Psychischer Druck bei Grundschulkindern hat deutlich zugenommen

forsa-Umfrage zeigt: Schon Kinder leiden unter Stress, Ängsten und Überforderung

Schon Grundschulkinder fühlen sich zunehmend psychisch belastet. Das geht aus einer aktuellen repräsentativen Umfrage der KKH Kaufmännische Krankenkasse hervor. Danach berichten 24 Prozent der Eltern, dass sich ihre sechs- bis zehnjährigen Kinder in den vergangenen vier Wochen häufig gestresst gefühlt haben – sei es in der Schule oder im Alltag. 42 Prozent der befragten Mütter und Väter haben zudem den Eindruck, dass Druck und psychische Belastung bei Kindern in den vergangenen ein bis zwei Jahren zugenommen haben.

Hohe Erwartungen belasten Kinder

Als größte Belastungsfaktoren nennen Eltern die hohen Erwartungen der Kinder an sich selbst und die damit verbundenen Versagensängste. 58 Prozent sehen darin die größte Herausforderung für ihre Kinder. Ebenfalls häufig genannt werden Konflikte mit anderen Kindern wie Mobbing, Streit oder Gruppenzwang (50 Prozent) sowie Leistungsdruck durch Schule, Sport oder andere äußere Erwartungen (47 Prozent).

Stress und psychische Belastungen

Hinzu kommt, dass viele Kinder nach Einschätzung ihrer Eltern noch nicht ausreichend gelernt haben, mit seelischem Druck umzugehen. 44 Prozent der Befragten geben an, ihr Kind könne weniger gut oder gar nicht mit Stress und psychischen Belastungen umgehen. Auch digitale Medien spielen offenbar eine Rolle: Rund ein Drittel der Eltern (32 Prozent) sieht Inhalte aus Streaming-Diensten oder Online-Spielen als zusätzlichen Stressfaktor. Weitere 22 Prozent nennen familiäre Probleme wie Streit, Trennung oder finanzielle Sorgen.

Psychische Erkrankungen bereits im Kindesalter

Parallel dazu zeigen Daten der KKH, dass psychische Erkrankungen bereits im Kindesalter diagnostiziert werden. Besonders häufig treten bei Sechs- bis Zehnjährigen Störungen des Sozialverhaltens sowie akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen auf. Jeweils etwa 25 von 1.000 Kindern erhielten 2024 eine entsprechende Diagnose. Angststörungen wurden bei sieben von 1.000 Grundschulkindern dokumentiert. Mit zunehmendem Alter steigen die Fallzahlen deutlich an: Bei Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren registrierte die KKH bereits 32 Angststörungen pro 1.000 Versicherte und 57 Fälle von Anpassungsstörungen pro 1.000 Jugendlichen.

Gestresst wie die Großen? Schon Grundschüler unter Druck

Die Ergebnisse verdeutlichen nach Einschätzung von Fachleuten, wie wichtig frühe Prävention und psychosoziale Unterstützung geworden sind. Die KKH verweist in diesem Zusammenhang auf ihr Präventionsprogramm „1000 Schätze“, das sich an Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klassen richtet.

„Ziel ist es, psychosoziale Kompetenzen zu fördern und einem riskanten Verhalten vorzubeugen. Die Kinder lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, zu kommunizieren, Probleme zu lösen, Konflikte zu bewältigen sowie mit eigenen und fremden Gefühlen umzugehen“, erklärt KKH-Chef Wolfgang Matz. Wissenschaftlich sei belegt, dass die frühe Förderung solcher Lebenskompetenzen die psychische und körperliche Gesundheit nachhaltig stärken könne.

Unterstützung erhält das Programm inzwischen auch aus der Bundespolitik. Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, hat die Schirmherrschaft übernommen. Er sieht insbesondere bei belasteten Kindern großen Handlungsbedarf: „Wenn wir früh ansetzen, stärken wir nicht nur die emotionale Widerstandskraft von Kindern. Wir verringern auch das Risiko für spätere psychische Erkrankungen und Abhängigkeit.“

Streeck betont zudem die Rolle von Schulen und pädagogischen Fachkräften. Präventionsangebote könnten helfen, Belastungen früher zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. „Prävention muss früher beginnen und stärker werden. Wenn wir Kinder mental stärken, investieren wir in ihre Gesundheit und in die Zukunft unserer Gesellschaft“, so der Bundesdrogenbeauftragte.

