielen und lernen: Verstehen, was Kinder wirklich brauchen

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Elternarbeit in der Kita: So gelingt echte Erziehungspartnerschaft

Eltern und Fachkräfte müssen nicht immer einer Meinung sein. Entscheidend sind gute Gespräche, klare Rollen und der gemeinsame Blick auf das Kind

„Erziehungspartnerschaft auf Augenhöhe“ gehört inzwischen zum selbstverständlichen Vokabular vieler Kitas. Doch gerade der Begriff Augenhöhe kann Missverständnisse erzeugen. Eltern und pädagogische Fachkräfte sind gleichwertige Gesprächspartner, haben aber weder dieselben Aufgaben noch dieselben Erfahrungen oder Entscheidungskompetenzen.

Armin Krenz bringt diesen Unterschied in seinem Beitrag für spielen und lernen mit der Formulierung „Gleichwertigkeit als Person“ auf den Punkt. Pädagogische Fachkräfte tragen einen professionellen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsauftrag; Eltern kennen ihr Kind, seine Biografie, seine Gewohnheiten und seine familiäre Lebenswelt. Erziehungspartnerschaft heißt deshalb nicht, diese Unterschiede einzuebnen, sondern sie produktiv zu nutzen.

Auch der Gesetzgeber spricht nicht von identischen Rollen. § 22a SGB VIII verpflichtet Einrichtungen zur Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten „zum Wohl der Kinder“ und verlangt, Eltern an wesentlichen Entscheidungen über Erziehung, Bildung und Betreuung zu beteiligen. Zusammenarbeit und Beteiligung gehören also zum Auftrag der Kita – daraus folgt jedoch nicht, dass jede pädagogische Entscheidung gemeinsam getroffen werden muss.

Genau an diesem Punkt beginnt der praktische Werkzeugkasten: Nicht „Wer entscheidet?“ sollte die erste Frage sein, sondern möglichst oft „Was sieht jeder von uns – und was können wir daraus über dieses Kind lernen?“

Fall 1: „Das macht mein Kind zu Hause nie“

Beim Abholen sagt eine Erzieherin zur Mutter des vierjährigen Paul: „Heute war es wieder schwierig. Paul hat andere Kinder mehrfach geschubst.“ Die Mutter reagiert sofort: „Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Zu Hause macht er so etwas nie.“

Eine ungünstige Antwort wäre: „Hier macht er es aber ständig.“ Schon stehen zwei Wahrheiten gegeneinander, und aus einem Gespräch über Paul wird ein Streit darüber, wer ihn richtig kennt.

Dabei können beide Beobachtungen vollkommen zutreffen. Kinder verhalten sich abhängig von Situation, Personen, Gruppengröße, Müdigkeit, Anforderungen oder Konflikten unterschiedlich. Gerade deshalb ist die andere Perspektive interessant. Die bessere Antwort könnte lauten: „Dann erleben Sie ihn zu Hause tatsächlich anders. Das ist für uns wichtig. Lassen Sie uns einmal schauen, in welchen Situationen es hier passiert und was bei Ihnen zu Hause vielleicht anders ist.“

Damit verändert sich die Gesprächsrichtung. Es geht nicht mehr um Beweis und Gegenbeweis, sondern um Ursachen und Zusammenhänge.

Dieser Perspektivwechsel passt zu den Ergebnissen der umfangreichen deutschen Studie Kinder zwischen Chancen und Barrieren. Tanja Betz und ihre Kolleginnen untersuchten unter anderem Hol- und Bringsituationen sowie Elterngespräche. Sie zeigen, wie unterschiedlich Eltern und Fachkräfte Zusammenarbeit wahrnehmen und welche Anforderungen entstehen, wenn verschiedene Erwartungen und Sichtweisen aufeinandertreffen.

Beschreiben statt diagnostizieren

Besonders schwierig werden Gespräche, wenn Beobachtungen sofort zu Eigenschaften des Kindes werden: „Lena ist aggressiv.“ – „Ben kann sich überhaupt nicht konzentrieren.“ – „Mia ist unselbstständig.“

Solche Sätze wirken schnell wie Urteile. Eltern hören dann möglicherweise nicht nur eine Aussage über das Kind, sondern auch eine über ihre Erziehung. Entsprechend schnell entsteht Verteidigung.

Professioneller ist es, bei dem zu bleiben, was tatsächlich beobachtet wurde: „In der vergangenen Woche haben wir dreimal gesehen, dass Lena andere Kinder geschubst hat, wenn sie ein Spielzeug haben wollte.“ Oder: „Beim Vorlesen steht Ben häufig nach wenigen Minuten auf. Wenn er baut, kann er dagegen lange bei einer Sache bleiben.“

Der Unterschied ist erheblich. Über „Ben ist unkonzentriert“ lässt sich streiten. Über die Frage, warum Ben beim Vorlesen nach drei Minuten aufsteht und beim Bauen zwanzig Minuten konzentriert bleibt, lässt sich gemeinsam nachdenken.

So könnte das Gespräch beginnen

„Wir möchten Ihnen etwas schildern, das uns in den vergangenen Tagen aufgefallen ist. Uns interessiert sehr, ob Sie Ähnliches zu Hause beobachten.“

Dieser Satz enthält fast alles, was ein guter Gesprächseinstieg braucht: eine Beobachtung statt einer Verurteilung und eine echte Einladung an die Eltern, ihre Wahrnehmung einzubringen.

Fall 2: Eine Bemerkung zwischen Jacken und Schuhen

Ein Vater kommt um 16.20 Uhr abgehetzt in die Kita. Während sein Sohn seine Schuhe sucht, sagt die Fachkraft: „Wir sollten übrigens dringend über Leons Entwicklung sprechen. Er ist sprachlich deutlich hinter den anderen Kindern.“

Der Vater erschrickt. Andere Eltern stehen daneben. Leon hört möglicherweise mit. Für ein ruhiges Gespräch ist keine Zeit. Auf dem Heimweg kreist im Kopf des Vaters nur noch ein Satz: „Mein Sohn ist deutlich hinter den anderen.“

Tür-und-Angel-Gespräche sind für die Beziehung zwischen Eltern und Kita ausgesprochen wichtig. Man erfährt, ob ein Kind schlecht geschlafen hat, ob der Vormittag besonders schön war oder ob es einen kleinen Konflikt gegeben hat. Auch die Studie von Betz und Kolleginnen zeigt die Bedeutung solcher alltäglichen Schnittstellen zwischen Familie und Einrichtung. Für komplexe Entwicklungsfragen sind sie jedoch der falsche Ort.

Die Fachkraft hätte sagen können: „Uns sind einige Dinge bei Leons Sprachentwicklung aufgefallen, die wir gern in Ruhe mit Ihnen besprechen möchten. Wann können wir uns dafür zusammensetzen?“

Damit bekommt die Information den notwendigen Rahmen – und die Eltern bekommen die Chance, Fragen zu stellen, Beobachtungen beizutragen und das Gehörte einzuordnen.

Wer ein Problem anspricht, sollte nicht gleich die Lösung mitliefern

Ein weiterer häufiger Fehler besteht darin, dass die Kita nicht nur eine Beobachtung vorträgt, sondern die vermeintlich richtige Lösung gleich hinterherschickt: „Sie sollten mit Ihrer Tochter zur Ergotherapie.“ Oder: „Sie müssen zu Hause konsequenter sein.“

Damit wird aus Beratung schnell Belehrung.

Armin Krenz beschreibt genau diesen notwendigen Wechsel: weg vom Monolog und von der Elternbelehrung, hin zu einem Dialog mit gegenseitigem Informationsinteresse. Fachkräfte sollten nach seiner Auffassung nicht ihre Überlegenheit demonstrieren, sondern eine Atmosphäre schaffen, in der Eltern auch Kritik, Unverständnis und eigene Vorschläge äußern können.

Das bedeutet nicht, dass Fachkräfte ihre fachliche Einschätzung verschweigen müssen – im Gegenteil. Aber die Reihenfolge macht einen Unterschied. Zuerst sollte die konkrete Beobachtung stehen, dann die Frage: „Wie erleben Sie das?“ Erst anschließend geht es um mögliche Erklärungen und nächste Schritte.

Fall 3: Wenn Eltern widersprechen

Die Fachkraft hat den Eindruck, dass die fünfjährige Sofia zusätzliche Unterstützung gebrauchen könnte. Ihre Eltern sehen keinen Anlass dafür.

„Wir haben den Eindruck, Sofia tut sich in einigen Situationen noch sehr schwer.“

„Das sehen wir überhaupt nicht. Zu Hause kann sie das alles.“

Nun könnte das Gespräch leicht zu einem Überzeugungsversuch werden: Die Fachkraft sammelt weitere Argumente, die Eltern verteidigen ihr Kind immer vehementer, und irgendwann geht es kaum noch um Sofia.

Dabei muss Erziehungspartnerschaft nicht mit Einigkeit enden. Bereits Tanja Betz hat das Ideal einer völlig harmonischen Bildungs- und Erziehungspartnerschaft kritisch hinterfragt. Unterschiedliche Rollen, Ressourcen und Vorstellungen lassen sich nicht einfach durch den Appell an „Augenhöhe“ auflösen.

Ein hilfreicher Satz wäre deshalb:

„Wir beurteilen das im Moment unterschiedlich. Lassen Sie uns genau festhalten, was wir beobachten, worin wir uns einig sind und worauf wir beide in den nächsten Wochen besonders achten.“

Das kann ein sehr gutes Ergebnis eines Elterngesprächs sein. Nicht jedes Problem muss in 45 Minuten gelöst werden.

