Thema Kreativität: Erwachsene sind origineller, Kinder haben mehr Freude

Eine neue Studie zeigt: Erwachsene entwickeln originellere Ideen, Kinder haben mehr Freude daran. Was die Forschung erklärt und was Kitas daraus lernen.

Kinder gelten als besonders kreativ. Erwachsene dagegen sollen im Laufe ihres Lebens einen Teil ihrer schöpferischen Fähigkeiten verlieren. Eine neue Studie der Universität Graz stellt diese verbreitete Vorstellung infrage: Erwachsene entwickelten bei mehreren Kreativitätsaufgaben originellere Ideen als Vorschulkinder. Die Kinder hatten jedoch mehr Freude am kreativen Gestalten, vertrauten stärker auf ihre Fähigkeiten und machten sich weniger Sorgen, etwas falsch zu machen. Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Erwachsene entwickeln originellere Ideen

Für die im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlichte Untersuchung verglich ein Forschungsteam um die Psychologin Janika Saretzki und den Grazer Psychologen Mathias Benedek, gemeinsam mit Ines Fratzl aus Graz und dem Entwicklungspsychologen Baptiste Barbot (Louvain und Yale University), die kreativen Leistungen von 92 Vorschulkindern und 70 Erwachsenen. Die Kinder waren durchschnittlich 5,7 Jahre alt, die Erwachsenen 25,3 Jahre.

Die Teilnehmenden sollten ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten für eine Blechdose finden, ein Fantasietier zeichnen und ein Bild ohne weitere Vorgaben gestalten. Unabhängige Gutachterinnen und Gutachter bewerteten die Ergebnisse, ohne das Alter der Urheber zu kennen.

Die Erwachsenen schnitten insgesamt besser ab, besonders bei Aufgaben mit einem klaren Ziel. Beim freien Zeichnen waren die Unterschiede geringer. Hinsichtlich der Originalität gab es hier keinen statistisch signifikanten Unterschied.

„Bei allen Aufträgen wurden die Leistungen der Erwachsenen objektiv als origineller, effektiver und kreativer bewertet als die der Kleinen“, erklärte Benedek in einer Mitteilung der Universität Graz. Die Aussage bezieht sich auf die Gesamtbewertung, nicht auf sämtliche Einzelkriterien.

Besonders aufschlussreich ist ein Zusatzbefund zur Selbsteinschätzung: Über drei Viertel der erwachsenen Teilnehmenden schätzten die Vorschulkinder fälschlicherweise als kreativer ein – obwohl die objektiven Bewertungen das Gegenteil zeigten. Dieser Befund verdeutlicht, wie stark das verbreitete Bild vom „kreativen Kind“ auch unter den Erwachsenen selbst verankert ist, und wie wenig es der tatsächlichen Leistung entspricht.

Ein anderes Bild zeigte sich beim Erleben der Aufgaben. Die Vorschulkinder waren motivierter, hatten mehr Freude und vertrauten stärker auf ihre kreativen Fähigkeiten. Erwachsene machten sich häufiger Gedanken darüber, wie andere ihre Ergebnisse beurteilen könnten, und gaben zugleich mehr Versagensangst und ein geringeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten an.

Benedek erklärt: „Erwachsenen ist es wichtiger, wie andere ihre Ideen beurteilen könnten. Sie schätzen ihre eigene Kreativität vielleicht realistischer ein, aber diese Selbstüberwachung kann auch Sorgen vor einer Bewertung mit sich bringen – und diese Sorge kann den freien Fluss von Ideen hemmen.“

Warum Erwachsene besser abschneiden könnten

Die Studie klärt nicht abschließend, weshalb Erwachsene bei den Kreativitätsaufgaben erfolgreicher waren. Eine mögliche Erklärung liegt in ihrem größeren Wissens- und Erfahrungsschatz. Kreativität entsteht häufig dadurch, dass vorhandene Vorstellungen neu miteinander kombiniert werden. Erwachsene kennen mehr Gegenstände, Zusammenhänge und Möglichkeiten, auf die sie dabei zurückgreifen können.

„Zum Beispiel erfanden Erwachsene höchst ungewöhnliche Fantasietiere, während viele Vorschulkinder einhornähnliche Wesen zeichneten“, berichtet Benedek.

Hinzu kommen Unterschiede in der geistigen Entwicklung. Sogenannte exekutive Funktionen ermöglichen es, Ideen zu planen, unterschiedliche Lösungen zu vergleichen und ungeeignete Einfälle zu verwerfen. Dazu gehören das Arbeitsgedächtnis, geistige Flexibilität und die bewusste Steuerung des Denkens. Diese Fähigkeiten entwickeln sich während der Kindheit und Jugend erheblich weiter.

Eine 2024 in Thinking Skills and Creativity veröffentlichte Untersuchung mit 159 Jugendlichen zwischen zwölf und 16 Jahren zeigte, dass sich einzelne Komponenten kreativen Denkens unterschiedlich entwickeln. Während sich unter anderem Planungsfähigkeiten und Arbeitsgedächtnis verbesserten, ging die Leistung beim figuralen divergenten Denken über die untersuchten Schuljahre zurück.

Kreativität ist demnach keine einheitliche Fähigkeit, die mit zunehmendem Alter einfach wächst oder abnimmt.

PISA: Kreativität und Problemlösungsfähigkeit hängen zusammen

Auch die internationale PISA-Studie liefert wichtige Erkenntnisse. Die OECD untersuchte 2022 erstmals in 64 Staaten und Volkswirtschaften das kreative Denken 15-jähriger Jugendlicher. Die Ergebnisse wurden 2024 veröffentlicht.

PISA prüft nicht vorrangig die Wiedergabe von Wissen, sondern die Fähigkeit, erworbene Kenntnisse und Kompetenzen auf unterschiedliche Problemstellungen anzuwenden. Beim kreativen Denken sollten die Jugendlichen verschiedene Ideen entwickeln, originelle Lösungen finden und bestehende Vorschläge verbessern.

Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen kreativen Leistungen und den bei PISA untersuchten Kompetenzen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Jugendliche, die in diesen Bereichen erfolgreich waren, erzielten häufig auch bessere Ergebnisse beim kreativen Denken.

Das bedeutet allerdings nicht, dass mehr Wissen automatisch kreativer macht. Vielmehr könnten beide Leistungsbereiche teilweise auf gemeinsamen kognitiven Voraussetzungen beruhen, etwa der Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, unterschiedliche Lösungswege zu entwickeln und Probleme systematisch zu bearbeiten.

Für die Grazer Studie ist das bedeutsam: Erwachsene verfügen nicht nur über mehr Erfahrung als Vorschulkinder, sondern auch über weiterentwickelte Fähigkeiten zur Problemlösung und bewussten Denksteuerung. Ob diese Unterschiede tatsächlich ihren Leistungsvorsprung erklären, bleibt jedoch offen.

Die Lernumgebung beeinflusst kreatives Denken

Die PISA-Ergebnisse zeigen außerdem, dass die Lernumgebung mit den kreativen Leistungen zusammenhängt. Jugendliche, deren Lehrkräfte ungewöhnliche Antworten wertschätzten und eigenständiges Denken unterstützten, erzielten im Durchschnitt bessere Ergebnisse. In Deutschland geben allerdings nur rund 59 Prozent der Jugendlichen an, dass ihre Lehrkräfte ihre Kreativität schätzen – international liegt dieser Wert bei etwa 70 Prozent.

Auch die Überzeugung, Kreativität durch Übung verbessern zu können, ging mit höheren Leistungen einher. Allerdings handelt es sich um statistische Zusammenhänge, aus denen sich keine eindeutigen Ursachen ableiten lassen.

Die Grazer Studie ergänzt diese Erkenntnisse um einen wichtigen Aspekt: Vorschulkinder haben besonders viel Freude an kreativen Tätigkeiten, wenn sie ohne feste Zielvorgaben experimentieren können.

Das zeigte sich auch im Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit: Während für die Zeichenaufgaben jeweils ein festes Zeitfenster von mehreren Minuten vorgesehen war, nutzten Vorschulkinder und Erwachsene dieses unterschiedlich – bei frei wählbaren Aufgaben ohne klare Zielvorgabe beschäftigten sich die Kinder tendenziell ebenso lange oder länger mit ihren Werken wie die Erwachsenen, während Erwachsene bei zielgerichteten Aufgaben die Zeit intensiver zur Ausarbeitung nutzten.

Offenbar kommen unterschiedliche Aufgabenformen den jeweiligen Altersgruppen unterschiedlich entgegen. Erwachsene profitieren möglicherweise stärker von klaren Zielvorgaben, während Vorschulkinder besonders gerne frei gestalten.

Eine doppelte Aufgabe für die pädagogische Praxis

Für die pädagogische Praxis ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe. Kinder benötigen vielfältige Erfahrungen, Wissen und Anregungen, um ihre kreativen Möglichkeiten weiterzuentwickeln. Gleichzeitig brauchen sie Freiräume, in denen sie eigene Ideen ausprobieren können, ohne ständig bewertet zu werden.

Dabei darf Kreativität nicht allein an fertigen Produkten gemessen werden. Gerade im frühen Kindesalter zeigt sie sich häufig im Spiel: Ein Karton wird zum Raumschiff, ein Holzklotz zum Telefon oder ein Stock zum Zauberstab. Solche Handlungen verlangen Vorstellungskraft, symbolisches Denken und die Fähigkeit, Gegenständen neue Bedeutungen zuzuschreiben. Diese Form des kreativen Denkens lässt sich kaum mit standardisierten Aufgaben erfassen, ist für die Entwicklung aber ebenso bedeutsam wie die in Studien gemessene Originalität.

Pädagogische Fachkräfte sollten daher zwei Ebenen unterscheiden: die kreative Leistung, die sich objektiv bewerten lässt, und das kreative Erleben, also Freude, Neugier und Selbstvertrauen beim Gestalten. Die Grazer Studie legt nahe, dass beide Ebenen im Vorschulalter nicht zwangsläufig zusammenfallen – Kinder, die wenig originelle Ergebnisse produzieren, können trotzdem mit großer Begeisterung und hohem Selbstvertrauen kreativ tätig sein. Dieses Erleben zu erhalten, ist pädagogisch mindestens so wichtig wie die Förderung messbarer kreativer Leistungen, da Freude und Zutrauen eine wesentliche Voraussetzung dafür sind, dass sich kreative Fähigkeiten langfristig überhaupt entfalten können.

