Zwei Webinare: Spiel stärken und Kinder vor Medien schützen
geschrieben von Redakteur | März 25, 2026
Impulse für Kita und Schule: Warum Spiel und Medienkompetenz entscheidend für die Entwicklung von Kindern sind.
Kinder wachsen heute in einer Welt auf, die widersprüchlicher kaum sein könnte: Auf der einen Seite brauchen sie Spiel, Bewegung und echte Erfahrungen, um sich gesund zu entwickeln. Auf der anderen Seite prägen digitale Medien, soziale Netzwerke und künstliche Intelligenz zunehmend ihren Alltag – mit Chancen, aber auch erheblichen Risiken.
Zwei aktuelle Webinare greifen genau diese Spannungsfelder auf – und geben pädagogischen Fachkräften konkrete Orientierung für ihre Arbeit.
Spiel ist keine Nebensache – sondern Grundlage von Bildung
Im ersten Webinar rückt Prof. Dr. Armin Krenz das kindliche Spiel in den Mittelpunkt. Seine zentrale Botschaft: Spielen ist kein Zeitvertreib, sondern die Basis für Lernen, Entwicklung und Persönlichkeitsbildung.
Kinder erschließen sich über das Spiel ihre Welt. Sie entwickeln Neugier, Konzentration, soziale Fähigkeiten und die Grundlagen für schulisches Lernen.
Das Webinar zeigt, warum das Spiel mit seinen vielfältigen Formen wieder stärker in den Fokus der Elementarpädagogik rücken muss – und wie Fachkräfte es gezielt fördern können.
Digitale Welt: Zwischen Faszination und Gefahr
Das zweite Webinar nimmt eine der drängendsten Fragen unserer Zeit in den Blick: Wie wirken soziale Medien, KI und digitale Technologien auf Kinder und Jugendliche?
Referentin Silke Müller zeigt eindrücklich, dass pädagogische Fachkräfte heute mehr denn je gefordert sind, Kinder nicht nur zu begleiten, sondern auch zu schützen.
Der Vortrag beleuchtet Risiken, macht aber zugleich Mut: Es geht darum, Kinder zu stärken, ihnen Orientierung zu geben und die positiven Möglichkeiten digitaler Medien bewusst zu nutzen.
Konkrete Impulse für die pädagogische Praxis
Beide Veranstaltungen richten sich an Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte sowie weitere pädagogische Fachkräfte. Sie verbinden wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Impulsen für den Alltag.
Dabei wird deutlich:
Webinar 2: Wir verlieren unsere Kinder – Kindheit und Medienkompetenz 📅 14.04.2026 | 🕘 09:00 – ca. 12:00 Uhr
Kinder brauchen Räume für freies Spiel und echte Erfahrungen
sie brauchen Orientierung im Umgang mit digitalen Medien
und sie brauchen Erwachsene, die beides bewusst gestalten
Webinar 1: Das Spiel der Kinder: Spielen und Lernen sind untrennbar vernetzt 📅 13.04.2026 | 🕘 09:00 – ca. 12:00 Uhr
💶 Teilnahme: 67 € pro Person 🎓 Teilnahmebescheinigung über 4 UE 💻 Durchführung: Online via Zoom
Kinder, Medien, Missverständnisse: Ein Gespräch mit dem Hirnforscher Martin Korte
geschrieben von Redakteur | März 25, 2026
Im Interview mit Thomas Feibel ordnet der Neurobiologe Prof. Dr. Martin Korte ein, was digitale Medien mit Aufmerksamkeit, Lesen, Lernen und sozialer Entwicklung machen – und warum Medienbildung weit mehr ist als Techniknutzung
Wenn über Kinder, Schule und digitale Medien gestritten wird, geht vieles durcheinander: Angst vor Bildschirmen, Hoffnungen auf moderne Bildung, Unsicherheit im Familienalltag und die Sorge um die Gesundheit der Kinder. Prof. Dr. Martin Korte bringt in dieses Spannungsfeld die Perspektive der Hirnforschung ein. Der Neurobiologe, der an der TU Braunschweig lehrt und zu Lernen, Gedächtnis und neuronaler Plastizität forscht, gehört seit Jahren zu den Wissenschaftlern, die öffentliche Debatten über kindliche Entwicklung pointiert und verständlich einordnen.
Im Gespräch mit dem bekannten Medienexperten, Jugend- und Sachbuchautor Thomas Feibel setzt Korte klare Akzente: Nicht digitale Medien an sich seien das Kernproblem, sondern das, was sie verdrängen können – Bewegung, Spiel, Lesen, Konzentration, Begegnung und echtes Miteinander. Er warnt vor dem Einsatz von Bildschirmmedien in der Kita, plädiert für klare Grenzen und Vorbilder im Alltag und macht deutlich, dass Medienbildung nicht mit dem frühen Einsatz von Geräten beginnt, sondern mit dem Verstehen ihrer Wirkungen, Risiken und Mechanismen.
Den Podcast zum Gespräch stellen wir Ihnen in diesem Beitrag direkt zur Verfügung – Sie können ihn hier anhören.
Interview mit Prof. Dr. Martin Korte
Was ist denn für Sie zurzeit so das größte Missverständnis in der öffentlichen Debatte, wenn es um Kinder und Jugendliche und digitale Medien geht?
Korte: Das größte Missverständnis besteht aus zwei Punkten. Erstens: Viele glauben, digitale Medien seien grundsätzlich der Feind der Jugendlichen. Zweitens: Es wird oft unterstellt, dass allein das, was sie an den Geräten tun, schädlich sei. Das stimmt nur teilweise. In Wirklichkeit liegt das größere Problem darin, was in dieser Zeit nicht passiert – nämlich spielen, sich bewegen, mit anderen zusammen sein, soziale Kontakte pflegen, einander in die Augen schauen. Auch das Lesen gehört dazu. Häufig wird Jugendlichen vorgeworfen, was sie alles in den digitalen Medien machen würden. Als ob jede Minute des Lebens der Effizienzsteigerung dienen müsste. Schon Schiller hat gesagt: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Kinder und Jugendliche dürfen also auch an digitalen Geräten einfach ihren Freizeitinteressen nachgehen. Wichtig ist jedoch, dass daneben auch andere Aktivitäten Platz haben. Genau das wird in der öffentlichen Debatte oft missverstanden
Ist es nicht auch so, dass vielleicht Kinder und Jugendliche doch mehr lesen, als wir wahrhaben wollen?
Ja und nein. Leider sieht man deutlich, dass das Lesen von Romanen und Büchern abnimmt. Dabei halte ich es für eine zentrale Kulturleistung, sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Ein gedrucktes Buch liest man außerdem ganz anders, als wenn man online Chatnachrichten überfliegt. Auch E-Books spielen unter Jugendliche kaum noch eine Rolle. Die Zahlen sind stark zurückgegangen – von 42 auf 17 Prozent. Und das betrifft nicht nur Erwachsene. Gerade bei Jugendlichen zeigt sich: Nicht nur lesen weniger regelmäßig, auch die Zahl derer, die überhaupt nie ein Buch zur Hand nehmen, ist gestiegen. Mir geht es deshalb gar nicht darum zu bewerten, ob Jugendliche das „Richtige“ oder „Falsche“ lesen. Das größere Problem ist, dass sie insgesamt kaum noch lesen. Das bereitet mir Sorgen. Denn einer komplexen Geschichte zu folgen, sich zu konzentrieren und sich in andere Menschen hineinzuversetzen – sei es in einem Krimi, einer Fantasy-Geschichte oder einem Roman zum Vergnügen – ist ein wichtiges Training für Empathie. Deshalb glaube ich: Es geht nicht allein um die Auswahl der Literatur. Entscheidend ist, dass Lesen überhaupt gefördert und als Kulturleistung ernst genommen wird.
Was denken Sie, warum sie nicht lesen?
Ich glaube, dass die Konkurrenz durch Bildmedien heute viel stärker ist – vor allem durch TikTok, YouTube und andere Plattformen, die Jugendliche intensiv nutzen. Diese Angebote sind einfacher, weniger anstrengend und jederzeit verfügbar. Das führt dazu, dass viele Jugendliche gar nicht erst zu einem Buch greifen. Studien zeigen außerdem, dass Eltern ihren Kindern deutlich weniger vorlesen. In den letzten 20 Jahren hat sich das ungefähr halbiert. Natürlich wird Lesen in der Schule vermittelt. Doch das eigentliche Interesse am Lesen entsteht vor allem im Elternhaus – durch Vorbilder und gemeinsame Erfahrungen. Auch Erwachsene selbst lesen weniger. Besonders schade ist, dass immer weniger Eltern ihren Kindern vorlesen. Dabei wäre gerade das eine wichtige Gewohnheit, die man unbedingt wiederbeleben sollte.
Als Kinder- und Jugendbuchautor lese ich noch 17-Jährigen vor und sogar Berufsschülern. Denn alle wollen eine Geschichte hören.
Ja, genau, da bin ich ganz bei Ihnen. Wir müssen dieses menschliche Grundbedürfnis früh genug aufgreifen. Sobald Kinder lesen können, sollte man ihnen auch erste Bücher anbieten – das kann man pädagogisch gut begleiten. Viele Kinderbücher sind dafür ideal: Sie lassen sich vorlesen, aber Jugendliche können später auch selbst danach greifen.
