Kinder, Medien, Missverständnisse: Ein Gespräch mit dem Hirnforscher Martin Korte

Im Interview mit Thomas Feibel ordnet der Neurobiologe Prof. Dr. Martin Korte ein, was digitale Medien mit Aufmerksamkeit, Lesen, Lernen und sozialer Entwicklung machen – und warum Medienbildung weit mehr ist als Techniknutzung

Wenn über Kinder, Schule und digitale Medien gestritten wird, geht vieles durcheinander: Angst vor Bildschirmen, Hoffnungen auf moderne Bildung, Unsicherheit im Familienalltag und die Sorge um die Gesundheit der Kinder. Prof. Dr. Martin Korte bringt in dieses Spannungsfeld die Perspektive der Hirnforschung ein. Der Neurobiologe, der an der TU Braunschweig lehrt und zu Lernen, Gedächtnis und neuronaler Plastizität forscht, gehört seit Jahren zu den Wissenschaftlern, die öffentliche Debatten über kindliche Entwicklung pointiert und verständlich einordnen.

Im Gespräch mit dem bekannten Medienexperten, Jugend- und Sachbuchautor Thomas Feibel setzt Korte klare Akzente: Nicht digitale Medien an sich seien das Kernproblem, sondern das, was sie verdrängen können – Bewegung, Spiel, Lesen, Konzentration, Begegnung und echtes Miteinander. Er warnt vor dem Einsatz von Bildschirmmedien in der Kita, plädiert für klare Grenzen und Vorbilder im Alltag und macht deutlich, dass Medienbildung nicht mit dem frühen Einsatz von Geräten beginnt, sondern mit dem Verstehen ihrer Wirkungen, Risiken und Mechanismen.

Den Podcast zum Gespräch stellen wir Ihnen in diesem Beitrag direkt zur Verfügung – Sie können ihn hier anhören.

Interview mit Prof. Dr. Martin Korte

Was ist denn für Sie zurzeit so das größte Missverständnis in der öffentlichen Debatte, wenn es um Kinder und Jugendliche und digitale Medien geht?

Korte:  Das größte Missverständnis besteht aus zwei Punkten. Erstens: Viele glauben, digitale Medien seien grundsätzlich der Feind der Jugendlichen. Zweitens: Es wird oft unterstellt, dass allein das, was sie an den Geräten tun, schädlich sei. Das stimmt nur teilweise. In Wirklichkeit liegt das größere Problem darin, was in dieser Zeit nicht passiert – nämlich spielen, sich bewegen, mit anderen zusammen sein, soziale Kontakte pflegen, einander in die Augen schauen. Auch das Lesen gehört dazu. Häufig wird Jugendlichen vorgeworfen, was sie alles in den digitalen Medien machen würden. Als ob jede Minute des Lebens der Effizienzsteigerung dienen müsste. Schon Schiller hat gesagt: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Kinder und Jugendliche dürfen also auch an digitalen Geräten einfach ihren Freizeitinteressen nachgehen. Wichtig ist jedoch, dass daneben auch andere Aktivitäten Platz haben. Genau das wird in der öffentlichen Debatte oft missverstanden

Ist es nicht auch so, dass vielleicht Kinder und Jugendliche doch mehr lesen, als wir wahrhaben wollen?

Ja und nein. Leider sieht man deutlich, dass das Lesen von Romanen und Büchern abnimmt. Dabei halte ich es für eine zentrale Kulturleistung, sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Ein gedrucktes Buch liest man außerdem ganz anders, als wenn man online Chatnachrichten überfliegt. Auch E-Books spielen unter Jugendliche kaum noch eine Rolle. Die Zahlen sind stark zurückgegangen – von 42 auf 17 Prozent. Und das betrifft nicht nur Erwachsene. Gerade bei Jugendlichen zeigt sich: Nicht nur lesen weniger regelmäßig, auch die Zahl derer, die überhaupt nie ein Buch zur Hand nehmen, ist gestiegen. Mir geht es deshalb gar nicht darum zu bewerten, ob Jugendliche das „Richtige“ oder „Falsche“ lesen. Das größere Problem ist, dass sie insgesamt kaum noch lesen. Das bereitet mir Sorgen. Denn einer komplexen Geschichte zu folgen, sich zu konzentrieren und sich in andere Menschen hineinzuversetzen – sei es in einem Krimi, einer Fantasy-Geschichte oder einem Roman zum Vergnügen – ist ein wichtiges Training für Empathie. Deshalb glaube ich: Es geht nicht allein um die Auswahl der Literatur. Entscheidend ist, dass Lesen überhaupt gefördert und als Kulturleistung ernst genommen wird.

Was denken Sie, warum sie nicht lesen?

Ich glaube, dass die Konkurrenz durch Bildmedien heute viel stärker ist – vor allem durch TikTok, YouTube und andere Plattformen, die Jugendliche intensiv nutzen. Diese Angebote sind einfacher, weniger anstrengend und jederzeit verfügbar. Das führt dazu, dass viele Jugendliche gar nicht erst zu einem Buch greifen. Studien zeigen außerdem, dass Eltern ihren Kindern deutlich weniger vorlesen. In den letzten 20 Jahren hat sich das ungefähr halbiert. Natürlich wird Lesen in der Schule vermittelt. Doch das eigentliche Interesse am Lesen entsteht vor allem im Elternhaus – durch Vorbilder und gemeinsame Erfahrungen. Auch Erwachsene selbst lesen weniger. Besonders schade ist, dass immer weniger Eltern ihren Kindern vorlesen. Dabei wäre gerade das eine wichtige Gewohnheit, die man unbedingt wiederbeleben sollte.

Als Kinder- und Jugendbuchautor lese ich noch 17-Jährigen vor und sogar Berufsschülern. Denn alle wollen eine Geschichte hören.

Ja, genau, da bin ich ganz bei Ihnen. Wir müssen dieses menschliche Grundbedürfnis früh genug aufgreifen. Sobald Kinder lesen können, sollte man ihnen auch erste Bücher anbieten – das kann man pädagogisch gut begleiten. Viele Kinderbücher sind dafür ideal: Sie lassen sich vorlesen, aber Jugendliche können später auch selbst danach greifen.

Die Debatten sind ja oft sehr einseitig. Ist denn Bildschirm immer gleich was Negatives oder sehen Sie da auch positive Aspekte?

Digitale Medien haben durchaus positive Aspekte. Jugendliche können sich schnell und unkompliziert vernetzen. Sie entscheiden selbst, wie sie kommunizieren möchten. Außerdem fördern digitale Angebote die visuelle Intelligenz und sogar analytisches Denken – auch wenn man das manchmal nicht erwartet.Problematisch wird es erst, wenn die Bildschirmzeit insgesamt zu viele Stunden am Tag umfasst – unabhängig davon, ob es Spiele, Chats oder sogar Bildungsinhalte sind. Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand ein Lernvideo schaut oder einfach scrollt. Aber auch wer sechs Stunden am Tag Bildungs-YouTube konsumiert und dabei keine Zeit mit Freunden verbringt, tut sich damit nichts Gutes.Deshalb ist es wichtig, dass Eltern und Schulen klare Grenzen setzen. Zeitliche Beschränkungen sind nötig – ähnlich wie bei Süßigkeiten. Niemand verbietet Kindern Schokolade, aber alle wissen: zu viel davon schadet. Die wenigsten Eltern würden eine Schublade voller Süßigkeiten direkt neben dem Kinderbett erlauben. Aber ein Smartphone liegt dort oft ganz selbstverständlich. Das zeigt, dass unsere Prioritäten oft falsch gesetzt sind. Wir brauchen also den Mut, Mediennutzung einzuschränken, sie zu erklären und vor allem vorzuleben. Eltern, die selbst gesund essen, ziehen Kinder groß, die sich ebenfalls gesünder ernähren. Genau so funktioniert es auch mit einer gesunden digitalen Mediennutzung.

Wie gelingt es uns allen diese Balance zu finden? Wenn ich Sie richtig verstehe, heißt das doch: Alles, was im Übermaß passiert, wirkt sich negativ aus. Aber die Dinge selbst sind nicht grundsätzlich schädlich.

Am Ende geht es um Balance – für Erwachsene genauso wie für Kinder. Nicht die Medien selbst sind das Problem, sondern das „Zuviel“. Und andere Dinge dürfen nicht vernachlässigt werden.

Viele Erwachsene haben selber große Probleme, die Balance zu finden. Und das ist auch nachvollziehbar, weil sich bei Erwachsenen der Beruf und das Private sich dann auf dem Gerät vermischt.

Darum müssen auch Erwachsene lernen, stärker zwischen Online und Offline zu unterscheiden. Es sollte klare Situationen geben, in denen man das Smartphone nicht nutzt– und in denen es sogar sozial unerwünscht wäre, es zu nutzen. Ein Beispiel liefert eine amerikanische Langzeitstudie, die vor rund zehn Jahren begonnen wurde. Eltern wurden dort in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe durfte Smartphones und soziale Medien nutzen wie bisher. Die zweite Gruppe bekam nur eine einzige Vorgabe: kein Smartphone beim Aufstehen, bei den Mahlzeiten und beim Einschlafen – für die ganze Familie, also auch Eltern und Geschwister. Das Ergebnis nach zehn Jahren: Die Jugendlichen dieser zweiten Gruppe nutzten Smartphones zwar genauso selbstverständlich wie alle anderen, aber nur halb so lange. Durch diese kleinen Einschränkungen hatten sie gelernt, dass es Situationen gibt, in denen das Gerät nicht dazugehört – vor allem beim gemeinsamen sozialen Miteinander. Und sie hatten es von ihren Eltern vorgelebt bekommen. Aus dieser Studie kann man auch viel über den Umgang mit sozialen Medien lernen.

Was bedeutet das für die Politik?

Auch die Politik ist gefragt. Denn es ist extrem schwer, als Einzelner gegen die psychologische Macht der großen Konzerne anzukommen. Diese Apps sind so gestaltet, dass sie unser Belohnungssystem ständig ansprechen und uns verleiten, doch noch die nächste Nachricht oder das nächste Video anzuschauen – obwohl wir eigentlich schon längst etwas anderes tun wollten. Hier braucht es stärkere Eingriffe: Altersbeschränkungen, Regeln für das Design von Apps, die verhindern, dass Nutzer abhängig gemacht werden. In der EU gibt es bereits Vorgaben für Online-Shopping, damit Kaufprozesse nicht in eine Art Rausch führen. Ähnliche Regularien wären auch für soziale Medien sinnvoll. So darf es nicht allein bei den Familien und Einzelnen liegen, gegen die übermäßige Nutzung zu kämpfen. Auch die großen Anbieter müssen in die Verantwortung genommen werden.

