Forschen statt Versuchsanleitung! Was Kinder wirklich brauchen

Eine gute MINT-Bildung beginnt nicht mit Experimenten, sondern mit Fragen. Ein Blick auf Forschung, Praxis und erfolgreiche Bildungsinitiativen

Als Erwachsene haben wir eine bemerkenswerte Eigenschaft: Wir beantworten Fragen oft schon, bevor Kinder sie zu Ende gestellt haben.

„Warum schwimmt das?“
„Weil Holz leichter ist als Wasser.“
Schnell ist das Gespräch beendet und der Erkenntnisgewinn auch.

Dabei zeichnet die aktuelle Forschung zur frühen MINT-Bildung ein ganz anderes Bild. Kinder lernen Naturwissenschaften, Mathematik und Technik nicht in erster Linie durch Erklärungen. Sie lernen durch Staunen, Ausprobieren, Irrtümer und überraschende Entdeckungen. Anders gesagt: Sie lernen nicht, wenn wir ihnen die Welt erklären. Sie lernen, wenn sie beginnen, sich die Welt selbst zu erklären.

Kinder sind geborene Forscher

Lange Zeit haben wir unterschätzt, wie früh Kinder naturwissenschaftliche Denkweisen entwickeln können. Viele internationale Studien aus neuerer Zeit zeigen jedoch, dass bereits Kita-Kinder beobachten, vergleichen, Vermutungen bilden und ihre Vorstellungen aufgrund neuer Erfahrungen verändern können. Schließlich sind Kinder von Natur aus neugierig. Und das ist nun mal die wichtigste Eigenschaft für einen Forschenden.

Die Bildungsforscherin Dr. Ildikó Mária Revák und ihr Team kommen in einer umfangreichen Übersichtsarbeit zu dem Ergebnis, dass Kinder schon im Vorschulalter mathematische, naturwissenschaftliche und technische Fragestellungen erfolgreich bearbeiten können. Wichtigste Voraussetzung: Sie erhalten die Gelegenheit dazu und werden angemessen begleitet.

Dabei kann es nicht darum gehen, dass Kinder möglichst früh Fachwissen anhäufen. Entscheidend ist, dass sie ihre Fragen stellen: Warum sinkt ein Stein? Warum fliegt ein Ahornsamen? Warum wächst eine Bohne? Warum fällt ein Turm um?

Die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Alison Gopnik von der University of California bringt diesen Gedanken auf den Punkt: „Es ist nicht so, dass Kinder kleine Wissenschaftler sind – Wissenschaftler sind große Kinder.“

Der Satz ist zwar zugespitzt, verweist aber auf eine zentrale Erkenntnis der Entwicklungsforschung: Kinder beobachten ihre Umwelt, entwickeln Vermutungen und überprüfen sie immer wieder neu. Je länger man darüber nachdenkt, desto erstaunlicher wirkt eigentlich nicht die Neugier der Kinder, sondern unsere allzu erwachsene Fähigkeit, sie manchmal auszubremsen.

Gute MINT-Bildung braucht keine Wunderkiste

Die Forschung der vergangenen Jahre zeigt erstaunlich einheitlich, dass erfolgreiche MINT-Angebote einige gemeinsame Merkmale besitzen.

Kinder dürfen selbst tätig werden. Sie arbeiten mit realen Materialien. Sie verfolgen eigene Ideen. Sie sprechen über ihre Beobachtungen. Und sie dürfen Fehler machen.

Die Bildungsforscherin Dr. Sharon Burns konnte in einer Meta-Analyse zeigen, dass insbesondere problemlösende und forschende Aktivitäten wichtige Lernprozesse unterstützen. Entscheidend ist dabei weniger das Material als die Art, wie Kinder damit umgehen.

Ein teurer Experimentierkasten garantiert noch keine Bildung. Ein paar Bretter, Steine, Wasserpfützen oder Kastanien können dagegen hochinteressante Forschungsobjekte sein.

Die Frage lautet deshalb nicht: „Welches Experiment machen wir heute?“ Sondern: „Welche Frage beschäftigt die Kinder gerade?“

Wie viel Anleitung brauchen Kinder?

Genau daran entzündet sich eine heftige Diskussion: Denn auch wenn sich fast alle Fachleute einig sind, dass Kinder aktiv lernen sollen, herrscht keineswegs Einigkeit darüber, wie offen solche Lernprozesse sein müssen. Die internationale Forschung spricht häufig von „guided inquiry“ – angeleitetem Forschen. Kinder erkunden selbstständig Phänomene, werden dabei jedoch von Erwachsenen begleitet.

Das hört sich vernünftig an. Doch wie viel Begleitung ist wirklich sinnvoll? Ab wann wird Unterstützung zur Steuerung? Und wann wird aus einem Forschungsprojekt lediglich eine gut organisierte Versuchsanleitung?

Die Forschung gibt darauf keine einfache Antwort. Sie zeigt jedoch, dass Kinder sowohl Freiräume als auch Orientierung benötigen. Gute Lernbegleitung bedeutet deshalb weder, alles vorzugeben noch sich völlig zurückzuziehen.

Auf der Suche nach dem richtigen Weg

Wer die Landschaft der frühen MINT-Bildung betrachtet, entdeckt sehr unterschiedliche Antworten auf diese Fragen.

Programme wie TuWaS! oder Prima!Forscher arbeiten stärker mit vorbereiteten Materialien, Experimenten und fachlich strukturierten Lernangeboten. Andere Initiativen konzentrieren sich stärker auf die professionelle Begleitung von Lernprozessen. Dazu gehören beispielsweise die Stiftung Kinder forschen oder SINUS an Grundschulen.

Wieder andere Projekte gehen noch einen Schritt weiter. Einrichtungen wie die Forscherstation Heidelberg oder die Freiburger Forschungsräume interessieren sich besonders für die Frage, wie Kinder überhaupt zu Erkenntnissen gelangen und welche Rolle Erwachsene dabei spielen.

Auf den ersten Blick erscheinen diese Unterschiede gering. Tatsächlich spiegeln sie jedoch eine grundlegende pädagogische Debatte wider.

