Freies Spiel: Wie Kinder Kultur erschaffen

Kinde spielen im Wald

Kinder lernen im Spiel nicht nur die Welt kennen. Neue Forschung zeigt, dass sie mit Fantasie, Rollenspiel und eigenen Ideen Kultur aktiv mitgestalten

Kaum haben Erwachsene den Spielplatz erreicht, beginnt bei Kindern etwas Eigenes. Aus Sand wird ein Geburtstagskuchen, die Rutsche verwandelt sich in einen Vulkan, unter der Kletterbrücke entsteht ein geheimes Versteck. Innerhalb weniger Minuten gibt es Regeln, Rollen und Aufgaben. Wer neu dazukommt, fragt nicht: „Was spielt ihr?“ Sondern: „Kann ich mitmachen?“

Was dann folgt, ist kein Zeitvertreib. Kinder verhandeln, erzählen, widersprechen, einigen sich und verändern ihre Spielwelt immer wieder. Aus vielen kleinen Ideen entsteht etwas Gemeinsames – eine eigene Kinderwelt.

Darin sehen Forschende heute eine der erstaunlichsten Fähigkeiten der Kindheit: Kinder lernen Kultur nicht nur. Sie erschaffen sie.

Ein internationales Forschungsteam um die Anthropologinnen Sheina Lew-Levy von der Durham University und Dorsa Amir von der renommierten Duke University in North Carolina (USA) kommt zu einer überraschenden Schlussfolgerung:

Kinder übernehmen Kultur nicht nur von Erwachsenen – sie erschaffen selbst Kultur.

In ihren Spielgemeinschaften entwickeln sie Regeln, Geschichten, Rituale, Lieder, neue Wörter und kreative Lösungen, die sie untereinander weitergeben. Kindheit erscheint damit in einem neuen Licht: Kinder sind nicht allein Lernende, sondern aktive Mitgestalter ihrer sozialen Welt.

Diese Perspektive stellt eine Vorstellung infrage, die die Entwicklungspsychologie über viele Jahrzehnte geprägt hat.

Ein neuer Blick auf Kindheit

Lange Zeit interessierte sich die Forschung vor allem dafür, wie Kinder Sprache lernen, gesellschaftliche Regeln übernehmen oder kulturelle Traditionen weiterführen. Kultur wurde überwiegend als etwas verstanden, das Erwachsene an die nächste Generation weitergeben.

Die neue Veröffentlichung dreht diese Blickrichtung um.

Natürlich lernen Kinder von Erwachsenen. Doch sie entwickeln gleichzeitig eigene kulturelle Formen. Sie verändern Spiele, erfinden neue Regeln, schaffen geheime Zeichen, erzählen Geschichten weiter oder geben Begriffe an jüngere Kinder weiter. Innerhalb ihrer Freundesgruppen entstehen kleine Gemeinschaften mit eigenen Traditionen – sogenannte Kinderkulturen.

Wer einen Schulhof oder eine Kindertageseinrichtung aufmerksam beobachtet, kann diese Prozesse täglich erleben. Manche Fangspiele unterscheiden sich von Klasse zu Klasse. Rollenspiele entwickeln sich über Wochen weiter. Aus einer spontanen Idee wird eine Tradition, die neue Kinder übernehmen und weiterentwickeln.

Kultur entsteht also nicht erst in Museen, Theatern oder Universitäten. Sie beginnt häufig dort, wo Kinder gemeinsam spielen.

Freies Spiel ist Kulturarbeit

Diese Erkenntnis verändert auch den Blick auf das freie Spiel. Noch immer wird Freispiel gelegentlich als Pause zwischen den „eigentlichen“ Bildungsangeboten betrachtet. Basteln, Sprachförderung oder mathematische Übungen erscheinen vielen Erwachsenen wichtiger.

Die Forschung zeichnet ein anderes Bild.

Im freien Spiel lernen Kinder nicht nur. Sie organisieren gemeinsames Handeln, entwickeln Regeln, lösen Konflikte, handeln Kompromisse aus und erschaffen gemeinsam Bedeutungen. Sie überlegen, welche Ideen funktionieren, welche verändert werden müssen und welche sich durchsetzen.

Mit anderen Worten: Sie leisten Kulturarbeit.

