Von der Ernährungsbildung zur Gemeinschaftsverpflegung

Warum Erwachsene mit ihrem eigenen Essverhalten den Grundstein für eine gesunde Esskultur bei Kindern legen

Als Erwachsene tragen wir eine große Verantwortung, wenn es um das Thema Ernährung geht. Ganz bewusst schreibe ich Erwachsene, denn damit meine ich Eltern, pädagogische Fachkräfte ebenso wie alle anderen Erwachsenen, die durch ihr Handeln im Alltag die Prägung von Kindern beeinflussen – oft ganz unbemerkt und nebenbei.

Um zu verstehen, warum das so ist, reisen wir in der Menschheitsgeschichte etwa 15.000 Jahre zurück. Zu dieser Zeit wurden wir Menschen sesshaft. Das bedeutet: Wir begannen, unsere Lebensmittel selbst anzubauen und Viehzucht zu betreiben. Davor lebten wir als Jäger und Sammler in der freien Natur und zogen in kleinen Gruppen dorthin, wo das Nahrungsangebot gerade am besten war.

Warum wir Süßes und Salziges so mögen

Das Leben in der freien Natur war vom Mangel geprägt – und an diesen Mangel hat sich unser Körper angepasst. Süße Lebensmittel wie Beeren oder Obst waren besonders energiereich. Deshalb entwickelte der Mensch eine Vorliebe für Süßes, die uns motivierte, gezielt danach zu suchen.

Auf diese Suche begeben wir uns auch heute noch. Unser sogenanntes „Reptiliengehirn“ verbindet süß nach wie vor mit wertvoller Energie und wichtigen Nährstoffen. Heute findet es jedoch häufig Schokolade, Süßigkeiten oder andere stark verarbeitete Lebensmittel – also viele Kalorien, viel Zucker, aber vergleichsweise wenige wertvolle Nährstoffe.

Ähnlich verhält es sich mit Salz. Salz ist für unseren Körper lebensnotwendig, stand unseren Vorfahren jedoch nur in geringen Mengen zur Verfügung. Deshalb entwickelte sich auch hierfür eine natürliche Vorliebe. Heute begegnet uns Salz allerdings in einem Überangebot – beispielsweise in Chips, Snacks oder vielen Fertigprodukten.

Unser Lebensmittelangebot hat sich in vergleichsweise kurzer Zeit grundlegend verändert: vom Mangel an natürlichen Lebensmitteln hin zu einem ständigen Überfluss an hochverarbeiteten Produkten. Umso wichtiger ist es heute, gemeinsam mit Kindern auf Entdeckungsreise zu gehen und ein intuitives, gesundheitsförderndes Essverhalten mit Freude und Genuss zu entwickeln.

Kinder lernen durch Vorbilder

Auch hier spielt unser „Reptiliengehirn“ eine wichtige Rolle. In der freien Natur orientierten sich Kinder am Essverhalten der Erwachsenen. Was Mutter, Vater oder andere vertraute Personen aßen, musste sicher, ungiftig und nahrhaft sein. Dieses Lernprinzip hat sich bis heute kaum verändert.

Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene mit Lebensmitteln umgehen. Sie übernehmen nicht nur, was gegessen wird, sondern auch wie gegessen wird. Deshalb hat das eigene Essverhalten von Erwachsenen einen wesentlich größeren Einfluss, als vielen bewusst ist.

Was eine gesundheitsförderliche Esskultur in der Kita ausmacht

Eine gesundheitsförderliche Esskultur beginnt nicht beim Speiseplan, sondern bei den Menschen, die Kinder begleiten.

Erwachsene sollten mit Freude und Genuss gemeinsam mit den Kindern essen, ihnen auf Augenhöhe begegnen und nichts von ihnen erwarten, was sie nicht selbst vorleben. Authentizität ist dabei einer der wichtigsten Bausteine einer gelungenen Ernährungsbildung.

Mit einer bewussten Ernährungsbildung lässt sich dieses Thema aktiv gestalten. Sie eröffnet Kindern die Möglichkeit, Lebensmittel mit allen Sinnen kennenzulernen, Neues auszuprobieren und Schritt für Schritt Offenheit für unbekannte Geschmacksrichtungen zu entwickeln.

Unsere Sinne entscheiden mit

Auch hier hilft ein Blick in unsere Entwicklungsgeschichte. Unsere Sinne sind die Antennen zur Außenwelt. Mit ihnen lernten Menschen in der freien Natur, welche Lebensmittel genießbar und welche ungenießbar waren.

Jede Esserfahrung wird im Gehirn gespeichert: Geruch, Geschmack, Konsistenz, Geräusche, Aussehen und das Gefühl beim Berühren eines Lebensmittels. Aus all diesen Eindrücken entsteht nach und nach ein inneres Bild davon, was wir mögen und was uns vertraut erscheint.

Lebensmittel, die wir kennen und mit positiven Erfahrungen verbinden, akzeptieren wir meist problemlos. Unbekannte Lebensmittel begegnen wir dagegen zunächst häufig mit Vorsicht. Dieses Verhalten ist völlig normal und diente ursprünglich unserem Schutz.

Gerade deshalb ist die Begleitung durch vertraute Erwachsene so wichtig. Sie vermittelt Sicherheit und Vertrauen. Gleichzeitig wird die gesamte Atmosphäre einer Mahlzeit abgespeichert: Wie fühle ich mich beim Essen? Wie reagieren die Erwachsenen? Darf ich selbst entscheiden, ob ich probieren möchte?

Positive Erfahrungen fördern die Bereitschaft, neue Lebensmittel kennenzulernen. Druck oder Zwang – etwa durch Aufforderungen wie „Du musst wenigstens probieren!“ – können dagegen dazu führen, dass ein Lebensmittel dauerhaft abgelehnt wird. Manchmal genügt später schon sein Geruch, um diese negative Erinnerung wieder hervorzurufen.

Ich bin mir sicher, dass jeder von uns solche Erinnerungen aus der eigenen Kindheit kennt – an ein Lieblingsgericht ebenso wie an ein Lebensmittel, das man bis heute nur ungern isst.

Gemeinsam Verantwortung übernehmen

Das bedeutet: Die Zusammenarbeit zwischen Küche und pädagogischen Fachkräften ist ein entscheidender Hebel, um Kindern die Entwicklung eines gesundheitsförderlichen Essverhaltens zu ermöglichen.

Das Speisenangebot sollte so hochwertig und schmackhaft sein, dass auch die Erwachsenen mit Freude und Genuss mitessen möchten. Nur so können sie die Kinder am Esstisch authentisch begleiten.

Ist dies nicht der Fall und lehnen Erwachsene das Essen ab, weil es nicht ihren Vorstellungen einer guten Mahlzeit entspricht, überrascht es kaum, wenn auch Kinder wenig Begeisterung für das Essen entwickeln.