Da hat die Leopoldina dazu ein Diskussionspapier herausgebracht, das relativ ausgewogen ist.

Genau, ich bin da ganz auf der Linie des Leopoldina-Papiers. Die nennen ja auch genau diese Aspekte, bis hin zu Empfehlungen für Verbote an Schulen. Das würde eben auch dazu beitragen, dass es nicht ständig zu Konflikten zwischen Lernen, Ausbildung und den sozialen Medien kommt. Und das nimmt uns alle in die Pflicht – auf jeder einzelnen Ebene, aber eben auch die Anbieter der großen Social-Media-Apps.

Darf ich Sie fragen, wie Sie das selbst mit Balance schaffen?

Ich befolge im Grunde ein paar einfache Regeln. Erst mal bin ich genauso ein Mensch wie alle anderen – mit meinen Stärken und Schwächen. Manchmal verbringe ich auch mehr Zeit an diesen Geräten, als ich eigentlich möchte. Aber generell sehe ich bei mir, dass meine Nutzungszeiten deutlich niedriger sind als die meiner Kollegen oder vieler anderer. Und das liegt an ein paar Tricks.

Und die wären?

Wenn ich das Smartphone nicht aktiv nutzen möchte, liegt es nicht in meinem Blickfeld. So werde ich gar nicht erst verführt, einem Reflex nachzugeben – dass ein Moment der Langeweile sofort dazu führt, das Handy in die Hand zu nehmen. Stattdessen lasse ich dann eher die Gedanken schweifen.

Und wenn ich lese, liegt das Smartphone nie neben mir. Eine typische Situation, in der ich Gefahr laufe, es zu oft als „Unterbrecher“ zu benutzen, ist beim Fußball. Wenn ein Champions-League-Spiel läuft – im Fernsehen, im Radio oder im Live-Ticker – dann möchte ich natürlich die Zwischenstände meiner Lieblingsmannschaften verfolgen. Aber auch dann liegt das Handy nicht neben mir. Das heißt: Ich muss von meinem Sessel aufstehen, ins Nachbarzimmer gehen, das Handy einschalten und nachschauen, wie es steht. Und ganz ehrlich – das mache ich dann auch. Mich interessiert das, aber das mache ich dreimal in 90 Minuten und nicht 30 Mal. Und das sind so die kleinen Dinge, mit denen ich versuche, dieses reflexhafte Nutzen zu verhindern. Das hat bei mir eine ganz stark regulatorische Wirkung darauf, wie viel ich diese Geräte tatsächlich benutze. Und das ist im Übrigen auch wissenschaftlich gut evaluiert.

Mich interessiert das, aber das mache ich dreimal in 90 Minuten und nicht 30 Mal. Und das sind so, indem ich so versuche, das reflexhafte der Nutzung zu verhindern, hat bei mir eine ganz stark regulatorische Wirkung dahingehend, wie viel ich diese Geräte nutze. Und auch das ist im Übrigen wissenschaftlich gut evaluiert.

Also raten Sie zu Barrieren?

Ja. Wann immer man eine Barriere einbaut zwischen etwas, das – ich nenne es mal so – einen gewissen Suchtcharakter hat, und dem, wie man eigentlich handeln möchte, ist es hilfreich, solche Barrieren einzuführen. Es gibt Studien, die empfehlen: Wenn man den Impuls verspürt, nach dem Smartphone zu greifen, soll man zunächst einmal tief einatmen – vier Sekunden lang – und dann sechs Sekunden ruhig ausatmen. Eine alte Yogatechnik. Danach überlegt man bewusst: Okay, was wollte ich jetzt eigentlich an diesem Handy? Was ist gerade so wichtig? Will ich dafür wirklich meine Tätigkeit unterbrechen? Und dann entscheidet man: Entweder ich kehre zurück zu dem, was ich gerade gemacht habe – oder es ist mir in dem Moment wirklich wichtig, das Smartphone zu nutzen. Man kann dadurch diese Reflexe unterbrechen, die mit dem Gewohnheitslernen zusammenhängen. Normalerweise setzt ein Trigger sofort eine ganze Kaskade von Handlungen in Gang. Indem man kurz innehält, entscheidet man bewusst, was man möchte. Und das kann im Übrigen auch die Smartphone-Nutzung selbst sein – aber dann hat man zumindest eine Sekunde oder, in diesem Fall, 14 Sekunden bewusst darüber nachgedacht.

Wie bewerten Sie digitale Geräte in der Kita?

Also ich glaube, dass digitale Endgeräte weder in den Kindergarten noch in die Grundschule gehören. Die Kinder lernen dort nichts, was sie wirklich fürs Leben brauchen. Medienkompetenz erwerben sie dadurch auch nicht. Stattdessen werden sie nur von den Dingen abgehalten, die sie in dieser Lebensphase eigentlich lernen sollten – nämlich gemeinsam mit anderen etwas zu unternehmen und zu verstehen, wie andere Menschen ticken und fühlen.

Gerade im Kindergarten ist es außerdem wichtig, die Feinmotorik zu trainieren, die man später in der Schule braucht. Das lernt man eben nur, wenn man die Finger im Sandkasten einsetzt oder beim Basteln. Und wenn man in diesem Alter schon von „Bildung“ sprechen möchte – auch das ist natürlich möglich.

Und wie?

Spätestens in der Grundschule kann und sollte man die Kinder natürlich auch über digitale Medien informieren. Aber dafür müssen sie diese Geräte nicht selbst in der Hand haben. Man kann das alles an der Tafel, am Smartboard oder mit anderen Mitteln erklären – ohne dass die Kinder dabei schon auf einem Smartphone herumwischen. Ganz ehrlich: Das muss man auch nicht lernen. Viel wichtiger ist es, die grundlegenden Zusammenhänge zu verstehen.

Es geht darum, den Kindern kindgerecht zu erklären, wie diese Geräte funktionieren – und vor allem, welche Gefahren damit verbunden sind. Wir informieren ja auch über die Gefahren auf dem Schulweg oder über die Risiken einer ungesunden Ernährung. Genauso muss man über die Risiken von digitalen Medien und Smartphones sprechen. Und selbstverständlich auch über die Vorteile und Möglichkeiten – etwa, was man alles nachschauen oder lernen kann.

Man kann den Kindern auch erklären, was die Eltern eigentlich die ganze Zeit am Smartphone machen – dafür braucht man die Geräte selbst nicht. Für mich ist das eine Pseudodiskussion. Man muss sich nur anschauen, wie die ersten zwei Semester im Informatikstudium ablaufen: Da rennt niemand mit einem großen Rechner herum. Da wird mit Kreide an der Tafel erklärt, wie Algorithmen funktionieren. Natürlich will ich das nicht auf Grundschulkinder übertragen. Aber mein Punkt ist: Es ist eine verfehlte Diskussion zu behaupten, Medienbildung könne nur stattfinden, wenn die Geräte vor den Kindern liegen. Das ist aus meiner Sicht genau der falsche Weg.

Und ab wann sollte dann die digitale Medienbildung beginnen?

Ich habe ja nicht gesagt, dass Schulen und Kindergärten keine Medienbildung betreiben sollen. Ich sage nur: Bis zum zehnten Lebensjahr brauchen Kinder dafür keine digitalen Endgeräte. Ehrlich gesagt glaube ich nicht einmal, dass sie diese in der fünften oder sechsten Klasse brauchen. Ab der siebten Klasse kann man dann mit Tablet-Nutzung anfangen.Warum sage ich das? Weil es eine enorme Rechenkapazität im Stirnlappen erfordert, gleichzeitig ein digitales Gerät zu bedienen und den Anweisungen eines Lehrers zu folgen. Außerdem muss man erst einmal sehr viel über ein Fach gelernt haben – zum Beispiel: Wie funktionieren die Algorithmen in der Mathematik? Worauf muss ich bei einem Text achten, wenn ich ihn gelesen habe und zusammenfassen soll? Erst dann macht eine Internetrecherche wirklich Sinn. Das bedeutet aber nicht, dass Medienbildung erst in der siebten Klasse anfängt.

Sondern?

Medienbildung sollte schon in der Grundschule anfangen – aber eben nicht mit den digitalen Endgeräten, sondern über die digitalen Endgeräte. Und genau da sehe ich einen großen Fortbildungsbedarf für Lehrerinnen und Lehrer. Denn man braucht dafür didaktische Konzepte, die auf junge Kindergehirne abgestimmt sind. Oft heißt es einfach: „Machen Sie das mal im Unterricht mit.“ Das ist aber naiv.Man braucht dafür speziell ausgebildete Lehrkräfte, die solche Konzepte entwickeln und vermitteln können. Außerdem sind Multiplikatoreneffekte wichtig: also Best-Practice-Beispiele, auf die Lehrkräfte mit wenigen Klicks zugreifen können. So könnten sie sehen: Welche Schulen haben welche Erfahrungen gemacht? Was berichten Lehrerinnen und Lehrer, was besonders gut funktioniert hat – und hoffentlich auch, was nicht funktioniert hat.

Was ist denn für Sie digitale Bildung?

Unter digitaler Bildung verstehe ich zwei Dinge. Das eine ist: die Kinder sollen verstehen, wie die Technik dieser Geräte funktioniert. Natürlich muss man das altersgerecht erklären – einem Neunjährigen anders als einem 13- oder 17-Jährigen. Aber die Grundlagen sind wichtig: zum Beispiel, wie die Algorithmen hinter den „Like“-Buttons funktionieren.
Es geht auch um die Frage: Was passiert da eigentlich, wenn ein Video nach dem anderen kommt? Was passiert mit Rechten? Wie geht man um mit Situationen im Klassenverband, wenn jemand etwas Schlechtes über einen anderen sagt? Da muss sofort klar sein: Das geht nicht. Wenn ich etwas über jemanden sagen oder mich über ihn lustig machen möchte, dann tue ich das persönlich – aber nicht über soziale Medien. Die Kinder müssen wissen, dass sie in solchen Situationen einschreiten sollen, dass sie es selbst nicht tun und dass sie, wenn sie einmal Opfer solcher Angriffe werden, damit umgehen können. Denn es ist eine sehr schwierige soziale Situation, öffentlich bloßgestellt zu werden – vielleicht sogar noch mit peinlichen Bildern in einer unglücklichen Situation. Junge Menschen müssen lernen, damit klarzukommen. Und man muss ihnen etwas an die Hand geben: an wen sie sich wenden können, wie sie reagieren können. Gleichzeitig sollte man ihnen auch erklären: Wenn das auf dem Schulhof passiert wäre, hättest du es vermutlich nicht so schwer genommen.

