Personalmangel in Kitas: Studie zeigt großen Ost-West-Unterschied bei Förderung

Kinder spielen im Kindergarten

Nur jede siebte Kita erreicht die wissenschaftlich empfohlene Personalausstattung – besonders groß sind die Defizite in Ostdeutschland. Das geplante Startchancen-Programm könnte gezielt unterstützen, wenn Mittel bedarfsgerecht eingesetzt werden

Kita-Kinder in Deutschland haben sehr unterschiedliche Bildungs- und Förderbedarfe. Besonders Kinder mit nichtdeutscher Familiensprache oder mit Anspruch auf Eingliederungshilfe benötigen eine intensivere pädagogische Begleitung. Doch eine aktuelle Auswertung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt: In vielen Einrichtungen fehlen dafür die notwendigen Fachkräfte.

Demnach erreicht nur rund jede siebte Kita bundesweit (etwa 14 Prozent) eine vollständige, wissenschaftlich empfohlene Personalbesetzung. Ein knappes Viertel der Kitas liegt bei 80 bis unter 100 Prozent der empfohlenen Ausstattung. 41 Prozent kommen auf Werte zwischen mehr als 60 und 80 Prozent. Etwa jede fünfte Kita verfügt über 60 Prozent oder weniger der eigentlich benötigten Personalkapazitäten.

Besonders deutlich fallen die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland aus. Während im Westen nur 11 Prozent der Kitas eine Ausstattung von 60 Prozent oder weniger erreichen, sind es im Osten 65 Prozent. Umgekehrt schaffen es 16 Prozent der westdeutschen Kitas, die bestmögliche Personalausstattung zu erfüllen – im Osten gelingt das lediglich 2 Prozent der Einrichtungen.

Auch zwischen den Bundesländern zeigen sich erhebliche Differenzen. Die höchsten Anteile an Kitas mit einer Personalausstattung gemäß wissenschaftlicher Empfehlung finden sich in Baden-Württemberg (36 Prozent), Bremen (32 Prozent) und Niedersachsen (20 Prozent). Besonders kritisch ist die Lage dagegen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, wo jeweils 84 Prozent der Kitas nur 60 Prozent oder weniger des benötigten Personals zur Verfügung haben. In Sachsen-Anhalt liegt dieser Anteil bei 76 Prozent.

Worauf es bei der Bildung und bedarfsgerechten Förderung von Kita-Kindern ankommt

Eine angemessene Personalausstattung gilt als zentrale Voraussetzung für gute frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung. Wie hoch der tatsächliche Personalbedarf in einer Kita ist, hängt jedoch von mehreren Faktoren ab: der Größe der Einrichtung, dem Alter der Kinder und den besonderen pädagogischen Anforderungen.

Solche Anforderungen entstehen etwa, wenn Kinder mehrsprachig aufwachsen oder eine Eingliederungshilfe benötigen – beispielsweise aufgrund körperlicher, geistiger oder seelischer Beeinträchtigungen. Die Förderung dieser Kinder erfordert zusätzliche pädagogische Ressourcen und eine differenzierte Arbeit im Team.

Anette Stein, Director Bildung und Next Generation der Bertelsmann Stiftung, betont, dass Kitas Kinder deutlich besser unterstützen könnten, wenn sie bedarfsgerecht ausgestattet wären. Gerade Einrichtungen, die Mehrsprachigkeit fördern oder Kinder mit Eingliederungshilfe begleiten, stünden vor besonderen Herausforderungen. Chancengerechtigkeit könne nur erreicht werden, wenn auf die individuellen Bedarfe aller Kinder eingegangen werde.

Zugleich weisen die Expertinnen darauf hin, dass zusätzliches Personal nur dann wirksam sei, wenn es pädagogisch qualifiziert ist und die Zusammenarbeit im Team funktioniere.

Startchancen-Programm könnte gezielt helfen

Die Bertelsmann Stiftung sieht im geplanten Kita-Startchancen-Programm eine Möglichkeit, Kinder mit besonderem Förderbedarf stärker in den Fokus zu rücken. Allerdings sei die Umsetzung anspruchsvoll.

Kathrin Bock-Famulla, Expertin für frühkindliche Bildung der Stiftung, warnt davor, dass viele Kitas nicht einmal die notwendige Grundausstattung an Fachkräften erreichen. Dadurch könnten zusätzliche Mittel zunächst genutzt werden, um bestehende Personallücken zu schließen. Eine spürbare Wirkung entfalte das Programm jedoch vor allem dann, wenn die finanzierten zusätzlichen Personalstunden tatsächlich den Kindern mit besonderen Förderbedarfen zugutekämen.

Die Auswertungen zeigen zudem: Empfehlungen für kindgerechte frühe Bildung werden bei einem steigenden Anteil an Kindern mit Eingliederungshilfe im Durchschnitt eher erreicht als bei einem steigenden Anteil an Kindern mit nichtdeutscher Familiensprache. Dies verdeutlicht, wie unterschiedlich Förderbedarfe in der Praxis berücksichtigt werden.

Personalausstattungsquote als Vergleichsgröße

Um die Personalsituation in Kitas differenziert bewerten zu können, haben Expert:innen der Bertelsmann Stiftung und des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) die sogenannte Personalausstattungsquote eingeführt. Diese Kennzahl zeigt, in welchem Umfang eine Kita die fachlich empfohlene Personalausstattung erreicht.