„Psychische Probleme bleiben häufig unerkannt“

Auch die Psychologin Franziska Klemm weist darauf hin, dass psychische Probleme bei Kindern häufig lange unerkannt bleiben. Die Symptome seien oft unspezifisch. Bauch- oder Kopfschmerzen, sozialer Rückzug oder Leistungsabfall könnten harmlose Ursachen haben, aber ebenso Hinweise auf ernsthafte psychische Belastungen sein. „Je früher wir psychische Erkrankungen erkennen, desto eher können wir betroffenen Kindern helfen und vermeiden, dass sich daraus weitere Störungen wie der Missbrauch von Suchtmitteln entwickeln“, erläutert Klemm.

Besonders wichtig sei deshalb eine enge Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule. Laut Umfrage sehen zwar 98 Prozent der Eltern die Familie als wichtigste Instanz für Wertevermittlung und emotionale Entwicklung, zugleich betrachten aber 54 Prozent auch Kitas und Schulen als mitverantwortlich.

Psychische Belastungen im Kindesalter nehmen sichtbar zu

Die aktuellen Zahlen fügen sich in eine Entwicklung ein, die Fachleute seit mehreren Jahren beobachten. Bereits während und nach der Corona-Pandemie hatten Studien auf eine steigende psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen hingewiesen. Die neuen KKH-Daten zeigen nun, dass Stress, Ängste und emotionale Überforderung längst nicht mehr nur Jugendliche betreffen, sondern zunehmend bereits Kinder im Grundschulalter.

Auffällig ist dabei vor allem der hohe innere Leistungsdruck vieler Kinder. Dass Eltern die Erwartungen der Kinder an sich selbst häufiger nennen als äußeren Leistungsdruck, deutet darauf hin, dass sich gesellschaftliche Anforderungen offenbar früh verinnerlichen. Gleichzeitig scheinen soziale Konflikte unter Gleichaltrigen – insbesondere Mobbing und Gruppenzwang – erheblich an Bedeutung zu gewinnen.

Die Ergebnisse unterstreichen zudem die Bedeutung früher Präventionsangebote an Schulen. Programme zur Förderung emotionaler Kompetenzen gelten in der Forschung seit Jahren als wirksamer Ansatz, um Resilienz zu stärken und psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Dass die KKH dabei neben Lehrkräften ausdrücklich auch Eltern einbezieht, entspricht aktuellen Empfehlungen aus der Entwicklungspsychologie und Präventionsforschung.

Methode und Bewertung der Studie

Für die Untersuchung befragte das Marktforschungsinstitut forsa im Auftrag der KKH bundesweit 1.005 Eltern von Kindern im Alter zwischen sechs und zehn Jahren. Die Online-Befragung fand vom 26. Januar bis 10. Februar 2026 statt und gilt laut KKH als repräsentativ.

Ergänzend wertete die Krankenkasse eigene Abrechnungsdaten zu psychischen Diagnosen bei sechs- bis 18-jährigen Versicherten aus. Analysiert wurden unter anderem Angststörungen, Anpassungsstörungen sowie Störungen des Sozialverhaltens. Nach Angaben der KKH erhielten 2024 bundesweit rund 18.130 versicherte Kinder und Jugendliche entsprechende Diagnosen. Hochgerechnet auf Deutschland entspricht dies knapp einer Million Betroffenen zwischen sechs und 18 Jahren.

Die Studie liefert wichtige Hinweise auf die zunehmende psychische Belastung junger Menschen, hat jedoch auch methodische Grenzen. Die Einschätzungen zum Stressempfinden beruhen ausschließlich auf Angaben der Eltern und nicht auf direkten Befragungen der Kinder selbst. Zudem erlaubt die Umfrage keine Aussagen über konkrete Ursachen psychischer Erkrankungen. Die Kombination aus repräsentativer Elternbefragung und realen Versichertendaten erhöht jedoch die Aussagekraft der Ergebnisse erheblich.