Man sollte den Kindern auch vermitteln: Versetz dich mal in denjenigen, der das gepostet hat. Der hat wahrscheinlich gar nicht lange darüber nachgedacht, dich „fürs Leben“ bloßstellen zu wollen, sondern es ging um einen kurzen Moment des Lachens.

Und genau das passiert ja auch auf dem Schulhof: Man macht mal einen blöden Spruch oder stellt jemanden für einen Augenblick bloß. Sprich also denjenigen an, der das gepostet hat. Und wenn es jemand ist, der so etwas häufiger macht, dann trau dich, mit den Eltern oder den Lehrkräften zu sprechen und klar zu sagen: „Das geht so nicht.“

Also Bilder oder Texte mit sexuellen Bezügen…

Ja. Solche Situationen sind völlig inakzeptabel. Da muss jeder Schüler und jede Schülerin sofort wissen: Das ist kein „Verpetzen“, sondern ein Schutzmechanismus für alle. Man muss sich sofort melden und das unterbinden.Und an den Schulen, wo das konsequent praktiziert wird, zeigt sich auch ein Effekt: Die meisten dieser Posts können künftig verhindert werden, wenn die jungen Menschen, die sie verbreiten, zur Rechenschaft gezogen werden. Vor allem merken sie dann auch, dass es keine private Angelegenheit bleibt – selbst wenn sie glauben, so etwas nur in einem geschlossenen Chatraum gepostet zu haben. De facto sind sie damit aufgefallen und kann dann damit ganz viel verhindern. Aber nicht alles. Wir haben immer schon auch schlechte Menschen gehabt. Die gibt es auch unter Jugendlichen, aber die meisten, die das eher unbedacht machen oder um sich einen kurzfristigen Vorteil zu verschaffen, die kann man so ausbremsen.

Kinder und Jugendliche werden – von Eltern oft unbemerkt – von pädophil veranlagten Menschen kontaktiert und unter Druck gesetzt. Muss Schule auch darauf aufmerksam machen?

Ja. Wichtig ist vor allem, den Kindern klarzumachen: Was ist der richtige Weg? An wen wende ich mich, und wie? Gleichzeitig müssen auch die Schulen die Möglichkeiten haben, mit den Eltern zu kommunizieren und gemeinsam Vorschläge zu entwickeln, wie man mit solchen Situationen umgeht. Das bedeutet: sofort die Lehrkräfte informieren. Wenn das eigene Kind auf dem Schulhof übel verprügelt worden wäre, würden die Eltern sich ja auch bei den Lehrkräften melden – und das völlig zu Recht.
Genauso wie bei dieser Form des „geistigen Verprügelns“ geht es auch um die pädophile Kontaktaufnahme. Da muss der Weg bis hin zur Weitergabe an die Polizei klar sein, damit diese nachgehen und die Quelle finden kann. Oft handelt es sich zwar nur um wenige Täter, aber sie pflegen unzählige Kontakte. Das heißt: Jeden Einzelnen, den man herausfischt, kann Tausenden von Jugendlichen Leid ersparen – sei es schon durch das Zusenden verstörender Bilder.
Deshalb, ja, Sie haben Recht: Wir müssen Schulen und Lehrkräfte einbeziehen, aber auch die Eltern. Sie müssen wissen, was zu tun ist, wenn sie merken, dass ihre eigenen Kinder verstört sind – vielleicht sogar, indem sie sich an die Lehrkräfte wenden.
Manchmal gibt es auch andere Vertrauenspersonen, mit denen Kinder lieber reden: den Patenonkel, eine ältere Freundin, Schülervertreter aus höheren Klassen. Die Schule kann hier verschiedene Wege aufzeigen, wie man mit solchen Situationen umgehen kann. Das hilft auch vielen Eltern, die oft gar nicht genau wissen, was sie tun sollen. Der erste Reflex ist ja meist: „Handy wegnehmen.“
Aber das kann zurückfeuern – auf alle anderen, die das auf dem Schulhof mitbekommen. Dann wird so etwas lieber geheim gehalten, weil es den Betroffenen selbst peinlich ist. Deshalb muss man von Anfang an klarstellen, welche Wege es gibt. Und vor allem müssen die Schülerinnen und Schüler wissen: Es wird alles getan, um sie zu schützen – und nicht, um sie bloßzustellen.

Also geht es in der digitalen Bildung auch um Werte.

Am Ende geht es um Werte und es geht auch um Wege. Oft haben wir Werte, aber wissen dann nicht die Wege, wie wir diese Werte durchsetzen können oder setzen sie mit den falschen Mitteln durch. Und ich glaube, hier müssen Werte und Wege zusammenfinden.

Was ist denn jetzt der Stand zur digitalen Welt mit Kindern, Jugendlichen und der Hirnforschung zurzeit?

Wenn Kinder im Grundschulalter – oder sogar noch früher – sechs Stunden und mehr am Tag vor dem Bildschirm verbringen, sieht man tatsächlich strukturelle Veränderungen im Gehirn, die die Sprachzentren betreffen. Dort gibt es große „Datenautobahnen“, die die beiden zentralen Sprachzentren in der linken Großhirnhemisphäre miteinander verbinden – das Wernicke- und das Broca-Areal. Zwischen diesen beiden Sprachzentren verläuft ein Faserstrang. Bei Kindern, die schon im frühen Alter viel Zeit mit Social Media oder Videos verbringen und in dieser Zeit weniger mit anderen Menschen kommunizieren, ist dieser Faserstrang weniger stark entwickelt. Es gibt außerdem Befunde bei älteren und auch bei pubertierenden Kindern: Dort sind Gehirnareale betroffen, die sich mit den Gefühlen und Gedanken anderer Menschen beschäftigen – ein Bereich, der zum limbischen System gehört.

Das ist ein Bereich des Stirnlappens, der solche Fähigkeiten vermittelt – also nicht nur die eigenen Gefühle zu reflektieren, sondern auch nachzuvollziehen, was andere Menschen denken und fühlen. Auch dort zeigt sich: Die Großhirnrinde ist bei betroffenen Kindern dünner ausgeprägt. Und da muss man vorsichtig sein.

Das ist auch immer die berechtigte Kritik an solchen Studien: Man weiß bei korrelativen Befunden nicht, was Ursache und was Wirkung ist. Sind es vielleicht die Kinder, die von Anfang an größere Schwierigkeiten haben, die Gefühle und Gedanken anderer Menschen zu lesen und zu verstehen, die besonders schnell auf digitale Medien ausweichen?

Ist das eine Folge der Mediennutzung?

Mein Verdacht ist tatsächlich, dass es eine Folge der Mediennutzung ist. Denn unser Gehirn reagiert strukturell auf das, was wir besonders häufig tun – und genauso auf das, was wir besonders selten tun. Das bedeutet: Die Gehirnareale, die wir wenig nutzen, werden tendenziell abgebaut, während die, die wir intensiv nutzen, eher ausgebaut werden.

Man kann auch zeigen, dass die Finger, die wir beim Wischen auf Tablets, Smartphones oder Webseiten benutzen, im Gehirn größer repräsentiert sind als andere Finger oder Gliedmaßen. Das sieht man übrigens in vielen Bereichen – auch im Sport oder beim Musizieren. Bei einem Geiger zum Beispiel ist die Hand, die die Saiten bedient, im Gehirn strukturell deutlich stärker ausgebildet.

Das sind Anpassungsprozesse, die im Gehirn passieren. Die sind jetzt beim Wischen auf dem Smartphone oder Handy nicht schlimm. Aber sie sind schlimm bei den Fähigkeiten, die wir eben nicht mehr trainieren. Und das sieht man dann eben auch strukturell im Gehirn. Man sieht außerdem: Es ist nicht die Smartphone-Nutzung allein, sondern vor allem die Nutzung digitaler Medien im Multitasking-Modus, die problematisch ist. Der Teil des Stirnlappens, der unsere Aufmerksamkeit reguliert, ist dann weniger stark aktiviert. Das Gehirn ist ständig „auf dem Sprung“, sofort etwas anderes zu tun. Dadurch steht weniger Rechenkapazität für die eigentliche Tätigkeit zur Verfügung – stattdessen wird sie auf mehrere Dinge gleichzeitig verteilt. Wer zwei oder drei Bildschirme parallel benutzt, konzentriert sich nicht wirklich auf das, was er entweder machen soll oder machen möchte.
Wer beim Lernen ständig noch seine Nachrichten checkt und im Multitasking-Modus unterwegs ist, bei dem leidet das Konzentrationsvermögen. Häufig wird das falsch dargestellt. Da heißt es dann: Digitale Medien führen dazu, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne kürzer wird. Das stimmt so nicht. Unter kontrollierten Bedingungen – also wenn wir nicht abgelenkt werden – hat sich die Dauer unserer Aufmerksamkeit in den letzten 20 Jahren nicht verändert. Was sich allerdings verändert hat: In alltäglichen, lebensweltlichen Situationen haben wir heute statistisch gesehen nicht einmal mehr 50 Prozent der Aufmerksamkeitsspanne, die wir vor 20 Jahren hatten.
Das hängt damit zusammen, dass wir uns ständig von eingehenden Signalen ablenken lassen – vom Vibrieren oder von Tönen. Hinzu kommt, dass wir unsere Aufmerksamkeit permanent auf die Möglichkeit richten: Da könnte ja etwas kommen.Das ist ein bisschen so, wie wenn jemand nachts nach einem Albtraum aufwacht und auf jedes knackende Geräusch im Haus sofort schreckhaft reagiert. Diesen Mechanismus bezeichnet man fachlich alsArousal. Genau damit umgeben wir uns im Moment ständig – und lenken uns dadurch von den Tätigkeiten ab, denen wir eigentlich nachgehen wollen. Das halbiert tatsächlich die Dauer der Aufmerksamkeit, die wir auf eine Aufgabe richten können.Und das lässt sich auch im Gehirn nachweisen: Im Stirnlappen sieht man, dass die ablenkende Wirkung des Multitasking-Modus mit einer Einschränkung der Effektivität korreliert. Am Ende brauchen wir also für die Tätigkeit, die wir eigentlich machen wollten, doppelt so lange. Und zusätzlich machen wir auch noch 40 Prozent mehr Fehler, denn es ist eine Einbildung zu meinen, wir wären effektiver, wenn wir im Multitasking-Modus unterwegs sind.

Was ist in den ersten drei Lebensjahren besonders kritisch? Kinder dürfen oft Fernsehen oder bekommen zum Stillsein ein Smartphone oder Tablet in die Hand.