Die Debatten sind ja oft sehr einseitig. Ist denn Bildschirm immer gleich was Negatives oder sehen Sie da auch positive Aspekte?
Digitale Medien haben durchaus positive Aspekte. Jugendliche können sich schnell und unkompliziert vernetzen. Sie entscheiden selbst, wie sie kommunizieren möchten. Außerdem fördern digitale Angebote die visuelle Intelligenz und sogar analytisches Denken – auch wenn man das manchmal nicht erwartet.Problematisch wird es erst, wenn die Bildschirmzeit insgesamt zu viele Stunden am Tag umfasst – unabhängig davon, ob es Spiele, Chats oder sogar Bildungsinhalte sind. Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand ein Lernvideo schaut oder einfach scrollt. Aber auch wer sechs Stunden am Tag Bildungs-YouTube konsumiert und dabei keine Zeit mit Freunden verbringt, tut sich damit nichts Gutes.Deshalb ist es wichtig, dass Eltern und Schulen klare Grenzen setzen. Zeitliche Beschränkungen sind nötig – ähnlich wie bei Süßigkeiten. Niemand verbietet Kindern Schokolade, aber alle wissen: zu viel davon schadet. Die wenigsten Eltern würden eine Schublade voller Süßigkeiten direkt neben dem Kinderbett erlauben. Aber ein Smartphone liegt dort oft ganz selbstverständlich. Das zeigt, dass unsere Prioritäten oft falsch gesetzt sind. Wir brauchen also den Mut, Mediennutzung einzuschränken, sie zu erklären und vor allem vorzuleben. Eltern, die selbst gesund essen, ziehen Kinder groß, die sich ebenfalls gesünder ernähren. Genau so funktioniert es auch mit einer gesunden digitalen Mediennutzung.
Wie gelingt es uns allen diese Balance zu finden? Wenn ich Sie richtig verstehe, heißt das doch: Alles, was im Übermaß passiert, wirkt sich negativ aus. Aber die Dinge selbst sind nicht grundsätzlich schädlich.
Am Ende geht es um Balance – für Erwachsene genauso wie für Kinder. Nicht die Medien selbst sind das Problem, sondern das „Zuviel“. Und andere Dinge dürfen nicht vernachlässigt werden.
Viele Erwachsene haben selber große Probleme, die Balance zu finden. Und das ist auch nachvollziehbar, weil sich bei Erwachsenen der Beruf und das Private sich dann auf dem Gerät vermischt.
Darum müssen auch Erwachsene lernen, stärker zwischen Online und Offline zu unterscheiden. Es sollte klare Situationen geben, in denen man das Smartphone nicht nutzt– und in denen es sogar sozial unerwünscht wäre, es zu nutzen. Ein Beispiel liefert eine amerikanische Langzeitstudie, die vor rund zehn Jahren begonnen wurde. Eltern wurden dort in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe durfte Smartphones und soziale Medien nutzen wie bisher. Die zweite Gruppe bekam nur eine einzige Vorgabe: kein Smartphone beim Aufstehen, bei den Mahlzeiten und beim Einschlafen – für die ganze Familie, also auch Eltern und Geschwister. Das Ergebnis nach zehn Jahren: Die Jugendlichen dieser zweiten Gruppe nutzten Smartphones zwar genauso selbstverständlich wie alle anderen, aber nur halb so lange. Durch diese kleinen Einschränkungen hatten sie gelernt, dass es Situationen gibt, in denen das Gerät nicht dazugehört – vor allem beim gemeinsamen sozialen Miteinander. Und sie hatten es von ihren Eltern vorgelebt bekommen. Aus dieser Studie kann man auch viel über den Umgang mit sozialen Medien lernen.
Was bedeutet das für die Politik?
Auch die Politik ist gefragt. Denn es ist extrem schwer, als Einzelner gegen die psychologische Macht der großen Konzerne anzukommen. Diese Apps sind so gestaltet, dass sie unser Belohnungssystem ständig ansprechen und uns verleiten, doch noch die nächste Nachricht oder das nächste Video anzuschauen – obwohl wir eigentlich schon längst etwas anderes tun wollten. Hier braucht es stärkere Eingriffe: Altersbeschränkungen, Regeln für das Design von Apps, die verhindern, dass Nutzer abhängig gemacht werden. In der EU gibt es bereits Vorgaben für Online-Shopping, damit Kaufprozesse nicht in eine Art Rausch führen. Ähnliche Regularien wären auch für soziale Medien sinnvoll. So darf es nicht allein bei den Familien und Einzelnen liegen, gegen die übermäßige Nutzung zu kämpfen. Auch die großen Anbieter müssen in die Verantwortung genommen werden.
Da hat die Leopoldina dazu ein Diskussionspapier herausgebracht, das relativ ausgewogen ist.
Genau, ich bin da ganz auf der Linie des Leopoldina-Papiers. Die nennen ja auch genau diese Aspekte, bis hin zu Empfehlungen für Verbote an Schulen. Das würde eben auch dazu beitragen, dass es nicht ständig zu Konflikten zwischen Lernen, Ausbildung und den sozialen Medien kommt. Und das nimmt uns alle in die Pflicht – auf jeder einzelnen Ebene, aber eben auch die Anbieter der großen Social-Media-Apps.
Darf ich Sie fragen, wie Sie das selbst mit Balance schaffen?
Ich befolge im Grunde ein paar einfache Regeln. Erst mal bin ich genauso ein Mensch wie alle anderen – mit meinen Stärken und Schwächen. Manchmal verbringe ich auch mehr Zeit an diesen Geräten, als ich eigentlich möchte. Aber generell sehe ich bei mir, dass meine Nutzungszeiten deutlich niedriger sind als die meiner Kollegen oder vieler anderer. Und das liegt an ein paar Tricks.
Und die wären?
Wenn ich das Smartphone nicht aktiv nutzen möchte, liegt es nicht in meinem Blickfeld. So werde ich gar nicht erst verführt, einem Reflex nachzugeben – dass ein Moment der Langeweile sofort dazu führt, das Handy in die Hand zu nehmen. Stattdessen lasse ich dann eher die Gedanken schweifen.
Und wenn ich lese, liegt das Smartphone nie neben mir. Eine typische Situation, in der ich Gefahr laufe, es zu oft als „Unterbrecher“ zu benutzen, ist beim Fußball. Wenn ein Champions-League-Spiel läuft – im Fernsehen, im Radio oder im Live-Ticker – dann möchte ich natürlich die Zwischenstände meiner Lieblingsmannschaften verfolgen. Aber auch dann liegt das Handy nicht neben mir. Das heißt: Ich muss von meinem Sessel aufstehen, ins Nachbarzimmer gehen, das Handy einschalten und nachschauen, wie es steht. Und ganz ehrlich – das mache ich dann auch. Mich interessiert das, aber das mache ich dreimal in 90 Minuten und nicht 30 Mal. Und das sind so die kleinen Dinge, mit denen ich versuche, dieses reflexhafte Nutzen zu verhindern. Das hat bei mir eine ganz stark regulatorische Wirkung darauf, wie viel ich diese Geräte tatsächlich benutze. Und das ist im Übrigen auch wissenschaftlich gut evaluiert.
Mich interessiert das, aber das mache ich dreimal in 90 Minuten und nicht 30 Mal. Und das sind so, indem ich so versuche, das reflexhafte der Nutzung zu verhindern, hat bei mir eine ganz stark regulatorische Wirkung dahingehend, wie viel ich diese Geräte nutze. Und auch das ist im Übrigen wissenschaftlich gut evaluiert.
Also raten Sie zu Barrieren?
Ja. Wann immer man eine Barriere einbaut zwischen etwas, das – ich nenne es mal so – einen gewissen Suchtcharakter hat, und dem, wie man eigentlich handeln möchte, ist es hilfreich, solche Barrieren einzuführen. Es gibt Studien, die empfehlen: Wenn man den Impuls verspürt, nach dem Smartphone zu greifen, soll man zunächst einmal tief einatmen – vier Sekunden lang – und dann sechs Sekunden ruhig ausatmen. Eine alte Yogatechnik. Danach überlegt man bewusst: Okay, was wollte ich jetzt eigentlich an diesem Handy? Was ist gerade so wichtig? Will ich dafür wirklich meine Tätigkeit unterbrechen? Und dann entscheidet man: Entweder ich kehre zurück zu dem, was ich gerade gemacht habe – oder es ist mir in dem Moment wirklich wichtig, das Smartphone zu nutzen. Man kann dadurch diese Reflexe unterbrechen, die mit dem Gewohnheitslernen zusammenhängen. Normalerweise setzt ein Trigger sofort eine ganze Kaskade von Handlungen in Gang. Indem man kurz innehält, entscheidet man bewusst, was man möchte. Und das kann im Übrigen auch die Smartphone-Nutzung selbst sein – aber dann hat man zumindest eine Sekunde oder, in diesem Fall, 14 Sekunden bewusst darüber nachgedacht.
Wie bewerten Sie digitale Geräte in der Kita?
Also ich glaube, dass digitale Endgeräte weder in den Kindergarten noch in die Grundschule gehören. Die Kinder lernen dort nichts, was sie wirklich fürs Leben brauchen. Medienkompetenz erwerben sie dadurch auch nicht. Stattdessen werden sie nur von den Dingen abgehalten, die sie in dieser Lebensphase eigentlich lernen sollten – nämlich gemeinsam mit anderen etwas zu unternehmen und zu verstehen, wie andere Menschen ticken und fühlen.
