Körperliche Strafen schaden Kindern – Folgen für Verhalten und Schulerfolg

Neue Langzeitstudie belegt: Schon gelegentliches Schlagen erhöht Risiko für Aggressionen und schwächere Bildungsabschlüsse
Viele Eltern greifen in stressigen Situationen zu Maßnahmen, die sie selbst als Kinder erlebt haben: ein Klaps auf die Hand, ein Schlag auf den Po oder eine Ohrfeige. Oft geschieht dies in der Annahme, körperliche Strafen würden Kindern Grenzen aufzeigen oder unerwünschtes Verhalten wirksam unterbinden. Eine aktuelle Langzeitstudie des University College London (UCL) kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Körperliche Bestrafung zeigt keine nachweisbaren Vorteile – stattdessen erhöht sie das Risiko für Verhaltensprobleme und schlechtere Bildungsergebnisse bis weit in die Jugend hinein.
Die Untersuchung zählt zu den umfangreichsten britischen Studien zu diesem Thema und liefert neue Hinweise darauf, wie stark das Verhalten von Eltern die Entwicklung ihrer Kinder beeinflussen kann.
Fast 19.000 Kinder über viele Jahre begleitet
Für die Studie werteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Daten der sogenannten Millennium Cohort Study aus. Dabei handelt es sich um eine groß angelegte Langzeituntersuchung, die rund 19.000 Kinder begleitet, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden. Zusätzlich wurden Bildungsdaten aus der National Pupil Database einbezogen.
Die Forschenden analysierten, ob Kinder im Alter von drei, fünf oder sieben Jahren körperlich bestraft worden waren und wie sich dies später auf ihre Entwicklung auswirkte. Besonderes Augenmerk lag auf schulischen Leistungen und sozialem Verhalten während der Jugend.
Schlechtere Bildungsergebnisse bei körperlicher Bestrafung
Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen körperlicher Bestrafung in der frühen Kindheit und späteren schulischen Schwierigkeiten.
Kinder, die im Alter von drei, fünf oder sieben Jahren körperliche Strafen erlebt hatten, erreichten häufiger keine grundlegenden Bildungsabschlüsse als Gleichaltrige ohne solche Erfahrungen. Die Wahrscheinlichkeit, wichtige Schulabschlüsse nicht zu schaffen, lag bei diesen Kindern deutlich höher.
Die Forschenden errechneten, dass körperlich bestrafte Kinder um 5,7 Prozentpunkte häufiger die schulischen Mindestanforderungen verfehlten. Anders ausgedrückt: Fast die Hälfte der betroffenen Kinder erreichte die angestrebten Bildungsziele nicht.
Die Studienautorinnen und -autoren weisen darauf hin, dass schulischer Erfolg von zahlreichen Faktoren beeinflusst wird. Dennoch blieb der Zusammenhang auch nach Berücksichtigung sozialer und familiärer Unterschiede bestehen.
Aggressionen nehmen deutlich zu
Besonders auffällig waren die Ergebnisse beim Sozialverhalten.
Kinder, die zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr körperlich bestraft worden waren, zeigten mit 14 Jahren deutlich häufiger aggressives Verhalten. Die Wahrscheinlichkeit, andere Kinder zu schlagen, zu schubsen oder zu drangsalieren, lag nach Angaben der Forschenden um etwa 35 bis 40 Prozent höher.
Damit bestätigt die Untersuchung frühere internationale Studien, die darauf hinweisen, dass Kinder durch körperliche Bestrafung lernen können, Konflikte mit Gewalt zu lösen.
Die leitende Wissenschaftlerin Dr. Anja Heilmann vom University College London betont:
„Es gibt keine Hinweise darauf, dass körperliche Bestrafung Kindern nützt. Stattdessen sehen wir Zusammenhänge mit einer Reihe negativer kurz- und langfristiger Folgen.“
Die Ergebnisse unterstützen damit die Annahme vieler Entwicklungspsychologinnen und Entwicklungspsychologen, dass Kinder Verhaltensweisen vor allem durch Beobachtung und Nachahmung lernen. Werden Konflikte durch körperliche Gewalt gelöst, kann dies zu einer entsprechenden Verhaltensübernahme führen.
