Zwischen Wurzeln und Flügeln: Selbstständigkeit gezielt fördern

auf die flügel kommt es an

Wie Kinder durch Orientierung, Vertrauen und Freiräume wachsen

Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und ein international weithin bekannter Wissenschaftler, der sicherlich vielen Fachkräften zum Beispiel durch seine Bücher „Mit Herz und Klarheit“, „Kinder verstehen“, „Demokratie braucht Erziehung“, „Menschenkinder“ oder „Die Kindheit ist unantastbar“ bekannt ist, wendet sich in seinem neuesten Buch der Frage zu, wie Kinder sowohl eine sichere Bindung als auch eine authentisch gefestigte und vor allem nachhaltige Selbstständigkeit entwickeln können.

Inhaltschwerpunkte und zentrale Aussagen

Das Buch greift ein grundlegendes Spannungsfeld der Pädagogik auf. Einerseits benötigen Kinder für ihre förderliche Entwicklung Nähe, ein grundlegendes Empfinden von Sicherheit und verlässliche Bindung, andererseits auch Zeit und Platz für Freiräume, um eigene Erfahrungen machen zu können und damit Selbstständigkeit und soziale Kompetenzen zu entdecken, aufzubauen, zu entwickeln und zu festigen. Diese beiden Seiten beschreibt Renz-Polster symbolisch mit den Begriffen „Wurzeln“ und „Flügel“. Während die bedürfnisorientierte Erziehung in den vergangenen Jahren vor allem die „Wurzeln“ betont hat, rückt der Autor nun die Bedeutung der „Flügel“ stärker in den Betrachtungsmittelpunkt. Mit „Wurzeln“ sind Sicherheit, emotional spürbare Nähe sowie Bindungserlebnisse gemeint, und „Flügel“ stehen symbolisch für Eigenverantwortung, Autonomie, Selbstständigkeit sowie soziale Kompetenz.

Der erste Teil des Buches widmet sich den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern. Dabei erläutert der Autor, wie Selbstregulation, emotionale Reifung und soziale Kompetenzen entstehen. Es wird deutlich, dass Kinder schon in frühen Jahren lernen müssen, eigene Erfahrungen zu machen und Herausforderungen zu bewältigen, um eigene Kompetenzen wahrzunehmen, die auch später zu Selbstverantwortung führen.

Der zweite Teil enthält sogenannte „Flügelimpulse“ – praktische Denkanstöße und Orientierungen für den Alltag von Kindern im Kommunikations- und Interaktionsgeschehen mit Erwachsenen. Diese sollen verdeutlichen, wie Kinder in unterschiedlichen Alltagssituationen entwicklungsförderlich begleitet werden können, ohne sie zu stark zu dirigieren bzw. zu kontrollieren oder vor möglichen Gefahren im Sinne einer Überbehütung zu schützen.

Das zentrale Anliegen des Autors ist es, das Verständnis von einer reinen Bedürfnisorientierung weiterzuentwickeln. Kinder sollen das Vertrauen in sich entdecken, als Akteur tätig werden zu können, selbstständig zu handeln und Verantwortung für sich selbst und gleichzeitig auch für die Folgen ihres Handelns zu übernehmen. Auch wenn sich das Buch mit erster Priorität an Eltern wendet, wobei z. B. typische Herausforderungen im Alltag wie Konflikte in der Autonomiephase, Wutanfälle und mangelnde Kooperation aufgegriffen werden, treffen die Erklärungen und hilfreichen Handlungsimpulse selbstverständlich auch für das Alltagsgeschehen in der Elementarpädagogik zu.

Dem Buch liegen vier zentrale Botschaften zugrunde:

(1) Kinder brauchen neben Nähe und Verständnis auch eine klare Orientierung, um eigene Bedürfnisse und werteorientierte Handlungsnotwendigkeiten miteinander in Beziehung zu setzen.
(2) Kinder brauchen vielfältige und praktisch erlebbare Erfahrungen, um ein möglichst hohes Maß an Selbstständigkeit in der Gegenwart und für die Zukunft auf- und ausbauen zu können.
(3) Ängstlichkeit und Misstrauen der Erwachsenen beschneiden die Erfahrungswelt der Kinder und schwächen gleichzeitig deren Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Entsprechend sollten Erwachsene den Kindern mehr zutrauen, ohne dabei Überforderungen zu erzeugen. Kinder wollen etwas leisten, sich selbst als wirksam erleben – und dieses Empfinden muss für sie erfahrbar sein.
(4) Freiheit und Struktur sind ein vernetztes Ganzes, um sowohl eine Laissez-faire-Pädagogik als auch eine autokratische Vorgabepädagogik zu vermeiden. Loslassen, Begleiten und ein demokratisch strukturiertes, entwicklungsförderlich sinnvolles Setting sorgen für eine ausgewogene Balance zwischen Selbstwirksamkeit und einem wertedurchsetzten Sicherheitsgefüge.

