Warum Bildungschancen oft schon in der frühen Kindheit entschieden werden

Eine neue Langzeitstudie zeigt, wie stark soziale Herkunft Kompetenzen, Noten und Bildungsentscheidungen über den gesamten Bildungsweg hinweg beeinflusst

Dass Kinder mit unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen auch unterschiedliche Bildungschancen haben, ist seit vielen Jahren bekannt. Eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) zeigt nun jedoch erstmals besonders umfassend, wie sich diese Unterschiede über den gesamten Bildungsweg hinweg entwickeln – von der frühen Kindheit bis zum Übergang in Studium oder Beruf.

Die Untersuchung stützt sich auf Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) und analysiert den Einfluss sozialer Herkunft auf Kompetenzen, Bildungsentscheidungen und schulische Bewertungen. Die Forschenden Marcel Helbig, Claudia Karwath und Corinna Kleinert betrachten dabei nicht nur einzelne Bildungsphasen, sondern verfolgen Bildungsbiografien über viele Jahre hinweg.

Das zentrale Ergebnis der Studie: Bildungsungleichheiten entstehen bereits im frühen Kindesalter und bleiben über lange Zeit erstaunlich stabil. Früh auftretende Unterschiede werden im Verlauf der Schulzeit selten vollständig ausgeglichen.

Frühe Unterschiede bei Betreuung und Kompetenzen

Bereits in den ersten Lebensjahren zeigen sich Unterschiede in der Nutzung frühkindlicher Bildungsangebote. Im zweiten Lebensjahr nehmen vor allem Kinder von Eltern mit hohem beruflichem Status häufiger außerfamiliäre Betreuung in Anspruch. In den darauffolgenden Jahren gewinnt zunehmend das Bildungsniveau der Eltern an Bedeutung.

Kinder aus Familien mit niedrigerem Bildungsniveau besuchen vor dem vierten Lebensjahr deutlich seltener eine Kindertageseinrichtung. Dadurch entstehen bereits früh Unterschiede in der Förderung von Sprache, Denken und sozialem Lernen.

Diese frühen Unterschiede spiegeln sich auch in den Kompetenzen wider. Schon im Kleinkindalter zeigen sich systematische Unterschiede im Wortschatz sowie in ersten mathematischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten. Bis zum Schuleintritt vergrößern sich diese Unterschiede weiter.

Auch im weiteren Bildungsweg bleiben sie sichtbar. Unterschiede zeigen sich unter anderem bei Lesekompetenzen, mathematischen Leistungen sowie digitalen Fähigkeiten.

Am Ende der Grundschule gehört beispielsweise nur etwa jedes achte Kind aus unteren sozialen Schichten zu den leistungsstärksten Schülerinnen und Schülern in Mathematik, während es bei Kindern aus privilegierten Familien rund 40 Prozent sind.

Übergänge im Bildungssystem verstärken Ungleichheiten

Besonders deutlich treten soziale Unterschiede an entscheidenden Übergängen im Bildungssystem hervor. Der Wechsel von der Grundschule in eine weiterführende Schule gilt dabei als eine zentrale Weichenstellung.

Hier zeigt sich, dass Kinder aus sozial privilegierten Familien häufiger bessere Noten erhalten, selbst wenn ihre Kompetenzen vergleichbar sind mit denen anderer Kinder.

Auch bei Gymnasialempfehlungen lassen sich Unterschiede feststellen. Schülerinnen und Schüler aus Familien mit niedrigem beruflichem Status oder niedrigerem Bildungsniveau werden bei gleichen Leistungen seltener für das Gymnasium empfohlen.

Neben schulischen Bewertungen spielen auch die Entscheidungen der Eltern eine wichtige Rolle. Familien mit höherem sozialen Status melden ihre Kinder häufiger am Gymnasium an – selbst dann, wenn keine entsprechende Empfehlung vorliegt.

Diese Kombination aus institutionellen Entscheidungen, schulischen Bewertungen und familiären Strategien trägt dazu bei, dass sich Bildungsunterschiede im Laufe der Schulzeit weiter verfestigen.

Studienchancen stark von sozialer Herkunft abhängig

Auch im weiteren Verlauf der Schulzeit bleiben die Unterschiede deutlich sichtbar. Zwar verringern sich einige Unterschiede beim Übergang in die gymnasiale Oberstufe, dennoch bleibt der Abstand zwischen sozialen Gruppen groß.

Am Ende der Schulzeit erreichen Jugendliche aus privilegierten Familien deutlich häufiger die (Fach-)Hochschulreife. Während mehr als drei Viertel der Jugendlichen aus hohen sozialen Schichten eine Studienberechtigung erlangen, gelingt dies nur etwa einem Drittel der Jugendlichen aus niedrigeren sozialen Schichten.

Besonders bemerkenswert ist ein weiterer Befund der Studie: Selbst bei vergleichbaren schulischen Kompetenzen haben Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien ein höheres Risiko, maximal einen Hauptschulabschluss zu erreichen.

