Montessori-Pädagogik stärkt Kinder in ihrer Entwicklung nachweislich

Große Langzeitstudie zeigt Vorteile bei Sprache, Selbstkontrolle und Sozialverhalten

Die Montessori-Pädagogik erlebt seit einigen Jahren weltweit neue Aufmerksamkeit. Viele Eltern hoffen auf eine kindgerechtere Form des Lernens, mehr Selbstständigkeit und weniger Leistungsdruck. Gleichzeitig galt die wissenschaftliche Datenlage lange als uneinheitlich. Zahlreiche frühere Untersuchungen hatten zwar positive Effekte beschrieben, doch Kritiker verwiesen immer wieder darauf, dass Montessori-Einrichtungen häufig von besonders engagierten und bildungsnahen Familien gewählt werden. Dadurch blieb oft unklar, ob tatsächlich die Methode selbst für bessere Entwicklungswerte verantwortlich ist.

Vorteile bei Sprache, Lesen, Selbstregulation und sozialen Fähigkeiten

Eine neue groß angelegte Studie, über die das Wissenschaftsportal ScienceDaily berichtet, liefert nun deutlich belastbarere Hinweise darauf, dass Montessori-orientierte Betreuung und Frühpädagogik tatsächlich positive Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern haben können. Besonders auffällig waren Vorteile bei Sprache, Lesen, Selbstregulation und sozialen Fähigkeiten.

588 Kinder in 24 öffentlichen Montessori-Programmen

Die Forschenden begleiteten insgesamt 588 Kinder in 24 öffentlichen Montessori-Programmen in den USA. Das Besondere an der Untersuchung: Die Aufnahmeplätze wurden über ein Losverfahren vergeben. Dadurch entstanden zwei vergleichbare Gruppen – Kinder mit Montessori-Platz und Kinder ohne Montessori-Platz. Wissenschaftlich gilt ein solches randomisiertes Studiendesign als besonders aussagekräftig, weil typische Verzerrungen reduziert werden. Genau daran scheiterten viele frühere Montessori-Studien.

Eindeutige Ergebnisse

Die Ergebnisse fielen deutlich aus. Kinder in Montessori-Programmen entwickelten bessere Fähigkeiten beim Lesen und bei sprachlichen Aufgaben. Gleichzeitig zeigten sie stärkere sogenannte Exekutivfunktionen – also Fähigkeiten wie Konzentration, Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis und selbstständige Problemlösung. Auch beim sozialen Verständnis und im Umgang mit anderen Kindern schnitten Montessori-Kinder häufiger besser ab.

Fokus auf dem offenen Lernansatz

Die Forschenden sehen die Ursachen dafür vor allem in den grundlegenden Unterschieden zwischen Montessori-Pädagogik und konventionellen Kita-Modellen. Während viele konventionelle Einrichtungen stärker förderorientiert arbeiten und Lernprozesse stärker strukturieren, basiert Montessori auf einem vergleichsweise offenen Lernansatz. Kinder spielen häufig selbstständig mit speziell entwickelten Materialien, entscheiden innerhalb klarer Rahmenbedingungen eigenständig über Aktivitäten und lernen in ihrem individuellen Tempo.

Was Maria Montessori bereits wusste

Die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori entwickelte diesen Ansatz bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihre Grundidee war, dass Kinder einen natürlichen inneren Lernantrieb besitzen und sich besonders gut entwickeln, wenn sie eigenständig Erfahrungen sammeln dürfen. Erwachsene sollen dabei weniger kontrollieren als vielmehr vorbereitete Lernumgebungen schaffen und Lernprozesse aufmerksam begleiten.

Viele ihrer Aussagen wirken heute erstaunlich modern. Montessori schrieb: „Das Interesse des Kindes hängt von der Möglichkeit ab, eigene Entdeckungen zu machen.“ Ebenso bekannt wurde ihr Satz: „Das Leben anzuregen und es sich dann frei entwickeln zu lassen – hierin liegt die erste Aufgabe des Erziehers.“ Und bis heute gilt ihr berühmtes Motto „Hilf mir, es selbst zu tun“ als Kern ihrer Pädagogik.

