Positive Kindheitserfahrungen können Gewaltspiralen durchbrechen

Kyoto-Studie zeigt Zusammenhang zwischen positiven Erlebnissen und geringerem Risiko späterer Gewalt gegen ältere Menschen

Positive soziale Erfahrungen in der Kindheit könnten helfen, Gewaltzyklen über Generationen hinweg zu durchbrechen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Kyoto University. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass Menschen mit vielen positiven Kindheitserfahrungen später seltener Gewalt gegenüber älteren Angehörigen ausüben. Besonders bedeutsam waren dabei sichere Gemeinschaftserfahrungen, unterstützende Beziehungen sowie das Gefühl sozialer Zugehörigkeit.

Die Untersuchung zeigt, dass sogenannte „Positive Childhood Experiences“ (PCEs) offenbar einen langfristigen Schutzfaktor darstellen können — selbst bei Menschen, die in ihrer Kindheit belastende oder gewaltgeprägte Erfahrungen gemacht hatten. Nach Angaben der Forschenden nahm das Risiko späterer Gewalt gegen ältere Menschen mit der Anzahl positiver Gemeinschaftserfahrungen deutlich ab.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass Gewaltprävention nicht nur über das Verhindern negativer Erfahrungen funktionieren müsse. Ebenso wichtig sei der gezielte Aufbau positiver sozialer Umfelder für Kinder und Jugendliche.

Gemeinschaft und Zugehörigkeit als Schutzfaktoren

Besonders auffällig war laut Studie die Bedeutung von Gemeinschaftserfahrungen außerhalb der Familie. Kinder, die Zugang zu sicheren sozialen Räumen hatten, sich in ihrer Schule zugehörig fühlten oder gemeinschaftliche Unterstützung erlebten, zeigten später offenbar eine geringere Wahrscheinlichkeit für aggressives Verhalten gegenüber älteren Menschen.

Studienleiterin Chie Koga erklärte, Initiativen wie Gemeinschaftsküchen oder geschützte Begegnungsorte könnten „nicht nur das aktuelle Wohlbefinden von Kindern unterstützen, sondern möglicherweise auch langfristig zur Gewaltprävention beitragen“.

Die Forschenden sehen darin einen wichtigen Hinweis für Sozialpolitik und Präventionsarbeit. Programme zur Förderung sozialer Verbundenheit könnten demnach weitreichendere gesellschaftliche Auswirkungen haben als bislang angenommen. Gerade in alternden Gesellschaften gewinne die Frage an Bedeutung, wie sich Gewalt gegenüber älteren Menschen langfristig verhindern lasse.

Zugleich weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass vermutlich nicht einzelne positive Erfahrungen ausreichen. Vielmehr scheine eine Kombination unterschiedlicher unterstützender Erfahrungen notwendig zu sein. Entscheidend sei ein Umfeld, in dem Kinder verlässliche Beziehungen, gegenseitige Unterstützung und soziale Teilhabe erleben können.

Wie die Studie durchgeführt wurde

Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachjournal Journal of Interpersonal Violence unter dem Titel „The Role of Positive Childhood Experiences in Intergenerational Violence and Elder Abuse“. Beteiligt waren Forschende verschiedener japanischer Forschungseinrichtungen, darunter die Kyoto University.

Analysiert wurde der Zusammenhang zwischen positiven Kindheitserfahrungen und späterem Gewaltverhalten gegenüber älteren Menschen. Die Forschenden betrachteten dabei unterschiedliche Formen sozialer Unterstützung und Gemeinschaftserlebnisse während der Kindheit. Anschließend untersuchten sie statistisch, wie stark diese Erfahrungen mit späterem Verhalten im Erwachsenenalter zusammenhängen.

Würdigung der Studie

Die Studie liefert einen wichtigen Perspektivwechsel innerhalb der Gewaltforschung. Während viele Untersuchungen vor allem auf belastende Kindheitserfahrungen und Traumata fokussieren, richtet diese Arbeit den Blick gezielt auf schützende Faktoren. Dadurch entsteht ein differenzierteres Verständnis darüber, wie Resilienz und soziale Stabilität entstehen können.

Besonders hervorzuheben ist der lebenslauforientierte Ansatz: Die Forschenden betrachten nicht nur kurzfristige Effekte, sondern mögliche langfristige Auswirkungen positiver sozialer Erfahrungen über Jahrzehnte hinweg. Das macht die Ergebnisse sowohl für Präventionsarbeit als auch für Bildungs- und Sozialpolitik relevant.

Allerdings zeigt die Studie vor allem statistische Zusammenhänge. Ob positive Kindheitserfahrungen direkt ursächlich spätere Gewalt verhindern, lässt sich daraus nicht abschließend ableiten. Zudem beruhen solche Untersuchungen häufig auf Selbstauskünften der Teilnehmenden, was Erinnerungsverzerrungen möglich macht.

