150.000 neue Ganztagsplätze an Grundschulen bis 2030 nötig

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt: Vor allem in Westdeutschland fehlen trotz Rechtsanspruch ab 2026 noch zehntausende Ganztagsplätze an Grundschulen – besonders in Bayern und NRW

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule kommt – doch vor allem in Westdeutschland fehlen noch viele Plätze. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Demnach müssen bis zum Schuljahr 2029/30 rund 150.000 zusätzliche Ganztagsplätze geschaffen werden, damit der Anspruch bundesweit erfüllt werden kann.

Rechtsanspruch startet ab 2026

Ab dem Schuljahr 2026/2027 gilt der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz zunächst für Kinder der ersten Klassenstufe. In den darauffolgenden Jahren wird er schrittweise auf die Klassen 2 bis 4 ausgeweitet.

Ziel ist es, Familien zu entlasten und Kindern bessere Bildungs- und Entwicklungschancen zu eröffnen. Doch besonders in den westdeutschen Bundesländern klafft noch eine deutliche Lücke zwischen Angebot und Bedarf.

Besonders großer Bedarf in Bayern und NRW

Die IW-Berechnungen zeigen deutliche regionale Unterschiede:

  • Nordrhein-Westfalen: rund 45.300 fehlende Plätze
  • Bayern: rund 42.300 fehlende Plätze

Geht man sogar von einer Zielquote von 75 Prozent ganztags betreuter Grundschulkinder aus, steigt der Bedarf drastisch: Mehr als 570.000 zusätzliche Plätze wären dann bundesweit erforderlich.

Allein in:

  • Bayern: etwa 204.000 Plätze
  • Nordrhein-Westfalen: rund 126.000 Plätze
  • Baden-Württemberg: etwa 105.000 Plätze

Hier zeigt sich: Der Ausbau ist vielerorts noch eine enorme Kraftanstrengung.

Hamburg und Ostdeutschland als Vorbilder

Ganz anders stellt sich die Situation in Ostdeutschland und in Hamburg dar. Dort werden bereits heute deutlich mehr als 75 Prozent der Grundschulkinder ganztags betreut.

Zwar gibt es auch hier kleinere Unterschiede zwischen den von Eltern gewünschten Betreuungszeiten und der tatsächlichen Quote, doch durch sinkende Kinderzahlen dürften sich diese Lücken schließen. Ein größerer weiterer Ausbau scheint aktuell nicht nötig.

Qualität entscheidet über Attraktivität

Neben dem quantitativen Ausbau spielt die Qualität der Angebote eine entscheidende Rolle.

IW-Experte Wido Geis-Thöne betont: Ganztagsangebote müssen für Familien attraktiv sein. Dazu gehören unter anderem:

  • verlässliche und flexible Öffnungszeiten
  • gute pädagogische Qualität
  • Ferienbetreuung
  • bezahlbare Elternbeiträge

Ganztagsbetreuung stärkt nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie bietet Kindern zusätzliche Lern- und Fördermöglichkeiten, soziale Erfahrungen und bessere Teilhabechancen.

Wie wurde gerechnet?

Für die Studie hat das IW den voraussichtlichen Bedarf im Schuljahr 2029/2030 berechnet. Grundlage waren:

  • die prognostizierte Entwicklung der Grundschulkinderzahlen
  • die im Jahr 2024 von Eltern geäußerten Betreuungswünsche
  • das aktuell vorhandene Angebot an Ganztagsplätzen

Das Ergebnis macht deutlich: Der Rechtsanspruch ist politisch beschlossen – doch insbesondere in Westdeutschland bleibt der Weg bis zur flächendeckenden Umsetzung noch weit. In vielen Regionen wird sich in den kommenden Jahren einiges bewegen. Entscheidend wird sein, dass nicht nur neue Plätze entstehen – sondern gute Ganztagsschulen, in denen Kinder gerne lernen und leben.




Einkommensverlust von Müttern nach Geburt weit höher als gedacht

Neue ZEW-Studie: Junge Mütter verlieren bis zu 30.000 Euro in den ersten Jahren – bisherige Schätzungen deutlich zu niedrig

Der Einkommensverlust von Müttern nach der ersten Geburt ist in Deutschland erheblich größer als bisher angenommen. Laut einer neuen Studie des ZEW Mannheim und der Universität Tilburg verdienen Frauen im vierten Jahr nach der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt fast 30.000 Euro weniger als gleichaltrige Frauen ohne Kinder – rund 30 Prozent mehr Verlust, als frühere Berechnungen gezeigt hatten.

Junge Mütter besonders stark betroffen

Vor allem Frauen, die vor dem 30. Lebensjahr Mutter werden, sind betroffen. Sie verlieren nicht nur Einkommen im Hier und Jetzt, sondern verpassen auch wichtige Karriereschritte in einer Phase, in der Gehaltszuwächse normalerweise besonders stark ausfallen. Dadurch bleibt ihr beruflicher Rückstand häufig dauerhaft bestehen.

„Werden Frauen unter 30 Jahren erstmals Mutter, verpassen sie entscheidende Karriereschritte in der frühen Berufsphase“, erklärt Dr. Lukas Riedel aus der ZEW-Forschungsgruppe „Ungleichheit und Verteilungspolitik“. „Ältere Mütter erleiden zwar in absoluten Zahlen stärkere Einbußen, können ihre Karriere langfristig aber besser wieder aufnehmen.“

Neue Berechnungsmethode korrigiert bisherige Schätzungen

Die ZEW-Forschenden zeigen, dass die bisher gängige Methode zur Berechnung des sogenannten „Child Penalty“ methodische Schwächen aufweist. Statt Mütter untereinander zu vergleichen, sollten sie mit gleichaltrigen Frauen ohne Kinder verglichen werden. Erst so lässt sich die Einkommensentwicklung realistisch erfassen.

„Unsere neue Schätzmethode nutzt saubere Vergleiche mit gleichaltrigen Frauen ohne Kinder. Damit lassen sich die Einkommensverluste je nach Alter der Mutter präzise berechnen“, erläutert Valentina Melentyeva von der Universität Tilburg.

Datenbasis mit über 186.000 Müttern

Die Analyse stützt sich auf amtliche Arbeitsmarktdaten von mehr als 186.000 Müttern aus den Jahren 1975 bis 2021. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Einkommensverluste nach der Geburt langfristige Folgen haben – etwa für die Karriereentwicklung und die spätere Rente.

Trotz des Ausbaus von Kinderbetreuungsangeboten bleibt Vollzeitarbeit für Mütter in Deutschland oft schwierig. Traditionelle Rollenbilder und fehlende Betreuungszeiten führen weiterhin häufig zu dauerhafter Teilzeitarbeit – und damit zu niedrigeren Einkommen über den gesamten Lebensverlauf.