Daraus lassen sich einige praktische Ableitungen formulieren:

Für die frühe Kindheit (Kita, Vorschule):

  • Offene, ergebnisoffene Gestaltungsangebote ohne starre Zielvorgaben bereitstellen, da Kinder hier besonders viel Freude und Eigeninitiative zeigen.
  • Bewertung zurückhaltend einsetzen: Zu frühes oder zu häufiges Bewerten kindlicher Werke kann die unbefangene Freude am Ausprobieren beeinträchtigen.
  • Vielfältige Erfahrungen, Materialien und Wissen anbieten, da diese die Grundlage für spätere originellere Ideen bilden.
  • Fantasie- und Rollenspiel als eigenständige, wertvolle Form kreativen Denkens anerkennen, auch wenn sie sich nicht in Testergebnissen niederschlägt.

Für Schule (Primar- und Sekundarstufe):

  • Aufgaben mit klaren Zielvorgaben gezielt mit offeneren, explorativen Formaten kombinieren, da beide Aufgabentypen unterschiedliche kreative Prozesse ansprechen.
  • Eine Fehlerkultur fördern, die Bewertungsängste reduziert – gerade weil ältere Kinder und Jugendliche zunehmend auf die Einschätzung anderer achten, was den freien Ideenfluss hemmen kann.
  • Lehrkräfte sollten eigenständiges Denken und ungewöhnliche Lösungswege sichtbar wertschätzen; die PISA-Daten deuten auf einen Zusammenhang mit besseren kreativen Leistungen hin, auch wenn daraus keine einfache Ursache-Wirkungs-Kette folgt.
  • Die Vermittlung von Fachwissen nicht gegen die Förderung kreativen Denkens ausspielen: Beide hängen den PISA-Befunden zufolge eher zusammen als dass sie sich gegenseitig ausschließen.

Übergreifend:

  • Kreativitätsförderung sollte altersabhängig unterschiedlich ansetzen: bei jüngeren Kindern eher über Freiraum und Erleben, bei älteren Kindern und Jugendlichen zunehmend auch über Wissen, Strategien und Denkwerkzeuge.
  • Kulturelle und institutionelle Rahmenbedingungen – etwa der in PISA sichtbare Unterschied zwischen Ländern bei der Wertschätzung von Kreativität durch Lehrkräfte – zeigen, dass Bildungseinrichtungen hier aktiv Einfluss nehmen können.
  • Forschungsbefunde wie die der Grazer Studie sollten mit Vorsicht auf den Bildungsalltag übertragen werden: Die Stichproben sind begrenzt, und viele Zusammenhänge sind korrelativ, nicht kausal belegt.

Insgesamt deutet die Forschung darauf hin, dass weder das Bild vom besonders kreativen Kind noch das vom überlegen kreativen Erwachsenen die ganze Wahrheit abbildet. Beide Altersgruppen bringen unterschiedliche Stärken mit – Kinder ein unbefangenes, freudvolles Herangehen, Erwachsene einen größeren Erfahrungsschatz und entwickeltere Steuerungsfähigkeiten. Pädagogisch sinnvoll erscheint es, beide Aspekte nicht gegeneinander auszuspielen, sondern Lernumgebungen zu schaffen, die sowohl Freiraum für freudvolles Experimentieren als auch Gelegenheiten zum Aufbau von Wissen und Strategien bieten.

Quellen

Primärstudie:

Saretzki, J., Fratzl, I., Barbot, B., & Benedek, M. (2026). Are children really more creative than adults? A mixed-methods examination of creative performance and experience. PLOS ONE, 21(10), e0346553. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0346553

Weitere Forschungsliteratur:

Divergent thinking and Executive functions in children: A developmental perspective based on intellectual capacity. (2024). Thinking Skills and Creativity, 51, 101466. https://doi.org/10.1016/j.tsc.2024.101466

OECD. (2024). PISA 2022 Results (Volume III): Creative Minds, Creative Schools. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/765ee8c2-en

OECD. (2025). Creative minds in action: Students‘ imagination and ideas in storytelling, design and problem solving tasks on the PISA test (OECD Education Policy Perspectives, No. 120). https://doi.org/10.1787/5b718eb2-en

Presse-/Institutionsberichte:

Universität Graz. (2026). Selbstbewusst und einfallsreich: Psychologinnen untersuchen Kreativität bei Jung und Alt. https://www.uni-graz.at/de/neuigkeiten/selbstbewusst-und-einfallsreich-psychologinnen-untersuchen-kreativitaet-bei-jung-und-alt/

ORF Wissenschaft. (2026). Erwachsene sind kreativer, aber Kinder haben mehr Spaß. https://science.orf.at/stories/3237837/




Zwei Kita-Fortbildungen: Grenzen setzen und Werte vermitteln

Zwei Online-Seminare mit Thomas Rupf und Armin Krenz zeigen, wie pädagogische Fachkräfte Grenzen setzen und Kindern wichtige Werte vermitteln

Pädagogische Fachkräfte stehen täglich vor vielfältigen Herausforderungen. Hohe Erwartungen von Eltern, zunehmende Arbeitsbelastung und Personalmangel erschweren es häufig, den eigenen pädagogischen Ansprüchen gerecht zu werden. Zwei Online-Fortbildungen der BildungsBeratung Ankum bieten im November praxisnahe Anregungen, um den Berufsalltag bewusster und professioneller zu gestalten.

Professionelle Abgrenzung: Auch Nein sagen gehört zum Beruf

Am 11. November 2026 von 9 bis etwa 12 Uhr beschäftigt sich Dipl.-Päd. Thomas Rupf im Webinar „Könnte ich mich doch bloß mal besser abgrenzen“ mit der Frage, wie pädagogische Fachkräfte ihre eigenen Grenzen erkennen und gegenüber Eltern und anderen Beteiligten angemessen vertreten können.

Dabei geht es um typische Konfliktsituationen aus dem Kita-Alltag: Müssen kranke Kinder aufgenommen werden? Dürfen Fachkräfte die Medikamentengabe ablehnen? Wie reagiert man, wenn Eltern ihr Kind verspätet abholen oder mitten im Stuhlkreis bringen?

Rupf zeigt Strategien auf, mit denen sich Fachkräfte aus Rechtfertigungszwängen lösen, Verantwortlichkeiten klären und ihre professionelle Handlungsfähigkeit bewahren können.

Wie Kinder Werte erfahren: Pädagogische Haltung im Mittelpunkt

Am 16. November 2026, ebenfalls von 9 bis etwa 12 Uhr, widmet sich Prof. Dr. Armin Krenz dem Thema „Wie Kinder Werte erfahren – Gelebte Werte und ihre besondere Bedeutung für den Weg ins Leben“.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kinder grundlegende Werte wie Achtsamkeit, Respekt, Empathie und Vertrauen entwickeln können. Entscheidend ist dabei nicht allein, über Werte zu sprechen. Kinder müssen sie im täglichen Zusammenleben erfahren können.

Krenz beleuchtet die Bedeutung einer kindzentrierten Pädagogik, einer reflektierten professionellen Haltung und einer tragfähigen Beziehungsarbeit. Darüber hinaus gibt er Anregungen für die Zusammenarbeit im Team und den Umgang mit Belastungen und ständig neuen Anforderungen.

Teilnahme und Anmeldung

Beide Webinare richten sich an Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte, Kindertagespflegepersonen sowie Fachkräfte aus der Jugendarbeit und weiteren pädagogischen Arbeitsfeldern. Auch eine gemeinsame Teilnahme als Team ist möglich.

Die Veranstaltungen finden online über Zoom statt und kosten jeweils 67 Euro pro Person. Nach der Teilnahme erhalten die Teilnehmenden eine Bescheinigung über vier Unterrichtseinheiten.

Veranstalter und Ansprechpartner für die Anmeldung ist die BildungsBeratung Ankum, E. G. Ginten. Interessierte können sich für weitere Informationen und die Anmeldung direkt an den Veranstalter wenden: https://bb-ankum.de/




KINDHEIT: Was stimmt, was stimmt nicht? Erziehungsmythen im Faktencheck

(Rezension für >spielen und lernen) von Armin Krenz Schuwerk, Tobias & Berkic, Julia: KINDHEIT. WAS STIMMT, WAS STIMMT NICHT? Erziehungsmythen von ExpertInnen gecheckt. Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Weinheim 2026. 256 Seiten, 22,00 €

Erziehungsmythen in der Kleinkinderziehung auf dem Prüfstand

In der Pädagogik gibt es viele, so genannte Erziehungsmythen, die in der Kleinkinderziehung hartnäckig vorherrschen und sich generationsübergreifend in den Köpfen vieler Erwachsener festgesetzt haben. Z.B., dass Einzelkinder verwöhnt, egoistisch und weniger sozial kompetent sind als Geschwisterkinder. Oder dass Mädchen eher brav und Jungen eher wild sind, dass Schreibabys so genannte Problemkinder bleiben, dass Kinder im dritten Lebensjahr trocken sein müssen, dass man Babys auch mal schreien lassen muss, dass Kinder feste Schuhe brauchen, um laufen lernen zu können oder eine Kita-Betreuung der Bindung zu den Eltern schadet.

Insgesamt kommen in dem Buch von dem Entwicklungspsychologen und psychologischen Psychotherapeuten Prof. Dr. Tobias Schuwerk sowie der Bindungsforscherin und Entwicklungspsychologin Dr. Julia Berkic 22 ExpertInnen zu Wort, die sich entsprechend ihren Fachgebieten mit insgesamt 30 weitverbreiteten Erziehungsmythen auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes auseinandergesetzt haben, um genau zu prüfen, ob diese Mythen eine Annahmeberechtigung besitzen oder sich als komplett falsch erweisen. Dabei werden neue Schwerpunktbereiche berücksichtigt: Geschlecht und Geschlechterrollen, Sprachentwicklung, motorische Entwicklung, Bindung und Beziehung, Entwicklungsmeilensteine, Erziehungsfragen, Bedürfnisorientierung, außerfamiliale Betreuung und digitale Medien.