Dennoch unterstreicht die Arbeit eindrücklich, wie bedeutsam soziale Zugehörigkeit, sichere Gemeinschaften und unterstützende Beziehungen für die langfristige Entwicklung von Kindern sein können.

https://www.kyoto-u.ac.jp/en/research-news/2026-05-07-0




Psychischer Druck bei Grundschulkindern hat deutlich zugenommen

forsa-Umfrage zeigt: Schon Kinder leiden unter Stress, Ängsten und Überforderung

Schon Grundschulkinder fühlen sich zunehmend psychisch belastet. Das geht aus einer aktuellen repräsentativen Umfrage der KKH Kaufmännische Krankenkasse hervor. Danach berichten 24 Prozent der Eltern, dass sich ihre sechs- bis zehnjährigen Kinder in den vergangenen vier Wochen häufig gestresst gefühlt haben – sei es in der Schule oder im Alltag. 42 Prozent der befragten Mütter und Väter haben zudem den Eindruck, dass Druck und psychische Belastung bei Kindern in den vergangenen ein bis zwei Jahren zugenommen haben.

Hohe Erwartungen belasten Kinder

Als größte Belastungsfaktoren nennen Eltern die hohen Erwartungen der Kinder an sich selbst und die damit verbundenen Versagensängste. 58 Prozent sehen darin die größte Herausforderung für ihre Kinder. Ebenfalls häufig genannt werden Konflikte mit anderen Kindern wie Mobbing, Streit oder Gruppenzwang (50 Prozent) sowie Leistungsdruck durch Schule, Sport oder andere äußere Erwartungen (47 Prozent).

Stress und psychische Belastungen

Hinzu kommt, dass viele Kinder nach Einschätzung ihrer Eltern noch nicht ausreichend gelernt haben, mit seelischem Druck umzugehen. 44 Prozent der Befragten geben an, ihr Kind könne weniger gut oder gar nicht mit Stress und psychischen Belastungen umgehen. Auch digitale Medien spielen offenbar eine Rolle: Rund ein Drittel der Eltern (32 Prozent) sieht Inhalte aus Streaming-Diensten oder Online-Spielen als zusätzlichen Stressfaktor. Weitere 22 Prozent nennen familiäre Probleme wie Streit, Trennung oder finanzielle Sorgen.

Psychische Erkrankungen bereits im Kindesalter

Parallel dazu zeigen Daten der KKH, dass psychische Erkrankungen bereits im Kindesalter diagnostiziert werden. Besonders häufig treten bei Sechs- bis Zehnjährigen Störungen des Sozialverhaltens sowie akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen auf. Jeweils etwa 25 von 1.000 Kindern erhielten 2024 eine entsprechende Diagnose. Angststörungen wurden bei sieben von 1.000 Grundschulkindern dokumentiert. Mit zunehmendem Alter steigen die Fallzahlen deutlich an: Bei Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren registrierte die KKH bereits 32 Angststörungen pro 1.000 Versicherte und 57 Fälle von Anpassungsstörungen pro 1.000 Jugendlichen.

Gestresst wie die Großen? Schon Grundschüler unter Druck

Die Ergebnisse verdeutlichen nach Einschätzung von Fachleuten, wie wichtig frühe Prävention und psychosoziale Unterstützung geworden sind. Die KKH verweist in diesem Zusammenhang auf ihr Präventionsprogramm „1000 Schätze“, das sich an Schülerinnen und Schüler der ersten und zweiten Klassen richtet.

„Ziel ist es, psychosoziale Kompetenzen zu fördern und einem riskanten Verhalten vorzubeugen. Die Kinder lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, zu kommunizieren, Probleme zu lösen, Konflikte zu bewältigen sowie mit eigenen und fremden Gefühlen umzugehen“, erklärt KKH-Chef Wolfgang Matz. Wissenschaftlich sei belegt, dass die frühe Förderung solcher Lebenskompetenzen die psychische und körperliche Gesundheit nachhaltig stärken könne.

Unterstützung erhält das Programm inzwischen auch aus der Bundespolitik. Der Sucht- und Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck, hat die Schirmherrschaft übernommen. Er sieht insbesondere bei belasteten Kindern großen Handlungsbedarf: „Wenn wir früh ansetzen, stärken wir nicht nur die emotionale Widerstandskraft von Kindern. Wir verringern auch das Risiko für spätere psychische Erkrankungen und Abhängigkeit.“

Streeck betont zudem die Rolle von Schulen und pädagogischen Fachkräften. Präventionsangebote könnten helfen, Belastungen früher zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. „Prävention muss früher beginnen und stärker werden. Wenn wir Kinder mental stärken, investieren wir in ihre Gesundheit und in die Zukunft unserer Gesellschaft“, so der Bundesdrogenbeauftragte.

„Psychische Probleme bleiben häufig unerkannt“

Auch die Psychologin Franziska Klemm weist darauf hin, dass psychische Probleme bei Kindern häufig lange unerkannt bleiben. Die Symptome seien oft unspezifisch. Bauch- oder Kopfschmerzen, sozialer Rückzug oder Leistungsabfall könnten harmlose Ursachen haben, aber ebenso Hinweise auf ernsthafte psychische Belastungen sein. „Je früher wir psychische Erkrankungen erkennen, desto eher können wir betroffenen Kindern helfen und vermeiden, dass sich daraus weitere Störungen wie der Missbrauch von Suchtmitteln entwickeln“, erläutert Klemm.