Ich habe gerade eine Studie gesehen, die gezeigt hat: Schon unter Dreijährige verbringen mehr als anderthalb Stunden pro Tag vor Tablets und Smartphone-Bildschirmen. Das halte ich für eine schreckliche Entwicklung. Diese Geräte gehören in diesem Alter überhaupt nicht in die Hände der Kinder – also null. Was man dagegen mit Kindern machen kann, eher in Richtung drei Jahre, ist: sich gemeinsam mit ihnen vor einen Fernseher zu setzen. Wichtig ist dabei, die Kinder nicht einfach „abzustellen“, sondern aktiv mitzuschauen. Dann bleibt es eine soziale Interaktion. Man kann erklären, was dort passiert, und die Kinder lernen, ihre Begeisterung mitzuteilen.

Das kann man machen. Alles andere ist tatsächlich schädlich. Und Sie haben gefragt: Was brauchen Kinder in dieser Zeit? Sie brauchen Bewegung. Sie brauchen Gleichaltrige, sie brauchen eine Familie und sie brauchen Zuwendung.

Und jetzt einmal aus Elternsicht: Kinder brauchen Gesichter, die sie sehen können.Das heißt, sie müssen die Mundbewegungen gemeinsam mit der Sprache sehen. Eltern jedoch, die auf ihr Smartphone schauen und parallel mit den Kindern sprechen, verhindern, dass die Kinder Sprache vollumfänglich lernen können. Denn Sprache lernen wir auch über Gestik, über die Gefühle, die sich im Gesicht widerspiegeln, und über die Lippenbewegungen, die wir sehen. Es geht nicht nur um die Töne – da sind wir oft falsch informiert –, sondern auch um die Lippenbewegungen, die Kinder sehen müssen. Und die erkennen sie nur, wenn man sie direkt anschaut. Wer also mit Kindern spricht, sollte ihnen sehr aufmerksam ins Gesicht schauen.
Ich erlebe das immer wieder ganz automatisch bei Großeltern: Sie gehen fast so nah an die Kinder heran, dass sie deren gesamtes Gesichtsfeld ausfüllen, wenn sie mit ihnen sprechen. Man muss natürlich nicht immer so nah kommen – aber wichtig ist, dass die Kinder das ganze Gesichtsfeld sehen können. Und genauso wichtig ist, dass man selbst nicht derjenige ist, der abgelenkt ist. Das gilt also in beide Richtungen.
Auf der einen Seite, was brauchen die Kinder, auf der anderen Seite, was müssen wir als Erwachsene auch geben, damit diese Kinder diese Dinge bekommen, um eben sprachkompetent zu werden, kommunizieren zu können. Und ganz ganz wichtig, gerade in diesem jungen Alter, sind Bewegungsreize. Und wenn sie dann älter werden, würden Sie sagen, es gibt eine Korrelation auf das Gedächtnis und auf das Lernen, wenn die Bildschirmmedien einen zu starken Einfluss haben? Das heißt ja immer, wenn man etwas in einem Buch gelesen hat, kann man sich das besser einprägen, als wenn man es am Bildschirm gelesen hat.
Auf der einen Seite geht es darum: Was brauchen die Kinder? Was müssen wir als Erwachsene geben, damit die Kinder diese Erfahrungen machen können – um sprachkompetent zu werden und kommunizieren zu lernen. Ganz wichtig, gerade in jungem Alter, sind Bewegungsreize.

Gibt es eine Korrelation zwischen Bildschirmnutzung, Gedächtnis und Lernen, wenn die digitalen Medien zu starken Einfluss haben?  Es heißt ja oft, dass man sich Inhalte besser einprägt, wenn man sie in einem Buch gelesen hat, als wenn man sie am Bildschirm liest.

Das stimmt statistisch – aber noch viel wichtiger ist die Frage, ob die Neugier geweckt wird und ob man mit Begeisterung und Leidenschaft lernt oder nicht. Manche Jugendliche tun das tatsächlich lieber am Bildschirm. Wenn das ihre Begeisterung stärker weckt als das Lesen, dann ist das auch in Ordnung.De facto zeigt sich jedoch – wie Sie gerade gesagt haben –: Wenn man das viele Stunden am Tag macht, wirkt sich das auf die Gedächtnisfähigkeit aus.
Vor allem, wenn die Nutzung im Multitasking-Modus erfolgt, leidet das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen nimmt ab und die Schulleistungen sinken.  Alles, was über drei Stunden tägliche Bildschirmnutzung hinausgeht, lässt sich direkt in einen Notenabzug in der Schule „umrechnen“. Hier zeigt sich also eine klare Korrelation: Das, was man an Bildschirmen macht, ist nicht das Gleiche wie das, was man beim Lesen oder in anderen Zeit macht.
Und sei es nur, mit den anderen Schülerinnen und Schülern über die Hausaufgaben oder über Projekte zu sprechen, in Gruppen zu lernen – auch das kommt heute viel zu kurz. Viele haben regelrecht Angst vor diesen sozialen Situationen. Wer viele Stunden am Tag vor dem Bildschirm verbringt, dem ist der direkte Kontakt mit anderen oft schon nicht mehr geheuer.


Buchmepfehlung

Medienkompetenz beginnt bei den Erwachsenen

Kinder jeden Alters erleben die vielfältige digitale Mediennutzung überall in ihrem Lebensalltag. Da bleibt es nicht aus, dass sie sich ebenfalls der Faszination digitaler Medien nicht entziehen können. Gleichzeitig gehört es zu den >Lebenskompetenzen< eines Menschen, mit den unübersehbaren und besonders verlockenden Angeboten in einer stark konsumorientierten […]weiterlesen

Armin Krenz: Medienkompetenz beginnt mit der Sach- und Medienkompetenz bei den Erwachsenen und nicht zuvorderst „am“ Kind! Heft, 28 Seiten, 5 €.


Meinen Sie denn, Sie haben es vorhin angedeutet, dass es anders ist, aber dass man eben durch KI und durch das Online-Sein auch das Denken verlernen kann? Wie steht es denn um das kreative Denken im Zeitalter, in dem wir jetzt sind?

Auch das ist kein Automatismus. Man kann das Internet, Suchmaschinen und auch KI nutzen, um Kreativität und Lernen zu fördern. Problematisch wird es dann, wenn wir nur eine Frage stellen und alle Antworten passiv übernehmen – ohne darüber nachzudenken, ohne selbst noch zu lesen. Wenn wir uns nur noch Kurzzusammenfassungen geben lassen, die wir nicht einmal konzentriert zu Ende lesen, dann leidet das differenzierte Denken, und auch die differenzierte Wahrnehmung nimmt ab. Denn wenn wir selbst weniger wissen, nehmen wir auch die Welt weniger differenziert wahr.
Wir denken weniger differenziert, wir handeln weniger differenziert. Deshalb müssen wir selbst aktiv Wissen erwerben. Denn der passive Wissenserwerb – etwa indem man sich schnell ein YouTube-Video anschaut oder sich von einer KI wie ChatGPT die Inhalte vorsagen lässt – führt dazu, dass man, wenn überhaupt, nur kurzfristig etwas abspeichert, oft gar nicht.
Neulich hat man Studierende Texte verfassen lassen, bei denen sie ChatGPT nutzen durften. Die Studierenden durften entweder mit ihrem eigenen Gehirn schreiben oder eine Suchmaschine zur Hilfe nehmen. Wer mit ChatGPT gearbeitet hatte, hat die Texte meist noch angepasst und nach den eigenen Vorstellungen verändert. Anschließend hat man die Jugendlichen gefragt, wie viel sie aus ihren eigenen Texten wiedererkennen, und ihnen Zitate daraus vorgelegt. Das Ergebnis: Diejenigen, die ChatGPT benutzt hatten, konnten in über 90 Prozent der Fälle nicht einmal einzelne Sätze wiedergeben – obwohl sie sich zuvor mit dem Text beschäftigt hatten.
Das heißt: Wenn wir KI einsetzen, dann am besten als Frageinstrument, um Dinge zu hinterfragen. Man kann ChatGPT sehr gezielt instruieren, man kann seinen Text eingeben und sagen: „Du bist jetzt der Lehrer – welche Fragen würdest du mir dazu stellen?“ Oder man kann es stilistisch prüfen lassen: „Wie wirkt das – formaler, lustiger, sachlicher?“ etc..

Wenn man KI als Sparringspartner im Denken und Schreiben nutzt, dann zeigt sich: Das kann produktiv und kreativ sein. Ein digitaler Avatar kann dabei durchaus helfen. Wenn uns die KI jedoch Texte vorschreibt, die wir einfach übernehmen, merken wir uns nicht einmal unsere eigenen Texte. Wir haben dann nichts gelernt – und das tut weder dem Denken noch dem Handeln gut.

Würden Sie sagen, dass also die Gesellschaft auch durch diese digitalen Medien Träger geworden ist?

Die Gesellschaft ist polarisierter geworden – und weniger reflektiert in dem, was wir tun. Dabei gehört gerade das Reflektieren zu den Dingen, die man zum Beispiel beim Lesen eines Buches lernt. Beim sogenannten „Langsamlesen“ denkt man über das Gelesene nach – und dabei auch über sich selbst und das eigene Handeln. Man lernt, zu reflektieren, warum andere Menschen bestimmte Dinge tun: Warum jemand aggressiv reagiert, sich zurückzieht oder etwas Bestimmtes sagt. Schon allein diese Fragen zu stellen, erlebe ich heute viel zu selten. Und ich glaube, dass die digitalen Medien daran eine Mitschuld tragen, weil wir uns viel zu wenig in einen Tagtraummodus begeben, in dem wir Gedanken nachhängen – über uns selbst und andere. Stattdessen greifen wir in jedem freien Moment – sei es am Bahnsteig beim Warten auf den Zug – zum Smartphone und beschäftigen unser Gehirn mit irgendwelchen Ablenkungen, nur um nicht über das nachzudenken, worüber wir eigentlich nachdenken könnten

Ich finde, dass wir die Langeweile unterschätzen. Aus einem Moment der Langeweile können unglaublich kreative Gedanken entstehen.  Momente, in denen man über sich und die Welt nachdenkt, in denen einem Erkenntnisse kommen, auch zu Problemen, die man vielleicht zuvor gar nicht erkannt hat. Solche Momente fehlen mir in unserem gesellschaftlichen Miteinander. Das möchte ich nicht monokausal auf digitale Medien zurückführen, aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu faul werden, selbst zu denken.