Die Stiftung Kinder forschen: Forschen mit Geländer

Die Stiftung Kinder forschen ist der größte Akteur im Bereich der frühen MINT-Bildung in Deutschland. Seit fast zwei Jahrzehnten qualifiziert sie pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte für naturwissenschaftliches, mathematisches und technisches Lernen.

Viele ihrer Grundideen finden sich heute auch in der internationalen Forschung wieder. Kinder sollen entdecken, beobachten, diskutieren und eigene Lösungswege entwickeln. Lernen wird ausdrücklich als aktiver Prozess verstanden.

Die Frühpädagogin Prof. Dr. Yvonne Anders, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung, beschreibt deren Bedeutung mit den Worten: „Die Stiftung Kinder forschen ist für mich eine zentrale Instanz für die Qualitätsentwicklung in der frühkindlichen Bildung.“

Gleichzeitig arbeitet die Stiftung mit Themenvorschlägen, Fortbildungen und didaktischen Materialien. Das ist keineswegs ein Nachteil. Schließlich benötigen pädagogische Fachkräfte Orientierung und Unterstützung. Man könnte sagen: Die Stiftung baut Kindern und Erwachsenen ein stabiles Geländer, an dem sie sich beim Forschen entlangbewegen können. Die spannende Frage lautet jedoch: Reicht das Geländer manchmal vielleicht etwas weit in den Weg hinein?

Die Antwort hängt weniger von den Materialien als von ihrer Nutzung ab. Dieselbe Praxisanregung kann Ausgangspunkt für einen offenen Forschungsprozess sein – oder zu einer Schritt-für-Schritt-Anleitung werden, bei der das Ergebnis von Anfang an feststeht.

Freiburger Forschungsräume: Auf die Haltung kommt es an

Genau hier setzen die Freiburger Forschungsräume an. Ihr vielleicht bekanntester Leitsatz lautet: „Auf die Haltung kommt es an.“

Dieser Satz wirkt zunächst unspektakulär. Tatsächlich steckt darin jedoch eine kleine pädagogische Revolution. Die Freiburger Forschungsräume fragen nicht zuerst, welche Inhalte Kinder lernen sollen. Sie fragen zunächst, wie Erwachsene Kindern begegnen.

Im Mittelpunkt stehen die forschende Haltung des Kindes, das Interesse der Kinder und ein wertschätzender Dialog. Beobachten, Vermuten, Beschreiben und Erklären gehören zusammen. Sprachbildung und naturwissenschaftliches Lernen werden bewusst miteinander verbunden.

Kinder und Erwachsene machen sich gemeinsam auf einen Weg des Fragens, Forschens und Entdeckens. Nicht die richtige Antwort steht im Mittelpunkt, sondern der Denkweg. Damit stehen die Freiburger Forschungsräume in einer Tradition, die eng mit den Arbeiten des Bildungsforschers Prof. Dr. Gerd E. Schäfer verbunden ist. Lernen entsteht demnach aus eigenen Erfahrungen und deren gemeinsamer Reflexion.

Forscherstation Heidelberg: Den Denkwegen der Kinder folgen

Auch die Forscherstation Heidelberg, gegründet von der Klaus Tschira Stiftung, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Dort steht seit Jahren die Frage im Mittelpunkt, wie Erwachsene Kinder beim Denken begleiten können, ohne ihnen die Lösungen vorwegzunehmen.

Die Forscherstation verbindet wissenschaftliche Forschung, Fortbildung und Praxis. Interessant ist dabei vor allem die konsequente Orientierung an den Denkwegen der Kinder. Nicht das Experiment selbst gilt als entscheidend, sondern die Gespräche, Beobachtungen und Schlussfolgerungen, die daraus entstehen.

Damit liegt die Einrichtung erstaunlich nahe an den Positionen internationaler Forscherinnen wie Alison Gopnik oder Prof. Dr. Kathy Hirsh-Pasek.

Vom Experiment zur Beziehung

Hier zeigt sich genau die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre. Viele Jahre stand in der frühen MINT-Bildung vor allem das Experiment im Mittelpunkt. Heute rückt zunehmend eine andere Frage in den Vordergrund: Was geschieht eigentlich zwischen Kind und Erwachsenem während eines solchen Lernprozesses?

Auffällig ist, dass neuere Forschungsarbeiten vergleichsweise selten über bestimmte Materialien oder Experimente sprechen. Stattdessen beschäftigen sie sich mit Neugier, Problemlösen, Selbstwirksamkeit, Kooperation und Gesprächsprozessen.

Auch Kathy Hirsh-Pasek und ihre Kollegin Prof. Dr. Roberta Golinkoff betonen seit Jahren die Bedeutung spielerischer Lernprozesse. Ihr Fazit lautet – wenig überraschend:

„Spiel ist der wichtigste Weg, auf dem Kinder lernen.“

Mit anderen Worten: Nicht das Experiment allein scheint entscheidend zu sein, sondern die Art und Weise, wie Kinder dabei denken, sprechen und begleitet werden.

Entscheidend: die Qualität der Interaktion

Und wer hat nun recht? Die Antwort lautet: Wahrscheinlich alle ein bisschen und manche ein bisschen mehr.

Die aktuelle Forschung liefert keine Belege dafür, dass völlig freie Lernprozesse grundsätzlich besser wären als gut strukturierte Angebote. Noch weniger aber spricht sie für starre Anleitungen.

Entscheidend scheint etwas anderes zu sein: die Qualität der Interaktion.

Kinder profitieren von Erwachsenen, die zuhören, Fragen aufgreifen, Materialien bereitstellen und Denkprozesse anregen. Sie profitieren weniger von Erwachsenen, die jede Antwort bereits kennen und sie möglichst schnell mitteilen möchten. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft der aktuellen MINT-Forschung.

  • Nicht das Experiment steht im Mittelpunkt.
  • Nicht der Roboter.
  • Nicht das Arbeitsblatt.
  • Nicht einmal das Thema.

Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen einem neugierigen Kind und einem Erwachsenen, der bereit ist, gemeinsam zu staunen.