Besonders wichtig sei deshalb eine enge Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule. Laut Umfrage sehen zwar 98 Prozent der Eltern die Familie als wichtigste Instanz für Wertevermittlung und emotionale Entwicklung, zugleich betrachten aber 54 Prozent auch Kitas und Schulen als mitverantwortlich.

Psychische Belastungen im Kindesalter nehmen sichtbar zu

Die aktuellen Zahlen fügen sich in eine Entwicklung ein, die Fachleute seit mehreren Jahren beobachten. Bereits während und nach der Corona-Pandemie hatten Studien auf eine steigende psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen hingewiesen. Die neuen KKH-Daten zeigen nun, dass Stress, Ängste und emotionale Überforderung längst nicht mehr nur Jugendliche betreffen, sondern zunehmend bereits Kinder im Grundschulalter.

Auffällig ist dabei vor allem der hohe innere Leistungsdruck vieler Kinder. Dass Eltern die Erwartungen der Kinder an sich selbst häufiger nennen als äußeren Leistungsdruck, deutet darauf hin, dass sich gesellschaftliche Anforderungen offenbar früh verinnerlichen. Gleichzeitig scheinen soziale Konflikte unter Gleichaltrigen – insbesondere Mobbing und Gruppenzwang – erheblich an Bedeutung zu gewinnen.

Die Ergebnisse unterstreichen zudem die Bedeutung früher Präventionsangebote an Schulen. Programme zur Förderung emotionaler Kompetenzen gelten in der Forschung seit Jahren als wirksamer Ansatz, um Resilienz zu stärken und psychischen Erkrankungen vorzubeugen. Dass die KKH dabei neben Lehrkräften ausdrücklich auch Eltern einbezieht, entspricht aktuellen Empfehlungen aus der Entwicklungspsychologie und Präventionsforschung.

Methode und Bewertung der Studie

Für die Untersuchung befragte das Marktforschungsinstitut forsa im Auftrag der KKH bundesweit 1.005 Eltern von Kindern im Alter zwischen sechs und zehn Jahren. Die Online-Befragung fand vom 26. Januar bis 10. Februar 2026 statt und gilt laut KKH als repräsentativ.

Ergänzend wertete die Krankenkasse eigene Abrechnungsdaten zu psychischen Diagnosen bei sechs- bis 18-jährigen Versicherten aus. Analysiert wurden unter anderem Angststörungen, Anpassungsstörungen sowie Störungen des Sozialverhaltens. Nach Angaben der KKH erhielten 2024 bundesweit rund 18.130 versicherte Kinder und Jugendliche entsprechende Diagnosen. Hochgerechnet auf Deutschland entspricht dies knapp einer Million Betroffenen zwischen sechs und 18 Jahren.

Die Studie liefert wichtige Hinweise auf die zunehmende psychische Belastung junger Menschen, hat jedoch auch methodische Grenzen. Die Einschätzungen zum Stressempfinden beruhen ausschließlich auf Angaben der Eltern und nicht auf direkten Befragungen der Kinder selbst. Zudem erlaubt die Umfrage keine Aussagen über konkrete Ursachen psychischer Erkrankungen. Die Kombination aus repräsentativer Elternbefragung und realen Versichertendaten erhöht jedoch die Aussagekraft der Ergebnisse erheblich.

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Ringvorlesung zur Sprachbildung: Kinderrechte, Vielfalt und Inklusion

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Kostenfreie Vortragsreihe für Interessierte aus Wissenschaft, Bildungspolitik und Fachpraxis, initiiert von der IU Internationalen Hochschule

Wie können Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung wirksam begleitet werden – und welche Rolle spielen Kinderrechte, Inklusion und gesellschaftliche Vielfalt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die digitale Ringvorlesung „Mitteilen – Miteinander teilen: Kindliche Sprachbildung und -förderung im Zeichen der Kinder- und Menschenrechtsbildung“, die am 20. Oktober 2025 startet. Alle Online-Vorträge sind kostenfrei und richten sich an Fachkräfte, Lehrkräfte, Eltern und alle Interessierten.

Die Reihe läuft bis März 2026, jeweils montags von 18 bis 20 Uhr im dreiwöchigen Rhythmus. Sie vermittelt aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, bildungspolitische Entwicklungen und praxisnahe Ansätze für den pädagogischen Alltag.

Sprachbildung als Schlüssel für Teilhabe

Sprache ist ein Fundament für Bildung, Teilhabe und Demokratie. Doch Sprachbildung ist mehr als ein technisches Werkzeug: Sie bedeutet, Kinderrechte, Vielfalt und Teilhabe konsequent mitzudenken. Genau hier setzt die Ringvorlesung an – mit Impulsen aus Wissenschaft, Politik und Praxis.

„Sprachbildung erfordert eine professionelle Haltung, die Kinderrechte und Vielfalt in den Mittelpunkt stellt“, betonen die Leiterinnen Prof. Dr. Yvonne Decker-Ernst (IU Campus Freiburg) und Prof. Dr. Katharina Gerarts (IU Campus Mainz).