30 Erziehungsmythen im wissenschaftlichen Faktencheck

Jedes der 30 Kapitel nennt zunächst den Mythos. Dann folgen kurze Angaben zu der entsprechenden Expertin/ dem entsprechenden Experten. Anschließend wird der aktuelle Stand der Forschung zu diesem Mythos dargelegt, um schließlich der Frage nachzugehen, was dieser aktuelle Wissenschaftsstand für das Kind sowie die Bezugsperson(en) bedeutet. Es bleibt bei dieser Mythenbetrachtung aber auch nicht aus, dass es einige Mythen gibt, die durch Forschungserhebungen weder klar bestätigt noch unmissverständlich widerlegt werden können. Zu jeder Mythosbetrachtung finden sich am Ende des Buches jeweils umfangreiche Quellenangaben, die den LeserInnen die Möglichkeit geben, sich zusätzlich den Quellenangaben zuzuwenden.  Zu den ExpertInnen gehören zum Beispiel u.a. die weit bekannten WissenschaftlerInnen Prof. Dr. Dr. Ahnert, Prof. Dr. Becker-Stoll, Prof. Dr. Fröhlich-Gildhoff, Dr. Renz-Polster, Prof. Dr. Rohrmann und Prof. Dr. Reck.

Warum es sich lohnt, Erziehungsmythen zu hinterfragen

Es ist wirklich überaus spannend (und natürlich sinnvoll), sich mit den in dem Buch vorgestellten, weitverbreiteten Mythen zu beschäftigen, um nicht selbst fachlich falsche Mythen als >gegebene Wahrheiten< weiter in sich zu tragen und auch weiterzugeben, sondern durch ein belegbares Hintergrundwissen eine professionelle Sichtweise zu besitzen, um wissenschaftliche Fakten zum Ausgangspunkt der eigenen Sichtweise zu machen sowie einer Entzauberung von Mythen – z.B. auch in Gesprächen mit KollegInnen und Eltern – entgegenzuwirken.

Fazit: Ein wertvolles Fachbuch über Erziehungsmythen

Dieses Buch bringt bedeutsame Fakten auf den Punkt, ohne sich in randständigen Einzelheiten zu verlieren. Es gibt nicht viele Fachbücher, die sich mit Erziehungsmythen auseinandersetzen. Dieses Buch ist daher ein regelrechter Schatz, der sicherlich für viele LeserInnen Klarheit im Dschungel pädagogischer Ansätze und Sichtweisen bringt.

Armin Krenz / Prof. h.c. Dr. h.c. et Hon.-Prof. f. Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik (a.D.)

Schuwerk, Tobias & Berkic, Julia: KINDHEIT. WAS STIMMT, WAS STIMMT NICHT? Erziehungsmythen von ExpertInnen gecheckt. Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG, Weinheim 2026. 256 Seiten, 22,00 €

Tobias Schuwerk / Julia Berkic
Kindheit: Was stimmt, was stimmt nicht?
Erziehungsmythen von Expert:innen gecheckt
ISBN: 978-3-407-86923-4
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG,
Weinheim 2026.
256 Seiten, 22,00 €




Wenn Leseförderung die Lesefreude zerstört

Warum langweilige Bücher, Leistungsdruck und gut gemeinte Fördermaßnahmen Kindern die Lust am Lesen nehmen können – und was wirklich hilft

Wir wollen, dass Kinder mehr lesen. Dafür entwickeln wir Förderprogramme, führen Lesepässe ein, dokumentieren Lesezeiten und belohnen fleißige Leserinnen und Leser. Doch bei all diesen Bemühungen gerät eine naheliegende Frage leicht aus dem Blick: Haben die Kinder überhaupt Lust auf das, was wir ihnen zu lesen geben?

Die Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU 2021 zeigen, wie dringend wir uns mit der Leseförderung beschäftigen müssen. Rund ein Viertel der Viertklässlerinnen und Viertklässler in Deutschland erreicht nicht das Leseniveau, das für einen erfolgreichen Übergang in die weiterführende Schule erforderlich ist. Zugleich ist die Lesefreude gegenüber früheren Erhebungen zurückgegangen.

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Aus den Ergebnissen lässt sich nicht ableiten, dass die Leseförderung selbst für den Rückgang der Lesefreude verantwortlich wäre. Doch sie geben Anlass, genauer hinzusehen: Wie können wir Kinder beim Lesenlernen wirksam unterstützen, ohne ihnen die Freude an Büchern zu nehmen?

Denn Lesen ist mehr als eine Fähigkeit, die Kinder für die Schule benötigen. Es eröffnet ihnen die Möglichkeit, eigenen Interessen nachzugehen, Geschichten zu entdecken, Wissen zu erwerben und sich neue Welten zu erschließen.

Dafür müssen sie allerdings zunächst erfahren, dass sich die Anstrengung des Lesens lohnt.

Wenn die Geschichte niemanden interessiert

In einer früheren Folge unserer Leseförderreihe haben wir darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass bereits kleine Kinder in Bilderbüchern etwas entdecken, das sie wiedererkennen, das sie beschäftigt oder ihre Neugier weckt. Ein Pappbilderbuch voller Gegenstände, mit denen ein Kind nichts anfangen kann, wird allein durch seine pädagogisch sorgfältige Gestaltung noch nicht interessant.

Mit den ersten eigenen Leseversuchen ändert sich daran wenig. Nur wird die Sache jetzt anstrengender: Das Kind muss sich einen Text mühsam erschließen, der es möglicherweise überhaupt nicht interessiert.

Ein Bekannter erzählte mir einmal, er habe als Kind nicht lesen wollen, weil nie etwas Spannendes gelesen wurde. In diesem einfachen Satz steckt eine wichtige Erkenntnis über Lesemotivation.

Kinder lesen nicht, weil Literatur pädagogisch wertvoll ist. Sie lesen, weil sie etwas erfahren, entdecken oder erleben möchten. Weil sie wissen wollen, wie eine Geschichte weitergeht. Weil sie über etwas lachen müssen, sich gruseln, mit einer Figur mitfiebern oder Antworten auf Fragen finden möchten, die sie tatsächlich beschäftigen.

Erwachsene haben dagegen häufig ganz andere Vorstellungen davon, was Kinder lesen sollten. Kinderbücher sollen Wissen vermitteln, soziale Kompetenzen fördern, Werte transportieren und möglichst noch einen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung leisten.

Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Literatur kann all das leisten. Problematisch wird es jedoch, wenn der pädagogische Auftrag die Geschichte überlagert. Wenn Bücher vor allem etwas bewirken sollen, statt zunächst einmal etwas zu bieten.

Gerade für Kinder, denen das Lesen noch schwerfällt, ist das eine ungünstige Voraussetzung. Warum sollten sie sich durch einen Text kämpfen, wenn sie schon nach wenigen Zeilen ahnen, dass sie am Ende vor allem etwas lernen sollen, das Erwachsene für wichtig halten?

Ein spannender Krimi, ein Comic, ein Sachbuch über gefährliche Tiere oder eine fantastische Abenteuergeschichte kann für ein Kind der entscheidende Zugang zum Lesen sein. Nicht weil solche Bücher grundsätzlich besser wären als andere Literatur, sondern weil sie einen Grund liefern, die Anstrengung des Lesens auf sich zu nehmen.

Dass das Interesse an Texten mehr ist als ein angenehmer Nebeneffekt, zeigt eine 2023 veröffentlichte Metaanalyse von Lisa van der Sande und ihrem Forschungsteam. Die Forschenden werteten 39 Interventionsstudien aus. Maßnahmen zur Förderung der Lesemotivation verbesserten im Durchschnitt sowohl die positive Lesemotivation als auch das Leseverständnis. Besonders wirksam waren Interventionen, die gezielt das Interesse der Kinder weckten.

Die Konsequenz daraus ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: Wir müssen Kinder nicht nur fragen, ob sie gelesen haben. Wir müssen herausfinden, was sie lesen möchten. Das bedeutet keineswegs, dass wir ihnen ausschließlich vertraute Stoffe anbieten sollten. Literatur darf irritieren, herausfordern und neue Welten eröffnen. Aber sie braucht einen Zugang, der die Neugier weckt. Kinder brauchen nicht nur Bücher, aus denen sie etwas lernen können. Sie brauchen vor allem Bücher, die sie lesen wollen.

Wenn die Belohnung wichtiger wird als das Buch

Allerdings genügt es nicht, Kindern interessante Bücher anzubieten. Ebenso wichtig ist, welche Erfahrungen sie beim Lesen machen.

Lesepässe, Aufkleber, Punkte und kleine Preise gehören vielerorts zum Repertoire der Leseförderung. Sie sollen Kinder dazu bewegen, häufiger zum Buch zu greifen. Das kann durchaus funktionieren. Doch mehr gelesene Seiten bedeuten nicht automatisch mehr Freude am Lesen.

Die Motivationspsychologen Edward Deci, Richard Koestner und Richard Ryan werteten bereits 1999 in einer Metaanalyse 128 Studien aus. Dabei zeigte sich, dass erwartete materielle Belohnungen unter bestimmten Bedingungen die intrinsische Motivation verringern können. Positive Rückmeldungen konnten sie dagegen stärken. Entscheidend ist also nicht allein, ob Kinder eine Rückmeldung oder Belohnung erhalten, sondern auch, wie sie diese erleben.

Wer nur noch liest, um den nächsten Aufkleber zu bekommen, beschäftigt sich möglicherweise weniger mit der Geschichte als mit der Frage, wie schnell das vorgeschriebene Pensum erledigt ist.