Kritik ist kein Angriff auf die Fachlichkeit

Erziehungspartnerschaft wird nicht daran erkennbar, wie freundlich ein Sommerfest verläuft. Sie bewährt sich vor allem dann, wenn Eltern unzufrieden sind.

Eine Mutter sagt etwa: „Ich habe das Gefühl, meine Tochter geht hier völlig unter.“ Die spontane Reaktion könnte lauten: „Das stimmt überhaupt nicht. Wir kümmern uns sehr intensiv um sie.“

Damit ist die Verteidigungsschlacht eröffnet.

Hilfreicher ist es zunächst zu verstehen, woher der Eindruck kommt: „Was hat Ihnen dieses Gefühl gegeben?“ – „Was erzählt Ihre Tochter zu Hause?“ – „Gab es eine bestimmte Situation?“

Erst wenn deutlich geworden ist, worüber eigentlich gesprochen wird, sollte die Fachkraft ihre Sicht schildern. Zuhören bedeutet nicht zustimmen. Es bedeutet lediglich, erst verstehen zu wollen, bevor man widerspricht.

Krenz geht an diesem Punkt noch einen Schritt weiter. Er versteht die pädagogischen Fachkräfte als „Motor der Beziehungspflege“. Wenn Eltern sich zurückziehen oder konfrontativ reagieren, sollte die Einrichtung deshalb nicht vorschnell mangelndes Interesse unterstellen, sondern auch das eigene Handeln überprüfen.

„Die Eltern interessieren sich nicht“ greift oft zu kurz

Zum Elternabend kommen immer dieselben zehn Personen. Ein Vater erscheint nie beim Sommerfest, eine Mutter antwortet kaum auf Nachrichten. Solche Erfahrungen können im Team schnell zu dem Urteil führen: „Die Eltern interessieren sich eben nicht.“

Doch sichtbare Anwesenheit in der Kita ist nur eine Form familiärer Beteiligung. Arbeitszeiten, Alleinerziehen, Betreuung weiterer Kinder, sprachliche Hürden oder ganz unterschiedliche Vorstellungen von Nähe zur Einrichtung können eine Rolle spielen. Ein aktueller systematischer Review von 97 Studien unterscheidet deshalb drei große Bereiche familiärer Beteiligung: Aktivitäten zu Hause, Beteiligung in der Bildungseinrichtung und die Kommunikation zwischen Familie und Institution. Die Forschung zeigt zugleich, wie uneinheitlich „Elternbeteiligung“ überhaupt definiert und gemessen wird.

Das ist für die Praxis wichtig. Die Eltern, die bei jedem Fest Kuchen verkaufen, müssen nicht zwangsläufig diejenigen sein, die ihr Kind zu Hause am stärksten unterstützen. Und der Vater, der wegen seiner Arbeitszeit kaum in der Kita auftaucht, kann trotzdem ausgesprochen interessiert an der Entwicklung seines Kindes sein.

Die bessere Frage lautet deshalb nicht: „Wie bekommen wir mehr Eltern zu unseren Angeboten?“ Sondern: „Welche Form des Kontakts funktioniert für diese Familie?“

Auch aktuelle internationale Forschung deutet darauf hin, dass gerade die Qualität der Kommunikation bedeutsam ist. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung im US-amerikanischen Head-Start-Bereich fand Zusammenhänge zwischen der Qualität der Familien-Fachkraft-Kommunikation und der Beteiligung von Vorschulkindern im Gruppenalltag. Eine weitere Studie von 2024 zeigte Zusammenhänge zwischen Kommunikationspraktiken der Fachkräfte und geringerer chronischer Abwesenheit. Solche Ergebnisse lassen sich nicht eins zu eins auf deutsche Kitas übertragen, unterstreichen aber, dass es nicht bloß auf die Menge der Elternaktivitäten ankommt.

Und wo bleibt eigentlich das Kind?

Vielleicht liegt genau hier die wichtigste Korrektur am klassischen Verständnis von Elternarbeit. Wenn Fachkräfte und Eltern miteinander über ein Kind sprechen, kann das Gespräch so sehr von den Anliegen der Erwachsenen bestimmt werden, dass ausgerechnet die Perspektive des Kindes verloren geht.

Die deutsche Untersuchung Kinder zwischen Chancen und Barrieren kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Perspektive der Kinder auf die Schnittstelle zwischen Familie und Kita findet „in der Regel wenig Beachtung“.

Deshalb gehört in ein wichtiges Elterngespräch irgendwann eine einfache Frage:

„Wie erlebt das Kind diese Situation?“

Beim morgendlichen Trennungsschmerz geht es dann nicht nur darum, ob die Mutter schneller gehen sollte. Bei einem Konflikt geht es nicht allein darum, wer recht hatte. Bei Schwierigkeiten in der Gruppe nicht nur darum, was das Kind noch lernen soll.

Was erzählt das Kind? Wann fühlt es sich sicher? Was überfordert es? Was gelingt ihm bereits? Und was könnten Eltern und Fachkräfte verändern, damit es ihm leichter fällt?

Aus dem Zweiergespräch zwischen Kita und Eltern wird damit der von Krenz beschriebene Dreiklang aus Familie, Kind und pädagogischer Fachkraft.

Fünf Werkzeuge, die fast jedes Elterngespräch besser machen

  • Beobachten statt etikettieren. Nicht „Ihr Kind ist aggressiv“, sondern konkret schildern, was wann geschehen ist.
  • Die andere Perspektive erfragen. „Wie erleben Sie das zu Hause?“ sollte keine Höflichkeitsfrage sein.
  • Unterschiede aushalten. Eltern und Fachkräfte müssen am Ende eines Gesprächs nicht dasselbe denken.
  • Einen nächsten Schritt vereinbaren. Manchmal genügt: „Wir beobachten das beide drei Wochen lang und sprechen dann erneut.“
  • Das Kind ins Zentrum zurückholen. Nicht „Wer hat recht?“, sondern „Was braucht dieses Kind jetzt von uns?“

Gemeinsam für das Kind – mit unterschiedlichen Rollen

Vielleicht lässt sich „Augenhöhe“ am besten so verstehen: Eltern und Fachkräfte müssen nicht dasselbe wissen, nicht dasselbe beobachten und nicht immer dasselbe wollen. Aber beide Seiten verdienen es, gehört und ernst genommen zu werden. Die professionelle Verantwortung der Fachkraft wird dadurch nicht kleiner – sie wird vielmehr größer. Denn zu Professionalität gehört auch, eine andere Sichtweise auszuhalten, Kritik anzunehmen und die eigene Wahrnehmung überprüfen zu können.

Gute Erziehungspartnerschaft zeigt sich deshalb nicht an möglichst vielen Elternabenden, gemeinsamen Festen oder konfliktfreien Gesprächen. Ihr eigentlicher Qualitätsmaßstab ist einfacher und anspruchsvoller zugleich:

Hilft unsere Zusammenarbeit diesem Kind?

Zum Weiterlesen

Armin Krenz erläutert die pädagogische Haltung hinter der Erziehungspartnerschaft ausführlich in seinem Beitrag „Erziehungspartnerschaft statt Elternbelehrung: Dialog auf Augenhöhe“ bei spielen und lernen.

Quellen und Studien

Gernot Körner

In der Reihe „Eltern- und Öffentlichkeitsarbeit“ sind folgende Artikel erschienen:

Elternarbeit in der Kita: So gelingt echte Erziehungspartnerschaft

Wenn Eltern und Fachkräfte in der Kita in Konflikt geraten

Eltern und Schule: Was Kinder für ihre Entwicklung brauchen

Öffentlichkeitsarbeit in der Kita: Zeigt, was ihr leistet!

Öffentlichkeitsarbeit in der Kita: So wird gute Pädagogik sichtbar

Krisenkommunikation in der Kita: Richtig handeln und klar informieren

spielen und lernen: Verstehen, was Kinder wirklich brauchen

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Kinder brauchen Chancen – Familien brauchen gute Lebensbedingungen

Gute Entwicklung hängt nicht nur von Eltern und Kitas ab. NEPS und UNICEF zeigen, wie stark Familie, Einkommen, Freiräume und Gesellschaft Kinder prägen

„Wir lassen die Kinder erstmal Kinder sein.“

Diese Haltung begegnete ARD-Korrespondent Thomas Spickhofen bei seiner Recherche in den Niederlanden immer wieder. Kinder spielen viel draußen, Erwachsene halten auf Spielplätzen eher Abstand und greifen nicht bei jeder Schwierigkeit sofort ein. Kinder sollen eigene Erfahrungen machen und früh selbstständig werden.

Das klingt zunächst nach einer Frage des Erziehungsstils. Doch der Blick auf den aktuellen UNICEF-Vergleich macht daraus eine gesellschaftliche Frage: Beim Wohlergehen von Kindern stehen die Niederlande auf Platz eins. Deutschland landet auf Rang 25. Beim psychischen Wohlbefinden belegen die Niederlande ebenfalls Rang eins, Deutschland Rang 21; bei den akademischen und sozialen Kompetenzen stehen die Niederlande auf Rang 11, Deutschland auf Rang 34.

Das beweist nicht, dass niederländische Kinder glücklicher sind, weil Eltern ihnen mehr Freiheiten lassen. Die UNICEF-Studie untersucht andere Zusammenhänge. Aber der Unterschied lenkt den Blick auf die entscheidende Frage: Unter welchen Bedingungen können Kinder gut aufwachsen?

Unterschiede zeigen sich schon mit zwei Jahren

Eine Antwort darauf liefert das Nationale Bildungspanel NEPS. Rund 3.500 Kinder der Startkohorte „Neugeborene“ werden seit ihrem ersten Lebensjahr begleitet. Forschende untersuchten unter anderem ihre sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung sowie die Interaktion mit ihren Eltern.