Gerade im Kindergarten ist es außerdem wichtig, die Feinmotorik zu trainieren, die man später in der Schule braucht. Das lernt man eben nur, wenn man die Finger im Sandkasten einsetzt oder beim Basteln. Und wenn man in diesem Alter schon von „Bildung“ sprechen möchte – auch das ist natürlich möglich.
Und wie?
Spätestens in der Grundschule kann und sollte man die Kinder natürlich auch über digitale Medien informieren. Aber dafür müssen sie diese Geräte nicht selbst in der Hand haben. Man kann das alles an der Tafel, am Smartboard oder mit anderen Mitteln erklären – ohne dass die Kinder dabei schon auf einem Smartphone herumwischen. Ganz ehrlich: Das muss man auch nicht lernen. Viel wichtiger ist es, die grundlegenden Zusammenhänge zu verstehen.
Es geht darum, den Kindern kindgerecht zu erklären, wie diese Geräte funktionieren – und vor allem, welche Gefahren damit verbunden sind. Wir informieren ja auch über die Gefahren auf dem Schulweg oder über die Risiken einer ungesunden Ernährung. Genauso muss man über die Risiken von digitalen Medien und Smartphones sprechen. Und selbstverständlich auch über die Vorteile und Möglichkeiten – etwa, was man alles nachschauen oder lernen kann.
Man kann den Kindern auch erklären, was die Eltern eigentlich die ganze Zeit am Smartphone machen – dafür braucht man die Geräte selbst nicht. Für mich ist das eine Pseudodiskussion. Man muss sich nur anschauen, wie die ersten zwei Semester im Informatikstudium ablaufen: Da rennt niemand mit einem großen Rechner herum. Da wird mit Kreide an der Tafel erklärt, wie Algorithmen funktionieren. Natürlich will ich das nicht auf Grundschulkinder übertragen. Aber mein Punkt ist: Es ist eine verfehlte Diskussion zu behaupten, Medienbildung könne nur stattfinden, wenn die Geräte vor den Kindern liegen. Das ist aus meiner Sicht genau der falsche Weg.
Und ab wann sollte dann die digitale Medienbildung beginnen?
Ich habe ja nicht gesagt, dass Schulen und Kindergärten keine Medienbildung betreiben sollen. Ich sage nur: Bis zum zehnten Lebensjahr brauchen Kinder dafür keine digitalen Endgeräte. Ehrlich gesagt glaube ich nicht einmal, dass sie diese in der fünften oder sechsten Klasse brauchen. Ab der siebten Klasse kann man dann mit Tablet-Nutzung anfangen.Warum sage ich das? Weil es eine enorme Rechenkapazität im Stirnlappen erfordert, gleichzeitig ein digitales Gerät zu bedienen und den Anweisungen eines Lehrers zu folgen. Außerdem muss man erst einmal sehr viel über ein Fach gelernt haben – zum Beispiel: Wie funktionieren die Algorithmen in der Mathematik? Worauf muss ich bei einem Text achten, wenn ich ihn gelesen habe und zusammenfassen soll? Erst dann macht eine Internetrecherche wirklich Sinn. Das bedeutet aber nicht, dass Medienbildung erst in der siebten Klasse anfängt.
Sondern?
Medienbildung sollte schon in der Grundschule anfangen – aber eben nicht mit den digitalen Endgeräten, sondern über die digitalen Endgeräte. Und genau da sehe ich einen großen Fortbildungsbedarf für Lehrerinnen und Lehrer. Denn man braucht dafür didaktische Konzepte, die auf junge Kindergehirne abgestimmt sind. Oft heißt es einfach: „Machen Sie das mal im Unterricht mit.“ Das ist aber naiv.Man braucht dafür speziell ausgebildete Lehrkräfte, die solche Konzepte entwickeln und vermitteln können. Außerdem sind Multiplikatoreneffekte wichtig: also Best-Practice-Beispiele, auf die Lehrkräfte mit wenigen Klicks zugreifen können. So könnten sie sehen: Welche Schulen haben welche Erfahrungen gemacht? Was berichten Lehrerinnen und Lehrer, was besonders gut funktioniert hat – und hoffentlich auch, was nicht funktioniert hat.
Was ist denn für Sie digitale Bildung?
Unter digitaler Bildung verstehe ich zwei Dinge. Das eine ist: die Kinder sollen verstehen, wie die Technik dieser Geräte funktioniert. Natürlich muss man das altersgerecht erklären – einem Neunjährigen anders als einem 13- oder 17-Jährigen. Aber die Grundlagen sind wichtig: zum Beispiel, wie die Algorithmen hinter den „Like“-Buttons funktionieren. Es geht auch um die Frage: Was passiert da eigentlich, wenn ein Video nach dem anderen kommt? Was passiert mit Rechten? Wie geht man um mit Situationen im Klassenverband, wenn jemand etwas Schlechtes über einen anderen sagt? Da muss sofort klar sein: Das geht nicht. Wenn ich etwas über jemanden sagen oder mich über ihn lustig machen möchte, dann tue ich das persönlich – aber nicht über soziale Medien. Die Kinder müssen wissen, dass sie in solchen Situationen einschreiten sollen, dass sie es selbst nicht tun und dass sie, wenn sie einmal Opfer solcher Angriffe werden, damit umgehen können. Denn es ist eine sehr schwierige soziale Situation, öffentlich bloßgestellt zu werden – vielleicht sogar noch mit peinlichen Bildern in einer unglücklichen Situation. Junge Menschen müssen lernen, damit klarzukommen. Und man muss ihnen etwas an die Hand geben: an wen sie sich wenden können, wie sie reagieren können. Gleichzeitig sollte man ihnen auch erklären: Wenn das auf dem Schulhof passiert wäre, hättest du es vermutlich nicht so schwer genommen.
Man sollte den Kindern auch vermitteln: Versetz dich mal in denjenigen, der das gepostet hat. Der hat wahrscheinlich gar nicht lange darüber nachgedacht, dich „fürs Leben“ bloßstellen zu wollen, sondern es ging um einen kurzen Moment des Lachens.
Und genau das passiert ja auch auf dem Schulhof: Man macht mal einen blöden Spruch oder stellt jemanden für einen Augenblick bloß. Sprich also denjenigen an, der das gepostet hat. Und wenn es jemand ist, der so etwas häufiger macht, dann trau dich, mit den Eltern oder den Lehrkräften zu sprechen und klar zu sagen: „Das geht so nicht.“
Also Bilder oder Texte mit sexuellen Bezügen…
Ja. Solche Situationen sind völlig inakzeptabel. Da muss jeder Schüler und jede Schülerin sofort wissen: Das ist kein „Verpetzen“, sondern ein Schutzmechanismus für alle. Man muss sich sofort melden und das unterbinden.Und an den Schulen, wo das konsequent praktiziert wird, zeigt sich auch ein Effekt: Die meisten dieser Posts können künftig verhindert werden, wenn die jungen Menschen, die sie verbreiten, zur Rechenschaft gezogen werden. Vor allem merken sie dann auch, dass es keine private Angelegenheit bleibt – selbst wenn sie glauben, so etwas nur in einem geschlossenen Chatraum gepostet zu haben. De facto sind sie damit aufgefallen und kann dann damit ganz viel verhindern. Aber nicht alles. Wir haben immer schon auch schlechte Menschen gehabt. Die gibt es auch unter Jugendlichen, aber die meisten, die das eher unbedacht machen oder um sich einen kurzfristigen Vorteil zu verschaffen, die kann man so ausbremsen.
Kinder und Jugendliche werden – von Eltern oft unbemerkt – von pädophil veranlagten Menschen kontaktiert und unter Druck gesetzt. Muss Schule auch darauf aufmerksam machen?
Ja. Wichtig ist vor allem, den Kindern klarzumachen: Was ist der richtige Weg? An wen wende ich mich, und wie? Gleichzeitig müssen auch die Schulen die Möglichkeiten haben, mit den Eltern zu kommunizieren und gemeinsam Vorschläge zu entwickeln, wie man mit solchen Situationen umgeht. Das bedeutet: sofort die Lehrkräfte informieren. Wenn das eigene Kind auf dem Schulhof übel verprügelt worden wäre, würden die Eltern sich ja auch bei den Lehrkräften melden – und das völlig zu Recht. Genauso wie bei dieser Form des „geistigen Verprügelns“ geht es auch um die pädophile Kontaktaufnahme. Da muss der Weg bis hin zur Weitergabe an die Polizei klar sein, damit diese nachgehen und die Quelle finden kann. Oft handelt es sich zwar nur um wenige Täter, aber sie pflegen unzählige Kontakte. Das heißt: Jeden Einzelnen, den man herausfischt, kann Tausenden von Jugendlichen Leid ersparen – sei es schon durch das Zusenden verstörender Bilder. Deshalb, ja, Sie haben Recht: Wir müssen Schulen und Lehrkräfte einbeziehen, aber auch die Eltern. Sie müssen wissen, was zu tun ist, wenn sie merken, dass ihre eigenen Kinder verstört sind – vielleicht sogar, indem sie sich an die Lehrkräfte wenden. Manchmal gibt es auch andere Vertrauenspersonen, mit denen Kinder lieber reden: den Patenonkel, eine ältere Freundin, Schülervertreter aus höheren Klassen. Die Schule kann hier verschiedene Wege aufzeigen, wie man mit solchen Situationen umgehen kann. Das hilft auch vielen Eltern, die oft gar nicht genau wissen, was sie tun sollen. Der erste Reflex ist ja meist: „Handy wegnehmen.“ Aber das kann zurückfeuern – auf alle anderen, die das auf dem Schulhof mitbekommen. Dann wird so etwas lieber geheim gehalten, weil es den Betroffenen selbst peinlich ist. Deshalb muss man von Anfang an klarstellen, welche Wege es gibt. Und vor allem müssen die Schülerinnen und Schüler wissen: Es wird alles getan, um sie zu schützen – und nicht, um sie bloßzustellen.