Deshalb sind drei Faktoren besonders wichtig: die Qualität des Essens, eine angenehme Essatmosphäre und das gemeinsame Essen.

Ernährungsbildung praktisch erleben

Doch was bedeutet praktische Ernährungsbildung eigentlich?

Ich möchte das am Beispiel der roten Linse zeigen. Immer wieder werde ich gefragt: „Wie können wir Kindern Hülsenfrüchte schmackhaft machen?“

Meine Antwort lautet: Entdeckt die Lebensmittel gemeinsam mit den Kindern – mit allen Sinnen. So entsteht Schritt für Schritt eine positive Beziehung zu neuen Lebensmitteln.

Mit allen Sinnen entdecken

1. Fühlen

Jedes Kind erhält eine Schüssel mit roten Linsen. Nun dürfen die Kinder die Linsen in aller Ruhe mit den Händen ertasten, sie durch die Finger rieseln lassen oder die Hände darin „baden“. Dabei entstehen spannende Sinneseindrücke und angenehme Geräusche.

2. Hören

Füllt gemeinsam mit den Kindern rote Linsen in eine Plastikflasche oder ein Schraubglas und gestaltet daraus eine Rassel. So wird aus einem Lebensmittel ganz nebenbei ein Musikinstrument.

3. Schmecken

Roh sind rote Linsen nicht zum Verzehr geeignet. Gegart eröffnen sie jedoch viele Möglichkeiten. Bereitet deshalb gemeinsam mit den Kindern ein einfaches Rezept zu.

Süßer Linsenaufstrich (für 10 Portionen)

Allergene: Schalenfrüchte

Zutaten

  • 50 g Möhre, gewürfelt
  • 35 g Trockenaprikosen, gewürfelt
  • 75 g rote Linsen
  • 1 g Jodsalz
  • 200 ml Wasser
  • 50 g helles Mandelmus
  • Abrieb oder Saft einer Orange oder Zitrone

Zubereitung

  1. Möhren, rote Linsen, Salz und Wasser in einem geschlossenen Topf etwa 20 Minuten köcheln lassen.
  2. Anschließend alles fein pürieren.
  3. Das Mandelmus unterrühren.
  4. Zum Schluss mit Orangen- oder Zitronenabrieb beziehungsweise etwas Saft abschmecken.

Tipp: Wer den Aufstrich besonders cremig möchte, kann etwas Butter unterrühren. Bitte dabei die zusätzlichen Allergene beachten.

Ernährungsbildung beginnt mit Neugier

Kinder müssen neue Lebensmittel nicht sofort mögen. Viel wichtiger ist, dass sie neugierig werden, Lebensmittel kennenlernen und positive Erfahrungen sammeln dürfen.

Je häufiger Kinder Lebensmittel ohne Druck erleben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie später bereit sind, Neues auszuprobieren. Ernährungsbildung bedeutet deshalb nicht, Kinder zum Essen zu überreden. Sie bedeutet, ihnen Zeit zu geben, Erfahrungen zu sammeln und Vertrauen in ihre eigenen Sinne zu entwickeln.

Genau darin liegt die große Chance einer guten Gemeinschaftsverpflegung: Sie kann weit mehr sein als die tägliche Versorgung mit Mahlzeiten. Sie wird zu einem Lern- und Erlebnisraum, in dem Kinder mit Freude entdecken, genießen und gesundheitsförderliche Gewohnheiten entwickeln können.

Stefan Brandel

Weitere Informationen, Rezepte sowie Schulungs- und Beratungsangebote:

Stefan Brandel

www.stefanbrandel.de

info@stefanbrandel.de

Telefon: 0176 819 843 08




Kinderlosigkeit verändert unsere Gesellschaft – und den Blick auf Familie

Immer mehr Erwachsene entscheiden sich bewusst gegen eigene Kinder. Fachleute beobachten einen gesellschaftlichen Wandel, der auch Kitas und Grundschulen begegnet

Lange Zeit galt es als selbstverständlich, eine Familie zu gründen und Kinder zu bekommen. Heute entscheiden sich jedoch immer mehr Menschen bewusst gegen eine Elternschaft. Besonders unter jüngeren Erwachsenen wächst die Akzeptanz eines kinderfreien Lebens. Gleichzeitig sorgt diese Entwicklung für intensive gesellschaftliche Diskussionen.

Die Zahlen verdeutlichen den Wandel: Nach vorläufigen Angaben wurden 2025 in Deutschland rund 654.300 Kinder geboren – so wenige wie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr. Bereits 2022 lebten rund 9,5 Millionen Frauen zwischen 20 und 75 Jahren ohne eigene Kinder. Die Geburtenrate liegt derzeit bei etwa 1,38 Kindern pro Frau und damit deutlich unter dem Niveau, das langfristig für eine stabile Bevölkerungsentwicklung erforderlich wäre.

Dennoch betonen Fachleute, dass hinter diesen Zahlen individuelle Lebensentscheidungen stehen. Die Frage, ob Menschen Kinder bekommen möchten oder nicht, gehört zu den persönlichsten überhaupt.

Familie ist heute kein einheitliches Lebensmodell mehr

Nach Einschätzung der Psychologin Dr. Sarah Seidl von der SRH Fernhochschule verändert sich derzeit das Verständnis davon, was ein erfülltes Leben ausmacht. Während frühere Generationen häufig von einem klassischen Familienbild ausgingen, existieren heute zahlreiche unterschiedliche Lebensentwürfe.

Vor allem in Städten und unter jüngeren Erwachsenen werde ein kinderfreies Leben zunehmend akzeptiert. Partnerschaft, Freundschaften, berufliche Entwicklung oder persönliche Projekte gewinnen für viele Menschen an Bedeutung und werden ebenso als sinnstiftend erlebt wie eine Elternschaft.

Damit verändert sich auch das gesellschaftliche Bild von Familie. Pädagogische Fachkräfte erleben diese Vielfalt bereits heute im Alltag ihrer Einrichtungen. Kinder wachsen in sehr unterschiedlichen familiären Konstellationen auf – mit einem oder mehreren Elternteilen, in Patchworkfamilien, bei Großeltern oder mit Bezugspersonen außerhalb der klassischen Kernfamilie.

Wirtschaftliche Sorgen und hohe Erwartungen beeinflussen die Entscheidung

Die Gründe für ein bewusst kinderfreies Leben sind vielfältig. Nach Angaben der Psychologin spielen wirtschaftliche Unsicherheiten ebenso eine Rolle wie steigende Wohnkosten und die Sorge, Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können.

Hinzu komme ein gesellschaftlicher Wandel der Elternrolle. Viele Erwachsene erleben den Anspruch, gute Eltern sein zu müssen, heute als deutlich höher als noch vor einigen Jahrzehnten. Erziehung wird intensiv diskutiert, begleitet und bewertet. Dadurch wächst bei manchen Menschen die Unsicherheit, ob sie den eigenen Erwartungen und denen ihres Umfelds überhaupt gerecht werden können.

