Sprachförderung in Kitas: „Wir brauchen vor allem mehr Zeit“
geschrieben von Redakteur | Oktober 2, 2026
Mehrsprachigkeit ist in fast jeder Kita Alltag. Eine bundesweite Umfrage zeigt: Der Förderbedarf der Kinder ist den Fachkräften meist bekannt – für eine gezielte Unterstützung fehlen aber Zeit und Personal.
In mehr als 92 Prozent der befragten Kitas wachsen Kinder auf, die zu Hause überwiegend eine andere Sprache als Deutsch sprechen. Das ergab eine Umfrage des Paritätischen Gesamtverbands unter mehr als 3.200 Einrichtungen (Mai bis Juni 2025). Mehrsprachigkeit ist damit kein Ausnahmefall mehr, sondern Normalität im pädagogischen Alltag.
Viele Kitas fühlen sich überfordert
Nur 36 Prozent der Einrichtungen können die sprachliche Vielfalt nach eigenen Angaben gezielt fördern. Weniger als die Hälfte traut sich zu, die Sprachentwicklung mehrsprachig aufwachsender Kinder fachlich sicher einzuschätzen.
„Kinder bringen mit ihrer Mehrsprachigkeit eine enorme Ressource mit, doch leider ist das System der Kindertagesbetreuung noch zu wenig darauf eingestellt. Dabei hilft ein guter Erstspracherwerb nachweislich auch beim Erlernen der deutschen Sprache“, sagt Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands.
Es fehlt die Zeit, nicht das Wissen
Das Problem liegt weniger im Erkennen des Förderbedarfs als in seiner Umsetzung. Zwei Drittel der Einrichtungen geben an, den Bedarf mit dem aktuellen Personalschlüssel nicht abdecken zu können – gegenüber der Erhebung von 2021 hat sich die Lage deutlich verschlechtert.
„Die Erfassung des Sprachstandes ist bereits heute gängige Praxis. Viele Fachkräfte kennen die Unterstützungsbedarfe der Kinder. Aber oft fehlt die Zeit, um allen Kindern gerecht zu werden“, so Rock.
Dabei braucht Sprachförderung vor allem Regelmäßigkeit und individuelle Begleitung. Sie findet nicht nur in eigenen Fördereinheiten statt, sondern beim Frühstück, im Spiel, beim Bilderbuchbetrachten, beim Singen und in jeder Alltagssituation. Voraussetzung ist, dass Erzieherinnen und Erzieher Zeit für die Kinder haben.
Was Fachkräfte und Verband fordern
Die befragten Fachkräfte setzen vor allem auf alltagsintegrierte Sprachförderung, Fortbildungen und eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern. Dafür brauchen sie:
ausreichend Personal,
Zeit für Beobachtung und Dokumentation,
Raum für fachlichen Austausch und Fortbildung,
Materialien und Konzepte, die Mehrsprachigkeit nicht als Problem behandeln, sondern die Familiensprachen der Kinder als Ressource einbeziehen.
Der Paritätische fordert außerdem eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an den Kosten sprachlicher Bildung. Kitas mit vielen benachteiligten Kindern sollen zusätzliche Zeitkontingente und Funktionsstellen für Sprachbildung erhalten.
Eltern und Grundschulen stärker einbinden
Bei mehrsprachigen Kindern lohnt es sich besonders, die Spracherfahrungen aus der Familie in die Kita-Arbeit einzubeziehen. Ein regelmäßiger Austausch mit den Eltern zeigt ein vollständigeres Bild vom Kind und hilft, passende Angebote zu finden.
Schwierig ist auch der Übergang in die Grundschule: Nur 35 Prozent der Kitas berichten von einer ausreichenden Verständigung mit den aufnehmenden Schulen. In größeren Städten kooperieren manche Einrichtungen mit bis zu zehn verschiedenen Grundschulen – eine kontinuierliche Abstimmung ist so kaum möglich.
Fazit
Sprachförderung ist eine Kernaufgabe frühkindlicher Bildung, doch die Rahmenbedingungen erschweren die individuelle Begleitung. Damit Kinder ihre sprachlichen Fähigkeiten entfalten können, brauchen Fachkräfte mehr Zeit, passende Konzepte und fachliche Unterstützung. Und die Zusammenarbeit mit Familien und Schulen muss so laufen, dass Informationen an den Übergängen nicht verloren gehen.
Quelle: Pressemitteilung des Paritätischen Gesamtverbands
Sprachentwicklung verstehen, Kinder sprachlich nachhaltig stärken und Sprache im Alltag lebendig gestalten.
In diesem praxisnahen Fachbuch erläutert Armin Krenz, warum sprachliche Bildung in der Kita weit mehr ist als gezielte Sprachförderung. Kinder benötigen Erwachsene, die als positive Sprachvorbilder agieren, aufmerksam zuhören, individuelle Ausdrucksformen verstehen und Gespräche wertschätzend begleiten
Format: 210,0 x 14,8 cm ISBN: 9783963046223 25,00 € Burckhardthaus
Mehrsprachigkeit in der Kita: Wie gut sind Fachkräfte vorbereitet?
geschrieben von Redakteur | Oktober 2, 2026
Mehrsprachigkeit gehört in die Kita-Ausbildung
Sprachbildung wird für pädagogische Fachkräfte immer wichtiger. Doch eine aktuelle Auswertung des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zeigt: Nicht alle Fachkräfte werden in ihrer Ausbildung ausreichend auf die sprachliche Vielfalt in Kitas vorbereitet.
In deutschen Kindertageseinrichtungen ist Mehrsprachigkeit längst Alltag. Viele Kinder wachsen mit einer anderen Familiensprache als Deutsch auf und lernen Deutsch erst oder zusätzlich in der Kita. Damit tragen pädagogische Fachkräfte eine große Verantwortung für die sprachliche Bildung dieser Kinder. Doch wie gut sind sie darauf vorbereitet?
Was die Auswertung zeigt
Das DJI hat aktuelle Daten zur Ausbildung pädagogischer Fachkräfte ausgewertet. Sprachbezogene Themen haben demnach inzwischen ihren Platz in der Ausbildung: 48 Prozent der befragten Fachkräfte geben an, sich schon während ihrer Ausbildung damit beschäftigt zu haben. Umgekehrt heißt das: Mehr als die Hälfte hat das nicht getan. Beim Thema Mehrsprachigkeit zeigen sich außerdem Unterschiede zwischen den Altersgruppen.
Sprache lernen Kinder im Alltag
Sprachbildung findet nicht nur in eigens dafür vorgesehenen Angeboten statt. Sie begleitet den ganzen Kita-Tag: beim gemeinsamen Frühstück, im Freispiel, beim Vorlesen, Singen und Basteln oder im Gespräch über Erlebtes.
Für Kinder, die zu Hause eine andere Sprache sprechen, sind solche Situationen besonders wertvoll. Sie lernen neue Wörter kennen, probieren Sätze aus und kommen mit anderen Kindern und Erwachsenen ins Gespräch.
Dafür brauchen Fachkräfte mehr als sprachdidaktisches Wissen. Sie müssen erkennen, welche sprachlichen Fähigkeiten ein Kind bereits mitbringt, und wissen, wie sich die Familiensprache sinnvoll in den Kita-Alltag einbeziehen lässt.
Mehrsprachigkeit als Teil der Lebenswelt
Wer mehrsprachig aufwächst, beherrscht keine Sprache „nicht richtig“. Kinder nutzen ihre Sprachen einfach in unterschiedlichen Lebensbereichen. Die Familiensprache gehört dabei zu ihrer Lebenswelt und ihrer Identität.
Professionelle Sprachbildung sollte sich deshalb nicht darauf beschränken, wie schnell ein Kind Deutsch lernt. Ebenso wichtig ist, welche sprachlichen Erfahrungen es schon mitbringt und wie die Kita daran anknüpfen kann. Dafür brauchen Fachkräfte fundiertes Wissen und Handlungssicherheit.
Die Ausbildung ist der Schlüssel
Die DJI-Ergebnisse machen deutlich, welche Rolle Sprachbildung in der Qualifizierung pädagogischer Fachkräfte spielt. Wenn Kitas sprachlich immer vielfältiger werden, muss sich das auch in Ausbildung und Weiterbildung widerspiegeln.
Dabei geht es nicht nur um zusätzliche Förderprogramme. Fachkräfte müssen vor allem wissen, wie sie Sprache im Alltag, im Spiel und in der Beziehung zu den Kindern anregen können. Denn Kinder lernen Sprache dort, wo sie etwas zu erzählen haben, Fragen stellen dürfen, gemeinsam handeln und ernst genommen werden.
Quelle: Deutsches Jugendinstitut (DJI), Pressemitteilung vom 1. Juli 2026: „Sprachbildung wird in Kitas immer wichtiger“.
Sprachentwicklung verstehen, Kinder sprachlich nachhaltig stärken und Sprache im Alltag lebendig gestalten.
In diesem praxisnahen Fachbuch erläutert Armin Krenz, warum sprachliche Bildung in der Kita weit mehr ist als gezielte Sprachförderung. Kinder benötigen Erwachsene, die als positive Sprachvorbilder agieren, aufmerksam zuhören, individuelle Ausdrucksformen verstehen und Gespräche wertschätzend begleiten
Format: 210,0 x 14,8 cm ISBN: 9783963046223 25,00 € Burckhardthaus
Brauchen Kinder Apps, um besser lesen zu lernen?
geschrieben von Redakteur | Oktober 2, 2026
Digitale Angebote versprechen Leseförderung. Doch was Kindern hilft, hängt vor allem von ihrem Alter und Entwicklungsstand ab
Ein zweijähriges Kind ist kein kleiner Achtjähriger. Und ein Vorschulkind lernt anders als ein Grundschulkind, das bereits Wörter entziffern kann. Das klingt selbstverständlich – wird in der Diskussion um digitale Bildung aber erstaunlich oft übersehen.
Gerade für die Leseförderung ist dieser Unterschied entscheidend. Denn Lesenlernen beginnt lange bevor ein Kind seinen ersten Buchstaben entziffert. Am Anfang stehen Beziehung und Sprache, Wahrnehmung und Bewegung, gemeinsames Schauen und Zeigen, Zuhören und Erzählen. Erst allmählich kommen Symbole, Laute und Buchstaben hinzu. Später folgen Dekodieren, Automatisieren, Leseflüssigkeit und Textverständnis.