Ein konkretes Beispiel liefert eine Untersuchung von Sarah Pak und Allyson Weseley aus dem Jahr 2012. Die Forscherinnen ließen 112 Kinder der zweiten und dritten Klasse entweder verpflichtend oder freiwillig ein Lesetagebuch führen. Nach zwei Monaten berichteten die Kinder mit verpflichtenden Lesetagebüchern im Vergleich zur freiwilligen Gruppe von einem Rückgang ihres Interesses am Lesen in der Freizeit und einer weniger positiven Einstellung dazu.

Die Untersuchung ist zu klein, um daraus allgemeingültige Aussagen über sämtliche Lesetagebücher abzuleiten. Sie macht aber auf ein Problem aufmerksam: Wenn Kinder ständig nachweisen müssen, dass sie gelesen haben, kann aus einer interessanten Beschäftigung eine kontrollierte Pflicht werden.

Das bedeutet nicht, dass Lesepässe und Belohnungen grundsätzlich schädlich sind. Auch ein Lesetagebuch kann Freude bereiten, wenn Kinder darin ihre Lieblingsbücher sammeln, Figuren zeichnen oder eigene Gedanken zu Geschichten festhalten.

Entscheidend ist, ob solche Maßnahmen die persönliche Auseinandersetzung mit Büchern unterstützen oder lediglich der Kontrolle dienen.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger danach fragen, wie viele Seiten ein Kind gelesen hat, und häufiger danach, was es beim Lesen entdeckt hat.

Wer mitentscheiden darf, liest anders

Kinder möchten nicht nur interessante Geschichten entdecken. Sie möchten auch erleben, dass ihre Interessen und Entscheidungen ernst genommen werden.

Dazu gehört insbesondere die Buchwahl. Wer sich für Dinosaurier begeistert, möchte vielleicht lieber etwas über den Tyrannosaurus erfahren als eine Geschichte über den Schulalltag lesen. Andere Kinder interessieren sich für Fußball, Pferde, fantastische Welten oder Comics. Entscheidend ist zunächst, dass die Texte ihre Neugier wecken.

Mitentscheiden zu dürfen bedeutet keineswegs, dass Kinder nur noch lesen sollen, wenn sie gerade Lust dazu haben. Auch regelmäßiges Üben kann sinnvoll und motivierend sein, wenn ein Kind versteht, weshalb es übt, und innerhalb eines angemessenen Rahmens eigene Entscheidungen treffen darf.

Die deutsche Lesedidaktik berücksichtigt seit Langem, dass Lesen mehr ist als die technische Beherrschung geschriebener Sprache. Cornelia Rosebrock und Daniel Nix unterscheiden in ihrem Mehrebenenmodell des Lesens zwischen den kognitiven Leseprozessen, den subjektiven Voraussetzungen wie Motivation und Selbstkonzept sowie der sozialen Einbettung des Lesens.

Ein Kind muss also nicht nur Wörter entziffern und Texte verstehen können. Es muss sich auch als jemand erleben können, für den Lesen eine sinnvolle und lohnende Tätigkeit ist.

Gerade deshalb sollten wir die Vorstellungen der Erwachsenen davon, was ein gutes Kinderbuch ausmacht, gelegentlich zurückstellen. Ein Kind, das mit Begeisterung einen Comic verschlingt, hat möglicherweise einen wichtigeren Schritt auf dem Weg zum selbstständigen Lesen gemacht als eines, das sich widerwillig durch eine pädagogisch hochgelobte Geschichte arbeitet.

Das eine schließt das andere nicht aus. Wer einmal Freude am Lesen gefunden hat, kann später auch Bücher entdecken, die ihn zunächst nicht angesprochen hätten. Doch dafür muss die Tür zum Lesen erst einmal offenstehen.

Wer nicht lesen kann, liest irgendwann nicht mehr

Allerdings wäre es ein folgenschweres Missverständnis, aus diesen Erkenntnissen abzuleiten, dass wir Kinder vor allem in Ruhe lassen und ihnen lediglich interessante Bücher anbieten müssten.

Denn Lesefreude setzt auch voraus, dass Kinder mit Texten zurechtkommen.

Wer jedes Wort mühsam entziffern muss, kann sich kaum auf den Inhalt einer Geschichte konzentrieren. Während andere Kinder längst wissen möchten, wie das Abenteuer weitergeht, ist ein Kind mit Leseschwierigkeiten vielleicht noch damit beschäftigt, den ersten Absatz zu bewältigen.

Dauerhafte Misserfolge können dazu führen, dass es das Lesen zunehmend vermeidet. Dadurch fehlen ihm wiederum Gelegenheiten, seine Fähigkeiten zu verbessern.

Wie eng Lesemotivation und Leseleistung miteinander verbunden sind, zeigt eine Metaanalyse von Jessica Toste und ihrem Forschungsteam aus dem Jahr 2020. Die Forschenden werteten 132 Fachartikel mit 185 unabhängigen Stichproben aus. Die zusätzlich untersuchten Längsschnittdaten zeigten Zusammenhänge in beide Richtungen: Frühere Lesemotivation sagte spätere Leseleistungen voraus, und frühere Leseleistung sagte spätere Motivation voraus. Der zweite Zusammenhang war dabei stärker. Das sind statistische Zusammenhänge, keine eindeutigen Nachweise einer Ursache-Wirkungs-Beziehung.

Kinder lesen also nicht nur besser, weil sie gerne lesen. Sie entwickeln möglicherweise auch deshalb mehr Freude am Lesen, weil sie erleben, dass sie es können. Das ist eine entscheidende Erkenntnis für die pädagogische Praxis. Ein Kind, das Schwierigkeiten hat, Buchstaben und Laute sicher miteinander zu verbinden, braucht nicht einfach nur spannendere Bücher. Es benötigt eine gezielte Förderung, die ihm hilft, diese Schwierigkeiten zu überwinden.

Wie eine solche Förderung aussehen kann, haben Cornelia Rosebrock, Carola Rieckmann, Daniel Nix und Andreas Gold in ihrer Untersuchung zur Förderung der Leseflüssigkeit bei leseschwachen Zwölfjährigen gezeigt. Dabei erwiesen sich angeleitete Lautlese-Tandems als wirksam, während stille Lesezeiten für Kinder mit ausgeprägten Leseschwierigkeiten allein nur bedingt erfolgreich waren.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht zwischen Üben und Nichtüben, sondern zwischen einer Förderung, die Kinder beim Lernen unterstützt, und einer, bei der sie vor allem ihre Defizite erleben.

Das gilt auch für das Korrigieren. Kinder brauchen Rückmeldungen, wenn sie Wörter falsch entschlüsseln. Aber sie sollten nicht bei jedem Fehler das Gefühl bekommen, erneut gescheitert zu sein.

Gute Leseförderung macht deshalb nicht nur Schwierigkeiten sichtbar. Sie lässt Kinder auch erkennen, was sie inzwischen besser können.

Lesen muss mehr sein dürfen als eine Übung

Eine weitere Möglichkeit, die Freude am Lesen zu erhalten, wird gerade beim Schuleintritt häufig unterschätzt: das Vorlesen.

Sobald Kinder selbst lesen lernen, erwarten Erwachsene zunehmend, dass sie Bücher eigenständig bewältigen. Dabei kann das Vorlesen gerade in dieser Phase eine wichtige Brücke bilden. Es ermöglicht Kindern, Geschichten zu erleben, deren sprachliche und inhaltliche Komplexität ihre momentanen Lesefertigkeiten noch übersteigt.

Wer noch damit beschäftigt ist, Wörter zu entziffern, kann beim Zuhören längst einem spannenden Abenteuer folgen, über eine Geschichte lachen oder sich für ein Sachthema begeistern. Das Vorlesen hält den Zugang zur Literatur offen, während das eigenständige Lesen noch Anstrengung kostet.

Für Kinder, denen das eigene Lesen schwerfällt, können gemeinsame Vorlesestunden deshalb besonders wertvoll sein. Sie erleben, was Bücher ihnen bieten, ohne dass jede Begegnung mit einem Text zugleich eine Übungssituation ist.

Wirksame Leseförderung und Freude am Lesen sind keine Gegensätze. Kinder brauchen regelmäßige Übung, geeignete Texte und hilfreiche Rückmeldungen. Sie müssen erfahren, dass sie Fortschritte machen und Schwierigkeiten überwinden können.

Gleichzeitig brauchen sie Freiräume. Sie sollten Bücher entdecken dürfen, die ihren Interessen entsprechen, über Geschichten sprechen können, ohne anschließend ein Arbeitsblatt ausfüllen zu müssen, und gelegentlich einfach nur lesen dürfen, weil sie wissen möchten, wie es weitergeht.

Nicht jede Begegnung mit einem Buch muss einem überprüfbaren Lernziel dienen.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei Kinder, die das Lesen bereits vermeiden. Bei ihnen sollten Erwachsene zunächst herausfinden, weshalb das so ist. Vielleicht interessieren sie sich nicht für die angebotenen Bücher. Vielleicht sind die Texte zu schwierig. Vielleicht haben sie Angst, Fehler zu machen. Oder sie haben so häufig erlebt, dass andere Kinder besser lesen, dass sie das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten verloren haben.

Zusätzliche Belohnungen und noch mehr verpflichtende Lesezeiten werden diese Probleme nicht unbedingt lösen.

Manchmal braucht ein Kind ein anderes Buch. Manchmal braucht es mehr Zeit. Manchmal braucht es gezielte Unterstützung beim Lesenlernen. Und manchmal braucht es einfach einen Erwachsenen, der ihm vorliest und mit ihm über eine Geschichte spricht.

Denn das Ziel der Leseförderung ist nicht erreicht, wenn ein Kind die vorgeschriebene Anzahl von Seiten gelesen, sein Lesetagebuch ausgefüllt oder sämtliche Aufgaben erledigt hat.

Es ist erreicht, wenn das Kind zunehmend sicher lesen kann, versteht, was es liest, und Bücher als eine Bereicherung seines Lebens entdeckt.

Vielleicht sollten wir deshalb bei aller Sorge um die Lesekompetenz eine einfache Frage häufiger stellen: Was müsste in einem Buch stehen, damit dieses Kind es unbedingt lesen möchte?