Wenn Sie sagen, dass Kinder und Jugendliche sich mit den wirklich wichtigen Fragen beschäftigen sollten, halte ich das für eine Überforderung. Gerade in der Pubertät befinden sie sich in einer Phase, in der einerseits alles im Umbau ist und andererseits alles sehr verletzlich. Sie können oft gar nicht einschätzen, welche Folgen ihr Handeln haben könnte. Deshalb finde ich es schwierig, Kinder so zu erziehen, dass sie bereits in dieser Phase zum reflektierten Denken befähigt werden.

Ja und nein. Sie haben natürlich recht: Es ist schwierig, Kinder ständig so bewusst anzusprechen und zu sagen: „Kriegt das doch selber hin.“ Aber wir haben auch in anderen Bereichen gelernt, dass Kinder das nicht von allein können. Ich komme noch einmal auf das Thema Ernährung zurück: Wir erwarten ja auch nicht von Kindern, dass sie von Anfang an selbstständig lernen, mit Mengen an Süßigkeiten umzugehen. Und beim Alkohol gibt es klare Altersgrenzen – bei uns bis 16, in anderen Ländern bis 18 oder sogar 21.
Das sind alles Dinge, die in kleinen Mengen nicht sofort schädlich wären – und trotzdem erlauben wir sie nicht. Denn wir wissen, dass es bei geringen Mengen nicht bleibt, weil das kurzfristige Belohnungssystem bei Kindern und Jugendlichen viel stärker ausgeprägt ist als die Fähigkeit zu langfristigen Plänen. Deswegen auch hier der Appell, die Nutzung zeitlich einzuschränken. Aber zu sagen, Kinder und Jugendliche könnten grundsätzlich nicht mit solchen Situationen umgehen – das stimmt so nicht.
Ich erinnere mich noch an meinen damals neunjährigen Sohn, als die Ferien begannen. Alle sagten immer: „Sag bloß nicht, dass Ferien langweilig sind.“ Und dann schaute mich dieser nachdenkliche Junge an, legte den Kopf zur Seite und meinte: „Ja, am Anfang ist es schon ein bisschen langweilig. Dann müssen wir erst mal überlegen, was wir machen können.“Und ich sehe noch heute, wie in diesem Moment ein Strahlen über sein Gesicht kam. „Und dann überlegen wir gemeinsam, was wir spielen können“ – und genau daraus entstehen oft die besten Ideen. Deshalb betone ich immer: Gerade bei Kindern und Jugendlichen entstehen aus Situationen der Langeweile oft wunderbare Dinge.
Ich bin immer wieder begeistert, wie lange Kinder darüber diskutieren können, nach welchen Regeln sie etwas spielen wollen. Manchmal reden sie drei Stunden darüber – und spielen das Spiel dann nur zehn Minuten. Aber in diesen drei Stunden haben sie unglaublich viel gelernt: wie man sich durchsetzt, wie man diskutiert, wie man Ideen austauscht und auf den Ideen anderer aufbaut.
Aber all das passiert nur, wenn Kinder nicht allein in ihren Zimmern sitzen und auf Bildschirme schauen. In diesem Sinne bin ich überzeugt: Kinder und Jugendliche können durchaus mit solchen Situationen umgehen. Schwierig wird es nur, wenn sie ständig ein Gerät in der Tasche haben und in jedem Moment selbst entscheiden sollen, was langfristig gut für sie ist oder nicht. Und das wissen wir alle: Selbst für Erwachsene ist das oft schwierig.


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Buchempfehlung

Bindung stärkt von Anfang an das Gehirn

Blickkontakt, Nähe und feinfühlige Signale prägen von Anfang an das kindliche Gehirn. Dr. Walter Hultzsch zeigt, wie Bindung Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Persönlichkeit stärkt. Sein Buch verbindet Neurobiologie und Bindungsforschung mit alltagstauglichen Impulsen für Eltern, Großeltern und Fachkräfte, die Babys achtsam begleiten möchten.

Dr. Walter Hultzsch, Hey Mama, schau mir in die Augen – und sprich mit mir – Bindung, Blickkontakt & frühe Kommunikation – wie sie das Gehirn deines Babys formen, 120 Seiten, 978-3-96304-072-6, 20 €


Lassen Sie uns über Sucht sprechen. Was ist denn der Stand der Forschung jetzt zum Thema Sucht? Es war ja auch sehr lange umstritten, ob es überhaupt so etwas gibt

Ich glaube, es ist wichtig zu wissen, wann eine intensive Nutzung in Sucht umschlägt. Genau hier muss man hinschauen.
Eine gute Anlaufstelle sind die Menschen, die in der Suchtberatung arbeiten. Sie definieren Sucht so: wenn jemand viele Stunden am Tag mit einer Tätigkeit verbringt, die sein Zufriedenheitsgefühl nicht verbessert, sondern die er braucht, um überhaupt einen Grundzustand von Zufriedenheit zu erreichen – und die ihn gleichzeitig von den Dingen abhält, denen er eigentlich nachgehen möchte. Bei mindestens drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen wird genau das festgestellt.
Insofern glaube ich, dass es eindeutig Kinder und Jugendliche gibt, die die Kriterien für Sucht erfüllen. Aber – und das haben Sie am Anfang auch richtig betont – nicht jede zwei- oder siebenstündige Smartphone-Nutzung ist gleich eine Sucht. Vielmehr handelt es sich oft um selbst- oder fremdkonditioniertes Verhalten.
Wir verbringen dabei im Laufe eines Tages häufig mehr Zeit mit Tätigkeiten, als wir eigentlich wollen – manchmal auch mit Inhalten, die weder den Jugendlichen noch uns selbst guttun. Deshalb vermeide ich, genau wie Sie, den Begriff „Sucht“ in diesem Zusammenhang: Er stigmatisiert und ist, was die Smartphone-Nutzung bei der großen Mehrheit junger Menschen betrifft, wissenschaftlich nicht belegt.
Aber es gibt auch Fälle von Kindern und Jugendlichen, die in die Suchtberatung kommen – und die dort auch hingehören. Gleichzeitig gibt es viele, die dort eigentlich hingehören würden, aber nicht hingehen. Auch das muss man ernst nehmen. So wie man bei einem 15- oder 16-Jährigen, dem man erlaubt, Alkohol zu trinken, genau hinschauen muss: Wie viel trinkt er, wie häufig?
Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht übervorsichtig sein und aus Angst vor Stigmatisierung so tun, als beträfe das Problem Kinder und Jugendliche nicht. Denn es gibt durchaus viele, die psychotherapeutische Beratung benötigen.

Oft ist es dabei weniger ein Suchtproblem, sondern eher ein Erziehungs- oder ein Selbstregulationsproblem.

Ich würde die Verantwortung nicht allein auf die Familien abwälzen. Hier sind wir alle gefragt. Auch gesellschaftlich. Wir müssen die Probleme klar benennen, damit Kinder und Jugendliche sehen: Es sind nicht nur die „strengen Eltern“, sondern es gibt Regeln, vielleicht sogar politische Vorgaben – sowohl seitens der Schulen als auch von der Politik. Auch die Medien, ob online oder Print, sollten viel offensiver mit dem Thema umgehen, um möglichst viele Menschen zu erreichen.

Sie hatten zwischendurch nach der Medienbildung gefragt. Der Kindergarten ist hier gar nicht so sehr für die Kinder entscheidend, sondern für die Eltern. Denn in dieser Zeit gehen viel mehr Eltern zu Elternabenden als später in der Schulzeit. Später kommen meist nur noch die besonders engagierten Eltern, die ohnehin reflektieren und lesen. Im Kindergarten hingegen erreicht man noch viel mehr Familien, auch aus unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen. Und genau dort wäre es wichtig, auf die Dinge hinzuweisen, über die wir auch hier gesprochen haben.




Häufiges Vorlesen stärkt früh den Wortschatz von Kindern

Neue Auswertungen zeigen: Kinder profitieren langfristig, wenn ihnen im Kleinkindalter regelmäßig vorgelesen wird

Kinder, denen im Alter von drei Jahren täglich vorgelesen wird, verfügen Jahre später über einen deutlich größeren Wortschatz. Das zeigen aktuelle Auswertungen des Nationalen Bildungspanels (NEPS). Der Effekt ist langfristig messbar: Auch im Alter von sieben Jahren profitieren diese Kinder noch sprachlich von frühen Vorleseerfahrungen.

Damit bestätigt sich, was die Bildungsforschung seit Jahren vermutet: Sprachentwicklung beginnt nicht erst in der Schule – sie entsteht im Alltag, im Gespräch, beim gemeinsamen Anschauen von Bildern und vor allem beim Vorlesen.

Frühe Sprachbildung entsteht im Miteinander

Die Daten machen deutlich, wie entscheidend die Interaktion zwischen Eltern und Kindern ist. Vorlesen ist dabei weit mehr als eine ruhige Beschäftigung: Es schafft Aufmerksamkeit, fördert Verständnis und erweitert den Wortschatz.

Besonders wirksam ist regelmäßiges Vorlesen. Kinder, denen mehrmals täglich vorgelesen wurde, zeigen deutlich bessere sprachliche Kompetenzen als Kinder, die diese Erfahrung seltener machen.

Ein einfacher Impuls mit großer Wirkung

Die Ergebnisse sind eindeutig – und zugleich bemerkenswert alltagsnah: Es braucht keine aufwendigen Förderprogramme, um Kinder sprachlich zu stärken. Gemeinsame Zeit, Bücher und Gespräche reichen oft aus.

Vorlesen wirkt dabei auf mehreren Ebenen gleichzeitig:

  • Kinder lernen neue Wörter
  • sie verstehen Zusammenhänge besser
  • sie entwickeln ein Gefühl für Sprache und Geschichten
  • sie erleben Nähe und Aufmerksamkeit

Gerade diese Verbindung aus Sprache und Beziehung macht den Unterschied.

Was das für Familien, Kitas und Schulen bedeutet

Für Eltern und pädagogische Fachkräfte ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Vorlesen sollte ein selbstverständlicher Teil des Alltags sein – möglichst früh und möglichst regelmäßig.

Auch Kitas und Grundschulen können hier gezielt ansetzen:

  • durch feste Vorlesezeiten
  • durch Zugang zu Büchern
  • durch gemeinsame Sprach- und Erzählsituationen

Denn Sprachkompetenz ist eine zentrale Grundlage für Bildung – und sie beginnt lange vor dem ersten Schultag.

Hintergrund: Das Nationale Bildungspanel (NEPS)

Die Ergebnisse basieren auf Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der größten Langzeit-Bildungsstudie in Deutschland. Sie untersucht Bildungsprozesse von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter und liefert damit eine wichtige Grundlage für Forschung und Bildungspolitik.