Der Bildungssoziologe Marcel Helbig weist darauf hin, dass dieser Befund dem grundlegenden Leistungsprinzip moderner Bildungssysteme widerspricht. Eigentlich sollten schulische Abschlüsse in erster Linie die tatsächlich erworbenen Kompetenzen widerspiegeln.

Migration spielt eine geringere Rolle als soziale Lage

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Studie betrifft den Migrationshintergrund. Häufig wird vermutet, dass Kinder mit Migrationsgeschichte besonders stark benachteiligt sind.

Die Untersuchung zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Bei vergleichbaren sozialen Voraussetzungen werden Kinder mit Migrationshintergrund weder schlechter bewertet noch systematisch benachteiligt.

Niedrigere Schulabschlüsse lassen sich vor allem durch die sozioökonomische Lage der Familien erklären – etwa geringere finanzielle Ressourcen oder ein niedrigeres Bildungsniveau der Eltern.

Langzeitstudie eröffnet neue Perspektiven

Die Studie „Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen“ zeichnet damit ein deutlich umfassenderes Bild von Bildungsungleichheiten als punktuelle Leistungsstudien wie PISA oder der IQB-Bildungstrend.

Durch die Langzeitperspektive des Nationalen Bildungspanels lassen sich erstmals entscheidende Phasen identifizieren, in denen sich Bildungsunterschiede besonders stark ausprägen. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung auch, an welchen Stellen im Bildungssystem Ansatzpunkte für mehr Chancengerechtigkeit liegen könnten.

Die Ergebnisse machen deutlich: Zwischen dem gesellschaftlichen Anspruch auf gleiche Bildungschancen und der Realität vieler Bildungsbiografien besteht weiterhin eine erhebliche Lücke.

Quelle:

Helbig, M.; Karwath, C.; Kleinert, C.: Von der Kita bis zur Uni: Wie soziale Ungleichheiten unseren Bildungsweg beeinflussen.
Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), https://www.waxmann.com/buecher/?tx_p2waxmann_buchliste%5bbuchnr%5d=200016&tx_p2waxmann_buchliste%5baction%5d=show

Link zur Kurzfasasung: https://www.lifbi.de/Portals/2/Publikationen/Transferberichte/LIfBi%20Forschung%20kompakt/LIfBi-Forschung-kompakt%20_07_Soziale%20Ungleichheiten.pdf




Online-Infoabende zur Elementarpädagogik an der PH Niederösterreich

Wer mit jungen Kindern arbeiten möchte, erhält im Februar 2026 online Einblicke in Studium und Weiterbildung

Wer sich für Bildung von Anfang an interessiert und beruflich im Bereich der frühen Kindheit tätig werden möchte, kann sich im Februar 2026 im Rahmen mehrerer Online-Informationsabende über Studien- und Weiterbildungsangebote der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich informieren. Die Veranstaltungen richten sich an alle, die sich für Elementarpädagogik und inklusive frühkindliche Bildung interessieren — unabhängig davon, ob sie am Beginn ihrer beruflichen Orientierung stehen oder bereits pädagogisch tätig sind.

Die Teilnahme ist online, kostenlos und unverbindlich möglich.

Für wen sind die Informationsabende gedacht?

Die Online-Abende richten sich an:

  • Personen, die überlegen, Elementarpädagog*in zu werden,
  • Interessierte an inklusiven Zugängen in der frühen Bildung,
  • Berufstätige, die sich akademisch weiterqualifizieren möchten.

Angesprochen sind damit sowohl Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger als auch pädagogische Fachkräfte, die ihre Kompetenzen vertiefen oder formalisieren möchten.

Welche Studien- und Weiterbildungsangebote werden vorgestellt?

Vorgestellt werden unterschiedliche Studienformate im Bereich Elementarpädagogik und Inklusive Elementarpädagogik — darunter:

  • das neue Bachelorstudium,
  • Hochschullehrgänge zur Weiterbildung,
  • weiterführende Bachelor- und Masterangebote.

Die Teilnehmenden erhalten Einblick in Inhalte, Aufbau und Anforderungen der einzelnen Programme und erfahren, welche Qualifikationen für welche beruflichen Perspektiven sinnvoll sind.

Direkter Austausch mit den Studienverantwortlichen

Ein zentraler Bestandteil der Informationsabende ist der direkte Kontakt mit den Ansprechpersonen der Studiengänge. Interessierte können Fragen stellen, individuelle Voraussetzungen klären und sich persönlich beraten lassen. Damit bieten die Veranstaltungen nicht nur einen Überblick, sondern auch eine fundierte Orientierungshilfe für die eigene Bildungs- und Berufsentscheidung.

Frühkindliche Bildung als wachsendes Berufsfeld

Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften in der Elementarpädagogik wächst — ebenso wie die Bedeutung inklusiver, diversitätssensibler Bildungsansätze. Die Informationsabende der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich greifen diese Entwicklungen auf und zeigen, welche akademischen Wege in dieses Berufsfeld führen und wie sich bestehende Kompetenzen gezielt weiterentwickeln lassen.

