Schlechte Noten für das Bildungssystem

Laut Bildungsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft ist vor allem die Situation in den MINT Bereichen problematisch

Digitalisierung, Dekarbonisierung, Demografie und neuerdings De-Globalisierung – die deutsche Wirtschaft steht laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vor gewaltigen Herausforderungen. Um sie zu meistern, brauche es möglichst viele gut ausgebildete Beschäftigte. Wie es um das Bildungssystem in Deutschland bestellt ist, schaut sich das IW seit 2004 im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) an. Letztere ist eine vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall gegründete und von Arbeitgeberverbänden finanzierte Lobbyorganisation und eigentlich selbst ein Tochterunternehmen des IW.

Sachsen-Anhalt und Bremen schneiden im Ranking schwach ab

In zwölf Handlungsfeldern mit 93 einzelnen Indikatoren prüfen die Forscher:innen Fortschritte im Bildungssektor von der frühkindlichen Bildung bis hin zum Studium und der Berufsausbildung. Zudem werden erstmals im neuen Feld „Digitalisierung“ fünf weitere Indikatoren für die einzelnen Bundesländer ausgewertet. Das Gesamtergebnis:

Sachsen, Bayern und Thüringen liegen im Ranking des Bildungsmonitors vorn. Schlecht schneiden Sachsen-Anhalt und Bremen ab.

Zusätzlich haben die Studienautor:innen einen Langzeitvergleich zum Bildungsmonitor 2013 gezogen: Zwar gab es in fast allen Handlungsfeldern bundesweit in den vergangenen neun Jahren Fortschritte. Doch in den wichtigen Bereichen Schulqualität, Integration und Hochschule/MINT haben sich laut Studie mehrere Indikatoren teils erheblich verschlechtert.

Situation in den MINT-Berufen problematisch

Für die deutsche Wirtschaft sei kurzfristig vor allem die Situation in den MINT-Berufen problematisch.

Derzeit fehlten in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – kurz MINT – mehr als 340.000 Arbeitskräfte. Die Zahl der Studienanfänger in diesen Fächern ist in den vergangenen fünf Jahren aber von knapp 200.000 auf etwa 170.000 gesunken. Und auch in den MINT-Ausbildungsberufen nähmen die Engpässe zu, so das IW in seiner Pressemitteilung. Damit folgen die Aussagen des IW den aktuellen Prognosen, die für das Jahr 2030 einen Fachkräftemangel von fünf Millionen voraussagen. Das hat aber weniger etwas mit dem Bildungssystem, sondern mit der demographischen Entwicklung in Deutschland zu tun.

Viertklässler schneiden derzeit schlechter ab

Langfristig dürfte die Schulqualität zum zentralen Problem werden. Denn die Kompetenzen von Viertklässlern in Deutsch und Mathematik haben sich von 2016 bis 2021 laut aktuellem Bildungstrend des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen verschlechtert. Dazu nehme der Anteil der Kinder mit großen Lernlücken und die Ungleichheit der Bildungschancen zu. Das IQB hat auch festgestellt, dass die Kinder in ihrer sozialen Entwicklung zurückgeblieben sind.

Schon aktuell zeichnen sich bei der Integration Schwierigkeiten ab. So verlassen besonders viele Jugendliche mit Migrationshintergrund die Schule ohne Abschluss. Diese Kinder zu fördern, sollte ein Hauptaugenmerk der Bildungspolitik sein, fordert das IW.

Ganztagsbetreuung ausbaufähig

Genau angesehen haben sich die IW-Forscher:innen auch die Ganztagsbetreuung. Schließlich erleichtern flächendeckende Ganztagsangebote für den Nachwuchs den Eltern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf – was wiederum gegen den Fachkräftemangel helfen kann.

Laut Studie gab es in diesem Bereich Fortschritte:

So waren 2020 rund 47 Prozent der Grundschüler in der Ganztagsbetreuung. Beim Bildungsmonitor 2013 lag der Anteil noch bei lediglich 31 Prozent.