Dabei entstehen Kompetenzen, die sich kaum durch Arbeitsblätter oder vorgegebene Übungen vermitteln lassen. Kreativität, Kooperation, Sprachentwicklung und Problemlösefähigkeit wachsen oft genau dort, wo Kinder ausreichend Zeit erhalten, ihre eigenen Ideen zu verfolgen.

Warum Fantasie so wichtig ist

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies im Vorschulalter.

Zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr sprechen viele Eltern von der magischen Phase. Aus wissenschaftlicher Sicht wird heute häufiger von symbolischem Denken, imaginativem Spiel oder Als-ob-Spiel gesprochen. Gemeint ist dieselbe grundlegende Fähigkeit: Kinder verleihen Dingen Bedeutungen, die über ihre tatsächliche Funktion hinausgehen.

Ein Ast wird zum Zauberstab. Eine Decke wird zur Höhle. Ein Karton verwandelt sich in ein Raumschiff.

Erwachsene sehen dabei häufig nur Fantasie. Entwicklungspsychologisch betrachtet handelt es sich jedoch um eine hochkomplexe Leistung. Kinder lösen sich von der unmittelbaren Realität und erschaffen symbolische Welten. Sie denken Möglichkeiten durch, entwickeln Alternativen und entwerfen gemeinsam Geschichten.

Gerade dadurch entsteht Kreativität. Kinder fragen selbstverständlich: Was wäre, wenn …?

Diese Frage begleitet nahezu jedes Fantasiespiel. Sie eröffnet Denkwege, die Erwachsene oft längst verlassen haben.

Von Piaget bis Wygotski – und darüber hinaus

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget beschrieb bereits im vergangenen Jahrhundert, wie Kinder ihre Umwelt zunächst auf eine ganz eigene Weise erklären. Lange wurde daraus geschlossen, Kinder könnten Fantasie und Wirklichkeit noch nicht ausreichend unterscheiden. Heute fällt die Bewertung differenzierter aus.

Kinder wissen meist sehr genau, dass der Stock kein Zauberstab ist. Im Spiel entscheiden sie sich jedoch bewusst dafür, ihn als Zauberstab zu behandeln. Gerade diese Fähigkeit, zwischen Realität und Vorstellung flexibel zu wechseln, gilt heute als wichtige Grundlage kreativen Denkens.

Auch der russische Psychologe Lew Wygotski maß dem Rollenspiel eine zentrale Bedeutung zu. Für ihn war es der Ort, an dem Kinder Selbststeuerung, Sprache und soziale Kompetenz entwickeln.

Die Durham-Studie führt diesen Gedanken konsequent weiter. Fantasie ist demnach nicht nur Motor individueller Entwicklung. Sie kann zugleich Ausgangspunkt kultureller Innovation sein.

Kinder probieren Möglichkeiten aus, die Erwachsene vielleicht nie in Betracht gezogen hätten.

Kinder lernen besonders viel voneinander

Eine zweite Erkenntnis der Studie betrifft das Lernen unter Gleichaltrigen. Kinder beobachten sich ständig gegenseitig. Sie erklären Regeln, zeigen neue Bewegungen, erzählen Geschichten weiter oder verändern bestehende Spiele. Dieses Peer-Lernen gehört zu den wirkungsvollsten Lernformen überhaupt.

Kinder sprechen gewissermaßen dieselbe Entwicklungssprache. Sie wissen intuitiv, welche Erklärungen andere Kinder verstehen und welche Herausforderungen gerade bewältigt werden können. Deshalb verbreiten sich neue Spielideen oft erstaunlich schnell.

Aus einer einzigen Idee entsteht innerhalb kurzer Zeit ein gemeinsames Projekt, das immer weiter verändert wird.

Die Forscherinnen sehen gerade darin einen wichtigen Motor kultureller Entwicklung.

Warum Erwachsene nicht alles steuern sollten

Für Eltern, Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz.

Kinder brauchen Erwachsene. Aber sie brauchen nicht ständig deren Regie.

Wenn jede Spielidee vorgegeben, jeder Konflikt sofort gelöst und jede Regel von Erwachsenen festgelegt wird, gehen wertvolle Lerngelegenheiten verloren.