Also geht es in der digitalen Bildung auch um Werte.
Am Ende geht es um Werte und es geht auch um Wege. Oft haben wir Werte, aber wissen dann nicht die Wege, wie wir diese Werte durchsetzen können oder setzen sie mit den falschen Mitteln durch. Und ich glaube, hier müssen Werte und Wege zusammenfinden.
Was ist denn jetzt der Stand zur digitalen Welt mit Kindern, Jugendlichen und der Hirnforschung zurzeit?
Wenn Kinder im Grundschulalter – oder sogar noch früher – sechs Stunden und mehr am Tag vor dem Bildschirm verbringen, sieht man tatsächlich strukturelle Veränderungen im Gehirn, die die Sprachzentren betreffen. Dort gibt es große „Datenautobahnen“, die die beiden zentralen Sprachzentren in der linken Großhirnhemisphäre miteinander verbinden – das Wernicke- und das Broca-Areal. Zwischen diesen beiden Sprachzentren verläuft ein Faserstrang. Bei Kindern, die schon im frühen Alter viel Zeit mit Social Media oder Videos verbringen und in dieser Zeit weniger mit anderen Menschen kommunizieren, ist dieser Faserstrang weniger stark entwickelt. Es gibt außerdem Befunde bei älteren und auch bei pubertierenden Kindern: Dort sind Gehirnareale betroffen, die sich mit den Gefühlen und Gedanken anderer Menschen beschäftigen – ein Bereich, der zum limbischen System gehört.
Das ist ein Bereich des Stirnlappens, der solche Fähigkeiten vermittelt – also nicht nur die eigenen Gefühle zu reflektieren, sondern auch nachzuvollziehen, was andere Menschen denken und fühlen. Auch dort zeigt sich: Die Großhirnrinde ist bei betroffenen Kindern dünner ausgeprägt. Und da muss man vorsichtig sein.
Das ist auch immer die berechtigte Kritik an solchen Studien: Man weiß bei korrelativen Befunden nicht, was Ursache und was Wirkung ist. Sind es vielleicht die Kinder, die von Anfang an größere Schwierigkeiten haben, die Gefühle und Gedanken anderer Menschen zu lesen und zu verstehen, die besonders schnell auf digitale Medien ausweichen?
Ist das eine Folge der Mediennutzung?
Mein Verdacht ist tatsächlich, dass es eine Folge der Mediennutzung ist. Denn unser Gehirn reagiert strukturell auf das, was wir besonders häufig tun – und genauso auf das, was wir besonders selten tun. Das bedeutet: Die Gehirnareale, die wir wenig nutzen, werden tendenziell abgebaut, während die, die wir intensiv nutzen, eher ausgebaut werden.
Man kann auch zeigen, dass die Finger, die wir beim Wischen auf Tablets, Smartphones oder Webseiten benutzen, im Gehirn größer repräsentiert sind als andere Finger oder Gliedmaßen. Das sieht man übrigens in vielen Bereichen – auch im Sport oder beim Musizieren. Bei einem Geiger zum Beispiel ist die Hand, die die Saiten bedient, im Gehirn strukturell deutlich stärker ausgebildet.
Das sind Anpassungsprozesse, die im Gehirn passieren. Die sind jetzt beim Wischen auf dem Smartphone oder Handy nicht schlimm. Aber sie sind schlimm bei den Fähigkeiten, die wir eben nicht mehr trainieren. Und das sieht man dann eben auch strukturell im Gehirn. Man sieht außerdem: Es ist nicht die Smartphone-Nutzung allein, sondern vor allem die Nutzung digitaler Medien im Multitasking-Modus, die problematisch ist. Der Teil des Stirnlappens, der unsere Aufmerksamkeit reguliert, ist dann weniger stark aktiviert. Das Gehirn ist ständig „auf dem Sprung“, sofort etwas anderes zu tun. Dadurch steht weniger Rechenkapazität für die eigentliche Tätigkeit zur Verfügung – stattdessen wird sie auf mehrere Dinge gleichzeitig verteilt. Wer zwei oder drei Bildschirme parallel benutzt, konzentriert sich nicht wirklich auf das, was er entweder machen soll oder machen möchte. Wer beim Lernen ständig noch seine Nachrichten checkt und im Multitasking-Modus unterwegs ist, bei dem leidet das Konzentrationsvermögen. Häufig wird das falsch dargestellt. Da heißt es dann: Digitale Medien führen dazu, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne kürzer wird. Das stimmt so nicht. Unter kontrollierten Bedingungen – also wenn wir nicht abgelenkt werden – hat sich die Dauer unserer Aufmerksamkeit in den letzten 20 Jahren nicht verändert. Was sich allerdings verändert hat: In alltäglichen, lebensweltlichen Situationen haben wir heute statistisch gesehen nicht einmal mehr 50 Prozent der Aufmerksamkeitsspanne, die wir vor 20 Jahren hatten. Das hängt damit zusammen, dass wir uns ständig von eingehenden Signalen ablenken lassen – vom Vibrieren oder von Tönen. Hinzu kommt, dass wir unsere Aufmerksamkeit permanent auf die Möglichkeit richten: Da könnte ja etwas kommen.Das ist ein bisschen so, wie wenn jemand nachts nach einem Albtraum aufwacht und auf jedes knackende Geräusch im Haus sofort schreckhaft reagiert. Diesen Mechanismus bezeichnet man fachlich alsArousal. Genau damit umgeben wir uns im Moment ständig – und lenken uns dadurch von den Tätigkeiten ab, denen wir eigentlich nachgehen wollen. Das halbiert tatsächlich die Dauer der Aufmerksamkeit, die wir auf eine Aufgabe richten können.Und das lässt sich auch im Gehirn nachweisen: Im Stirnlappen sieht man, dass die ablenkende Wirkung des Multitasking-Modus mit einer Einschränkung der Effektivität korreliert. Am Ende brauchen wir also für die Tätigkeit, die wir eigentlich machen wollten, doppelt so lange. Und zusätzlich machen wir auch noch 40 Prozent mehr Fehler, denn es ist eine Einbildung zu meinen, wir wären effektiver, wenn wir im Multitasking-Modus unterwegs sind.
Was ist in den ersten drei Lebensjahren besonders kritisch? Kinder dürfen oft Fernsehen oder bekommen zum Stillsein ein Smartphone oder Tablet in die Hand.
Ich habe gerade eine Studie gesehen, die gezeigt hat: Schon unter Dreijährige verbringen mehr als anderthalb Stunden pro Tag vor Tablets und Smartphone-Bildschirmen. Das halte ich für eine schreckliche Entwicklung. Diese Geräte gehören in diesem Alter überhaupt nicht in die Hände der Kinder – also null. Was man dagegen mit Kindern machen kann, eher in Richtung drei Jahre, ist: sich gemeinsam mit ihnen vor einen Fernseher zu setzen. Wichtig ist dabei, die Kinder nicht einfach „abzustellen“, sondern aktiv mitzuschauen. Dann bleibt es eine soziale Interaktion. Man kann erklären, was dort passiert, und die Kinder lernen, ihre Begeisterung mitzuteilen.
Das kann man machen. Alles andere ist tatsächlich schädlich. Und Sie haben gefragt: Was brauchen Kinder in dieser Zeit? Sie brauchen Bewegung. Sie brauchen Gleichaltrige, sie brauchen eine Familie und sie brauchen Zuwendung.
Und jetzt einmal aus Elternsicht: Kinder brauchen Gesichter, die sie sehen können.Das heißt, sie müssen die Mundbewegungen gemeinsam mit der Sprache sehen. Eltern jedoch, die auf ihr Smartphone schauen und parallel mit den Kindern sprechen, verhindern, dass die Kinder Sprache vollumfänglich lernen können. Denn Sprache lernen wir auch über Gestik, über die Gefühle, die sich im Gesicht widerspiegeln, und über die Lippenbewegungen, die wir sehen. Es geht nicht nur um die Töne – da sind wir oft falsch informiert –, sondern auch um die Lippenbewegungen, die Kinder sehen müssen. Und die erkennen sie nur, wenn man sie direkt anschaut. Wer also mit Kindern spricht, sollte ihnen sehr aufmerksam ins Gesicht schauen. Ich erlebe das immer wieder ganz automatisch bei Großeltern: Sie gehen fast so nah an die Kinder heran, dass sie deren gesamtes Gesichtsfeld ausfüllen, wenn sie mit ihnen sprechen. Man muss natürlich nicht immer so nah kommen – aber wichtig ist, dass die Kinder das ganze Gesichtsfeld sehen können. Und genauso wichtig ist, dass man selbst nicht derjenige ist, der abgelenkt ist. Das gilt also in beide Richtungen. Auf der einen Seite, was brauchen die Kinder, auf der anderen Seite, was müssen wir als Erwachsene auch geben, damit diese Kinder diese Dinge bekommen, um eben sprachkompetent zu werden, kommunizieren zu können. Und ganz ganz wichtig, gerade in diesem jungen Alter, sind Bewegungsreize. Und wenn sie dann älter werden, würden Sie sagen, es gibt eine Korrelation auf das Gedächtnis und auf das Lernen, wenn die Bildschirmmedien einen zu starken Einfluss haben? Das heißt ja immer, wenn man etwas in einem Buch gelesen hat, kann man sich das besser einprägen, als wenn man es am Bildschirm gelesen hat. Auf der einen Seite geht es darum: Was brauchen die Kinder? Was müssen wir als Erwachsene geben, damit die Kinder diese Erfahrungen machen können – um sprachkompetent zu werden und kommunizieren zu lernen. Ganz wichtig, gerade in jungem Alter, sind Bewegungsreize.