Auch ein weiterer Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die aktuelle Studie: „Wenn du korrekt mit dem Kind umgehst, wird auch das Kind sich im Leben korrekt benehmen.“ Montessori verstand Erziehung nie als reine Wissensvermittlung, sondern als Begleitung menschlicher Entwicklung.

Eigenaktivität laut Studie entscheidend

Genau diese Eigenaktivität ist laut Studie entscheidend. Kinder trainieren in Montessori-Einrichtungen permanent ihre Fähigkeit zur Selbststeuerung. Sie wählen Aufgaben aus, planen Arbeitsschritte, organisieren Materialien und lösen Konflikte eigenständig. Dadurch wird die Entwicklung von Fähigkeiten unterstützt, die heute als zentrale Grundlage späterer Lern- und Bildungserfolge gelten.

Stärkere Förderung der Exekutivfunktionen

Besonders interessant ist dabei die stärkere Förderung der Exekutivfunktionen. Entwicklungspsychologen betrachten diese Fähigkeiten inzwischen als einen der wichtigsten Faktoren für langfristigen schulischen Erfolg. Kinder mit gut entwickelter Selbstregulation können Aufmerksamkeit besser steuern, Frustrationen kontrollieren und komplexe Aufgaben strukturierter bearbeiten. Genau in diesen Bereichen zeigten die Montessori-Kinder deutliche Vorteile.

Sprachliche Entwicklung

Auch die sprachliche Entwicklung scheint vom Montessori-Ansatz zu profitieren. Die Forschenden verweisen darauf, dass Montessori-Materialien häufig mehrere Sinne gleichzeitig ansprechen. Kinder lernen Buchstaben nicht nur abstrakt, sondern ertasten Formen, sprechen Laute aus und verbinden Bewegungen mit Sprache. Diese multisensorische Lernweise entspricht modernen Erkenntnissen der sogenannten „Science of Reading“, die systematische Laut-Buchstaben-Verbindungen als wichtigen Bestandteil frühen Lesenlernens betrachtet.

Besondere soziale Struktur in Montessori-Gruppen

Hinzu kommt die besondere soziale Struktur vieler Montessori-Gruppen. Typisch sind altersgemischte Gruppen mit Kindern verschiedener Entwicklungsstufen. Jüngere Kinder beobachten ältere, ältere Kinder übernehmen Verantwortung und helfen anderen. Dadurch entstehen soziale Lernprozesse, die in altershomogenen Gruppen seltener auftreten. Laut Studie könnte genau dieses Modell erklären, warum Montessori-Kinder häufiger bessere Werte bei sozialem Verständnis und Kooperation zeigten.

Warum Montessori auch im Silicon Valley fasziniert

Interessant ist außerdem, dass Montessori-Prinzipien seit Jahren auch im Silicon Valley intensiv diskutiert werden. Mehrere bekannte Tech-Unternehmer besuchten Montessori-Schulen, darunter Jeff Bezos sowie die Google-Mitgründer Larry Page und Sergey Brin. Auch Jimmy Wales wird häufig als prominenter Montessori-Schüler genannt.

Besonders hervorgehoben werden dabei Eigenschaften wie eigenständiges Denken, intrinsische Motivation, kreative Problemlösung und die Fähigkeit, unabhängig von vorgegebenen Strukturen zu arbeiten. Larry Page erklärte rückblickend, Montessori habe ihm beigebracht, „nicht einfach Regeln zu folgen“. Genau diese Eigenschaften gelten heute in der Innovationsforschung als zentrale Voraussetzungen für Kreativität und Unternehmertum.

Viele Montessori-Ideen passen erstaunlich gut zu modernen Innovationskulturen: Fehler gelten nicht primär als Scheitern, sondern als Teil des Lernprozesses. Eigeninitiative wird stärker gefördert als reine Anpassung. Kinder sollen Probleme selbst entdecken und Lösungen eigenständig entwickeln.

Montessori kann messbare Entwicklungsunterschiede erzeugen

Die Untersuchung liefert damit interessante Hinweise darauf, dass Montessori nicht nur eine alternative pädagogische Haltung darstellt, sondern tatsächlich messbare Entwicklungsunterschiede erzeugen kann. Gleichzeitig warnen die Forschenden jedoch vor überzogenen Schlussfolgerungen.