Kinder benötigen Freiräume,

  • um eigene Ideen zu entwickeln,
  • Regeln auszuhandeln,
  • Verantwortung zu übernehmen,
  • Konflikte selbst zu lösen,
  • kreative Lösungen auszuprobieren,
  • gemeinsam Entscheidungen zu treffen.

Das bedeutet keineswegs, Kinder sich selbst zu überlassen. Erwachsene schaffen sichere Rahmenbedingungen, stellen Materialien bereit, beobachten aufmerksam und unterstützen dort, wo Hilfe tatsächlich notwendig ist.

Gerade dieses feinfühlige Begleiten statt permanenter Steuerung gehört zu den wichtigsten Aufgaben moderner Pädagogik.

Bestätigung vieler Erfahrungen

Für Kindertageseinrichtungen und Grundschulen bestätigt die Studie viele Erfahrungen guter pädagogischer Praxis.

Freies Spiel braucht vor allem Zeit.

Viele Spielideen entfalten sich erst nach längerer gemeinsamer Beschäftigung. Wird das Spiel ständig unterbrochen, gehen Geschichten, Rollen und gemeinsam entwickelte Regeln verloren.

Ebenso wichtig sind offene Materialien. Kartons, Tücher, Bretter, Naturmaterialien oder Bauklötze regen die Fantasie oft stärker an als Spielzeug mit festgelegten Funktionen. Je weniger ein Gegenstand vorgibt, desto mehr Möglichkeiten entdecken Kinder.

Auch Schulhöfe verdienen mehr Aufmerksamkeit. Orte zum Bauen, Verstecken, Klettern oder Rollenspielen fördern Kommunikation, Kooperation und selbstständiges Handeln häufig nachhaltiger als vollständig durchstrukturierte Bewegungsangebote.

Vielleicht beginnt Kultur genau hier

Die Durham-Forschenden laden dazu ein, Kindheit neu zu betrachten. Kinder sind nicht lediglich Erwachsene von morgen. Sie gestalten ihre Welt bereits heute. Sie entwickeln Ideen, verändern Regeln, erschaffen Geschichten und schaffen neue Formen des Miteinanders.

Vielleicht beginnt kultureller Wandel deshalb nicht immer in Forschungslaboren, Unternehmen oder Parlamenten.

Vielleicht beginnt er manchmal dort, wo drei Kinder im Wald beschließen, dass ein umgestürzter Baum heute ein Piratenschiff ist und nur betreten werden darf, wenn man das richtige Zauberwort kennt.

Für Erwachsene ist das ein Spiel. Für Kinder ist es der Anfang einer neuen gemeinsamen Welt.

Würdigung der Studie

Die Arbeit von Lew-Levy und Amir zählt zu den wissenschaftlich anspruchsvolleren Veröffentlichungen auf diesem Gebiet. Als Übersichtsbeitrag in Behavioral and Brain Sciences fasst sie nicht nur den aktuellen Forschungsstand zusammen, sondern entwickelt daraus eine eigenständige theoretische Perspektive. Der besondere Wert der Veröffentlichung liegt deshalb weniger in neuen Einzelergebnissen als in ihrem Perspektivwechsel: Kinder erscheinen nicht mehr ausschließlich als Empfänger kulturellen Wissens, sondern als aktive Mitgestalter kultureller Entwicklung. Dieser Ansatz dürfte die wissenschaftliche Diskussion über die Bedeutung des freien Spiels nachhaltig bereichern.

Quellen

Lew-Levy, S. & Amir, D. (2026). Children Drive Cultural Change. Behavioral and Brain Sciences.

Durham University (2026). New study reveals children drive cultural change.

Gernot Körner




Ausgezeichnet von spiel gut: bworld Krankenstation

krankenstation

BRUDER bworld Krankenstation – detailreiches Themenset für realistisches Rollenspiel

Die BRUDER bworld Spielwelt, die bisher aus beweglichen Figuren, Tieren und Zubehör besteht, wird durch vielseitige Themensets ergänzt. Das Besondere an diesen Sets sind die Hintergrundelemente, die verschiedene Räume darstellen. Dank der einfach zu montierenden Stellfüße lassen sich mehrere Sets miteinander kombinieren und zu einer größeren Spielwelt erweitern.