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Psychische Belastung steigt bei Schüler*innen wieder deutlich an

Deutsches Schulbarometer 2026 zeigt wachsenden Druck und soziale Unterschiede

Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland nimmt erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie wieder zu. Das zeigt das aktuelle Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung, das auf einer repräsentativen Befragung von Schüler*innen und Eltern basiert.

Ein Viertel der befragten Schüler*innen gibt an, sich stark psychisch belastet zu fühlen. Damit steigt der Anteil nach einem zwischenzeitlichen Rückgang erneut an (2024: 21 Prozent, 2025: 25 Prozent).

Soziale Herkunft beeinflusst psychische Gesundheit deutlich

Die Daten verdeutlichen erhebliche Unterschiede je nach sozialem Hintergrund. Kinder aus einkommensschwachen Familien berichten deutlich häufiger von Belastungen:

  • 31 Prozent fühlen sich stark psychisch belastet
  • 29 Prozent erleben geringes schulisches Wohlbefinden
  • 36 Prozent bewerten ihre Lebensqualität als niedrig

Neben diesen Faktoren spielt auch der schulische Leistungsdruck eine zentrale Rolle. Fast die Hälfte aller Befragten empfindet diesen als hoch und gibt an, regelmäßig auch am Wochenende für die Schule lernen zu müssen.

Schulische Faktoren stehen im engen Zusammenhang mit Belastung

Die Studie zeigt klare Zusammenhänge zwischen schulischen Rahmenbedingungen und dem Wohlbefinden der Schüler*innen. Unterstützende Lehrkräfte, ein positives Klassenklima und Möglichkeiten zur Mitbestimmung wirken sich messbar auf die psychische Gesundheit aus.

Gleichzeitig bleibt die Belastung im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie erhöht und steigt weiter an. Parallel dazu sind viele Schulen weiterhin durch die Folgen der Pandemie sowie durch strukturelle Probleme wie den Lehrkräftemangel stark beansprucht.

Ein weiterer Aspekt ist die gestiegene Sensibilität für psychische Gesundheit: Belastungen werden heute häufiger wahrgenommen und benannt als in früheren Jahren.

Unterricht beeinflusst Wohlbefinden und Lernerfolg

Die Ergebnisse unterstreichen die zentrale Bedeutung des Unterrichts für das schulische Wohlbefinden. Entscheidend sind dabei vor allem:

  • wertschätzende Rückmeldungen
  • angemessene, individuell angepasste Anforderungen
  • effektive Nutzung der Lernzeit
  • ein respektvolles und unterstützendes Lernklima

Sowohl Überforderung als auch Langeweile wirken sich negativ auf das Wohlbefinden aus. Unterricht, der diese Faktoren berücksichtigt, steht in Zusammenhang mit besseren Lernleistungen und höherer Zufriedenheit.

Große Diskrepanz bei Mitbestimmung in der Schule

Ein deutliches Spannungsfeld zeigt sich beim Thema Partizipation. Drei Viertel der Schüler*innen wünschen sich mehr Einfluss auf Unterrichtsinhalte oder Prüfungsformate. Gleichzeitig geben rund 80 Prozent an, kaum Mitbestimmungsmöglichkeiten zu haben.

Auch bestehende Beteiligungsstrukturen werden kritisch gesehen: 43 Prozent der Befragten halten die Schülervertretung für wirkungslos.

Frühere Befragungen zeigen eine abweichende Einschätzung auf Seiten der Lehrkräfte: Mehr als die Hälfte bewertet die vorhandenen Mitbestimmungsmöglichkeiten als ausreichend.

Die Daten belegen einen klaren Zusammenhang: Schüler*innen, die an schulischen Entscheidungen beteiligt sind, berichten über ein höheres Wohlbefinden.

Mobbing bleibt weit verbreitet

Mobbing gehört weiterhin zum Alltag vieler Kinder und Jugendlicher. Ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen erlebt mindestens einmal im Monat Schikanen durch Mitschüler*innen. Zwischen 4 und 10 Prozent sind sogar wöchentlich oder täglich betroffen.