Grenzen der Studie

Denn auch diese Studie hat Grenzen. Verglichen wurden Montessori-Programme mit unterschiedlichen konventionellen Einrichtungen. Dadurch bleibt offen, welche einzelnen Bestandteile letztlich ausschlaggebend sind. Außerdem untersuchte die Studie ausschließlich öffentliche Montessori-Programme mit vergleichsweise hoher Umsetzungsqualität. Nicht jede Einrichtung, die den Begriff „Montessori“ verwendet, arbeitet tatsächlich konsequent nach den ursprünglichen Prinzipien.

Qualität der Umsetzung entscheidend

Die Autor*innen betonen deshalb selbst, dass die Qualität der Umsetzung wahrscheinlich entscheidend ist. Gut ausgebildete Fachkräfte, vorbereitete Lernumgebungen und eine konsequente Orientierung an Montessori-Prinzipien dürften eine zentrale Rolle spielen. Schlechter organisierte Einrichtungen könnten deutlich geringere Effekte zeigen.

Langfristige Wirkungen noch nicht erforscht

Offen bleibt außerdem die Frage nach langfristigen Wirkungen. Die Studie begleitet Kinder bis zum Ende des Kindergartens. Ob die beobachteten Vorteile bis in die Schulzeit oder Jugend bestehen bleiben, muss erst weitere Forschung zeigen. In der Bildungsforschung verschwinden frühe positive Effekte häufig später wieder. Die Forschenden vermuten allerdings, dass Montessori gerade durch die Förderung von Selbstregulation langfristigere Wirkungen entfalten könnte.

Robuste Daten für Montessori-orientierte Frühpädagogik

Trotz dieser Einschränkungen gilt die Untersuchung als eine der bislang stärksten wissenschaftlichen Arbeiten zur Montessori-Pädagogik. Sie liefert deutlich robustere Daten als viele frühere Studien und zeigt erstmals auf größerer Ebene, dass Montessori-orientierte Frühpädagogik unter realen Bedingungen messbare Vorteile erzeugen kann.

Kein Automatismus

Für Eltern bedeutet das allerdings nicht automatisch, dass Montessori grundsätzlich jeder anderen Betreuung überlegen ist. Experten betonen weiterhin, dass die Qualität der Beziehungen, gut ausgebildete Fachkräfte und eine sichere emotionale Umgebung entscheidend bleiben. Die Studie legt jedoch nahe, dass Montessori-Konzepte Kindern offenbar besonders gute Bedingungen bieten können, um Selbstständigkeit, Konzentration und soziale Fähigkeiten früh zu entwickeln.

Gernot Körner




Bildungssystem soll Kompetenzen zur Selbstregulation fördern

Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina fordert konsequente und nachhaltige Förderung

Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen sind entscheidend für ihr Wohlergehen und ihre Entfaltungsmöglichkeiten, insbesondere ihre psychische und körperliche Gesundheit, Bildung und soziale Teilhabe. Sie umfassen kognitive, emotionale, motivationale und soziale Fähigkeiten, die es erlauben, eigene Ziele zu erreichen und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Die Förderung dieser Kompetenzen solle darum zu einer Leitperspektive des deutschen Bildungssystems werden, fordert die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Lebenslange Entwicklung und Entfaltungsmöglichkeiten verbessern

„Eine konsequente und nachhaltige Förderung der Selbstregulationskompetenzen kann die lebenslange Entwicklung und die Entfaltungsmöglichkeiten der einzelnen Kinder und Jugendlichen entscheidend verbessern – mit großem Nutzen für unsere Gesellschaft“, sagt Prof. Dr. Herta Flor vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Prof. Dr. Johannes Buchmann von der Technischen Universität Darmstadt ergänzt: „Hier müssen Staat und Gesellschaft schnell handeln. Die Forschung zeigt, dass es für die Förderung der Selbstregulationskompetenzen nachweislich wirksame Ansätze gibt.“

Zahlreiche systemische Veränderungen erforderlich

In einer Stellungnahme des Leopoldina betonen die Autorinnen und Autoren, dass auch zahlreiche systemische Veränderungen erforderlich sind, um das Wohlergehen und die Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen sicherzustellen. Dazu gehören eine angemessene sozioökonomische Förderung von Familien und Verbesserungen in Kindertageseinrichtungen und Schulen, ebenso der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor problematischer Internetnutzung und Werbung.