Die Krankenstation besteht aus zwei beidseitig bedruckten Wandelementen, an denen sich ein Regalsystem befestigen lässt. Dort finden die medizinischen Utensilien wie Stethoskop, Blutdruckmessgerät und Gehhilfen ihren Platz. Zum Lieferumfang gehören außerdem ein Patient und eine Ärztin, ein Krankenbett mit Verbänden, ein Rollstuhl sowie ein Schreibtisch mit Stuhl und Notebook.

Die Stellwände und das liebevoll zusammengestellte Zubehör regen zu fantasievollen Rollenspielen rund um den Krankenhausalltag an. Die Figuren sind voll beweglich, können Verbände tragen und verschiedene Utensilien in die Hand nehmen. Alle Elemente sind realistisch gestaltet, funktional und aus robustem Material gefertigt.

Als Ergänzung zu den BRUDER Einsatzfahrzeugen eignet sich die Krankenstation besonders gut, da sie einen passenden Anlaufpunkt für Rettungs- und Notfalleinsätze bietet.

Die Krankenstation wurde mit dem spiel gut-Siegel ausgezeichnet. Die variabel einsetzbaren Wandelemente und die durchdacht zusammengestellten Details fördern immer wieder neue Spielsituationen. Die gewohnt hohe BRUDER Qualität sorgt zudem für lang anhaltenden Spielspaß.

Material: 22 Teile, Kunststoff (ABS). Figurenhöhe: 11 cm. Große Stellwand: 21,6 × 14,4 cm.




Puppenspiel stärkt Empathie und soziales Denken bei Kindern

Spielen mit Puppen verbessert offenbar das Verständnis fremder Gedanken und Gefühle

Kinder, die regelmäßig mit Puppen spielen, entwickeln offenbar ein besseres Verständnis dafür, was andere Menschen denken, fühlen oder glauben. Das zeigt eine aktuelle randomisierte Kontrollstudie von Forschenden der Cardiff University und des King’s College London, veröffentlicht im Fachjournal PLOS ONE. Besonders deutlich verbesserten sich Fähigkeiten des sogenannten „False Belief Reasoning“ — also die Fähigkeit, die Perspektive anderer Menschen unabhängig vom eigenen Wissen nachzuvollziehen.

An der Studie nahmen 73 Kinder im Alter zwischen vier und acht Jahren teil. Über einen Zeitraum von sechs Wochen spielten die Kinder entweder regelmäßig mit Puppen oder mit kreativen Tabletspielen. Die Ergebnisse zeigen: Kinder aus der Puppenspiel-Gruppe verbesserten ihre sozialen Denkfähigkeiten stärker als Kinder aus der Tablet-Gruppe.

Besonders bemerkenswert: Der Effekt fiel vor allem bei Kindern stärker aus, die laut Eltern bereits Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen hatten. Die Forschenden sehen darin einen Hinweis darauf, dass Puppenspiel gerade für Kinder mit sozialen Herausforderungen eine wichtige Entwicklungsressource sein könnte.

Zudem zeigte sich, dass Kinder beim Spielen mit Puppen häufiger soziale Situationen nachstellten, gemeinsam spielten und öfter über Gedanken, Gefühle und Absichten anderer Figuren sprachen als beim Tabletspiel.

Warum Puppen soziale Kompetenzen trainieren könnten

Die Forschenden vermuten, dass Puppen eine besondere Form imaginärer sozialer Interaktion ermöglichen. Kinder üben beim Rollenspiel offenbar, sich in andere hineinzuversetzen und verschiedene Perspektiven gleichzeitig zu berücksichtigen.

Studienleiterin Sarah Gerson erklärt, Puppenspiel könne Kindern helfen, „soziale Informationsverarbeitung zu üben und zu verbessern“. Die Ergebnisse lieferten erstmals einen kausalen Hinweis darauf, dass Puppenspiel soziale Denkfähigkeiten tatsächlich fördern könne — und nicht nur mit ihnen zusammenhängt.

Die Autorinnen und Autoren betonen zudem, dass Puppen offenbar auch beim Alleinspiel soziale Prozesse aktivieren. Frühere neuropsychologische Untersuchungen hätten bereits gezeigt, dass beim Puppenspiel Hirnregionen aktiviert werden, die mit sozialem Denken und Empathie verbunden sind. Die aktuelle Studie liefere nun erstmals experimentelle Hinweise darauf, dass daraus tatsächlich messbare Verbesserungen sozial-kognitiver Fähigkeiten entstehen könnten.