Ein Ergebnis fällt besonders auf: Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien verwendeten im Alter von zwei Jahren nach Angaben ihrer Eltern durchschnittlich rund 97 Wörter aus einer vorgegebenen Liste von 260 Wörtern. Gleichaltrige aus ressourcenreicheren Familien kamen auf 158. Dass Bildung lange vor der Schule beginnt, ist keine neue Erkenntnis. Interessanter ist, warum sich die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern schon so früh unterscheiden.

Dr. Manja Attig vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) und Prof. Dr. Sabine Weinert von der Universität Bamberg zeigen anhand der NEPS-Daten, wie wichtig feinfühlige und anregende Beziehungen sind. Als die Kinder sieben Monate, 17 Monate und zwei Jahre alt waren, wurden Eltern-Kind-Interaktionen in kurzen alltäglichen Spielsituationen auf Video aufgezeichnet und ausgewertet.

Nehmen Erwachsene die Signale des Kindes wahr? Reagieren sie angemessen? Sprechen sie mit ihm, greifen seine Interessen auf und regen es zum eigenen Tun an? Auch alltägliche Situationen wie das gemeinsame Betrachten eines Bilderbuchs können die Entwicklung unterstützen.

„Gute sprachliche Fähigkeiten ermöglichen den Kindern bessere soziale Kontakte“, sagt Weinert. Darüber hinaus erleichtern sie soziale Problemlösungen und die Regulation eigener Emotionen. Die naheliegende Konsequenz wäre: Eltern sollten mehr sprechen, vorlesen und gemeinsam mit ihren Kindern spielen. Doch das greift zu kurz.

Auch Eltern brauchen gute Bedingungen

Denn Eltern erziehen ihre Kinder nicht unter Laborbedingungen. Wie viel Zeit, Ruhe und Kraft sie für ihre Kinder haben, hängt auch von ihrem eigenen Leben ab.

Finanzielle Sorgen, Schichtarbeit, eine zu kleine Wohnung, fehlende Betreuungsmöglichkeiten oder mangelnde Unterstützung können den Familienalltag belasten. Das bedeutet keineswegs, dass Eltern mit wenig Geld weniger liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Die NEPS-Forschenden betonen ausdrücklich die großen Unterschiede innerhalb sozialer Gruppen.

Aber Belastungen können sich summieren. Die Auswertungen zeigen bereits im ersten Lebensjahr Zusammenhänge zwischen sozialen und ökonomischen Ressourcen und der frühen Lernumwelt. Besonders kritisch kann es werden, wenn mehrere Stressfaktoren zusammenkommen.

„Ziel muss es sein, allen Kindern gerechtere Bildungschancen zu ermöglichen“, fordert Manja Attig. Dazu gehört frühe Unterstützung für Familien in belastenden Situationen.

Doch Unterstützung darf nicht bei Erziehungsratschlägen stehen bleiben. Eine Beratung schafft keine größere Wohnung. Ein Elternkurs beseitigt keine Existenzangst. Und die Empfehlung, häufiger vorzulesen, verschafft erschöpften Eltern keine zusätzliche Stunde am Abend.

Wer bessere Bedingungen für Kinder schaffen will, muss deshalb auch die Lebensbedingungen ihrer Familien verbessern.

Ungleichheit reicht bis ins Kinderzimmer

Genau an diesem Punkt treffen sich die Ergebnisse des Nationalen Bildungspanels mit dem UNICEF-Bericht Unequal Chances: Children and economic inequality.

UNICEF hat die Situation von Kindern in 44 wohlhabenden beziehungsweise OECD-Staaten untersucht. Der Bericht zeigt, dass wirtschaftliche Ungleichheit mit schlechterer körperlicher Gesundheit, geringerem psychischen Wohlbefinden sowie schwächeren akademischen und sozialen Kompetenzen von Kindern verbunden ist.

Bo Viktor Nylund, Direktor von UNICEF Innocenti, bringt die Tragweite auf den Punkt: „Inequality profoundly affects how children learn, what they eat, and how they feel about life.“ Ungleichheit beeinflusst also, wie Kinder lernen, was sie essen und wie sie ihr Leben empfinden.

Besonders deutlich zeigt sich das bei den Bildungschancen: Im Durchschnitt der untersuchten Länder verfügen 83 Prozent der 15-Jährigen aus dem wirtschaftlich am besten gestellten Fünftel der Familien über grundlegende Kompetenzen in Mathematik und Lesen. Im wirtschaftlich schwächsten Fünftel sind es lediglich 42 Prozent.

Natürlich lässt sich daraus keine direkte Linie von den 97 Wörtern eines Zweijährigen zu dessen späterem Schulabschluss ziehen. NEPS und UNICEF untersuchen unterschiedliche Altersgruppen und Zusammenhänge.

Aber beide machen dasselbe Grundproblem sichtbar: Kinder wachsen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen auf – und diese Bedingungen beeinflussen ihre Entwicklungschancen.

Dabei ergänzen sich die Perspektiven. NEPS richtet den Blick auf die unmittelbare Beziehung zwischen Kind und Eltern. UNICEF zeigt die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen diese Beziehungen gelebt werden: Einkommen, Wohnen, Nachbarschaft, Schule, öffentliche Angebote und soziale Sicherheit.

Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen.

Was ist in den Niederlanden anders?

Damit lohnt der erneute Blick auf die Niederlande. UNICEF liefert keine einfache Erklärung für deren Spitzenplatz. Vor allem lässt sich aus dem Ranking nicht ableiten, dass eine bestimmte niederländische Erziehungsmethode Kinder automatisch glücklicher macht.

Die Beobachtungen aus dem ARD-Bericht sind dennoch interessant. Freiheit, eigene Erfahrungen und Selbstständigkeit haben demnach früh einen hohen Stellenwert. Kinder spielen viel draußen. Eltern greifen auf Spielplätzen eher später ein. Ein Kind darf auch einmal hinfallen – und herausfinden, wie es wieder aufsteht.

Auch das Bildungssystem setzt teilweise andere Akzente. Kinder besuchen ab etwa vier Jahren die Basisschule; erst mit ungefähr zwölf Jahren erfolgt der Übergang in unterschiedliche weiterführende Schulformen. Damit setzt der Selektions- und Leistungsdruck später ein als in Deutschland. Eigenverantwortung und soziale Kompetenzen spielen neben den klassischen Schulfächern eine wichtige Rolle.

Hinzu kommt die frühe Selbstständigkeit im Alltag. Das Fahrrad gehört für viele Kinder selbstverständlich dazu. Es ermöglicht ihnen, zunehmend eigene Wege zurückzulegen und ihren Lebensraum selbstständig zu erschließen.

Diese Beobachtungen erklären den ersten Platz der Niederlande nicht. Aber sie lenken den Blick auf einen Aspekt, der in der deutschen Bildungsdiskussion leicht untergeht:

Kinder entwickeln sich nicht nur durch Förderung. Sie entwickeln sich auch durch Freiheit.

Freiheit ist ebenfalls eine Frage der Chancen

Beim Spielen, Klettern, Bauen oder im Streit mit anderen Kindern müssen Kinder selbst Lösungen finden. Etwas gelingt nicht, ein zweiter Versuch wird nötig. Erwachsene sind erreichbar, übernehmen aber nicht sofort.

Solche Erfahrungen können Selbstwirksamkeit ermöglichen: Ich kann etwas bewirken. Ich kann etwas selbst schaffen.

Doch auch diese Freiheit ist sozial ungleich verteilt. Ein Kind in einem verkehrsberuhigten Wohngebiet kann vielleicht allein zu Freunden oder mit dem Fahrrad zum Sport fahren. Ein anderes lebt an einer viel befahrenen Straße. Das eine hat Garten und Kinderzimmer, das andere teilt sich ein Zimmer mit Geschwistern und findet vor der Haustür kaum Platz zum Spielen.

Deshalb können wir Entwicklungschancen nicht allein über das Verhalten von Eltern erklären. Auch Städtebau ist Bildungspolitik. Wohnungsbau ist Familienpolitik. Und Armutsbekämpfung ist Bildungspolitik.

Kinder brauchen Grünflächen und Spielplätze, Bibliotheken, Sportmöglichkeiten und öffentliche Orte, an denen sie sich aufhalten können, ohne etwas kaufen zu müssen. Sie brauchen sichere Fuß- und Radwege und Wohnviertel, die ihnen mit zunehmendem Alter eigenständige Bewegung ermöglichen.

UNICEF fordert entsprechend Investitionen in bezahlbaren Wohnraum, Infrastruktur sowie öffentliche Grün- und Freizeitflächen, insbesondere in benachteiligten Gebieten. Auch soziale Sicherungssysteme und Maßnahmen gegen Kinderarmut gehören zu den Empfehlungen.

Familien brauchen Zeit

Zu den entscheidenden Ressourcen gehört noch etwas anderes: Zeit.

Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören, mit ihnen sprechen, gemeinsam essen, vorlesen oder einfach da sind. Aber Zeit lässt sich nicht durch einen pädagogischen Ratschlag herstellen.

Arbeitszeiten, Einkommen, Kinderbetreuung und die Verteilung der Sorgearbeit bestimmen mit, wie Familien ihren Alltag gestalten können. Der ARD-Bericht verweist bei den Niederlanden auch auf verbreitete Teilzeitarbeit von Eltern und gemeinsame Mahlzeiten im Familienalltag.