Empirisch fundierte Bestandsaufnahme

Die Autorinnen und Autoren unternehmen in der Stellungnahme eine empirisch fundierte Bestandsaufnahme des Wohlergehens und der Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Sie beschreiben verbreitete psychische Störungen sowie Ursachen körperlicher Probleme, gehen auf die erheblichen Bildungsdefizite junger Menschen und ihre Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe ein. Als bedeutsame Risikofaktoren erweisen sich ein niedriger sozioökonomischer Status, Flucht- und Zuwanderungshintergrund, Gewalt- und Mobbingerfahrungen sowie – trotz aller Vorteile – digitale Medien und Techniken.

Selbstregulation ist wichtiger Schutzfaktor

Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist dagegen ein wichtiger Schutzfaktor. Die Autorinnen und Autoren erläutern die psychologischen und neurowissenschaftlichen Grundlagen der Selbstregulation, etwa die Rolle von genetischer Disposition und Umwelteinflüssen. Sie empfehlen, die Förderung der Selbstregulationskompetenzen zu einer weiteren Leitperspektive des deutschen Bildungssystems zu machen.

Dafür stellen sie zahlreiche wissenschaftlich fundierte Strategien vor, die in Kindertagesstätten und Schulen eingesetzt werden können. Diese richten sich einerseits auf die Weiterentwicklung von Lern- und Entwicklungsumgebungen in Richtung effektive Klassenführung, kognitive Aktivierung und konstruktive Unterstützung. Andererseits umfassen sie spezifische Programme, die auf unterschiedlichen Ansätzen beruhen: der Förderung von Kenntnissen über psychische Gesundheit, Methoden der Verhaltenstherapie und der kognitiven Verhaltenstherapie, Achtsamkeit und Mitgefühl sowie Körperübungen. Auch digitale Technologien können die Förderung unterstützen.

Weiterentwicklung des deutschen Bildungssystems erforderlich

Die Stellungnahme betont, dass eine solche Weiterentwicklung des deutschen Bildungssystems die Kooperation aller Beteiligten erfordert, etwa Schülerinnen und Schüler, Eltern, Bildungseinrichtungen, Aus-, Weiter- und Fortbildungseinrichtungen für Bildungsfachkräfte, Beratungsgremien, Politik, Verbände, Gewerkschaften und Forschungseinrichtungen.

Eine solche Weiterentwicklung müsse datenbasiert erfolgen. Darum empfiehlt die Stellungahme zudem, die Datengrundlage im Bereich der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen deutlich zu verbessern, beispielsweise durch innovative Datenerhebungen mittels Smartphones und durch Erhebung bestimmter Indikatoren der Selbstregulationskompetenzen in den Schuleingangsuntersuchungen.

Interdisziplinär besetzte Arbeitsgruppe

Die Stellungnahme wurde von der interdisziplinär besetzten Arbeitsgruppe „Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen“ erarbeitet. Beteiligt waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Fächern Psychologie, Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendmedizin, Bildungsforschung, Philosophie des Geistes, Ethik, Sportwissenschaft, Informatik und Statistik. Im Laufe der Erarbeitung bezog die Arbeitsgruppe auch Beiträge von Expertinnen und Experten ein, etwa Schüler- und Elternvertreterinnen und -vertreter, Lehrerinnen und Lehrer, Vertreterinnen und Vertreter aus der Lehrerbildung sowie Schulverwaltungen und Kultusministerien. Weitere Informationen zur Arbeitsgruppe: https://www.leopoldina.org/politikberatung/arbeitsgruppen/selbstregulationskompetenzen/

Die Kurz- und Langfassung der Stellungnahme „Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen“ sind auf der Website der Leopoldina abrufbar: https://www.leopoldina.org/selbstregulationskompetenzen

Über die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina: 