Verständlich und klar strukturiert

Das Buch überzeugt einerseits durch seine verständliche Sprache und andererseits durch seine klare Struktur, wie man es auch aus den anderen Büchern des Autors kennt. Renz-Polster verbindet anschauliche Beispiele aus dem Zusammenleben von Kindern und Erwachsenen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und persönlichen Erfahrungen, was das Buch lebendig erscheinen lässt. Dadurch ist das Werk praxisnah und auch für Leserinnen und Leser ohne große pädagogische Vorkenntnisse zugänglich und zugleich informativ.

Renz-Polster gelingt es, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Bindung und Selbstständigkeit und damit eine gelingende Autonomieentwicklung darzustellen. Es werden keine starren Erziehungsregeln aufgestellt; vielmehr lädt das Buch zur Reflexion eigener Einschätzungen und Handlungsmuster ein. Seine „Flügelimpulse“ regen dazu an, die eigene Haltung als aktive und zugleich engagierte Entwicklungsbegleiter*in selbstkritisch zu hinterfragen und reflektiertere Entscheidungen im Alltagshandeln zu treffen. Wer nach klaren Handlungsvorgaben, Anweisungen, Rezepten oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen sucht, wird hier nicht fündig; stattdessen setzt der Autor auf Haltung, Verständnis und langfristige Orientierung.

Angesichts aktueller Ergebnisse aus der Erziehungsforschung zu Überbehütung und Leistungsdruck im pädagogischen Alltag liefert der Autor einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie Kinder in einer zunehmend kontrollierten Lebenswelt ausreichend Freiraum für eigene Erfahrungen erhalten können, um nachhaltig gut auf ihr späteres Leben vorbereitet zu sein.

Armin Krenz

Bibliografie

auf die flügel kommt es an cover

Auf die Flügel kommt es an.
Wie Eltern Orientierung geben und Kinder selbstständig werden.

Beltz Verlag, Weinheim 2026.
207 Seiten, 20,00 €.
ISBN: 978-3-407-86921-0




Was Kindern Halt gibt: Glaube kann vor Ängsten schützen

Warum Gemeinschaft, Sinn und Zugehörigkeit die psychische Entwicklung unterstützen können

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Ängsten – oft leise, oft unbemerkt, aber spürbar im Alltag: Unsicherheit, Rückzug, Überforderung. Die Ursachen werden meist in Leistungsdruck, sozialen Medien oder schulischen Anforderungen gesucht. Doch ein zentraler Zusammenhang wird bislang wenig beachtet: der Verlust von Orientierung, Gemeinschaft und Sinn.

Genau hier setzt eine aktuelle internationale Analyse an – mit einem überraschend klaren Ergebnis: Wo religiöse Bindung in Familien und Gesellschaft abnimmt, steigen Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen deutlich stärker an.

30 Jahre, 70 Länder, ein deutliches Muster

Die Untersuchung wertete Daten aus 70 Ländern über einen Zeitraum von mehr als drei Jahrzehnten aus. Neben Gesundheitsdaten zur Entwicklung von Angststörungen wurden auch gesellschaftliche Werte und Erziehungsziele einbezogen.

Das Muster ist eindeutig: Über alle Kontinente hinweg zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen sinkender Religiosität und zunehmender Angstbelastung bei jungen Menschen.

Wenn Individualität allein nicht trägt

Gleichzeitig haben sich die Vorstellungen von „guter Erziehung“ grundlegend verändert. Während früher Gehorsamkeit und Einordnung eine größere Rolle spielten, stehen heute Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Individualität im Mittelpunkt.

Das ist grundsätzlich sinnvoll – aber nicht ohne Nebenwirkungen.

Denn Kinder wachsen heute häufiger mit der Erwartung auf, ihren eigenen Weg zu finden, sich selbst zu verwirklichen und Entscheidungen früh eigenständig zu treffen. Was dabei oft fehlt, sind stabile Orientierungssysteme, die Halt geben.

Warum Glaube mehr ist als Religion

Religiosität wirkt in diesem Zusammenhang weniger über konkrete Inhalte als über ihre Funktionen:
Sie schafft Gemeinschaft.
Sie gibt dem Leben Richtung.
Sie stiftet Verlässlichkeit im Alltag.

Wo diese Strukturen wegfallen, entstehen Lücken:

  • Familien erleben weniger verbindliche Rituale
  • soziale Netzwerke werden fragiler
  • Zugehörigkeit wird weniger selbstverständlich

Gerade diese Faktoren sind jedoch entscheidend für die psychische Stabilität von Kindern.

Was jetzt wichtiger wird

Die zentrale Botschaft ist dabei nicht, zur Religion zurückzukehren. Vielmehr stellt sich eine andere Frage:
Wie können wir das stärken, was Kinder stabil macht?