Gibt es eine Korrelation zwischen Bildschirmnutzung, Gedächtnis und Lernen, wenn die digitalen Medien zu starken Einfluss haben? Es heißt ja oft, dass man sich Inhalte besser einprägt, wenn man sie in einem Buch gelesen hat, als wenn man sie am Bildschirm liest.
Das stimmt statistisch – aber noch viel wichtiger ist die Frage, ob die Neugier geweckt wird und ob man mit Begeisterung und Leidenschaft lernt oder nicht. Manche Jugendliche tun das tatsächlich lieber am Bildschirm. Wenn das ihre Begeisterung stärker weckt als das Lesen, dann ist das auch in Ordnung.De facto zeigt sich jedoch – wie Sie gerade gesagt haben –: Wenn man das viele Stunden am Tag macht, wirkt sich das auf die Gedächtnisfähigkeit aus. Vor allem, wenn die Nutzung im Multitasking-Modus erfolgt, leidet das Gedächtnis, das Erinnerungsvermögen nimmt ab und die Schulleistungen sinken. Alles, was über drei Stunden tägliche Bildschirmnutzung hinausgeht, lässt sich direkt in einen Notenabzug in der Schule „umrechnen“. Hier zeigt sich also eine klare Korrelation: Das, was man an Bildschirmen macht, ist nicht das Gleiche wie das, was man beim Lesen oder in anderen Zeit macht. Und sei es nur, mit den anderen Schülerinnen und Schülern über die Hausaufgaben oder über Projekte zu sprechen, in Gruppen zu lernen – auch das kommt heute viel zu kurz. Viele haben regelrecht Angst vor diesen sozialen Situationen. Wer viele Stunden am Tag vor dem Bildschirm verbringt, dem ist der direkte Kontakt mit anderen oft schon nicht mehr geheuer.
Kinder jeden Alters erleben die vielfältige digitale Mediennutzung überall in ihrem Lebensalltag. Da bleibt es nicht aus, dass sie sich ebenfalls der Faszination digitaler Medien nicht entziehen können. Gleichzeitig gehört es zu den >Lebenskompetenzen< eines Menschen, mit den unübersehbaren und besonders verlockenden Angeboten in einer stark konsumorientierten […]weiterlesen
Meinen Sie denn, Sie haben es vorhin angedeutet, dass es anders ist, aber dass man eben durch KI und durch das Online-Sein auch das Denken verlernen kann? Wie steht es denn um das kreative Denken im Zeitalter, in dem wir jetzt sind?
Auch das ist kein Automatismus. Man kann das Internet, Suchmaschinen und auch KI nutzen, um Kreativität und Lernen zu fördern. Problematisch wird es dann, wenn wir nur eine Frage stellen und alle Antworten passiv übernehmen – ohne darüber nachzudenken, ohne selbst noch zu lesen. Wenn wir uns nur noch Kurzzusammenfassungen geben lassen, die wir nicht einmal konzentriert zu Ende lesen, dann leidet das differenzierte Denken, und auch die differenzierte Wahrnehmung nimmt ab. Denn wenn wir selbst weniger wissen, nehmen wir auch die Welt weniger differenziert wahr. Wir denken weniger differenziert, wir handeln weniger differenziert. Deshalb müssen wir selbst aktiv Wissen erwerben. Denn der passive Wissenserwerb – etwa indem man sich schnell ein YouTube-Video anschaut oder sich von einer KI wie ChatGPT die Inhalte vorsagen lässt – führt dazu, dass man, wenn überhaupt, nur kurzfristig etwas abspeichert, oft gar nicht. Neulich hat man Studierende Texte verfassen lassen, bei denen sie ChatGPT nutzen durften. Die Studierenden durften entweder mit ihrem eigenen Gehirn schreiben oder eine Suchmaschine zur Hilfe nehmen. Wer mit ChatGPT gearbeitet hatte, hat die Texte meist noch angepasst und nach den eigenen Vorstellungen verändert. Anschließend hat man die Jugendlichen gefragt, wie viel sie aus ihren eigenen Texten wiedererkennen, und ihnen Zitate daraus vorgelegt. Das Ergebnis: Diejenigen, die ChatGPT benutzt hatten, konnten in über 90 Prozent der Fälle nicht einmal einzelne Sätze wiedergeben – obwohl sie sich zuvor mit dem Text beschäftigt hatten. Das heißt: Wenn wir KI einsetzen, dann am besten als Frageinstrument, um Dinge zu hinterfragen. Man kann ChatGPT sehr gezielt instruieren, man kann seinen Text eingeben und sagen: „Du bist jetzt der Lehrer – welche Fragen würdest du mir dazu stellen?“ Oder man kann es stilistisch prüfen lassen: „Wie wirkt das – formaler, lustiger, sachlicher?“ etc..
Wenn man KI als Sparringspartner im Denken und Schreiben nutzt, dann zeigt sich: Das kann produktiv und kreativ sein. Ein digitaler Avatar kann dabei durchaus helfen. Wenn uns die KI jedoch Texte vorschreibt, die wir einfach übernehmen, merken wir uns nicht einmal unsere eigenen Texte. Wir haben dann nichts gelernt – und das tut weder dem Denken noch dem Handeln gut.
Würden Sie sagen, dass also die Gesellschaft auch durch diese digitalen Medien Träger geworden ist?
Die Gesellschaft ist polarisierter geworden – und weniger reflektiert in dem, was wir tun. Dabei gehört gerade das Reflektieren zu den Dingen, die man zum Beispiel beim Lesen eines Buches lernt. Beim sogenannten „Langsamlesen“ denkt man über das Gelesene nach – und dabei auch über sich selbst und das eigene Handeln. Man lernt, zu reflektieren, warum andere Menschen bestimmte Dinge tun: Warum jemand aggressiv reagiert, sich zurückzieht oder etwas Bestimmtes sagt. Schon allein diese Fragen zu stellen, erlebe ich heute viel zu selten. Und ich glaube, dass die digitalen Medien daran eine Mitschuld tragen, weil wir uns viel zu wenig in einen Tagtraummodus begeben, in dem wir Gedanken nachhängen – über uns selbst und andere. Stattdessen greifen wir in jedem freien Moment – sei es am Bahnsteig beim Warten auf den Zug – zum Smartphone und beschäftigen unser Gehirn mit irgendwelchen Ablenkungen, nur um nicht über das nachzudenken, worüber wir eigentlich nachdenken könnten
Ich finde, dass wir die Langeweile unterschätzen. Aus einem Moment der Langeweile können unglaublich kreative Gedanken entstehen. Momente, in denen man über sich und die Welt nachdenkt, in denen einem Erkenntnisse kommen, auch zu Problemen, die man vielleicht zuvor gar nicht erkannt hat. Solche Momente fehlen mir in unserem gesellschaftlichen Miteinander. Das möchte ich nicht monokausal auf digitale Medien zurückführen, aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu faul werden, selbst zu denken.
Wenn Sie sagen, dass Kinder und Jugendliche sich mit den wirklich wichtigen Fragen beschäftigen sollten, halte ich das für eine Überforderung. Gerade in der Pubertät befinden sie sich in einer Phase, in der einerseits alles im Umbau ist und andererseits alles sehr verletzlich. Sie können oft gar nicht einschätzen, welche Folgen ihr Handeln haben könnte. Deshalb finde ich es schwierig, Kinder so zu erziehen, dass sie bereits in dieser Phase zum reflektierten Denken befähigt werden.