Themenvielfalt von Resilienz bis Mehrsprachigkeit

Die acht Vorträge greifen zentrale Fragen auf:

  • Sprache und mentale Resilienz von Kindern
  • Kulturbewusste Sprachbildung und Kinderschutz
  • Kinderrechte und Demokratie im Kita-Alltag
  • Umgang mit Mehrsprachigkeit
  • Übergänge zwischen Kita und Schule
  • Partizipation als Bedingung für Bildungserfolg

Begleitend erscheint ein Sammelband im Herder Verlag, außerdem ist im Sommer 2026 ein praxisorientierter Fachtag mit Podiumsdiskussion geplant.

Termine im Überblick

  • 12.01.2026: Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Kita
  • 02.02.2026: Diversitätssensible Sprachbildung in Kitas
  • 23.02.2026: Sprachförderung am Übergang Kita–Grundschule
  • 16.03.2026: Beteiligung als Bedingung für Bildungserfolg

👉 Mehr Informationen und Anmeldung: https://www.iu.de/duales-studium/b2b-newsletter/events-2025/ringvorlesung-wise-25-26/




Wie wir unsere Kinder besser schützen – ein neues Bildungskonzept für Resilienz, Sicherheit und Mut

Digitale Risiken erkennen, Kinder stärken, SelbstSicherheit fördern – für Eltern, Erzieherinnen und alle, die Kinder begleiten.

Noch nie war die Herausforderung, Kinder gut auf die Zukunft vorzubereiten, so groß wie heute. Die rasante Entwicklung digitaler Technologien und der untrennbar damit verknüpfte Aufstieg künstlicher Intelligenz schaffen Chancen – aber ebenso neue Risiken. Besonders Kinder und Jugendliche begegnen ihnen täglich: gesundheitliche Belastungen, soziale Isolation, Cybermobbing, Gewalt- und Missbrauchsdarstellungen, sogar KI-generiert und personalisiert.  Das ist die Welt, in der Kinder heute aufwachsen. Und es ist die Welt, in der sie bestehen müssen.

Ein Ansatz, der nicht auf Technik, sondern auf Beziehung setzt

Wie Kinder Sicherheit durch Menschen lernen – nicht durch Algorithmen

Der Selbstverteidigungstrainer und Kindersicherheitsexperte Frieder Knauss hat ein Buch vorgelegt, das Eltern und Pädagog*innen konkrete Wege zeigt, Kinder für diese Zukunft stark zu machen: 

„Dein SelbstSicheres Kind“.

Im Mittelpunkt stehen nicht technische Schutzsysteme, Überwachung oder KI, sondern analoge Fähigkeiten, echte Beziehung, Präsenz und Vertrauen. Digitalisierung wird nicht verteufelt – aber bewusst eingeordnet. Kinder brauchen, bevor sie digitale Kompetenzen ausbilden, zuerst innere Sicherheit und innere Stärke.

SelbstSicherheit: Ein Begriff mit zwei Bedeutungen

Innere Stärke + äußere Handlungskompetenz = echte Kindersicherheit

Das Herz des Buches steckt im Titel. SelbstSicherheit meint nicht nur Selbstbewusstsein, sondern zwei gleichwertige Dimensionen:

• Kinder sind sich ihrer selbst sicher – sie kennen Gefühle, Bedürfnisse, Grenzen. 
• Kinder können (altersgemäß) für ihre Sicherheit sorgen – sie handeln, statt zu erstarren.

Analog dazu nutzt das Buch zwei starke Bilder: 

🪝 Innere Sicherheit = Anker
🛡️ Äußere Sicherheit = Schutzschild

Auf knapp 120 Seiten erhält man dazu praktische Impulse – kompakt, konkret und für Alltagssituationen geschrieben, ohne Problemdramatisierung und ohne pädagogische Überforderung.

Wie gelingen Nähe, Offenheit und echte Gespräche?

Zeit mit Kindern ist nicht automatisch Zeit für Kinder

Ein Kapitel widmet sich der Frage, wie gelingendes Zuhören aussieht. Die Erkenntnis ist simpel – und doch tiefgehend:  Viele Erwachsene verbringen Zeit für Kinder, aber wenig Zeit mit ihnen. „Es gibt einen Unterschied zwischen Zeit, die man für ein Kind aufwendet, und Zeit, die man mit einem Kind verbringt – zum Zuhören, zum Fühlen, zum Verstehen.“ (S. 18)

Doch was passiert, wenn ein Kind nicht sprechen möchte? Wie schafft man einen Raum für echte Gespräche – nicht einmalig, sondern immer wieder?  Das Buch liefert Antworten, Ideen, Gesprächsformen und Rituale, die Bindung, Vertrauen und Öffnung ermöglichen. Nicht oberflächlich – sondern tief und lebensnah. Erzieher*innen finden darin viele Anregungen für die pädagogische Alltagspraxis.