Das niederländische Modell lässt sich nicht einfach auf Deutschland übertragen. Der Grundgedanke ist dennoch wichtig:

Wer von Eltern Zeit für ihre Kinder erwartet, muss Familien Bedingungen ermöglichen, unter denen diese Zeit überhaupt entstehen kann.

Hinzu kommt eine Entwicklung, die der Frage nach guten Lebensbedingungen für Familien zusätzliche Dringlichkeit verleiht: Immer weniger Kinder werden geboren. 2025 kamen in Deutschland 654.241 Kinder zur Welt – so wenige wie seit 1946 nicht mehr. Die zusammengefasste Geburtenziffer sank auf 1,32 Kinder je Frau. Ein Teil dieses Rückgangs ist demografisch bedingt, weil die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er-Jahre heute die Generation potenzieller Eltern bilden.

Doch das allein erklärt die Entwicklung nicht. Eine aktuelle Analyse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt, dass die Kinderwünsche vergleichsweise stabil geblieben sind, während ihre Verwirklichung häufiger aufgeschoben wird. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Unsicherheit spielt dabei eine Rolle. Wie wichtig die konkreten Lebensbedingungen sind, zeigt auch der Familienreport 2024: 2020 hielten 48 Prozent der Kinderlosen eine gute finanzielle Situation für eine wichtige Voraussetzung für Kinder, 2023 waren es bereits 61 Prozent.

Verlässliche Kinderbetreuung, bezahlbarer Wohnraum und finanzielle Sicherheit sind deshalb nicht nur wichtig für Familien, die bereits Kinder haben. Sie können auch dazu beitragen, dass Menschen vorhandene Kinderwünsche tatsächlich verwirklichen. Das Statistische Bundesamt weist selbst darauf hin, dass die Geburtenrate zwischen 2011 und 2016 unter anderem infolge „verbesserter Rahmenbedingungen für Familien mit Kindern“ von 1,39 auf 1,60 gestiegen war.

Gute Kitas brauchen selbst gute Bedingungen

Gerade weil Kinder unter so unterschiedlichen Voraussetzungen aufwachsen, haben Kitas eine besondere Bedeutung für die Chancengerechtigkeit.

Sie können Kindern Erfahrungen eröffnen, die nicht jedes Elternhaus in gleichem Maße ermöglichen kann: Bücher und Gespräche, Musik und Bewegung, Naturerfahrungen, gemeinsames Spiel, Freundschaften und das Leben in einer Gemeinschaft.

Doch auch hier entscheidet die Qualität der Bedingungen.

Wer von pädagogischen Fachkräften feinfühlige Beziehungen erwartet, muss ihnen Zeit dafür geben. Individuelle Begleitung braucht ausreichend Personal. Selbstständiges Spiel braucht Räume und Außengelände, in denen Kinder tatsächlich etwas ausprobieren dürfen.

Und wer erwartet, dass Kitas soziale Benachteiligung zumindest teilweise ausgleichen, darf sie mit dieser Aufgabe nicht alleinlassen. Eine überlastete Kita kann die Folgen schwieriger Lebensbedingungen nicht einfach wegfördern.

Chancengerechtigkeit ist mehr als Bildungspolitik

Aus den unterschiedlichen Untersuchungen ergibt sich damit ein gemeinsames Bild. Das Nationale Bildungspanel zeigt, wie wichtig frühe Beziehungen und Anregungen sind und wie früh soziale Unterschiede sichtbar werden. UNICEF zeigt, wie wirtschaftliche Ungleichheit mit Gesundheit, Wohlbefinden und Kompetenzen von Kindern zusammenhängt. Und der Blick in die Niederlande erinnert daran, dass zu einer guten Kindheit neben Sicherheit und Zuwendung auch Freiheit, Spiel und Selbstständigkeit gehören.

Daraus folgen konkrete Konsequenzen:

  • Kinder brauchen Zeit mit ihren Eltern. Also brauchen Familien Arbeitsbedingungen, die diese Zeit ermöglichen.
  • Kinder brauchen Sicherheit. Also brauchen Familien materielle Sicherheit und bezahlbaren Wohnraum.
  • Kinder brauchen gute Kitas. Also brauchen Fachkräfte ausreichend Personal, Zeit und gute Arbeitsbedingungen.
  • Kinder brauchen Bewegung und Selbstständigkeit. Also brauchen sie sichere öffentliche Räume und Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen.
  • Kinder brauchen faire Entwicklungschancen. Also ist Chancengerechtigkeit nicht nur Bildungs-, sondern ebenso Familien-, Sozial-, Arbeitsmarkt-, Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik

Wir wissen längst, dass Bildung mit der Geburt beginnt. Die schwierigere Frage lautet, welche Bedingungen wir Kindern und ihren Familien für diese Entwicklung bieten.

Eine gute Kindheit lässt sich weder verordnen noch durch immer neue Förderprogramme herstellen. Aber eine Gesellschaft kann die Bedingungen schaffen, unter denen sie möglich wird.

Quellen

  • Attig, Manja; Weinert, Sabine (2025): Wie frühe Eltern-Kind-Interaktionen die Entwicklung von Kindern beeinflussen. NEPS Forschung kompakt Nr. 2. Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), Bamberg.
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2024): Familienreport 2024. Berlin. Familienreport 2024
  • Friedrich, Carmen; Bujard, Martin (2025): Stabile Kinderwünsche trotz Geburtenrückgang. Werden Geburten wegen der Krisen aufgeschoben? Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), BiB.AKTUELL 6/2025. BiB: Stabile Kinderwünsche trotz Geburtenrückgang
  • Spickhofen, Thomas (2026): Was niederländische Kinder besonders glücklich macht. ARD/Tagesschau, 18. Mai 2026.
  • Statistisches Bundesamt (2026): Zusammengefasste Geburtenziffer sinkt im Jahr 2025 auf 1,32 Kinder je Frau. Pressemitteilung Nr. 230 vom 1. Juli 2026. Destatis: Geburtenziffer 2025
  • UNICEF Office of Strategy and Evidence – Innocenti (2026): Unequal Chances: Children and economic inequality. Innocenti Report Card 20, Florenz.



Kindheit braucht Zeit

Was eine große Übersichtsarbeit über digitale Bildung, Kindheit und evidenzbasierte Frühpädagogik verrät

Die Debatte ist so alt wie die Digitalisierung der Kindheit selbst. Seit Jahren wird darüber gestritten, welche Rolle Smartphones, Tablets und andere Bildschirmmedien bereits in Krippen und Kindergärten spielen sollten. Die einen sehen in ihnen einen selbstverständlichen Bestandteil moderner Bildung. Die anderen warnen davor, dass gerade die ersten Lebensjahre andere Erfahrungen verlangen als den Blick auf einen Bildschirm.

Neu ist diese Kontroverse nicht. Neu ist jedoch, dass sich die wissenschaftliche Evidenz in den vergangenen Jahren deutlich verdichtet hat.

Eine jetzt veröffentlichte britische Übersichtsarbeit mit dem Titel „Impacts of Screen Time, Media and Technology Use on Under 2s during the First 1001 Critical Days: A Systematic Review“ wertete den internationalen Forschungsstand zur Bildschirmnutzung von Kindern unter zwei Jahren systematisch aus. Ihr Ergebnis ist ebenso klar wie bemerkenswert: Einen nachweisbaren Entwicklungsgewinn regelmäßiger Bildschirmzeit fanden die Forschenden nicht. Gleichzeitig häufen sich Hinweise darauf, dass digitale Medien in diesem Alter mit ungünstigen Entwicklungen in verschiedenen Bereichen zusammenhängen können – unter anderem beim Spracherwerb, beim Schlaf, bei der körperlichen Aktivität und bei der sozial-emotionalen Entwicklung.

Die Studie beantwortet damit allerdings nicht die Frage, ob Digitalisierung gut oder schlecht ist. Sie beantwortet eine viel grundlegendere Frage:

Gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass regelmäßige Nutzung von Bildschirmmedien Kindern in den ersten beiden Lebensjahren einen eigenständigen Entwicklungsgewinn bringen?

Die Antwort fällt nach heutigem Forschungsstand eher negativ aus.

Eine Debatte, in der oft zwei verschiedene Fragen gestellt werden

Wer die Diskussion um digitale Bildung verfolgt, gewinnt leicht den Eindruck, beide Seiten sprächen über dasselbe Thema. Tatsächlich beschäftigen sie sich häufig mit unterschiedlichen Fragestellungen.

Die Befürworter einer möglichst frühen Digitalisierung argumentieren vor allem mit der Zukunft. Kinder wachsen in einer digitalisierten Welt auf. Sie werden digitale Kompetenzen benötigen, um später selbstbestimmt leben und arbeiten zu können. Daraus leiten sie die Forderung ab, digitale Bildung müsse möglichst früh beginnen.

Die Entwicklungspsychologie stellt dagegen eine andere Frage. Sie interessiert sich nicht in erster Linie dafür, welche Fähigkeiten Erwachsene im Jahr 2040 benötigen könnten. Sie fragt vielmehr, welche Erfahrungen ein Säugling oder Kleinkind heute braucht, damit sich Gehirn, Sprache, Bewegung, soziale Kompetenzen und Persönlichkeit gesund entwickeln können.

Beide Perspektiven haben ihre Berechtigung. Sie führen jedoch nicht zwangsläufig zu denselben Schlussfolgerungen.

Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung der neuen Übersichtsarbeit. Sie bewertet digitale Medien nicht unter dem Gesichtspunkt gesellschaftlicher Zukunftsanforderungen, sondern ausschließlich danach, ob sich für Kinder unter zwei Jahren ein entwicklungsfördernder Nutzen wissenschaftlich nachweisen lässt.