Wenig Fortschritt bei der Digitalisierung

Eine ebenso große Herausforderung bleibe die Digitalisierung des deutschen Bildungssystems. „In der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass an vielen Stellen von Schule bis Universität massiver Aufholbedarf besteht. Deshalb ist die Digitalisierung im Bildungsmonitor für die INSM nun erstmals als eigenes Handlungsfeld etabliert. Der Bestandsaufnahme zufolge bieten die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen den besten Zugang zum Internet. Etwa neun von zehn Schulen haben mindestens 100-Megabit-Leitungen. Schlusslicht Sachsen-Anhalt kommt nur auf gut 52 Prozent seiner Schulen, die schnell ins Netz kommen“, so das IW.

Flächendeckend problematisch sei die Lage allerdings bei der Hardware. Mitte 2021 gab noch mehr als die Hälfte der Lehrkräfte in Deutschland an, keinen Zugang zu einem vom Arbeitgeber gestellten digitalen Endgerät zu haben. Das wirkt sich auf den Unterricht aus – nur 39 Prozent der Lehrkräfte verwenden nach Untersuchungen der Deutsche Telekom Stiftung täglich digitale Medien im Unterricht. Und das Gefälle sei enorm (Grafik):

Sachsen, Bayern und Thüringen haben laut dem Bildungsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft aktuell wohl das beste Bildungssystem in Deutschland. Insgesamt hapere es in der Bildungspolitik aber an vielen Stellen, so das Institut.
Während in Bayern zwei Drittel der Lehrer täglich digitale Medien in ihren Unterrichtsstunden nutzen, tut dies in Hamburg nicht einmal jede sechste Lehrkraft.

Auch die Zeit, in der Schülerinnen und Schüler im Unterricht digital unterwegs sind, ist ausbaufähig. Das belegt der Vergleich mit dem deutlich digitaler aufgestellten Dänemark. Dort benutzte bereits vor der Corona-Pandemie im Jahr 2018 deutlich mehr als die Hälfte der Neuntklässler mindestens eine Stunde pro Woche digitale Endgeräte in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Deutschland kam lediglich auf 7,6 beziehungsweise 6,3 Prozent.

Quelle: Mitteilung IW, IQB-Trend, Erhebung des IW 2021




Jedes Kind kann MINT! Klischeefrei forschen in Kita und Grundschule

Kostenloses Webinar zu geschlechtersensibler Pädagogik

Das Interesse von Kindern an MINT-Themen ist keine Frage des Geschlechts. Vor allem Sprache und gesellschaftliche Stereotype haben Einfluss auf die Entwicklung von geschlechterspezifischen Interessen an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Im kostenlosen Webinar „Jedes Kind kann MINT! Klischeefrei forschen“ der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ erhalten Erzieherinnen, Erzieher und Grundschullehrkräfte wertvolle Tipps und pädagogisches Hintergrundwissen, um im Praxisalltag das Entdecken und Forschen klischeefrei zu gestalten. Für das Webinar am 01.09.2022 ist eine Anmeldung bis zum 31.08. auf hdkf.de/klischeefrei-forschen möglich.

Zu wenige gleichgeschlechtliche Vorbilder

Jungen und Mädchen forschen und entdecken gleich. Dennoch entscheiden sich immer noch deutlich weniger Frauen für MINT-Berufe als Männer. Während MINT-Themen Mädchen und Jungen im Vorschulalter noch gleichermaßen ansprechen, werden geschlechtsspezifische Unterschiede ab der 2. Klasse sichtbar. Gründe dafür, warum Mädchen später weniger Interesse an Studiengängen oder Berufen mit MINT-Bezug haben, sind unter anderem wenige gleichgeschlechtliche Vorbilder. „Jede Erzieherin und jede Lehrerin, die mit Kindern in Kita oder Grundschule entdeckt und forscht, ist auch ein MINT-Vorbild. Mit unserem Fortbildungsangebot wollen wir weitere pädagogische Fach- und Lehrkräfte mit einer Begeisterung für MINT anstecken – ganz geschlechtsneutral und klischeefrei“, sagt Angelika Dinges, Vorständin der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“. 