Originalpublikation:

https://www.lifbi.de/NEPS-SL/Detail?nummer=07




Wie Lesen die Aufmerksamkeit fördert – und Bildschirmzeit sie schwächt

Studie der Universität Leipzig untersucht Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit, Lesen und Konzentrationsfähigkeit bei Kindern

Kinder, die häufig fernsehen, Videos schauen oder Computerspiele spielen, zeigen tendenziell eine geringere Konzentrationsleistung – während selbstständiges Lesen die Aufmerksamkeit stärkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig im Rahmen der Life Child-Studie, die im Fachjournal BMC Pediatrics erschienen ist.

Medienkonsum fordert die Aufmerksamkeit – Lesen fördert sie

Elektronische Medien wie Fernseher, Tablets oder Smartphones präsentieren Kindern ständig neue Reize. Das führt zu schnellen Aufmerksamkeitswechseln. Beim Lesen hingegen bleibt der Fokus länger auf einem Inhalt – eine Fähigkeit, die für schulisches Lernen und Alltagsbewältigung entscheidend ist.

Das Forschungsteam um Dr. Tanja Poulain prüfte deshalb, ob häufiger Mediengebrauch mit geringerer und regelmäßiges Lesen mit besserer Langzeitaufmerksamkeit einhergeht.

Über 1000 Kinder im Computertest

Insgesamt nahmen 1057 Kinder im Alter von drei bis elf Jahren an einem computerbasierten Aufmerksamkeitstest teil. Sie sollten innerhalb von sieben Minuten nur auf bestimmte Bilder reagieren. Dabei wurde gemessen, wie oft Kinder Reaktionen verpassten (Auslassungsfehler, Hinweis auf verminderte Langzeitaufmerksamkeit) oder zu früh reagierten (Fehlreaktionen, Hinweis auf mangelnde Impulskontrolle).

Parallel berichteten die Eltern, wie lange ihre Kinder täglich Bildschirmmedien nutzten und – bei älteren Kindern – wie häufig sie selbstständig lasen.

Ergebnisse: Weniger Fehler bei Leser:innen

„Kindern, die häufiger Bildschirmmedien nutzten, unterliefen im Test mehr Fehler als denen mit geringerer Mediennutzung“, erklärt Dr. Poulain, Leiterin der Studie. Besonders bei Vorschulkindern zeigte sich ein Zusammenhang zwischen dem Anschauen von Filmen oder Serien und eingeschränkter Impulskontrolle. Im Grundschulalter war eine intensive Nutzung von Filmen, Serien oder Videospielen mit geringerer Langzeitaufmerksamkeit verbunden.

Dagegen machten Kinder, die regelmäßig lasen, weniger Fehler im Test – ein Hinweis auf bessere Konzentrationsfähigkeit. Auch zeigte sich, dass Mädchen insgesamt aufmerksamer reagierten als Jungen.

Leseförderung wichtiger denn je

Die Ergebnisse stützen frühere Befunde, wonach häufiger Mediengebrauch mit geringerer Aufmerksamkeit verbunden ist. Besonders bemerkenswert: Die Leipziger Studie stützt sich nicht auf Elternangaben, sondern auf standardisierte kognitive Tests. Außerdem zeigte sich, dass nicht nur die Leseleistung, sondern auch die Lesehäufigkeit positiv mit der Aufmerksamkeit verknüpft ist.

Auch wenn die Studie keine direkte Kausalität belegt, macht sie deutlich: Eine bewusste Begrenzung der Bildschirmzeit und die Förderung regelmäßigen Lesens können einen wichtigen Beitrag zur Aufmerksamkeitsentwicklung von Kindern leisten.

Über die Life Child-Studie

Die Life Child-Studie der Universität Leipzig läuft seit 14 Jahren und umfasst Daten von über 6000 Kindern aus Leipzig und Umgebung. Sie untersucht, wie Umwelt- und Lebensstilfaktoren die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinflussen.

Originalpublikation:

Performance on an attention test is positively related to reading but negatively related to watching TV and playing video games in children.
BMC Pediatrics (2025). DOI: 10.1186/s12887-025-06260-w




Frühe Bildschirmzeit – großes Risiko für Lesefähigkeit und Mathematikverständnis

Eine Langzeitstudie aus Kanada verknüpft viel Medienzeit im Vorschulalter mit schwächeren Leistungen in der Grundschule – ein Befund, der sich mit den jüngsten IQB-Bildungstrends deckt

Digitale Geräte gehören längst zum Familienalltag. Schon Zweijährige wischen sich durch Serien, Spiele und Clips – oft deutlich länger, als Kinderärzte empfehlen. Doch wie wirkt sich das auf das Lernen später aus? Eine große kanadische Langzeitstudie liefert nun Zahlen, die aufmerksam machen.

Forschende der TARGet-Kids!-Kohorte in Ontario begleiteten mehr als 5 000 Kinder über viele Jahre hinweg. Die Eltern gaben regelmäßig an, wie viel Zeit ihre Kinder vor Bildschirmen verbrachten – ob beim Fernsehen, mit Tablets oder Videospielen. Später wurden diese Angaben mit den standardisierten Testergebnissen in Lesen, Schreiben und Mathematik der dritten und sechsten Klassen verknüpft.

Leistungsniveau stagniert

Jede zusätzliche Stunde der gesamten Bildschirmzeit war mit einer um 9 bis 10 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit verbunden, in der dritten Klasse ein höheres Leistungsniveau in Lesen oder Mathematik zu erreichen“, heißt es in der im JAMA Network Open veröffentlichten Studie. Auch in der sechsten Klasse zeigten Kinder mit mehr früherer Bildschirmzeit niedrigere Ergebnisse – vor allem in Mathematik.

Fernsehen und digitale Medien wirkten sich ähnlich aus wie die Gesamtzeit. Besonders auffällig war der Zusammenhang bei Videospielen: „Die Nutzung von Videospielen war bei Schülerinnen der dritten Klasse mit geringeren Leistungen in Lesen und Mathematik verbunden“, schreiben die Forschenden. Bei Jungen ließ sich dieser Zusammenhang dagegen nicht eindeutig nachweisen.

Im Durchschnitt verbrachten die Kinder, deren Leistungen später ausgewertet wurden, schon im Alter von etwa fünf bis acht Jahren rund anderthalb Stunden täglich vor Bildschirmen. Die Studie zeigt damit, dass frühe Gewohnheiten im Umgang mit Medien offenbar Spuren hinterlassen können – nicht als Einzelfaktor, aber im Zusammenspiel mit Lern- und Lebensbedingungen.

Parallelen zu den IQB-Bildungstrends

Die Ergebnisse passen zu den jüngsten IQB-Bildungstrends, die bundesweit rückläufige Kompetenzniveaus in Deutsch und Mathematik zeigen. Besonders in Mathematik verfehlt laut IQB mittlerweile ein Drittel der Neuntklässlerinnen und Neuntklässler den Mindeststandard. „In allen vier untersuchten Fächern werden die Regelstandards seltener erreicht und die Mindeststandards häufiger verfehlt als 2018“, so das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.

Wenn schon im frühen Kindesalter Bildschirmzeit mit schwächeren Lese- und Rechenleistungen zusammenhängt, könnte das eine Erklärung für langfristige Trends liefern – nicht als Ursache, aber als begleitender Faktor in einer zunehmend digitalen Kindheit.

Zusammenhänge aufgezeigt – nicht Kausalitäten

Die Forschenden betonen, dass ihre Untersuchung keine Kausalität beweist, sondern Zusammenhänge aufzeigt. Dennoch empfehlen sie, „frühzeitige Interventionen zur Reduzierung der Bildschirmzeit zu entwickeln und zu testen, um gesunde Gewohnheiten zu fördern und die schulischen Leistungen in der Grundschule zu verbessern“.


Blickkontakt und Bindung formen das Gehirn

Dr. Walter Hultzsch erklärt, wie Nähe, Blickkontakt und feine Signale die Entwicklung von Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Persönlichkeit von Säuglingen fördern. Sein Buch verbindet neurowissenschaftliches Wissen mit alltagstauglicher Orientierung für Eltern, Großeltern, Paten und pädagogische Fachkräfte, die Babys in den ersten Lebensjahren achtsam begleiten wollen.

Dr. Walter Hultzsch
Hey Mama, schau mir in die Augen – und sprich mit mir – Bindung, Blickkontakt & frühe Kommunikation – wie sie das Gehirn deines Babys formen
120 Seiten, ISBN: 9783963040726, 20 €
Mehr zum Buch




Wer früh mit Freude liest, hat ein leistungsfähigeres Gehirn

Umfassende Studie mit über 10.000 Kindern weist Zusammenhang zwischen dem frühen Lesen mit Freude und Intelligenz nach

Frühes Lesen ist für die Entwicklung des Gehirns, der Intelligenz und der psychischen Gesundheit von großer Bedeutung. Eine Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus England und China mit über 10.000 Kindern zeigt die überraschenden Auswirkungen von Lesebegeisterung bei Kindern, die spätestens im Alter von neun Jahren damit begonnen haben, zum Vergnügen zu lesen.

Was wir bereits wussten

Längst ist bekannt, dass Lesen eine kognitiv bereichernde Aktivität ist, bei der Sprache und Informationen in schriftlicher Form erworben werden, die den Grundstein für den Wissenserwerb legt und weitgehend zum Wissenserwerb beiträgt. Im Gegensatz zum Spracherwerb ist es nötig, dass das Lesen schrittweise und systematisch erlernt und regelmäßig geübt werden muss. Da Kinder vor allem spielerisch gut lernen, ist es wichtig, früh die Freude am Lesen zu vermitteln, etwa durch die Verwendung von gut illustriertem Bildmaterial, um das Verständnis zu erleichtern, erklären die Verfasserinnen und Verfasser der Studie.

Die enorme Bedeutung von Papp- und Bilderbüchern

An dieser Stelle sei angemerkt, dass das Lesen nicht erst mit dem Wissenserwerb über Buchstaben und Ziffern beginnt. Schon das Entziffern von Bildern in Büchern als Gegenstände aus der realen Welt etwa ist ein entscheidender erster Schritt dahin. Nicht von ungefähr sind die ersten Schriften der Menschheit Bilder oder Schriftzeichen mit erkennbar bildhaftem Charakter wie etwa die ägyptischen Hieroglyphen. Wer das weiß ,sollte sich etwa beim Kauf von Papp- und Bilderbüchern seiner Verantwortung bewusst sein.

Spaß muss sein!