Wer digitale Medien zur Leseförderung einsetzen möchte, sollte deshalb nicht zuerst fragen: Was kann die App?
Die wichtigere Frage lautet: Was braucht dieses Kind in seiner jetzigen Entwicklungsphase – und kann ein digitales Angebot dazu tatsächlich mehr beitragen als die analoge Erfahrung?
0 bis 3 Jahre: Je jünger, desto sinnlicher
Je jünger ein Kind ist, desto weniger darf Leseförderung auf Lesen im engeren Sinne reduziert werden.
Kleine Kinder lernen mit dem ganzen Körper. Sie greifen, tasten und bewegen sich. Sie drehen, tragen und untersuchen Gegenstände, betrachten, hören und probieren aus. Im Austausch mit anderen Menschen verbinden sich diese Erfahrungen mit Wörtern und Bedeutungen.
Das ist eine wesentliche Grundlage der späteren Lesefähigkeit.
Ein Bilderbuch ist in diesem Entwicklungsprozess weit mehr als ein Träger von Geschichten. Das Kind hält es in den Händen. Es spürt sein Gewicht, öffnet und schließt es, blättert vor und zurück. Die Katze auf Seite vier bleibt auf Seite vier. Das Kind kann zurückblättern und sie wiederfinden. Und während es auf die Katze zeigt, sagt vielleicht der Vater: „Ja, da ist sie wieder. Wo will sie denn hin?“
So verbinden sich Gegenstand, Bild, Sprache, Bedeutung und Beziehung.
Ein Tablet kann ebenfalls eine Katze zeigen. Aber damit sind Tablet und Bilderbuch für ein zweijähriges Kind entwicklungspsychologisch noch lange nicht dasselbe.
Das gemeinsame Buch ist auch eine soziale Erfahrung
Wie sehr das Medium die gemeinsame Situation beeinflussen kann, zeigt eine Untersuchung von Tiffany Munzer und Kollegen mit 37 Eltern-Kleinkind-Paaren. Die Kinder waren 24 bis 36 Monate alt. Eltern und Kinder zeigten beim gemeinsamen Lesen auf dem Tablet weniger soziale Gegenseitigkeit als beim gedruckten Buch. Die Forschenden beobachteten beim Tablet unter anderem häufiger Verhaltensweisen, bei denen Eltern und Kinder um das Gerät oder seine Bedienung konkurrierten.
Die Autoren folgern daraus nicht, dass gemeinsames digitales Lesen grundsätzlich misslingt. Die Studie zeigt aber, dass ein Tablet die soziale Situation des gemeinsamen Betrachtens verändern kann.
Auch eine große Meta-Analyse von May Irene Furenes, Natalia Kucirkova und Adriana Bus mahnt zur Vorsicht. Sie wertete 39 Studien aus 30 Publikationen mit insgesamt 1.812 Kindern zwischen einem und acht Jahren aus. Unterschieden sich Papierbuch und digitales Buch im Wesentlichen nur durch das Medium, verstanden die Kinder die Geschichte auf Papier besser.
Digital ist also nicht automatisch besser, nur weil technisch mehr möglich ist.
Lese-Apps schon für Zweijährige?
Umso bemerkenswerter ist, dass die Stiftung Lesen in ihrem aktuellen Angebot weiterhin Apps ausdrücklich ab zwei Jahren empfiehlt. Darunter befinden sich Sprach-, Bilderbuch-, Wimmel- und Spiele-Apps.
Bei der App „Meine Stadt: Wimmelbuch für Kinder“ schreibt die Stiftung sogar, die interaktiven Elemente seien eine sinnvolle Erweiterung und böten einen „echten Mehrwert“ gegenüber dem Bilderbuch. Zugleich empfiehlt sie ausdrücklich, die App gemeinsam zu nutzen und die Kinder sprachlich zu begleiten.
Bei einer ebenfalls ab zwei Jahren empfohlenen Sprachlern-App heißt es dagegen, jüngere Kinder könnten sie nach einer kurzen gemeinsamen Einführung auch allein nutzen.
Aus entwicklungspsychologischer Sicht stellt sich hier eine grundsätzliche Frage: Welchen zusätzlichen Nutzen bietet der Bildschirm einem Zweijährigen?
Wenn ein zweijähriges Kind mit einem Erwachsenen ein Wimmelbuch betrachtet, zeigt, sucht, benennt, erzählt und zurückblättert, geschieht bereits sehr viel von dem, was seine spätere Lesekompetenz vorbereitet.
Soll an die Stelle dieser Erfahrung ein Bildschirm treten, braucht es dafür einen guten Grund.
Dass eine App bunt, animiert und interaktiv ist, genügt nicht.
Was macht das Kind stattdessen nicht?
Bei kleinen Kindern kommt eine zweite Frage hinzu, die in der Diskussion über digitale Bildung häufig zu kurz kommt: Was würde das Kind in dieser Zeit sonst tun?
Zeit lässt sich nicht vermehren.
Zwanzig Minuten Bilderbuch-App können zwanzig Minuten weniger freies Spiel bedeuten. Oder weniger Bewegung. Weniger Gespräch. Weniger Erkunden der wirklichen Welt. Weniger gemeinsames Bilderbuch.
Das sind die Opportunitätskosten der Bildschirmnutzung.
Eine Meta-Analyse in JAMA Pediatrics wertete 42 Studien mit insgesamt 18.905 Kindern aus. Eine größere Menge an Bildschirmnutzung war im Durchschnitt mit schwächeren sprachlichen Fähigkeiten verbunden. Qualitativ hochwertigere Inhalte und die gemeinsame Nutzung mit Erwachsenen waren dagegen mit besseren sprachlichen Fähigkeiten assoziiert.
Das beweist nicht, dass Bildschirmzeit Sprachprobleme verursacht. Die Ergebnisse sprechen aber dafür, bei kleinen Kindern nicht nur auf die Qualität eines digitalen Angebots zu schauen, sondern auch darauf, welche anderen Erfahrungen dadurch möglicherweise verdrängt werden.
Als das digitale Bilderbuch die Zukunft sein sollte
Wie groß die Erwartungen an digitale Bilderbücher einmal waren, lässt sich heute leicht vergessen.
Vor rund zehn Jahren sagte der Bildungswissenschaftler Prof. Wassilios E. Fthenakis bei einer Veranstaltung des Didacta Verbands, an der der Autor dieses Beitrags gemeinsam mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen teilnahm, sinngemäß voraus, dass das klassische Bilderbuch keine Zukunft habe. Die Zukunft gehöre vielmehr Bilderbüchern, die durch digitale Bildschirminhalte erweitert würden.
Die Entwicklung verlief anders. Digitale Bilderbücher und Bilderbuch-Apps gibt es weiterhin. Das klassische Bilderbuch haben sie jedoch nicht verdrängt. Im Gegenteil!
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine repräsentative Befragung der Stiftung Lesen aus dem Jahr 2012. Unter den Eltern, die sich nicht vorstellen konnten, künftig Bilder- und Kinderbuch-Apps mit ihrem Kind anzuschauen, sagten 68 Prozent, dass sie gedruckte Bücher bevorzugten. 59 Prozent hatten kein Interesse an solchen Apps, 51 Prozent hielten Bilderbuch-Apps nicht für sinnvoll.
Vielleicht wurde damals unterschätzt, dass das Bilderbuch gerade für kleine Kinder nicht nur ein Träger von Bildern und Geschichten ist. Seine Materialität und die gemeinsame Situation sind Teil der Erfahrung.
3 bis 6 Jahre: Nicht jede Interaktion fördert das Verstehen
Mit zunehmendem Alter verändert sich die Aufgabe. Geschichten werden komplexer. Wortschatz und Erzählfähigkeit entwickeln sich weiter. Kinder spielen mit Reimen, entdecken Silben und Laute und interessieren sich zunehmend für Buchstaben und Schrift.
Nun können auch digitale Angebote mehr Möglichkeiten eröffnen.
Aber „interaktiv“ bedeutet noch lange nicht „lernwirksam“.
Eine aktuelle Meta-Analyse von Adriana Bus und Kolleginnen untersuchte 20 Publikationen mit insgesamt 1.978 Kindern zwischen zwei und acht Jahren. Verglichen wurden digitale Bilderbücher mit und ohne interaktive Elemente.
Das Ergebnis ist bemerkenswert: Interaktive Funktionen verbesserten das Geschichtenverständnis im Durchschnitt praktisch nicht.
Minispiele beeinträchtigten das Verständnis sogar. Auch Hotspots und eingestreute Fragen brachten keinen verlässlichen Vorteil. Günstiger schnitten bestimmte Aktionen ab, die unmittelbar zur Geschichte passten. Für diese Detailbefunde lagen allerdings deutlich weniger Studien vor.
Ein Kind kann auf einem Bildschirm also außerordentlich beschäftigt sein, ohne sich intensiv mit einer Geschichte auseinanderzusetzen.
Tippen ist nicht verstehen. Wischen ist nicht lesen.
Polylino zeigt, wo Digitales mehr leisten kann
Es wäre deshalb falsch, digitale Medien pauschal gegen analoge auszuspielen. Entscheidend ist, ob die Technik einen spezifischen zusätzlichen Nutzen bietet.
Ein gutes Beispiel dafür ist Polylino.
Die Plattform bietet nach Angaben des Anbieters mehr als 2.000 Bilderbücher in bis zu 70 Audiosprachen und 40 Schriftsprachen. Zu vielen Büchern gibt es Gesprächsimpulse. Die Geschichten können auf dem Tablet genutzt, aber ebenso gemeinsam auf einem großen Bildschirm als Bilderbuchkino betrachtet werden.
Gerade für mehrsprachige Kinder ist das ein erheblicher Gewinn.