Nach Ansicht der Forschenden könnten Rollenspiele mit Puppen deshalb eine größere Bedeutung für die kindliche Entwicklung haben als bislang angenommen — insbesondere in einer Zeit, in der digitale Medien einen immer größeren Teil des Spielalltags einnehmen.

Kinder spielten mit Puppen häufiger gemeinsam

Interessant war auch das Spielverhalten während der Untersuchung. Eltern berichteten, dass Kinder mit Puppen deutlich häufiger gemeinsam mit Geschwistern, Eltern oder Freunden spielten. Tabletspiele wurden dagegen häufiger allein genutzt.

Darüber hinaus verwendeten Kinder beim Puppenspiel häufiger sogenannte „Internal State Language“ — also Begriffe für Gedanken, Wünsche, Gefühle oder Absichten anderer Figuren. Genau diese sprachliche Auseinandersetzung mit inneren Zuständen gilt in der Entwicklungspsychologie als wichtiger Baustein sozialer Kompetenzentwicklung.

Die Forschenden vermuten deshalb, dass Puppenspiel Kindern eine sichere und kontrollierbare Umgebung bietet, um soziale Situationen gedanklich durchzuspielen und soziale Konflikte oder Perspektivwechsel zu üben.

Zur Methode

Die Untersuchung wurde als randomisierte Kontrollstudie durchgeführt — eine besonders aussagekräftige Methode in der psychologischen Forschung. Die Kinder wurden zufällig entweder einer Puppenspiel- oder einer Tabletspiel-Gruppe zugeordnet. Über einen Zeitraum von fünf bis sieben Wochen sollten sie mindestens dreimal pro Woche mit dem jeweils zugewiesenen Spielmaterial spielen.

Die Forschenden erfassten unter anderem das Spielverhalten, die soziale Interaktion während des Spiels sowie Veränderungen in sozialen Denkfähigkeiten. Dafür nutzten sie einen speziellen „Sandbox-Test“, mit dem gemessen wurde, wie gut Kinder falsche Überzeugungen anderer Personen nachvollziehen können. Zusätzlich wurden Sprachmuster während des Spiels analysiert.

Trotz Einschränkungen wichtige Hinweise

Die Studie besitzt mehrere methodische Stärken. Besonders relevant ist das randomisierte Kontrollgruppendesign, das deutlich belastbarere Aussagen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erlaubt als reine Beobachtungsstudien. Zudem wurde ein vergleichsweise alltagsnahes Studiendesign gewählt: Die Kinder spielten zuhause frei und ohne starre Vorgaben. Dadurch lassen sich die Ergebnisse besser auf reale Lebenssituationen übertragen.

Positiv hervorzuheben ist auch, dass die Forschenden verschiedene Einflussfaktoren wie Alter, Geschlecht und soziale Schwierigkeiten statistisch berücksichtigten. Die Kombination aus Verhaltensmessungen, Sprachanalysen und standardisierten psychologischen Tests erhöht zusätzlich die Aussagekraft der Untersuchung.

Gleichzeitig gibt es Einschränkungen. Die Studie umfasst eine relativ kleine Stichprobe und einen begrenzten Untersuchungszeitraum. Zudem wurde die Forschung teilweise durch den Spielzeughersteller Mattel finanziert, auch wenn die Forschenden betonen, dass das Unternehmen keinen direkten Einfluss auf Datenauswertung oder Interpretation hatte.

Trotz dieser Einschränkungen liefert die Untersuchung wichtige Hinweise darauf, dass freies Rollenspiel mit Puppen eine bedeutende Rolle für die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern spielen könnte.

Hier finden Sie noch mehr zur Studie.




Rollenspiele für die Gruppenarbeit in der Schule

Spiele und Methoden zum Ausprobieren neuer Verhaltensmöglichkeiten

Rollenspiele bieten sich an, um neue Verhaltensmöglichkeiten auszuprobieren. Diese Methode lässt sich für viele verschiedene Themen einsetzen, beispielsweise „Gewalt an der Schule“.