Besonders häufig trifft es 14-Jährige, von denen 38 Prozent entsprechende Erfahrungen berichten. Dabei tritt Mobbing häufiger im direkten persönlichen Kontakt auf, wird jedoch zunehmend durch digitale Formen ergänzt.

Gleichzeitig zeigt sich ein Fortschritt in der Aufklärung: Vier von fünf Schüler*innen wissen, an wen sie sich im Fall von Mobbing wenden können.

Studiendesign und Hintergrund

Das Deutsche Schulbarometer wird seit 2019 regelmäßig von der Robert Bosch Stiftung durchgeführt. Für die aktuelle Ausgabe wurden zwischen Mai und Juni 2025 insgesamt 1.507 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren sowie jeweils ein Elternteil online befragt. Die Studie entstand in Kooperation mit der Universität Leipzig unter Beteiligung eines interdisziplinären Forschungsteams aus Psychologie, Bildungs- und Kommunikationswissenschaften.

Die nächste Erhebung ist für den Sommer 2026 angekündigt. Originalpublikation: https://www.bosch-stiftung.de/de/projekt/das-deutsche-schulbarometer

Quelle: Robert Bosch Stiftung / Universität Leipzig
Autorin der Pressemeldung: Susann Sika




Seelische Belastung: Mädchen leiden anders als Jungen

Neuer Gesundheitsbericht der Stiftung Kindergesundheit informiert über aktuelle Gesundheitsrisiken von Jugendlichen

Wenn es um die Gesundheit geht, haben Mädchen fast immer bessere Karten als Jungen, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. Mädchen erweisen sich bereits in ihrer frühen Kindheit als weniger anfällig gegenüber vielen Krankheiten und sind beispielsweise von fast allen Infektionskrankheiten seltener betroffen als Jungen. Auch chronische Leiden kommen bei Mädchen seltener vor als bei Jungen. Das alles schlägt sich auch in der Lebenserwartung nieder: Ein heute neugeborenes Mädchen darf mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von 82 Jahren und neun Monaten rechnen, während es bei neugeborenen Jungen nur 78 Jahre sind.

Mädchen psychisch stärker belastet

Nun aber die weniger gute Nachricht: Die mehr als 30 Monate andauernde COVID-19-Pandemie hat Mädchen in Deutschland psychisch stärker belastet als Jungen, ermittelte die Stiftung Kindergesundheit in ihrem Kindergesundheitsbericht 2023: Mädchen sind auch nach dem Ende der meisten corona-bedingten Einschränkungen deutlich häufiger als Jungen wegen psychischer Auffälligkeiten auf kinder- und jugendpsychiatrische und psychotherapeutische Hilfe angewiesen.

Lockdowns haben schwere Spuren hinterlassen

„Seit der Veröffentlichung des ersten Kindergesundheitsberichts der Stiftung Kindergesundheit im September 2022 hat sich die Situation weiterzugespitzt“, berichtet die Münchner Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie Priv.-Doz. Dr. med. Katharina Bühren, ärztliche Direktorin des kbo-Heckscher-Klinikums und Vorstandsmitglied der Stiftung Kindergesundheit. „Die Lockdowns sind zwar vorbei, aber die Belastungen durch Corona haben bei vielen Kindern und Jugendlichen schwere Spuren hinterlassen. Die von unserer Stiftung schon 2022 befürchtete Zunahme von psychischen Problemen hat sich leider bewahrheitet: Die psychische Gesundheit von vielen Kindern und Jugendlichen hat sich während der Pandemie weiter deutlich verschlechtert. Heute müssen Kinder und Jugendliche weit häufiger als zuvor wegen psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen ambulant behandelt oder sogar stationär aufgenommen werden“.

Zunahme der Krankenhausbehandlungen wegen emotionaler Störungen

Daten der Krankenkasse DAK zeigen im Jahr 2021 im Vergleich zu 2020 eine Zunahme der Krankenhausbehandlungen wegen emotionaler Störungen um 42%, der Behandlungen wegen depressiver Episoden um 18% und derjenigen wegen Essstörungen um 17%.