Ein Kind kann dieselbe Geschichte auf Deutsch und in seiner Familiensprache erleben. In einer Kita-Gruppe mit Kindern unterschiedlicher Herkunft wird damit etwas möglich, was selbst eine sehr gut ausgestattete analoge Bibliothek kaum leisten kann: eine große Zahl von Bilderbüchern unmittelbar in zahlreichen Sprachen verfügbar zu machen.
Hier ersetzt das Digitale nicht zwangsläufig das Bilderbuch. Es erweitert dessen Möglichkeiten.
Sein besonderes Potenzial entfaltet Polylino dort, wo anschließend wieder das geschieht, was für die Sprach- und Leseentwicklung entscheidend ist: Erwachsene und Kinder betrachten gemeinsam, stellen Fragen, erzählen, erklären Wörter und sprechen über die Geschichte.
Digitaltechnik zeigt hier ihre Stärke nicht darin, das Analoge nachzuahmen, sondern darin, etwas zusätzlich zu ermöglichen.
Hörgeschichten sind wertvoll – aber noch kein Lesen
Auch Toniebox und Hörbücher haben ihren Platz. Kinder begegnen neuen Wörtern, verfolgen Handlungen und lernen Erzählstrukturen kennen. Das sind wichtige Voraussetzungen späterer Lesekompetenz.
Aber ein Kind, das einer Geschichte zuhört, liest nicht.
Gegenüber dem Vorlesen durch einen Menschen fehlt zudem die unmittelbare Interaktion. Eine Aufnahme bemerkt nicht, dass das Kind ein Wort nicht verstanden hat. Sie beantwortet keine Frage und reagiert nicht auf das, was das Kind gerade beschäftigt.
Hörgeschichten können gemeinsames Vorlesen deshalb hervorragend ergänzen. Sie sollten es nicht ersetzen.
Im Vorschulalter bleibt die wirkliche Welt der Maßstab
Auch bei Reimen, Silben, Lauten und ersten Buchstaben sollte nicht automatisch der Bildschirm zum Lernort werden.
Reime kann man sprechen und singen. Silben lassen sich klatschen. Buchstaben können Kinder schreiben, legen und ertasten. Wörter begegnen ihnen auf Straßenschildern, Verpackungen und in Büchern.
Eine App muss deshalb mehr leisten, als nach der richtigen Antwort Sterne regnen zu lassen.
Sie kann sinnvoll sein, wenn sie beispielsweise gezielt eine Fähigkeit übt, die Aufmerksamkeit darauf konzentriert und angemessene Rückmeldung gibt. Aber die Technik muss sich weiterhin an der Entwicklungsaufgabe des Kindes messen lassen – nicht umgekehrt.
6 bis 8 Jahre: Jetzt verändert sich die Bilanz
Mit dem eigentlichen Schriftspracherwerb verändert sich die Situation deutlich.
Nun müssen Kinder Buchstaben und Laute sicher miteinander verbinden, Wörter zunehmend automatisch erkennen und schließlich so flüssig lesen, dass genügend geistige Kapazität für das Textverständnis übrig bleibt.
Hier besitzt Digitaltechnik Möglichkeiten, die analog nur mit größerem Aufwand verfügbar sind. Programme können Aufgaben individuell anpassen, ein korrektes Lesemodell vorsprechen, wiederholtes Lesen organisieren, die Stimme eines Kindes aufnehmen oder unmittelbar Rückmeldung geben.
Anwendungen wie eKidz oder Leseo werden deshalb in dieser Entwicklungsphase wesentlich interessanter als für ein Kleinkind.
Doch auch jetzt gilt: Ein pädagogisch plausibles digitales Angebot ist nicht automatisch einer guten analogen Förderung überlegen.
Eine 2026 erschienene deutsche Studie macht das deutlich. 249 Grundschulkinder an drei Schulen nahmen sechs Monate lang an einer Leseförderung teil. Klassen wurden einer analogen, einer digitalen oder einer Kontrollbedingung zugeordnet. Die analoge Förderung zeigte kleine positive Effekte auf die Lesekompetenz, während die Ergebnisse der digitalen Variante weniger konsistent ausfielen.
Die Untersuchung umfasst allerdings nur drei Schulen, und die Wirksamkeit unterschied sich deutlich nach Schulkontext und vorhandenen Ressourcen. Ein allgemeiner Sieg des Papiers über das Digitale lässt sich daraus nicht ableiten.
Sehr wohl aber die Erkenntnis:
Eine gute Förderidee wird nicht dadurch besser, dass man sie auf einen Bildschirm verlegt.
Ab etwa 8 Jahren: Lesen muss zum Lesen werden
Je sicherer Kinder lesen, desto stärker verschiebt sich das Ziel. Jetzt geht es zunehmend um Leseflüssigkeit, längere Texte, Textverständnis und schließlich darum, freiwillig und selbstständig zu lesen.
Auch digitale Texte gehören selbstverständlich zu dieser Lebenswelt.
Doch gerade jetzt stellt sich erneut die Frage nach der Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Ein Buch kann erstaunlich wenig: Man kann darin lesen, blättern, zurückgehen – und es wieder zuklappen.
Das kann ein Vorteil sein.
Ein Tablet oder Smartphone kann gleichzeitig Nachrichten anzeigen, Spiele anbieten, Videos abspielen und den nächsten Reiz liefern. Das muss nicht geschehen, aber die technische Umgebung ermöglicht es.
Für konzentriertes Lesen ist deshalb nicht entscheidend, ob ein Text „digital“ oder „analog“ ist. Entscheidend ist, wie gut das Medium eine anhaltende Beschäftigung mit dem Text unterstützt.
Antolin: Wenn Punkte zum Lesen locken
Antolin stellt dabei einen interessanten Sonderfall dar. Das eigentliche Lesen kann weiterhin ganz klassisch im gedruckten Buch stattfinden. Digital ist vor allem das, was danach kommt: Fragen beantworten, Rückmeldung erhalten und Punkte sammeln.
Das kann Kinder motivieren, überhaupt zu einem Buch zu greifen.
Optimale Leseförderung möchte langfristig jedoch mehr erreichen. Kinder sollen irgendwann lesen, weil sie wissen wollen, wie eine Geschichte weitergeht, weil sie etwas erfahren möchten oder weil Lesen selbst befriedigend geworden ist.
Äußere Anreize können auf diesem Weg helfen. Sie sollten aber nicht zum eigentlichen Zweck des Lesens werden.
Digital statt was?
Damit kommen wir zur vielleicht wichtigsten Frage dieses Beitrags. Denn die Frage lautet nicht, ob der Bildschirm nun gut oder schlecht für das Kind ist. Sie lautet schlicht: Digital statt was?
Ein digitales Bilderbuch statt gar keiner Geschichte? Dann kann das Digitale ein Gewinn sein.
Polylino, weil ein Kind dadurch dieselbe Geschichte auf Deutsch und in seiner Familiensprache erleben kann? Ein echter zusätzlicher Nutzen.
Ein adaptives Lesetraining für ein achtjähriges Kind mit Schwierigkeiten bei der Leseflüssigkeit? Auch hier kann Digitaltechnik ihre Stärken ausspielen.
Tablet statt gemeinsamem Bilderbuch mit einem Zweijährigen? Dann muss der Bildschirm zeigen, welchen Vorteil er gegenüber Buch, Gespräch, sinnlicher Erfahrung und gemeinsamer Aufmerksamkeit bietet.
Toniebox statt passiver Bildschirmunterhaltung? Dann kann die Hörgeschichte die sinnvollere Alternative sein.
Toniebox statt Vorlesen? Dann geht ein Teil der sprachlichen und sozialen Interaktion verloren.
Lese-App statt selbstständigem Lesen? Dann sollte es einen guten Grund dafür geben, warum das Kind seine Zeit nicht besser mit einem passenden Buch verbringt.
Immer vom Kind aus denken
Die Forschung liefert deshalb keine einfache Antwort auf die Frage, ob digitale Medien zur Leseförderung gehören.
Das Alter und der Entwicklungsstand entscheiden.
Je jünger ein Kind ist, desto stärker lernt es über Körper, Sinne, Bewegung, reale Gegenstände und unmittelbare menschliche Beziehungen. Gerade in dieser Phase sollte digitale Leseförderung einen erkennbaren zusätzlichen Nutzen bieten und nicht Erfahrungen verdrängen, die für die Entwicklung wertvoller sind.
Im Vorschulalter können digitale Angebote Sprache, Geschichten und erste Begegnungen mit Schrift ergänzen. Gespräch, Spiel, Bewegung und Bilderbücher bleiben jedoch die Basis.
Mit dem eigentlichen Schriftspracherwerb verändert sich die Bilanz. Jetzt können adaptive Programme, unmittelbares Feedback und individuell abgestimmte Übungen tatsächlich etwas leisten, was analog schwieriger zu organisieren ist.
Und je selbstständiger Kinder lesen, desto selbstverständlicher wird auch digitales Lesen Teil ihrer Lebenswelt.
Optimale Leseförderung ist deshalb weder grundsätzlich analog noch grundsätzlich digital.
Sie beginnt mit einer anderen Frage:
Was braucht dieses Kind jetzt, um den nächsten Entwicklungsschritt auf dem Weg zum Lesen zu bewältigen?
Manchmal kann dabei eine gute App helfen. Polylino kann Möglichkeiten eröffnen, die ein einzelnes Bücherregal nicht bietet. Ein digitales Training kann einem Schulkind genau die Übungen anbieten, die es gerade benötigt.
Aber gerade am Anfang des Lesenlernens sind die wichtigsten Fördermittel erstaunlich wenig technisch:
Zeit. Sprache. Bewegung. Sinnliche Erfahrungen. Geschichten. Ein gutes Buch. Und ein Mensch, der sich gemeinsam mit dem Kind dafür interessiert.
Quellen und weiterführende Literatur
Bus, A. G., Kucirkova, N., Ten Braak, D. & Ciesielska, M. (2026): Which Interactive Features in Children’s Digital Picture Books Promote Reading Comprehension? A Meta-Analysis. Early Education and Development, 37(2), 269–288.
Furenes, M. I., Kucirkova, N. & Bus, A. G. (2021): A Comparison of Children’s Reading on Paper Versus Screen: A Meta-Analysis. Review of Educational Research, 91(4), 483–517.