Anspiel

Die Kinder teilen sich in Kleingruppen zu je vier Kindern auf. Jede Gruppe bereitet ein kurzes szenisches Spiel vor. Darin soll eine Konfliktsituation dargestellt werden. Die erste Gruppe beginnt und spielt ihren Konflikt bis zu dem Punkt, an dem er eskaliert. Ein Ende wird also nicht gezeigt. Die zweite Gruppe darf sich kurz zur Beratung zurückziehen. Anschließend spielt sie die angefangene Szene der ersten Gruppe zu Ende. Dabei versucht sie, eine Lösungsmöglichkeit für den Konflikt darzustellen. Die gesamte Großgruppe spricht im Anschluss über den Konflikt und die angebotene Lösung. Weitere Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung werden gesammelt, bevor dann die zweite Gruppe ihre vorbereitete Spielszene vorführt.

Live am frühen Abend

Die Spielleitung hat ein Rollenspiel vorbereitet, in dem unterschiedliche Aspekte eines Themas diskutiert werden sollen. Im folgenden Beispiel soll das Piercing von Jugendlichen in einer Talkshow diskutiert werden.

Dazu sind eingeladen:

  • Herr Dr. Ganzwohl, Mediziner,
  • Herr Nadelstich, Piercingspezialist und Tattoomeister,
  • Frau Sauerbier, eine betroffene Mutter,
  • Isabell Neumacher, eine Jugendliche, die sich gepierct hat.

Vier Kinder suchen sich je eine Rolle aus. Die anderen Kinder verteilen sich gleichmäßig auf vier Gruppen und ziehen sich mit jeweils einem Schauspieler zurück. Gemeinsam arbeiten sie das Informationsmaterial durch, das die Spielleitung für die einzelnen Rollen besorgt hat. Dr. Ganzwohl z. B. bekommt für sich und seine Gruppe Informationen über die Gefahren des Piercings. Gemeinsam legen die Gruppen eine Argumentationsstrategie fest. Unterdessen richtet die Spielleitung im Gemeinschaftsraum ein Studio mit einer Bühne her, auf der die geladenen Gäste diskutieren werden.

Die Zuschauer, die sich später auch zu Wort melden dürfen, sitzen in Reihen hintereinander. Die Spielleitung eröffnet das Gespräch, heizt mit Sprüchen die Atmosphäre etwas an und leitet die Diskussion. Zuerst darf jeder Gast auf der Bühne sein Statement vortragen. Anschließend diskutieren die Experten ein wenig, bevor die Zuschauer in die Diskussion einsteigen oder Fragen stellen. Nach etwa einer halben Stunde bricht die Spielleitung die Runde ab und die Kinder diskutieren gemeinsam weiter. Dabei achtet die Spielleitung darauf, dass die Informationen aus dem Rollenspiel nicht verloren gehen, sondern als wichtige Aspekte in die Diskussion einbezogen werden.

Mögliche Rollenvorgaben:

Herr Dr Ganzwohl

hat sich der ganzheitlichen Medizin verschrieben. Er glaubt, dass bereits durch Ohrringe wichtige Akupunkturpunkte vernichtet werden. Dabei weist er immer wieder auf die hohe Infektionsgefahr hin, die beim Piercing besteht und spricht von Erfahrungen mit Patienten, die das Piercing wieder entfernen lassen mussten, weil sich die Entzündungen nicht besserten. Er geht davon aus, dass die Ringe vom menschlichen Körper als Fremdkörper wahrgenommen werden, gegen die er permanent kämpft, wodurch das Immunsystem geschwächt werden kann.

Zusätzliche Informationen: Medizinische Broschüren über das Piercing, Zusammenstellung der Gefahren für den Körper.

Herr Nadelstich

ist ein angesehener Tattoo- und Piercingmeister. Er kennt sich in diesem Geschäft gut aus und hat noch keine Komplikationen erlebt wenn sich die Kunden an seine Anweisungen gehalten haben. Herr Nadelstich schließt aber nicht aus, dass es bei manchen Menschen zu allergischen Reaktionen kommen kann. Er weiß, dass er die Zustimmung der Eltern braucht um ein Piercing bei Jugendlichen vornehmen zu dürfen, und achtet penibel genau darauf.

