Thema Kreativität: Erwachsene sind origineller, Kinder haben mehr Freude

Eine neue Studie zeigt: Erwachsene entwickeln originellere Ideen, Kinder haben mehr Freude daran. Was die Forschung erklärt und was Kitas daraus lernen.
Kinder gelten als besonders kreativ. Erwachsene dagegen sollen im Laufe ihres Lebens einen Teil ihrer schöpferischen Fähigkeiten verlieren. Eine neue Studie der Universität Graz stellt diese verbreitete Vorstellung infrage: Erwachsene entwickelten bei mehreren Kreativitätsaufgaben originellere Ideen als Vorschulkinder. Die Kinder hatten jedoch mehr Freude am kreativen Gestalten, vertrauten stärker auf ihre Fähigkeiten und machten sich weniger Sorgen, etwas falsch zu machen. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?
Erwachsene entwickeln originellere Ideen
Für die im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichte Untersuchung verglich ein Forschungsteam um die Psychologin Janika Saretzki und den Grazer Psychologen Mathias Benedek, gemeinsam mit Ines Fratzl aus Graz und dem Entwicklungspsychologen Baptiste Barbot (Louvain und Yale University), die kreativen Leistungen von 92 Vorschulkindern und 70 Erwachsenen. Die Kinder waren durchschnittlich 5,7 Jahre alt, die Erwachsenen 25,3 Jahre.
Die Teilnehmenden sollten ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten für eine Blechdose finden, ein Fantasietier zeichnen und ein Bild ohne weitere Vorgaben gestalten. Unabhängige Gutachterinnen und Gutachter bewerteten die Ergebnisse, ohne das Alter der Urheber zu kennen.
Die Erwachsenen schnitten insgesamt besser ab, besonders bei Aufgaben mit einem klaren Ziel. Beim freien Zeichnen waren die Unterschiede geringer. Hinsichtlich der Originalität gab es hier keinen statistisch signifikanten Unterschied.
„Bei allen Aufträgen wurden die Leistungen der Erwachsenen objektiv als origineller, effektiver und kreativer bewertet als die der Kleinen“, erklärte Benedek in einer Mitteilung der Universität Graz. Die Aussage bezieht sich auf die Gesamtbewertung, nicht auf sämtliche Einzelkriterien.
Besonders aufschlussreich ist ein Zusatzbefund zur Selbsteinschätzung: Über drei Viertel der erwachsenen Teilnehmenden schätzten die Vorschulkinder fälschlicherweise als kreativer ein – obwohl die objektiven Bewertungen das Gegenteil zeigten. Dieser Befund verdeutlicht, wie stark das verbreitete Bild vom „kreativen Kind“ auch unter den Erwachsenen selbst verankert ist, und wie wenig es der tatsächlichen Leistung entspricht.
Ein anderes Bild zeigte sich beim Erleben der Aufgaben. Die Vorschulkinder waren motivierter, hatten mehr Freude und vertrauten stärker auf ihre kreativen Fähigkeiten. Erwachsene machten sich häufiger Gedanken darüber, wie andere ihre Ergebnisse beurteilen könnten, und gaben zugleich mehr Versagensangst und ein geringeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten an.
Benedek erklärt: „Erwachsenen ist es wichtiger, wie andere ihre Ideen beurteilen könnten. Sie schätzen ihre eigene Kreativität vielleicht realistischer ein, aber diese Selbstüberwachung kann auch Sorgen vor einer Bewertung mit sich bringen – und diese Sorge kann den freien Fluss von Ideen hemmen.“
Warum Erwachsene besser abschneiden könnten
Die Studie klärt nicht abschließend, weshalb Erwachsene bei den Kreativitätsaufgaben erfolgreicher waren. Eine mögliche Erklärung liegt in ihrem größeren Wissens- und Erfahrungsschatz. Kreativität entsteht häufig dadurch, dass vorhandene Vorstellungen neu miteinander kombiniert werden. Erwachsene kennen mehr Gegenstände, Zusammenhänge und Möglichkeiten, auf die sie dabei zurückgreifen können.
„Zum Beispiel erfanden Erwachsene höchst ungewöhnliche Fantasietiere, während viele Vorschulkinder einhornähnliche Wesen zeichneten“, berichtet Benedek.
Hinzu kommen Unterschiede in der geistigen Entwicklung. Sogenannte exekutive Funktionen ermöglichen es, Ideen zu planen, unterschiedliche Lösungen zu vergleichen und ungeeignete Einfälle zu verwerfen. Dazu gehören das Arbeitsgedächtnis, geistige Flexibilität und die bewusste Steuerung des Denkens. Diese Fähigkeiten entwickeln sich während der Kindheit und Jugend erheblich weiter.
Eine 2024 in Thinking Skills and Creativity veröffentlichte Untersuchung mit 159 Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren zeigte, dass sich einzelne Komponenten kreativen Denkens unterschiedlich entwickeln. Während sich unter anderem Planungsfähigkeiten und Arbeitsgedächtnis verbesserten, ging die Leistung beim figuralen divergenten Denken über die untersuchten Schuljahre zurück.