Heinz, J., Neuberger, F., Eras, L. & Hauck-Thum, U. (2026): Bridging the digital divide? Effects of analog and digital reading interventions in German elementary schools. Learning and Instruction, 103, 102324.
Madigan, S., McArthur, B. A., Anhorn, C., Eirich, R. & Christakis, D. A. (2020): Associations Between Screen Use and Child Language Skills: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Pediatrics, 174(7), 665–675.
Munzer, T. G., Miller, A. L., Weeks, H. M., Kaciroti, N. & Radesky, J. (2019): Parent-Toddler Social Reciprocity During Reading From Electronic Tablets vs Print Books. JAMA Pediatrics, 173(11), 1076–1083.
Stiftung Lesen (2012): Vorlesestudie 2012: Vorlesen mit Bilder- und Kinderbuch-Apps. Repräsentative Befragung von 250 Vätern und 250 Müttern.
Bisher sind in der Reihe zur Leseförderung folgende Beiträge erschienen:
spielen und lernen: Verstehen, was Kinder wirklich brauchen
Hat Ihnen dieser Artikel neue Erkenntnisse oder praktische Anregungen gegeben? Dann abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter. Alle 14 Tage erhalten Sie aktuelle Erkenntnisse aus Pädagogik und Bildungsforschung, fundierte Beiträge und konkrete Impulse für die Praxis direkt in Ihr E-Mail-Postfach. Da wir hierzulande noch nicht von Luft und unserer Liebe zu unserer Aufgabe existieren können, gibt es ab und zu auch mal eine Anzeige. Aber als unabhängiges Medium erhalten wir keine weitere Unterstützung und nur so können wir die Beiträge für Sie kostenfrei anbieten.
Wie Kinder den geheimen Code unserer Buchstaben knacken
geschrieben von Redakteur | Oktober 2, 2026
Warum Hören, Sprechen und Wortschatz zum Lesenlernen gehören – und weshalb gute Leseförderung bei mehrsprachigen Kindern auch Deutsch fördert
„Maus“, sagt das Kind und zeigt auf das Tier im Bilderbuch. „Und womit fängt Maus an?“, fragt der Vater. Das Kind überlegt kurz: „Mit M.“ Eine unscheinbare Szene – und doch passiert im Kopf des Kindes gerade etwas Erstaunliches. Es hat nicht nur das Bild erkannt und das passende Wort gefunden. Es beginnt, das Wort selbst zu untersuchen. Plötzlich geht es nicht mehr allein darum, was „Maus“ bedeutet, sondern auch darum, wie das Wort klingt und woraus es besteht. Das Kind entdeckt Sprache als etwas, das man auseinandernehmen kann.
Normalerweise tun wir das nicht. Wenn jemand sagt: „Hol bitte deine Jacke“, denken wir weder darüber nach, dass „Jacke“ aus zwei Silben besteht, noch interessiert uns der erste Laut des Wortes. Wir verstehen die Botschaft und holen – hoffentlich – die Jacke. Beim Lesenlernen muss ein Kind Sprache jedoch auf einmal mit anderen Augen und Ohren betrachten. Es muss entdecken, dass gesprochene Wörter aus kleineren lautlichen Einheiten bestehen und dass sich diese Laute mit Zeichen auf dem Papier verbinden lassen. Aus dem gehörten /m/ wird das sichtbare M. Und aus M, AU und S wird irgendwann nicht mehr eine rätselhafte Folge schwarzer Zeichen, sondern eine Maus.
An dieser Stelle kommt die phonologische Bewusstheit ins Spiel. Sie gehört zu den wichtigen Grundlagen des Schriftspracherwerbs. Sie ist aber nicht mit Leseförderung gleichzusetzen. Denn ein Kind muss nicht nur den Code der Schrift entschlüsseln. Es muss auch die Sprache verstehen, die dieser Code transportiert. Gerade für Kinder, die Deutsch als zweite oder weitere Sprache erwerben, wird dieser Unterschied besonders wichtig.
Wenn Wörter plötzlich einen Klang bekommen
Phonologische Bewusstheit klingt komplizierter, als sie im Alltag ist. Gemeint ist die Fähigkeit, die lautliche Struktur von Sprache bewusst wahrzunehmen und mit ihr umzugehen. Kinder entdecken beispielsweise, dass „Haus“ und „Maus“ ähnlich klingen, können „Ba-na-ne“ in Silben zerlegen oder hören, dass „Maus“ mit einem anderen Laut beginnt als „Laus“. Bei der phonologischen Bewusstheit im weiteren Sinne geht es um größere Einheiten wie Wörter, Reime und Silben. Die phonemische Bewusstheit richtet sich dagegen auf einzelne Sprachlaute, die Phoneme. Ein Kind hört dann beispielsweise das /m/ am Anfang von „Maus“ oder kann mehrere einzeln vorgesprochene Laute zu einem Wort verbinden.
Diese Unterscheidung ist für das Lesenlernen wichtig. Denn unser alphabetisches Schriftsystem beruht darauf, dass gesprochene Sprache mit Schriftzeichen dargestellt werden kann. Was uns Erwachsenen banal erscheint, ist für Kinder eine gewaltige Abstraktionsleistung. Ein Kind muss verstehen, dass der Laut /m/, den es schon seit Jahren hört und spricht, mit einem Zeichen zusammenhängt, das so aussieht: M. Nach und nach muss es solche Beziehungen für immer mehr Buchstaben und Buchstabengruppen entdecken und die einzelnen Laute beim Lesen wieder zu Wörtern verbinden. Erst dann verwandelt sich Schrift in Sprache.
Dass phonologische und insbesondere phonemische Fähigkeiten beim Schriftspracherwerb eine wichtige Rolle spielen, gehört zu den robusten Befunden der Leseforschung. Zugleich ist das wissenschaftliche Bild differenzierter geworden. Phonologische Bewusstheit sollte nicht als isolierte Fähigkeit verstanden werden, die Kinder zunächst vollständig erwerben müssen, bevor das eigentliche Lesenlernen beginnen kann. Sie entwickelt sich im Zusammenspiel mit Buchstabenkenntnis, alphabetischem Wissen und den ersten Erfahrungen mit Schrift.
Klatschen allein macht noch keine Leser
Kaum etwas steht so sehr für phonologische Förderung wie das Silbenklatschen. „Ba-na-ne“ – drei Silben, drei Mal klatschen. Auch Reimspiele gehören zu den Klassikern: Haus – Maus, Hand – Wand, Hose – Rose. Solche Spiele haben ihren Sinn. Kinder entdecken dadurch, dass Wörter nicht nur etwas bedeuten, sondern auch eine Form und einen Klang besitzen. Sie lernen gewissermaßen, Sprache von außen zu betrachten.
Nur sollte daraus kein pädagogischer Dauerlauf werden. Ein Kind wird nicht automatisch zum besseren Leser, wenn es genügend Silben geklatscht hat. Für das alphabetische Lesen wird zunehmend entscheidend, dass es einzelne Laute wahrnimmt und diese mit geschriebenen Zeichen verbinden kann. Aus „Hörst du das /m/?“ wird irgendwann „Das ist das M“. Und später: „Schau, hier steht MAMA. Hörst du das /m/ auch dort?“ Genau an solchen Stellen verwandelt sich ein Sprachspiel allmählich in Leseförderung.
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Meta-Analyse von Florina Erbeli und ihrem Team aus dem Jahr 2024. Sie untersuchte 16 Studien mit insgesamt 1.155 Kindern vom Vorschulalter bis zur ersten Klasse und ging der Frage nach, wie viel phonemische Förderung eigentlich sinnvoll ist. Bei reiner phonemischer Förderung stiegen die Effekte zunächst mit der Dauer, erreichten rechnerisch bei gut zehn Stunden ihr Maximum und nahmen anschließend wieder ab. Für Programme, die Buchstaben einbezogen, ergab sich ein anderes Verlaufsmuster; dort stiegen die Effekte bei längerer Förderung weiter an. Die Autor:innen mahnen allerdings selbst zur Vorsicht bei der Interpretation einzelner Dosierungswerte. Die praktische Botschaft ist deshalb nicht, Trainingsstunden mit der Stoppuhr zu zählen. Interessanter ist etwas anderes: Mehr Lauttraining ist nicht automatisch besser – und Laute sollten auf dem Weg zum Lesen mit Schrift verbunden werden.
Der Moment, in dem Laute sichtbar werden
Stellen wir uns das Kind mit dem Bilderbuch noch einmal vor. Zunächst fragt der Erwachsene: „Was reimt sich auf Maus?“ – „Haus.“ Einige Zeit später heißt es: „Welchen Laut hörst du am Anfang von Maus?“ – „Mmmm.“ Und dann kommt etwas Neues hinzu: „Genau. Und schau einmal: So sieht das M aus.“
Für ein Kind ist das keine Kleinigkeit. Ein Laut, den es bisher nur hören und selbst erzeugen konnte, bekommt plötzlich eine sichtbare Gestalt. Diese Entdeckung wiederholt sich mit weiteren Lauten und Buchstaben. Schließlich gelingt etwas, das zunächst fast wie Zauberei wirken muss: Das Kind sieht Zeichen, verwandelt sie in Laute, verbindet diese miteinander – und hört in seinem Kopf ein Wort.
Wie wichtig gerade diese Verbindung ist, zeigt eine außergewöhnlich große französische Längsschnittstudie von Paul Gioia, Johannes Ziegler und Jerome Deauvieau aus dem Jahr 2026. Die Forschenden analysierten Daten von 810.328 Erstklässlerinnen und Erstklässlern. Dabei erwies sich das Wissen um das alphabetische Prinzip – also das Verständnis dafür, wie Schriftzeichen und Sprachlaute systematisch aufeinander bezogen sind – als besonders robuster Prädiktor der späteren Leseflüssigkeit. Der Zusammenhang zwischen phonemischer Bewusstheit und späterem Lesen wiederum hing unter anderem davon ab, wie gut Buchstabenkenntnis, alphabetisches Wissen und mündliches Sprachverständnis entwickelt waren.
Das stellt die Bedeutung phonologischer Bewusstheit nicht infrage. Es ordnet sie ein. Nicht der Laut allein führt zum Lesen. Das Kind muss entdecken, wie Laut und Schrift zusammengehören.