Kinder stark machen heißt: Scheitern zulassen

Resilienz entsteht nicht durch Perfektion – sondern durch Widerstände

Ein Schwerpunkt des Buches ist die Entwicklung von Widerstandskraft, also Resilienz. Misserfolge sind nicht das Gegenteil kindlicher Entwicklung, sondern ein notwendiger Bestandteil davon.  „Misserfolge gehören zum Leben dazu! (…) Eine der wichtigsten Eigenschaften ist der richtige Umgang mit Problemen.“ (S. 49f)

Kinder sollen nicht rücksichtslos „abgehärtet“ werden – aber sie dürfen Schwierigkeiten erleben, Konflikte austragen, Fehler machen. Nur wer fällt, kann wieder aufstehen. Schon Konfuzius formulierte: „Unser größter Ruhm liegt nicht darin, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.“

Im Interview mit SWR 1 Leutewerden sogenannte „Rasenmäher-Eltern“ thematisiert – also Erwachsene, die Hindernisse entfernen, bevor sie auftreten. Kinder dieser Muster haben es später schwer, denn Erfahrung ersetzt Vorsorge.

Der Grundsatz lautet daher: „Mein Kind kann das.“

Gefahren erkennen – ohne Angst zu erzeugen

Die SelbstSicherheits-Ampel für Zuhause, Kita, Schule und Alltag

Der zweite Teil des Buches widmet sich Gefahrenquellen im realen Leben:

• Zuhause 
• Kindergarten & Schule
• Schulweg & Freizeit

Dafür wird ein erprobtes Ampelsystem genutzt – aus dem Präventionsprojekt „Nicht mit mir!“ des Deutschen Ju-Jutsu Verbands:

🟢 Prävention (Wissen, Grenzen, körperliche Selbstbestimmung)
🟡 Selbstbehauptung (laut werden, Nein sagen, Hilfe holen)
🔴 Selbstverteidigung (nur im äußersten Notfall)

Hierzu beschreibt das Buch Go-Buttons – Wenn-Dann-Regeln, die im Notfall automatisch ablaufen müssen:

• Wenn mich jemand festhält, dann …
• Wenn mich ein Fremder anspricht, dann …

Diese Automatismen müssen geübt werden – nur dann funktionieren sie unter Stress.

Die Stimme als mächtigste Waffe eines Kindes

Laut sein darf man üben – besonders, wenn man Angst hat

Ein oft unterschätzter Punkt: Schrei- und Alarmtraining. Laut sein ist leicht, wenn man wütend oder fröhlich ist. Schwer dagegen ist laut sein, wenn man Angst hat. „Wird ein Kind angegriffen, ist seine beste Chance, möglichst viele Menschen aufmerksam zu machen.“ (S. 68)

Hier liefert das Buch klare Übungen und Wiederholungsformate. Kinder, die schreien dürfen, schreien im Ernstfall können.

Vorbild statt Forderung

Kinder kopieren Verhalten – nicht Regeln

Resümee beider Buchteile:  Kinder tun, was Erwachsene vorleben, nicht was sie sagen.

Wer Körpergrenzen lehrt, muss sie respektieren. Wer Ehrlichkeit verlangt, muss ehrlich sein. 

„Live what you preach.“

So entsteht glaubwürdige SelbstSicherheit – von innen heraus.

Empfehlung für Eltern, Erzieher*innen und pädagogische Teams

Praxisnah, verständlich, sofort umsetzbar

Michael Korn, Kinder- und Jugendtrainer, beschreibt im Vorwort: „Das Buch zeigt praxisnahe Wege, wie Kinder Stärken entwickeln, sich selbst vertrauen und Verantwortung für ihre Sicherheit übernehmen.“ (S. 7)

Damit ist alles gesagt – und gleichzeitig beginnt hier erst die Praxis.

Frieder Knauss

Frieder Knauss
Dein SelbstSicheres Kind 
Wie Sie die Entwicklung von Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein praktisch unterstützen
120 Seiten
ISBN: 9783963040733
20 €

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Angst ist Teil des Aufwachsens – entscheidend ist der Umgang damit

Ein Interview mit Dr. Reid Wilson und Lynn Lyons über Ängste von Kindern, elterliche Muster und Wege in ein mutigeres Leben

Ein heller Herbstnachmittag in New Hampshire. Am großen Tisch in der Praxis von Lynn Lyons stapeln sich Notizen, Fachbücher und Spielmaterialien. Neben ihr sitzt Dr. Reid Wilson, Direktor des Anxiety Disorder Treatment Center in North Carolina, international bekannt für seine Arbeit im Bereich der Angststörungen. Millionen Menschen kennen ihn durch Auftritte in Sendungen wie The Oprah Winfrey Show oder Good Morning America, seine Website anxieties.com ist für viele Betroffene eine erste Anlaufstelle. Für seine Arbeit erhielt er höchste Auszeichnungen von der Anxiety and Depression Association of America und der internationalen OCD Foundation.

Lynn Lyons wiederum arbeitet seit rund 30 Jahren als Psychotherapeutin in Concord, New Hampshire. Ihr besonderes Anliegen ist es, generationenübergreifende Angstmuster in Familien zu durchbrechen. Sie leitet Workshops für Eltern, Schulen und Fachkräfte – bekannt für ihre humorvolle, praxisnahe Art, Ängste in konkrete Handlungsschritte zu übersetzen.

Beide haben gemeinsam das Buch „Anxious Kids, Anxious Parents“ geschrieben, das in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Mein ängstliches Kind“ erschienen ist.

