Schule neu denken: Wie Lernen ohne Druck gelingen kann

Stefan Ruppaner zeigt, wie eine innovative Schule Lernfreude, Selbstständigkeit und Partizipation in den Mittelpunkt stellt
Das Buch Das könnte Schule machen – Wie ein engagierter Pädagoge unser Bildungssystem revolutioniert von Stefan Ruppaner – unter Mitarbeit der Journalistin und Buchautorin Anke Willers – beschäftigt sich mit völlig neuen Wegen des Lernens und Lehrens in einer Schule, in der Schülerinnen und Schüler ohne Angst ihre Schule besuchen können, in der Stress ein Fremdwort ist und in der Eigenmotivation sowie Lernfreude im Vordergrund stehen. So erläutert der Autor mit vielen Beispielen und anhand einiger Fotos seine Erfahrungen als Schulleiter der Alemannenschule in Baden-Württemberg und dokumentiert ausführlich, wie eine traditionelle Schule in eine vollkommen neue, innovative Lernumgebung umgewandelt wurde, in der es keinen üblichen Frontalunterricht sowie keine festen Prüfungstermine oder Klassenzimmer gibt. Hier leben Lehrkräfte und Schüler*innen losgelöst von einer üblicherweise machtgeprägten und durch starre Unterrichtspläne geprägten Unterrichtsform, wobei kindorientierte Lernmöglichkeiten den Schulalltag kennzeichnen, in dem gegenseitige Wertschätzung gelebt wird und eine reale, ganzheitlich vorhandene Partizipation zum Schulalltag gehört.
Aufbau des Buches
Zunächst lädt der Autor Leser*innen mit den Worten „Kommen Sie, ich zeige Ihnen unsere Schule!“ ein. Dann lässt er uns an seiner eigenen zurückliegenden Schulzeit teilhaben, und als Nächstes folgt sein Faszinationserleben, als er zum ersten Mal etwas von der Bodensee-Schule in Friedrichshafen erfährt. Das motiviert den Autor als Schulleiter und Pädagogen, erste Schritte zu unternehmen, um auch die eigene Schule zu verändern und den Weg zu einer Gemeinschaftsschule in Gang zu setzen – auch, um räumliche Wände und festgefahrene Denkstrukturen zu entfernen.
Dabei wurden vier Leitsätze zum Ausgangs- und Mittelpunkt des neuen „Lernhauses“:
- Wir gehen respektvoll mit Mensch, Tier und Material um.
- Wir machen alles dafür, dass jeder von uns selbstständig lernen kann.
- Jeder von uns hilft mit, die Umgebung so zu gestalten, dass wir uns wohlfühlen.
- Mit dem Herzen dabei!
Lernen neu organisieren
Statt eines klassischen Unterrichts hält die Praxis eines Coachings Einzug in den Lernalltag – unter Nutzung neuer Werkzeuge und Hilfen für ein selbstorganisiertes Lernen: ein persönlicher Stundenplan, Kompetenzraster, sogenannte Stempelkarten als Überblick und Konkretisierung der Inhalte der Kompetenzraster, Materialpakete als Lernmaterialien, Inputstunden als kurze Einführungen in fächerspezifische Themengebiete, das Führen eines Lern-/Schultagebuchs sowie Gelingensnachweise als Ersatz für Klassenarbeiten. Außerdem steht jedem Kind ein persönlicher Lerncoach zur Seite.
Weitere Ausführungen beschäftigen sich mit Hilfen für das Lernen von Regeln, Rücksichtnahme und Social Skills, den erforderlichen Veränderungen für Lehrkräfte, dem Ganztagesrhythmus statt eines 45-minütigen Unterrichtstaktes, der vollkommen anderen Raumgestaltung sowie der Integration der Digitalisierung.
Zwischen Anerkennung und Gegenwind
Im sechsten Kapitel wird beschrieben, wie das neue „Lernhaus“ sowohl mehr Aufmerksamkeit von außen bekam und Neugierde entfachte als auch, mit welchem „Gegenwind“ das neue Schulkonzept zu tun hatte. Kapitel sieben wendet sich dem Aufbau der gymnasialen Oberstufe zu, und im achten Kapitel geht es um „Erfolge, die niemand mehr wegdiskutieren kann“.
Das neunte Kapitel zeichnet auf, wie in dem Lernhaus mit all den Entwicklungsschritten aktuell gearbeitet wird. Dabei kommen auch Schüler*innen selbst zu Wort und schildern, wie sie ihre Schule erleben.
Schließlich kommt der Autor aufgrund seiner umfangreichen Erfahrungen einerseits zu dem Schluss: „Wir brauchen eine Revolution“, und andererseits zeigt er Forderungen und zugleich Wege auf, wie es weitergehen kann und wie die „Schule der Zukunft“ aussehen sollte.
Schlussbemerkung
Das Buch wird all diejenigen Leser*innen faszinieren und regelrecht in seinen Bann ziehen, die sich für eine dringend angezeigte Veränderung unseres durch und durch überholten, traditionsgeprägten Schulsystems interessieren. Durch seine anschauliche Darstellung einer möglichen, Stück für Stück veränderten Schulentwicklung und die vielen praxisnahen Beispiele aus dem Schulalltag kommt das Buch einem überaus spannenden Kriminalroman gleich.
Dabei wird gleichzeitig deutlich, wie das jahrelange, unermüdliche Engagement sowie das Durchhaltevermögen, die Innovationsfreude und der Mut einer Person dazu beitragen können, wirklich etwas ganz Neues zu erschaffen, um Schule als Lernort so zu gestalten, dass Kinder und ihre Lernfreude im Mittelpunkt stehen.
Damit machen die Ausführungen deutlich, dass Veränderungen im Bildungssystem möglich sind – jedoch nur, wenn ein ausgeprägtes Zielbewusstsein, Engagement, Kreativität, Innovationsfreude, Konfliktkompetenz und Teamarbeit vorhanden sind. Die für Schüler*innen geltenden Ziele wie beispielsweise Selbstbildung, Autonomie, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung werden damit zugleich zu geforderten Persönlichkeitsmerkmalen für Lehrkräfte.
Dazu passen drei wegweisende Zitate:
- „Du kannst den anderen nur so weit bringen, wie du selbst gekommen bist.“ (C. G. Jung)
- „Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.“ (Augustinus)
- „Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen.“ (Mahatma Gandhi)
Daher ist diese Publikation ein durch und durch inspirierendes und zukunftsorientiertes Buch, das wichtige Impulse für die Weiterentwicklung des Bildungssystems liefert. Es regt zum kritischen Nachdenken über unsere jahrzehntealte traditionelle Unterrichtsform an und zeigt, wie Lernen kindorientierter, nachhaltiger und motivierender für Schülerinnen und Lehrerinnen gestaltet werden kann.
Damit eignet sich das Buch besonders für Personen, die sich mit einer zeitgemäßen Pädagogik beschäftigen, wirklich neue Ideen für Schule und Unterricht suchen, und sollte unbedingt als Ausgangspunkt für Diskussionen über die Schule der Zukunft dienen.
Armin Krenz
Bibliografie

Ruppaner, Stefan:
Das könnte Schule machen.
Wie ein engagierter Pädagoge unser Bildungssystem revolutioniert.
Unter Mitarbeit von Anke Willers.
Rowohlt Verlag,
4. Auflage 2025.
238 Seiten, 18,00 €.
ISBN: 978-3-499-01639-4.