Laut Studie kommt es deshalb beim Lesen nicht nur auf kognitive phonologische und orthographische Leseprozesse, sondern auch auf den Spaß an, sich Wissen über Interessen anzueignen, was bei der Entwicklung langfristiger Lesegewohnheiten hilfreich sein kann. Schon im frühkindlichen Bereich können Kinder unterstützt durch eine einfühlsame und verständnisvolle Begleitung erste gedruckte Informationen verstehen, erste Lesefähigkeiten einschließlich alphabetischer Dekodierung und phonologischer Prozesse erlernen, sich an interaktiven Diskussionen über entwicklungsgerechte Texte und Bilder beteiligen. Die Bindung zu Betreuerinnen und Betreuern stärkt den Spaß beim gemeinsamen Lesen. Zum Allgemeinwissen gehört zudem, dass das Vorlesen von Büchern nicht nur zur Entwicklung der Sprachkenntnisse kleiner Kinder beiträgt, sondern auch das Interesse und die Freude am Lesen fördert. Auch in Bezug auf die Prävention von Lese und Rechtschreibschwäche sind diese Vorgänge viel effizienter als in der Grundschulzeit.

Hirnscans weisen Veränderungen nach

Im Gegensatz zu vielen anderen Studien haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur auf die Testergebnisse der Kinder und die Elterninterviews gestützt, sondern auch auf eine große Zahl von Hirnscans. Auch wenn es sich in der Publikation der Ergebnisse etwas kryptisch anhört, hier das Originalzitat aus der Studie auf deutsch: „Diese Teilnehmer mit höheren frühen ,Lesen mit Freude Werten‘ (original reading for pleasure (RfP)) wiesen mäßig größere gesamte kortikale Bereiche und Volumina des Gehirns auf, mit vergrößerten Regionen, einschließlich der Schläfen-, Frontal-, Insula- und Supramarginalregion; links eckig, parahippocampal; rechte mittlere okzipitale, anterior-cinguläre, orbitale Bereiche; und subkortikales ventrales Zwischenhirn und Thalamus. Diese Gehirnstrukturen standen in signifikantem Zusammenhang mit ihren kognitiven und psychischen Gesundheitswerten und zeigten signifikante Mediationseffekte. Frühes ,Lesen mit Freude‘ war in Längsrichtung mit einer höheren kristallisierten Kognition und geringeren Aufmerksamkeitssymptomen bei der Nachuntersuchung verbunden.

Heruntergebrochen heißt das: Wer früh zur eigenen Unterhaltung liest, hat nicht nur ein zum Teil größeres, sondern auch besser ausgebildetes Gehirn. Damit steigt auch die Leistungsfähigkeit des Gehirns und damit der Intelligenz für das ganz Leben. Gleichzeitig zeigt sich, dass diese Menschen resilienter und damit weniger betroffen von psychischen Erkrankungen zeigen. Interessant ist auch, dass die Wissenschaftler die optimale Lesezeit pro Woche festgestellt haben: Zwölf Stunden pro Woche sind für junge Jugendliche kognitiv optimal.

Originalpublikation

Die Studie ist im vergangenen Jahr bei Cambridge University Press erschienen. Diese finden Sie unter folgendem Link: https://www.cambridge.org/core/journals/psychological-medicine/article/earlyinitiated-childhood-reading-for-pleasure-associations-with-better-cognitive-performance-mental-wellbeing-and-brain-structure-in-young-adolescence/03FB342223A3896DB8C39F171659AE33#

Gernot Körner




Klassensätze des Magazins „echt jetzt?“ jetzt noch kostenlos bestellen

echt-jetzt

Magazin soll Leseförderung und MINT-Förderung gleichzeitig sein

Lesen und forschen gemeinsam stärken – das ist das Ziel des Grundschulmagazins „echt jetzt?“. Lehrkräfte können sich unter echtjetzt-magazin.de/mitmachen bis 31. Januar für kostenfreie Klassensätze anmelden, die zweimal jährlich erscheinen. Das Magazin ist ein Projekt der Stiftung Kinder forschen und der Stiftung Lesen und wurde von der Dieter Schwarz Stiftung im Jahr 2020 initiiert. Es verbindet MINT-Themen und Leseförderung im Unterricht miteinander und unterstützt Kinder dadurch fächerübergreifend beim Lernen.

Das Magazin soll Kinder ansprechen, die noch nicht viel lesen

Zum Inhalt gehören Rätsel und Experimente. Die MINT-Themen aus dem Alltag der Kinder sollen zum Lesen anregen und Kindern, die bereits gern lesen, Gelegenheiten bieten sich verstärkt mit MINT-Themen zu beschäftigen.

Die nächsten Klassensätze des gedruckten „echt jetzt?“-Magazins zu den Themen „Weltraum“ und „Verkehr“ werden im Frühjahr sowie zum Schuljahresstart an die Schulen versendet.

Kostenfrei online: weitere Magazine und Begleitmaterial

Alle bisherigen und zukünftigen Ausgaben des Magazins stehen interessierten Lehrkräften digital unter echtjetzt-magazin.de inklusive Begleitmaterial zur Verfügung. Die bis heute erschienenen Ausgaben behandeln unterschiedliche Themen wie das Wetter, Wohnen und Bauen, Ernährung, Optik, Kommunikation und Bewegung. Das Zusatzmaterial können Sie auch unabhängig von der gedruckten Zeitschrift nutzen. Es umfasst unter anderem Arbeitsblätter, Hörtexte, interaktive Grafiken oder auf die Unterrichtsstunde ausgelegte Lese-Forschungsgeschichten.

Weitere Informationen und die kostenlosen digitalen Ausgaben finden Sie hier

https://echtjetzt-magazin.de/

Zur Anmeldung für die kostenlosen Klassensätze geht es hier

https://echtjetzt-magazin.de/mitmachen

Quelle: Pressemitteilung Stiftung Kinder forschen




PISA-Studie: Leistungsabfall in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften

Die Kompetenzen der 15-Jährigen sind gegenüber den Tests 2018 deutlich gesunken

Die Jugendlichen in Deutschland schneiden in Mathematik, im Lesen und in Naturwissenschaften deutlich schlechter ab als noch 2018. Dies zeigt die neue PISA-Studie. Rund ein Drittel der getesteten 15-Jährigen hat in mindestens einem der drei Bereiche nur sehr geringe Kompetenzen. Die Ergebnisse bestätigen einen Abwärtstrend, der sich in den vorherigen PISA-Studien bereits angedeutet hatte. Die Schülerinnen und Schüler erreichen in Mathematik und Lesen nur noch das Durchschnittsniveau der OECD-Staaten. Lediglich in den Naturwissenschaften liegen ihre Ergebnisse weiterhin darüber.

In Deutschland sind die Leistungseinbußen überdurchschnittlich groß

Die PISA-Studie untersucht regelmäßig, wie gut 15-jährige Schülerinnen und Schüler gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit alltagsnahe Aufgaben in Mathematik, im Lesen und in den Naturwissenschaften lösen können. Die aktuelle Studie, die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) koordiniert und in Deutschland vom Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der Technischen Universität München (TUM) geleitet wird, wurde im Frühjahr 2022 durchgeführt.

In vielen OECD-Staaten haben sich die durchschnittlichen Mathematik- und Lesekompetenzen der Jugendlichen im Vergleich zur vorherigen PISA-Studie von 2018 verringert. Dies gilt in geringerem Maße auch für die naturwissenschaftliche Kompetenz.

In Deutschland sind die Leistungseinbußen in allen drei Bereichen überdurchschnittlich groß. Deutschland liegt damit nur noch in den Naturwissenschaften signifikant über dem Durchschnitt der OECD-Staaten (492 zu 485 Punkten). In Mathematik (475 zu 472 Punkten) und Lesen (480 zu 476 Punkten) entsprechen die Ergebnisse jetzt dem OECD-Durchschnitt, der in beiden Bereichen ebenfalls gesunken ist.

Unter dem Niveau von 2000

Nach der ersten PISA-Studie 2000 hatte Deutschland seine Ergebnisse zunächst verbessern und auf hohem Niveau halten können. In den vergangenen PISA-Runden hatte sich allerdings ein Abwärtstrend angedeutet. Die Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaften liegen nun unter dem Niveau der PISA-Studien der 2000er Jahre, als Mathematik (PISA 2003) und Naturwissenschaften (PISA 2006) jeweils zum ersten Mal vertieft untersucht wurden. Beim Lesen entsprechen die Ergebnisse in etwa der PISA-Studie 2000, als Lesen erstmals Studienschwerpunkt war.

Nur sehr wenige OECD-Staaten konnten zwischen 2018 und 2022 Teile ihrer Ergebnisse verbessern, beispielsweise Japan im Lesen und in den Naturwissenschaften sowie Italien, Irland und Lettland in den Naturwissenschaften. In Mathematik haben die Jugendlichen in Japan und Korea im Schnitt die höchsten Kompetenzen. Im Lesen stehen Irland, Japan, Korea und Estland an der Spitze. In den Naturwissenschaften erreichen Japan, Korea, Estland und Kanada die besten Werte.

Schwerpunkt der achten PISA-Studie: Mathematik

Bei der achten PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) wurden in Deutschland die Kompetenzen von rund 6.100 repräsentativ ausgewählten 15 Jahre alten Schülerinnen und Schüler an rund 260 Schulen aller Schularten getestet. Zudem wurden die Jugendlichen zu ihren Lernbedingungen und Einstellungen sowie ihrer sozialen Herkunft befragt. Schulleiterinnen, Schulleiter, Lehrkräfte und Eltern beantworteten Fragen zu Gestaltung und Ressourcen des Unterrichts sowie zur Rolle des Lernens in der Familie. Weltweit nahmen rund 690.000 Schülerinnen und Schüler an der Studie teil. Jede PISA-Studie nimmt einen Bereich intensiver unter die Lupe, diesmal Mathematik.

Der deutsche Teil der Studie wird im Auftrag der Kultusministerkonferenz und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom ZIB geleitet, an dem neben der TUM das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) und das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) beteiligt sind.

Mehr Schülerinnen und Schüler erreichen nur sehr geringe Kompetenzen

Entsprechend der im Test erreichten Punktzahlen ordnet die Studie die Schülerinnen und Schüler sechs Kompetenzstufen zu. Schülerinnen und Schüler, deren Kompetenzen nicht über der Kompetenzstufe eins liegen, benötigen zusätzliche Förderung, um eine berufliche oder weitere schulische Ausbildung bewältigen und an allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens teilhaben zu können.

Rund ein Drittel der 15-Jährigen hat in mindestens einem der drei getesteten Felder nur diese sehr geringen Kompetenzen. Circa jeder sechste Jugendliche hat in allen drei Bereichen deutliche Defizite. Die Anteile dieser besonders leistungsschwachen Jugendlichen sind seit 2018 größer geworden und betragen in Mathematik rund 30 Prozent, im Lesen rund 26 Prozent und in den Naturwissenschaften rund 23 Prozent.