Hier finden Sie alle Termine mit Zoom-Links, Uhrzeiten und Zugangsdaten




Anrechnung der Erzieherinnenkompetenzen auf den Bachelor Soziale Arbeit

AnKE-Verfahren ermöglicht seit über 10 Jahren Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf das Studium der Sozialen Arbeit

Erzieher:innen bringen mit ihrer Ausbildung sowie ihrer praktischen Berufserfahrung wichtige Kompetenzen für eine Tätigkeit in der Sozialen Arbeit mit. Aus diesem Grund wurde 2010 die Einführung des Verfahrens „Anrechnung der Kompetenzen von Erzieherinnen und Erziehern auf den Bachelor Soziale Arbeit“ (AnKE) an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) beschlossen und 2012 per Senatsbeschluss in den Allgemeinen Bestimmungen für Prüfungsordnungen (ABPO) verankert. Studierende der Sozialen Arbeit, die eine staatliche Anerkennung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher nachweisen, können sich hiermit vier Module, also ein Semester, auf ihr Studium anrechnen lassen und gewinnen so mehr Zeit, neben dem Studium weiter in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe tätig zu sein. Dabei kommen wiederum ihre zusätzlich an der Hochschule erworbenen Kompetenzen zum Tragen.

Durchlässigkeit von der Ausbildung zum Studium

Seit mittlerweile zehn Jahren eröffnet AnKE Erzieherinnen und Erziehern mit staatlicher Anerkennung die Chance auf vielfältige berufliche Einsatzmöglichkeiten in allen Bereichen der Sozialen Arbeit“, freut sich Prof. Dr. Barbara Klein, Dekanin des Fachbereichs Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt UAS. „Die Frankfurt UAS leistet damit die allseits geforderte Erhöhung des Anteils akademisch qualifizierter Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen und schafft – ganz nach dem Prinzip des Lebenslangen Lernens – die Durchlässigkeit von der Ausbildung zum Studium.“

Die Nachfrage nach Anrechnung ist groß

Die Nachfrage nach Anrechnung ist groß – seit Start von AnKE haben mehr als 700 Studierende unter Anrechnungsbedingungen studiert. Insgesamt stellen rund 30 Studierende pro Semester einen Antrag auf Anrechnung ihrer Ausbildung. Die Erzieher:innen reduzieren durch das AnKE-Verfahren ihr Studium der Sozialen Arbeit um 30 ETCS oder 1 Semester. „Ermöglicht wurde das Anrechnungsverfahren insbesondere durch die Kooperation mit den inzwischen 13 hessischen Fachschulen für Sozialwesen, Fachrichtung Sozialpädagogik, mit denen wir erst kürzlich unsere Kooperationsvereinbarung erneuert haben“, ergänzt Prof. Dr. Carola Berneiser, Studiendekanin des Fachbereichs Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt UAS. „Mit Blick auf den Theorie- und Praxistransfer, auf den wir großen Wert legen, und unseren Auftrag, den Blick auf den sozialen Wandel und ständig veränderte Lebenslagen zu richten, sehen wir in der Kooperation zwischen unserer Hochschule und den Fachschulen eine besondere Chance. Denn ‚gemeinsam‘ können wir am besten auf die Bedarfe in der Praxis reagieren und Menschen ausbilden, die professionell mit Kindern arbeiten können.“

Bundesweites Best-Practice-Beispiel

Das AnKE-Verfahren wurde 2010 in Kooperation mit ursprünglich zehn hessischen Fachschulen für Sozialpädagogik (heute als „Fachschule für Sozialwesen, Fachrichtung Sozialpädagogik“ bezeichnet) entwickelt. Dazu glichen Vertreter:innen der Frankfurt UAS, der Fachschulen, eines öffentlichen sowie eines freien Trägers der Jugendhilfe die Lehrpläne der Fachschulen mit dem Modulhandbuch des Bachelor-Studiengangs auf ihre Anrechnungsfähigkeit ab. Seit dem Wintersemester 2010/11 läuft das Verfahren, dessen Entwicklung in das bis 2017 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit über zwei Millionen Euro geförderte Projekt „MainCareer – Offene Hochschule“ der Frankfurt UAS eingebettet war. Der Fokus lag dabei auf der Entwicklung und Erprobung von Konzepten, die einen Beitrag zur Durchlässigkeit zwischen Berufspraxis und Studium der Informatik, Pflege und Sozialen Arbeit leisten. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) würdigte das AnKE-Verfahren bereits im Mai 2013 als bundesweites Best-Practice-Beispiel.

Kontakt: Frankfurt University of Applied Sciences, Fachbereich 4: Soziale Arbeit und Gesundheit, Simone Strecker, Telefon: +49 69 1533-2603, E-Mail: aaek@fb4.fra-uas.de

Weitere Informationen zum AnKE-Verfahren an der Frankfurt UAS unter http://www.frankfurt-university.de/anke.

Friederike Mannig