Wer Kinder zum Lesen bringen will, muss ihnen etwas zu lesen geben, das sie lesen wollen.

Literatur und Quellen

Deci, E. L., Koestner, R. & Ryan, R. M. (1999). A meta-analytic review of experiments examining the effects of extrinsic rewards on intrinsic motivation. Psychological Bulletin, 125(6), 627–668. DOI: 10.1037/0033-2909.125.6.627 

McElvany, N. et al. (Hrsg.) (2023). IGLU 2021. Lesekompetenz von Grundschulkindern im internationalen Vergleich und im Trend über 20 Jahre. Waxmann.

Pak, S. S. & Weseley, A. J. (2012). The effect of mandatory reading logs on children’s motivation to read. Journal of Research in Education, 22(1), 251–265. Nachweis bei ERIC 

Rosebrock, C. & Nix, D. (2020). Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. 9. Auflage. Schneider Verlag Hohengehren.

Rosebrock, C., Rieckmann, C., Nix, D. & Gold, A. (2010). Förderung der Leseflüssigkeit bei leseschwachen Zwölfjährigen. Didaktik Deutsch, 15(28), 33–58. Volltext bei peDOCS 

Toste, J. R., Didion, L., Peng, P., Filderman, M. J. & McClelland, A. M. (2020). A meta-analytic review of the relations between motivation and reading achievement for K–12 students. Review of Educational Research, 90(3), 420–456. DOI: 10.3102/0034654320919352 

van der Sande, L., van Steensel, R., Fikrat-Wevers, S. & Arends, L. (2023). Effectiveness of interventions that foster reading motivation: A meta-analysis. Educational Psychology Review, 35, Artikel 21. DOI: 10.1007/s10648-023-09719-3 

Bisher sind in der Reihe zur Leseförderung folgende Beiträge erschienen:

Ein Baby liest bereits am ersten Tag

Im Anfang war das Bild

Warum Bilderbücher heute wichtiger sind denn je

Bevor Kinder lesen, müssen sie Sprache und Laute verstehen

Erzählen – vom Erlebnis zur Geschichte

Wie Kinder den geheimen Code unserer Buchstaben knacken

Wenn Lesen plötzlich leichter wird

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Kinder wollen faire Regeln – und Erwachsene, die sie ernst nehmen

Eine neue Studie zeigt: Kinder achten genau darauf, ob Regeln fair angewandt werden – und bemerken schnell, wenn Erwachsene mit zweierlei Maß messen.

Kinder haben offenbar ein ausgeprägtes Gespür dafür, ob Erwachsene Regeln gleichmäßig anwenden. Das zeigt eine neue Studie von Katarzyna Myślińska-Szarek von der SWPS University und Felix Warneken von der University of Michigan, die im Journal of Experimental Child Psychology veröffentlicht wurde.

An der Untersuchung nahmen 122 Kinder zwischen sechs und neun Jahren aus Polen und den USA teil. Ihnen wurden Bildergeschichten gezeigt, in denen Kinder gegen Regeln verstießen – etwa indem sie in der Schule ein Smartphone benutzten oder nach dem Essen Unordnung hinterließen. Anschließend sollten die Kinder beurteilen, wie Erwachsene auf die Regelverstöße reagierten und ob diese Reaktion fair war.

Die Ergebnisse sind deutlich: Wurden zwei Kinder für einen vergleichbaren Regelverstoß gleich behandelt – unabhängig davon, ob beide eine Konsequenz erfuhren oder beide davonkamen –, sahen 97 Prozent der befragten Kinder keinen Anlass, die Entscheidung zu verändern. Wurden die Kinder dagegen unterschiedlich behandelt, forderten 93 Prozent eine Gleichbehandlung.

Für Kinder scheint damit nicht nur die Regel selbst von Bedeutung zu sein. Sie beobachten auch, wie Erwachsene diese Regel anwenden.

Die erste Entscheidung setzt einen Maßstab

Dabei spielt offenbar eine Rolle, was zuvor geschehen ist. Bereits eine vorausgehende Studie derselben Forschungsgruppe hatte gezeigt: Wird ein erstes Kind für einen Regelverstoß sanktioniert, erwarten Kinder, dass ein zweites Kind bei demselben Verstoß ebenfalls mit einer entsprechenden Konsequenz rechnen muss. Bleibt der erste Regelbruch dagegen ohne Sanktion, wird diese Nachsicht zum Maßstab für den nächsten Fall.

Die Forschenden sprechen in diesem Zusammenhang von „Meta-Normen“: Neben der eigentlichen Regel existiert für die Kinder eine weitere Norm – nämlich die Erwartung, dass Regeln unparteiisch und konsistent angewendet werden.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Kinder möglichst streng bestraft werden sollten. Die Ergebnisse sprechen vielmehr dafür, dass Vorhersehbarkeit und Fairness wichtiger sein können als Härte.

Ungleichbehandlung beeinflusst sogar die erwarteten Gefühle

Bemerkenswert ist ein weiterer Teil des Experiments. Die Forschenden wollten wissen, welche Gefühle Kinder den Figuren in den Geschichten zuschreiben.

Solange ein Kind in der Geschichte nicht wusste, wie ein anderes behandelt worden war, orientierten sich die Befragten vor allem an der eigenen Konsequenz: Wer einer Sanktion entging, wurde eher als glücklich eingeschätzt, wer eine Konsequenz erfuhr, eher als traurig.

Erfuhr die Figur jedoch, dass ein anderes Kind für denselben Regelverstoß anders behandelt worden war, veränderten sich die Einschätzungen. Nun schrieben die Kinder den Figuren häufiger gemischte oder negative Gefühle wie Traurigkeit, Ärger oder Schuld zu.

Schon Sechsjährige berücksichtigen demnach nicht nur, was ihnen selbst widerfährt. Sie beziehen auch die Behandlung anderer in ihre Vorstellung von Gerechtigkeit ein.

Was geschieht, wenn Regeln nur auf dem Papier gelten?

Damit berührt die Untersuchung eine Frage, die weit über das Experiment hinausgeht. Kinder begegnen täglich Regeln: zu Hause, in der Kita, in der Schule, im Straßenverkehr und später in immer mehr Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Dabei lernen sie nicht nur, welche Regeln existieren. Sie beobachten zugleich, wie ernst Erwachsene diese Regeln selbst nehmen.

Ein anschauliches Beispiel ist die Verkehrserziehung in der Grundschule. Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte erklären Kindern dort Verkehrsregeln und vermitteln ihnen, dass diese verbindlich sind. Dazu gehört beim Fahrradfahren auch die Frage, ab welchem Alter Kinder nicht mehr auf dem Gehweg fahren dürfen.

Die Straßenverkehrs-Ordnung ist hier eindeutig: Kinder bis zum vollendeten achten Lebensjahr müssen mit dem Fahrrad den Gehweg benutzen; bis zum vollendeten zehnten Lebensjahr dürfen sie dies. Danach gilt diese Sonderregel nicht mehr.

Für das Kind tritt im Verkehrsunterricht eine besonders glaubwürdige Autorität auf: Die Polizei erklärt nicht irgendeine Klassenregel, sondern geltendes Recht.

Im Alltag kann dasselbe Kind anschließend jedoch beobachten, dass ältere Kinder oder Erwachsene gegen solche Regeln verstoßen, ohne dass sichtbar etwas geschieht.

Das Gesetz hat sich dadurch selbstverständlich nicht geändert. Auch bedeutet eine nicht geahndete Übertretung nicht, dass die Regel aufgehoben wäre. Aus der Perspektive eines Kindes kann dennoch eine erklärungsbedürftige Lücke entstehen:

Warum wird mir eine Regel als verbindlich erklärt, wenn ich anschließend erlebe, dass ihre Verletzung offenbar folgenlos bleibt?

Regeln gelten auch ohne Strafe

Die falsche pädagogische Schlussfolgerung wäre, deshalb jeden Verstoß konsequent bestrafen zu müssen. Ein Rechtsstaat funktioniert nicht dadurch, dass jede Regelverletzung automatisch sanktioniert wird. Polizei, Schulen und Eltern müssen Situationen beurteilen und verfügen je nach Kontext über Handlungsspielräume.

Gerade deshalb ist Erklärung wichtig.

Kinder können verstehen, dass eine Regel gilt, obwohl nicht jeder Verstoß bestraft wird. Sie können auch verstehen, dass zwei scheinbar ähnliche Situationen unterschiedliche Reaktionen erfordern. Voraussetzung ist, dass Erwachsene Unterschiede nachvollziehbar machen.

Im Verkehrsunterricht könnte deshalb nicht nur vermittelt werden, welche Regel gilt, sondern auch, was deren Geltung bedeutet: Ein Verbot verliert nicht seine Verbindlichkeit, nur weil ein Verstoß einmal nicht geahndet wird. Eine Polizistin oder ein Polizist muss nicht hinter jedem Verkehrsschild stehen, damit eine Verkehrsregel gilt.

Damit würde aus Verkehrserziehung zugleich ein Stück Rechtsbildung.

Wie Kinder Vertrauen in Regeln entwickeln

Hier trifft die neue Fairness-Studie auf einen weiteren Forschungsbereich: die sogenannte Rechtssozialisation. Sie beschäftigt sich damit, wie Kinder und Jugendliche Vorstellungen über Recht, Regeln und staatliche Autoritäten entwickeln.

Forschungsarbeiten zur Verfahrensgerechtigkeit zeigen, dass dabei nicht allein Sanktionen entscheidend sind. Junge Menschen achten darauf, ob Autoritäten sie respektvoll behandeln, Entscheidungen nachvollziehbar treffen und Regeln unparteiisch anwenden. Wahrgenommene Fairness steht wiederum mit Vertrauen, Legitimität und der Bereitschaft zur Regelbefolgung in Zusammenhang.

Das gilt nicht ausschließlich für die Polizei. Untersuchungen zur Rechtssozialisation beziehen auch Eltern und Lehrkräfte ein. Denn lange bevor Kinder selbst intensiveren Kontakt mit staatlichen Institutionen haben, erleben sie Autorität im Elternhaus, in Kita und Schule.