Dabei werden bei Mädchen häufig andere Störungsbilder diagnostiziert als bei Jungen, heißt es im soeben vorgestellten Kindergesundheitsbericht 2023 der Stiftung Kindergesundheit. Bei den Jungen dominieren die Diagnosen von Sprach- und Entwicklungsstörungen, bei den bei den Mädchen sind es dagegen Depressionen, Belastungs- und Angststörungen sowie Essstörungen.

Depressionen und Essstörungen

Priv.-Doz. Dr. Katharina Bühren: „Mädchen entwickeln eher introversive, also nach innen gerichtete Störungen wie Depressionen oder Essstörungen. So erkranken zum Beispiel weibliche Teenager zwölfmal so häufig an einer Magersucht wie männliche Jugendliche. Jungen zeigen dagegen eher extroversive, also nach außen gerichtete psychische Reaktionen wie Störungen des Sozialverhaltens“.

Die Hilfesysteme sind chronisch überlastet

Der aktuelle Kindergesundheitsbericht der Stiftung Kindergesundheit benennt auch die Schwachstellen des Versorgungssystems bei psychischen Problemen von Kindern und Jugendlichen. Priv.-Doz. Dr. Katharina Bühren: „Das Problem ist leider: Die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung ist deutschlandweit unzureichend. Das war schon vor der Pandemie so. Bildungssystem, Gesundheitssystem und Jugendhilfe – alle drei Hilfesysteme sind seit Jahren chronisch überlastet. Es gibt einen gravierenden Mangel an Fachkräften und an Therapieplätzen. So entstehen viel zu lange Wartezeiten. Je länger sich aber die adäquate Behandlung psychischer Störungen verzögert, desto schwerer sind sie in den Griff zu bekommen“.

Die Expertinnen und Experten der Stiftung Kindergesundheit halten zur Verbesserung der brennenden Probleme folgende Maßnahmen für dringlich:

– Förderung breit zugänglicher psychosozialer, psychotherapeutischer und psychiatrischer Angebote mit niedrigschwelliger schulischer Anbindung sowie erweiterte Jugendhilfemaßnamen in besonders belasteten Wohnquartieren.
– Massive Investitionen in sozialpädiatrische Fachkräfte und Schulpsycholog*innen.
– Stärkung der Beteiligung von Jugendlichen bei Entscheidungen zu ihrer Gesundheitsversorgung
– Verbesserung der Gesundheitskompetenz von Kindern und Jugendlichen durch die Behandlung des Themas „mentale Gesundheit“ im Unterricht.
– Verstärkte Qualifizierung von Lehrkräften und Erzieher*innen über Fortbildungen zu Fragestellungen der mentalen Gesundheit.

Psychische Krankheiten nicht diskriminieren!

Mit großem Nachdruck wendet sich die Stiftung Kindergesundheit in ihrem Kindergesundheitsbericht 2023 gegen die Stigmatisierung psychischer Störungen. Katharina Bühren betont: „Psychische Erkrankungen sollten genauso als normal wahrgenommen werden wie körperliche Erkrankungen. Stigmatisierung und Diskriminierung führen dazu, dass sich viele Betroffene aus Scham und mangelndem Selbstwertgefühl zu spät oder gar nicht um Hilfe bemühen. Eine Depression, eine Essstörung oder eine Phobie sollten genauso als normale Krankheiten akzeptiert werden, wie Rückenschmerzen, eine Erkältung oder ein gebrochenes Bein es schon heute sind. Dies würde vielen Betroffenen und vor allem den Jugendlichen helfen, sich ohne Angst vor negativen Folgen Hilfe zu suchen und offener über ihre Probleme zu reden“.

Der Kindergesundheitsbericht 2023 steht unter https://www.kindergesundheit.de/kindergesundheitsbericht/ zum Download zur Verfügung.