Für viele wird die Familienplanung deshalb zu einer Entscheidung, die sorgfältig abgewogen wird – und deren Ergebnis durchaus gegen eine Elternschaft ausfallen kann.

Persönliche Entscheidungen stoßen häufig auf Unverständnis

Obwohl kinderfreie Lebensentwürfe sichtbarer werden, erleben Betroffene nach wie vor kritische Nachfragen. Fragen wie „Bereust du das später nicht?“ oder „Wer kümmert sich im Alter um dich?“ gehören für viele Menschen zum Alltag.

Nach Einschätzung von Sarah Seidl greifen solche Fragen häufig tief in die Privatsphäre ein. Schließlich berühren sie persönliche Werte, Partnerschaft, Gesundheit oder sogar medizinische Hintergründe. Nicht jede kinderlose Person habe sich freiwillig gegen Kinder entschieden. Deshalb sei Zurückhaltung im Umgang mit diesem Thema angebracht.

Die Psychologin empfiehlt, persönliche Grenzen klar zu formulieren. Niemand müsse seine Lebensplanung gegenüber anderen rechtfertigen oder intime Entscheidungen erklären.

Soziale Medien machen neue Lebensmodelle sichtbar

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält das Thema durch soziale Netzwerke. Unter Hashtags wie #childfreelife oder #nokidsclub tauschen sich Menschen weltweit über ihre Erfahrungen aus und finden Gleichgesinnte.

Für den Medienwissenschaftler Dr. Thomas Bippes zeigt sich darin ein typisches Phänomen digitaler Kommunikation. Plattformen wie TikTok oder Instagram geben Lebensentwürfen Sichtbarkeit, die im direkten Umfeld oft wenig präsent sind. Aus einzelnen Erfahrungen entstehen Gemeinschaften, die sich gegenseitig unterstützen und ihre Perspektiven öffentlich machen.

Gleichzeitig warnt Bippes davor, Trends in sozialen Medien mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit gleichzusetzen. Algorithmen verstärken Inhalte, die Aufmerksamkeit erzeugen. Dadurch könne leicht der Eindruck entstehen, bestimmte Einstellungen seien wesentlich weiter verbreitet, als sie tatsächlich sind.

Vielfalt von Familien prägt auch den pädagogischen Alltag

Für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen steht weniger die Frage im Mittelpunkt, warum Erwachsene Kinder bekommen oder darauf verzichten. Entscheidend ist vielmehr, Kindern mit Offenheit und Wertschätzung zu begegnen – unabhängig davon, wie ihre Familie aussieht.

Pädagogische Fachkräfte begleiten heute Kinder aus sehr unterschiedlichen Lebenswelten. Dazu gehören klassische Familien ebenso wie Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien oder Kinder, deren enge Bezugspersonen außerhalb einer traditionellen Kernfamilie leben.

Ein sensibler Umgang mit dieser Vielfalt stärkt Kinder darin, unterschiedliche Lebensformen als gleichwertig wahrzunehmen. Gleichzeitig hilft er dabei, Vorurteile abzubauen und gegenseitigen Respekt zu fördern. Gerade in Kita und Grundschule lernen Kinder früh, dass Familie viele Gesichter haben kann – und dass jedes Kind unabhängig vom Lebensentwurf der Erwachsenen Anerkennung und Zugehörigkeit verdient.

Quelle: Pressemitteilung der SRH Fernhochschule – The Mobile University; Aussagen von Dr. Sarah Seidl und Dr. Thomas Bippes.




Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen professionell gestalten

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Eine differenzierte Betrachtung eines Handbuchs für Fachkräfte in Beratung, Therapie und Pädagogik

Sprache ist ein zentraler Bereich der Pädagogik, der eine unermesslich große Bedeutung für eine nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung des Kindes hat. So besitzt die Sprache die Kraft, die Gesamtentwicklung des Kindes aktiv zu unterstützen, oder sie kann auch dazu beitragen, die kindliche Entwicklung zu hemmen bzw. in Einzelbereichen vollkommen zu bremsen. Daher kommt der Sprachgestaltung durch Erwachsene im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ein Bedeutungswert zu, dem sich Erwachsene – pädagogische Fachkräfte ebenso wie Eltern – von Zeit zu Zeit selbstreflektorisch zuwenden sollten.

„Gesprächsführung“ oder besser „Kinder wahrnehmen, auf Kinder hören, mit Kindern sprechen“ ist ein alltägliches Sprachhandeln. Dabei kommen immer wieder Gesprächsmuster von Erwachsenen zum Vorschein, die wenig bzw. gar nicht geeignet sind, die Sprach-, Explorations- und Entwicklungsfreude von Kindern zu aktivieren, zu unterstützen und letztlich zu stabilisieren.

Inhalt

In diesem vorliegenden Buch haben sich nun die beiden Autoren Dr. Gauck und Dr. Kahl mit den Merkmalen von professionell geführten bzw. zu führenden Gesprächen mit Kindern sowie Jugendlichen in fünf Kapiteln auseinandergesetzt.

Zunächst gehen sie der Frage nach, worauf zu achten ist, um professionell einen Kontakt aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Im Folgekapitel stellen sie unterschiedliche Methoden für wirksame Gespräche vor – vom Fragen, einem aktiven Zuhören, dem Reframing, der Nutzung von Metaphern über Rollenspiele, Aufstellungen bis hin zum Einsatz von Medien, wobei sich letztere Methoden eher für Jugendliche eignen.

Im dritten Kapitel dreht sich alles um die Berücksichtigung individueller Lebenswelten (z. B. um den Entwicklungsstand, den kulturellen Hintergrund, die Sprache, auffälliges Verhalten). Im vierten Kapitel mit dem Schwerpunkt „Ich selbst im Gespräch“ sind Leser*innen aufgefordert, sich selbst als gesprächsführende Person wie in einem Spiegelbild zu betrachten und den Fragen nachzugehen, in welcher aktuellen Situation man sich befindet und was das für einen Gesprächsverlauf bedeutet, was die eigene Biografie mit der jeweils spezifischen Gesprächshaltung und den Gesprächsstrategien zu tun hat und welche Auswirkungen eigene Gefühle auf die Gesprächsführung mit dem Kind bzw. dem Jugendlichen haben.

Das fünfte Kapitel mit dem Schwerpunkt „Besondere Gesprächskontexte“ wendet sich möglichen Testungen und Ergebnisgesprächen, Familiengesprächen, einer möglichen Krisenintervention und Gruppenangeboten zu.