Wenn Eltern die Angst verstärken

Ich frage die beiden, wie eng die Ängste von Eltern und Kindern zusammenhängen. Reid Wilson antwortet nachdenklich: „Natürlich gibt es genetische Risikofaktoren, wie ein bestimmtes Temperament. Aber entscheidend ist auch, wie Eltern auf die Welt reagieren. Wenn sie ständig Gefahren betonen, Schwierigkeiten haben, loszulassen oder selbst von Ängsten getrieben sind, übernehmen Kinder diese Sichtweise.“ Eltern wollten ihr Kind schützen – doch oft verhindere das, dass Kinder lernen, Belastungen auszuhalten und Resilienz zu entwickeln.

Lynn Lyons ergänzt: „Manchmal bemerken Eltern gar nicht, wie sehr sie selbst von Sorgen geprägt sind. Da hilft es, Freunde oder Familienmitglieder um Feedback zu bitten. Oder sogar die Kinder selbst – die sind oft sehr ehrlich und sagen klar, wer in der Familie sich am meisten sorgt.“

Den Blick auf Angst verändern

Wie lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen? Wilson lehnt sich vor: „Das Ziel ist nicht, Angst wegzuschaffen, sondern Kindern zu helfen, Unsicherheit zu tolerieren. Wir sagen Eltern oft: Wenn dein Kind beim Erlernen von etwas Neuem Unbehagen spürt, ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass es wächst.“ Kurzfristige Beruhigung oder das Ausweichen vor Angst bringe Erleichterung, aber langfristig verstärke es das Problem.

„Der größte Fehler ist, den Regeln der Angst zu folgen“, betont Lyons. „Angst macht Vorschriften – und Eltern beugen sich oft. Aber nur wenn man diese Regeln durchbricht, kann sich etwas ändern.“

Die 7-Stufen-Methode

Ein zentrales Element des Buches ist die 7-Stufen-Methode, mit der Kinder lernen, sich schrittweise ihren Ängsten zu stellen. Viele Eltern befürchten, dass diese Methode zusätzlichen Druck erzeugt. Wilson beruhigt: „Die eigentliche Belastung ist, wenn die Angst den Alltag bestimmt. Die ersten Schritte kosten Mühe, aber bald erleben Familien Entlastung. Denn viel anstrengender ist es, ständig den Forderungen der Angst nachzugeben.“

Lyons hebt hervor, was Eltern dafür brauchen: „Beständigkeit und Konsequenz sind entscheidend. Kinder testen Grenzen, wenn neue Erwartungen gestellt werden. Eltern müssen lernen, standhaft zu bleiben – freundlich, fürsorglich, aber konsequent.“ Perfektion sei nicht nötig, wohl aber ruhige Beharrlichkeit. Ein unterstützendes Netzwerk aus Familie oder Freunden könne zusätzlich helfen.

Wann professionelle Hilfe wichtig wird

Doch was tun, wenn die Angst zu groß wird? Lyons: „Eine gute Richtlinie ist, die eigene Belastung zu beobachten. Wenn Eltern merken, dass sie selbst überfordert sind, ist es Zeit für Unterstützung. Das ist keine Schwäche, sondern gesund. In meiner Praxis behandle ich Kinder nie ohne die Eltern – nur wenn die Familie als Ganzes unterstützt wird, können Veränderungen dauerhaft sein.“

Manche Störungen, so Reid Wilson, erfordern ohnehin professionelle Hilfe: „Zwangsstörungen sind schwer zu erkennen und zu behandeln – da können Fachleute wirklich einen Unterschied machen.“
Wenn Kinder blockieren

Nicht selten verweigern Kinder jede Kooperation. „Das bedeutet nicht, dass Eltern versagt haben“, erklärt Wilson. „Widerstand ist normal. Am meisten hilft es, wenn Eltern ihre eigenen Muster ändern – statt Druck auf das Kind auszuüben.“

Und was, wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kind so angespannt ist, dass es kaum möglich scheint? „Dann können auch andere Betreuungspersonen einspringen“, sagt Lyons. „Großeltern, Onkel, Tanten – jeder fürsorgliche Erwachsene kann hilfreich sein. Aber die Hauptbezugsperson bleibt der Schlüssel zum Erfolg.“

Ein Satz für den Mut

Zum Ende unseres Gesprächs frage ich die beiden, welchen Satz sie Eltern mitgeben würden. Reid Wilson lächelt und sagt:

„Ich weiß, dass das schwer und unangenehm ist, aber gemeinsam werden wir nicht zulassen, dass die Angst diese Familie weiterhin beherrscht.“

Ein Buch, das Hoffnung macht

„Mein ängstliches Kind“ ist mehr als ein Ratgeber. Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger klinischer Erfahrung von zwei Fachleuten, die Eltern, Kindern und Fachkräften praktische Werkzeuge an die Hand geben wollen. Wilson und Lyons zeigen, wie man mit Mut, Konsequenz und Humor die Macht der Angst bricht – und Kindern die Chance eröffnet, Erfahrungen zu machen, die sie stark und selbstbewusst machen.