Lesenlernen funktioniert nicht wie ein Staffellauf
Die Vorstellung klingt zunächst plausibel: Erst entwickelt ein Kind phonologische Bewusstheit, dann lernt es Buchstaben und anschließend lesen. Eine Fähigkeit übergibt gewissermaßen den Staffelstab an die nächste. Ganz so ordentlich verläuft die Entwicklung allerdings nicht. Die Fähigkeiten beeinflussen sich gegenseitig. Kinder entdecken Laute, begegnen Buchstaben, versuchen erste Wörter zu entziffern – und gewinnen gerade durch die Beschäftigung mit Schrift wiederum neue Einsichten in die Lautstruktur ihrer Sprache.
Die amerikanische Leseforscherin Linnea Ehri beschreibt dieses Verhältnis deshalb eher als einen Kreislauf denn als eine gerade Entwicklungslinie: Phonologische Bewusstheit erleichtert den Zugang zu Schrift, während Erfahrungen mit Buchstaben, Lesen und Schreiben ihrerseits die Lautbewusstheit weiterentwickeln. Phonologische Bewusstheit ist also keine Eingangstür, die erst vollständig geöffnet werden muss, bevor ein Kind das Haus des Lesens betreten darf.
Für die Praxis hat das eine wichtige Konsequenz. Erwachsene müssen nicht warten, bis ein Kind sämtliche Reime erkennt, jedes Wort in Silben zerlegen und jede denkbare Lautaufgabe lösen kann, bevor Buchstaben ins Spiel kommen. Viel sinnvoller ist das Zusammenspiel: hören, sehen, verbinden, lesen.
Ein Kind kann „Igel“ lesen und trotzdem keinen Igel kennen
Bis hierhin haben wir allerdings nur eine Seite des Lesens betrachtet. Nehmen wir an, ein Kind sieht I – G – E – L, entschlüsselt die Buchstabenfolge korrekt und sagt „Igel“. Eine beachtliche Leistung. Aber was ist, wenn es gar nicht weiß, was ein Igel ist? Dann hat es das Wort dekodiert, aber nicht verstanden.
Beim Satz „Der Igel sucht unter dem Laub nach Nahrung“ wird das Problem noch deutlicher. Nun muss das Kind nicht nur „Igel“, „Laub“ und „Nahrung“ lesen können. Es muss wissen, was diese Wörter bedeuten, ihre Beziehungen im Satz verstehen und daraus eine Vorstellung entwickeln. Wer „Laub“ nicht kennt und mit „Nahrung“ nichts anfangen kann, wird den Satz kaum vollständig verstehen – selbst wenn er ihn technisch fehlerfrei vorliest.
Damit sind wir bei der zweiten großen Seite der Leseförderung. Kinder müssen Schrift entschlüsseln und die Sprache verstehen, die sie entschlüsseln. Wortschatz, Grammatik, mündliches Sprachverständnis und Weltwissen sind deshalb keine Zugaben zum Lesenlernen. Sie gehören zu seinen Grundlagen.
Wer Deutsch lernt, lernt auch für das Lesen
Bei Kindern, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, wird dieser Zusammenhang besonders sichtbar. Viele Kinder in deutschen Kitas und Grundschulen sprechen neben Deutsch eine oder mehrere weitere Sprachen. Manche wachsen von Geburt an zweisprachig auf, andere begegnen Deutsch intensiv erst in der Kita oder Schule, wieder andere sind erst vor kurzer Zeit nach Deutschland gekommen. Sie alle unter dem Etikett „Migrationshintergrund“ zusammenzufassen, sagt deshalb über ihre tatsächlichen sprachlichen Voraussetzungen erstaunlich wenig aus.
Mehrsprachigkeit ist weder eine Leseschwäche noch automatisch ein phonologisches Defizit. Für das Verstehen deutschsprachiger Texte braucht ein Kind dennoch ausreichende Kenntnisse des Deutschen. Ein Kind kann „Schmetterling“ technisch korrekt erlesen und trotzdem nicht wissen, welches Tier gemeint ist. Es kann einen Satz flüssig vorlesen, ohne seine grammatische Struktur vollständig zu verstehen. Deutschförderung und Leseförderung lassen sich deshalb bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache nicht sauber voneinander trennen.
Wie früh dieser Zusammenhang beginnt, zeigt eine 2026 veröffentlichte Längsschnittstudie von Freideriki Tselekidou, Nathalie Topaj, Laura Justice und Natalia Gagarina. Die Forschenden begleiteten 59 russisch-deutsch und türkisch-deutsch aufwachsende Kinder vom Kindergarten bis in die zweite Klasse. Der deutsche Wortschatz bereits im Kindergarten sagte später sowohl das Satz- als auch das Textverständnis voraus. Beim Textverständnis zeigte sich zudem ein Zusammenspiel von frühem Wortschatz und späterem Dekodieren. Die Studie ist aufgrund der Stichprobengröße kein Grund für pauschale Aussagen über alle mehrsprachigen Kinder, liefert aber einen wichtigen Hinweis: Sprachförderung lange vor dem selbstständigen Lesen kann für das spätere Leseverständnis relevant sein.
Wenn „Maus“ gar keine Maus ist
Auch bei der Beurteilung phonologischer Fähigkeiten ist deshalb Vorsicht geboten. Stellen wir einem Kind die Frage „Was reimt sich auf Haus – Maus oder Tisch?“ und es antwortet falsch, scheint die Sache zunächst eindeutig: Das Kind erkennt den Reim nicht. Aber stimmt das wirklich?
Vielleicht kennt es „Maus“ noch nicht sicher. Vielleicht versteht es die Aufgabenstellung nicht vollständig. Dann wird aus einer vermeintlich reinen Aufgabe zur phonologischen Bewusstheit plötzlich auch eine Wortschatz- und Sprachverständnisaufgabe.
Das ist pädagogisch und diagnostisch bedeutsam. Schwierigkeiten bei deutschen Reim-, Silben- oder Lautaufgaben dürfen bei einem Kind, das Deutsch erst erwirbt, nicht vorschnell als allgemeine phonologische Schwäche interpretiert werden. Umgekehrt wäre es genauso problematisch, tatsächliche Schwierigkeiten beim Lesenlernen einfach mit Mehrsprachigkeit zu erklären. Entscheidend ist, was dem Kind schwerfällt: die Lautverarbeitung, die Verbindung von Lauten und Buchstaben, das Dekodieren, der deutsche Wortschatz, das Sprachverständnis – oder eine Kombination daraus.
Die Familiensprache muss nicht an der Garderobe bleiben
Aus der Bedeutung des Deutschen für das Lesen deutscher Texte sollte keinesfalls geschlossen werden, Familien müssten zu Hause möglichst viel Deutsch und möglichst wenig ihrer Familiensprache sprechen. Ein Kind kann bereits über umfangreiches sprachliches und begriffliches Wissen verfügen, auch wenn ihm die entsprechenden deutschen Wörter noch fehlen. Vorhandenes Wissen verschwindet schließlich nicht, sobald die Sprache wechselt.
Kennt ein Kind beispielsweise bereits das Tier Schmetterling und dessen Bezeichnung in seiner Familiensprache, muss es das Konzept „Schmetterling“ nicht neu erwerben. Es lernt zunächst eine weitere Bezeichnung für etwas, das es schon kennt. Beim gemeinsamen Betrachten eines Bilderbuchs kann die Frage „Wie heißt das bei euch zu Hause?“ deshalb sinnvoll sein. Das vorhandene Wissen wird nicht beiseitegeschoben, sondern kann zum Ausgangspunkt für neues sprachliches Lernen werden.
Dabei sollten wir allerdings auch die andere Seite nicht kleinreden: Damit ein Kind deutschsprachige Bücher und später Unterrichtstexte selbstständig versteht, muss sein deutscher Wortschatz wachsen. Familiensprache wertzuschätzen und Deutsch gezielt zu fördern sind deshalb keine konkurrierenden Ziele.
Wörter brauchen Verwandte
Ein gut entwickelter Wortschatz besteht ohnehin nicht aus einer möglichst langen Liste gespeicherter Wörter. Wörter werden besonders nützlich, wenn sie miteinander vernetzt sind.
Nehmen wir „Teich“. Ein Kind kann lernen: Das auf dem Bild ist ein Teich. Viel wertvoller wird das Wort jedoch, wenn es gleichzeitig erfährt, dass ein Teich ein Gewässer ist, dass er kleiner als ein See sein kann, dass darin Frösche, Fische und Wasserpflanzen leben und dass es am Teich ein Ufer gibt. Wenn später in einem Buch steht: „Am Ufer des Teiches saß ein Frosch“, muss das Kind nicht drei isolierte Wörter zusammensetzen. In seinem Kopf existiert bereits ein kleines Bedeutungsnetz.
Bilderbücher bieten dafür ausgezeichnete Möglichkeiten. Wenn in einer Geschichte ein Fuchs „schleicht“, lässt sich fragen: Was heißt schleichen? Kann man schnell schleichen? Was ist der Unterschied zwischen schleichen, gehen, rennen und trampeln? Vielleicht schleicht das Kind anschließend selbst durch das Zimmer. Aus einem zunächst unbekannten Verb wird eine Erfahrung – und aus der Erfahrung kann ein dauerhaft verfügbares Wort werden.
Genau an solchen Stellen zeigt sich, warum Wortschatzarbeit nicht etwas ist, das neben der Leseförderung stattfindet. Sie ist ein Teil davon.
Wenn gutes Alltagsdeutsch noch nicht genügt
Hinzu kommt eine weitere Hürde. Ein Kind erzählt auf dem Schulhof flüssig von seinem Wochenende, diskutiert beim Fußball über ein Foul, versteht die Witze seiner Freunde und wirkt sprachlich vollkommen sicher. Trotzdem kann ihm ein Satz wie „Aufgrund der niedrigen Temperaturen verzögert sich die Entwicklung der Pflanzen“ erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Das ist kein Widerspruch. Alltagssprache und die Sprache von Büchern, Sachtexten und Unterricht stellen unterschiedliche Anforderungen.
Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin hat diesen Unterschied besonders prägnant beschrieben: „Bildungssprache ist demnach das, womit man sich in der Schule Wissen aneignen kann“, erklärte sie in einem Interview. Für die Leseförderung ist diese Unterscheidung wichtig. Es reicht auf Dauer nicht, dass ein Kind sich auf Deutsch mühelos mit anderen unterhalten kann. Es muss zunehmend auch Wörter wie „Ursache“, „Eigenschaft“, „vermutlich“, „hingegen“ oder „infolgedessen“ verstehen und mit komplexeren Satzstrukturen umgehen können. Gerade beim Übergang vom Lesenlernen zum Lesen, um zu lernen, gewinnt diese sprachliche Kompetenz an Bedeutung.
Vorlesen ist ein kleines Sprachlabor
Damit bekommt das Vorlesen eine besondere Funktion. Bilderbücher liefern Wörter nicht isoliert, sondern in Geschichten, Bildern und Zusammenhängen. Das Bild hilft beim Erschließen eines unbekannten Wortes, die Handlung liefert Bedeutung und das Gespräch mit einem Erwachsenen ermöglicht Nachfragen. Gerade für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, kann daraus ein besonders reichhaltiger Sprachraum entstehen.
Im Buch heißt es beispielsweise: „Der Hase versteckte sich hinter dem morschen Baumstamm.“ Vielleicht kennt das Kind „morsch“ nicht. Statt das Wort zu übergehen, lässt es sich beiläufig erklären: „Morsch bedeutet, dass das Holz schon alt und brüchig ist. Schau, hier ist sogar ein Stück abgebrochen.“ Einige Seiten später kann man fragen: „Warum ist der Ast wohl so leicht abgebrochen?“ Das neue Wort begegnet dem Kind erneut und wird mit Bedeutung gefüllt.
Und nicht nur einzelne Wörter sind wichtig. Geschichten erzählen und verstehen zu können, gehört ebenfalls zu den sprachlichen Grundlagen des späteren Lesens. Eine 2026 veröffentlichte Längsschnittstudie untersuchte bei russisch-deutsch und türkisch-deutsch bilingualen Kindern, ob die Fähigkeit, Geschichten bereits im Kindergarten inhaltlich zu strukturieren, mit dem deutschen Leseverständnis drei Jahre später zusammenhing. Bemerkenswert ist dabei, dass die Forschenden die Erzählfähigkeiten sowohl in Deutsch als auch in der jeweiligen Erstsprache erfassten. Damit rückt neben Lauten und Wörtern eine weitere Ebene in den Blick: Kinder müssen lernen, Ereignisse miteinander zu verknüpfen, Absichten von Figuren zu verstehen und aus Einzelheiten eine zusammenhängende Geschichte zu bilden.
Das Bilderbuch wird so zu einem kleinen Sprachlabor – allerdings zu einem, in dem weiterhin eine Geschichte erzählt wird. Nicht jedes unbekannte Wort muss abgefragt, nicht jeder Reim analysiert und nicht jeder Buchstabe gesucht werden. Ein Buch darf vor allem ein Buch bleiben. Leseförderung wird nicht automatisch besser, wenn aus jeder Gutenachtgeschichte eine Unterrichtsstunde wird.
Für Deutsch gilt nicht automatisch, was für Englisch gilt
Bei der Bewertung der Forschung ist noch ein Punkt wichtig, der in populären Ratgebern häufig untergeht: Ein erheblicher Teil der internationalen Leseforschung stammt aus englischsprachigen Ländern. Englisch und Deutsch stellen Leseanfänger jedoch vor teilweise unterschiedliche Herausforderungen. Beim Lesen sind die Beziehungen zwischen Graphemen und Lauten im Deutschen vergleichsweise regelmäßig. Im Englischen kann die Aussprache derselben Buchstaben oder Buchstabengruppen deutlich stärker variieren. Umgekehrt ist das deutsche Schreiben erheblich komplexer als das Lesen – ein Unterschied, der auch für die Interpretation von Forschungsergebnissen wichtig ist.
Das bedeutet nicht, dass phonologische Bewusstheit im Deutschen unwichtig wäre. Es bedeutet aber, dass englischsprachige Forschung nicht unbesehen auf das deutsche Lesenlernen übertragen werden sollte. Eine 2024 veröffentlichte Längsschnittstudie der Ludwig-Maximilians-Universität München macht zudem deutlich, dass verschiedene frühe Fähigkeiten teilweise unterschiedlich mit Lesen und Rechtschreiben zusammenhängen. Die Forschenden begleiteten 353 Kinder vom Ende des Kindergartens bis in die erste Klasse; 35,7 Prozent der Kinder wuchsen mehrsprachig auf.
Für das Lesen erklärten zunächst Buchstabenkenntnis, phonologische Verarbeitung und das schnelle automatisierte Benennen vertrauter Reize – Rapid Automatized Naming, kurz RAN – jeweils eigenständige Varianz. Nach Berücksichtigung der bereits im Kindergarten vorhandenen Leseleistung blieben phonologische Verarbeitung und RAN signifikant. Wurde zusätzlich die Rechtschreibleistung der ersten Klasse kontrolliert, blieb RAN als signifikanter kognitiver Prädiktor bestehen. Für die Rechtschreibung ergab sich ein anderes Muster.
Das ist wissenschaftlich interessanter als die Suche nach dem einen „Lesegen“. Es gibt nicht die eine Vorläuferfähigkeit, die allein darüber entscheidet, wie gut ein Kind lesen lernt.
Wenn Lesen schwerfällt, reicht ein Test nicht
Für Eltern und Fachkräfte folgt daraus eine wichtige Botschaft: Ein Kind, das nicht sicher reimt, entwickelt nicht zwangsläufig eine Lese-Rechtschreibstörung. Ebenso wenig ist jede Leseschwierigkeit eines mehrsprachigen Kindes die Folge unzureichender Deutschkenntnisse.
Statt nach dem einen Warnsignal zu suchen, sollte genauer hingeschaut werden. Kann das Kind Laute in vertrauten Wörtern unterscheiden? Kennt es Buchstaben und ihre Lautwerte? Kann es Laute zu einem Wort zusammenziehen? Liest es langsam oder ungenau? Kann es ein Wort dekodieren, kennt aber dessen Bedeutung nicht? Versteht es einzelne Wörter, scheitert jedoch an komplexeren deutschen Sätzen?
Die Münchner Untersuchung zeigt beispielhaft, wie mehrere Faktoren bereits zu Beginn des Schriftspracherwerbs zusammenspielen. Phonologische Verarbeitung sagte dort die Zugehörigkeit zur Risikogruppe bei der Rechtschreibung voraus; für die Risikogruppe beim Lesen waren phonologische Verarbeitung, frühe Leseleistung und RAN signifikante Prädiktoren. Solche Ergebnisse sprechen gegen einfache Diagnosen nach dem Muster „Kann nicht reimen – wird schlecht lesen“.
Gute Leseförderung braucht Code und Bedeutung
Was folgt daraus für Eltern, Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte? Gute frühe Leseförderung braucht Code und Bedeutung. Kinder müssen entdecken, dass Wörter aus Lauten bestehen, dass Buchstaben und Buchstabengruppen diese Laute repräsentieren und dass sich geschriebene Wörter entschlüsseln lassen. Gleichzeitig brauchen sie eine immer reichere Sprache, um zu verstehen, was sie da entschlüsseln.
Das eine funktioniert auf Dauer nicht ohne das andere. Wer ein Wort nicht dekodieren kann, kommt nicht an seine geschriebene Bedeutung heran. Wer es perfekt dekodiert, aber nicht kennt, hat es noch nicht verstanden. Gerade die aktuelle Forschung mit bilingualen Kindern mit Deutsch als Zweitsprache macht sichtbar, wie früh beide Entwicklungslinien zusammenlaufen: Der Wortschatz des Kindergartenkindes kann Jahre später für das Textverständnis relevant sein, während zugleich das Dekodieren beherrscht werden muss, damit dieser sprachliche Wissensschatz beim Lesen überhaupt genutzt werden kann.
Gute Leseförderung besteht deshalb weder aus endlosem Silbenklatschen noch aus möglichst frühem Lesenlassen. Sie verbindet Sprechen und Zuhören, Vorlesen und Erzählen, Wortschatz und Weltwissen, Laute und Buchstaben, Dekodieren und Verstehen. Bei einem jüngeren Kind kann das mit einem Reim beginnen. Später wird aus /m/ ein M, aus M – U – T ein Wort – und aus dem Wort irgendwann ein Gedanke.
Aus drei Buchstaben wird eine Idee
Nehmen wir genau dieses kleine Wort: Mut. Zunächst hört das Kind /m/ – /uː/ – /t/ und versucht, die Laute zusammenzuziehen: „Mut.“ Später liegen vielleicht die Buchstaben M, U und T vor ihm. Es verbindet Laut und Schrift und liest das Wort selbst.
Jetzt könnte die Übung beendet sein. Drei Buchstaben richtig dekodiert – geschafft.
Oder man fragt: „Was ist eigentlich Mut?“ Wann warst du schon einmal mutig? Ist jemand mutig, wenn er gar keine Angst hat? Kann man Angst haben und trotzdem etwas Mutiges tun? Und wie heißt Mut vielleicht in einer anderen Sprache, die das Kind spricht?
Plötzlich geht es nicht mehr nur um drei Buchstaben. Es geht um Sprache, Erfahrung und Bedeutung. Aus Lauten sind Buchstaben geworden, aus Buchstaben ein Wort und aus einem Wort eine Idee.
Genau dort beginnt Lesen.
Literatur
Erbeli, F., Rice, M., Xu, Y., Bishop, M. E. & Goodrich, J. M. (2024): A Meta-Analysis on the Optimal Cumulative Dosage of Early Phonemic Awareness Instruction. Scientific Studies of Reading, 28(4), 345–370.
Gioia, P., Ziegler, J. C. & Deauvieau, J. (2026): Beyond phonemic awareness: The alphabetic principle predicts reading acquisition in a nationwide longitudinal study. Cognition, 271, 106457.