Dabei kann jedes der fünf Kapitel – je nach Bedarf und Interesse – einzeln ausgewählt und gelesen werden, weil es eine weitestgehend in sich geschlossene Einheit bildet und Leserinnen nicht zwingend die anderen Kapitel lesen müssen. Die Aufbaustruktur der einzelnen Kapitel ist dabei gleich: Zunächst wird ein sogenanntes „Fallbeispiel“ vorgestellt, dann folgen theoretische Hintergrundinformationen, anschließend werden mögliche Gesprächsstrategien und Beispielfragen aufgeführt und zum Schluss erhalten Leserinnen einige (wenige) Fragenimpulse bezüglich des eigenen Arbeitsalltags.

Fazit

Dieses Buch bedarf einer deutlich differenzierten Betrachtung!

So erhalten in erster Linie Kinder- und Jugendpsychologinnen, Fachkräfte im Feld der Psychotherapie sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ebenso wie schulpsychologisch tätige Beraterinnen bedeutsame Informationen für eine zielorientierte Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen, denn das Buch informiert sowohl mit fundierten theoretischen Hintergrundinformationen als auch mit zieldefinierten Gesprächsstrategien.

Gleichzeitig haben die beiden Autoren den Anspruch, Beziehungen durch eine ressourcenorientierte Gesprächsführung zu stärken, sodass sich Kinder und Jugendliche in ihren besonderen Lebenssituationen verstanden fühlen und durch die eingesetzten Gespräche in entwicklungsförderliche Prozesse hineinfinden können. Ebenso wird die Absicht benannt, dass eine Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen nicht als bloße Technik verstanden werden darf, um Gespräche nicht zu funktionsorientierten Lenkungsmanövern verkümmern zu lassen.

Besonders erfreulich ist das Kapitel 4 („Ich selbst im Gespräch“), das dazu anregt, sich selbst mit unterschiedlichen Fragen zur jeweils aktuellen Arbeitssituation zu reflektieren, das eigene Verhalten in Beziehung zur eigenen Biografie zu betrachten und sich mit den eigenen Emotionen auseinanderzusetzen.

Gleichzeitig darf bzw. muss allerdings auch die Frage gestellt werden, ob die verwissenschaftlichte, überwiegend sehr funktionsorientierte Sprache – vor allem in den Kapiteln 1 bis 3 – nicht dazu beiträgt, eine Gesprächsführung – auch und gerade bei emotionalen Prozessen – primär kognitiv zu steuern, was dem oben genannten Ziel widersprechen würde.

Zum anderen weckt der Untertitel des Buches („Ein praxisorientiertes Handbuch“) die berechtigte Erwartung, dass in dieser Publikation auch immer wieder ausführliche, prozessorientiert geführte Gesprächsverläufe als nachvollziehbare Beispiele dokumentiert sind, was allerdings eine unerfüllte Erwartung bleibt.

Und auch für die Gesprächsführung – gerade mit Kindern – wäre es weiterhin sehr hilfreich gewesen, ausführlich auf den Aspekt „Adultismus“ einzugehen sowie das „Vier-Seiten-Modell der Kommunikation“ und im Kapitel 4 das Modell „Inneres Team“ anhand von Beispielen zu verdeutlichen.

Gerade pädagogische Fachkräfte im Elementar- und Primarbereich könnten aus beispielhaft dargestellten Gesprächsverläufen von Gesprächen mit Kindern Parallelen zu ihrem eigenen Gesprächsverhalten ziehen, am „Vier-Seiten-Modell der Kommunikation“ die dabei unterschiedlich wirksamen Feinheiten eigener Sprachformulierungen besonders deutlich erkennen und beim Modell „Inneres Team“ die unterschiedlichen inneren Perspektiven beleuchten und in Einklang bringen.

Vergleiche mit anderen Publikationen, die sich mit dem Schwerpunkt „Gespräche mit Kindern führen“ beschäftigen, sind deutlich bodenständiger und praxisorientierter gehalten (z. B. Martine F. Delfos: „Sag mir mal … Gesprächsführung mit Kindern“, Beltz, 10. Aufl.; Martine F. Delfos: „Wie meinst du das? Gesprächsführung mit Jugendlichen“, Beltz, 7. Aufl.; Hilal Virit: „Miteinander sprechen – miteinander wachsen“, Humboldt; Belanna Media: „Kommunikation für Erzieher. Gelungene Gespräche mit Kindern, Eltern und Kollegen“, epubli, 3. Aufl.; Angelika Sommer: „Zuhören, Sprechen, Stärken. Familienkommunikation von Klein bis Groß“, Kindle-Ausgabe).

Zusammenfassung auf den Punkt gebracht

Fachkräfte, die sowohl unter einem wissenschaftlich fundierten Blickwinkel am Thema „Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen“ interessiert sind als auch auf der Suche nach professionell-informativen, kognitiv orientierten Gesprächsführungsimpulsen bzw. -hinweisen, werden reichhaltig fündig werden. Elementarpädagogische Fachkräfte, die vor allem auf basal- und bodenständig ausgerichtete Praxisbeispiele Wert legen, werden sich eher mit ihren Erwartungen in den oben genannten Buchhinweisen wiederfinden.

(Armin Krenz)

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Bibliografische Angaben

Gauck, Letizia / Kahl, Tobias:
Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen.
Ein praxisorientiertes Handbuch
Hogrefe Verlag, Bern, 2026
240 Seiten
35,00 €
ISBN: 978-3-456-86403-7
(auch als eBook erhältlich: ISBN: 978-3-456-86403-7)




Warum frühkindliche Bildung neu gedacht werden muss

Armin Krenz fordert eine Pädagogik, die Kinder in ihrer Entwicklung stärkt

Was brauchen Kinder, um sich gesund zu entwickeln? Diese Frage stellt der Sozialpädagoge, Kindheitsforscher und Elementarpädagoge Prof. Armin Krenz in einem Vortrag bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in den Mittelpunkt. Dabei richtet er den Blick auf eine Entwicklung, die er seit Jahren kritisch begleitet: Frühkindliche Bildung werde zunehmend auf Lernprogramme, Kompetenzen und schulische Vorbereitung reduziert, während grundlegende Entwicklungsbedürfnisse von Kindern aus dem Blick gerieten.

Erziehung, Bildung und Betreuung gleichermaßen

Krenz erinnert daran, dass Kindertageseinrichtungen weit mehr leisten sollen als Wissensvermittlung. Ihr gesetzlicher Auftrag umfasst Erziehung, Bildung und Betreuung gleichermaßen. Ziel ist die Unterstützung von Kindern auf ihrem Weg zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Nach seiner Auffassung wird dieser Anspruch jedoch häufig durch ein verkürztes Bildungsverständnis erschwert.