Giulia Roggenkamp/Stiftung Kindergesundheit




„Jeder siebte junge Mensch lebt mit einer psychischen Belastung“

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UNICEF-Bericht zur Situation der Kinder in der Welt 2021 zu mentaler Gesundheit

Laut dem Bericht „On My Mind: Die mentale Gesundheit von Kindern fördern, schützen und unterstützen“ litt weltweit bereits vor der Pandemie ein bedeutender Anteil der Kinder und Jugendlichen unter erheblichen psychischen Belastungen. Gleichzeitig wird weltweit wenig in ihre psychische Gesundheit investiert. 

Aktuellen Schätzungen zufolge lebt jeder siebte junge Mensch zwischen zehn und 19 Jahren weltweit mit einer diagnostizierten psychischen Beeinträchtigung oder Störung wie Angststörungen, Depressionen oder Verhaltensauffälligkeiten. Weltweit nehmen sich jedes Jahr rund 46.000 junge Menschen zwischen zehn und 19 Jahren das Leben – ein junger Mensch alle elf Minuten. In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen ist Suizid die vierthäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen, Tuberkulose und Gewalttaten. 

Hilfsangebote sind Mangelware

Gleichzeitig besteht eine große Lücke zwischen dem Bedarf an Hilfsangeboten und den verfügbaren finanziellen Mitteln im Bereich der psychischen Gesundheit. So geben die Regierungen weltweit, laut dem Bericht, weniger als zwei Prozent ihres Gesundheitsbudgets hierfür aus. 

„Es waren lange, lange 18 Monate für uns alle – insbesondere für Kinder. Aufgrund der landesweiten Lockdowns und der pandemiebedingten Einschränkungen haben Kinder prägende Abschnitte ihres Lebens ohne ihre Großeltern oder andere Angehörige, Freunde, Klassenzimmer und Spielmöglichkeiten verbracht – Schlüsselelemente einer jeden Kindheit“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore.

Auswirkungen sind gravierend

„Die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche sind gravierend. Gleichzeitig sind sie nur die Spitze des Eisbergs, denn bereits vor der Pandemie litten viel zu viele Kinder an psychischen Belastungen, die unberücksichtigt blieben. Regierungen investieren nicht ausreichend in die mentale Gesundheit, um dem großen Hilfebedarf gerecht zu werden. Auch dem Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und dem späteren Lebensverlauf wird nicht genügend Bedeutung beigemessen.“

„Die Förderung der psychischen Gesundheit junger Menschen ist kein Luxus, sondern ein wichtiger Beitrag für ihr Wohlbefinden, ihre Entwicklung und ihre Teilhabe am Leben in unserer Gesellschaft”, erklärte Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Wir müssen das Thema aus der Tabuecke holen und Kindern und jungen Menschen die Unterstützung geben, die sie brauchen.”

Belastungen der psychischen Gesundheit während der Covid-19-Pandemie

Die Pandemie hat einen hohen Tribut von Kindern und Jugendlichen gefordert. Laut den Ergebnissen einer von UNICEF und Gallup im Sommer 2021 durchgeführten internationalen Umfrage unter Heranwachsenden und Erwachsenen in 21 Ländern gab jeder fünfte befragte junge Mensch (19 Prozent) zwischen 15 und 24 Jahren an, sich häufig deprimiert zu fühlen oder wenig Interesse an Dingen zu haben oder daran, etwas zu unternehmen. In Deutschland sagte dies einer von vier der befragten jungen Menschen (24 Prozent). 

Fast zwei Jahre seit Beginn der Pandemie sind die Belastungen für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen nach wie vor schwerwiegend. Laut aktuellen UNICEF-Schätzungen war weltweit mindestens eines von sieben Kindern direkt von landesweiten Lockdowns betroffen; 1,6 Milliarden Kinder haben Schulunterricht verpasst und Lernstoff versäumt.

Die Veränderungen im Alltag, die Unterbrechung der Bildung, der Wegfall von Freizeitmöglichkeiten sowie finanzielle und gesundheitliche Sorgen in den Familien führen dazu, dass viele junge Menschen unter Angstgefühlen leiden, wütend sind und voller Sorgen in ihre Zukunft schauen. Beispielsweise ergab eine Online-Umfrage, die Anfang 2020 in China durchgeführt wurde, dass etwa ein Drittel der Befragten sich ängstlich oder besorgt fühlten.