Nicht der Bildschirm steht im Mittelpunkt – sondern das, was er ersetzt

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der britischen Übersichtsarbeit ist zugleich die am häufigsten übersehene. Die Forschenden fragen nicht in erster Linie, was Kinder vor einem Bildschirm tun. Sie richten ihren Blick vielmehr auf das, was in dieser Zeit nicht geschieht.

Die ersten Lebensjahre gehören zu den dynamischsten Entwicklungsphasen des Menschen. Das Gehirn bildet in kurzer Zeit Milliarden neuer Verknüpfungen. Sie entstehen jedoch nicht dadurch, dass Kinder möglichst viele Informationen aufnehmen. Sie entstehen durch unmittelbare Erfahrungen: beim Krabbeln, Greifen, Balancieren und Klettern, beim Bauen und Experimentieren, beim Vorlesen, Erzählen und gemeinsamen Lachen. Kinder lernen ihre Umwelt mit allen Sinnen kennen. Vor allem aber lernen sie im Austausch mit anderen Menschen. Entwicklung ist in diesem Alter immer Beziehung.

Jede Zeit vor einem Bildschirm ist deshalb zugleich Zeit, in der andere Erfahrungen nicht stattfinden. Es wird kein Turm aus Bauklötzen gebaut, keine Schnecke auf dem Weg beobachtet, kein Bilderbuch gemeinsam betrachtet, kein Rollenspiel erfunden und kein spontanes Gespräch geführt.

Genau diese „verpassten Gelegenheiten“ rücken die Autorinnen und Autoren in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Nicht der Bildschirm allein ist ihr Thema, sondern die Frage, welche Entwicklungserfahrungen durch ihn ersetzt werden könnten.

Damit verändert sich auch die Perspektive der Debatte. Denn wenn auch die Studienlage bezüglich der negativen Auswirkungen von Bildschirmen auf Augen und Gehirn von Kleinkindern erdrückend ist, lautet die entscheidende Frage nicht mehr:

Schaden Bildschirmmedien?

Sondern:

Welche Erfahrungen brauchen Kinder in diesem Alter dringender als einen Bildschirm?

Sprache wächst im Dialog

Besonders deutlich wird dies am Beispiel der Sprachentwicklung. Kinder erwerben Sprache nicht dadurch, dass sie möglichst viele Wörter hören. Sprache entsteht in einem fortlaufenden Wechselspiel zwischen Kind und Bezugsperson. Ein Blick, ein Lächeln, ein Laut oder das Zeigen auf einen Gegenstand werden beantwortet, aufgegriffen und erweitert. Aus Tausenden solcher kleiner Dialoge entwickeln sich Wortschatz, Grammatik und Sprachverständnis.

Dieser Prozess lässt sich bislang durch digitale Medien nicht ersetzen.

Auch hochwertige Lernprogramme oder sorgfältig produzierte Videos reagieren nicht auf den individuellen Entwicklungsstand eines Kindes. Sie beantworten keine spontane Frage, greifen keine Geste auf und verändern ihre Kommunikation nicht aufgrund einer Mimik oder eines Blicks.

Genau deshalb fanden die Forschenden keinen überzeugenden Nachweis dafür, dass Bildschirmangebote in den ersten beiden Lebensjahren einen eigenständigen Beitrag zur Sprachentwicklung leisten.



Eine erstaunlich große Übereinstimmung

Bemerkenswert ist, dass die britische Übersichtsarbeit mit dieser Einschätzung keineswegs allein steht. Ihre Schlussfolgerungen fügen sich in eine Reihe von Empfehlungen ein, die internationale Gesundheitsorganisationen und medizinische Fachgesellschaften seit Jahren vertreten.

Bereits 2019 empfahl die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Kinder unter einem Jahr grundsätzlich keinen Bildschirmmedien auszusetzen. Auch für Einjährige wird sitzende Bildschirmzeit nicht empfohlen. Für Zwei- bis Vierjährige nennt die WHO höchstens eine Stunde täglich – verbunden mit dem ausdrücklichen Hinweis: Je weniger, desto besser.

In Deutschland kommen mehrere Institutionen zu ähnlichen Einschätzungen. Die AWMF-S2k-Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs empfiehlt, Kinder unter drei Jahren möglichst nicht mit Bildschirmmedien in Kontakt zu bringen. Vergleichbare Empfehlungen sprechen der Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ) sowie das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), die frühere Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, aus.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Übereinstimmung in den Altersangaben als ihre Begründung. Keine dieser Empfehlungen richtet sich gegen Digitalisierung oder gegen Medienbildung. Sie beruhen vielmehr auf einer entwicklungspsychologischen Erkenntnis: Die ersten Lebensjahre schaffen die Grundlagen, auf denen später auch Medienkompetenz aufbauen kann.

Die britische Übersichtsarbeit liefert dafür keine völlig neue Erklärung. Sie stärkt jedoch eine wissenschaftliche Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet: Solange für regelmäßige Bildschirmangebote in den ersten beiden Lebensjahren kein nachweisbarer Entwicklungsnutzen belegt werden kann, gleichzeitig aber mögliche Risiken immer wieder beschrieben werden, spricht die Evidenz für einen möglichst zurückhaltenden Umgang mit Bildschirmmedien.

Medienbildung ist nicht gleich Bildschirmbildung

An dieser Stelle lohnt sich eine Unterscheidung, die in der öffentlichen Diskussion häufig verloren geht.

Dass Kinder Medienkompetenz entwickeln sollen, wird heute kaum ernsthaft bestritten. Sie wachsen in einer Welt auf, in der digitale Medien selbstverständlich zum Alltag gehören. Sie werden lernen müssen, Informationen kritisch zu bewerten, digitale Werkzeuge sinnvoll einzusetzen und sich sicher in digitalen Räumen zu bewegen.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Medienbildung in den Kindergarten gehört. Sie lautet vielmehr, wie sie aussieht – und welche Rolle Bildschirmmedien dabei in den ersten Lebensjahren tatsächlich spielen sollten.

Denn Medienbildung beginnt nicht erst mit einem Tablet. Sie beginnt, wenn Kinder Bilder betrachten und Geschichten erzählen, fotografieren, Theater spielen, Hörgeschichten aufnehmen oder gemeinsam darüber sprechen, warum eine Nachricht glaubwürdig ist und eine andere vielleicht nicht. Sie beginnt mit Sprache, Fantasie, Kreativität und der gemeinsamen Auseinandersetzung mit Medien. All das gehört seit vielen Jahren selbstverständlich zum Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen – auch ohne Bildschirm.

Gerade deshalb sollte Medienbildung nicht mit Bildschirmbildung verwechselt werden.


krenz-medienkompetenz

Armin Krenz
Medienkompetenz beginnt mit
der Sach- und Selbstkompetenz
bei den Erwachsenen und
nicht zuvorderst „am“ Kind!

28 Seiten
4-fbg Fotos und Abb.
14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96304-619-3
5 € [D], 5,20 € [A]


Wenn wissenschaftliche Empfehlungen pädagogische Praxis prägen

Zu den profiliertesten Befürwortern einer möglichst frühen digitalen Bildung gehört Professor Wassilios Fthenakis. Der Entwicklungspsychologe und Ehrenpräsident des Didacta-Verbandes hat die Frühpädagogik im deutschsprachigen Raum über Jahrzehnte mitgeprägt. Seine Veröffentlichungen, Vorträge und Interviews finden weit über die Fachwissenschaft hinaus Beachtung – in Kindertageseinrichtungen ebenso wie in der Aus- und Weiterbildung pädagogischer Fachkräfte und nicht zuletzt bei Eltern.

Wenn ein Wissenschaftler mit dieser Reichweite erklärt, digitale Bildung müsse spätestens im zweiten Lebensjahr beginnen, bleibt das nicht ohne Wirkung. Solche Aussagen prägen Erwartungen. Sie beeinflussen pädagogische Konzepte und können bei Eltern den Eindruck entstehen lassen, sie versäumten wichtige Entwicklungschancen, wenn ihre Kinder nicht möglichst früh mit digitalen Medien in Berührung kommen.

Gerade deshalb stellt sich eine naheliegende wissenschaftliche Frage:

Auf welche empirischen Erkenntnisse stützt sich eine so weitreichende Empfehlung?

In seinen öffentlichen Stellungnahmen verweist Fthenakis vor allem auf gesellschaftliche Entwicklungen. Kinder wüchsen in einer digitalen Kultur auf, digitale Technologien erweiterten ihren Erfahrungs- und Lernraum, Medienkompetenz werde künftig zu den grundlegenden Kulturtechniken gehören. Das sind nachvollziehbare bildungspolitische Überlegungen.

Sie beantworten jedoch nicht die entwicklungspsychologische Frage, die die britische Übersichtsarbeit untersucht und wir bereits oben gestellt haben: Lässt sich ein eigenständiger Entwicklungsgewinn regelmäßiger Bildschirmmedien bereits im zweiten Lebensjahr wissenschaftlich belegen? Aktuell gibt es diese offenbar nicht.

Die vorliegende Übersichtsarbeit fand dafür ebenso wenig überzeugende Belege wie die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der AWMF-S2k-Leitlinie, des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte sowie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG).

Damit geht es nicht um die Frage, ob digitale Medien später Teil guter Bildung sein können. Sie werden es zweifellos sein. Es geht vielmehr um den Anspruch, der an wissenschaftliche Empfehlungen gestellt werden muss, wenn sie das pädagogische Handeln gegenüber sehr jungen Kindern verändern sollen.

Je größer die Reichweite einer Empfehlung, desto belastbarer sollte ihre empirische Grundlage sein.