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SPIEL und SELBSTBILDUNG
Kitas brauchen eine pädagogische Revolution
Autor: Krenz, Armin
Verlag: ObersteBrink
ISBN 9783963046162
22,00 €


Konsequent an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientieren

Im Vortrag wirbt Krenz für eine Pädagogik, die sich konsequent an den Entwicklungsbedürfnissen von Kindern orientiert. Beziehungen, emotionale Sicherheit, Spiel, Bewegung, Selbstwirksamkeit und ausreichend Zeit für eigene Erfahrungen seien zentrale Voraussetzungen für nachhaltige Bildungsprozesse. Bildung entstehe nicht durch Belehrung, sondern durch aktive Auseinandersetzung mit der Welt.

Gleichzeitig thematisiert Krenz die Rahmenbedingungen pädagogischer Arbeit. Hohe Bürokratiebelastungen, Fachkräftemangel und fehlende Zeit für die Arbeit mit Kindern erschwerten vielerorts die Umsetzung einer entwicklungsförderlichen Pädagogik.

Der Vortrag bietet zahlreiche Impulse für pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte und Eltern. Er lädt dazu ein, den Begriff Bildung neu zu denken und die Frage zu stellen, was Kinder heute wirklich brauchen, um ihre Fähigkeiten und Potenziale entfalten zu können.

Den vollständigen Vortrag von Armin Krenz finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=GIsCHIcnCd0




Bildung für nachhaltige Entwicklung: Online-Kurs für Fachkräfte

Bildung für nachhaltige Entwicklung online

Einstieg in die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)

Nachhaltigkeit umfasst weit mehr als ökologische Produkte oder bewusstes Konsumverhalten. Sie betrifft die Art und Weise, wie Menschen heute handeln, um auch zukünftigen Generationen gute Lebensbedingungen zu ermöglichen. Doch wie lässt sich dieses Thema im pädagogischen Alltag aufgreifen und vermitteln?

Dieser Online-Kurs bietet einen praxisnahen Einstieg in die „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Teilnehmende setzen sich mit zentralen Nachhaltigkeitsthemen auseinander und lernen vielfältige Methoden kennen, um BNE nachhaltig in ihre Bildungsarbeit zu integrieren. Dabei dient der BNE-Baukasten als hilfreiches Instrument für die Planung und Umsetzung pädagogischer Angebote.

Inhalte des Online-Kurses

Der Kurs vermittelt grundlegendes Wissen und zeigt praxisorientierte Wege auf, Nachhaltigkeit im Bildungsalltag zu verankern.

Persönliche Zugänge zu Nachhaltigkeit reflektieren

Die Teilnehmenden beschäftigen sich mit ihren eigenen Erfahrungen und Sichtweisen zu Nachhaltigkeit, Vielfalt und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Grundlagen der Bildung für nachhaltige Entwicklung kennenlernen

Eine Einführung vermittelt die wichtigsten Hintergründe, Ziele und Prinzipien von BNE sowie deren Bedeutung für die pädagogische Praxis.

Den BNE-Baukasten gezielt einsetzen

Der BNE-Baukasten wird als vielseitiges Werkzeug vorgestellt, das Fachkräfte bei der Planung und Gestaltung nachhaltiger Bildungsangebote unterstützt.

Mit Kindern entdecken, forschen und nachdenken

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem gemeinsamen Entdecken und Forschen mit Kindern. Dabei wird gezeigt, wie Nachdenkgespräche pädagogisch begleitet und für nachhaltige Lernprozesse genutzt werden können.

Lernziele der Fortbildung

Nach Abschluss des Online-Kurses:

  • kennen Sieden BNE-Baukasten und können ihn gezielt in deiner Bildungsarbeit einsetzen.
  • reflektieren Sie eigenes nachhaltiges Handeln und vertiefen wichtige Themenfelder der Bildung für nachhaltige Entwicklung.
  • entwickeln Sie Motivation und Ideen, um Bildungsangebote und Projekte im Sinne von BNE zu gestalten und umzusetzen.

Flexibel lernen – im eigenen Tempo

Der Online-Kurs kann zeitlich unabhängig bearbeitet werden. Die einzelnen Inhalte lassen sich flexibel in den persönlichen Alltag integrieren. Reflexionsfragen unterstützen die Vertiefung der Themen, während praxisnahe Beispiele und Anregungen wertvolle Impulse für die pädagogische Arbeit liefern.

Badge „Durchstarter:in Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erwerben

Neben einer Teilnahmebescheinigung besteht die Möglichkeit, das Badge Durchstarter:in „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ zu erhalten. Voraussetzung dafür ist der erfolgreiche Abschluss dieses Online-Kurses sowie der Kurse „Partizipation von Kindern“ und „Ein Einstieg – Philosophieren mit Kindern“.

Weiterführende Informationen zum Badge-System sind im Bereich „Häufige Fragen“ verfügbar.

Anerkennung im Rahmen der Zertifizierung

Die Teilnahme an dieser Fortbildung wird bei der Zertifizierung von Kitas, Horten und Grundschulen anerkannt. Damit leistet der Kurs einen wertvollen Beitrag zur Qualitätsentwicklung und nachhaltigen Ausrichtung von Bildungseinrichtungen.

Weitere Informationen zum Kurs und zur Anmeldung finden Sie hier:




Körperliche Strafen schaden Kindern – Folgen für Verhalten und Schulerfolg

Neue Langzeitstudie belegt: Schon gelegentliches Schlagen erhöht Risiko für Aggressionen und schwächere Bildungsabschlüsse

Viele Eltern greifen in stressigen Situationen zu Maßnahmen, die sie selbst als Kinder erlebt haben: ein Klaps auf die Hand, ein Schlag auf den Po oder eine Ohrfeige. Oft geschieht dies in der Annahme, körperliche Strafen würden Kindern Grenzen aufzeigen oder unerwünschtes Verhalten wirksam unterbinden. Eine aktuelle Langzeitstudie des University College London (UCL) kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Körperliche Bestrafung zeigt keine nachweisbaren Vorteile – stattdessen erhöht sie das Risiko für Verhaltensprobleme und schlechtere Bildungsergebnisse bis weit in die Jugend hinein.

Die Untersuchung zählt zu den umfangreichsten britischen Studien zu diesem Thema und liefert neue Hinweise darauf, wie stark das Verhalten von Eltern die Entwicklung ihrer Kinder beeinflussen kann.

Fast 19.000 Kinder über viele Jahre begleitet

Für die Studie werteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten der sogenannten Millennium Cohort Study aus. Dabei handelt es sich um eine groß angelegte Langzeituntersuchung, die rund 19.000 Kinder begleitet, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden. Zusätzlich wurden Bildungsdaten aus der National Pupil Database einbezogen.

Die Forschenden analysierten, ob Kinder im Alter von drei, fünf oder sieben Jahren körperlich bestraft worden waren und wie sich dies später auf ihre Entwicklung auswirkte. Besonderes Augenmerk lag auf schulischen Leistungen und sozialem Verhalten während der Jugend.

Schlechtere Bildungsergebnisse bei körperlicher Bestrafung

Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen körperlicher Bestrafung in der frühen Kindheit und späteren schulischen Schwierigkeiten.