Zusätzliche Informationen: In einem Tattoostudio einholen, in dem gepierct wird. Klären, welche Hautschichten verletzt werden, was zum Beispiel mit den vielen Nerven auf und im Zungengewebe passieren kann.

Frau Sauerbier

ist empört, weil sich ihre Tochter ohne Erlaubnis piercen hat lassen. Sie überlegt, ob sie gegen das Studio, in dem dies geschehen ist, Anzeige erstatten soll. Sie befürchtet, dass ihre Tochter diesen Schritt später bereuen wird. Außerdem empfindet sie diesen neumodischen Kram als eine Art jugendlicher Aufmüpfigkeit. Die Kinder sollen sich auf den Ernst des Lebens konzentrieren.

Zusätzliche Informationen: Rechtliche Grundlagen zur Fürsorgepflicht der Eltern. Liegt eine Körperverletzung der Tochter von Seiten des Studios vor? Was müssen Eltern und Jugendliche beachten, wenn sie sich tätowieren oder piercen lassen?

Isabell Neumacher

21 Jahre alt, hat seit fünf Jahren Piercings. Immer wieder lässt sie sich neue Piercings machen und hatte bisher noch keine einzige Infektion. Sie erzählt ein bisschen über ihre Beweggründe und warum sie Piercings so schön findet.

Zusätzliche Informationen: Von Jugendlichen in Erfahrung bringen, was ihnen am Piercing gefällt.

Um in einer Gruppe sofort einen Überblick darüber zu bekommen, wie die Auffassungen verteilt sind, eignet sich eine Meinungsskala. Damit wird auf einen Blick erkennbar, wie nah oder fern sich die Kinder inhaltlich stehen.

Meinungsskala

Die Spielleitung hat auf dem Boden mit Klebestreifen eine Skala aufgezeichnet. Die Skala beginnt an einem Ende mit: „Ja, genauso ist das!“ und endet am anderen Ende mit: „Nein, das stimmt überhaupt nicht!“ Dazwischen gibt es Feinabstufungen wie „Fast bin ich dieser Meinung“ oder „Ich bin mir nicht so sicher“. Die Gruppenleitung achtet darauf, dass die Aussagen so formuliert sind, dass sie vom oberen zum unteren Ende der Skala inhaltlich immer weiter in Richtung „Nein, so ist es nicht“ tendieren.

Alle Kinder stehen an der Skala. Die Spielleitung stellt die erste Behauptung auf: „Ins Gefängnis kommt nur jemand, der es selbst verschuldet hat“. Die Kinder überlegen sich, wie sehr sie mit dieser Aussage gedanklich übereinstimmen und ordnen sich dann auf der Skala entsprechend ein. Zunächst wird gar nicht näher darauf eingegangen, es sei denn, ein Kind steht ganz allein an einem Ende der Skala. Dann darf es kurz etwas zu seiner Entscheidung sagen, wenn es möchte. Erst nachdem alle Aussagen vorgelesen worden sind und sich die Kinder entsprechend ihrer Meinung zur jeweiligen Behauptung eingeordnet haben, beginnt die Diskussion. Weitere Aussagen zum Thema „Gefängnis“ könnten sein:

  • Den Menschen im Gefängnis geht es viel zu gut.
  • Wer einmal ein Verbrechen verübt hat, wird es immer wieder tun.
  • Viele Verbrecher sollten für immer weggesperrt werden.
  • Für die Resozialisation der Gefangenen wird in Deutschland viel zu wenig getan.
  • Im Grunde kann es jedem passieren, kriminell zu werden.
  • Wer süchtig ist, sollte medizinisch und psychologisch behandelt und nicht für seine Beschaffungskriminalität bestraft werden.

Eine für Kinder immer wieder überraschende Übung ist die nächste. Dabei erkennen sie vor allem, dass sich manches anders anfühlt als es aussieht Es geht darum zu begreifen, dass die eigene innere Realität mit der äußeren Realität oder mit der Realität von anderen Menschen nicht unbedingt übereinstimmen muss.