Die Position des Didacta-Verbandes

Der Didacta-Verband weist darauf hin, dass sich die Empfehlungen der WHO und kinderärztlicher Fachgesellschaften vor allem auf den privaten Medienkonsum beziehen. Der Einsatz digitaler Medien in Kindertageseinrichtungen sei dagegen pädagogisch eingebettet. Im Mittelpunkt stünden Interaktion, Sprachförderung, soziale Prozesse und gemeinsames Lernen. Zudem verweist der Verband auf die UN-Kinderrechtskonvention und das Recht von Kindern auf Zugang zu Informationen und Medien.

Diese Argumentation verdient eine sorgfältige Betrachtung.

Selbstverständlich unterscheidet sich ein pädagogisch begleitetes Projekt grundlegend davon, wenn ein Kleinkind allein vor einem Bildschirm sitzt. Gute Pädagogik entsteht durch die Menschen, die Kinder begleiten – nicht durch technische Geräte.

Genau hier beginnt jedoch die wissenschaftliche Fragestellung.

Verändert die pädagogische Begleitung die Wirkung von Bildschirmmedien so grundlegend, dass Kinder unter zwei oder drei Jahren dadurch einen nachweisbaren Entwicklungsgewinn erzielen?

Bislang gibt es dafür keine überzeugende Evidenz.

Weder die Empfehlungen der WHO noch die deutsche AWMF-Leitlinie, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte oder das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit unterscheiden ihre Empfehlungen ausdrücklich danach, ob Bildschirmmedien zu Hause oder in einer Kindertageseinrichtung genutzt werden. Maßgeblich ist vielmehr das Alter des Kindes und sein Entwicklungsstand.

Auch die britische Übersichtsarbeit kommt zu keinem anderen Ergebnis. Die Forschenden fanden keine überzeugenden Belege dafür, dass regelmäßig eingesetzte Bildschirmmedien in den ersten beiden Lebensjahren – auch in pädagogisch begleiteten Situationen – einen eigenständigen Entwicklungsgewinn schaffen.

Pädagogische Fachkräfte stehen damit heute häufig zwischen zwei Erwartungen. Einerseits sollen sie Kinder auf eine digitale Zukunft vorbereiten. Andererseits sind sie dem Entwicklungsstand und den aktuellen Bedürfnissen der ihnen anvertrauten Kinder verpflichtet. Die wissenschaftliche Evidenz spricht dafür, dass sich beides nicht ausschließt – wohl aber eine klare Reihenfolge verlangt. Medienkompetenz ist wichtig. Doch sie baut auf Fähigkeiten auf, die lange vor der Nutzung digitaler Geräte entstehen: auf Sprache, Bindung, Bewegung, Fantasie, Aufmerksamkeit und dem freien Spiel.

Das Kindeswohl als Maßstab

Der Verweis auf die UN-Kinderrechtskonvention greift deshalb nur einen Teil ihrer Aussagen auf.

Denn dieselbe Konvention formuliert zugleich einen Grundsatz, der allen anderen Rechten vorangestellt ist: Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, muss das Wohl des Kindes ein vorrangiger Gesichtspunkt sein.

Gerade deshalb sollten Empfehlungen für die frühe Bildung nicht in erster Linie von gesellschaftlichen Zukunftserwartungen ausgehen, sondern von der Frage, welche Erfahrungen Kinder in ihrem jeweiligen Entwicklungsalter tatsächlich benötigen.

Die britische Übersichtsarbeit erinnert daran, dass sich diese Frage nicht allein bildungspolitisch beantworten lässt. Sie verlangt nach entwicklungspsychologischer und medizinischer Evidenz.

Vielleicht liegt genau darin ihre wichtigste Botschaft. Nicht jede pädagogische Innovation wird dadurch sinnvoll, dass sie möglichst früh beginnt. Und nicht alles, was Kinder später einmal brauchen werden, sollten sie deshalb schon im zweiten Lebensjahr lernen.

Gute Bildung beginnt nicht möglichst früh. Gute Bildung beginnt zur richtigen Zeit.

Früher ist nicht automatisch besser

Vielleicht lohnt es sich, die Diskussion an dieser Stelle aus einer größeren Perspektive zu betrachten.

Seit Jahren wird nach nahezu jeder PISA-, IGLU- oder IQB-Studie gefordert, Kinder müssten früher sprachlich, mathematisch oder naturwissenschaftlich gefördert werden. Auch die Debatte über digitale Bildung folgt häufig demselben Muster: Wenn Kinder später digitale Kompetenzen benötigen, müsse digitale Bildung möglichst früh beginnen.

Hinter all diesen Forderungen steht dieselbe Annahme:

Früher ist besser.

Doch ist das tatsächlich so? Die Geschichte der Pädagogik legt eine andere Schlussfolgerung nahe.

Bereits Johann Amos Comenius forderte, Bildung müsse sich an der Natur des Kindes orientieren. Johann Heinrich Pestalozzi verstand Erziehung als Entfaltung der im Kind angelegten Kräfte. Friedrich Fröbel schuf den Kindergarten als Ort des Spiels und der Selbsttätigkeit. Maria Montessori sprach von den sensiblen Phasen der Entwicklung, Jean Piaget beschrieb die aufeinander aufbauenden Entwicklungsstufen des Denkens und Erik H. Erikson zeigte, wie in den ersten Lebensjahren Vertrauen, Autonomie und Eigeninitiative entstehen – Grundlagen, auf denen späteres Lernen überhaupt erst aufbauen kann.

So unterschiedlich ihre Konzepte auch waren, in einem Punkt herrschte bemerkenswerte Übereinstimmung:

Entwicklung lässt sich nicht beliebig beschleunigen.

Kinder profitieren nicht davon, wenn Erwachsene ihnen Inhalte immer früher anbieten. Sie profitieren davon, wenn Bildungsangebote ihrem Entwicklungsstand entsprechen.

Gerade deshalb lohnt sich eine weitere Frage: Könnte es sein, dass wir auf schwächere Leistungen älterer Kinder häufig mit der falschen Konsequenz reagieren? Dass wir Bildung immer weiter nach vorne verlagern, statt zu fragen, ob Kinder in den ersten Lebensjahren genügend Zeit für jene Erfahrungen hatten, auf denen erfolgreiches Lernen überhaupt aufbaut?

Sprachentwicklung beginnt nicht erst in Sprachförderprogrammen. Sie beginnt beim Erzählen, Vorlesen, Singen und im täglichen Gespräch. Naturwissenschaftliches Denken beginnt nicht mit MINT-Projekten. Es beginnt, wenn Kinder Pfützen untersuchen, Schnecken beobachten, Sandburgen bauen oder ausprobieren, warum ein Stock schwimmt und ein Stein sinkt. Mathematisches Denken entsteht nicht zuerst am Arbeitsblatt. Es entwickelt sich beim Sortieren, Vergleichen, Bauen, Zählen, Messen und im freien Spiel.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, wie früh Kinder auf die Schule vorbereitet werden können. Vielleicht sollten wir häufiger fragen, wie gut wir ihre Kindheit schützen. Denn die ersten Lebensjahre sind keine verkleinerte Schule. Sie sind eine eigenständige Lebensphase mit eigenen Entwicklungsaufgaben. Wer sie vorschnell zu einer Vorbereitungszeit auf spätere Bildungsziele macht, läuft Gefahr, genau jene Grundlagen zu schwächen, auf denen schulischer Erfolg später beruht.

Die britische Übersichtsarbeit beantwortet diese Fragen nicht abschließend. Sie erinnert jedoch an einen einfachen, in der Entwicklungspsychologie seit Langem bekannten Zusammenhang: Kinder lernen nachhaltig nicht dadurch, dass Erwachsene ihnen möglichst früh möglichst viel beibringen. Sie lernen nachhaltig, wenn sie zur richtigen Zeit das lernen dürfen, was ihrer Entwicklung entspricht.

Die Kindheit ist keine Vorstufe des Lebens

Die britische Übersichtsarbeit wird die Debatte über digitale Medien in Krippen und Kindergärten nicht beenden. Das kann sie auch gar nicht. Pädagogische Entscheidungen entstehen nie allein aus wissenschaftlichen Studien. Sie spiegeln immer auch Vorstellungen davon wider, was Kindheit ist und worauf Bildung vorbereiten soll.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf die Grundfrage, die hinter der aktuellen Diskussion steht.

Soll frühe Bildung vor allem auf eine Zukunft vorbereiten, die wir heute nur erahnen können? Oder sollte sie sich zunächst an den Entwicklungsbedürfnissen des Kindes orientieren?

Die Entwicklungspsychologie gibt darauf seit Jahrzehnten eine bemerkenswert einheitliche Antwort. Von Comenius über Pestalozzi und Fröbel bis zu Montessori, Piaget und Erikson zieht sich derselbe Grundgedanke: Kinder entwickeln sich nicht schneller, weil Erwachsene ihnen immer früher immer mehr anbieten. Sie entwickeln sich dann besonders gut, wenn sie in jeder Entwicklungsphase genau das erfahren dürfen, was sie in diesem Alter brauchen.

Die neue britische Übersichtsarbeit fügt dieser langen pädagogischen Tradition ein weiteres Mosaik hinzu. Sie stellt die Digitalisierung nicht infrage. Sie erinnert vielmehr daran, dass auch digitale Bildung sich an den Entwicklungsgesetzen des Kindes messen lassen muss.

Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung der kommenden Jahre deshalb gar nicht darin, digitale Bildung immer früher beginnen zu lassen.

Vielleicht besteht sie darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Denn Medienkompetenz entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie baut auf Fähigkeiten auf, die sich lange vorher entwickeln: auf Sprache, Bindung, Aufmerksamkeit, Selbstregulation, Neugier, Fantasie und der Freude, die Welt mit allen Sinnen zu entdecken.

