Förderung des Selbsterkennens durch verspiegelte Wände und Böden in Krippen?

Wenn zweifelhaftes Wissen zur pädagogischen Empfehlung wird
In der Kita-Zeitschrift „Kinder unter drei“ (Goldausgabe 2025, S. 11) des Verlags für die Deutsche Wirtschaft wird Kita-Fachkräften empfohlen, die ‚Ich-Entwicklung‘ der Krippenkindern durch Spiegel im Gruppenraum zu fördern. Spiegelfolien auf dem Boden, unter der Tischplatte und in der Ecke eines Raumes sollen neben dem Selbsterkennen die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit, das Körperbewusstsein und das räumliche Denken fördern.
Diese Empfehlung sowie die Begründungen von Spiegelherstellern, warum Spiegel für kleine Kinder überaus wichtig sind, tauchen dann positiv konnotiert bei KI auf, mit Bezug nur auf diese beiden Quellen. So entsteht zweifelhaftes Wissen, das unbeirrt den Weg in die Kinderstuben und Betreuungsinstitutionen der Kleinstkinder findet.
Ich-Entwicklung verträgt kein Training von außen
Dass sich die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit, das Körperbewusstsein und das räumliche Denken der Krippenkinder über das selbstgesteuerte Erkunden der vertrauten Umwelt ausbildet, scheint bei den Fachleuten in Vergessenheit geraten zu sein. Besonders die Ich-Entwicklung verträgt kein Training von außen. Sie entwickelt sich reifungsbedingt (Bischof-Köhler/Zmyj 2025, S. 152), durch die sichere Bindung an die Eltern, die das Erkundungsverhalten, das Spielen, die Nachahmung und die Wissbegierde in Gang setzt. Über die dabei gewonnen Erfahrungen bildet sich das Gehirn des Kindes aus (vgl. Strüber 2016, S. 126 ff., Butzmann 2025, S. 67 ff.).
Das Trainieren der o.g. Fähigkeiten mit Spiegelflächen in Krippen führt eher zu Einschränkung der Gehirnentwicklung, weil besonders bei Babys und Kleinstkindern durch ständig vorhandene Spiegel Irritationen auftreten, die in der Folge Stress auslösen. Dauerhafter Stress in den frühen Jahren behindert die Gehirnentwicklung (vgl. Roth 2011, S. 52).
So reagieren Kinder auf Spiegel
Die Psychologie-Professorin Doris Bischof-Köhler hat viele Jahre Untersuchungen zum Spiegelerkennen bei Kleinkindern vorgenommen. Diese Forschungen auf der Grundlage des Rougetests (Bischof-Köhler 1989, Bischof-Köhler & Zmyj 2025, S. 144 ff.) zeigen, wie Kinder auf Spiegel reagieren und in welcher Form Spiegel in der frühen Zeit die Kleinen irritieren:
- Im ersten Lebensjahr zeigen die Babys Aktivitätssteigerung beim Anblick des eigenen Spiegelbildes. Vermutlich durch das Erlebnis, etwas zu bewirken. Keine Reaktion auf den roten Fleck im Gesicht, also kein Selbsterkennen im Spiegel.
- Zwischen 12 und 14 Monaten zeigen die Kinder Playmateverhalten. Das Spiegelbild wird als anderes Kind gesehen. Die Kinder suchen hinter dem Spiegel, bieten Spielsachen an, spielen das >Guck-guck-Da< Spiel. Sie erkennen sich nicht im Spiegel.
- Zwischen 15 und 18 Monaten zeigen sie Vermeidungsverhalten gegenüber dem eigenen Spiegelbild. Beim Augenkontakt mit sich selbst angelegentliches Wegsehen, Blick auf das eigene Gesicht vermeiden, abruptes Wegwenden vom Spiegel, Weigerung weiter hinzuschauen.
- Zwischen 15 und 22 Monaten erkennen sich die Kinder im Spiegel selbst. Sie greifen nach dem roten Fleck im Gesicht, der deutlich werden lässt, dass er als Unstimmigkeit der eigenen Außenseite erkannt wird. Sie zeigen Lachen, Grimassieren, posieren und beobachten sich dabei. Verlegenheit angesichts der eigenen Ansicht im Spiegel.
- Zwischen 18 und 24 Monaten, gleich nach dem Erkennen des roten Flecks im Gesicht, benennen des Spiegelbilds mit dem eigenen Namen. Selbsterkennen auf Videofilmen.
(vgl. Bischof-Köhler/Zmyj 2025, S. 147)
Selbsterkennen ist ein innerer Entwicklungsprozess
Das Selbsterkennen der Kinder ist dementsprechend ein innerer Prozess, der keine Training durch dauerhaft vorhandene Spiegel verträgt. Forschungen mit Nomadenkindern, die kulturell bedingt ohne Spiegel aufwachsen zeigen, dass sie sich zum gleichen Zeitpunkt selbst erkennen wie Stadtkinder (vgl. Bischof-Köhler/Zmyj 2025, S.150).
Da die Bedingungen des Aufwachsens in den ersten drei Jahren mitbestimmen, wann das Selbsterkennen beim Kind vorhanden ist, kann der Zeitpunkt auch bis ins dritte Lebensjahr hinein andauern. Am deutlichsten ist das Selbsterkennen zu bemerken, wenn die Kinder Ich zu sich selbst sagen (Bischof-Köhler/Zmyj 2025, S. 158).