Als Nationale Akademie der Wissenschaften leistet die Leopoldina unabhängige wissenschaftsbasierte Politikberatung zu gesellschaftlich relevanten Fragen. Dazu erarbeitet die Akademie interdisziplinäre Stellungnahmen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. In diesen Veröffentlichungen werden Handlungsoptionen aufgezeigt, zu entscheiden ist Aufgabe der demokratisch legitimierten Politik. Die Expertinnen und Experten, die Stellungnahmen verfassen, arbeiten ehrenamtlich und ergebnisoffen. Die Leopoldina vertritt die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien, unter anderem bei der wissenschaftsbasierten Beratung der jährlichen G7- und G20-Gipfel. Sie hat rund 1.700 Mitglieder aus mehr als 30 Ländern und vereinigt Expertise aus nahezu allen Forschungsbereichen. Sie wurde 1652 gegründet und 2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands ernannt. Die Leopoldina ist als unabhängige Wissenschaftsakademie dem Gemeinwohl verpflichtet.

Julia Klabuhn, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina




Kinder richtig beteiligen, fördern und schützen!

Online-Live-Workshops der Deutschen Liga für das Kind

Die zweistündigen Live-Online-Workshops unter dem Motto „Kinder beteiligen, fördern schützen!“ bieten in unterschiedlicher Form Inputanteile, Selbstreflexions-Impulse, kleine Übungen und den fachlichen Austausch in Kleingruppen an. Die Seminare für die Bildungs- und Präventions-Programme START ab 2 und Kindergarten plus richten sich an PädagogInnen in Institutionen der Kindertagesbetreuung. Die Online-Live-Workshops sprechen darüber hinaus auch Kita-Fachberatungen, Fachpersonal in Jugendämtern sowie Dozierende in Aus-, Fort- und Weiterbildungskontexten an. Ebenfalls angesprochen sind Personen, die sich, unabhängig vom eigenen beruflichen Hintergrund, für die Belange und das Wohlbefinden junger Kinder einsetzten und eine Verbesserung ihrer Chancen und Rechte unterstützen. Die Workshops sind auch für Mitglieder und Förderer der Deutschen Liga für das Kind eine gute Möglichkeit, Eindrücke von der Arbeit der Liga zu gewinnen, aktuelle fachliche Informationen zu erhalten und mit Akteuren im Feld in den Austausch zu kommen.

Die Entwicklung der Selbstregulation und ihre Unterstützung durch pädagogische Fachkräfte

19.02.2024 19. Februar 2024, 16.00 – 18.00 Uhr mit Prof. Dr. Jeanette Roos

Gemeinsam spielen, abwarten, zuhören, allein einschlafen, sich nach Aufregung wieder beruhigen, etwas ausdauernd zu erledigen – die Situationen, in denen junge Kinder sich selbstständig regulieren müssen sind vielfältig. Im Laufe der Entwicklung lernen sie zunehmend ihr Denken, Fühlen und Handeln flexibel auf ein Ziel hin auszurichten, ihre Impulse zu steuern und ihre Emotionen zu regulieren. Die Veranstaltung bietet viel Hintergrundwissen und die Gelegenheit, sich darüber austauschen, wie die Selbstregulation von Kindern unterstützt und gestärkt werden kann.

  • Kosten ab 25 Euro pro Person (Teilnahme Einzelperson ermäßigt)
  • Einzelperson: 35 Euro
  • Institution 1 Person: 40 Euro
  • Institution max. 20 Personen: 150 Euro

Weitere Informationen und Anmeldung




Wutanfälle nicht mit digitalen Geräten beruhigen

Die Möglichkeiten zur Entwicklung unabhängiger und alternativer Methoden zur Selbstregulierung können gestört werden

Was eigentlich jedem der gesunde Menschenverstand sagen sollte, ist jetzt wissenschaftlich belegt: Eltern sollten nicht versuchen ihre Kinder mit Bildschirmgeräten zu beruhigen. Eine solche „Beruhigungsstrategie“ kann laut einer Studie von Michigan Medicine später mit schlimmeren Verhaltensherausforderungen verbunden sein. Denn viele Kinder weisen im Laufe der Zeit eine gestörte Gefühlssteuerung auf.