Kreativität ist demnach keine einheitliche Fähigkeit, die mit zunehmendem Alter einfach wächst oder abnimmt.
PISA: Kreativität und Problemlösungsfähigkeit hängen zusammen
Auch die internationale PISA-Studie liefert wichtige Erkenntnisse. Die OECD untersuchte 2022 erstmals in 64 Staaten und Volkswirtschaften das kreative Denken 15-jähriger Jugendlicher. Die Ergebnisse wurden 2024 veröffentlicht.
PISA prüft nicht vorrangig die Wiedergabe von Wissen, sondern die Fähigkeit, erworbene Kenntnisse und Kompetenzen auf unterschiedliche Problemstellungen anzuwenden. Beim kreativen Denken sollten die Jugendlichen verschiedene Ideen entwickeln, originelle Lösungen finden und bestehende Vorschläge verbessern.
Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen kreativen Leistungen und den bei PISA untersuchten Kompetenzen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Jugendliche, die in diesen Bereichen erfolgreich waren, erzielten häufig auch bessere Ergebnisse beim kreativen Denken.
Das bedeutet allerdings nicht, dass mehr Wissen automatisch kreativer macht. Vielmehr könnten beide Leistungsbereiche teilweise auf gemeinsamen kognitiven Voraussetzungen beruhen, etwa der Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, unterschiedliche Lösungswege zu entwickeln und Probleme systematisch zu bearbeiten.
Für die Grazer Studie ist das bedeutsam: Erwachsene verfügen nicht nur über mehr Erfahrung als Vorschulkinder, sondern auch über weiterentwickelte Fähigkeiten zur Problemlösung und bewussten Denksteuerung. Ob diese Unterschiede tatsächlich ihren Leistungsvorsprung erklären, bleibt jedoch offen.
Die Lernumgebung beeinflusst kreatives Denken
Die PISA-Ergebnisse zeigen außerdem, dass die Lernumgebung mit den kreativen Leistungen zusammenhängt. Jugendliche, deren Lehrkräfte ungewöhnliche Antworten wertschätzten und eigenständiges Denken unterstützten, erzielten im Durchschnitt bessere Ergebnisse. In Deutschland geben allerdings nur rund 59 Prozent der Jugendlichen an, dass ihre Lehrkräfte ihre Kreativität schätzen – international liegt dieser Wert bei etwa 70 Prozent.
Auch die Überzeugung, Kreativität durch Übung verbessern zu können, ging mit höheren Leistungen einher. Allerdings handelt es sich um statistische Zusammenhänge, aus denen sich keine eindeutigen Ursachen ableiten lassen.
Die Grazer Studie ergänzt diese Erkenntnisse um einen wichtigen Aspekt: Vorschulkinder haben besonders viel Freude an kreativen Tätigkeiten, wenn sie ohne feste Zielvorgaben experimentieren können.
Das zeigte sich auch im Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit: Während für die Zeichenaufgaben jeweils ein festes Zeitfenster von mehreren Minuten vorgesehen war, nutzten Vorschulkinder und Erwachsene dieses unterschiedlich – bei frei wählbaren Aufgaben ohne klare Zielvorgabe beschäftigten sich die Kinder tendenziell ebenso lange oder länger mit ihren Werken wie die Erwachsenen, während Erwachsene bei zielgerichteten Aufgaben die Zeit intensiver zur Ausarbeitung nutzten.
Offenbar kommen unterschiedliche Aufgabenformen den jeweiligen Altersgruppen unterschiedlich entgegen. Erwachsene profitieren möglicherweise stärker von klaren Zielvorgaben, während Vorschulkinder besonders gerne frei gestalten.
Eine doppelte Aufgabe für die pädagogische Praxis
Für die pädagogische Praxis ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe. Kinder benötigen vielfältige Erfahrungen, Wissen und Anregungen, um ihre kreativen Möglichkeiten weiterzuentwickeln. Gleichzeitig brauchen sie Freiräume, in denen sie eigene Ideen ausprobieren können, ohne ständig bewertet zu werden.
Dabei darf Kreativität nicht allein an fertigen Produkten gemessen werden. Gerade im frühen Kindesalter zeigt sie sich häufig im Spiel: Ein Karton wird zum Raumschiff, ein Holzklotz zum Telefon oder ein Stock zum Zauberstab. Solche Handlungen verlangen Vorstellungskraft, symbolisches Denken und die Fähigkeit, Gegenständen neue Bedeutungen zuzuschreiben. Diese Form des kreativen Denkens lässt sich kaum mit standardisierten Aufgaben erfassen, ist für die Entwicklung aber ebenso bedeutsam wie die in Studien gemessene Originalität.