Die eigentliche Entdeckung

Wer die neueren Studien liest, stößt immer wieder auf dieselbe Erkenntnis: Gute MINT-Bildung hat erstaunlich wenig mit Unterricht im klassischen Sinn zu tun.

  • Sie beginnt dort, wo Kinder Zeit bekommen, eigene Fragen zu verfolgen.
  • Sie wächst dort, wo Erwachsene nicht sofort erklären.
  • Und sie gelingt dort am besten, wo niemand genau weiß, was am Ende herauskommt.

Das ist manchmal anstrengend. Aber wahrscheinlich ist genau das echte Forschung.

Die Zukunft liegt in der pädagogischen Beziehung

Betrachtet man die aktuelle internationale Forschung, die Stiftung Kinder forschen, die Forscherstation Heidelberg und die Freiburger Forschungsräume gemeinsam, dann zeichnet sich ein bemerkenswerter Trend ab:

Die Zukunft der frühen MINT-Bildung liegt vermutlich weniger in immer neuen Materialien und Programmen als in der Qualität der pädagogischen Beziehungen.

Je mehr Forschende über erfolgreiche Lernprozesse herausfinden, desto häufiger rücken Themen wie Gesprächskultur, Selbstwirksamkeit, Kooperation, forschende Haltung und kindliche Neugier in den Mittelpunkt.

Vielleicht ist das die überraschendste Erkenntnis überhaupt:

Die wichtigste Ressource für frühe MINT-Bildung ist nicht Technik.

Es sind Menschen, die gemeinsam mit Kindern staunen können.

Quellen und weiterführende Informationen

Revák, Ildikó Mária et al. (2024): A Systematic Review of STEM Teaching-Learning Methods and Activities in Early Childhood.
https://www.ejmste.com/article/a-systematic-review-of-stem-teaching-learning-methods-and-activities-in-early-childhood-14779

Burns, Sharon et al. (2025): A Systematic Review and Meta-Analysis of Approaches to Teaching Problem-Solving Skills in Early Childhood STEM Activities.
https://bera-journals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/rev3.70079

Zviel-Girshin, Rinat et al. (2025): Enhancing Early STEM Engagement: The Impact of Inquiry-Based Robotics Projects on First-Grade Students’ Problem-Solving Self-Efficacy and Collaborative Attitudes.
https://www.mdpi.com/2227-7102/15/10/1404

Lewis Presser, Amanda E. et al. (2025): Preschool and Data Science: Supporting STEM Learning.
https://www.mdpi.com/2227-7102/15/10/1412

Liu, Jing et al. (2025): Forms and Functions Innovation: A Scoping Review of Digital and Intelligence Technologies in Early Childhood Education Practice.
https://link.springer.com/article/10.1007/s44436-025-00010-6

Stiftung Kinder forschen:
https://www.stiftung-kinder-forschen.de

Wissenschaftliche Begleitung der Stiftung Kinder forschen:
https://www.stiftung-kinder-forschen.de/ansatz-wirkung/wissenschaftliche-begleitung/

Freiburger Forschungsräume:
https://www.freiburg.de/pb/627371.html

„Auf die Haltung kommt es an“ – Freiburger Forschungsräume:
https://spielen-und-lernen.online/praxis/freiburger-forschungsraeume-auf-die-haltung-kommt-es-an/

Forscherstation Heidelberg:
https://www.forscherstation.info

TuWaS! – Technik und Naturwissenschaften an Schulen:
https://www.tuwas-deutschland.de

SINUS an Grundschulen:
https://www.sinus-an-grundschulen.de




Sprachbildung in Kita und Grundschule: Programm wird dauerhaft fortgeführt

Nach zehn Jahren belegt das Projekt „Sprachentdecker“, wie alltagsintegrierte Sprachbildung Kinder nachhaltig stärken kann

Gute Sprachkompetenzen sind eine der wichtigsten Voraussetzungen für Bildungserfolg. Das hessische Programm „Sprachentdecker“ zeigt seit inzwischen zehn Jahren, wie Kinder bereits im Alltag von Kita und Grundschule wirksam sprachlich gefördert werden können. Die Bilanz ist beeindruckend: Mehr als 200 pädagogische Fach- und Lehrkräfte wurden qualifiziert, rund 3.000 Kinder profitierten von dem Konzept. Nun wird das Programm dauerhaft fortgeführt und künftig vom Hessischen Kultusministerium finanziert.

Die Entscheidung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem rund um das Thema „Sprachförderung“ in Deutschland heftige Diskussionen geführt werden. Nationale Bildungsstudien weisen seit Jahren darauf hin, dass viele Kinder beim Schuleintritt und darüber hinaus Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. Betroffen sind dabei nicht nur Kinder mit Deutsch als Zweitsprache, sondern auch Mädchen und Jungen aus Familien mit geringeren Bildungschancen. Genau hier setzt das Programm „Sprachentdecker“ an.

Sprachförderung mitten im Alltag statt zusätzlicher Unterricht

Das Besondere an „Sprachentdecker“ ist sein alltagsintegrierter Ansatz. Anders als bei klassischen Förderstunden findet Sprachbildung nicht in gesonderten Kursen statt. Stattdessen lernen pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte, alltägliche Situationen gezielt für sprachliche Anregungen zu nutzen.

Ob beim gemeinsamen Frühstück, beim Anziehen in der Garderobe, beim Bilderbuchanschauen oder während eines Unterrichtsgesprächs – jede Situation kann genutzt werden, um Kinder zum Erzählen, Beschreiben, Fragenstellen und Nachdenken anzuregen. Sprache wird dadurch nicht als isoliertes Lernfach erlebt, sondern als natürlicher Bestandteil des täglichen Lebens.

Dieser Ansatz basiert auf der Erkenntnis, dass Kinder Sprache besonders erfolgreich erwerben, wenn sie in bedeutungsvolle Kommunikationssituationen eingebunden sind. Sie lernen neue Wörter, Satzstrukturen und Ausdrucksmöglichkeiten nicht nur durch Zuhören, sondern vor allem durch eigenes aktives Sprechen.