Ja und nein. Sie haben natürlich recht: Es ist schwierig, Kinder ständig so bewusst anzusprechen und zu sagen: „Kriegt das doch selber hin.“ Aber wir haben auch in anderen Bereichen gelernt, dass Kinder das nicht von allein können. Ich komme noch einmal auf das Thema Ernährung zurück: Wir erwarten ja auch nicht von Kindern, dass sie von Anfang an selbstständig lernen, mit Mengen an Süßigkeiten umzugehen. Und beim Alkohol gibt es klare Altersgrenzen – bei uns bis 16, in anderen Ländern bis 18 oder sogar 21. Das sind alles Dinge, die in kleinen Mengen nicht sofort schädlich wären – und trotzdem erlauben wir sie nicht. Denn wir wissen, dass es bei geringen Mengen nicht bleibt, weil das kurzfristige Belohnungssystem bei Kindern und Jugendlichen viel stärker ausgeprägt ist als die Fähigkeit zu langfristigen Plänen. Deswegen auch hier der Appell, die Nutzung zeitlich einzuschränken. Aber zu sagen, Kinder und Jugendliche könnten grundsätzlich nicht mit solchen Situationen umgehen – das stimmt so nicht. Ich erinnere mich noch an meinen damals neunjährigen Sohn, als die Ferien begannen. Alle sagten immer: „Sag bloß nicht, dass Ferien langweilig sind.“ Und dann schaute mich dieser nachdenkliche Junge an, legte den Kopf zur Seite und meinte: „Ja, am Anfang ist es schon ein bisschen langweilig. Dann müssen wir erst mal überlegen, was wir machen können.“Und ich sehe noch heute, wie in diesem Moment ein Strahlen über sein Gesicht kam. „Und dann überlegen wir gemeinsam, was wir spielen können“ – und genau daraus entstehen oft die besten Ideen. Deshalb betone ich immer: Gerade bei Kindern und Jugendlichen entstehen aus Situationen der Langeweile oft wunderbare Dinge. Ich bin immer wieder begeistert, wie lange Kinder darüber diskutieren können, nach welchen Regeln sie etwas spielen wollen. Manchmal reden sie drei Stunden darüber – und spielen das Spiel dann nur zehn Minuten. Aber in diesen drei Stunden haben sie unglaublich viel gelernt: wie man sich durchsetzt, wie man diskutiert, wie man Ideen austauscht und auf den Ideen anderer aufbaut. Aber all das passiert nur, wenn Kinder nicht allein in ihren Zimmern sitzen und auf Bildschirme schauen. In diesem Sinne bin ich überzeugt: Kinder und Jugendliche können durchaus mit solchen Situationen umgehen. Schwierig wird es nur, wenn sie ständig ein Gerät in der Tasche haben und in jedem Moment selbst entscheiden sollen, was langfristig gut für sie ist oder nicht. Und das wissen wir alle: Selbst für Erwachsene ist das oft schwierig.
Blickkontakt, Nähe und feinfühlige Signale prägen von Anfang an das kindliche Gehirn. Dr. Walter Hultzsch zeigt, wie Bindung Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Persönlichkeit stärkt. Sein Buch verbindet Neurobiologie und Bindungsforschung mit alltagstauglichen Impulsen für Eltern, Großeltern und Fachkräfte, die Babys achtsam begleiten möchten.
Lassen Sie uns über Sucht sprechen. Was ist denn der Stand der Forschung jetzt zum Thema Sucht? Es war ja auch sehr lange umstritten, ob es überhaupt so etwas gibt
Ich glaube, es ist wichtig zu wissen, wann eine intensive Nutzung in Sucht umschlägt. Genau hier muss man hinschauen. Eine gute Anlaufstelle sind die Menschen, die in der Suchtberatung arbeiten. Sie definieren Sucht so: wenn jemand viele Stunden am Tag mit einer Tätigkeit verbringt, die sein Zufriedenheitsgefühl nicht verbessert, sondern die er braucht, um überhaupt einen Grundzustand von Zufriedenheit zu erreichen – und die ihn gleichzeitig von den Dingen abhält, denen er eigentlich nachgehen möchte. Bei mindestens drei bis fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen wird genau das festgestellt. Insofern glaube ich, dass es eindeutig Kinder und Jugendliche gibt, die die Kriterien für Sucht erfüllen. Aber – und das haben Sie am Anfang auch richtig betont – nicht jede zwei- oder siebenstündige Smartphone-Nutzung ist gleich eine Sucht. Vielmehr handelt es sich oft um selbst- oder fremdkonditioniertes Verhalten. Wir verbringen dabei im Laufe eines Tages häufig mehr Zeit mit Tätigkeiten, als wir eigentlich wollen – manchmal auch mit Inhalten, die weder den Jugendlichen noch uns selbst guttun. Deshalb vermeide ich, genau wie Sie, den Begriff „Sucht“ in diesem Zusammenhang: Er stigmatisiert und ist, was die Smartphone-Nutzung bei der großen Mehrheit junger Menschen betrifft, wissenschaftlich nicht belegt. Aber es gibt auch Fälle von Kindern und Jugendlichen, die in die Suchtberatung kommen – und die dort auch hingehören. Gleichzeitig gibt es viele, die dort eigentlich hingehören würden, aber nicht hingehen. Auch das muss man ernst nehmen. So wie man bei einem 15- oder 16-Jährigen, dem man erlaubt, Alkohol zu trinken, genau hinschauen muss: Wie viel trinkt er, wie häufig? Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht übervorsichtig sein und aus Angst vor Stigmatisierung so tun, als beträfe das Problem Kinder und Jugendliche nicht. Denn es gibt durchaus viele, die psychotherapeutische Beratung benötigen.
Oft ist es dabei weniger ein Suchtproblem, sondern eher ein Erziehungs- oder ein Selbstregulationsproblem.
Ich würde die Verantwortung nicht allein auf die Familien abwälzen. Hier sind wir alle gefragt. Auch gesellschaftlich. Wir müssen die Probleme klar benennen, damit Kinder und Jugendliche sehen: Es sind nicht nur die „strengen Eltern“, sondern es gibt Regeln, vielleicht sogar politische Vorgaben – sowohl seitens der Schulen als auch von der Politik. Auch die Medien, ob online oder Print, sollten viel offensiver mit dem Thema umgehen, um möglichst viele Menschen zu erreichen.
Sie hatten zwischendurch nach der Medienbildung gefragt. Der Kindergarten ist hier gar nicht so sehr für die Kinder entscheidend, sondern für die Eltern. Denn in dieser Zeit gehen viel mehr Eltern zu Elternabenden als später in der Schulzeit. Später kommen meist nur noch die besonders engagierten Eltern, die ohnehin reflektieren und lesen. Im Kindergarten hingegen erreicht man noch viel mehr Familien, auch aus unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen. Und genau dort wäre es wichtig, auf die Dinge hinzuweisen, über die wir auch hier gesprochen haben.
GOLDENER SPATZ sucht Jurykinder für das Festival 2026!
geschrieben von Redakteur | März 25, 2026
34. Deutsches Kinder Medien Festival GOLDENER SPATZ / 7. bis 13. Juni 2026 in Gera & Erfurt
Kinderstimmen stehen im Mittelpunkt!
Film- und medieninteressierte Kinder im Alter von 9 bis 13 Jahren sind eingeladen, sich um einen Platz in den Kinderjurys zu bewerben. Gesucht werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, Österreich, Südtirol, dem Fürstentum Liechtenstein, Luxemburg sowie deutschsprachige Kinder aus Rumänien.
Vom 7. bis 13. Juni 2026 wird in Gera und Erfurt die 34. Ausgabe des Deutschen Kinder Medien Festivals Goldener Spatz ausgerichtet. Das renommierte Festival zeichnet herausragende deutschsprachige audiovisuelle Produktionen für Kinder aus. Eine Besonderheit dabei: Die Preisvergabe liegt vollständig in den Händen der Kinder. In zwei Kinderjurys bewerten junge Jurorinnen und Juroren die nominierten Beiträge und entscheiden über die Vergabe der begehrten GOLDENEN SPATZEN. Insgesamt können bis zu 30 Kinder Teil der Jurys werden.
Das Festival bietet ein abwechslungsreiches Wettbewerbs- und Rahmenprogramm mit Kino-, Fernseh- und digitalen Formaten für Kinder und Jugendliche. Ergänzt wird dieses durch zahlreiche Veranstaltungen für Publikum und Fachbesucher:innen aus der Medienbranche.
Interessierte Kinder zwischen 9 und 13 Jahren können sich bis zum 15. Februar 2026 bewerben und Teil des größten Festivals für deutschsprachige Kindermedien werden. Während der Festivalwoche sichten, testen und diskutieren die Jurykinder die Beiträge der beiden Wettbewerbssektionen und stimmen gemeinsam über die Preisträger ab. Zudem treffen sie spannende Gäste wie Schauspieler:innen, Regisseur:innen, Game-Designer:innen oder Illustrator:innen, die für Gespräche und Fragen zur Verfügung stehen. Bei der feierlichen Preisverleihung am Freitag, den 12. Juni 2026, überreichen die Kinder die Trophäen persönlich auf der Bühne in Erfurt. Eine umfassende Betreuung ist während der gesamten Zeit gewährleistet, Anreise, Unterkunft und Verpflegung sind kostenfrei.
Wer kann mitmachen?
Kinderjury Film & Serie Bewerben können sich Kinder aus dem genannten deutschsprachigen Raum, die
zwischen 9 und 13 Jahre alt sind,
Freude daran haben, eine Woche lang Animations-, Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme, Serien sowie Informations- und Unterhaltungsformate zu schauen und zu bewerten,
sich zutrauen, aktiv über die Vergabe der GOLDENEN SPATZEN mitzuentscheiden.
Kinderjury Interaktives & Digitales Storytelling Gesucht werden junge Medienfans, die
zwischen 11 und 13 Jahre alt sind,
Lust haben, interaktive und digitale Medienangebote intensiv zu testen und gemeinsam zu diskutieren,
Verantwortung bei der Wahl der Preisträger übernehmen möchten.