„Für alle gelten dieselben Regeln“ reicht nicht

Für Pädagoginnen, Pädagogen und Eltern ergibt sich daraus allerdings eine wichtige Unterscheidung: Gerechtigkeit bedeutet nicht, jedes Kind in jeder Situation identisch zu behandeln.

Ein sechsjähriges Kind kann andere Unterstützung benötigen als ein zehnjähriges. Ein Kind mit besonderen Bedürfnissen kann mehr Zeit, Hilfe oder einen anderen Rahmen brauchen. Auch Vorgeschichte, Absicht und konkrete Situation können bei einer pädagogischen Entscheidung eine Rolle spielen.

Entscheidend ist deshalb nicht mechanische Gleichbehandlung, sondern nachvollziehbare Gerechtigkeit.

Wenn Erwachsene bei vergleichbaren Situationen unterschiedlich reagieren, sollten Kinder verstehen können, warum.

Erwachsene werden an ihren eigenen Regeln gemessen

Vielleicht liegt darin die wichtigste Botschaft der neuen Untersuchung: Kinder lernen Regeln nicht nur dadurch, dass Erwachsene sie erklären. Sie lernen ebenso durch Beobachtung, was Erwachsene tatsächlich tun.

„Wir lassen einander ausreden“ verliert an Glaubwürdigkeit, wenn Erwachsene Kinder ständig unterbrechen.

„Bei uns wird niemand ausgelacht“ überzeugt wenig, wenn Erwachsene bei Spott wegsehen.

Und eine Regel, die bei einem Kind streng angewandt und beim nächsten ohne erkennbare Begründung ignoriert wird, vermittelt neben der ausgesprochenen Regel noch eine zweite Botschaft: Regeln sind verhandelbar – abhängig davon, wen sie gerade betreffen.

Die neue Studie beweist nicht, dass einzelne inkonsequente Entscheidungen das Rechtsempfinden eines Kindes dauerhaft beschädigen. Eine solche Schlussfolgerung wäre wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Sie zeigt aber eindrucksvoll, wie früh Kinder auf unterschiedliche Behandlung achten.

Für Eltern, Lehrkräfte und andere Autoritätspersonen liegt darin eine wichtige Aufgabe: Regeln sollten nicht möglichst streng sein. Sie sollten verständlich, begründbar und glaubwürdig sein.

Die Studie

Katarzyna Myślińska Szarek & Felix Warneken (2026): Awareness shapes fairness: how Children’s emotion attributions reflect sensitivity to unequal treatment. Journal of Experimental Child Psychology, Vol. 270, 106553. DOI: 10.1016/j.jecp.2026.106553.

Wie aussagekräftig ist die Studie?

Die Untersuchung liefert einen interessanten und entwicklungspsychologisch relevanten Befund. Ihre Stärke liegt vor allem im experimentellen Aufbau: Die Forschenden konnten gezielt verändern, ob zwei Kinder für vergleichbare Regelverstöße gleich oder unterschiedlich behandelt wurden und ob die dargestellten Kinder von dieser Ungleichbehandlung wussten. Dadurch lässt sich relativ präzise untersuchen, wie Kinder auf unterschiedliche Regelanwendung reagieren.

Für die Aussagekraft spricht zudem, dass Kinder aus Polen und den USA untersucht wurden und sich in beiden Gruppen ähnliche Muster zeigten. Daraus lässt sich allerdings noch nicht schließen, dass das beobachtete Gerechtigkeitsempfinden kulturell universell ist. Dafür wären Untersuchungen in deutlich mehr und stärker unterschiedlichen kulturellen Kontexten notwendig.

Eine wesentliche Einschränkung ist die mit 122 Kindern überschaubare Stichprobe. Außerdem beurteilten die Sechs- bis Neunjährigen konstruierte Bildergeschichten. Wie ein Kind eine hypothetische Situation bewertet, muss nicht vollständig seinem Verhalten oder seinen Gefühlen in einer realen Konfliktsituation entsprechen.

Ebenso wichtig ist die Grenze der pädagogischen Interpretation: Die Studie zeigt, dass Kinder sensibel auf unterschiedliche Regelanwendung reagieren. Sie beweist nicht, dass inkonsequent durchgesetzte Regeln langfristig das Gerechtigkeits- oder Rechtsempfinden eines Kindes schädigen. Auch unser Beispiel aus der Verkehrserziehung wurde in der Studie nicht untersucht. Die Verbindung zur Rechtssozialisation ergibt sich aus einem breiteren Forschungsfeld und sollte deshalb als Einordnung und nicht als Ergebnis dieser Studie verstanden werden.

Die Ergebnisse liefern außerdem kein Argument für möglichst strenge Bestrafung. Im Gegenteil: Bemerkenswert ist gerade, dass die Kinder sowohl eine konsequente Sanktionierung als auch konsequente Nachsicht akzeptierten. Problematisch erschien ihnen vor allem die unterschiedliche Behandlung vergleichbarer Fälle.

Unsere Bewertung: Die Studie ist seriös, methodisch interessant und für die pädagogische Praxis relevant. Aufgrund der relativ kleinen Stichprobe und der experimentellen Bildergeschichten sollte ihre Reichweite jedoch nicht überschätzt werden. Besonders überzeugend ist ihre Kernbotschaft: Schon Grundschulkinder achten sehr genau darauf, ob Erwachsene ihre Regeln konsistent und fair anwenden. Ob und wie solche Erfahrungen langfristig ihr Vertrauen in Regeln und Autoritäten prägen, muss weiterführende Forschung zeigen.




Herzensbildung – Kinder brauchen verlässliche Werte und emotionalen Halt

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Webinar: Emotionale Intelligenz stärken – Werte vermitteln – Kinder fürs Leben begleiten

Kinder brauchen weit mehr als Wissen. Sie brauchen Menschen, die ihnen Orientierung geben, ihre Gefühle ernst nehmen und sie dabei unterstützen, emotionale Kompetenz zu entwickeln. Genau darum geht es im interaktiven Webinar „Herzensbildung – Kinder brauchen verlässliche Werte und emotionalen Halt“ mit der renommierten Erziehungswissenschaftlerin Dr. Charmaine Liebertz.

Charmaine Liebertz zählt seit vielen Jahren zu den bekanntesten Expertinnen für ganzheitliches Lernen im deutschsprachigen Raum. Als Autorin zahlreicher pädagogischer Fachbücher – darunter auch unseres „Das Schatzbuch der Herzensbildung“ – verbindet sie aktuelle Erkenntnisse aus Hirnforschung, Entwicklungspsychologie und Pädagogik mit einer unmittelbar umsetzbaren Praxis.

Im Webinar erfahren die Teilnehmenden, warum emotionale Intelligenz zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen gehört und wie Kinder lernen können, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu verstehen und konstruktiv damit umzugehen. Anhand vieler Beispiele und praxisnaher Übungen zeigt Charmaine Liebertz, wie Werteerziehung und Wissensvermittlung zu einer lebendigen Einheit werden können.

Themen des Webinars

  • Warum emotionale Intelligenz entscheidend für Lernen und Entwicklung ist
  • Neue Erkenntnisse aus Emotions- und Hirnforschung
  • Die fünf Bausteine der emotionalen Intelligenz
  • Pädagogische Konsequenzen für den Alltag in Kita, Schule und Kindertagespflege
  • Praktische Übungen zur Förderung von Empathie, Selbstwahrnehmung und sozialer Kompetenz

Das Webinar richtet sich an Erzieherinnen und Erzieher, Lehrkräfte, Kindertagespflegepersonen sowie alle pädagogischen Fachkräfte, die Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung stärken und eine wertschätzende Lernkultur gestalten möchten.

Termin

Mittwoch, 7. Oktober 2026
09:00 bis ca. 12:00 Uhr

Teilnahmegebühr: 67,00 €
Nach der Veranstaltung erhalten alle Teilnehmenden eine Teilnahmebescheinigung über 4 Unterrichtseinheiten (UE). Das Webinar findet online über Zoom statt.

Weitere Informationen unter: https://bb-ankum.de/veranstaltungen/




Wann Babys zu tanzen beginnen? Musik bewegt die Kleinsten

Schon mit drei Monaten verarbeitet das Babygehirn Musik. Sichtbare „Tanzbewegungen“ entwickeln sich jedoch erst gegen Ende des ersten Lebensjahres

Viele Eltern beobachten fasziniert, wie ihr Baby bei einem Lied aufmerksam lauscht oder fröhlich mit Armen und Beinen strampelt. Doch ab wann reagieren Kinder tatsächlich auf Musik? Eine internationale Studie unter Leitung der Universität Wien liefert jetzt spannende Antworten: Das Gehirn verarbeitet Musik bereits ab dem dritten Lebensmonat – gezielte, komplexere Bewegungen entstehen jedoch erst gegen Ende des ersten Lebensjahres.

Was die Forschenden untersucht haben

Für die Studie hörten 79 Säuglinge im Alter von drei, sechs und zwölf Monaten bekannte Kinderlieder wie La Vaca Lola und Hopp Juliska. Zum Vergleich spielten die Forschenden auch veränderte Versionen der Lieder vor, bei denen Rhythmus oder Tonhöhe verändert worden waren.

Währenddessen zeichneten sie die Gehirnaktivität der Babys mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) auf. Gleichzeitig wurden die Bewegungen der Kinder mithilfe eines kamerabasierten Video-Trackings erfasst. So ließ sich erstmals genau vergleichen, wie das Gehirn auf Musik reagiert und welche Bewegungen dabei entstehen.

Das Gehirn hört schon früh mit

Bereits dreimonatige Babys zeigten deutlich stärkere Gehirnreaktionen auf echte Musik als auf die künstlich veränderten Tonfolgen. Das bedeutet: Schon in den ersten Lebensmonaten erkennt das Gehirn musikalische Strukturen und verarbeitet sie aktiv. Musik ist für Babys also weit mehr als bloßer Hintergrundklang.