Von einem Frankfurter Modellprojekt zu einem hessenweiten Erfolgsmodell

Das Projekt wurde 2016 von der Pädagogin Diemut Kucharz an der Goethe-Universität Frankfurt gemeinsam mit der ODDO BHF Stiftung Frankfurt und dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten entwickelt. Ziel war es von Anfang an, Kinder kontinuierlich von der Kita bis in die Grundschule sprachlich zu begleiten.

Begonnen hatte das Programm mit lediglich 14 Kita-Fachkräften und sechs Grundschullehrkräften aus neun Frankfurter Einrichtungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten eine einjährige Weiterbildung zu Themen wie Erst- und Zweitspracherwerb, Sprachfördertechniken, individueller Förderplanung und Elternarbeit in mehrsprachigen Lebenswelten. Ergänzend wurden sie durch Coaching direkt in ihrer praktischen Arbeit begleitet.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Untersuchungen und Befragungen zeigten, dass die pädagogischen Fachkräfte ihre Kompetenzen in der Sprachförderung deutlich verbessern konnten. Gleichzeitig sank der Anteil der Kinder mit Sprachförderbedarf im Deutschen innerhalb eines Jahres auf weniger als die Hälfte. Diese Ergebnisse führten dazu, dass die Förderung mehrfach verlängert und das Programm schrittweise ausgebaut wurde.

Zusammenarbeit von Kita und Grundschule ist entscheidend

Eine weitere Besonderheit von „Sprachentdecker“ liegt in der engen Zusammenarbeit zwischen Kindertagesstätten und Grundschulen. Beide Berufsgruppen nehmen gemeinsam an den Fortbildungen teil und entwickeln dadurch ein gemeinsames Verständnis von Sprachbildung.

Dieser Übergang von der Kita in die Schule gilt in der Bildungsforschung als besonders sensible Phase. Häufig gehen wichtige Informationen über die sprachliche Entwicklung eines Kindes verloren, wenn Einrichtungen zu wenig miteinander kooperieren. Durch die gemeinsame Qualifizierung entstehen dagegen Kontinuität und bessere Abstimmung. Kinder profitieren von ähnlichen sprachfördernden Strategien in beiden Bildungsbereichen.

Mehr als 3.000 Kinder haben bereits profitiert

Zwischen 2022 und 2025 wurde das Programm auf ganz Hessen ausgeweitet. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch das Dezernat Bildung, Bauen und Immobilien der Stadt Frankfurt sowie die hessischen Ministerien für Kultus und Soziales. Inzwischen werden parallel mehrere Fortbildungsgruppen durchgeführt. Form und Inhalte werden dabei kontinuierlich weiterentwickelt und an neue wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst.

Nach Angaben der Projektverantwortlichen wurden inzwischen deutlich mehr als 200 Pädagoginnen und Pädagogen fortgebildet und gecoacht. Rund 3.000 Kinder konnten von den verbesserten Sprachförderkompetenzen ihrer Bezugspersonen profitieren.

Multiplikatorinnen sollen das Wissen weitertragen

Damit das Konzept künftig noch mehr Einrichtungen erreicht, wurde zusätzlich eine Qualifizierung für Multiplikatorinnen eingerichtet. Diese Fachkräfte werden darauf vorbereitet, selbst Fortbildungen und Coachings durchzuführen.

Der erste Durchgang wurde bereits abgeschlossen. Sechs Multiplikatorinnen wurden ausgebildet und haben ihr Wissen inzwischen an 75 weitere pädagogische Fachkräfte weitergegeben. Für den nächsten Ausbildungsjahrgang werden bereits Bewerbungen angenommen.

Sprachbildung bleibt eine zentrale Zukunftsaufgabe

Die Verstetigung des Programms zeigt, wie groß der Bedarf an wirksamer Sprachförderung weiterhin ist. Fachleute sind sich einig, dass gute Sprachkompetenzen weit mehr bedeuten als die Fähigkeit, korrekt zu sprechen. Sprache ist der Schlüssel zum Lesen, Schreiben, Lernen und zur sozialen Teilhabe.

Programme wie „Sprachentdecker“ setzen deshalb nicht erst dann an, wenn Defizite sichtbar werden. Sie schaffen sprachfördernde Lernumgebungen für alle Kinder und unterstützen pädagogische Fachkräfte dabei, Sprache im Alltag bewusst und professionell zu begleiten.

Dass das hessische Modell nun dauerhaft gesichert wird, ist deshalb nicht nur ein Erfolg für die beteiligten Einrichtungen. Es ist zugleich ein wichtiges Signal für die frühe Bildung insgesamt: Sprachförderung wirkt besonders dann nachhaltig, wenn sie kontinuierlich, alltagsnah und über die Grenzen einzelner Bildungseinrichtungen hinweg gestaltet wird.

Quelle: Goethe-Universität Frankfurt, Pressemitteilung „Projekt Sprachentdecker wird nach zehn Jahren verstetigt“, 2026. Weitere Informationen:

https://www.fb04.uni-frankfurt.de/143908384/Sprachentdecker




Digitale Ausstellungsvideos zu Krieg, Sexualität und Trauer

Drei fachlich fundierte Ausstellungsvideos stehen ab sofort online zur Verfügung

Im Rahmen der beiden bisher in Aderstedt am Huy stattgefundenen Zeltfachtagungen sind drei Ausstellungsvideos mit dem Titel „Ausschnitte unseres Lebens – Tabus, Wahrheiten, Gegenwart“ entstanden, die ab sofort im Internet aufgerufen werden können.

Im Mittelpunkt stehen die Themen Krieg, Sexualität und Trauer – Themenbereiche, die üblicherweise selbst bei konkreten Anlässen weder in vielen Kindertageseinrichtungen mit Kindern noch unter Kita-Fachkräften professionell thematisiert werden.