Kinder, die im Alter von drei, fünf oder sieben Jahren körperliche Strafen erlebt hatten, erreichten häufiger keine grundlegenden Bildungsabschlüsse als Gleichaltrige ohne solche Erfahrungen. Die Wahrscheinlichkeit, wichtige Schulabschlüsse nicht zu schaffen, lag bei diesen Kindern deutlich höher.

Die Forschenden errechneten, dass körperlich bestrafte Kinder um 5,7 Prozentpunkte häufiger die schulischen Mindestanforderungen verfehlten. Anders ausgedrückt: Fast die Hälfte der betroffenen Kinder erreichte die angestrebten Bildungsziele nicht.

Die Studienautorinnen und -autoren weisen darauf hin, dass schulischer Erfolg von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Dennoch blieb der Zusammenhang auch nach Berücksichtigung sozialer und familiärer Unterschiede bestehen.

Aggressionen nehmen deutlich zu

Besonders auffällig waren die Ergebnisse beim Sozialverhalten.

Kinder, die zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr körperlich bestraft worden waren, zeigten mit 14 Jahren deutlich häufiger aggressives Verhalten. Die Wahrscheinlichkeit, andere Kinder zu schlagen, zu schubsen oder zu drangsalieren, lag nach Angaben der Forschenden um etwa 35 bis 40 Prozent höher.

Damit bestätigt die Untersuchung frühere internationale Studien, die darauf hinweisen, dass Kinder durch körperliche Bestrafung lernen können, Konflikte mit Gewalt zu lösen.

Die leitende Wissenschaftlerin Dr. Anja Heilmann vom University College London betont:

„Es gibt keine Hinweise darauf, dass körperliche Bestrafung Kindern nützt. Stattdessen sehen wir Zusammenhänge mit einer Reihe negativer kurz- und langfristiger Folgen.“

Die Ergebnisse unterstützen damit die Annahme vieler Entwicklungspsychologinnen und Entwicklungspsychologen, dass Kinder Verhaltensweisen vor allem durch Beobachtung und Nachahmung lernen. Werden Konflikte durch körperliche Gewalt gelöst, kann dies zu einer entsprechenden Verhaltensübernahme führen.

Warum Kinder auf körperliche Strafen reagieren

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist die Wirkung körperlicher Bestrafung nachvollziehbar. Zwar kann ein Schlag kurzfristig dazu führen, dass ein Kind ein bestimmtes Verhalten beendet. Langfristig lernt das Kind jedoch nicht unbedingt, warum sein Verhalten problematisch war.

Stattdessen können Angst, Scham oder Unsicherheit entstehen. Gleichzeitig wird die Beziehung zwischen Eltern und Kind belastet. Viele Fachleute gehen davon aus, dass eine sichere Bindung und respektvolle Kommunikation wesentlich wirksamer für die Entwicklung von Selbstkontrolle und sozialer Kompetenz sind.

Internationale Forschungsergebnisse zeigen seit Jahren, dass positive Erziehungsstrategien – etwa klare Regeln, konsequente Begleitung, Ermutigung und altersgerechte Erklärungen – nachhaltigere Wirkungen erzielen als körperliche Strafen.

Kinder lernen am Vorbild ihrer Eltern

Die neue Untersuchung macht erneut deutlich, wie stark das Verhalten von Eltern die Entwicklung ihrer Kinder prägt.

Kinder beobachten täglich, wie Erwachsene mit Frustration, Konflikten und schwierigen Situationen umgehen. Werden Probleme mit körperlicher Gewalt beantwortet, kann dies die Botschaft vermitteln, dass Gewalt ein akzeptables Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen ist.

Umgekehrt lernen Kinder durch einfühlsame Grenzsetzung, Konflikte verbal zu lösen, Gefühle zu regulieren und Rücksicht auf andere zu nehmen.

Bewertung der Studie

Die vorliegende Untersuchung besitzt mehrere wissenschaftliche Stärken.

Erstens basiert sie auf einer sehr großen Stichprobe von rund 19.000 Kindern. Dadurch sind statistische Zusammenhänge zuverlässiger erkennbar als in kleineren Untersuchungen.

Zweitens handelt es sich um eine Langzeitstudie. Die Kinder wurden über viele Jahre hinweg begleitet, wodurch Entwicklungen vom Vorschulalter bis in die Jugend nachvollzogen werden konnten.

Drittens berücksichtigten die Forschenden zahlreiche familiäre und soziale Einflussfaktoren. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass die Ergebnisse allein durch Unterschiede im sozialen Hintergrund erklärt werden können.

Gleichzeitig sollten die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden. Die Studie weist Zusammenhänge nach, kann jedoch nicht mit letzter Sicherheit beweisen, dass körperliche Bestrafung allein die Ursache für spätere Bildungs- und Verhaltensprobleme ist. Andere Faktoren innerhalb der Familie können ebenfalls eine Rolle spielen.

Dennoch fügen sich die Befunde in ein inzwischen sehr umfangreiches internationales Forschungsbild ein. Zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Körperliche Bestrafung bringt keine erkennbaren Vorteile für die Entwicklung von Kindern, ist aber mit erhöhten Risiken für emotionale, soziale und schulische Probleme verbunden.

Klare Botschaft für Erziehende

Die Studie liefert eine klare Botschaft: Kinder profitieren von einer Erziehung, die auf Respekt, Beziehung und Orientierung setzt statt auf körperliche Strafen.

Grenzen bleiben wichtig. Entscheidend ist jedoch, wie sie vermittelt werden. Eltern, die ruhig bleiben, Regeln erklären und konsequent handeln, fördern nicht nur die Zusammenarbeit ihrer Kinder, sondern unterstützen auch deren soziale und emotionale Entwicklung langfristig.

Quellen

Heilmann, A. et al. (2026): Physical punishment, educational attainment and behavioural outcomes in childhood and adolescence. University College London (UCL), London.

Millennium Cohort Study (MCS), UCL Centre for Longitudinal Studies.

NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children): Begleitende Veröffentlichung zur Studie.

Berichterstattung: The Independent, News Letter, Juli 2026.




Digitale Ausstellungsvideos zu Krieg, Sexualität und Trauer

Drei fachlich fundierte Ausstellungsvideos stehen ab sofort online zur Verfügung

Im Rahmen der beiden bisher in Aderstedt am Huy stattgefundenen Zeltfachtagungen sind drei Ausstellungsvideos mit dem Titel „Ausschnitte unseres Lebens – Tabus, Wahrheiten, Gegenwart“ entstanden, die ab sofort im Internet aufgerufen werden können.

Im Mittelpunkt stehen die Themen Krieg, Sexualität und Trauer – Themenbereiche, die üblicherweise selbst bei konkreten Anlässen weder in vielen Kindertageseinrichtungen mit Kindern noch unter Kita-Fachkräften professionell thematisiert werden.