Wer Kinder auf die Zukunft vorbereiten möchte, sollte deshalb zuerst ihre Gegenwart ernst nehmen.

Kinder haben nur eine Kindheit. Gerade deshalb sollte sie nicht in erster Linie von den Anforderungen einer Zukunft bestimmt werden, die niemand mit Sicherheit kennt, sondern von den Entwicklungsbedürfnissen, die wir heute wissenschaftlich so gut verstehen wie nie zuvor.

Kinder haben nur eine Kindheit. Gerade deshalb sollte sie nicht in erster Linie von den Anforderungen einer Zukunft bestimmt werden, die niemand mit Sicherheit kennt, sondern von den Entwicklungsbedürfnissen, die wir heute wissenschaftlich gut verstehen.

Wissenschaftliche Einordnung

Die britische Übersichtsarbeit gehört zu den bislang umfassendsten systematischen Reviews zur Bildschirmnutzung in den ersten beiden Lebensjahren. Als Übersichtsarbeit besitzt sie grundsätzlich eine höhere Aussagekraft als Einzelstudien, weil sie den internationalen Forschungsstand zusammenführt und kritisch bewertet.

Gleichzeitig weisen die Autorinnen und Autoren selbst auf die Grenzen ihrer Arbeit hin. Die meisten einbezogenen Studien sind Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, erlauben jedoch keine eindeutigen Aussagen über Ursache und Wirkung. Hinzu kommt, dass der Forschungsbericht zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung noch nicht als begutachteter Fachartikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erschienen war.

Bemerkenswert ist dennoch die Übereinstimmung mit anderen wissenschaftlichen und medizinischen Empfehlungen. Die Schlussfolgerungen decken sich in wesentlichen Punkten mit den Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der deutschen AWMF-S2k-Leitlinie, den Empfehlungen des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte sowie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG).

Die Studie liefert damit keine endgültigen Antworten. Sie stärkt jedoch eine wissenschaftliche Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet: Für regelmäßige Bildschirmangebote in den ersten beiden Lebensjahren gibt es bislang keinen überzeugenden Nachweis eines eigenständigen Entwicklungsnutzens, während mögliche Risiken in verschiedenen Entwicklungsbereichen wiederholt beschrieben werden.

Quellen:

Primärquelle:

Clayton, C., Clayton, R., James, R., Sheppard, A. & Wolffsohn, J. (2026): Impacts of Screen Time, Media and Technology Use on Under 2s during the First 1001 Critical Days: A Systematic Review. iADDICT Consortium (University of Leeds, Leeds Trinity University, Aston University und Loughborough University).
Originalfassung: https://eprints.whiterose.ac.uk/id/eprint/241609/

Weitere Quellen:

Gernot Körner




Positive Kindheitserfahrungen können Gewaltspiralen durchbrechen

Kyoto-Studie zeigt Zusammenhang zwischen positiven Erlebnissen und geringerem Risiko späterer Gewalt gegen ältere Menschen

Positive soziale Erfahrungen in der Kindheit könnten helfen, Gewaltzyklen über Generationen hinweg zu durchbrechen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Kyoto University. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass Menschen mit vielen positiven Kindheitserfahrungen später seltener Gewalt gegenüber älteren Angehörigen ausüben. Besonders bedeutsam waren dabei sichere Gemeinschaftserfahrungen, unterstützende Beziehungen sowie das Gefühl sozialer Zugehörigkeit.

Die Untersuchung zeigt, dass sogenannte „Positive Childhood Experiences“ (PCEs) offenbar einen langfristigen Schutzfaktor darstellen können — selbst bei Menschen, die in ihrer Kindheit belastende oder gewaltgeprägte Erfahrungen gemacht hatten. Nach Angaben der Forschenden nahm das Risiko späterer Gewalt gegen ältere Menschen mit der Anzahl positiver Gemeinschaftserfahrungen deutlich ab.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass Gewaltprävention nicht nur über das Verhindern negativer Erfahrungen funktionieren müsse. Ebenso wichtig sei der gezielte Aufbau positiver sozialer Umfelder für Kinder und Jugendliche.

Gemeinschaft und Zugehörigkeit als Schutzfaktoren

Besonders auffällig war laut Studie die Bedeutung von Gemeinschaftserfahrungen außerhalb der Familie. Kinder, die Zugang zu sicheren sozialen Räumen hatten, sich in ihrer Schule zugehörig fühlten oder gemeinschaftliche Unterstützung erlebten, zeigten später offenbar eine geringere Wahrscheinlichkeit für aggressives Verhalten gegenüber älteren Menschen.

Studienleiterin Chie Koga erklärte, Initiativen wie Gemeinschaftsküchen oder geschützte Begegnungsorte könnten „nicht nur das aktuelle Wohlbefinden von Kindern unterstützen, sondern möglicherweise auch langfristig zur Gewaltprävention beitragen“.

Die Forschenden sehen darin einen wichtigen Hinweis für Sozialpolitik und Präventionsarbeit. Programme zur Förderung sozialer Verbundenheit könnten demnach weitreichendere gesellschaftliche Auswirkungen haben als bislang angenommen. Gerade in alternden Gesellschaften gewinne die Frage an Bedeutung, wie sich Gewalt gegenüber älteren Menschen langfristig verhindern lasse.

Zugleich weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass vermutlich nicht einzelne positive Erfahrungen ausreichen. Vielmehr scheine eine Kombination unterschiedlicher unterstützender Erfahrungen notwendig zu sein. Entscheidend sei ein Umfeld, in dem Kinder verlässliche Beziehungen, gegenseitige Unterstützung und soziale Teilhabe erleben können.

Wie die Studie durchgeführt wurde

Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachjournal Journal of Interpersonal Violence unter dem Titel „The Role of Positive Childhood Experiences in Intergenerational Violence and Elder Abuse“. Beteiligt waren Forschende verschiedener japanischer Forschungseinrichtungen, darunter die Kyoto University.

Analysiert wurde der Zusammenhang zwischen positiven Kindheitserfahrungen und späterem Gewaltverhalten gegenüber älteren Menschen. Die Forschenden betrachteten dabei unterschiedliche Formen sozialer Unterstützung und Gemeinschaftserlebnisse während der Kindheit. Anschließend untersuchten sie statistisch, wie stark diese Erfahrungen mit späterem Verhalten im Erwachsenenalter zusammenhängen.

Würdigung der Studie

Die Studie liefert einen wichtigen Perspektivwechsel innerhalb der Gewaltforschung. Während viele Untersuchungen vor allem auf belastende Kindheitserfahrungen und Traumata fokussieren, richtet diese Arbeit den Blick gezielt auf schützende Faktoren. Dadurch entsteht ein differenzierteres Verständnis darüber, wie Resilienz und soziale Stabilität entstehen können.

Besonders hervorzuheben ist der lebenslauforientierte Ansatz: Die Forschenden betrachten nicht nur kurzfristige Effekte, sondern mögliche langfristige Auswirkungen positiver sozialer Erfahrungen über Jahrzehnte hinweg. Das macht die Ergebnisse sowohl für Präventionsarbeit als auch für Bildungs- und Sozialpolitik relevant.

Allerdings zeigt die Studie vor allem statistische Zusammenhänge. Ob positive Kindheitserfahrungen direkt ursächlich spätere Gewalt verhindern, lässt sich daraus nicht abschließend ableiten. Zudem beruhen solche Untersuchungen häufig auf Selbstauskünften der Teilnehmenden, was Erinnerungsverzerrungen möglich macht.

Dennoch unterstreicht die Arbeit eindrücklich, wie bedeutsam soziale Zugehörigkeit, sichere Gemeinschaften und unterstützende Beziehungen für die langfristige Entwicklung von Kindern sein können.

https://www.kyoto-u.ac.jp/en/research-news/2026-05-07-0




Professioneller Umgang mit kindlicher Sexualität in der Kita

Zwischen sexueller Bildung und Schutz vor Missbrauch: Interaktives Webinar für päagogische Fachkräfte

Kindliche Sinnesfreude, Körperneugier und Körperlust gehören zu einer gesunden Entwicklung. Dennoch erleben viele pädagogische Fachkräfte im Alltag große Unsicherheiten: Was gilt als altersgerecht? Wo beginnen Grenzverletzungen? Und wie können Kinder zugleich in ihrem Recht auf sexuelle Bildung gestärkt und wirksam vor sexualisierter Gewalt geschützt werden?

Das interaktive Webinar „Professioneller Umgang mit kindlicher Sexualität“ vermittelt praxisnahes Wissen und bietet Raum für fachlichen Austausch. Im Mittelpunkt stehen Fragen aus dem pädagogischen Alltag sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten für Kindertageseinrichtungen.

Themenschwerpunkte des Webinars:

  • Grundlagen einer regelhaften psychosexuellen Entwicklung
  • Einschätzung kindlicher Verhaltensweisen: Was ist altersgerecht?
  • Gestaltung einer altersangemessenen sexuellen Bildung
  • Regeln und Schutzkonzepte für Körpererkundungsspiele
  • „Zonen abgestufter Intimität“ in der Kita
  • Zusammenarbeit mit Eltern zu sensiblen Themen
  • Prävention sexualisierter Gewalt
  • Handlungsmöglichkeiten bei Verdachtsfällen oder Grenzverletzungen

Die Veranstaltung zeigt auf, wie Kinderrechte auf sexuelle Bildung und Schutz vor Missbrauch gleichermaßen berücksichtigt werden können.