Regine Leipert, Erzieherin im Ruhestand und Fachkraft für den Situationsorientierten Ansatz, hat diese Ausstellungsvideos in enger Zusammenarbeit mit Christina Brehmer vom Kuratorium des Schulfördervereins e. V. der Petri-Sekundarschule Schwanebeck konzipiert und zusammengestellt. Bei Bedarf können die Inhalte gleichzeitig im Transkript mitgelesen werden. Unterstützt wurden die beiden dabei von Armin Krenz, dem Entwickler des Situationsorientierten Ansatzes, der die inhaltliche Vorbereitung der Themenschwerpunkte aktiv begleitet hat.

Die drei Ausstellungsvideos eignen sich sowohl für eine intensivere, fachlich fundierte Auseinandersetzung mit den zentralen Themen als auch für den Einsatz bei Elternabenden. Sie bieten eine gute Grundlage, um gemeinsam mit Eltern in einen offenen Gedankenaustausch einzutauchen.

Es gibt drei Möglichkeiten, die Ausstellungsvideos aufzurufen:

  1. über die Eingabe des Suchtextes:
    „Ausstellung Ausschnitte unseres Lebens – eine digitale Ausstellung zur Kindesentwicklung“
  2. über den YouTube-Kanal des Schulfördervereins:
    YouTube-Kanal Schulförderverein Petri
  3. über den Direktlink:
    Direktlink zur Ausstellung

Um eine möglichst breite Bekanntmachung dieser Ausstellungsvideos zu erreichen, wäre es hilfreich, diese Informationen weiterzugeben. Daher bietet es sich an, den Hinweis an interessierte Fachkräfte sowie selbstverständlich auch an Eltern weiterzuleiten. Im Hinblick auf eine entwicklungsförderliche Pädagogik wäre dies sehr zu begrüßen.

Märchen – ein Zaubermittel für Sprachbildung und Sprachentwicklung

Die Ausstellungsvideos stehen zugleich im thematischen Zusammenhang mit der Zeltfachtagung 2026 in Aderstedt am Huy, die ebenfalls vom Schulförderverein Petri Schwanebeck organisiert wird. Unter dem Titel „Märchen – ein Zaubermittel für Sprachbildung und Sprachentwicklung“ beschäftigt sich die Tagung mit aktuellen Erkenntnissen zur Sprachbildung in der frühen Kindheit und der Bedeutung von Märchen für Entwicklungs- und Bildungsprozesse in der Kita.

Die zweitägige Fortbildung findet am 11. und 12. September 2026 statt und richtet sich an pädagogische Fachkräfte aus Kita, Krippe und Hort sowie an weitere Interessierte.

Weitere Informationen zur Zeltfachtagung und zur Anmeldung finden Sie unter:

Online-Anmeldung Zeltfachtagung 2026




Die Verlässlichkeit sozialwissenschaftlicher Studien auf dem Prüfstand

Warum Neurowissenschaften und Medizin in der Bildungsdebatte zunehmend an Gewicht gewinnen

Die Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse steht und fällt mit ihrer Reproduzierbarkeit. Nur wenn Studien unter vergleichbaren Bedingungen zu ähnlichen Ergebnissen führen, gelten ihre Aussagen als belastbar. Eine nun veröffentlichte Großstudie in der renommierten Fachzeitschrift Nature stellt dieses Prinzip für die Sozial- und Verhaltenswissenschaften in Teilen infrage – mit weitreichenden Konsequenzen auch für die Pädagogik.

Im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts SCORE (Systematizing Confidence in Open Research and Evidence) analysierten mehr als 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nahezu 4.000 Forschungsaussagen aus mehreren hundert Studien. Beteiligt war unter anderem die Constructor University in Bremen. Das zentrale Ergebnis: Nur etwa 50 Prozent der untersuchten Befunde konnten erfolgreich repliziert werden.

Reproduzierbarkeit als Schwachstelle sozialwissenschaftlicher Forschung

Die Studie macht deutlich, dass viele sozialwissenschaftliche Ergebnisse stark von sogenannten Randbedingungen abhängen. Dazu zählen kulturelle Kontexte, zeitliche Veränderungen oder spezifische Stichproben. Was unter bestimmten Umständen gilt, kann unter anderen Bedingungen nicht mehr nachweisbar sein.

Ein einfaches Beispiel: Eine Studie, die vor Jahren eine bestimmte emotionale Reaktion auf ein Video gemessen hat, kann heute zu völlig anderen Ergebnissen führen – schlicht, weil sich Humor, gesellschaftliche Normen oder mediale Gewohnheiten verändert haben.

Diese Kontextabhängigkeit ist kein methodischer Fehler, sondern ein strukturelles Merkmal sozialwissenschaftlicher Forschung. Sie erschwert jedoch die Übertragbarkeit und Verallgemeinerung von Ergebnissen erheblich.

Pädagogik zwischen Anspruch und Evidenzproblem

Gerade in der Pädagogik hat diese Problematik besondere Relevanz. Denn pädagogische Konzepte und Handlungsempfehlungen basieren häufig auf sozialwissenschaftlichen Studien. Wenn deren Ergebnisse jedoch nur eingeschränkt reproduzierbar sind, entsteht eine gewisse Unsicherheit:

  • Welche Methoden sind tatsächlich wirksam?
  • Welche Effekte sind stabil – und welche nur situationsabhängig?
  • Wie belastbar sind pädagogische „Best Practices“?

Hinzu kommt, dass pädagogische Forschung oft normativ geprägt ist. Sie beschreibt nicht nur, was ist, sondern auch, was sein sollte. Das macht sie wertvoll – aber zugleich anfälliger für unterschiedliche Interpretationen.

Warum Neurowissenschaften und Medizin als verlässlicher gelten

Vor diesem Hintergrund orientieren sich viele Fachpublikationen – etwa im Bereich der frühkindlichen Bildung – zunehmend an Erkenntnissen aus Neurowissenschaften und Medizin.