Regine Leipert, Erzieherin im Ruhestand und Fachkraft für den Situationsorientierten Ansatz, hat diese Ausstellungsvideos in enger Zusammenarbeit mit Christina Brehmer vom Kuratorium des Schulfördervereins e. V. der Petri-Sekundarschule Schwanebeck konzipiert und zusammengestellt. Bei Bedarf können die Inhalte gleichzeitig im Transkript mitgelesen werden. Unterstützt wurden die beiden dabei von Armin Krenz, dem Entwickler des Situationsorientierten Ansatzes, der die inhaltliche Vorbereitung der Themenschwerpunkte aktiv begleitet hat.

Die drei Ausstellungsvideos eignen sich sowohl für eine intensivere, fachlich fundierte Auseinandersetzung mit den zentralen Themen als auch für den Einsatz bei Elternabenden. Sie bieten eine gute Grundlage, um gemeinsam mit Eltern in einen offenen Gedankenaustausch einzutauchen.

Es gibt drei Möglichkeiten, die Ausstellungsvideos aufzurufen:

  1. über die Eingabe des Suchtextes:
    „Ausstellung Ausschnitte unseres Lebens – eine digitale Ausstellung zur Kindesentwicklung“
  2. über den YouTube-Kanal des Schulfördervereins:
    YouTube-Kanal Schulförderverein Petri
  3. über den Direktlink:
    Direktlink zur Ausstellung

Um eine möglichst breite Bekanntmachung dieser Ausstellungsvideos zu erreichen, wäre es hilfreich, diese Informationen weiterzugeben. Daher bietet es sich an, den Hinweis an interessierte Fachkräfte sowie selbstverständlich auch an Eltern weiterzuleiten. Im Hinblick auf eine entwicklungsförderliche Pädagogik wäre dies sehr zu begrüßen.

Märchen – ein Zaubermittel für Sprachbildung und Sprachentwicklung

Die Ausstellungsvideos stehen zugleich im thematischen Zusammenhang mit der Zeltfachtagung 2026 in Aderstedt am Huy, die ebenfalls vom Schulförderverein Petri Schwanebeck organisiert wird. Unter dem Titel „Märchen – ein Zaubermittel für Sprachbildung und Sprachentwicklung“ beschäftigt sich die Tagung mit aktuellen Erkenntnissen zur Sprachbildung in der frühen Kindheit und der Bedeutung von Märchen für Entwicklungs- und Bildungsprozesse in der Kita.

Die zweitägige Fortbildung findet am 11. und 12. September 2026 statt und richtet sich an pädagogische Fachkräfte aus Kita, Krippe und Hort sowie an weitere Interessierte.

Weitere Informationen zur Zeltfachtagung und zur Anmeldung finden Sie unter:

Online-Anmeldung Zeltfachtagung 2026




Montessori-Pädagogik stärkt Kinder in ihrer Entwicklung nachweislich

Große Langzeitstudie zeigt Vorteile bei Sprache, Selbstkontrolle und Sozialverhalten

Die Montessori-Pädagogik erlebt seit einigen Jahren weltweit neue Aufmerksamkeit. Viele Eltern hoffen auf eine kindgerechtere Form des Lernens, mehr Selbstständigkeit und weniger Leistungsdruck. Gleichzeitig galt die wissenschaftliche Datenlage lange als uneinheitlich. Zahlreiche frühere Untersuchungen hatten zwar positive Effekte beschrieben, doch Kritiker verwiesen immer wieder darauf, dass Montessori-Einrichtungen häufig von besonders engagierten und bildungsnahen Familien gewählt werden. Dadurch blieb oft unklar, ob tatsächlich die Methode selbst für bessere Entwicklungswerte verantwortlich ist.

Vorteile bei Sprache, Lesen, Selbstregulation und sozialen Fähigkeiten

Eine neue groß angelegte Studie, über die das Wissenschaftsportal ScienceDaily berichtet, liefert nun deutlich belastbarere Hinweise darauf, dass Montessori-orientierte Betreuung und Frühpädagogik tatsächlich positive Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern haben können. Besonders auffällig waren Vorteile bei Sprache, Lesen, Selbstregulation und sozialen Fähigkeiten.

588 Kinder in 24 öffentlichen Montessori-Programmen

Die Forschenden begleiteten insgesamt 588 Kinder in 24 öffentlichen Montessori-Programmen in den USA. Das Besondere an der Untersuchung: Die Aufnahmeplätze wurden über ein Losverfahren vergeben. Dadurch entstanden zwei vergleichbare Gruppen – Kinder mit Montessori-Platz und Kinder ohne Montessori-Platz. Wissenschaftlich gilt ein solches randomisiertes Studiendesign als besonders aussagekräftig, weil typische Verzerrungen reduziert werden. Genau daran scheiterten viele frühere Montessori-Studien.

Eindeutige Ergebnisse

Die Ergebnisse fielen deutlich aus. Kinder in Montessori-Programmen entwickelten bessere Fähigkeiten beim Lesen und bei sprachlichen Aufgaben. Gleichzeitig zeigten sie stärkere sogenannte Exekutivfunktionen – also Fähigkeiten wie Konzentration, Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis und selbstständige Problemlösung. Auch beim sozialen Verständnis und im Umgang mit anderen Kindern schnitten Montessori-Kinder häufiger besser ab.

Fokus auf dem offenen Lernansatz

Die Forschenden sehen die Ursachen dafür vor allem in den grundlegenden Unterschieden zwischen Montessori-Pädagogik und konventionellen Kita-Modellen. Während viele konventionelle Einrichtungen stärker förderorientiert arbeiten und Lernprozesse stärker strukturieren, basiert Montessori auf einem vergleichsweise offenen Lernansatz. Kinder spielen häufig selbstständig mit speziell entwickelten Materialien, entscheiden innerhalb klarer Rahmenbedingungen eigenständig über Aktivitäten und lernen in ihrem individuellen Tempo.

Was Maria Montessori bereits wusste

Die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori entwickelte diesen Ansatz bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihre Grundidee war, dass Kinder einen natürlichen inneren Lernantrieb besitzen und sich besonders gut entwickeln, wenn sie eigenständig Erfahrungen sammeln dürfen. Erwachsene sollen dabei weniger kontrollieren als vielmehr vorbereitete Lernumgebungen schaffen und Lernprozesse aufmerksam begleiten.

Viele ihrer Aussagen wirken heute erstaunlich modern. Montessori schrieb: „Das Interesse des Kindes hängt von der Möglichkeit ab, eigene Entdeckungen zu machen.“ Ebenso bekannt wurde ihr Satz: „Das Leben anzuregen und es sich dann frei entwickeln zu lassen – hierin liegt die erste Aufgabe des Erziehers.“ Und bis heute gilt ihr berühmtes Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ als Kern ihrer Pädagogik.