Warum Kinder auf körperliche Strafen reagieren
Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist die Wirkung körperlicher Bestrafung nachvollziehbar. Zwar kann ein Schlag kurzfristig dazu führen, dass ein Kind ein bestimmtes Verhalten beendet. Langfristig lernt das Kind jedoch nicht unbedingt, warum sein Verhalten problematisch war.
Stattdessen können Angst, Scham oder Unsicherheit entstehen. Gleichzeitig wird die Beziehung zwischen Eltern und Kind belastet. Viele Fachleute gehen davon aus, dass eine sichere Bindung und respektvolle Kommunikation wesentlich wirksamer für die Entwicklung von Selbstkontrolle und sozialer Kompetenz sind.
Internationale Forschungsergebnisse zeigen seit Jahren, dass positive Erziehungsstrategien – etwa klare Regeln, konsequente Begleitung, Ermutigung und altersgerechte Erklärungen – nachhaltigere Wirkungen erzielen als körperliche Strafen.
Kinder lernen am Vorbild ihrer Eltern
Die neue Untersuchung macht erneut deutlich, wie stark das Verhalten von Eltern die Entwicklung ihrer Kinder prägt.
Kinder beobachten täglich, wie Erwachsene mit Frustration, Konflikten und schwierigen Situationen umgehen. Werden Probleme mit körperlicher Gewalt beantwortet, kann dies die Botschaft vermitteln, dass Gewalt ein akzeptables Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen ist.
Umgekehrt lernen Kinder durch einfühlsame Grenzsetzung, Konflikte verbal zu lösen, Gefühle zu regulieren und Rücksicht auf andere zu nehmen.
Bewertung der Studie
Die vorliegende Untersuchung besitzt mehrere wissenschaftliche Stärken.
Erstens basiert sie auf einer sehr großen Stichprobe von rund 19.000 Kindern. Dadurch sind statistische Zusammenhänge zuverlässiger erkennbar als in kleineren Untersuchungen.
Zweitens handelt es sich um eine Langzeitstudie. Die Kinder wurden über viele Jahre hinweg begleitet, wodurch Entwicklungen vom Vorschulalter bis in die Jugend nachvollzogen werden konnten.
Drittens berücksichtigten die Forschenden zahlreiche familiäre und soziale Einflussfaktoren. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass die Ergebnisse allein durch Unterschiede im sozialen Hintergrund erklärt werden können.
Gleichzeitig sollten die Ergebnisse vorsichtig interpretiert werden. Die Studie weist Zusammenhänge nach, kann jedoch nicht mit letzter Sicherheit beweisen, dass körperliche Bestrafung allein die Ursache für spätere Bildungs- und Verhaltensprobleme ist. Andere Faktoren innerhalb der Familie können ebenfalls eine Rolle spielen.
Dennoch fügen sich die Befunde in ein inzwischen sehr umfangreiches internationales Forschungsbild ein. Zahlreiche Studien aus verschiedenen Ländern kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Körperliche Bestrafung bringt keine erkennbaren Vorteile für die Entwicklung von Kindern, ist aber mit erhöhten Risiken für emotionale, soziale und schulische Probleme verbunden.
Klare Botschaft für Erziehende
Die Studie liefert eine klare Botschaft: Kinder profitieren von einer Erziehung, die auf Respekt, Beziehung und Orientierung setzt statt auf körperliche Strafen.
Grenzen bleiben wichtig. Entscheidend ist jedoch, wie sie vermittelt werden. Eltern, die ruhig bleiben, Regeln erklären und konsequent handeln, fördern nicht nur die Zusammenarbeit ihrer Kinder, sondern unterstützen auch deren soziale und emotionale Entwicklung langfristig.
Quellen
Heilmann, A. et al. (2026): Physical punishment, educational attainment and behavioural outcomes in childhood and adolescence. University College London (UCL), London.
Millennium Cohort Study (MCS), UCL Centre for Longitudinal Studies.
NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children): Begleitende Veröffentlichung zur Studie.
Berichterstattung: The Independent, News Letter, Juli 2026.