Der Grund liegt in der methodischen Struktur dieser Disziplinen:

  • Höhere Standardisierung: Experimente erfolgen unter kontrollierten Bedingungen
  • Biologische Messbarkeit: Gehirnaktivität, Stressreaktionen oder Lernprozesse lassen sich objektiv erfassen
  • Reproduzierbarkeit: Ergebnisse sind häufig stabiler und unabhängiger von kulturellen Schwankungen

Während sozialwissenschaftliche Studien stark vom Kontext abhängen, zielen neurowissenschaftliche und medizinische Ansätze auf universelle Prozesse ab – etwa die Funktionsweise des Gehirns oder grundlegende Lernmechanismen.

Spielen als Lernmotor – interdisziplinär bestätigt

Ein zentrales Beispiel für diese stärkere Evidenz ist die Bedeutung des Spiels für kindliches Lernen. Während die Pädagogik seit Jahrzehnten die Rolle des Spiels betont, liefern Neurowissenschaften und Entwicklungsmedizin heute zusätzliche empirische Bestätigungen:

Kinder können in frühen Entwicklungsphasen nicht abstrakt lernen, weil ihr Gehirn noch stark erfahrungs- und handlungsgebunden organisiert ist. Auf Basis zahlreicher neurowissenschaftlicher Studien konnte festgestellt werden, dass sich insbesondere jene Hirnareale, die für abstraktes Denken, Planung und symbolische Verarbeitung zuständig sind – vor allem der präfrontale Cortex – noch in einem langandauernden Reifungsprozess befinden. Lernen erfolgt in der Kindheit daher primär über konkrete Sinneserfahrungen, Bewegung und soziale Interaktion.

Abstrakte Inhalte, die keinen direkten Bezug zur Lebenswelt haben, können vom kindlichen Gehirn nur schwer verarbeitet und kaum nachhaltig gespeichert werden. Erst wenn Kinder Dinge sehen, anfassen, ausprobieren und in einen sinnhaften Zusammenhang bringen, entstehen stabile neuronale Netzwerke. Genau hier setzt das Spiel an: Es verbindet Wahrnehmung, Handlung und Emotion zu einem kohärenten Lernprozess.

Gleichzeitig fördert spielerisches Lernen die sogenannte neuronale Plastizität – also die Fähigkeit des Gehirns, sich durch Erfahrung strukturell zu verändern. Wiederholte, selbstgesteuerte Handlungen im Spiel stärken synaptische Verbindungen deutlich nachhaltiger als rein instruktionale Lernformen. Aus entwicklungsneurologischer Perspektive gilt daher: Kinder lernen nicht durch abstrakte Belehrung, sondern durch aktives Tun – und das Spiel ist dafür die effektivste Form.

Damit wird ein pädagogisches Prinzip auch biologisch eindeutig untermauert. Genau hier entsteht eine Schnittstelle, an der sich unterschiedliche Disziplinen sinnvoll ergänzen.

Digitale Frühbildung im Widerspruch zur Entwicklungsforschung

Vor diesem Hintergrund ist auch der zunehmende Ruf nach „digitaler Bildung“ im frühen Kindesalter kritisch zu bewerten. Während Teile der Pädagogik bereits für den Einsatz von Bildschirmmedien in Kita und Kindergarten plädieren, zeichnen Erkenntnisse aus Neurowissenschaften und Medizin ein deutlich zurückhaltenderes Bild.

Gerade in den ersten Lebensjahren ist das Gehirn auf unmittelbare, körperliche und soziale Erfahrungen angewiesen. Lernen vollzieht sich über Bewegung, Interaktion und sinnliche Wahrnehmung – nicht über zweidimensionale, passiv konsumierte Reize. Bildschirmbasierte Angebote reduzieren jedoch genau diese Erfahrungsqualitäten: Sie begrenzen die aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt, schwächen dialogische Prozesse und verringern die Eigenaktivität des Kindes.

Vor diesem Hintergrund erscheint es fachlich problematisch, wenn Empfehlungen zum frühen Medieneinsatz formuliert werden, die diesen grundlegenden entwicklungsneurologischen Erkenntnissen widersprechen. Der Verweis auf „digitale Kompetenzen“ greift hier zu kurz, wenn er zentrale Voraussetzungen kindlicher Entwicklung außer Acht lässt.

Eine verantwortungsvolle Bildungspraxis sollte sich daher an den robustesten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Wenn medizinische und neurowissenschaftliche Befunde übereinstimmend darauf hinweisen, dass frühe Bildschirmnutzung entwicklungshemmende Effekte haben kann, sollte dies in pädagogischen Konzepten konsequent berücksichtigt werden – insbesondere in einer Phase, in der die Grundlagen für Lernen, Denken und soziale Entwicklung gelegt werden.

Kein Vertrauensverlust, sondern ein Entwicklungsschritt

Wichtig ist: Die Ergebnisse der SCORE-Studie bedeuten keine generelle Abwertung der Sozialwissenschaften. Im Gegenteil: Sie zeigen eine hohe Selbstreflexion innerhalb des Fachgebiets.

Die zunehmende Offenheit – etwa durch Open-Science-Initiativen, transparente Datensätze und Vorregistrierungen von Studien – stärkt langfristig die Qualität der Forschung. Auch gescheiterte Replikationen liefern wertvolle Erkenntnisse darüber, unter welchen Bedingungen bestimmte Effekte auftreten.

Konsequenzen für die Praxis

Für die pädagogische Praxis ergibt sich daraus eine differenzierte Perspektive:

  • Sozialwissenschaftliche Studien bleiben unverzichtbar für das Verständnis von Bildung, Beziehung und Entwicklung
  • Gleichzeitig gewinnen naturwissenschaftliche Erkenntnisse an Bedeutung, wenn es um grundlegende Lernprozesse geht
  • Eine interdisziplinäre Orientierung erhöht die Qualität pädagogischer Entscheidungen

Gerade im Feld der frühen Bildung erscheint es daher sinnvoll, beide Perspektiven zu kombinieren: die Kontextsensibilität der Pädagogik und die empirische Robustheit von Neurowissenschaft und Medizin.