Sigmund, J. L., Mehlhase, H., Schulte-Körne, G. & Moll, K. (2024): Early cognitive predictors of spelling and reading in German-speaking children. Frontiers in Education, 9, 1378313.
Tselekidou, F., Topaj, N., Justice, L. & Gagarina, N. (2026): The Contributions of Kindergarten Oral Language Skills to Reading Comprehension in Second Language German Bilinguals. Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 69(2), 611–626.
Tselekidou, F., Justice, L., Topaj, N. et al. (2026): From stories to literacy: oral narrative macrostructure and reading comprehension in bilingual children. Reading and Writing.
Gogolin, I. (2013): Interview „Bildungssprache ist komplexer“. Erziehung & Wissenschaft, 10/2013.
Bisher sind in der Reihe zur Leseförderung folgende Beiträge erschienen:
Zweitsprache beeinträchtigt Mutter-Kind-Bindung nicht
geschrieben von Redakteur | Oktober 2, 2026
Studie belegt neuronale Synchronität beim Spielen in zwei Sprachen
Die enge Bindung zwischen Mutter und Kind ist nicht nur emotional spürbar – sie lässt sich auch im Gehirn messen. Forschende der School of Medicine der University of Nottingham um Erstautorin Efstratia Papoutselou haben herausgefunden: Die Hirnwellen von zweisprachigen Müttern und ihren Kindern bleiben synchron – unabhängig davon, ob sie in der Erstsprache der Mutter oder in einer Zweitsprache miteinander spielen.
Zweisprachigkeit beeinflusst die Bindung nicht negativ
Weltweit wachsen immer mehr Kinder mehrsprachig auf. Auch in Europa steigt der Anteil stetig: Zwischen 2014 und 2023 erhöhte er sich von acht auf 15,6 Prozent. Viele Eltern fragen sich daher, ob eine Zweitsprache die emotionale Verbindung oder Kommunikation mit dem Kind beeinträchtigen könnte.
Die aktuelle Studie gibt Entwarnung: Die Verwendung einer zweiten Sprache stört die sogenannte Hirn-zu-Hirn-Verbindung nicht. Die neuronale Synchronisation – also das gleichzeitige Aktivieren bestimmter Hirnregionen – bleibt bestehen. Diese Synchronität gilt als wichtiger Baustein für eine gesunde emotionale Entwicklung und stabile Bindung zwischen Eltern und Kindern.
Zwar zeigen frühere Untersuchungen, dass selbst sehr kompetente Sprecherinnen und Sprecher in einer Zweitsprache langsamer sprechen, häufiger Pausen machen oder sich korrigieren. Besonders in emotional anspruchsvollen Situationen berichten viele Menschen zudem von einer gewissen inneren Distanz. Doch offenbar wirkt sich das nicht negativ auf die grundlegende neuronale Abstimmung zwischen Mutter und Kind aus.
So wurde die neuronale Aktivität gemessen
Untersucht wurden 15 Familien in Großbritannien mit drei- bis vierjährigen Kindern, die zweisprachig aufwuchsen. Englisch war nicht die Muttersprache der Mütter, allerdings verfügten sie über sehr gute Sprachkenntnisse (C1 oder C2).
In der Forschungsklinik saßen Mutter und Kind gemeinsam an einem Tisch mit Spielzeug. Beide trugen eine sogenannte fNIRS-Kappe (funktionelle Nahinfrarotspektroskopie). Dieses Verfahren misst Veränderungen der Sauerstoffkonzentration im Blut und dient als indirekter Indikator für neuronale Aktivität im Gehirn.
Die Mutter-Kind-Paare spielten anschließend in drei unterschiedlichen Szenarien miteinander:
Blickkontakt, Nähe und feinfühlige Signale prägen von Anfang an das kindliche Gehirn. Dr. Walter Hultzsch zeigt, wie Bindung Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Persönlichkeit stärkt. Sein Buch verbindet Neurobiologie und Bindungsforschung mit alltagstauglichen Impulsen für Eltern, Großeltern und Fachkräfte, die Babys achtsam begleiten möchten.
Synchronität im präfrontalen Kortex besonders stark
Die Messungen zeigten bei allen Mutter-Kind-Paaren eine statistisch signifikante neuronale Synchronität. Besonders ausgeprägt war diese im präfrontalen Kortex – einer Hirnregion, die für Entscheidungsfindung, Planung, Argumentation und emotionale Prozesse zuständig ist.
Weniger stark fiel die Synchronität im temporo-parietalen Übergang aus, der eine wichtige Rolle bei sozialer Kognition und Aufmerksamkeit spielt.
Überraschend: Die neuronale Abstimmung war sogar dann nachweisbar, wenn Mutter und Kind unabhängig voneinander spielten. Das deutet darauf hin, dass die Verbindung zwischen beiden tief verankert ist und nicht allein von direkter Interaktion oder einer bestimmten Sprache abhängt.
Was bedeutet das für Eltern?
Für mehrsprachige Familien ist das eine beruhigende Botschaft: Wer mit seinem Kind in einer Zweitsprache spricht, muss keine Sorge um die emotionale Nähe haben. Entscheidend ist nicht die Sprache selbst, sondern die Qualität der gemeinsamen Zeit, der Blickkontakt, das Spiel und die feinfühlige Reaktion aufeinander.
Die Studie unterstreicht damit die Bedeutung von Bindung, früher Kommunikation und spielerischem Lernen – ganz gleich, in welcher Sprache.
Personalmangel in Kitas: Studie zeigt großen Ost-West-Unterschied bei Förderung
geschrieben von Redakteur | Oktober 2, 2026
Nur jede siebte Kita erreicht die wissenschaftlich empfohlene Personalausstattung – besonders groß sind die Defizite in Ostdeutschland. Das geplante Startchancen-Programm könnte gezielt unterstützen, wenn Mittel bedarfsgerecht eingesetzt werden
Kita-Kinder in Deutschland haben sehr unterschiedliche Bildungs- und Förderbedarfe. Besonders Kinder mit nichtdeutscher Familiensprache oder mit Anspruch auf Eingliederungshilfe benötigen eine intensivere pädagogische Begleitung. Doch eine aktuelle Auswertung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt: In vielen Einrichtungen fehlen dafür die notwendigen Fachkräfte.
Demnach erreicht nur rund jede siebte Kita bundesweit (etwa 14 Prozent) eine vollständige, wissenschaftlich empfohlene Personalbesetzung. Ein knappes Viertel der Kitas liegt bei 80 bis unter 100 Prozent der empfohlenen Ausstattung. 41 Prozent kommen auf Werte zwischen mehr als 60 und 80 Prozent. Etwa jede fünfte Kita verfügt über 60 Prozent oder weniger der eigentlich benötigten Personalkapazitäten.
Besonders deutlich fallen die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland aus. Während im Westen nur 11 Prozent der Kitas eine Ausstattung von 60 Prozent oder weniger erreichen, sind es im Osten 65 Prozent. Umgekehrt schaffen es 16 Prozent der westdeutschen Kitas, die bestmögliche Personalausstattung zu erfüllen – im Osten gelingt das lediglich 2 Prozent der Einrichtungen.
Auch zwischen den Bundesländern zeigen sich erhebliche Differenzen. Die höchsten Anteile an Kitas mit einer Personalausstattung gemäß wissenschaftlicher Empfehlung finden sich in Baden-Württemberg (36 Prozent), Bremen (32 Prozent) und Niedersachsen (20 Prozent). Besonders kritisch ist die Lage dagegen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, wo jeweils 84 Prozent der Kitas nur 60 Prozent oder weniger des benötigten Personals zur Verfügung haben. In Sachsen-Anhalt liegt dieser Anteil bei 76 Prozent.
Worauf es bei der Bildung und bedarfsgerechten Förderung von Kita-Kindern ankommt
Eine angemessene Personalausstattung gilt als zentrale Voraussetzung für gute frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung. Wie hoch der tatsächliche Personalbedarf in einer Kita ist, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: der Größe der Einrichtung, dem Alter der Kinder und den besonderen pädagogischen Anforderungen.
Solche Anforderungen entstehen etwa, wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen oder eine Eingliederungshilfe benötigen – beispielsweise aufgrund körperlicher, geistiger oder seelischer Beeinträchtigungen. Die Förderung dieser Kinder erfordert zusätzliche pädagogische Ressourcen und eine differenzierte Arbeit im Team.
Anette Stein, Director Bildung und Next Generation der Bertelsmann Stiftung, betont, dass Kitas Kinder deutlich besser unterstützen könnten, wenn sie bedarfsgerecht ausgestattet wären. Gerade Einrichtungen, die Mehrsprachigkeit fördern oder Kinder mit Eingliederungshilfe begleiten, stünden vor besonderen Herausforderungen. Chancengerechtigkeit könne nur erreicht werden, wenn auf die individuellen Bedarfe aller Kinder eingegangen werde.
Zugleich weisen die Expertinnen darauf hin, dass zusätzliches Personal nur dann wirksam sei, wenn es pädagogisch qualifiziert ist und die Zusammenarbeit im Team funktioniere.
Startchancen-Programm könnte gezielt helfen
Die Bertelsmann Stiftung sieht im geplanten Kita-Startchancen-Programm eine Möglichkeit, Kinder mit besonderem Förderbedarf stärker in den Fokus zu rücken. Allerdings sei die Umsetzung anspruchsvoll.
Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung der Stiftung, warnt davor, dass viele Kitas nicht einmal die notwendige Grundausstattung an Fachkräften erreichen. Dadurch könnten zusätzliche Mittel zunächst genutzt werden, um bestehende Personallücken zu schließen. Eine spürbare Wirkung entfalte das Programm jedoch vor allem dann, wenn die finanzierten zusätzlichen Personalstunden tatsächlich den Kindern mit besonderen Förderbedarfen zugutekämen.
Die Auswertungen zeigen zudem: Empfehlungen für kindgerechte frühe Bildung werden bei einem steigenden Anteil an Kindern mit Eingliederungshilfe im Durchschnitt eher erreicht als bei einem steigenden Anteil an Kindern mit nichtdeutscher Familiensprache. Dies verdeutlicht, wie unterschiedlich Förderbedarfe in der Praxis berücksichtigt werden.