Dafür müssen ein Bewerbungsformular sowie eine persönliche Empfehlung eingereicht werden:
für einen Film, eine Serie oder eine Sendung (Kinderjury Film & Serie)
oder für ein digitales Angebot wie ein Game, eine App oder einen YouTube- bzw. Twitch-Channel (Kinderjury Interaktives & Digitales Storytelling).
Alle erforderlichen Unterlagen stehen auf der Website zur Verfügung und können dort direkt hochgeladen werden. Bewerbungsschluss ist der 15. Februar 2026.
Unterstützt wird die Kinderjury unter anderem von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), der Thüringer Staatskanzlei, dem Amt für Kultur des Fürstentums Liechtenstein, dem Film Fund Luxembourg, der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol (Deutsche Kultur) sowie dem Österreichischen Rundfunk (ORF).
Partner der Kinderjury ist KiKA – Der Kinderkanal von ARD und ZDF.
Quelle: Pressemitteilung: Deutsches Kinder Medien Festival Goldener Spatz
Sicher durchs Netz: Welche digitalen Fähigkeiten Schulkinder heute brauchen
geschrieben von Redakteur | März 25, 2026
Neue Studie zeigt 30 Kompetenzfelder für altersgerechte Cybersicherheit – und wie Schulen, Eltern und Kinder davon profitieren
Kinder wachsen heute oftmals mit Tablet, Smartphone und Internet auf. Gleichzeitig steigt die Gefahr, online manipuliert, verunsichert oder überfordert zu werden. Eine neue Studie der Universität Mannheim zeigt, welche konkreten digitalen Fähigkeiten Kinder zwischen acht und dreizehn Jahren brauchen, um sich sicher im Netz zu bewegen. Das Forschungsteam von Prof. Dr. Dr. h.c. Dirk Ifenthaler und Nicolai B. Plintz hat dafür ein umfassendes Kompetenzmodell entwickelt, das Eltern, Lehrkräften und Bildungseinrichtungen Orientierung bietet – und künftig als Grundlage für Unterrichtsmaterialien dient.
Warum digitale Schutzfähigkeiten so wichtig sind
Kinder surfen heute fast täglich im Internet: Sie chatten, spielen, suchen Informationen und tauschen Bilder aus. Doch viele Risiken erkennen sie noch nicht – von Fake-Accounts über Schadsoftware bis zu ungewollten Nachrichten. Das Mannheimer Forschungsteam hat daher systematisch untersucht, welche Kompetenzen Kinder brauchen, um online selbstbestimmt, kritisch und sicher handeln zu können.
Im EU-geförderten Projekt „Super Cyber Kids“ wurden aus über 500 Vorschlägen insgesamt 257 kindgerechte Fähigkeiten herausgearbeitet. Diese lassen sich in 30 übersichtliche Themenfelder einordnen – von Datenschutz und Gerätesicherheit bis hin zu sozialem Verhalten im Netz.
Drei Kernbereiche: erkennen, reagieren, wiederherstellen
Das Modell unterscheidet nicht nur Themen, sondern auch Handlungsdimensionen:
Erkennen: Gefahren wahrnehmen, unseriöse Inhalte und Nachrichten einordnen
Reagieren: wissen, was bei Cybermobbing, Datenklau oder Fehlermeldungen zu tun ist
So wird sichtbar, welcher Lernschritt in welchem Alter sinnvoll ist – und wo Kinder Unterstützung brauchen. Besonders wichtig war den Forschenden die realistische Umsetzbarkeit im Schulalltag. Manche Kompetenzformulierungen wurden deshalb bewusst vereinfacht, um sie für Kinder greifbar zu machen.
Workshops, Materialien & Online-Plattform für Schulen
Auf Basis der Studie entstehen nun Workshops, Unterrichtsideen und spielerische Lernangebote, die direkt im Klassenzimmer eingesetzt werden können. Eine mehrsprachige Plattform bündelt bereits Tools, Lernspiele und Materialien zur Cybersicherheitserziehung – leicht zugänglich und praxistauglich.
Ziel ist es, Kinder stark zu machen, damit sie digitale Räume selbstbewusst, verantwortungsvoll und sicher nutzen können – heute und in Zukunft.
Quelle:
Plintz, N.B., Ifenthaler, D. Empowering children online: a holistic skills framework for cybersecurity. Education Tech Research Dev (2025). https://doi.org/10.1007/s11423-025-10565-z
Mit Köpfchen gegen KI-Fakes
geschrieben von Redakteur | März 25, 2026
klicksafe startet bundesweite „Back to School“-Kampagne 2025 – umfangreiche Materialliste für alle Klassenstufen
Ob Hausaufgabenhilfe, Bilderrätsel oder Videos: Künstliche Intelligenz (KI) ist längst auch in der Lebenswelt von Grundschulkindern angekommen. Viele Kinder begegnen KI-Inhalten, ohne sie als solche zu erkennen – etwa in kurzen Clips oder in Chat-Programmen. Damit sie von Anfang an lernen, kritisch hinzuschauen, startet die EU-Initiative klicksafe im September ihre bundesweite „Back to School“-Kampagne.
Für Chancen und Risiken sensibilisieren
Die Kampagne bietet Lehrkräften, Eltern und pädagogischen Fachkräften neue Materialien und Tipps, um Kinder frühzeitig für Chancen und Risiken von KI zu sensibilisieren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Deepfakes: manipulierten Bildern, Videos oder Tonaufnahmen, die täuschend echt wirken. Gerade jüngere Kinder können solche Inhalte oft nicht von echten unterscheiden – ein wichtiges Thema also für den Unterricht in den unteren Klassenstufen.
Umfangreiche Materialliste für alle Klassenstufen
Begleitend stellt klicksafe altersgerechte Materialien bereit: Neben einer umfangreichen Materialliste für alle Klassenstufen gibt es Angebote, die sich besonders gut für die Grundschule eignen, etwa kurze Infokarten, Quiz-Formate oder praxisnahe Tipps zur Förderung von Aufmerksamkeit und Urteilsvermögen im Netz. Sie unterstützen Lehrkräfte dabei, schon mit jüngeren Kindern Fragen wie „Kann ich diesem Bild trauen?“ oder „Woher kommt diese Information?“ zu besprechen.
Für die pädagogische Praxis stellt klicksafe verschiedene neue Materialien bereit:
Die Handreichung „Deep Fake. Deep Impact.“ mit Sachinformationen und Projektideen für Jugendliche ab Klasse 7.
Das Online-Quiz „Deepfake Detectives“ zum spielerischen Erkennen manipulierter Inhalte.
Die „10 Gebote der KI-Ethik“, entwickelt mit dem Institut für Digitale Ethik und JUUUPORT, als Infokarte und Booklet.
Eine Materialliste für alle Klassenstufen mit weiterführenden Angeboten.
Zusätzlich bietet klicksafe vom 15. bis 19. September 2025 eine Q&A-Woche an. Lehrkräfte und Eltern können ihre Fragen rund um KI und Deepfakes direkt per E-Mail an Expert*innen stellen.
Digitale klicksafe-Schulstunde
Die Kampagne läuft den ganzen September. Höhepunkt ist die digitale klicksafe-Schulstunde am 1. Oktober 2025. Zwar richtet sie sich vor allem an Schüler*innen ab Klasse 7, doch auch Grundschulen können die Veranstaltung begleiten – etwa als Anlass, altersgerechte Gespräche über Echtheit, Manipulation und den sicheren Umgang mit digitalen Medien zu führen.
Medienkompetenz ist Demokratiekompetenz
Bundesjugendministerin Karin Prien hebt hervor, dass Kinder Unterstützung brauchen, um KI sicher zu nutzen. Dr. Marc Jan Eumann, Direktor der Medienanstalt Rheinland-Pfalz, betont: „Medienkompetenz ist Demokratiekompetenz.“ Für die Grundschule bedeutet das: Kinder möglichst früh an die Hand nehmen, damit sie lernen, kritisch zu fragen und digitale Inhalte besser einzuordnen.
Kurzvideos im Unterricht: Schnell geschaut – schlecht behalten
geschrieben von Redakteur | März 25, 2026
Zwei Studien der TU Braunschweig zeigen: TikTok & Co. erschweren tiefes Lernen und fördern oberflächliches Denken. Textbasierte Lernformen schneiden besser ab
Kurz, bunt und unterhaltsam – Kurzvideos auf TikTok, Instagram oder YouTube Shorts gehören für viele junge Menschen zum Alltag. Doch wenn es ums Lernen geht, zeigen sich klare Schwächen: Lerninhalte, die per Kurzvideo vermittelt werden, werden schlechter behalten. Wer häufig solche Clips konsumiert, denkt zudem weniger rational. Das zeigen zwei aktuelle Studien der Technischen Universität Braunschweig, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Computers & Education.
Das zentrale Ergebnis: Kurzvideos eignen sich weniger für nachhaltige Wissensvermittlung als klassische Textformate. Bereits wenige Minuten TikTok & Co. reichen aus, um Lernende in einen Modus oberflächlichen Lernens zu versetzen – mit spürbaren Auswirkungen auf die Leistung in anschließenden Wissenstests.
Schnelle Clips – seichtes Lernen
In der ersten Studie befragte Thorsten Otto, Doktorand am Institut für Pädagogische Psychologie, rund 170 Erwachsene im Alter von 18 bis 52 Jahren zu ihrem Nutzungsverhalten und überprüfte ihre Fähigkeit zum rationalen Denken. Das Ergebnis: Wer viele Kurzvideos konsumiert, schnitt beim Test für analytisches Denken signifikant schlechter ab.