Pädagogische Fachkräfte sollten daher zwei Ebenen unterscheiden: die kreative Leistung, die sich objektiv bewerten lässt, und das kreative Erleben, also Freude, Neugier und Selbstvertrauen beim Gestalten. Die Grazer Studie legt nahe, dass beide Ebenen im Vorschulalter nicht zwangsläufig zusammenfallen – Kinder, die wenig originelle Ergebnisse produzieren, können trotzdem mit großer Begeisterung und hohem Selbstvertrauen kreativ tätig sein. Dieses Erleben zu erhalten, ist pädagogisch mindestens so wichtig wie die Förderung messbarer kreativer Leistungen, da Freude und Zutrauen eine wesentliche Voraussetzung dafür sind, dass sich kreative Fähigkeiten langfristig überhaupt entfalten können.
Daraus lassen sich einige praktische Ableitungen formulieren:
Für die frühe Kindheit (Kita, Vorschule):
- Offene, ergebnisoffene Gestaltungsangebote ohne starre Zielvorgaben bereitstellen, da Kinder hier besonders viel Freude und Eigeninitiative zeigen.
- Bewertung zurückhaltend einsetzen: Zu frühes oder zu häufiges Bewerten kindlicher Werke kann die unbefangene Freude am Ausprobieren beeinträchtigen.
- Vielfältige Erfahrungen, Materialien und Wissen anbieten, da diese die Grundlage für spätere originellere Ideen bilden.
- Fantasie- und Rollenspiel als eigenständige, wertvolle Form kreativen Denkens anerkennen, auch wenn sie sich nicht in Testergebnissen niederschlägt.
Für Schule (Primar- und Sekundarstufe):
- Aufgaben mit klaren Zielvorgaben gezielt mit offeneren, explorativen Formaten kombinieren, da beide Aufgabentypen unterschiedliche kreative Prozesse ansprechen.
- Eine Fehlerkultur fördern, die Bewertungsängste reduziert – gerade weil ältere Kinder und Jugendliche zunehmend auf die Einschätzung anderer achten, was den freien Ideenfluss hemmen kann.
- Lehrkräfte sollten eigenständiges Denken und ungewöhnliche Lösungswege sichtbar wertschätzen; die PISA-Daten deuten auf einen Zusammenhang mit besseren kreativen Leistungen hin, auch wenn daraus keine einfache Ursache-Wirkungs-Kette folgt.
- Die Vermittlung von Fachwissen nicht gegen die Förderung kreativen Denkens ausspielen: Beide hängen den PISA-Befunden zufolge eher zusammen als dass sie sich gegenseitig ausschließen.
Übergreifend:
- Kreativitätsförderung sollte altersabhängig unterschiedlich ansetzen: bei jüngeren Kindern eher über Freiraum und Erleben, bei älteren Kindern und Jugendlichen zunehmend auch über Wissen, Strategien und Denkwerkzeuge.
- Kulturelle und institutionelle Rahmenbedingungen – etwa der in PISA sichtbare Unterschied zwischen Ländern bei der Wertschätzung von Kreativität durch Lehrkräfte – zeigen, dass Bildungseinrichtungen hier aktiv Einfluss nehmen können.
- Forschungsbefunde wie die der Grazer Studie sollten mit Vorsicht auf den Bildungsalltag übertragen werden: Die Stichproben sind begrenzt, und viele Zusammenhänge sind korrelativ, nicht kausal belegt.
Insgesamt deutet die Forschung darauf hin, dass weder das Bild vom besonders kreativen Kind noch das vom überlegen kreativen Erwachsenen die ganze Wahrheit abbildet. Beide Altersgruppen bringen unterschiedliche Stärken mit – Kinder ein unbefangenes, freudvolles Herangehen, Erwachsene einen größeren Erfahrungsschatz und entwickeltere Steuerungsfähigkeiten. Pädagogisch sinnvoll erscheint es, beide Aspekte nicht gegeneinander auszuspielen, sondern Lernumgebungen zu schaffen, die sowohl Freiraum für freudvolles Experimentieren als auch Gelegenheiten zum Aufbau von Wissen und Strategien bieten.
Quellen
Primärstudie:
Saretzki, J., Fratzl, I., Barbot, B., & Benedek, M. (2026). Are children really more creative than adults? A mixed-methods examination of creative performance and experience. PLOS ONE, 21(10), e0346553. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0346553
Weitere Forschungsliteratur:
Divergent thinking and Executive functions in children: A developmental perspective based on intellectual capacity. (2024). Thinking Skills and Creativity, 51, 101466. https://doi.org/10.1016/j.tsc.2024.101466
OECD. (2024). PISA 2022 Results (Volume III): Creative Minds, Creative Schools. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/765ee8c2-en
OECD. (2025). Creative minds in action: Students‘ imagination and ideas in storytelling, design and problem solving tasks on the PISA test (OECD Education Policy Perspectives, No. 120). https://doi.org/10.1787/5b718eb2-en
Presse-/Institutionsberichte:
Universität Graz. (2026). Selbstbewusst und einfallsreich: Psychologinnen untersuchen Kreativität bei Jung und Alt. https://www.uni-graz.at/de/neuigkeiten/selbstbewusst-und-einfallsreich-psychologinnen-untersuchen-kreativitaet-bei-jung-und-alt/
ORF Wissenschaft. (2026). Erwachsene sind kreativer, aber Kinder haben mehr Spaß. https://science.orf.at/stories/3237837/