Vom Strampeln zum ersten „Tanz“

Eine Verbindung zwischen Musik und Bewegung fanden die Forschenden in allen Altersgruppen. Die Art der Bewegungen veränderte sich jedoch mit zunehmendem Alter.

Während jüngere Babys vor allem spontan mit Armen, Beinen oder dem Oberkörper reagierten, zeigten die einjährigen Kinder deutlich strukturiertere Bewegungsmuster. Eine echte Synchronisation mit dem Takt der Musik – also ein Tanzen im eigentlichen Sinn – konnten die Wissenschaftler allerdings noch bei keiner Altersgruppe nachweisen.

Auffällig war außerdem: Höhere Töne regten die Babys unabhängig vom Alter stärker zu Bewegungen an als tiefere.

Gemeinsames Singen lohnt sich

Die Ergebnisse zeigen, dass musikalische Erfahrungen bereits im ersten Lebensjahr die Entwicklung begleiten können. Gemeinsames Singen, rhythmisches Wiegen oder einfache Kinderlieder fördern die Verknüpfung von Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Bewegung – auch wenn Babys noch längst nicht im Takt tanzen.

Für Eltern und pädagogische Fachkräfte ist das eine beruhigende Botschaft: Es kommt nicht darauf an, dass ein Baby schon „richtig“ mitmacht. Entscheidend ist, dass Musik von Anfang an gemeinsame Erlebnisse schafft und die Entwicklung auf vielfältige Weise unterstützt.

Wie aussagekräftig ist die Studie?

Die Ergebnisse gelten als wissenschaftlich gut abgesichert, sollten aber mit der üblichen Vorsicht interpretiert werden. Untersucht wurden 79 Säuglinge in drei Altersgruppen (drei, sechs und zwölf Monate). Für Studien mit Babys ist das eine solide Stichprobengröße. Besonders überzeugend ist, dass die Forschenden gleichzeitig die Gehirnaktivität (EEG) und die Körperbewegungen erfassten und moderne, markerlose Videoanalysen einsetzten. Zudem war die Studie vorab registriert und wurde im Fachjournal eLife nach Begutachtung veröffentlicht. Die Gutachter bewerteten sie als methodisch gut konzipiert und stuften die Belege als überzeugend ein.

Dennoch gibt es Grenzen: Die Babys hörten nur zwei Kinderlieder, und die Untersuchung zeigt Zusammenhänge, erklärt aber nicht alle Ursachen. Außerdem endet die Studie mit dem ersten Lebensjahr. Wann Kinder beginnen, sich tatsächlich im Takt zur Musik zu bewegen, müssen weitere Untersuchungen klären.

Quelle: Development of Auditory and Spontaneous Movement Responses to Music over the First Postnatal Year. Trinh Nguyen, Félix Bigand, Susanne Reisner, Atesh Koul, Roberta Bianco, Gabriela Markova, Stefanie Hoehl, Giacomo Novembre. In: eLife
DOI: 10.7554/eLife.107088.3
https://elifesciences.org/articles/107088




Kinder lernen noch immer wie vor 100.000 Jahren

Warum moderne Forschung die Grundgedanken einer ganzheitlichen Pädagogik bestätigt

Warum balancieren Kinder eigentlich so gern auf Mauern? Kaum ist ein Bordstein etwas höher als der Gehweg, wird er zum Schwebebalken. Ein umgestürzter Baumstamm verwandelt sich in eine Mutprobe, eine Böschung in einen Kletterberg. Erwachsene sehen darin meist nur Bewegung. Kinder erleben etwas ganz anderes. Sie prüfen ihre Geschicklichkeit, schätzen Entfernungen ein, verlieren kurz das Gleichgewicht, fangen sich wieder und beginnen nach einem Fehltritt einfach noch einmal. Sie beobachten andere Kinder, feuern sich gegenseitig an und freuen sich, wenn eine Herausforderung schließlich gelingt.

Wer Kindern in solchen Momenten zusieht, erlebt einen der faszinierendsten Vorgänge menschlicher Entwicklung: Lernen.

Auf den ersten Blick trainiert das Kind seine Motorik. Tatsächlich geschieht weit mehr. Es richtet seine Aufmerksamkeit auf den nächsten Schritt, plant Bewegungen, korrigiert Fehler, verarbeitet Sinneseindrücke, erlebt Erfolg und Enttäuschung, gewinnt Selbstvertrauen und sammelt Erfahrungen, auf denen späteres Wissen aufbaut. Bewegung, Wahrnehmung, Denken, Sprache und Gefühle greifen dabei so selbstverständlich ineinander, dass wir sie kaum voneinander trennen können.

Vielleicht beginnt genau hier das Missverständnis vieler Bildungsdebatten. Wir sprechen häufig so, als würde Lernen vor allem im Kopf stattfinden. Tatsächlich ist der Kopf nur ein Teil eines viel größeren Ganzen.

Eine scheinbar einfache Frage macht das deutlich: Warum besitzen wir eigentlich ein Gehirn?

Die meisten Menschen antworten spontan: Zum Denken. Aus evolutionsbiologischer Sicht greift diese Antwort jedoch zu kurz. Komplexe Gehirne entwickelten sich vor allem deshalb, weil sich Lebewesen bewegen mussten. Wer laufen, greifen, klettern oder fliehen kann, muss seine Umwelt wahrnehmen, Gefahren erkennen, Entscheidungen treffen und sein Verhalten fortlaufend anpassen. Wahrnehmen, Denken und Handeln gehörten deshalb von Anfang an zusammen. Der Neurowissenschaftler Rodolfo Llinás brachte diesen Gedanken auf einen einprägsamen Satz:

„Ein Gehirn braucht nur ein Lebewesen, das sich bewegen kann.“

Dieser Gedanke verändert den Blick auf das Lernen. Kinder erschließen sich ihre Welt nicht, indem sie Informationen möglichst effizient aufnehmen. Sie lernen, indem sie handeln. Sie bauen Türme und beobachten, warum sie einstürzen. Sie schleppen Bretter durch den Garten, bis daraus eine Brücke wird. Sie springen in Pfützen, sammeln Käfer, stellen Fragen, verwerfen Lösungen und beginnen noch einmal von vorn. Jede dieser Erfahrungen hinterlässt Spuren im Gehirn. Lernen bedeutet deshalb weit mehr, als Wissen anzusammeln. Lernen verändert den Menschen selbst.

Die moderne Neurowissenschaft beschreibt diesen Prozess heute genauer als je zuvor. Das Gehirn ist kein starres Organ. Es verändert sich durch Erfahrungen. Neue neuronale Verbindungen entstehen, bestehende werden gefestigt oder wieder abgebaut. Gerade in der frühen Kindheit ist diese Plastizität besonders ausgeprägt. Bewegung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie trainiert nicht nur Muskeln und Koordination, sondern beeinflusst Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis und die Entwicklung neuronaler Netzwerke. Kinder bewegen sich also nicht, weil sie eine Pause vom Lernen brauchen. Sie bewegen sich, während sie lernen.

Dass dieser Zusammenhang heute wissenschaftlich so gut beschrieben werden kann, bedeutet allerdings nicht, dass er neu wäre. Gute Pädagoginnen und Pädagogen beobachten seit Generationen, dass Kinder am nachhaltigsten lernen, wenn sie selbst aktiv werden dürfen. Johann Heinrich Pestalozzi sprach von „Kopf, Herz und Hand“. Maria Montessori vertraute auf die Eigenaktivität des Kindes. Jean Piaget beschrieb Lernen als aktiven Konstruktionsprozess, Lev Wygotski betonte die Bedeutung sozialer Beziehungen für die Entwicklung.

In Deutschland hat Prof. Dr. Armin Krenz diesen Gedanken über Jahrzehnte weiterentwickelt. In seinem Beitrag „Ganzheitliche Pädagogik – Modewort oder echtes Konzept?“ beschreibt er Ganzheitlichkeit nicht als Methode, sondern als Ausdruck eines Menschenbildes. Entwicklung, so seine zentrale Botschaft, lässt sich nicht in einzelne Förderbereiche zerlegen. Kinder erleben, fühlen, denken und handeln immer als ganze Persönlichkeiten. Diese Sichtweise zieht sich seit Jahrzehnten wie ein roter Faden durch seine Arbeit – und ebenso durch die Geschichte von SPIELEN UND LERNEN.


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Ganzheitliche Pädagogik – Was steckt wirklich dahinter?

Ganzheitlichkeit ist eines der meistverwendeten Schlagworte der Pädagogik – doch was bedeutet sie tatsächlich? Armin Krenz zeigt fundiert und praxisnah, warum ganzheitliche Pädagogik weit mehr ist als eine Methode oder ein pädagogischer Trend. Auf der Grundlage entwicklungspsychologischer, neurobiologischer und bildungswissenschaftlicher Erkenntnisse beschreibt er eine Pädagogik, die das Kind als ganze Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Ein inspirierender Leitfaden für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Eltern, die Kinder wirklich verstehen und zeitgemäß begleiten möchten.

Armin Krenz: Ganzheitliche Pädagogik verstehen und leben, 64 Seiten, ISBN: 9783963046216, 12 €


Seit der Gründung im Jahr 1968 hat sich vieles verändert. Neue Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung, Neurowissenschaft und Bildungswissenschaft haben unser Wissen über das Lernen von Kindern erheblich erweitert. Die Grundhaltung ist jedoch dieselbe geblieben: Gute Pädagogik beginnt nicht beim Lehrplan, sondern beim Kind.

Gerade heute gewinnt diese Haltung neue Aktualität. Künstliche Intelligenz verändert Berufe, digitale Medien prägen den Alltag, und kaum jemand kann zuverlässig vorhersagen, welche Fähigkeiten Kinder in zwanzig oder dreißig Jahren benötigen werden. Deshalb ist häufig von Zukunftskompetenzen die Rede. Kreativität, Problemlösefähigkeit, Teamfähigkeit, Selbstständigkeit und kritisches Denken gelten als Schlüssel für die Zukunft.

Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht zuerst, welche Kompetenzen Kinder brauchen.

Sie lautet:

Wie entstehen solche Fähigkeiten überhaupt?