Die Forschenden sehen hier klare Ansatzpunkte:

  • gemeinschaftliche Aktivitäten in Gruppen und Vereinen
  • gelebte soziale Beziehungen im Alltag
  • verlässliche Strukturen in Familie, Kita und Schule

Gerade pädagogische Einrichtungen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie können Räume schaffen, in denen Kinder sich zugehörig fühlen, sich orientieren können und erleben, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind.

Ein blinder Fleck in der Bildungsdebatte

Die Ergebnisse werfen ein kritisches Licht auf aktuelle Entwicklungen: Eine einseitige Betonung von Individualität und Selbstverantwortung greift zu kurz, wenn sie nicht durch Gemeinschaft, Orientierung und soziale Einbindung ergänzt wird.

Kinder brauchen beides: Freiheit – und Halt.

Und vielleicht liegt genau hier der entscheidende Punkt:
Nicht alles, was modern ist, ist automatisch entwicklungsförderlich. Manche Ressourcen, die leise verschwinden, erweisen sich erst im Rückblick als unverzichtbar.

Originalpublikation:

Leonard Konstantin Kulisch, Ana Lorena Domínguez Rojas, Silvia Schneider, Babett Voigt: Global Cultural Change and Anxiety in Children and Adolescents: Analyzing Socialization Goals Over Three Decades in 70 Countries, in: Developmental Science, 2026, DOI: 10.1111/desc.70157, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12968521/




Kinder- und Jugendbericht: Sicherheit und Orientierung sind gefragt

Die meisten jungen Menschen in Deutschland blicken mit Zuversicht auf die kommenden Jahre

In Deutschland leben derzeit rund 22 Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Der Bericht zeigt: Ihre Generation ist so vielfältig wie nie zuvor. Aber eins haben sie gemeinsam: Sicherheit und Orientierung sind notwendig für gutes Aufwachsen. Das ist jedoch aktuell geprägt von sich überlagernden Herausforderungen wie Krieg, Klimawandel, globale Fluchtmigration, Nachwirkungen der Pandemie, aber auch von Fachkräftemangel und dem Druck auf die Demokratie.

Zukunftsvertrauen hat abgenommen

Die meisten jungen Menschen in Deutschland blicken mit Zuversicht auf die kommenden Jahre. Ihr Zukunftsvertrauen hat jedoch abgenommen. Von den aktuellen Krisen sind sie unterschiedlich stark betroffen – je nachdem, unter welchen Bedingungen und mit welchen Zugehörigkeiten und Zuschreibungen sie aufwachsen.

Die Gesellschaft verfügt über vielfältige Ressourcen für die junge Generation. Es gelingt ihr aber nicht, diese allen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen gleichermaßen zugänglich zu machen.

Die Berichtskommission sieht Politik und Gesellschaft gefordert, junge Menschen und künftige Generationen mit ihren Bedürfnissen stärker zu berücksichtigen.

Vertrauenswürdige Rahmenbedingungen

Der Bericht betont, dass junge Menschen auch in schwierigen Zeiten vertrauenswürdige Rahmenbedingungen brauchen. Dafür ist eine starke Kinder- und Jugendhilfe unverzichtbar. Dazu gehören viele Arbeitsfelder und Aufgaben – etwa die Kinderbetreuung in Kitas und Schulen, Jugendzentren, Jugendverbände, der internationale Jugendaustausch, die Jugendsozialarbeit und die vielfältigen Leistungen der Jugendämter vor Ort.

Jugendhilfe muss besser werden

Prof. Dr. Karin Böllert, Vorsitzende der Berichtskommission: „Die Kinder- und Jugendhilfe ist trotz der Ausnahmesituationen der letzten Jahre funktionsfähig, kommt aber zunehmend an ihre Grenzen. Zum guten Aufwachsen gehören Zuversicht und Vertrauen. Wenn die Kinder- und Jugendhilfe mit ihren Leistungen auch weiterhin dazu beitragen soll, muss sie verlässlich sein und noch besser werden als sie es ist.“

Bei der Erstellung des Berichts hat die Berichtskommission großen Wert auf eine umfängliche Beteiligung junger Menschen gelegt. Insgesamt hat sie rund 5.400 junge Menschen zwischen fünf und 27 Jahren zu verschiedenen Fragestellungen beteiligt.

Hintergrund:

Gemäß § 84 SGB VIII ist die Bundesregierung verpflichtet, dem Deutschen Bundestag und dem Bundesrat in jeder Legislaturperiode einen Kinder- und Jugendbericht vorzulegen und dazu Stellung zu nehmen. Mit der Ausarbeitung des Berichtes wird jeweils eine unabhängige Sachverständigenkommission beauftragt. Mit einer Stellungnahme der Bundesregierung wird der Bericht Bundestag und Bundesrat zugeleitet.

Den Bericht, eine Kurzbroschüre und weitere Informationen finden Sie auf www.bmfsfj.de/kinder-und-jugendbericht.