Gernot Körner




Dein SelbstSicheres Kind: Innere Stärke und Selbstschutz lernen

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Praxisratgeber von Frieder Knauss – Selbstbewusstsein, Grenzen, Deeskalation

Wie erziehen wir Kinder zu selbstbewussten, resilienten und handlungsfähigen Persönlichkeiten? Dieser praxisorientierte Ratgeber bietet Eltern, Erziehenden und pädagogischen Fachkräften fundiertes Wissen und alltagstaugliche Methoden, ihre Kinder nachhaltig zu stärken – innerlich wie äußerlich. Er begleitet sie Schritt für Schritt durch die zwei zentralen Säulen kindlicher SelbstSicherheit:

  • Innere Stärke – mit Fokus auf Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit
  • Äußere Sicherheit – mit Strategien zur Prävention, Selbstbehauptung und altersgerechten Selbstverteidigung

Dieses besondere Buch kombiniert aktuelle Erkenntnisse aus der Psychologie und Pädagogik mit den Prinzipien moderner Selbstverteidigung (Ju-Jutsu) – ganz ohne Angstmache, dafür mit viel Herz, Klarheit und Erfahrung.

✔️ Für Kinder ab dem Kindergartenalter
✔️ Mit praktischen Übungen für Zuhause, Schule & Alltag
✔️ Ideal zur Vorbereitung auf Selbstbehauptungs- und Präventionskurse
✔️ Wertvoll für Eltern, Lehrkräfte, Erzieher*innen und Trainer*innen

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Zentral sind zwei leicht anwendbare Modelle: das SelbstSicherheits-Dreieck (SelbstBewusstsein, SelbstWertGefühl, SelbstWirksamkeit) und die SelbstSicherheits-Ampel, die kindgerecht zeigt, wie Konflikte erkannt, deeskaliert und – wenn nötig – entschlossen bewältigt werden. Übungen, Gesprächsimpulse und Szenarien machen den Transfer in den Alltag sofort möglich.
SelbstSicherheit bedeutet nicht, keine Angst zu haben – sondern mit Angst umgehen zu können“, betont Knauss. Der Ansatz stärkt Resilienz, fördert respektvolle Kommunikation und bietet klare Alternativen zur frühen Bildschirmablenkung.

USP für den Handel

  • Doppelkompetenz: Präventionsexperte & Ju-Jutsu-Trainer mit langjähriger Praxis
  • Sofort umsetzbar: klare Modelle, Schritt-für-Schritt-Übungen, Eltern- & Teamtauglich
  • Ganzheitlich: innere Stärke und äußere Sicherheit, ohne Angstrhetorik
  • Breite Zielgruppe: Eltern, Erzieher:innen, Lehrkräfte, Trainer:innen, Beratungsstellen
  • Programmfähig: ideal für Tische „Erziehung“, „Resilienz“, „Medien & Prävention“

Zielgruppen & Einsatz

Eltern (ab Kindergartenalter), Großeltern, Kita/Krippe/Frühförderung, Grundschule, Sportvereine, Beratungsstellen; Elternabende, Teamfortbildungen, Präventionswochen.

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Frieder Knauss ist Fachwirt für Konfliktmanagement und Selbstverteidigung, Mediator (Steinbeis) und Theaterpädagoge BuT®. Seit über 15 Jahren begleitet er Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Trainer und Seminarleiter auf dem Weg zu mehr Selbstsicherheit und Konfliktfähigkeit.

Mit dem 4. Dan im Ju-Jutsu, der höchsten Trainerlizenz (Trainer A) sowie als Kursleiter in den Programmen „Nicht mit mir!“ und „FrauenSelbstSicherheit“ bringt er umfassende Praxiserfahrung aus der Gewaltprävention mit. Als zertifizierter Kinderschutzbeauftragter im Sportverein engagiert er sich für sichere Entwicklungsräume. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Familie in Kirchheim unter Teck

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Frieder Knauss
Dein SelbstSicheres Kind

Wie Sie die Entwicklung von Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein praktisch unterstützen
120 Seiten,
4-fbg. Fotos und Abb.,
14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96304-073-3
20 € [D], 20,60 € [A]




Eigene Stärken und Widerstandskraft steigern – kostenloses Onlineseminar

resilienzcoaching

Die Akademie für Kindergarten, Kita und Hort lädt pädagogische Fachkräfte zum Seminar ein

Beruflich wie privat müssen wir fast täglich schwierige Situationen ohne körperliche und geistige Beeinträchtigung meistern. Das setzt ein ordentliches Maß an Resilienz voraus. Wie wir unsere inneren Stärken steigen und unsere emotionale Widerstandskraft verbessen sind die Themen eines kostenlosen Onlineseminars der Akademie für Kindergarten, Kita und Hort.

Infos zum kostenlosen Seminar:

Thema: ,,Resilienzcoaching – mentale Stärke steigern & lernen, mit Herausforderungen umzugehen“
Wann? 31. August 2023
Wie lange? 18 – 19:30 Uhr
Lernkonzept: Live Online Seminar, interaktiv und praxisorientiert
Kursgebühr: Kostenlos!

Melden Sie sich hier kostenlos an!