Termin: 1. Juni 2026, 09:00 bis ca. 12:00 Uhr
Referent: Jörg Maywald
Teilnahmegebühr: 67,00 Euro
Hinweis: Die Teilnahme ist auch als Team möglich.

Kursinformation zum Ausdrucken finden Sie hier. Anmelden können Sie sich hier.




Jedes zehnte Grundschulkind fühlt sich häufig einsam

Studie „Inspire Youth“ zeigt: Einsamkeit beginnt früh und bleibt oft unerkannt – Schulen stehen vor neuen Herausforderungen

Einsamkeit gehört für viele Kinder bereits in der Grundschule zum Alltag. Das zeigen aktuelle Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts „Inspire Youth“ unter Beteiligung der Universität Witten/Herdecke. Demnach fühlt sich mehr als jedes dritte Kind zumindest gelegentlich einsam, rund jedes zehnte sogar häufig oder dauerhaft.

Für die Studie wurden 428 Kinder der zweiten bis vierten Klassen an Schulen in Bochum, Herne und Gelsenkirchen befragt. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Einsamkeit kein Randphänomen ist, sondern ein relevantes Thema bereits im frühen Kindesalter.

Ein Gefühl, das viele Kinder nicht benennen können

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: Viele Kinder erleben Einsamkeit, verfügen jedoch nicht über die sprachlichen Mittel, dieses Gefühl einzuordnen. Etwa ein Drittel der befragten Kinder kann den Begriff „Einsamkeit“ nicht erklären – besonders häufig betrifft das Kinder, die nicht mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen.

Die Folge: Wer Gefühle nicht benennen kann, spricht seltener darüber und sucht weniger Unterstützung. Zudem wird Einsamkeit oft mit bloßem Alleinsein verwechselt. Kinder beschreiben dann äußere Situationen statt ihrer inneren Empfindung. Für Lehrkräfte und pädagogisches Personal wird es dadurch schwieriger, betroffene Kinder zu erkennen.

Schule als zentraler Ort sozialer Erfahrungen

Die Schule spielt eine Schlüsselrolle beim Erleben von Einsamkeit. Hier entstehen soziale Beziehungen – oder bleiben aus. Einsamkeit zeigt sich insbesondere dann, wenn Kinder keinen Anschluss finden oder ausgeschlossen werden.

Damit wird Einsamkeit zu einem sozialen Erlebnis im unmittelbaren Alltag der Kinder. Gleichzeitig bleibt sie häufig unsichtbar, weil sie nicht offen thematisiert wird.

Unterschiedliche Strategien im Umgang mit Einsamkeit

Die meisten Kinder versuchen aktiv, ihre Situation zu verbessern: Sie suchen Kontakt zu Gleichaltrigen, sprechen mit Erwachsenen oder knüpfen neue Beziehungen. Diese Formen der Selbsthilfe sind die häufigsten Reaktionen.

Doch nicht alle Kinder verfügen über die gleichen sozialen und emotionalen Ressourcen. Je stärker sie von Einsamkeit betroffen sind, desto häufiger ziehen sie sich zurück oder reagieren mit auffälligem Verhalten. Einige versuchen, ihre Gefühle zu unterdrücken oder sich innerlich „abzuschalten“. Diese Strategien können langfristig problematisch sein und auf fehlende Unterstützung hinweisen.

Prävention muss früh ansetzen

Das Projekt „Inspire Youth“ verfolgt das Ziel, Einsamkeit frühzeitig zu erkennen und präventiv entgegenzuwirken. Dazu sollen entsprechende Maßnahmen stärker im Schulalltag verankert werden – im Unterricht, in Ganztagsangeboten und in schulischen Strukturen.

Im Fokus steht dabei die Förderung sozialer Beziehungen: Kinder sollen lernen, Gefühle wahrzunehmen und zu benennen, während Schulen gezielt Zugehörigkeit stärken und verlässliche Ansprechpartner bieten.

Strukturelle Herausforderungen im Schulalltag

Die Umsetzung solcher Maßnahmen ist jedoch anspruchsvoll. Große Klassen, begrenzte Zeitressourcen und fehlende Rückzugsräume erschweren den Blick auf das einzelne Kind. Besonders stille Kinder laufen Gefahr, übersehen zu werden.

Gleichzeitig zeigt die Studie: Geschultes pädagogisches Personal kann Einsamkeit erkennen und wirksam reduzieren. Daraus ergeben sich konkrete Ansatzpunkte für Schulen und Bildungspolitik, um Kinder frühzeitig zu stärken.

Modellprojekt mit langfristiger Perspektive

„Inspire Youth“ ist die erste Studie in Nordrhein-Westfalen, die Einsamkeit im Grundschulalter systematisch untersucht. Das Projekt läuft noch bis Ende 2027.

Neben der Universität Witten/Herdecke sind das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS), die AWO Ruhr-Mitte sowie die AWO Gelsenkirchen/Bottrop beteiligt. Gefördert wird das Vorhaben durch die Landesregierung Nordrhein-Westfalen und die Sozialstiftung NRW.

Ziel ist es, auf Basis der Ergebnisse konkrete Empfehlungen für Schulen, Ganztagsangebote und Bildungspolitik zu entwickeln, um Einsamkeit bei Kindern frühzeitig entgegenzuwirken.




Kinderarmut in Deutschland 2024 – Wenn fehlendes Geld zur Gefahr wird

Wie finanzielle Not Familien destabilisiert, Chancen mindert und das Kindeswohl gefährdet – aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts zeigen die wachsende Dringlichkeit

2024 waren in Deutschland 15,2 % aller Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet. Das heißt: Rund 2,2 Millionen Minderjährige wuchsen unter Bedingungen auf, die ihre Entwicklung einschränken, ihre Gesundheit belasten und ihre Zukunftschancen mindern. Kinderarmut ist kein Randphänomen – jedes siebte Kind ist betroffen.

Die Daten stammen aus der europäischen Erhebung EU-SILC und wurden zum Internationalen Tag der Kinderrechte veröffentlicht. Zwar liegt Deutschland damit unter dem EU-Durchschnitt (19,3 %), doch die Quote steigt – und mit ihr das Risiko von Bildungsbenachteiligung, sozialem Rückzug und psychischer Belastung.

Armut bedeutet mehr als wenig Geld – sie bedroht das Kindeswohl

Wenn Familien unter der Armutsgrenze leben, fehlen nicht nur Euro und Cent. Es fehlen stabile Routinen, ein sicherer Lebensraum, Teilhabe und Möglichkeiten, Kindsein auszuleben. Studien zeigen: Kinderarmut kann zu Vernachlässigung, gesundheitlichen Problemen und Entwicklungsverzögerungen führen – nicht, weil Eltern nicht lieben, sondern weil Ressourcen fehlen.

2024 lag die Armutsgefährdungsschwelle bei:

·  1.381 € monatlich für Alleinlebende

·  1.795 € für Alleinerziehende mit einem Kind (unter 14 Jahren)

·  2.900 € für zwei Erwachsene mit zwei Kindern (unter 14 Jahren)

Wer darunter liegt, muss sparen – manchmal an Lebensnotwendigem.

Bildung der Eltern – ein entscheidender Schutzfaktor

Bildung wirkt wie ein Schutzschirm:

  • Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss sind zu 41,8 % armutsgefährdet
  • Mit mittlerem Abschluss sinkt das Risiko auf 15,2 %
  • Bei höherem Abschluss sind nur 7,2 % betroffen

Die soziale Schere zeigt sich hier gnadenlos. Wo Bildung fehlt, fehlen oft auch Zugang zu stabiler Arbeit, Perspektiven – und zugleich die Möglichkeiten, Kindern ein förderliches Umfeld zu bieten.

Kinder mit Einwanderungsgeschichte viermal häufiger armutsgefährdet

Besonders deutlich wird die Ungleichheit bei Familien mit Migrationsgeschichte. 31,9 % der unter 18-Jährigen mit Einwanderungsgeschichte leben in Armut – gegenüber 7,7 % ohne Zuwanderungshintergrund. Wer neu ankommt, kämpft häufiger mit unsicheren Jobs, niedrigen Einkommen und hohen Wohnkosten. Kinder tragen die Folgen – mit geringeren Chancen auf gute Bildung und auf gesellschaftliche Teilhabe.

Deprivation – Wenn Armut zur sozialen Isolation führt

11,3 % der unter 16-Jährigen in Deutschland erlebten 2024 sogenannte kinderspezifische Deprivation – sie konnten zentrale Bedürfnisse nicht erfüllen, weil Geld fehlte. Beispiele:

  • 19 % konnten kaputte Möbel nicht ersetzen
  • 12 % hatten nicht die Möglichkeit zu verreisen
  • 5 % mussten auf Sportverein oder Kino verzichten
  • 3 % hatten nicht einmal zwei gut erhaltene Paar Schuhe

Zwischen 1–2 % konnten weder Freund*innen einladen noch Geburtstage feiern oder täglich frisches Obst und Gemüse bekommen. Armut isoliert – leise, oft unsichtbar, aber folgenreich.

Kinderschutz und Gesellschaft?

Kinderarmut ist eine der häufigsten strukturellen Ursachen von Kindeswohlgefährdung. Wo finanzielle Ressourcen fehlen, steigt das Risiko für:

  • Vernachlässigung von Gesundheit und Hygiene
  • Entwicklungs- und Lernverzögerungen
  • psychischen Stress, familiäre Überforderung
  • fehlende soziale Teilhabe und Chancenungleichheit

Armut schafft keine Gewalt – aber sie schafft Risiken, Belastungen und Zukunftshürden. Wenn ein Land seine Kinder schützen will, muss es ihre Familien stärken.

Gernot Körner