Da die Nutzung von Bildschirmgeräten bei Kindern unter drei Jahren ohnehin als entwicklungsstörend bekannt ist, haben die Wissenschaftler das Verhalten von 422 Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren unter die Lupe genommen. „Die Verwendung mobiler Geräte zur Beruhigung eines kleinen Kindes mag wie ein harmloses, vorübergehendes Mittel erscheinen, um Stress im Haushalt abzubauen, aber es kann langfristige Folgen haben, wenn es sich um eine regelmäßige Beruhigungsstrategie handelt“, sagt die Kinderärztin und Hauptautorin der Studie Jenny Radesky. Im Mittlepunkt ihrer Forschung am Kinderkrankenhaus CS Mott der Universität von Michigan steht das Entwicklungsverhalten von Kindern. „Vor allem in der frühen Kindheit können diese Geräte die Möglichkeiten zur Entwicklung unabhängiger und alternativer Methoden zur Selbstregulierung verdrängen.“ Über einen Zeitraum von sechs Monaten beobachteten die Wissenschaftler die Reaktionen von Eltern und Betreuern darauf, wie oft sie Geräte als beruhigendes Instrument und Assoziationen zu Symptomen emotionaler Reaktivität oder Dysregulation verwendeten.

Verlockend aber ungeeignet

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Geräteberuhigung und emotionalen Folgen besonders hoch bei Jungen und Kindern war, die möglicherweise bereits Hyperaktivität, Impulsivität und ein starkes Temperament erfahren, das sie eher intensiv auf Gefühle wie Wut, Frustration und Traurigkeit reagieren lässt „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Verwendung von Geräten zur Beruhigung aufgeregter Kinder besonders problematisch für diejenigen sein kann, die bereits mit emotionalen Bewältigungsfähigkeiten zu kämpfen haben“, sagte Radesky. Sie stellt fest, dass die Kindergartenzeit eine Entwicklungsphase ist, in der Kinder möglicherweise eher schwierige Verhaltensweisen wie Wutanfälle, Trotz und intensive Emotionen zeigen. Dies kann es noch verlockender machen, Geräte als Erziehungsstrategie zu verwenden.

Langjährige Folgen für die Gefühlssteuerung

„Betreuungspersonen können durch die Verwendung von Geräten eine sofortige Erleichterung erfahren, wenn sie das negative und herausfordernde Verhalten von Kindern schnell und effektiv reduzieren“, sagt Radesky. „Das fühlt sich sowohl für Eltern als auch für Kinder lohnend an und kann sie beide motivieren, diesen Kreislauf beizubehalten.

„Die Gewohnheit, Geräte zu verwenden, um mit schwierigem Verhalten umzugehen, wird mit der Zeit stärker, da die Medienanforderungen von Kindern ebenfalls zunehmen. Je öfter Geräte verwendet werden, desto weniger üben Kinder – und ihre Eltern – andere Bewältigungsstrategien anzuwenden.“

Alternative Beruhigungsmethoden können dabei helfen, Fähigkeiten zur Emotionsregulation aufzubauen. Radesky, die selbst Mutter von zwei Kindern ist, räumt ein, dass es Zeiten gibt, in denen Eltern Geräte strategisch einsetzen, um Kinder abzulenken, beispielsweise auf Reisen oder beim Multitasking mit der Arbeit. Während die gelegentliche Nutzung von Medien zur Beschäftigung von Kindern erwartet und realistisch ist, ist es wichtig, dass sie nicht zu einem primären oder regelmäßigen Beruhigungsinstrument wird.

Kinderärzte sollten auch Gespräche mit Eltern und Betreuern über die Verwendung von Geräten bei kleinen Kindern einleiten und alternative Methoden zur emotionalen Regulierung fördern, sagt sie. Unter den Lösungen empfiehlt Radesky, wenn Eltern versucht sind, sich einem Gerät zuzuwenden.