Genau an diesem Punkt wird die moderne Forschung spannend. Denn sie führt erstaunlich oft zu Erkenntnissen, die erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen seit Langem aus ihrer täglichen Arbeit kennen – und sie liefert dafür heute eine wissenschaftliche Begründung.

Was die Forschung heute bestätigt

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Forschung über das Lernen von Kindern rasant entwickelt. Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaft, Bindungsforschung und Bildungswissenschaft untersuchen dabei ganz unterschiedliche Aspekte. Umso bemerkenswerter ist, dass sie immer wieder auf dieselben grundlegenden Bedingungen erfolgreichen Lernens stoßen. Erfolgreiches Lernen entsteht nicht dadurch, dass Kinder möglichst viele Informationen aufnehmen. Es entsteht dort, wo sie selbst aktiv werden, Beziehungen erleben, Erfahrungen sammeln und neue Erkenntnisse mit bereits vorhandenem Wissen verbinden können. Lernen ist kein isolierter Vorgang im Gehirn. Es ist immer zugleich ein biologischer, emotionaler, sozialer und kognitiver Prozess.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert das Embodied Learning. Hinter dem wissenschaftlichen Begriff verbirgt sich eine einfache Erkenntnis: Kinder verstehen viele Zusammenhänge besser, wenn sie sie handelnd erfahren. Sie entwickeln ein Gefühl für räumliche Beziehungen, indem sie bauen. Sie begreifen physikalische Gesetzmäßigkeiten, indem sie experimentieren. Sie verstehen mathematische Muster oft leichter, wenn sie sie legen, ordnen oder selbst erlaufen. Bewegung unterstützt das Denken nicht nur – sie kann ein wesentlicher Bestandteil des Denkens sein.

Eine aktuelle Meta-Analyse „The effect of embodied learning on students‘ learning performance: A meta-analysis“ aus dem Jahr 2025 bestätigt diesen Zusammenhang. Die Auswertung von 46 internationalen Studien zeigt, dass körperlich eingebundene Lernformen die Lernleistungen signifikant verbessern können. Gleichzeitig räumt sie mit einem weit verbreiteten Missverständnis auf. Nicht möglichst viel Bewegung oder möglichst viele Sinnesreize führen automatisch zu besseren Lernergebnissen. Entscheidend ist vielmehr, dass Bewegung und Lerninhalt sinnvoll miteinander verbunden sind. Gute Pädagogik wird dadurch nicht einfacher – aber verständlicher.

Wie sehr sich wissenschaftliche Erkenntnisse und pädagogische Erfahrung ergänzen können, zeigt sich auch an einem ganz alltäglichen Beispiel. Drei Kinder möchten im Außengelände einer Kita mit Brettern und Holzkisten eine Brücke bauen. Immer wieder rutschen die Bretter herunter. Die Kinder beraten sich, holen längere Bretter, verändern ihre Konstruktion und versuchen es erneut. Niemand erklärt ihnen die Gesetze der Statik. Dennoch entwickeln sie räumliches Denken, mathematische Vorstellungen, Sprachkompetenz, Ausdauer und Teamfähigkeit. Sie lernen, weil sie ein echtes Problem lösen wollen – nicht, weil ihnen jemand eine Aufgabe gestellt hat.

Mindestens ebenso bedeutsam wie Bewegung sind Beziehungen. Kinder lernen nicht nur von Erwachsenen, sondern vor allem mit ihnen. Wer sich sicher fühlt, wagt mehr. Wer Vertrauen erlebt, bleibt auch dann bei einer Aufgabe, wenn sie schwierig wird. Wer Fehler machen darf, entwickelt eher den Mut, neue Wege auszuprobieren.

Auch dafür braucht es keine komplizierten Versuchsanordnungen. Ein Mädchen sitzt ratlos vor einem Puzzle und möchte aufgeben. Die Erzieherin löst die Aufgabe nicht für sie. Sie setzt sich daneben und fragt lediglich: „Welche Teile hast du denn schon ausprobiert?“ Das Kind beginnt erneut zu suchen, entdeckt eine passende Ecke und arbeitet schließlich allein weiter. Nicht die Aufgabe hat sich verändert. Verändert hat sich die Beziehung – und damit die Bereitschaft des Kindes, weiterzudenken.

Die Bindungsforschung beschreibt diesen Zusammenhang seit vielen Jahren. Sichere Beziehungen schaffen die Grundlage dafür, dass Kinder ihre Umwelt neugierig erkunden. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen große Meta-Analysen zum Social and Emotional Learning (SEL). Sie zeigen, dass Kinder, die soziale und emotionale Kompetenzen entwickeln, häufig erfolgreicher lernen, ihre Aufmerksamkeit besser steuern und konstruktiver mit Rückschlägen umgehen können. Emotionale Entwicklung ist deshalb keine Ergänzung von Bildung. Sie gehört zu ihren Voraussetzungen.

Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio hat diesen Zusammenhang grundlegend beschrieben. Gefühle, so seine zentrale Erkenntnis, stehen dem Denken nicht im Weg. Sie helfen dem Gehirn vielmehr dabei, Erfahrungen zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Wissen bleibt selten dort dauerhaft erhalten, wo es lediglich vermittelt wird. Es bleibt dort haften, wo Menschen etwas erleben, das für sie Bedeutung besitzt.

Auch Gerald Hüther, Manfred Spitzer und Joachim Bauer haben wesentlich dazu beigetragen, diese Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen. Ihre Veröffentlichungen haben den Blick auf Motivation, Beziehungen und Eigenaktivität geschärft. Die heutige Forschung beurteilt manche ihrer Schlussfolgerungen differenzierter, bestätigt jedoch viele ihrer grundlegenden Aussagen: Nachhaltiges Lernen entsteht dort, wo Kinder Sinn erleben, selbst handeln und ihre Erfahrungen mit positiven Beziehungen verbinden können.

Vielleicht zeigt sich das nirgendwo deutlicher als im freien Spiel. Wer Kinder beim Bau einer Höhle oder eines Piratenschiffes beobachtet, sieht zunächst Fantasie und Bewegung. Tatsächlich entstehen dabei viele der Fähigkeiten, die heute unter dem Begriff Zukunftskompetenzen diskutiert werden. Die Kinder planen gemeinsam, verteilen Aufgaben, lösen Konflikte, verändern ihre Ideen, übernehmen Verantwortung und erleben, dass Ausdauer zum Ziel führt. Sie entwickeln Kreativität, Problemlösefähigkeit, Kooperation und Selbstständigkeit – nicht, weil diese Kompetenzen unterrichtet werden, sondern weil sie sie für ihr gemeinsames Spiel benötigen.

Genau darin liegt eine wichtige Botschaft für die aktuelle Bildungsdebatte. Zukunftskompetenzen lassen sich nicht wie Vokabeln vermitteln. Sie wachsen aus Erfahrungen. Kreativität entsteht dort, wo Kinder eigene Ideen entwickeln dürfen. Verantwortungsbewusstsein wächst, wenn ihnen Verantwortung zugetraut wird. Problemlösefähigkeit entwickelt sich, wenn sie auf Herausforderungen stoßen, die sie mit Unterstützung, aber nicht anstelle anderer bewältigen.

Hier schließt sich der Kreis zu Armin Krenz. In seinem Beitrag beschreibt er Ganzheitlichkeit als eine pädagogische Grundhaltung, die vom Kind ausgeht und seine Entwicklung als unteilbaren Prozess versteht. Betrachtet man die Ergebnisse der heutigen Forschung, wirkt dieser Gedanke aktueller denn je. Die Wissenschaft bestätigt nicht jede einzelne Methode. Sie bestätigt jedoch immer deutlicher die Bedingungen, auf denen eine ganzheitliche Pädagogik beruht: Eigenaktivität, Bewegung, sichere Beziehungen, Spiel, emotionale Beteiligung und Erfahrungen, die für Kinder Sinn ergeben.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Überraschung.

Je genauer die Wissenschaft das Lernen untersucht, desto häufiger gelangt sie zu Erkenntnissen, die gute Pädagoginnen und Pädagogen seit Langem aus ihrer täglichen Arbeit kennen. Moderne Forschung führt uns deshalb nicht zurück in die Vergangenheit. Sie hilft uns, die Grundlagen menschlichen Lernens besser zu verstehen.

Seit fast sechs Jahrzehnten begleitet SPIELEN UND LERNEN diesen Weg. Wir haben unsere Haltung nie aus pädagogischen Moden entwickelt. Gleichzeitig haben wir neue wissenschaftliche Erkenntnisse immer aufgegriffen und kritisch eingeordnet. Nicht unsere Grundüberzeugung ist unverändert geblieben, sondern die Bereitschaft, sie immer wieder am aktuellen Wissen zu überprüfen.

Vielleicht besteht die größte Herausforderung unserer Zeit deshalb gar nicht darin, immer neue Förderprogramme zu entwickeln. Vielleicht besteht sie darin, den Mut zu haben, Kinder konsequent als ganze Persönlichkeiten zu sehen – mit ihrem Bewegungsdrang, ihrer Neugier, ihren Gefühlen, ihren Fragen und ihrer Freude am gemeinsamen Entdecken.

Unsere Welt verändert sich schneller als jemals zuvor. Aber der Mensch lernt noch immer auf dieselbe Weise.

Literatur (Auswahl)

  • Damasio, A. R. (1994). Descartes‘ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain.
  • Durlak, J. A. et al. (2011). The Impact of Enhancing Students‘ Social and Emotional Learning. Child Development, ergänzt durch neuere Meta-Analysen.
  • Liu, Z. et al. (2025). The Effect of Embodied Learning on Students‘ Learning Performance: A Meta-Analysis. Frontiers in Psychology.
  • Llinás, R. (2001). I of the Vortex: From Neurons to Self. MIT Press.
  • Stringer, C. (2016). The Origin and Evolution of Homo sapiens. Philosophical Transactions of the Royal Society B.
  • Yogman, M. et al. (2018). The Power of Play. Pediatrics, ergänzt durch neuere Übersichtsarbeiten zum kindlichen Spiel.

Gernot Körner