Hohe Kosten für die Heranwachsenden und die ganze Gesellschaft

Diagnostizierte psychische Störungen wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörungen), Angstzustände, Autismus, bipolare Störungen, Verhaltensstörungen, Depressionen, Essstörungen und Schizophrenie können schwere Folgen für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben. Sie können auch ihre Lernmöglichkeiten und ihre Fähigkeit, ihr Potenzial zu verwirklichen, beeinträchtigen. Auch ein geringeres Einkommen im Berufsleben kann die Folge sein.

Der persönliche Preis, den die betroffenen Kinder und Jugendlichen zahlen, ist nicht zu beziffern. Den Gesellschaften gehen laut einer in dem Bericht aufgeführten neuen Analyse der London School of Economics enorme Beiträge verloren. Die Verluste in Folge von psychischen Beeinträchtigungen und Störungen, die zu Erwerbsunfähigkeit oder zum Tod von jungen Menschen führen, belaufen sich demnach auf schätzungsweise rund 390 Milliarden US-Dollar pro Jahr. 

Schutzfaktoren

Laut dem UNICEF-Bericht beeinflusst ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren die mentale Gesundheit von Kindern. Dazu zählen genetische Faktoren, Erfahrungen in der frühen Kindheit, der Umgang und die Erziehung in der Familie, Erfahrungen in der Schule sowie zwischenmenschliche Beziehungen. Belastungen durch Gewalt oder Missbrauch, Diskriminierung, Armut, humanitäre Krisen und gesundheitliche Notlagen wie die Covid-19-Pandemie wirken sich stark auf die psychische Gesundheit aus.

Schutzfaktoren wie liebevolle Bezugspersonen, ein sicheres schulisches Umfeld und positive Beziehungen zu Gleichaltrigen können hingegen dazu beitragen, das Risiko psychischer Beeinträchtigungen und Störungen zu verringern. Allerdings erschweren Vorurteile und Stigmatisierung sowie mangelnde öffentliche Finanzierung von entsprechenden Hilfsangeboten, dass Kinder und Jugendliche die Förderung und Unterstützung erhalten, die sie benötigen.

Forderungen von UNICEF

UNICEF ruft mit seinem Bericht zur Situation der Kinder in der Welt 2021 Regierungen und Partner aus der Privatwirtschaft und die Öffentlichkeit dazu auf, die mentale Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Betreuenden zu fördern, gefährdete Kinder zu schützen und besonders verletzliche Kinder zu unterstützen. 

  • Es braucht dringend mehr Investitionen in die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in allen Bereichen der Gesellschaft, nicht nur im Gesundheitswesen. Ziel sollte es sein, einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz zum Schutz, zur Förderung und zur Unterstützung zu entwickeln; 
  • Evidenzbasierte, übergreifende Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit in den Bereichen Gesundheit, Bildung und soziale Sicherung sollten ausgeweitet werden. Dazu gehören Elternprogramme, die eine flexible, liebevolle Unterstützung und Betreuung der Kinder und die psychische Gesundheit von Eltern und Erziehenden fördern. Schulen sollten die psychische Gesundheit durch qualitative Hilfsangebote und ein positives Lernumfeld unterstützen; 
  • Das Schweigen über psychische Erkrankungen muss gebrochen, Stigmata bekämpft und Aufklärung im Bereich der psychischen Gesundheit gefördert werden. Die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen müssen ernst genommen werden.  

„Psychische und körperliche Gesundheit gehören zusammen – wir können es uns nicht leisten, das länger anders zu sehen“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Fore. „Seit viel zu langer Zeit fehlt es an Investitionen und einem Verständnis dafür, was psychische Gesundheit ausmacht. Das muss sich ändern: Denn eine gute psychische Gesundheit ist entscheidend dafür, dass Kinder ihre Potenziale verwirklichen können.“

Eine Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse des Berichts finden Sie hier.

Der vollständige, englischsprachige Report steht hier zur Verfügung.