Gesunde Entwicklung dank älterer Geschwister

Kinder mit älteren Brüdern oder Schwestern entwickeln seltener Probleme

Bereits in den ersten Lebensjahren entwickeln Kinder die kognitiven, sozialen und emotionalen Fähigkeiten, die für ihre lebenslange Gesundheit und Leistungsfähigkeit die Grundlage bilden. Sind Kinder in besonders kritischen Lebensabschnitten Stress ausgesetzt, kann ihre Entwicklung jedoch langfristig Schaden nehmen. Ein besonders starker Stressfaktor für Kinder ist der Stress, dem die Mutter ausgesetzt ist, und der sich bereits während der Schwangerschaft negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Kindes auswirken kann.

In einer neuen Studie untersuchte ein Leipziger Forschungsteam, dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung, der Universität Leipzig, des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung angehören, 373 deutsche Mutter-Kind-Paare von der Schwangerschaft bis zu einem Alter von zehn Jahren anhand von Langzeitdaten aus der LINA-Kohorte (Lifestyle and environmental factors and their influence on the newborn allergy risk).

Die Mütter füllten insgesamt drei Fragebögen aus, in denen sie jeweils ihr eigenes Stressempfinden und eventuell vorhandene Verhaltensprobleme ihres Kindes bewerten sollten. Die Forschenden untersuchten zunächst, welche sozialen und Umweltfaktoren mit einem tatsächlichen Anstieg des Stressniveaus der Mütter während der Schwangerschaft im Zusammenhang stehen könnten und ob dieser Stress sich langfristig negativ auf das Verhalten des Kindes auswirkt. In einem zweiten Schritt untersuchten die Forschenden, ob Kinder, die Geschwister haben, weniger häufig Verhaltensprobleme entwickeln. Könnten Geschwisterkinder das psychische Wohlbefinden ihrer Brüder oder Schwestern steigern, indem sie die negativen Folgen mütterlichen Stresses indirekt abfedern?

Pränataler Stress kann beim Kind Verhaltensprobleme hervorrufen

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sozio-ökologische Stressfaktoren, wie etwa das Fehlen adäquater sozialer Räume in der Nachbarschaft, eindeutig mit einem Anstieg des Stressniveaus in der Schwangerschaft verbunden waren. Außerdem berichteten Frauen, die während der Schwangerschaft starkem Stress – Sorgen, Traurigkeit oder Anspannung – ausgesetzt waren, häufiger über Verhaltensprobleme ihrer Kinder im Alter von sieben, acht oder zehn Jahren. „Unsere Ergebnisse bestätigen, dass selbst milde Formen von pränatalem Stress noch Jahre später negative Auswirkungen auf das Verhalten von Kindern haben können und unterstreichen die Bedeutung frühzeitiger Interventionsmaßnahmen, die das Wohlbefinden von Müttern steigern und die Risiken von mütterlichem Stress bereits während der Schwangerschaft verringern können“, erklärt Federica Amici von der Universität Leipzig und vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, eine der an dem Projekt beteiligten Forscherinnen.

Eine positive Erkenntnis der Studie war jedoch, dass Verhaltensprobleme bei Kindern mit älteren Geschwistern seltener auftraten. „Kinder mit älteren Brüdern oder Schwestern, die ebenfalls im Haushalt leben, entwickeln seltener Probleme, was darauf hindeutet, dass Geschwister zur gesunden Entwicklung eines Kindes beitragen können“, erklärt Gunda Herberth vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, Koordinatorin der LINA-Studie.

Bessere Sozialkompetenz durch ältere Geschwister?

Obwohl die Anwesenheit älterer Geschwister die Wahrscheinlichkeit verringert, dass ein Kind Verhaltensprobleme entwickelt, werden dadurch die negativen Auswirkungen mütterlichen Stresses auf das kindliche Verhalten nicht ausgeglichen. Wie verringern ältere Geschwister das Auftreten von Verhaltensproblemen bei ihren Brüdern und Schwestern? Möglicherweise helfen sie bei der Herausbildung wichtiger Sozialkompetenzen – sich beispielsweise in andere Personen, ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineinversetzen zu können – sowie dabei, Strategien zur Problemlösung zu entwickeln. Darüber hinaus können ältere Geschwister Eltern zusätzliche Lernmöglichkeiten bieten. So können Eltern ihre Erwartungen an ihre Kinder und sich selbst überdenken und möglicherweise sogar an ihren elterlichen Fähigkeiten arbeiten und diese verbessern.


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„Besonders beeindruckt waren wir, was für eine wichtige Rolle Geschwisterkinder für eine gesunde Kindesentwicklung spielen“, fasst Anja Widdig zusammen, die an der Universität Leipzig, am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung forscht. „Wir hoffen, dass die Ergebnisse unserer Studie dabei helfen werden, die Bedürfnisse von Kindern und ihren Geschwistern in den Fokus einer integrativen öffentlichen Gesundheitspolitik zu rücken – um für sie ein gesundes Umfeld zu schaffen, dass zu ihrem Wohlergehen beiträgt und die Herausbildung qualitativ hochwertiger Geschwisterbeziehungen fördert.“

Originalveröffentlichung:

Federica Amici, Stefan Röder, Wieland Kiess, Michael Borte, Ana C. Zenclussen, Anja Widdig & Gunda Herberth

Maternal stress, child behavior and the promotive role of older siblings

BMC Public Health, 29 April 2022

https://bmcpublichealth.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12889-022-13261-2