Es ist nicht so, wie es sich anfühlt

Die Spielleitung legt in der Mitte eines Sitzkreises Zeichenpapier und Zeichenkreide aus. Die Kinder schließen die Augen und halten sie solange geschlossen, bis die Spielleitung ihnen erlaubt, sie wieder zu öffnen. Während alle die Augen geschlossen haben, wird jedem Kind ein besonderer Stein in die Hand gegeben. Die Kinder befühlen ihren Stein und versuchen, ihn sich genau vorzustellen. Dabei überlegen sie sich auch, welche Farbe der Stein haben könnte. Es wäre gut, wenn die Spielleitung verschiedenfarbige Steine besorgen könnte.

Wenn sich die Kinder ihren Stein genau eingeprägt haben, legen sie ihn vor sich auf den Boden. Die Spielleitung sammelt die Steine wieder ein und deckt sie zu. Sind alle Steine verstaut, dürfen die Kinder die Augen öffnen. Sie nehmen nun, ohne miteinander zu sprechen, ein Blatt Papier und Kreide und malen ihren Stein auf. Danach legt die Spielleitung die Steine wieder in die Mitte und jedes Kind versucht, seinen Stein wieder zu finden und neben den gemalten Stein zu legen.

Die Kinder vergleichen die Steine mit ihrem Bild und äußern sich dazu. War es angenehm, den Stein in der Hand zu halten? Wie bin ich auf die Farbe gekommen? Habe ich Mulden als zu klein oder zu groß empfunden und habe ich sie überhaupt gemalt? Anschließend sprechen die Kinder darüber, wie sich ihr inneres Bild von der Realität unterscheidet.

Im folgenden Spiel können die einzelnen Kinder erfahren, wie viel Vertrauen sie in die Gruppe haben:

Gassenlauf

Die Gruppe bildet eine Gasse, indem sich die Kinder in zwei Reihen gegenüber aufstellen und ihre Arme nach oben ausstrecken, und zwar so, dass sich immer abwechselnd der Arm eines Kindes aus der einen Reihe neben dem Arm des gegenüberstehenden Kindes befindet. Es ist wichtig, dass die Kinder vor Spielbeginn erfahren, dass es um das Thema „Vertrauen“ geht. Zum Vertrauen gehören immer zwei, einer, der das Vertrauen gibt, und ein anderer, der es annimmt. Es handelt sich also um einen Prozess, an dem alle Kinder beteiligt sind. Wenn es ums Vertrauen geht, sind Scherze unangebracht.

Ein Kind stellt sich nun an den Eingang der Gasse, ruft: „Ich komme!“ und rennt durch die Gasse hindurch. Dabei nehmen alle anderen Kinder die Arme direkt vor dem laufenden Kind hoch und senken sie nach ihm wieder herunter. Wie bei einem Reißverschluss, der sich öffnet und wieder schließt. Die Gruppenleitung sollte zuerst einmal langsam durch die Gasse gehen und danach etwas schneller laufen, damit alle Kinder den Vorgang einmal geübt haben.

Jedes Kind bestimmt selbst sein Lauftempo. Bremst ein Kind das eigene Tempo jedoch stark ab, sollte ihm die Gruppenleitung anbieten, noch einmal zu laufen, damit es für sich einen Erfolg erleben kann. Nach jedem Lauf fragt die Gruppenleiterin das Kind, wie es den Lauf erlebt hat. Waren alle an der Reihe, setzen sich die Kinder zusammen und werten das Erlebte miteinander aus.

Dabei strukturiert die Gruppenleitung das Gespräch anhand von Fragen, wie:

  • Was macht es leicht oder schwer, jemandem sein Vertrauen zu schenken?
  • Warum habe ich zu manchen mehr und zu anderen weniger Vertrauen?
  • Was ist Vertrauen eigentlich?
  • Ist Vertrauen in sich selbst dasselbe wie Vertrauen in andere? Was ist wichtiger?
  • Wie entwickle ich Vertrauen in mich selbst?
  • Ist Vertrauen in mich selbst eine Voraussetzung dafür, Vertrauen in andere entwickeln zu können?
spiel ist mehr als spass

Diesen Artikel haben wir aus folgendem Buch entnommen:
Spiel ist mehr als Spaß
Spiele und Methoden für die Gruppenarbeit

Baum, Heike
ISBN: 9783944548180
144 Seiten, 7,95 €
Burckhardthaus-Laetare