Spiegelflächen können Babys irritieren und Stress auslösen
Das von den Fachleuten empfohlene Training der ‚Ich-Entwicklung‘ durch Spiegel im Gruppenraum ist besonders für Babys, die auf einer Spiegelfolie krabbeln, verstörend. Das Raumempfinden und die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit, die sich im ersten Lebensjahr durch ungestörte Bewegungen im Raum aufbauen, geraten aus dem Gleichgewicht.
Dieses Empfinden ist auf vertraute Räume angewiesen, weil die Sicherheit bieten. Das Kind auf der Spiegelfolie sieht unter sich jedoch einen neuen unvertrauten Raum, den es nicht einordnen kann. Gleichzeitig bemerkt es unter sich ein anderes Baby. Es wird danach schlagen wollen, weil dieses Baby ihm möglicherweise zu nahe kommt, denn es weiß noch nicht, dass es sich selbst sieht. Im positiven Fall, wenn es kurzfristig auf einer Spiegelfläche sitzt, kann es sich selbst als anderes Baby wahrnehmen und lächeln, wenn es ihm gut geht. Doch wenn es häufig auf der Spiegelfolie sitzt oder krabbelt und ständig aufgeregt ist, weil es das Ganze nicht einordnen kann, führt das in der Folge zu Stressempfinden, was bei häufigem Vorkommen die Entwicklung einschränkt.
Das Playmate-Verhalten mögen Erwachsene lustig finden, aber die Kinder sind in großer Aufregung dabei, wie folgende Szene zeigt:
„Ein Kleinkind von 14 Monaten mit roten Haaren steht vor einem Spiegel: Mit einer Hand klatscht es dagegen. Dann läuft der Junge einmal von rechts nach links – und wundert sich, als er die Gestalt im Spiegel auf einmal nicht mehr sieht. Ein paar Sekunden später bückt er sich und versucht, unter den Spiegel zu kriechen, so als ob er sein Gegenüber hinter dem Spiegel suchen möchte. Doch da ist die Wand. Offensichtlich erkennt sich das Kind im Spiegel noch nicht selbst.“ (https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/erkenne-dich-selbst-im-spiegel)
Solches Playmate-Verhalten kann jede/r in Bekleidungsgeschäften beobachten, wenn Einjährige bei Einkäufen dabei sind und Spiegel entdeckt haben.
Wenn ein Kind allein vor dem Spiegel steht, empfindet es nach der Aufregung hinterher die Aktion vielleicht noch als spannend. Wenn sich mehrere Krippenkinder in der Gruppe viele Stunden vor Spiegel bewegen, dürfte das die Unruhe im Raum erhöhen, so dass mögliche Lernsituationen aus dem freien Spiel zu wenig stattfinden. Hinzu kommt, dass die Einjährigen sich und die anderen in der Playmate-Phase doppelt sehen, denn sie nehmen die Spiegelbilder als andere Kinder wahr. Damit erhöht sich vermeintlich die Anzahl der Kinder im Gruppenraum. Wie passt das zu dem Bemühen, bei den Unterzweijährigen die Gruppen so klein wie möglich zu halten?
Gelegentliches Spiegeln statt dauerhafter Reizangebote
Erst wenn sich die Kinder zwischen 18 und 24 Monaten selbst erkennen, zeigt das Faxenmachen vor einem Spiegel ihr Wissen, dass sie sich selbst sehen. Das kann sich durchaus positiv auf die Selbstwahrnehmung auswirken. Es reicht jedoch, wenn die Kinder sich zu Hause hin und wieder im Spiegel betrachten können. Beim andauernden Herumhampeln vor ständig vorhandenen Spiegel verliert sich jedoch dieser positive Effekt und andere entwicklungsfördernde Aktivitäten bleiben aus.
Literatur
- Bischof-Köhler, D. (1989) Spiegelbild und Empathie: Die Anfänge der sozialen Kognition. Bern: Huber
- Bischof-Köhler, D. & Zmyj, N. (2025) Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend. Bindung, Empathie und Theory of Mind. Stuttgart: Kohlhammer.
- Butzmann, E. (2025) Sicherheit im Erziehungshanden. Kindliche Entwicklung fördern in Zeiten von Unsicherheit und Modernisierungsdruck. Gießen: Psychosozial-Verlag.
- Roth, G. (2011) Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Stuttgart: Klett-Cotta.
- Strüber, N. (2016) Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Dr. Erika Butzmann
Dr. phil. Erika Butzmann ist Erziehungswissenschaftlerin und Psychologin mit Schwerpunkt auf der frühen sozial-kognitiven Entwicklung von Kindern. Nach ihrer Promotion im Jahr 2000, hatte sie von 2001 bis 2008 Lehraufträge an der Universität Bremen. Seit vielen Jahren engagiert sie sich in der Elternbildung und -beratung sowie in der Fortbildung pädagogischer Fachkräfte. Als Autorin und Referentin widmet sie sich Themen wie frühkindlicher Bindung, Medienkonsum, Trennungsängsten und kindlicher Entwicklung.