Personalausstattungsquote als Vergleichsgröße
Um die Personalsituation in Kitas differenziert bewerten zu können, haben Expert:innen der Bertelsmann Stiftung und des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) die sogenannte Personalausstattungsquote eingeführt. Diese Kennzahl zeigt, in welchem Umfang eine Kita die fachlich empfohlene Personalausstattung erreicht.
Dabei wird berücksichtigt, dass eine Fachkraft im Durchschnitt nur rund zwei Drittel ihrer Arbeitszeit direkt für die pädagogische Arbeit mit Kindern einsetzen kann. Die Quote liegt bundesweit sowie auf Ebene der Länder, Kreise und kreisfreien Städte vor und kann wichtige Hinweise für die Steuerung zusätzlicher Fördermittel liefern.
Die Berechnungen wurden vom ÖIF im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt und sollen insbesondere als Grundlage dienen, um das geplante Startchancen-Programm dort einzusetzen, wo der Handlungsbedarf am größten ist.
Bessere Sprachentwicklung in Kita: Mehr Beobachten statt bloßer Tests!
geschrieben von Redakteur | Oktober 2, 2026
Neue interdisziplinäre Expertise zeigt: Sprachentwicklung gelingt vor allem durch alltagsintegrierte Bildung, qualifizierte Beobachtung und bessere Vernetzung – nicht durch flächendeckende Screenings
Die jüngst erschienene Expertise zur Erfassung und Förderung der sprachlichen Entwicklung in der Kindertagesbetreuung zeichnet ein ambivalentes Bild: In deutschen Kitas wird sehr viel beobachtet, dokumentiert und getestet – doch die vorhandenen Daten führen häufig nicht zu besserer Unterstützung für Kinder. Stattdessen dominieren punktuelle Messungen, die wenig über tatsächliche Entwicklungsverläufe aussagen und kaum handlungsleitend für die pädagogische Praxis sind.
Die Autor*innen betonen, dass Sprache kein isolierbares „Testmerkmal“ ist, sondern sich in Beziehungen, Alltagssituationen und sozialen Kontexten entwickelt. Strukturelle Probleme wie Fachkräftemangel, große Gruppen und fehlende Zeit erschweren es Kitas zusätzlich, Beobachtungen systematisch auszuwerten und in passgenaue Sprachbildungsangebote zu überführen. Gleichzeitig werden viele Verfahren eingesetzt – in NRW durchschnittlich vier pro Einrichtung –, ohne dass ihre Ergebnisse sinnvoll miteinander verknüpft werden.
Beobachtung statt Momentaufnahme: Was wirklich trägt
Im Zentrum der Empfehlungen steht die kontinuierliche, systematische Beobachtung als zentrales Instrument der Sprachstandserfassung. Offene Verfahren wie Bildungs- und Lerngeschichten oder wahrnehmende Beobachtung erlauben einen ganzheitlichen Blick auf Kinder, ihre Interessen, Kommunikationsweisen und Lernwege. Standardisierte Bögen wie BaSiK, Seldak oder Sismik können dies ergänzen, ersetzen aber nicht den Blick auf den Alltag des Kindes.
Entscheidend ist, dass Beobachtungen nicht nur dokumentiert, sondern konsequent in pädagogisches Handeln übersetzt werden: Welche sprachlichen Anregungen braucht dieses Kind? Welche Situationen fördern Dialog? Welche Umgebung unterstützt konzentriertes Sprechen und Zuhören? Dafür braucht es gut qualifizierte Fachkräfte, regelmäßige Reflexion und ausreichende Zeitressourcen.
Warum Sprachscreenings überschätzt werden
Sprachscreenings werden in der politischen Debatte oft als Lösung präsentiert – etwa im Kontext der geplanten verpflichtenden Sprachdiagnostik für Vierjährige. Die Expertise zeigt jedoch klar ihre Grenzen: Screenings liefern nur Momentaufnahmen, sind anfällig für falsch-positive Ergebnisse und bieten kaum Hinweise für konkrete Förderung.
Besonders problematisch ist ihr Einsatz bei mehrsprachigen Kindern. Viele Verfahren basieren auf einsprachigen Altersnormen und deuten typische Merkmale des Zweitspracherwerbs fälschlich als „Defizit“. Dadurch besteht die Gefahr von Stigmatisierung, Fehlzuweisungen zu Fördermaßnahmen oder sogar ungerechtfertigten Schulrückstellungen.
Alltagsintegrierte Sprachbildung ist am wirksamsten
Statt additiver Förderprogramme in separaten Settings plädiert die Expertise für eine bedarfsorientierte, alltagsintegrierte Sprachbildung. Kinder lernen Sprache am besten in authentischen, interessengeleiteten Interaktionen – beim Spielen, Erzählen, Forschen und gemeinsamen Handeln.
Wirksame Praxis bedeutet daher:
dialogische, beziehungsorientierte Kommunikation,
eine ruhige, strukturierte und sprachlich anregende Umgebung,
Wertschätzung von Mehrsprachigkeit als Ressource,
gezielte Zusammenarbeit mit Familien,
und professionelle Fachberatung für Kitas.
Additive Programme können ergänzen, ersetzen aber nicht gute pädagogische Prozessqualität.
Logopädische Diagnostik: notwendig – aber oft zu spät
Bei auffälligen Entwicklungsverläufen ist eine frühzeitige, mehrdimensionale logopädische Diagnostik unerlässlich. Sie sollte alle Sprachen des Kindes einbeziehen und medizinische Aspekte wie Hörfähigkeit berücksichtigen.
In der Realität behindern jedoch lange Wartezeiten, regionale Versorgungslücken und fehlende Dolmetschangebote eine zeitnahe Abklärung. Dies erhöht das Risiko von Fehldiagnosen und verspäteten Interventionen – mit langfristigen Folgen für die Bildungsbiografie der Kinder.
Vernetzung als Schlüssel zur besseren Sprachbildung
Ein zentrales Ergebnis der Expertise ist die Notwendigkeit stärkerer multiprofessioneller Kooperation zwischen Kita, Kinderärzt*innen, Logopädie, Frühförderstellen und Jugendhilfe – immer in enger Abstimmung mit den Familien.
Empfohlen werden unter anderem:
bessere Schnittstellen für den Informationsaustausch,
Ausbau diagnostischer und therapeutischer Kapazitäten,
rechtliche Erleichterungen für Sprachtherapie in Kitas,
anschlussfähige Übergänge von der Kita zur Grundschule,
und die Verstetigung erfolgreicher Modellprojekte.
Weg vom Defizitblick, hin zu chancengerechter Sprachbildung
Die Expertise fordert einen Paradigmenwechsel: Weg von defizitorientierter „Sprachförderung“, hin zu einer inklusiven, ressourcenorientierten Sprachbildung, die jedes Kind in seiner individuellen Entwicklung ernst nimmt.
Nicht mehr Tests sind der Schlüssel – sondern bessere Rahmenbedingungen, qualifizierte Fachkräfte und eine enge Verzahnung von Bildung, Gesundheit und Familie. Nur so kann sprachliche Bildung nachhaltig gelingen und echte Bildungsgerechtigkeit entstehen. Quelle: Espenhorst, N., Koch, S., Albers, T., Cloos, P., Glück, C., Hruška, C. A., & Scharff Rethfeldt, W. (2026): Erfassung und Förderung der sprachlichen Entwicklung im Kontext der Kindertagesbetreuung. Handlungsempfehlungen für geeignete Maßnahmen und Konzepte aus interdisziplinärer Sicht. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband.
Ringvorlesung zur Sprachbildung: Kinderrechte, Vielfalt und Inklusion
geschrieben von Redakteur | Oktober 2, 2026
Kostenfreie Vortragsreihe für Interessierte aus Wissenschaft, Bildungspolitik und Fachpraxis, initiiert von der IU Internationalen Hochschule
Wie können Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung wirksam begleitet werden – und welche Rolle spielen Kinderrechte, Inklusion und gesellschaftliche Vielfalt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die digitale Ringvorlesung „Mitteilen – Miteinander teilen: Kindliche Sprachbildung und -förderung im Zeichen der Kinder- und Menschenrechtsbildung“, die am 20. Oktober 2025 startet. Alle Online-Vorträge sind kostenfrei und richten sich an Fachkräfte, Lehrkräfte, Eltern und alle Interessierten.
Die Reihe läuft bis März 2026, jeweils montags von 18 bis 20 Uhr im dreiwöchigen Rhythmus. Sie vermittelt aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, bildungspolitische Entwicklungen und praxisnahe Ansätze für den pädagogischen Alltag.
Sprachbildung als Schlüssel für Teilhabe
Sprache ist ein Fundament für Bildung, Teilhabe und Demokratie. Doch Sprachbildung ist mehr als ein technisches Werkzeug: Sie bedeutet, Kinderrechte, Vielfalt und Teilhabe konsequent mitzudenken. Genau hier setzt die Ringvorlesung an – mit Impulsen aus Wissenschaft, Politik und Praxis.
„Sprachbildung erfordert eine professionelle Haltung, die Kinderrechte und Vielfalt in den Mittelpunkt stellt“, betonen die Leiterinnen Prof. Dr. Yvonne Decker-Ernst (IU Campus Freiburg) und Prof. Dr. Katharina Gerarts (IU Campus Mainz).
Themenvielfalt von Resilienz bis Mehrsprachigkeit
Die acht Vorträge greifen zentrale Fragen auf:
Sprache und mentale Resilienz von Kindern
Kulturbewusste Sprachbildung und Kinderschutz
Kinderrechte und Demokratie im Kita-Alltag
Umgang mit Mehrsprachigkeit
Übergänge zwischen Kita und Schule
Partizipation als Bedingung für Bildungserfolg
Begleitend erscheint ein Sammelband im Herder Verlag, außerdem ist im Sommer 2026 ein praxisorientierter Fachtag mit Podiumsdiskussion geplant.
Termine im Überblick
12.01.2026: Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Kita
02.02.2026: Diversitätssensible Sprachbildung in Kitas
23.02.2026: Sprachförderung am Übergang Kita–Grundschule
16.03.2026: Beteiligung als Bedingung für Bildungserfolg