Unser Anspruch: Wissenschaftliche Qualität prüfen und einordnen

Genau diesen Anspruch verfolgen wir seit vielen Jahren bei spielen und lernen. Im Sinne des Grundprinzips „Follow the Science“ veröffentlichen wir Studien nicht unreflektiert, sondern prüfen sie systematisch auf ihre methodische Qualität, Aussagekraft und Übertragbarkeit in die Praxis. Entsprechende Einordnungen finden Sie in nahezu allen unseren Beiträgen zu wissenschaftlichen Untersuchungen.

Unser Ziel ist es, belastbare Erkenntnisse von weniger tragfähigen Befunden zu unterscheiden – kurz: die Spreu vom Weizen zu trennen. Umso kritischer betrachten wir Aussagen, die ohne fundierte empirische Grundlage getroffen werden, sowie Studien, die grundlegende wissenschaftliche Standards nicht erfüllen.

Denn im Kern geht es um das, was nicht verhandelbar ist: die Entwicklung und Zukunft unserer Kinder. Gerade deshalb verstehen wir uns als verlässliche Orientierungspartnerinnen und -partner für alle, die Verantwortung tragen. Das schließt ein, Position zu beziehen – auch dann, wenn dies mitunter unbequem ist.

Gernot Körner




Ein Bildwörterbuch für die Sprachbildung

Kinderbuchautorin Daniela Kulot erzählt, wie sie an ihr Bildwörterbuch herangegangen ist und was es kleinen Kindern, die sich die Welt und die Sprache erschließen, mitgeben kann:

»Als der Verlag die Idee an mich herantrug, ein Bildwörterbuch zu kreieren, dachte ich, das ist doch ein Ding der Unmöglichkeit. Wie kann man denn in einem Bilderbuch mit nur 14 Seiten die Welt erklären? Ich ließ mir die Idee trotzdem immer wieder durch den Kopf gehen, und dann kam der Punkt, an dem ich sagte, was für eine Chance, was für eine Möglichkeit!

Ich muss die Welt nicht erklären, aber dieses Projekt ist eine Chance für mich, meinen vielen Bildideen freien Lauf zu lassen, meine Bildideen in Themenbereiche wie z. B. Mensch/Tier, Stadt/Land, Jahreszeiten, Elemente, Zahlen, Gegensätze etc. zu sortieren und diese lustig, ernst, sachlich und vielfältig bunt zu gestalten.

Gleichzeitig ist es die Möglichkeit, auf unterhaltsame Weise den Spracherwerb zu unterstützen, Kindern zusammen mit ihren Erwachsenen ein „Werkzeug“ in die Hand zu geben, um spielerisch mit Sprache umzugehen.

So kann man etwa auf ein Bild deuten, und das Wort dazu aussprechen lassen, oder umgekehrt, das Wort sprechen und das Bild dazu finden, und erklären lassen.

Dazu sind überall kleine Szenen zu entdecken, die zum Erzählen anregen. Da ist zum Beispiel im Themenbereich Mensch eine bunte Menschenansammlung an einer Bushaltestelle. Es geht um die Begriffe stehen und warten. Wir sehen Menschen unterschiedlicher Ethnien und mit ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen. Die eine starrt ins Smartphone, der andere wiegt ein Kind auf dem Arm, wieder andere sitzen auf der Bank und knutschen. So kann auch, ohne es direkt zu benennen, Vielfalt in unserer Gesellschaft vermittelt werden. Gleichzeitig bieten solche Szenen Anlass zu weiterführenden Gesprächen.«

Das Bildwörterbuch ist Bestandteil einer Lesekiste, die Sie kostenlos für den Einsatz im Kita-Alltag einsetzen können: https://www.gerstenberg-verlag.de/blog/kita/lesekiste-kita-treff/sprachstark-lesekiste-fuer-kindergaerten/

Gewinnen Sie eines von 10 Bildwörterbüchern

Wie viele Begriffe enthält Daniela Kulots neues Bildwörterbuch? Geben Sie die gesuchte Zahl unter dem Stichwort ein. Das Gewinnspiel ist beendendet




Ringvorlesung zur Sprachbildung: Kinderrechte, Vielfalt und Inklusion

vorlesung

Kostenfreie Vortragsreihe für Interessierte aus Wissenschaft, Bildungspolitik und Fachpraxis, initiiert von der IU Internationalen Hochschule

Wie können Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung wirksam begleitet werden – und welche Rolle spielen Kinderrechte, Inklusion und gesellschaftliche Vielfalt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die digitale Ringvorlesung „Mitteilen – Miteinander teilen: Kindliche Sprachbildung und -förderung im Zeichen der Kinder- und Menschenrechtsbildung“, die am 20. Oktober 2025 startet. Alle Online-Vorträge sind kostenfrei und richten sich an Fachkräfte, Lehrkräfte, Eltern und alle Interessierten.

Die Reihe läuft bis März 2026, jeweils montags von 18 bis 20 Uhr im dreiwöchigen Rhythmus. Sie vermittelt aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, bildungspolitische Entwicklungen und praxisnahe Ansätze für den pädagogischen Alltag.

Sprachbildung als Schlüssel für Teilhabe

Sprache ist ein Fundament für Bildung, Teilhabe und Demokratie. Doch Sprachbildung ist mehr als ein technisches Werkzeug: Sie bedeutet, Kinderrechte, Vielfalt und Teilhabe konsequent mitzudenken. Genau hier setzt die Ringvorlesung an – mit Impulsen aus Wissenschaft, Politik und Praxis.

„Sprachbildung erfordert eine professionelle Haltung, die Kinderrechte und Vielfalt in den Mittelpunkt stellt“, betonen die Leiterinnen Prof. Dr. Yvonne Decker-Ernst (IU Campus Freiburg) und Prof. Dr. Katharina Gerarts (IU Campus Mainz).

Themenvielfalt von Resilienz bis Mehrsprachigkeit

Die acht Vorträge greifen zentrale Fragen auf:

  • Sprache und mentale Resilienz von Kindern
  • Kulturbewusste Sprachbildung und Kinderschutz
  • Kinderrechte und Demokratie im Kita-Alltag
  • Umgang mit Mehrsprachigkeit
  • Übergänge zwischen Kita und Schule
  • Partizipation als Bedingung für Bildungserfolg

Begleitend erscheint ein Sammelband im Herder Verlag, außerdem ist im Sommer 2026 ein praxisorientierter Fachtag mit Podiumsdiskussion geplant.