In einem zweiten Experiment mit rund 120 Teilnehmenden wurde der Lerneffekt unmittelbar gemessen. Eine Gruppe konsumierte vorab unterhaltende Kurzvideos, danach wurden Inhalte entweder per Text oder Kurzvideo vermittelt – mit identischem Inhalt. Das Resultat war eindeutig: Die Gruppe mit Kurzvideo-Lernmaterial schnitt im anschließenden Quiz deutlich schlechter ab als jene, die mit Texten gearbeitet hatte. Außerdem zeigte sich: Wer vor dem Lernen Unterhaltungsclips geschaut hatte, neigte zu einem oberflächlicheren Lernstil – mit Fokus auf reines Auswendiglernen statt Verstehen.
Multimedialer Reiz – kognitive Überlastung
Kurzvideos entfalten ihre Sogwirkung durch eine Vielzahl gleichzeitiger Reize: schneller Schnitt, Musik, Untertitel, Emojis. Doch genau das birgt eine Gefahr: kognitive Überlastung. Laut der „Cognitive Theory of Multimedia Learning“ behindern zu viele gleichzeitige Reize die effektive Verarbeitung von Informationen – das Lernen wird ineffizient. „Kurzvideos sind kein Ersatz für tiefgehende Lernprozesse“, sagt Thorsten Otto. Ihr Vorteil liegt in der Aufmerksamkeitsbindung, nicht in der Tiefe der Wissensvermittlung. Wenn sie im Unterricht eingesetzt werden, dann gezielt – mit Bedacht auf Tempo, Gestaltung und Ablenkungselemente.
Mehr Medienkompetenz statt Medienverzicht
Trotz kritischer Ergebnisse sieht Otto Kurzvideos nicht grundsätzlich als bildungsfern. Vielmehr betont er: „Wenn es gelingt, soziale Medien verantwortungsvoll und punktuell in den Unterricht zu integrieren, können sie das Engagement junger Menschen fördern.“ Entscheidend sei, Lernende zugleich für die Grenzen dieser Formate zu sensibilisieren.
Sein Rat für alle, die lernen oder lehren:
Beim Lernen auf unterhaltende Kurzvideos verzichten.
Im Unterricht problematisieren, wie Social-Media-Formate wirken.
Kurzvideos didaktisch sinnvoll einsetzen – etwa als Einstieg, nicht als Ersatz für vertiefende Auseinandersetzung.
Push-Benachrichtigungen abschalten, Graustufenmodus aktivieren – um den Reiz des endlosen Scrollens zu brechen.
Kein TikTok-Bashing, aber klare Grenzen
Die Ergebnisse der TU Braunschweig zeigen: Wer effizient und nachhaltig lernen will, sollte Textformaten Vorrang geben – zumindest bei komplexen Inhalten. Kurzvideos können ergänzen, aber nicht ersetzen. Der verantwortungsvolle Umgang mit Social Media muss deshalb Teil moderner Bildung sein – und das gilt für Lernende genauso wie für Lehrkräfte.
Von Gernot Körner, nach einer Studie von Thorsten Otto, Technische Universität Braunschweig
KIM-Studie 2024: Internet-Nutzung im Grundschulalter nimmt deutlich zu
geschrieben von Redakteur | März 25, 2026
Mehr als die Hälfte der Kinder zwischen sechs und 13 Jahren ist täglich online. Auch die schulische Lebenswelt ist zunehmend von mobilen Endgeräten geprägt
Die aktuelle KIM-Studie 2024des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest dokumentiert einen signifikanten Anstieg der täglichen Internetnutzung bei Kindern. 54 Prozent der internetnutzenden Sechs- bis 13-Jährigen sind inzwischen täglich online. Bei den Acht- bis Neunjährigen hat sich dieser Anteil in nur zwei Jahren nahezu verdoppelt – von 23 auf 40 Prozent.
Smartphones bereits im Grundschulalter verbreitet
46 Prozent der befragten Kinder verfügen über ein eigenes Smartphone. Die Geräte sind nicht nur Teil des privaten Alltags, sondern auch im Schulkontext präsent: 77 Prozent der Kinder mit eigenem Smartphone dürfen dieses grundsätzlich mit in die Schule bringen. In 63 Prozent der Fälle ist die Nutzung auf Pausenzeiten begrenzt, 22 Prozent dürfen das Gerät gar nicht verwenden. Drei Prozent berichten von einer uneingeschränkten Nutzung.
Verschiebungen im Bewegtbildkonsum
Erstmals steht mit Netflix ein Streamingdienst an der Spitze der beliebtesten Plattformen für Filme, Serien und Videos bei Kindern. 21 Prozent der Befragten nannten Netflix, gefolgt von KiKA mit 14 Prozent und YouTube mit 11 Prozent. KiKA bleibt dennoch das wöchentlich am häufigsten genutzte Angebot. Der SWR-Intendant Prof. Dr. Kai Gniffke hebt in diesem Zusammenhang die Rolle öffentlich-rechtlicher Medienangebote im digitalen Umfeld hervor.
Offene Plattformen statt redaktioneller Auswahl
Die Studie dokumentiert eine zunehmende Nutzung offener Plattformen wie YouTube. Inhalte werden individuell aus einem breiten, wenig kuratierten Angebot ausgewählt. Dabei stehen altersgerechte und nicht altersgerechte Inhalte oft nebeneinander. Der Präsident der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, Dr. Wolfgang Kreißig, verweist auf die Bedeutung dieser Entwicklungen für die Medienrealität von Kindern.
Mediennutzung häufig ohne technische Begleitung
Die Erhebung gibt auch Einblick in das medienerzieherische Verhalten im Elternhaus: 43 Prozent der Eltern mit smartphonebesitzenden Kindern setzen Bildschirmzeitbeschränkungen ein. 39 Prozent kontrollieren die Nutzungsdauer, ein Viertel führt Gespräche über die Bildschirmzeit. 55 Prozent der Eltern verzichten auf technische oder begleitende Maßnahmen.
Nutzung von Social Media trotz Altersbeschränkung
Plattformen wie TikTok und Instagram werden von vielen Kindern unter 13 Jahren genutzt, obwohl dies laut Nutzungsbedingungen nicht zulässig ist. Die Angebote sind dennoch fester Bestandteil des kindlichen Alltags. Der Direktor der Medienanstalt Rheinland-Pfalz, Dr. Marc Jan Eumann, verweist auf fehlende Alterskontrollen bei den Anbietern und auf die Bedeutung von Aufklärungsinitiativen wie „klicksafe“.
Gernot Körner
Wie Smartphones die frühkindliche Entwicklung stören können
geschrieben von Redakteur | März 25, 2026
Studie zeigt: Elterliche Handynutzung in Gegenwart von Kleinkindern kann deren Verhalten und Bindung beeinträchtigen
Eine aktuelle Metaanalyse zeigt: Wenn Eltern im Beisein ihres Kleinkindes regelmäßig digitale Medien nutzen, wirkt sich das negativ auf die Entwicklung des Kindes aus. Die sogenannte „Technoferenz“ – also die Ablenkung durch Smartphones oder Tablets – steht in Zusammenhang mit schwächeren kognitiven Fähigkeiten, häufigerem problematischem Verhalten, weniger prosozialem Handeln und einer geringeren emotionalen Bindung zwischen Eltern und Kind.
Digitale Ablenkung hat messbare Folgen
Analysiert wurden 21 Studien mit insgesamt fast 15.000 Familien aus zehn Ländern. Die Ergebnisse belegen, dass die elterliche Nutzung digitaler Geräte mit emotionalen und sozialen Auffälligkeiten bei Kindern unter fünf Jahren korreliert. Gleichzeitig verbringen diese Kinder selbst mehr Zeit vor Bildschirmen. Zwar sind die Effekte statistisch gesehen eher klein, doch angesichts der frühkindlichen Sensibilität können sie langfristig große Auswirkungen haben.
Handlungsbedarf in Familien und Kitas
Für pädagogische Fachkräfte ergibt sich daraus ein klarer Auftrag: Eltern sollten für die Auswirkungen ihrer eigenen Mediennutzung sensibilisiert werden. Frühkindliche Bildungsangebote können hier unterstützend wirken – durch Beratung, Aufklärung und praktische Anregungen für einen achtsamen Medienumgang im Familienalltag.
Kinder kommen heute früh mit digitalen Medien in Kontakt – zu Hause, im Kindergarten und in der Freizeit. Diese Alltagspräsenz weckt Interesse und Neugier, stellt aber auch pädagogische Fragen. Medienkompetenz zählt heute zu den Schlüsselkompetenzen und sollte altersgerecht entwickelt werden.
Dabei geht es nicht nur um das Ob, sondern um das Wie: Welche Inhalte sind geeignet, wie lange ist die Nutzung sinnvoll, und welche Rolle spielen Alter und Kontext? Diese Überlegungen betreffen bereits die Jüngsten – vom Krippen- bis ins Grundschulalter.
Wenn digitale Medien zum Thema in der frühen Bildung werden, ist eine sorgfältige Auseinandersetzung nötig. Diese Streitschrift fordert dazu auf, Nutzung und Wirkung differenziert zu betrachten.