Kostenlose Webinar-Anmeldung auf dem Online-Campus möglich

Handeln, sprechen und Vorbild sein – im neuen Webinar auf dem Online-Campus der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ lernen pädagogische Fach- und Lehrkräfte viele Anwendungsbeispiele geschlechtersensibler Pädagogik kennen und können somit ihre eigene Haltung als Lernbegleitung reflektieren. Sie erhalten einen Einstieg in das Thema Geschlecht und Geschlechterklischees in der pädagogischen Praxis. Und sie lernen, wie sie das Thema Geschlecht in der Spiel- und Raumgestaltung sowie in der Interaktion mit den Kindern klischeefrei gestalten können.

 Das kostenlose Webinar dauert eine Stunde und findet erstmalig am 01.09.2022 statt. Weitere Termine werden folgen. Nach Kursabschluss erhalten die Teilnehmenden eine Teilnahmebestätigung, die für eine Zertifizierung zum „Haus der kleinen Forscher“ genutzt werden kann. Da die Anzahl der Teilnehmenden begrenzt ist, sollte eine Anmeldung zeitnah erfolgen.

Mehr Informationen sowie den Anmeldelink finden Sie hier: hdkf.de/klischeefrei-forschen

Quelle: Mitteilung der Stiftung Haus der kleinen Forscher




Jugend forscht Bundessiegerinnen und Bundessieger 2022 ausgezeichnet

Deutsche MINT-Talente begeistern die Jury beim 57. Bundesfinale mit interessanten Forschungsprojekten 

Hendrik Ridder aus Bremen baute eine 2,5 Meter lange Wasserrakete, die bis in eine Höhe von 270 Metern fliegen kann. Sein Flugkörper startet von einer selbst konstruierten Startrampe, wird vollautomatisch gesteuert und dient als fliegende Wetterstation. Der 16-Jährige erhielt den Preis des Bundespräsidenten für eine außergewöhnliche Arbeit. Intakte Moore speichern große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid. Cornelius-Ägidian Quint (18) aus Schleswig-Holstein entwickelte eine innovative Methode, mit der sich Moose auf ehemaligen Moorflächen schneller wieder ansiedeln lassen, um diese zu renaturieren. Er wurde mit dem Preis des Bundeskanzlers für die originellste Arbeit ausgezeichnet.

Preis für beste interdisziplinäre Arbeit

Den Preis der Bundesbildungsministerin für die beste interdisziplinäre Arbeit erhielten Maximilian Pfannkuch (19), Jaro Filip (19) und Dominik Hein (19) aus Hessen. Die drei konstruierten ein neuartiges, per App gesteuertes Reinigungssystem, das Raumluft mit dem Licht von LEDs wirkungsvoll desinfiziert. Bundessieger im Fachgebiet Arbeitswelt wurde Vincent Nack (15) aus Bayern. Er konzipierte ein autonomes Notbrems-Assistenzsystem für Fahrräder, das Zusammenstöße verhindern kann. Dazu nutzte er Ultraschall- und Lagesensoren sowie eine elektromechanische Ansteuerung der Hinterradbremse.

Vom Einfluss toxischer Substanzen auf Pflanzen

Dihydroxybenzene kommen als Abbauprodukte bestimmter organischer Stoffe in der Umwelt vor. Am Beispiel der Acker-Schmalwand untersuchte David Sauer (18) aus Rheinland-Pfalz den Einfluss dieser toxischen Substanzen auf Pflanzen. Er errang den Bundessieg in Biologie. Die Chemie-Bundessiegerinnen Hannah Amrhein (17), Lena Fries (16) und Hanna Fries aus Bayern fanden einen neuen Ansatz, um den Pflanzennährstoff Phosphor aus Abwasser zu recyceln. Sie nutzten die sogenannte Elektroflotation, bei der winzige Flocken Phosphate binden.