Termine im Überblick

  • 12.01.2026: Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Kita
  • 02.02.2026: Diversitätssensible Sprachbildung in Kitas
  • 23.02.2026: Sprachförderung am Übergang Kita–Grundschule
  • 16.03.2026: Beteiligung als Bedingung für Bildungserfolg

👉 Mehr Informationen und Anmeldung: https://www.iu.de/duales-studium/b2b-newsletter/events-2025/ringvorlesung-wise-25-26/




Matheunterricht: Mehr Sprechen fördert das Verstehen

Sprachbildender Mathematikunterricht hilft schwachen wie starken Schülerinnen und Schülern

Nicht mehr rechnen, sondern mehr reden kann Schülerinnen und Schülern dabei helfen, ihre Mathekenntnisse zu verbessern. Gestalten Lehrkräfte den Unterricht so, dass mathematische Ideen häufiger diskutiert und begründet werden sollen, profitieren Schülerinnen und Schüler auf allen Leistungsniveaus davon. Das zeigt eine neue Studie mit knapp 600 Kindern und Jugendlichen, die von einem Team der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), der Technischen Universität Dortmund und des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) durchgeführt wurde. Sie erschien im „Journal for Research in Mathematics Education“.

Sprachkompetenz entscheidend

Ziel der neuen Studie war es zu untersuchen, ob sich durch eine gezielte Sprachförderung die mathematischen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler verbessern lassen. „Aus früheren Studien wissen wir, dass es einen Zusammenhang zwischen der Sprachkompetenz der Kinder im Deutschen und ihrer Leistung im Mathematikunterricht gibt. Die Sprachkompetenz hatte dabei einen größeren Einfluss als etwa der sozioökonomische Status der Kinder“, sagt die Mathematikdidaktikerin Prof. Dr. Kirstin Erath von der MLU. Die Forscherinnen unterscheiden dabei zwischen einer Alltags- und einer Bildungssprachkompetenz. „Viele Schülerinnen und Schüler, die Probleme im Matheunterricht haben, sind im alltäglichen Sprachgebrauch sehr erfolgreich. Im Bildungsbereich fehlen ihnen dann aber die passenden Kompetenzen, um beispielsweise zu mathematischen Erklärungen im Unterricht beizutragen“, sagt Erath weiter.

589 Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 bis 7

Im Rahmen der groß angelegten Studie mit 589 Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 bis 7 untersuchten die Forscherinnen der MLU, der TU Dortmund und des IPN diesen Zusammenhang. Die Schülerinnen und Schüler wurden zufällig in drei Gruppen aufgeteilt: In einer Gruppe wurde mathematisches Verständnis gefördert, indem die Lernenden immer wieder zum Erklären und Begründen aufgefordert wurden. Eine zweite Gruppe erhielt zusätzlich so genannte lexikalische Lerngelegenheiten, zum Beispiel Informationen zu Satzbausteinen wie „der Teil vom Ganzen“. In einer dritten Kontrollgruppe wurde der Standardunterricht ohne zusätzliche Lernangebote durchgeführt. Vor und nach den Unterrichtseinheiten testeten die Forscherinnen die mathematischen Fähigkeiten der Kinder.

Sprachbildender Mathematikunterricht

Das Ergebnis: Die Schülerinnen und Schüler profitierten von dem sprachbildenden Mathematikunterricht – ihre Leistungen verbesserten sich stärker als im Vergleich zu der Kontrollgruppe. „Wenn Schülerinnen und Schüler miteinander ins Gespräch gebracht werden, miteinander interagieren und über den Stoff diskutieren, dann passiert vertieftes Mathematiklernen. Die in der zweiten Gruppe angebotenen Satzbausteine können allerdings einige besser nutzen als andere“, fasst Erath zusammen.

Gute Nachrichten für die Inklusion

Aus Sicht der Projektpartnerin Prof. Dr. Susanne Prediger von der TU Dortmund ist das wichtigste Ergebnis, dass alle Schülerinnen und Schüler von den speziell entwickelten Lerneinheiten profitierten, also auch solche mit guten Leistungen: „Bisher wurde Sprachbildung meist für mehrsprachige Lernende und solche mit Leistungsproblemen als lernwirksam gezeigt. Es freut uns sehr, dass wir zeigen können, dass auch diejenigen, die die Förderung aufgrund ihrer bisherigen Leistungen eigentlich nicht brauchen, davon mathematisch profitieren. Das ist eine gute Nachricht im Hinblick auf Inklusion“, fasst Prediger zusammen. Die neue Studie solle dazu beitragen, möglichst für alle Schülerinnen und Schüler einen Zugang zu Mathematik zu ermöglichen und die Chancen auf eine wirkliche Teilhabe zu verbessern.

Mathematiklehrerinnen und -lehrer könnten ihren Klassen helfen, indem sie solche Lerngelegenheiten häufiger in den Unterricht integrieren und nicht nur die Lösungen abfragen. „Wie es am besten gelingt, die Gespräche unter den Schülerinnen und Schülern anzuregen, hängt auch von den Klassen ab, es gibt keine Patentrezepte“, sagt Erath. Die Erkenntnisse der Didaktikerinnen sollen auch in die Ausbildung angehender Mathematiklehrerinnen und -lehrer einfließen. Außerdem bietet das Team im Rahmen des Deutschen Zentrums für Lehrkräftebildung Mathematik am IPN auch Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer an Schulen an.

Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.


Originalpublikation:
Studie: Prediger S., Erath K., Weinert H. & Quabeck K.. Only for Multilingual Students at Risk? Cluster-Randomized Trial on Language-Responsive Mathematics Instruction. Journal for Research in Mathematics Education (2022). doi: 10.5951/jresematheduc-2020-0193
https://doi.org/10.5951/jresematheduc-2020-0193




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Quelle: Weiterbildungsinitiative Pädagogische Fachkräfte www.weiterbildungsinitiative.de

Barbara Hänel-Faulhaber
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