Alternative Verhaltensweisen lernen

  • Sensorische Techniken: Kleine Kinder haben ihre eigenen einzigartigen Profile darüber, welche Arten von sensorischem Input sie beruhigen. Dies kann Schaukeln, Umarmen oder Druck, Trampolinspringen, Knetmasse in den Händen zerquetschen, Musik hören oder ein Buch oder ein Glitzerglas betrachten sein. Wenn Betreuungspersonen sehen, dass Ihr Kind unruhig wird, sollten sie diese Energie in Körperbewegungen oder sensorische Ansätze umleiten.
  • Benennen der Emotion und was zu tun ist: Wenn Eltern benennen, was ihr Kind ihrer Meinung nach fühlt, helfen beide dem Kind, Sprache mit Gefühlszuständen zu verbinden. Sie zeigen dem Kind auch, dass sie verstanden werden. Je ruhiger Eltern bleiben, desto mehr können sie Kindern zeigen, dass Emotionen „erkennbar und beherrschbar“ sind, wie etwa der bekannte Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers zu sagen pflegte.
  • Verwendung von Farbzonen: Wenn Kinder klein sind, fällt es ihnen schwer, über abstrakte und komplizierte Konzepte wie Emotionen nachzudenken. Farbzonen (blau für gelangweilt, grün für Ruhe, gelb für ängstlich/aufgeregt, rot für explosiv) sind für Kinder leichter zu verstehen und können zu einer visuellen Anleitung gemacht werden, die am Kühlschrank aufbewahrt wird und kleinen Kindern hilft, sich ein geistiges Bild davon zu machen ie sie sich fühlen. Eltern können diese Farbzonen in herausfordernden Momenten verwenden („Du wirst wackelig und in der gelben Zone – was kannst du tun, um wieder grün zu werden?“)
  • Ersatzverhalten anbieten: Kinder können einige ziemlich negative Verhaltensweisen zeigen, wenn sie verärgert sind. Es gehört zum normalen Instinkt der Eltern, das Kind dazu zu zwingen, damit aufzuhören. Aber diese Verhaltensweisen kommunizieren Emotionen – daher muss Kindern ein sichereres oder problemlösenderes Ersatzverhalten beigebracht werden. Dies könnte das Lehren einer sensorischen Strategie beinhalten („Schlagen tut Menschen weh; du kannst stattdessen auf dieses Kissen schlagen“) oder eine klarere Kommunikation („wenn du meine Aufmerksamkeit willst, tippe einfach auf meinen Arm und sag ‚Entschuldigung, Mama‘“). Schon vor einigen Jahrzehnten haben die beiden Familientherapeutinnen Adele Faber und Elaine Mazlish in ihren Elternbüchern diese Methoden aufgezeigt. Hierzulande ist ihr bekanntester Ratgeber unter dem Titel „So sag ich’s meinem Kind“ erschienen. Er ist gleichzeitig der weltweit am meisten gelesene Elternratgeber.

Wenn Kinder ruhig sind, haben Betreuungspersonen auch die Möglichkeit, ihnen emotionale Bewältigungsfähigkeiten beizubringen, sagt Radesky. Zum Beispiel können sie mit ihnen darüber sprechen, wie es ihrem liebsten Kuscheltier geht und wie sie mit ihren großen Emotionen umgehen und sich beruhigen. Diese Art der spielerischen Diskussion verwendet die Sprache der Kinder und findet bei ihnen Anklang.

„All diese Lösungen helfen Kindern, sich selbst besser zu verstehen und sich kompetenter im Umgang mit ihren Gefühlen zu fühlen“, sagte Radesky. „Es braucht Wiederholungen durch eine Bezugsperson, die auch versuchen muss, ruhig zu bleiben und nicht überreagieren auf die Emotionen des Kindes, aber es hilft dabei, Fähigkeiten zur Emotionsregulation aufzubauen, die ein Leben lang halten.

„Im Gegensatz dazu lehrt die Verwendung eines Ablenkers wie eines mobilen Geräts keine Fähigkeit – es lenkt das Kind nur von seinen Gefühlen ab. Kinder, die diese Fähigkeiten nicht in der frühen Kindheit aufbauen, haben eher Probleme, wenn sie gestresst sind in der Schule oder mit Gleichaltrigen, wenn sie älter werden.“

Quelle: Materialien bereitgestellt von der Michigan Medicine – University of Michigan . Original geschrieben von Beata Mostafavi.

Originalpublikation: https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/article-abstract/2799042