Dabei wird berücksichtigt, dass eine Fachkraft im Durchschnitt nur rund zwei Drittel ihrer Arbeitszeit direkt für die pädagogische Arbeit mit Kindern einsetzen kann. Die Quote liegt bundesweit sowie auf Ebene der Länder, Kreise und kreisfreien Städte vor und kann wichtige Hinweise für die Steuerung zusätzlicher Fördermittel liefern.

Die Berechnungen wurden vom ÖIF im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt und sollen insbesondere als Grundlage dienen, um das geplante Startchancen-Programm dort einzusetzen, wo der Handlungsbedarf am größten ist.




Kinderbetreuung in Deutschland: Bedarf übersteigt weiter das Angebot

Die DJI-Kinderbetreuungsstudie 2025 macht deutliche Unterschiede zwischen Ost und West sichtbar und zeigt soziale Hürden beim Zugang zu Kitas

Die aktuellen Ergebnisse der DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) zeigen: Auch mehr als zehn Jahre nach Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten Geburtstag bleibt die Versorgungslage in Deutschland angespannt. Obwohl die Geburtenzahlen sinken, besteht ein erheblicher Mangel an passenden Angeboten in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE).

West- und Ostdeutschland mit deutlichen Unterschieden

Besonders auffällig sind die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Während in Westdeutschland 23 Prozent der Familien mit ein- oder zweijährigen Kindern trotz Bedarf keinen Platz nutzen, liegt dieser Anteil im Osten bei lediglich 9 Prozent. Hinzu kommt, dass weitere 6 Prozent der Eltern im Westen und 4 Prozent im Osten ihre aktuellen Betreuungszeiten als unzureichend einschätzen.

Nach Berechnungen der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat) an der Technischen Universität Dortmund könnten sinkende Geburtenraten in Ostdeutschland dazu führen, dass künftig Plätze für Kinder ab drei Jahren in Angebote für unter Dreijährige umgewandelt werden. Im Westen bleibt die Lage dagegen aufgrund der konstant hohen Lücke zwischen Angebot und Nachfrage sowie des Personalmangels besonders schwierig.

Soziale Ungleichheit beim Zugang zur Kinderbetreuung

Die Analysen verdeutlichen auch, dass benachteiligte Familien seltener einen Betreuungsplatz erhalten. Familien mit Migrationsgeschichte haben trotz vergleichbaren Bedarfs signifikant schlechtere Chancen (-10 Prozentpunkte). Ebenso nutzen Familien, die Transferleistungen beziehen oder in denen der höchste Schulabschluss ein Hauptschulabschluss ist, die Angebote seltener (-9 bzw. -8 Prozentpunkte). Dieser Befund gilt seit 2016 unverändert.

„Die Angebotsplanung, vor allem vor Ort in den Kommunen, muss professioneller werden, damit alle Kinder gleiche Chancen auf einen bedarfsgerechten Platz haben. Kommunen müssen ressourcenschonend auf die Bevölkerungsentwicklung und Zuzugswellen reagieren können und dürfen zugleich die Angebotsqualität nicht vernachlässigen“, kritisiert Prof. Dr. Susanne Kuger, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut. Sie betont: „Damit wurde eines der zentralen Ziele des Rechtsanspruchs – die Teilhabechancen aller Kinder zu verbessern und für mehr Chancengerechtigkeit beim Zugang zur Kindertagesbetreuung zu sorgen – bislang nicht erreicht.“

Unterschiedliche Bedarfe von Eltern in Ost und West

Seit 2013 ist der Betreuungsbedarf von Eltern mit ein- und zweijährigen Kindern deutlich gestiegen. Im Jahr 2024 liegt er bundesweit bei 65 Prozent (Einjährige) beziehungsweise 82 Prozent (Zweijährige). In Ostdeutschland ist die Nachfrage traditionell höher: 82 Prozent der Eltern mit einjährigen Kindern und 92 Prozent mit zweijährigen wünschen einen Platz, in Westdeutschland sind es 62 beziehungsweise 80 Prozent.

Auch die bevorzugten Betreuungsumfänge unterscheiden sich: Während ostdeutsche Eltern überwiegend Ganztagsplätze mit 35 bis 45 Wochenstunden nachfragen, bevorzugen westdeutsche Eltern meist erweiterte Halbtagsplätze zwischen 25 und 35 Stunden. Doch nicht immer können die gewünschten Modelle auch tatsächlich genutzt werden. Unzureichende Verlässlichkeit der Angebote – etwa durch ungeplante Schließtage – verschärft die Situation zusätzlich.

Die DJI-Kinderbetreuungsstudie

Die DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS) ist eine jährliche, bundesweit repräsentative Befragung von rund 33.000 Eltern. Sie untersucht die aktuelle Betreuungssituation, elterliche Bedarfe sowie die wahrgenommene Qualität der Kindertagesbetreuung. Zudem wird erfasst, warum Familien kein Angebot nutzen. Gefördert wird die Studie durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Die neuesten Ergebnisse sind im DJI-Kinderbetreuungsreport 2025 (Studie 1) sowie in der Publikationsreihe „Kindertagesbetreuung Kompakt“ erschienen. Dort werden die Befunde mit den Beteiligungsquoten der AKJStat an der TU Dortmund verknüpft, um regionale Entwicklungen sichtbar zu machen.

Quelle: Deutsches Jugendinstitut (DJI), Pressemitteilung vom August 2025