Sternhaufen erzeugen Gammastrahlung

Können Sternhaufen Gammastrahlung erzeugen? Vanessa Guthier (18) aus Sachsen-Anhalt schrieb ein Computerprogramm, mit dem sie die spezifischen Bedingungen identifizieren konnte, die erfüllt sein müssen, damit Gammastrah­lung entstehen kann. Sie siegte im Fachgebiet Geo- und Raumwissenschaften. Elian Terelle (18) aus Rheinland-Pfalz überzeugte die Jury in Mathematik/Informatik. Der Jungforscher entwickelte ein eigenes, kostengünstiges System für Video-Liveübertragungen im Sportbereich. Mit diesem lassen sich spannende Spielszenen zurückspulen und in jedem gewünschten Tempo wiederholen.

Magnetisch schweben

Der Physik-Bundessieger Carlos Steiner Navarro (18) aus Nordrhein-Westfalen befasste sich mit dem Effekt des magnetischen Schwebens. In Experimenten gelang es ihm, einen kleinen Magneten beständig zum Schweben zu bringen, die Schwebeposition zu berechnen und das Phänomen theoretisch zu erklären. Im Fachgebiet Technik setzten sich Johann Elias Stoetzer (17) und Steven Gurgel (17) aus Mecklenburg-Vorpommern durch. Die beiden entwickelten ein Verfahren, um selbst hergestellte 3-D-Sensoren auf Textilien aufzudrucken. Ihr Ansatz ermöglicht künftig eine Reihe neuer Anwendungen, so etwa zur Ausstattung von Schutzkleidung.

Jugend forscht Schule 2022

Der Preis „Jugend forscht Schule 2022“ der Ständigen Konferenz der Kultus­minister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, überreicht von der KMK-Präsidentin und Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein Karin Prien, ging an das Wieland-Gymnasium Biberach für seine exzellente MINT-Förderung.

Weiterführende Informationen gibt es unter www.jugend-forscht.de.




MINT-Inhalte für nachhaltige Entwicklung in der Grundschule

Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ startet ein Online-Portal für Grundschullehrkräfte

Unter der URL hdkf.de/grundschule bietet die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ viele Angebote, die Lehrkräfte für MINT-Bildung für nachhaltige Entwicklung im Unterricht brauchen. Lehrkräfte können sich leicht einen Überblick verschaffen, auf Wunsch tiefer in einzelne Themen einsteigen und schnell zur Anmeldung für einzelne Angebote gelangen.

Kindermagazin „echt jetzt?“

Zu den Grundschulangeboten der Stiftung gehört beispielsweise das Kindermagazin „echt jetzt?“ mit den dazugehörigen Online-Fortbildungen. Mit diesem Angebot können Lehrkräfte forschendes Lernen und Lesekompetenzen im Unterricht der dritten und vierten Klasse fördern Die Blended-Learning-Fortbildungsreihen „Energiebildung im Unterricht“ und „Informatische Bildung in der Grundschule“ erlauben Lehrkräften, einen neuen Blick auf ihren Sachunterricht zu entwickeln. All diese Angebote und mehr finden sich nun auf einen Blick auf dem neuen Online-Portal für die Grundschule.

„Gemeinsam mit unseren Partnern lenken wir seit einigen Jahren unseren Blick verstärkt auf den Grundschulunterricht, wenn wir neue Angebote entwickeln“, sagt Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“. „Unser Ziel ist, dass Grundschullehrkräfte in Deutschland die Möglichkeit bekommen, forschendes und entdeckendes Lernen als Methode in ihrem Unterricht einzusetzen.“