Auf der anderen Seite des Spektrums befinden sich die besonders leistungsstarken Schülerinnen und Schüler. In Mathematik ist ihr Anteil auf rund neun Prozent und im Lesen auf rund acht Prozent gesunken. In den Naturwissenschaften blieb dieser Anteil bei rund zehn Prozent stabil.

Faktor Corona-Pandemie

Aus den Befragungen von Schulleiterinnen, Schuleitern, Schülerinnen und Schülern lassen sich Hinweise für mögliche Gründe für die verschlechterten Ergebnisse ableiten: Zum einen gehen die Forschenden davon aus, dass die Schulschließungen während der Corona-Pandemie einen negativen Effekt auf den Kompetenzerwerb hatten. In Deutschland wurde der Distanzunterricht weniger mit digitalen Medien und mehr mit Materialien, die an die Jugendlichen geschickt wurden, bestritten als im OECD-Durchschnitt. „Deutschland war im internationalen Vergleich nicht gut auf den Distanzunterricht vorbereitet, was die Ausstattung mit Digitalgeräten angeht – hat dann aber aufgeholt“, sagt die Studienleiterin Prof. Doris Lewalter, Bildungsforscherin an der TUM und Vorstandsvorsitzende des ZIB. Förderangebote wurden von weniger als der Hälfte der leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler wahrgenommen.

Die Auswertung der internationalen Daten zeigt allerdings, dass es keinen systematischen Zusammenhang zwischen der Dauer der Schulschließungen und Leistungsrückgängen zwischen 2018 und 2022 gibt. Es gibt sowohl Staaten mit relativ wenigen Schließtagen, die deutlich schlechtere Ergebnisse vorweisen als 2018, als auch Staaten mit relativ vielen Schließtagen, die nur geringfügig weniger oder sogar etwas mehr Punkte erreichen als 2018.

Faktor Sprachschwierigkeiten

Ein zweiter möglicher Faktor für die Erklärung der Ergebnisse im Studienschwerpunkt Mathematik: In Deutschland ist der Zusammenhang zwischen den Kompetenzen der Jugendlichen und dem sozioökonomischen Status der Familien wie auch ihrem Zuwanderungshintergrund weiterhin stark ausgeprägt. Die 15-Jährigen, die selbst zugewandert sind, haben heute deutlich geringere Kompetenzen in Mathematik als die entsprechende Gruppe im Jahr 2012, in dem diese Frage zuletzt untersucht wurde. In den Familien dieser Jugendlichen wird heute zu Hause seltener Deutsch gesprochen als in den entsprechenden Familien 2012.

„Dieser Befund erklärt die Gesamtergebnisse aber nur zum Teil“, betont Lewalter. „Die mathematischen Kompetenzen der Jugendlichen ohne Zuwanderungshintergrund sind im Vergleich zu 2012 ebenfalls geringer geworden – sogar deutlicher als bei den Jugendlichen, deren Eltern zugewandert, die aber selbst in Deutschland geboren sind.“

Faktor Interesse und Motivation

Um den längerfristigen Negativtrend zu erklären, schauen die Forschenden deshalb auch auf die Befragungen der Schülerinnen und Schüler zu Motivation, Einstellungen und Unterrichtsgestaltung. Im Vergleich zum Jahr 2012 haben die Jugendlichen weniger Freude und Interesse an Mathematik. Zugenommen hat dagegen die Ängstlichkeit gegenüber dem Fach. Zudem sehen die 15-Jährigen weniger Nutzen darin, Mathematik zu lernen.

„Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass sich die Schülerinnen und Schüler weniger durch ihre Mathematiklehrkraft unterstützt fühlen – diese Unterstützung ist aber ein wichtiges Merkmal für guten Unterricht. Zudem nehmen die Jugendlichen den von ihren Lehrkräften intendierten Lebensweltbezug im Unterricht nur in Teilen wahr. Das erschwert es ihnen zu erkennen, welche Bedeutung Mathematik in ihrem Leben spielt – worunter wiederum die Motivation für das Fach leiden kann“, sagt Lewalter.

„Gemeinsame Kraftanstrengung“

Als wichtigste Konsequenzen aus den PISA-Ergebnissen empfehlen die Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher:

• eine systematische Diagnose und Förderung von Sprach- und Lesekompetenz von der Vorschule bis zum Sekundarbereich. „Die Beherrschung der deutschen Sprache ist die Basis für jeden schulischen Erfolg“, sagt Lewalter.

• eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Unterrichts und den Einbezug digitaler Medien. „Die Lebensrealitäten der Jugendlichen ändern sich rasant und damit auch die Ausgangslage für die Anwendung von Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften“, sagt Lewalter.

• eine bedarfsorientierte Ressourcenzuwendung, um die Ausstattung von Schulen zu verbessern, die viele Kinder und Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien und mit Zuwanderungshintergrund unterrichten.

„Deutschland hat es nach der ersten PISA-Studie 2000 geschafft, mit wirksamen Förderprogrammen die Kompetenzen der Jugendlichen deutlich zu verbessern“, sagt Lewalter. „Mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Politik, Schulen und Gesellschaft kann es wieder möglich sein, einen solchen Aufschwung einzuleiten.“

Publikation:

Doris Lewalter, Jennifer Diedrich, Frank Goldhammer, Olaf Köller, Kristina Reiss (Hrsg.): PISA 2022. Analyse der Bildungsergebnisse in Deutschland. Münster 2023. DOI: 10.31244/9783830998488

https://www.pisa.tum.de/pisa/pisa-und-pisa-ceco-publikationen/

Weitere Informationen:

PISA 2022: https://www.pisa.tum.de/pisa/pisa-2022/

Beispielaufgaben: https://www.pisa.tum.de/pisa/beispielaufgabe

Quelle: Mitteilung der Technischen Universität München




Welche Bücher Jungen Lust aufs Lesen machen

Jury des Leseförderprojekts boys & books hat 180 Bücher ausgewählt

Welche Bücher sind besonders geeignet, um Jungen Lust auf Lesen zu machen? Welche sind besonders empfehlenswert? Das bundesweite Leseförderprojekt boys & books, das an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe (PHKA) angesiedelt ist, hat die Neuerscheinungen des deutschsprachigen Büchermarkts – März bis September 2023 – gesichtet und diese Woche seine neuen Leseempfehlungen auf www.boysandbooks.de online gestellt. Insgesamt 20 Top-Titel samt Inhaltsangaben, Rezensionen und Ideen für die Unterrichtspraxis gibt es hier zu entdecken. Ausgewählt hat die Buchtipps (nicht nur) für Jungen zwischen 8 und 18 eine Fachjury aus Wissenschaftler:innen, Lehrer:innen, Bibliothekar:innen und Literaturpädagog:innen. Profitieren von den Leseempfehlungen können alle, die in der Leseförderung aktiv sind – sei es in der Schule, in Bibliotheken, im Buchhandel oder im privaten Umfeld.

Aktuelle gesellschaftliche Diskurse, Bandenliteratur und Heldenreisen

„Aktuelle gesellschaftliche Diskurse werden seit den 1970er Jahren in der Kinder- und Jugendliteratur verhandelt“, sagt Dominik Achtermeier, Projektkoordinator von boys & books und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Sprache und Literatur der PHKA. Bedeutsame Themen der Gegenwart seien Robotik und Künstliche Intelligenz. Deshalb empfiehlt die Jury für Leserinnen und Leser ab acht Jahren unter anderem den Reihenauftakt „Die Robot Kids – Rettung von MOTO-5“. Auch sogenannte Bandenliteratur habe nach wie vor Konjunktur. In „Der Basilisk – Die sagenhaften Abenteuer des Bastian Zekoff“ beispielswiese verfolgen vier Kinder im Untergrund von Wien die Spur einer 2000 Jahre alten Sagengestalt. Geeignet ist das Buch für die Altersgruppe 10+. Achtermeier stellt weiter fest: „Die Mitglieder der literarischen Banden von heute zeichnen sich durch größere gesellschaftliche Vielfalt aus.“ Davon zeuge etwa „Ein Fall für die ForscherKids – Rettet die Wale!“, eine der Leseempfehlungen (nicht nur) für Jungen ab acht Jahren.

jungen buch

„Die Fantasyliteratur für Heranwachsende“, so Achtermeier, „setzt weiterhin auf ein charakteristisches Erzählprinzip, das bereits in der mittelalterlichen Heldenepik geprägt wurde: Die Figuren begeben sich auf Abenteuerfahrt, um zu beweisen, dass sie ‚richtige‘ Held:innen sind.“ Repräsentativ für eine visuell ansprechend gestaltete Heldenreise steht der Comicroman „Quest Kids – (K)ein Auftrag für Anfänger“, den boys & books für die Altersgruppe ab 10 Jahren empfiehlt. Für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet ist beispielsweise „Über den Dächern von Jerusalem“. Der Roman schildert Erwartungen und Enttäuschungen auf beiden Seiten des Nahostkonflikts. In Jerusalem begegnen sich die Jüdin Tessa und der Palästinenser Mo. Und 70 Jahre später trifft die israelische Soldatin Anat auf den Palästinenser Karim. Vier Schicksale, geprägt von Terror, Wut und Verzweiflung – aber auch ein Stück Hoffnung.

Wie werden die Top-Titel ausgewählt?

Rund 20 Juror:innen haben ihre Expertise bei der Auswahl der Leseempfehlungen eingebracht. Sie lesen und bewerten die Bücher ehrenamtlich in ihrer Freizeit. Viele waren am 6. und 7. Oktober zur 14. Redaktionskonferenz an die PHKA gekommen, andere nahmen online teil. In vier Gruppen, die je ein spezifisches Lesealter in den Blick nahmen, tauschten sie sich bei der Redaktionskonferenz über ihre Bewertungen aus und bestimmten die Top-Titel. Insgesamt wurden rund 180 Neuerscheinungen berücksichtigt. Bei der Auswahl der Top-Titel ging es unter anderem darum, ob die Bücher spannend sind, ob Länge, Thematik und Komplexität für die jeweilige Altersgruppe (8+, 10+, 12+ oder 14+) passen oder ob die Figuren authentisch sind. In die Bewertung floss außerdem beispielsweise ein, wie die Cover gestaltet sind, wie hoch der Preis ist und ob es in den Büchern eine Verbindung zu den Interessen von Heranwachsenden gibt.

Weitere Informationen: http://www.boysandbooks.de

Regina Thelen, Pädagogische Hochschule Karlsruhe