Auch ein weiterer Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die aktuelle Studie: „Wenn du korrekt mit dem Kind umgehst, wird auch das Kind sich im Leben korrekt benehmen.“ Montessori verstand Erziehung nie als reine Wissensvermittlung, sondern als Begleitung menschlicher Entwicklung.

Eigenaktivität laut Studie entscheidend

Genau diese Eigenaktivität ist laut Studie entscheidend. Kinder trainieren in Montessori-Einrichtungen permanent ihre Fähigkeit zur Selbststeuerung. Sie wählen Aufgaben aus, planen Arbeitsschritte, organisieren Materialien und lösen Konflikte eigenständig. Dadurch wird die Entwicklung von Fähigkeiten unterstützt, die heute als zentrale Grundlage späterer Lern- und Bildungserfolge gelten.

Stärkere Förderung der Exekutivfunktionen

Besonders interessant ist dabei die stärkere Förderung der Exekutivfunktionen. Entwicklungspsychologen betrachten diese Fähigkeiten inzwischen als einen der wichtigsten Faktoren für langfristigen schulischen Erfolg. Kinder mit gut entwickelter Selbstregulation können Aufmerksamkeit besser steuern, Frustrationen kontrollieren und komplexe Aufgaben strukturierter bearbeiten. Genau in diesen Bereichen zeigten die Montessori-Kinder deutliche Vorteile.

Sprachliche Entwicklung

Auch die sprachliche Entwicklung scheint vom Montessori-Ansatz zu profitieren. Die Forschenden verweisen darauf, dass Montessori-Materialien häufig mehrere Sinne gleichzeitig ansprechen. Kinder lernen Buchstaben nicht nur abstrakt, sondern ertasten Formen, sprechen Laute aus und verbinden Bewegungen mit Sprache. Diese multisensorische Lernweise entspricht modernen Erkenntnissen der sogenannten „Science of Reading“, die systematische Laut-Buchstaben-Verbindungen als wichtigen Bestandteil frühen Lesenlernens betrachtet.

Besondere soziale Struktur in Montessori-Gruppen

Hinzu kommt die besondere soziale Struktur vieler Montessori-Gruppen. Typisch sind altersgemischte Gruppen mit Kindern verschiedener Entwicklungsstufen. Jüngere Kinder beobachten ältere, ältere Kinder übernehmen Verantwortung und helfen anderen. Dadurch entstehen soziale Lernprozesse, die in altershomogenen Gruppen seltener auftreten. Laut Studie könnte genau dieses Modell erklären, warum Montessori-Kinder häufiger bessere Werte bei sozialem Verständnis und Kooperation zeigten.

Warum Montessori auch im Silicon Valley fasziniert

Interessant ist außerdem, dass Montessori-Prinzipien seit Jahren auch im Silicon Valley intensiv diskutiert werden. Mehrere bekannte Tech-Unternehmer besuchten Montessori-Schulen, darunter Jeff Bezos sowie die Google-Mitgründer Larry Page und Sergey Brin. Auch Jimmy Wales wird häufig als prominenter Montessori-Schüler genannt.

Besonders hervorgehoben werden dabei Eigenschaften wie eigenständiges Denken, intrinsische Motivation, kreative Problemlösung und die Fähigkeit, unabhängig von vorgegebenen Strukturen zu arbeiten. Larry Page erklärte rückblickend, Montessori habe ihm beigebracht, „nicht einfach Regeln zu folgen“. Genau diese Eigenschaften gelten heute in der Innovationsforschung als zentrale Voraussetzungen für Kreativität und Unternehmertum.

Viele Montessori-Ideen passen erstaunlich gut zu modernen Innovationskulturen: Fehler gelten nicht primär als Scheitern, sondern als Teil des Lernprozesses. Eigeninitiative wird stärker gefördert als reine Anpassung. Kinder sollen Probleme selbst entdecken und Lösungen eigenständig entwickeln.

Montessori kann messbare Entwicklungsunterschiede erzeugen

Die Untersuchung liefert damit interessante Hinweise darauf, dass Montessori nicht nur eine alternative pädagogische Haltung darstellt, sondern tatsächlich messbare Entwicklungsunterschiede erzeugen kann. Gleichzeitig warnen die Forschenden jedoch vor überzogenen Schlussfolgerungen.

Grenzen der Studie

Denn auch diese Studie hat Grenzen. Verglichen wurden Montessori-Programme mit unterschiedlichen konventionellen Einrichtungen. Dadurch bleibt offen, welche einzelnen Bestandteile letztlich ausschlaggebend sind. Außerdem untersuchte die Studie ausschließlich öffentliche Montessori-Programme mit vergleichsweise hoher Umsetzungsqualität. Nicht jede Einrichtung, die den Begriff „Montessori“ verwendet, arbeitet tatsächlich konsequent nach den ursprünglichen Prinzipien.

Qualität der Umsetzung entscheidend

Die Autor*innen betonen deshalb selbst, dass die Qualität der Umsetzung wahrscheinlich entscheidend ist. Gut ausgebildete Fachkräfte, vorbereitete Lernumgebungen und eine konsequente Orientierung an Montessori-Prinzipien dürften eine zentrale Rolle spielen. Schlechter organisierte Einrichtungen könnten deutlich geringere Effekte zeigen.

Langfristige Wirkungen noch nicht erforscht

Offen bleibt außerdem die Frage nach langfristigen Wirkungen. Die Studie begleitet Kinder bis zum Ende des Kindergartens. Ob die beobachteten Vorteile bis in die Schulzeit oder Jugend bestehen bleiben, muss erst weitere Forschung zeigen. In der Bildungsforschung verschwinden frühe positive Effekte häufig später wieder. Die Forschenden vermuten allerdings, dass Montessori gerade durch die Förderung von Selbstregulation langfristigere Wirkungen entfalten könnte.

Robuste Daten für Montessori-orientierte Frühpädagogik

Trotz dieser Einschränkungen gilt die Untersuchung als eine der bislang stärksten wissenschaftlichen Arbeiten zur Montessori-Pädagogik. Sie liefert deutlich robustere Daten als viele frühere Studien und zeigt erstmals auf größerer Ebene, dass Montessori-orientierte Frühpädagogik unter realen Bedingungen messbare Vorteile erzeugen kann.

Kein Automatismus

Für Eltern bedeutet das allerdings nicht automatisch, dass Montessori grundsätzlich jeder anderen Betreuung überlegen ist. Experten betonen weiterhin, dass die Qualität der Beziehungen, gut ausgebildete Fachkräfte und eine sichere emotionale Umgebung entscheidend bleiben. Die Studie legt jedoch nahe, dass Montessori-Konzepte Kindern offenbar besonders gute Bedingungen bieten können, um Selbstständigkeit, Konzentration und soziale Fähigkeiten früh zu entwickeln.

Gernot Körner